Es ist: 28-05-2020, 06:18
Es ist: 28-05-2020, 06:18 Hallo, Gast! (Registrieren)


TIKA (TEIL I)
Beitrag #1 |

TIKA (TEIL I)
Hallo Literatopia,

ich habe schon lange keine Geschichte mehr eingestellt, das möchte ich jetzt gerne mal nachholen.

Vor vielen Jahren, ich glaube, es muss jetzt gut 14 oder 15 Jahre her sein, da habe ich damit begonnen, mir ein von dystopischen und dem Cyberpunk entlehnten Elementen geprägtes Indonesien auszudenken, da mich damals dieses Genre sehr interessiert hat und ich noch keine Bücher kannte, in denen es versucht worden war, meine zweite Heimat, auf diese Art und Weise darzustellen.

Einige Ideen, die so im Laufe der Jahre entstanden sind, und die ich z. B. für meine Rollenspielgruppe verwendet habe, habe ich in letzter Zeit zu einer zusammenhängenden Geschichte verwoben. Diese Geschichte ist noch nicht abgeschlossen, aber ich möchte sie gerne hier veröffentlichen, weil ich schon so lange nichts mehr zum Literatopia-Forum beigesteuert habe (von wenigen Kommentaren zu den Geschichten anderer abgesehen).

Meine Motivation, diese Geschichte zu schreiben, war und ist es (wie auch damals) verschiedene Eigenheiten und Entwicklungen Indonesiens, die sich teils bereits heutzutage ereignen, in diesem Setting aufzuzeigen und damit zu spielen.

Einen Titel hat die Geschichte noch nicht (edit: Der Arbeitstitel lautet mittlerweile "Tika", nach einer der Hauptprotagonistinnen der Story).

Teil I der Geschichte ist abgeschlossen (Kapitel XVIII wird aber noch überarbeitet).

Die Annotationen sind noch nicht vollständig.

LG
Garuda


TEIL I
 
I
 
Der Mann, der ihnen gegenübersaß, trug eine Kette, die aus menschlichen Fingerknochen gefertigt war. Zum wiederholten Male fragte sich Sadewa*, wem diese Finger wohl einst gehört haben mochten. Sadewa war der Ansicht, dass die Finger eines Menschen viel über diesen aussagten. Ihre Beschaffenheit, und auch die Art und Weise, wie sie sich bewegten. Er hatte gelernt, diese Zeichen zu deuten. Ihnen zu entlocken, was sein Gegenüber zu verbergen versuchte, seine Finger aber verrieten. Doch die Finger, die dort auf dem Tisch ruhten, verrieten ihm nicht das Geringste. Er war unfähig, sie zu lesen, wie es ihm überhaupt unmöglich schien, diesen Mann zu deuten. Er war groß, von muskulöser Statur, und unter seinem schlichten, kurzärmligen grauen Shirt breiteten sich seine schwarzen Stammestätowierungen aus, die – wie Sadewa aus Erzählungen wusste – den Großteil seines Körpers bedeckten. Er war ein Dayak, ein Stammesmann aus dem Norden des Archipels. Einst waren die Dayak gefürchtete Kopfjäger gewesen – Gerüchten zur Folge waren sie dies noch immer, hatten ihre Jahrhunderte alte Tradition trotz des Einzugs moderner Technologien und Wertesysteme niemals gänzlich aufgegeben. Und deshalb war der Mann in dieser Nacht zu ihnen gekommen, hatte Nakula ihn hierher beordert. Dabei war sich Sadewa nicht einmal sicher, ob der Dayak diese delikate Mission, die für sie, Nakula und ihn, von solch großer Bedeutung war, überhaupt meistern würde. Er selbst zweifelte stark daran, aber Nakula hatte da wie immer ganz andere Vorstellungen.
Sadewa erinnerte sich noch gut an das Gespräch, das Nakula und er zuletzt geführt hatten. Wie immer hatten sie in einem der klaustrophobisch kleinen Separees über dem ‚Bintang‘* in der Jalan Jaksa, der Straße der Sünde, bis weit in die Morgenstunden hinein hitzig diskutiert. Die Straße lag nicht weit vom Merdeka Square* entfernt, dem Zentrum des endlosen Sprawl, der unter dem Akronym ‚Jabodetabek‘ bekannt war, den die nach Abkürzungen gierenden Indonesier aber meist einfach nur ‚Jabo‘ nannten. Einst hatte die Stadt ‚Jakarta‘ geheißen, und auch schon damals war sie eine Mega City gewesen.
Jetzt dachte Sadewa wieder an den Raum, das Separee, das den Regierungsgebäuden am Merdeka Square so nahe war und doch inmitten eines Kosmos aus Prostitution, Drogen und kriminellen Machenschaften ruhte. Sadewa fand diesen Umstand äußerst bezeichnend.
Der Raum war nur spärlich möbliert gewesen, und durch das einzige abgedunkelte Fenster, das zur Straße hin zeigte, war verwaschen das grell-bunte Licht der Hologramme in das Separee gefallen, hatte Nakulas Gesicht wie damals das nächtliche Mündungsfeuer des Krieges einer Fratze gleich erscheinen lassen, die ihn auf die Grundzüge dessen reduzierte, was er war – ein Mann, der dem Krieg niemals entkommen war. Sadewas Augen hatten bereits getränt durch den beißenden, süßlichen Rauch der unzähligen kretek, der Nelkenzigaretten, die Nakula und er im Verlauf ihres Gespräch konsumiert hatten. Auch vermochte es die altersschwache, wie ein im Sterben liegender Mann röchelnde Klimaanlage kaum, die rauchgeschwängerte, trotz der nächtlichen Stunde aufgeheizte Luft auf ein erträgliches Maß herab zu kühlen.
Sadewa hatte halb versunken in dem alten, aufgerissenen Ledersessel gehockt, der nahe der Tür gestanden hatte. Nakula hingegen hatte, wie er es üblicherweise tat,  mit seinem massigen Rücken direkt an der nackten Wand geruht. Sie hatten sich schon immer gut zu streiten gewusst, schon damals, als sie beide noch wesentlich jünger gewesen waren und das Blut einen ständigen Begleiter dargestellt hatte. Nur in einem Punkt waren sie beide sich stets vorbehaltslos einig: die Republik Indonesien, dieses gewaltige, aufgedunsene Gebilde, ihre geliebte Heimat, war nur noch ein halbtoter Moloch, der in seinen letzten, verzweifelten Zuckungen lag, in den die Demokratie ihn gebracht hatte. Nach einem halben Jahrhundert ‚Herrschaft des Volkes‘ war die Zeit gekommen, Indonesien zu seiner alten Größe und Stabilität zurückzuführen, es aus den Fängen der Parteienwirtschaft zu befreien, die immer nur bis zur nächsten Wahlperiode dachte, an die nächste Runde auf dem großen Glücksrad, das von einer Masse leicht zu manipulierender und politisch völlig unerfahrener Wähler in Schwung versetzt wurde. Und die Menschen gingen auf die Straße, demonstrierten, weil es ihr Recht war zu demonstrieren. Doch niemand wusste genau, warum. Sie waren unwissend. Sie alle.
Unfähig, rechtzeitig auf die rasanten technologischen Entwicklungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen zu reagieren, geschwächt durch die Bildung von Oppositionen und im Deckmantel der Meinungsfreiheit agierender radikal-islamistischer Gruppierungen, die insgeheim oder zunehmend auch immer offener den Gottesstaat forderten, und halb erstickt an seiner eigenen, überkommenen Bürokratie war dieser sterbende Gigant, die Demokratie Indonesien, ein wahres Ungetüm, dem sie den Todesstoß zu versetzen gedachten.
„Ein Dayak?“, hatte Sadewa seinen Kampfgefährten zweifelnd gefragt. Und Nakula hatte ihm dieses Lächeln gezeigt – eine Mischung aus hinterlistiger Gerissenheit und verachtungsvoller Arroganz. Er beherrschte es gut, dieses Lächeln.
„So ist es. Ein Dayak, ein Stammesmann. Sein Name lautet Sarak. Und er ist ein erfahrener Krieger.“
„Daran zweifele ich nicht, Nakula. Aber warum muss es ein Dayak sein? Noch dazu ein einzelner Mann? Warum nehmen wir nicht ein Team aus Männern, die wir sonst für so etwas anheuern?“
Nakula hatte sich eine neue Nelkenzigarette angezündet, und für kurze Zeit waren nur das Knistern der neu entzündeten Zigarette und das Rattern der Klimaanlage zu hören gewesen.
„Abgeordneter Raharjo ist ein abergläubischer Mann, wie überhaupt viele in unserem Volk noch immer dem Aberglauben anhängen. Er hat einen einflussreichen Dukun damit beauftragt, über sein Anwesen zu wachen. Zusätzlich zu den Sicherheitskräften, versteht sich. Magie muss man mit Magie bekämpfen. Sarak kennt sich damit aus. Er wird uns die Prinzessin bringen. Und dann, mein Freund, werden wir unserem Ziel einen bedeutenden Schritt näher sein.“
Und Nakula hatte gelächelt – gelächelt wie ein Dämon aus dem wayang kulit, dem Schattenspiel javanischer Tradition.
 
Vor ihnen flammte der kleine Holoprojektor auf, der in den Tisch installiert war. Sarak, der Dayak, starrte in das dreidimensionale, gestochen-scharfe Bild seiner Zielperson. Samayanti, die Tochter des Abgeordneten, war eine junge Frau von großer Schönheit, aber ihre schmalen Lippen und der funkelnde Blick ihrer tiefbraunen Augen zeugte gleichermaßen von einem eigensinnigen wie auch starken Wille, den ihr Inneres in sich barg und der sie keinesfalls so gefügig und verletzlich machte, wie es ihr zartes Äußeres suggerieren mochte. Sadewa hatte gelernt, diesen Umstand nicht zu unterschätzen. Neben dem Holo Samayantis öffnete sich ein Informationsfenster über dem Tisch, das die Privatadresse der Familie offenbarte. Nakula bestand darauf, dass man Samayanti aus dem Anwesen entführte und nicht etwa, wenn sie unterwegs war. Wir müssen dem Abgeordneten Raharjo zeigen, dass es ihn überall treffen kann, selbst in den innersten Winkeln seines Herzens. Und Sadewa wusste, dass Nakula – wie so meist – recht hatte. Aber das Anwesen war schwer bewacht. Der Abgeordnete war wohlhabend. Der Dienst für den Staat hatte ihm nicht nur Privilegien, sondern auch üppige Bestechungsgelder beschert, von denen er sich ein erstklassiges Sicherheitsteam leisten konnte. Männer und Frauen, die dafür Sorge trugen, dass all die angenehmen Dinge, die der Abgeordnete in seinem Anwesen hortete, auch die seinen blieben.
„Das Anwesen ist schwer bewacht. Eine Truppe der KerisCombat Inc. ist rund um die Uhr vor Ort“, sprach Nakula in Richtung des noch immer völlig bewegungslos dasitzenden Dayaks. Ein weiteres Hologrammfenster öffnete sich in der Luft, zeigte einen Mann der KerisCombat Inc. in seiner gepanzerten, schwarzen Sicherheitsuniform mit dem Logo, das einen silbernen Kris, einen javanischen Dolch mit gewellter Klinge, zeigte, eine FN P120 vor der Brust verschränkt. Die Weiterentwicklung der berühmten P90 des belgischen Waffenherstellers vereinte wie ihr Vorgängermodell ein vergleichsweise geringes Gewicht und die Handlichkeit des schlichten und kompakten Designs mit einer hohen Kadenz und einer ehrfurchtgebietenden Durchschlagskraft.
Der Dayak musterte das Hologramm, doch er stellte keine Fragen. Weder wollte er wissen, über wie viele Personen die Sicherheitstruppe, die für die Bewachung des Anwesens zuständig war, verfügte, noch mit welcher technischen Sicherheit, Sensoren, Drohnen oder ähnliches, die Residenz selbst ausgestattet war. Er sprach nur einen einzigen Satz.
„Wenn die kamang tariu einmal erwacht sind, dann kann nichts sie aufhalten.“
Diesen einen Satz sprach der massige Mann mit einer Sicherheit und Selbstverständlichkeit, als sei er ein ehernes Naturgesetz. Die kamang tariu, die Geister des Krieges. Sadewa erinnerte sich an alte Aufzeichnungen in den Militärarchiven. Dayak in Trance, besessene Krieger mit ihren Mandau, ihren wie Macheten geformten  Schwertern, die wie Geister aus dem nächtlichen Urwald aufgetaucht waren, um einen Militärposten zu überfallen. Und die Kugeln der Gewehre waren an ihren mit Tätowierungen übersäten Körpern abgeprallt, als würde eine übernatürliche Macht sie beschützen. Eine Nacht voller Blut und Schmerz. Und dann waren da natürlich noch die Gerüchte über die kannibalischen Sitten der Dayak, dem Glaube, dass der Verzehr der Organe ihrer Feinde ihnen deren Kraft verleihe. Sadewas Blick glitt zu seinem Partner hinüber, und an Nakulas Lächeln erkannte er, dass der Mann dieselben Gedanken hatte. Nur waren diese von einer Düsternis getränkt, die Sadewa fast erschauern ließ. Er konnte es deutlich vor seinem geistigen Auge erkennen, wie Nakula sich selbst in dieser Szenerie verortete, ein dämonisches Lächeln auf seinen mit Blut besudelten Lippen, froh darüber, endlich einen Gegner gefunden zu haben, der seiner würdig war.
„Wir brauchen die Person lebend. Das ist von größter Wichtigkeit“, sprach Sadewa in den Moment der Stille hinein, um Nakula wieder in das Hier und Jetzt zurückzuholen.
„So ist es“, fügte Nakula hinzu und blickte den Dayak dabei an. Der Mann nickte unmerklich. Sadewa erhob sich, nickte Nakula zu und dann auch Sarak. Wortlos verließ er den kleinen, stickigen Raum. Nakula würde den Rest erledigen. Als Sadewa das Ende des Flures erreichte, der mit den Türen zu den Separees gesäumt war, stieß er die zerkratzte Metalltür am Korridorende auf und trat auf den kleinen Balkon, der zu einer der Gassen zeigte, welche die Jalan Jaksa* schnitten. Aus der Ferne konnte er den Verkehrslärm vom nahegelegenen Merdeka Square hören, während aus der Jalan Jaksa selbst das Treiben der Nacht zu vernehmen war. Gruppen an Bule, Ausländern, die es hier nach Sex und Alkohol gierte. Die liebreizenden Stimmen der kupu-kupu malam*, der Nachtfalter, die in ihren aufreizenden Aufmachungen um die Gunst zahlungskräftiger Kunden warben. Sadewa lehnte sich an das Geländer und zündete sich eine Zigarette an, die er der halbzerknüllten Schachtel entnahm. Über der Jalan Jaksa zog ein Paar Drohnen seine Bahnen, erfasste das Treiben in der schmalen Straße mit seinen elektronischen Augen. Und überall war diese Werbung. Sie strahlte von Hologrammen in die verwinkelten Straßen hinab, füllte die Displays entlang der Gehwege, die im Neonlicht schimmernde Haut der kupu-kupu malam und die Kleidung der Nachtschwärmer aus.
Sadewa zog an seiner Zigarette, stieß den Rauch in die Nacht hinaus. Wenn sie Samayanti in ihrer Gewalt hatten, dann war Abgeordneter Raharjo ihnen ausgeliefert. Er würde es nicht wagen, die Behörden einzuschalten. Das konnte er sich im Moment nicht leisten. Nicht in dieser aufgeheizten Atmosphäre, wo im MPR, dem Parlament der Republik, über Fragen entschieden wurde, die die Zukunft des Landes bestimmen würden. Eine feste Zahl an Sitzen für das Militär, so wie in der alten Zeit, und eine Wiedereingliederung der POLRI, der nationalen Polizeikräfte, in die Armee – das war es, was Nakula und er, und die Organisation, für die sie standen, erreichen wollten. Vorerst. Es würde der erste Schritt zum Ende dieser ohnehin schon toten Demokratie sein.
 
 
II

Zum wiederholten Male zog Siti fest an Kadeks Arm, da ihr kleiner Bruder wieder einmal stehengeblieben war. Irgendetwas musste seine Aufmerksamkeit geweckt haben. Meist waren es die Wartungsdrohnen, die an den Hausfassaden und Masten entlang krabbelten, Kabel flickten und andere Reparaturen durchführten, für die sich Siti nicht im Geringsten interessierte. Ganz im Gegenteil natürlich zu Kadek, der gar nicht genug davon bekommen konnte. Aber sie waren spät dran. Wenn sie jetzt nicht sofort aus dieser Gasse heraus- und auf die Hauptstraße kamen, dann würden sie ganz sicher zur spät zur Schule kommen.
„Kak*, Kak, du tust mir weh!“, beschwerte sich ihr Bruder, als sie weiterzog. Siti schnaubte frustriert.
„Das mache ich nur, weil du ständig stehenbleibst! Wir kommen noch zu spät und dann wird Pak* Heryanto dir die Ohren langziehen!“
Erschrocken fasste sich Kadek mit der freien Hand an sein Ohr. Er schien sich die Szene bildlich vorstellen zu können, was Siti an seinem angstvollen Gesichtsausdruck erkennen konnte. Endlich setzte er sich in Bewegung, nur um plötzlich einen Schrei aus seiner Kehle loszulassen und dabei natürlich wieder stehenzubleiben.
„Was ist denn nun schon …“, begann Siti, erstarrte dann aber plötzlich mitten im Satz, als sie das Bein sah. Es war ganz sicher das Bein eines Menschen, das da aus dem Spalt zwischen den beiden kleinen Verschlägen in die Gasse hinausragte. Die Gasse war ihr Schleichweg. Auf einer Seite führte sie an einer alten, aus übereinandergelegten Blöcken rissigen Betons bestehenden Mauer entlang, auf der anderen Seite standen kleine, halb verfallene Hütten, zwischen denen sich noch kleinere Gassen wanden, die letztlich nach unten zum Kanalufer führten, das voller Plastikmüll und anderem Kram war. Dort unten wühlte Kadek immer und hoffte darauf, irgendwelche „Ersatzteile“ für seine Basteleien zu finden, was Siti aber für Zeitverschwendung hielt.
Kadek deutete auf das Bein, dann riss er sich plötzlich los, als die Neugier über den anfänglichen Schreck den Sieg davon trug. „Dik*! Warte!“, rief sie ihm hinterher, aber er ließ sich nicht stoppen. Mit pochendem Herzen jagte sie ihm hinterher. Bitte lass es kein abgetrenntes Bein sein, betete sie zu Gott. Sie hatte schon einmal einen zerstückelten Körper gesehen, unten am Kanalufer. Danach hatte sie wochenlang nicht mehr richtig schlafen können. In der schwülen Nacht, dicht gedrängt an Kadek, waren die Einzelteile des menschlichen Körpers, auf bizarre Weise falsch zusammengesetzt, in ihren Träumen gewandelt und hatten nach ihr gegriffen, um sie sich einzuverleiben. Sie wollte keine Biodrohne werden!
Kadek hatte den Spalt zwischen den Verschlägen erreicht und war stehengeblieben. Fasziniert blickte er auf das hinab, was dort lag. Siti verlangsamte ihre Schritte, atmete tief durch und zählte in Gedanken eine Zahlenreihe ab, was sie immer beruhigte. Dann schaute sie selbst in den Spalt. Dort lag jemand, und das Erste, was sie mit großer Erleichterung feststellte, war, dass es sich nicht um Einzelteile handelte. Es war eine Frau. Komplett. Mit Kopf, Armen und Beinen und so weiter. Sie konnte ihr Gesicht nicht erkennen, denn es war unter einem fließenden Schwall schwarzer Haare verborgen, die wegen ihres Grades an Perfektion auf Siti einen solch unwirklichen Eindruck machten, wie die Haare der Frauen in den Holo-Werbungen, die sie sich so gerne anschaute. Und obwohl die Frau mit Blut besudelt war und ihre Kleider zerschlissen, bestaunte Siti mit offenem Mund die makellose Haut ihrer Arme. Siti verspürte den unbändigen Drang, diese Haut berühren zu wollen. Sie war hell wie der am Himmel leuchtende Mond und sicher so zart wie … nun, Siti konnte sich nicht vorstellen, dass sie in ihrem Leben schon einmal etwas so Zartes berührten haben sollte. „Ist sie tot?“, fragte Kadek plötzlich neben ihr.
„Pssst … so was sagt man nicht, Dik“, ermahnte Siti ihn sofort, flüsterte dabei aber, so als habe sie Angst davor, den Schlaf der Frau zu stören. Da war Blut, aber die Frau sah auf den ersten Blick nicht verletzt aus.
„Was sollen wir denn jetzt machen, Kak?“, fragte Kadek weiter.
„Du gehst jetzt erst mal zur Schule. Und keine Widerworte“, wies sie ihn mit strenger Stimme an. Kadek schmollte. Sie sah, wie er sich auf die Lippe biss. Ihr Bruder konnte ganz schön stur sein, aber das konnte sie auch. Dabei wollte Siti ja nur das Beste für ihn. Er musste in die Schule. Sie selbst fehlte oft, da ihre Tante sie brauchte, um zusätzliche Einkünfte zu erwerben. Das Geld, das ihre Tante verdiente, reichte einfach nicht aus, ganz egal, wie lange sie auch wegblieb, um zu arbeiten. Deshalb musste Siti helfen. Sie war immerhin die Älteste. Aber Kadek sollte zur Schule gehen. Sie würde nicht zulassen, dass er arbeitete. Denn sie wusste genau, dass diese Arbeit zu nichts führte. Sie machte ihre kleine Familie satt, sie half ihnen, das Schulgeld zu bezahlen, aber sie war immer auf den Tag gerichtet und niemals auf die Zukunft. Kadek sollte einmal an ein Morgen denken können und nicht immer nur an den gegenwärtigen Tag. Er war ein kluger Junge und wissbegierig. Er würde es schaffen.
„Schaffst du es alleine?“, fragte sie ihn. Kadek nickte trotzig.
„Natürlich. Ich bin doch schon groß“, erwiderte er ein wenig beleidigt. Aber Siti hatte genau den richtigen Nerv getroffen. Jetzt würde er ihr beweisen wollen, dass er sie nicht brauchte. Und deshalb würde er zur Schule gehen.
„Du musst mir später alles erzählen, Kak“, drängte er dann aber noch. Siti versprach es ihm.
„Beeil dich. Und erzähl niemandem von unserem Geheimnis.“ Dabei blickte sie wieder auf die Frau, die dort noch immer regungslos lag. Kadeks Augen leuchteten, als sie ihn wieder anschaute. Er konnte es jetzt bereits kaum erwarten, wieder nach Hause zu kommen. Dann lief er los, so schnell ihn seine kleinen Beine trugen.
Siti seufzte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Obwohl es noch früh am Morgen war, war es schon jetzt fast unerträglich heiß. Am Mittag würde die Sonne unnachgiebig auf die Stadt herabbrennen und alle, die sich keine Klimaanlage leisten konnten oder im Freien sein mussten, würden erneut darunter leiden. Siti hatte das Gefühl, dass es von Jahr zu Jahr schlimmer mit dieser Sonne wurde. Aber wenn die Sonne mal nicht schien, dann gab es Stürme und solche Regenmassen, das alles unter Wasser stand. Da ertrug sie doch lieber das Feuer, das auf sie alle hinabschien. Konnte das vielleicht alles etwas mit der Flut aus dem Norden, dem Ansteigen des Meereswassers, zu tun haben? Hätte sie doch in der Schule nur besser aufgepasst. Aber meist war sie einfach zu müde gewesen, da sie ihrer Tante auf dem pasar malam, dem Nachtmarkt, hatte helfen müssen.
Konzentriere dich, Ti. Du musst dich jetzt um diese Frau kümmern. Sie ließ sie nur ungern hier alleine liegen, hatte sie doch Angst, sie könne sich doch nur als seltsamer Traum herausstellen. Aber es half nichts. Sie musste das MedTech von Zuhause holen, damit sie mehr über den Gesundheitszustand der Frau herausfinden konnte. Hoffentlich funktioniert es noch, dachte Siti. Es war ein altes Gerät, aber neben ihrem kleinen, pinkfarbenen Konek* ihr wertvollster Besitz. Mit diesen Gedanken im Kopf, lief sie zurück in die Richtung, aus der sie gekommen war. Und wieder betete sie innerlich. Betete zu Gott, der sie hoffentlich erhören würde.
 

III

 
Ajun Komisaris Polisi, Chief Inspector, Tika Suryono blickte fassungslos auf das blutige Spektakel, das sich ihren geschulten Augen bot. Es war sicherlich nicht das schlimmste Blutbad, das sie in ihrer Karriere zu Gesicht bekommen hatte, aber ganz sicher das heikelste. Sie spürte die Nervosität ihres jungen Untergebenen, AIPTU* Chang, der neben ihr stand und damit dasselbe sah wie sie. Vor ihr in der Luft flimmerte die Datenflut aus dem abgeschirmten Netzwerk der POLRI*, die auf ihre Kontaktlinsen projiziert wurde und sie ständig auf dem neuesten Stand der Ermittlungen hielt. Außerdem konnte sie auf diese Weise auf das Sensorium ihrer Untergebenen vor Ort zurückgreifen, wenn das für sie erforderlich war.
„Ich möchte Zugriff auf alle Kamera- und Sensoraufzeichnungen. Von der Sicherheit und auch privat“, sprach sie in die Stille des Raumes hinein, ohne Chang dabei anzusehen.
„Auch die privaten Daten, Chief Inspector?“, versicherte sich Chang neben ihr, und sie kannte seine Stimme gut genug, um zu erkennen, dass er sich jetzt schon dafür verfluchte, heute überhaupt zum Dienst erschienen zu sein.
„Stellt das ein Problem dar? Die Bevölkerung wird von uns doch auch rund um die Uhr ausspioniert. Sind die Rechte des Herrn Abgeordneten auf Privatsphäre etwa mehr wert?“, fragte sie und versuchte gar nicht erst, den bissigen Ton in ihrer Stimme zu kaschieren. Es war allgemein bekannt, dass sie stets nach ihren eigenen Spielregeln spielte. Und außerdem kann sich der Abgeordnete Raharjo sowieso nicht mehr darüber beschweren, dass wir seine Rechte verletzen, fügte sie noch in ihren Gedanken hinzu, behielt diese aber lieber für sich. Sie musste es ja nicht gleich auf die Spitze treiben.
Der Tod des Abgeordneten war ihnen vom System der Jiwa Corp. mitgeteilt worden, bei der Raharjo einen Direktvertrag zur Überwachung seiner Vitalfunktionen besessen hatte. Aber selbst die modernste Medizintechnik des Konzerns hätte dem Mann in diesem Zustand nicht mehr weiterhelfen können. Noch einmal ließ sie ihren Blick zu dem toten Abgeordneten in seinem Bürosessel gleiten. Blut war ihm auf das penibel ordentliche, braune Batik-Hemd getropft. Es war das Blut, das ihm aus den Augenhöhlen ausgetreten war, nachdem man ihm beide Augen mit dem Familien-Kris, der noch immer auf der schweren Marmorplatte des Schreibtisches ruhte, aufgestochen hatte. Die Klinge war tief eingedrungen und musste dabei das Gehirn erreicht haben. Die Spurensicherung würde den Kris, den konservative javanischen Familien noch immer als Familienheiligtum besaßen, einer genauen Untersuchung unterziehen.
„Und informieren Sie mich sofort, wenn man etwas über den Verbleib der Tochter des Herrn Abgeordneten herausgefunden hat“, ergänzte sie noch, nachdem sie ihren Blick wieder von der Szenerie abgewandt hatte. Für heute hatte sie genug gesehen.
„Jawohl, Chief Inspector“, gab Chang zurück, und sie vernahm noch seinen Seufzer, nachdem sie sich umgedreht hatte und bereits auf dem Weg nach draußen war.
Genau wie die meisten größeren Anwesen dieses Ranges, hatte auch die Villa des toten Abgeordneten einen eigenen Garten mit perfekt gepflegten Blumenbeeten und schweren, kunstvollen Vogelkäfigen, in denen erlesene, vielleicht sogar schon als ausgestorben geltende Arten ihr Piep-Konzert von sich gaben. Tika hatte für Vögel nicht viel übrig. Fische waren ihr lieber. Die waren wenigstens leise. Fische und Vögel – wohlhabende Indonesier schienen sie nach wie vor zu lieben. Sie galten als offensichtliche Zurschaustellung ihres Status.
Tika griff in ihre Hosentasche und holte Feuerzeug und Zigaretten heraus. Ein einheimischen Produkt, nicht diese überteuerten ausländischen Marken, die ihre ranggleichen Kollegen rauchten. Status. Er war überall präsent, selbst bei den Suchtmitteln, die sie konsumierten. Tika zog eine Zigarette aus der Schachtel, legte sie zwischen ihre Lippen und zündete sie mit dem Feuerzeug an. Als sie den Rauch der Zigarette inhalierte, dachte sie an das, was hier, im Anwesen des Abgeordneten, passiert war.
Ein Trupp aus fünf Sicherheitsleuten der KerisCombat Inc. war für die Sicherheit der Villa zuständig gewesen. Nun waren sie alle tot. Ein Schusswechsel hatte nicht stattgefunden. Alles musste in nächtlicher Stille abgelaufen sein. Keine Schusswunden. Der Tod war in Form einer Hiebwaffe gekommen, die den vier Männern und der einzelnen Frau die Hälse und Köpfe gespalten hatte. Die einzigen nicht-gepanzerten Stellen in der hochwertigen Montur der Sicherheitsleute. Niemand von ihnen hatte auch nur einen Schuss abgegeben. Wie war das möglich gewesen? Tika kannte den Sicherheitskonzern und seine Ausbildungspraxis. Das waren Profis, alle fünf. Teuer, aber effizient. Und dann der grausige Mord am Abgeordneten selbst. Ein politisch motivierter Mord oder die Tat eines Wahnsinnigen? Eines verdammt fähigen Wahnsinnigen, wie Tika bei ihren Überlegungen hinzufügen musste. Und Raharjo war durch den Kris gestorben, nicht durch die Hiebwaffe. Das musste von Bedeutung sein.
Es würde nicht einfach werden, und man würde ihr Steine in den Weg legen, sollte es hier irgendetwas geben, das gewisse Leute nicht gerne ausgegraben wussten. Tika lächelte grimmig. Das war genau das, was sie jetzt brauchte. Ihr eigenes Leben stagnierte bereits seit geraumer Zeit. Für ihre Eltern war sie mittlerweile eine persona non grata. Fast Mitte 30, und noch immer unverheiratet. Was konnte sie dafür, wenn keiner der Männer, mit denen ihre Mutter sie bisher bekannt gemacht hatte, damit zurechtkam, dass Tika nach ihren eigenen Regeln spielte? Und dass sie dabei auch noch verdammt gut in diesem Spiel war? Tika schnaubte. Heirat. Was war das schon. Eine völlig veraltete Institution. Genauso veraltet wie der Brauch, sich teure Vögel und Fische im Garten zu halten. Mit diesem letzten Gedankenfetzen in ihrem Kopf, drückte sie die Zigarette auf dem massiven Geländer der Veranda, die sich vor dem Hauseingang erstreckte, aus und schnippte den Stummel in das nächste Blumenbeet.
Als sie das Haus wieder betrat, meldete sich Chang über ihre Zweiwegeverbindung.
„Chief Inspector, es wurde bestätigt, dass sich die Tochter des Abgeordneten Raharjo nicht im Anwesen befindet“, teilte ihr Chang mit.
„Demnach lebt sie vermutlich noch“, stellte Tika fest. Ob man sie entführt hatte? Aber weshalb dann dieser Massenmord? Ein Lösegeld ließ sich auf diese Weise nicht mehr erpressen. Auch ein Unterdrucksetzen des Abgeordneten war demnach auszuschließen. Vielleicht ist sie über Nacht einfach nicht daheim gewesen, ermahnte sich Tika. Sie sollte die Sache nicht komplizierter denken, als sie es ohnehin schon war.
„AIPTU Chang, finden Sie heraus, wo die Tochter steckt. Lokalisieren Sie zuerst ihr Konek. Und besorgen Sie mir ihre Nummer.“
„Jawohl, Chief Inspector. Da ist noch etwas, Chief Inspector.“
Changs Tonfall gefiel ihr gar nicht. Er klang nach schlechten Nachrichten.
„Ich höre“, bedeutete sie ihm weiterzusprechen.
„Alle Sensoren und Kameras haben für die Tatzeit nichts aufgenommen“, fuhr er fort, und sie konnte es den Nuancen seiner Stimme entnehmen, dass er sich in der Position des Überbringers schlechter Nachrichten eindeutig unwohl fühlte. Fürchtest du etwa um deinen Kopf, AIPTU Chang? So wichtig bist du mir nicht, dachte sie.
„Wurden sie gehackt?“, hakte sie nach.
„Nein, Chief Inspector. Sie waren einfach nicht aktiv. Man hat sie zuvor abgestellt.“
„Das kann doch nicht ihr ernst sein, AIPTU“, fuhr sie ihn an. Natürlich war es nicht seine Schuld. Er berichtete ihr nur, was die Leute der Spurensicherung ihm mitteilten. Aber irgendwohin musste sie ihren Frust ja entladen. Und Chang hatte für ihren Geschmack einfach zu wenige gute Ideen. Sicherlich ein Resultat aus dieser verdammten Hörigkeit, die bei der POLRI herrschte. Eigenes Denken war gefährlich, denn damit konnte man natürlich irgendjemand Mächtigerem in der Hackordnung auf die Füße treten. Möglicherweise einen Korruptionsfall in der Behörde aufdecken, von denen es dort mindestens genauso viele gab wie zu bearbeitende Fälle.
Sie musste noch einmal einen Schritt zurück. Wenn alle Sinne des Anwesens mutmaßlich abgestellt worden waren, dann konnte das nur bedeuten, dass der Mörder entweder ein geheimer Gast des Abgeordneten gewesen war oder dass Raharjo in derselben Nacht noch einen anderen Gast hatte empfangen wollen, über den es keinerlei Aufzeichnungen geben sollte. Beide Szenarien waren sehr paranoid, aber nicht auszuschließen.
„Also gut. Dann besorgen Sie mir die Kameraaufzeichnungen und ID-Datenscans aus der Straße und dem Checkpoint in die Enklave“, wies sie ihn an. Das Anwesen war – wie vieler seiner Art – Teil einer Enklave, in der diejenigen wohnten, die sich diese Abgeschiedenheit leisten konnten. Um auf legalem Wege in die Enklave hineinzugelangen, musste man einen Checkpoint passieren. Allerdings machte es das verwinkelte Gassennetz des Sprawl unmöglich, alle möglichen Zugangswege auf diese Weise zu beschränken. Für Einzelpersonen gab es deshalb immer eine Möglichkeit, sich auch in diese Gebiete der Stadt zu begeben.
„Die Daten sind nicht verfügbar, Chief Inspector. Der dafür zuständige Sicherheitskonzern hat keine Freigabe erteilt“, teilte ihr Chang weiter mit. Seine Stimmung war nun sicher auf einem Tiefpunkt angekommen. Hätte sie Mitleid mit ihm empfunden, dann hätte sie ihm nun einige aufmunternde Worte zugesprochen. Ein Beschwören der Harmonie, die ihren Mitmenschen so wichtig war. Der Ansicht, dass alles seine Ordnung habe, jeder seinen Platz im Gefüge der Gesellschaft. Scheiß auf die Harmonie, sie wollte einfach nur diese Daten.
„Selbst für unsere Sicherheitseinstufung?“, wunderte sie sich, mehr an sich selbst gewandt, als an Chang. Die Freigabe für das Anwesen selbst hatten sie bei KerisCombat Inc. anstandslos erhalten. Aber immerhin war hier auch ein Massenmord geschehen. Das konnte auch ein Sicherheitskonzern nicht ignorieren.
Zeit, denen mal einen Besuch abzustatten. Sie brauchte diese Daten. Und sie brauchte sie schnell.
„Gut. Machen Sie hier weiter. Stellen Sie das gesamte Anwesen auf den Kopf. Lassen Sie keine Stelle aus. Ich mache eine kleine Spazierfahrt.“
 
IV

Von seinem Büro in der 34. Etage aus konnte Andrew Wu auf den imposanten Kreisverkehr Bunderan HI hinabblicken, in dessen Zentrum sich die Säule mit den beiden verwitterten Skulpturen befand, die das Monumen Selamat Datang, das Willkommensmonument, darstellten. Ein Mann und eine Frau, den rechten Arm zum Gruße gen Himmel erhoben, den Gezeiten trotzend, die bereits seit mehr als 80 Jahren auf sie niedergingen. Die Säule ruhte ehern inmitten einer gewaltigen Springbrunnenanlage, die das Zentrum der Insel darstellte, um die sich der Kreisverkehr mit seinem steten Strom an Fahrzeugen erstreckte. Wie eine endlose Schlange, die sich durch den Sprawl wand und dabei niemals ermüdete.
Die Firmenzentrale der KerisCombat Inc. lag gegenüber des alteingesessenen, berühmten Hotel Indonesia und den weitaus moderneren Bankentürmen, die Bunderan HI mit ihren spiegelglatten Fassaden und imposanten Hologrammen säumten.
Gelangweilt wandte Andrew den Blick von diesem ermüdenden Schauspiel ab, als sein Konek ihm den Eingang einer neuen Verbindung anzeigte. Vor ihm in der Luft erschien das Abbild seines Sekretärs Achmad. Noch bevor der Mann auch nur ein Wort gesprochen hatte, konnte Andrew an seinem Gesichtsausdruck bereits erkennen, dass es sich um schlechte Nachrichten handelte. Aber nach dem bestätigten Tod von fünf ihrer Mitarbeiter aus dem aktiven Dienst, hatte er auch nicht damit gerechnet, dass er heute noch etwas Erfreuliches zu hören bekommen würde. Andrew hasste es, wenn das passierte. Das Ableben von Aktivposten erforderte immer besonders viel bürokratischen Aufwand. Missmutig schüttete er sich den Rest des mittlerweile nur noch lauwarmen Kaffees in den Rachen und bedeutete Achmad mit einem Nicken, dass er bereit war, die schlechte Nachricht zu empfangen.
„Wir haben Besuch, Mr. Wu. Eine Ibu* Suryono“, teilte ihm der Mann mit, der stets nur so viel sagte, wie unbedingt nötig war.
„POLRI?“, stellte Andrew die einzige Frage, die ihm dazu einfiel, und Achmad brachte ein einzelnes Nicken zustande.
Andrew lehnte sich in seinem Bürosessel zurück und das SmartTech-Material passte sich sofort seiner neuen Sitzhaltung und der gestiegenen Körperspannung an, die sich seiner bemannt hatte. Ungefragt aktivierte der Sessel die Massagefunktion, um sich seiner verspannten Muskulatur anzunehmen. Die Frau verhieß sicherlich nichts Gutes. Es war eine Schande, dass die Regierung sich noch immer nicht dazu hatte durchringen können, KerisCombat die allumfassenden Befugnisse zur Ausübung polizeilicher Gewalt in dem Distrikt zu übertragen, oder besser noch für den gesamten verdammten Sprawl. Die Staatsgewalt war doch überhaupt nicht mehr dazu fähig, ihren Diensten nachzukommen. Ineffizient, ausgehöhlt durch eine erstarrte Bürokratie, die sich wie ein Geschwür immer weiter ausgebreitet hatte, und geplagt durch ständige Budgetkürzungen. Sicherheit war etwas, für das es sich zu zahlen lohnte. Wer mehr zahlte, der durfte eben auch mit dem Gefühl belohnt werden, sicherer leben zu können. Und für all die anderen hatte die KerisCombat Inc. kostengünstige Sondermodelle anzubieten. Es brauchte ja nicht jeder ein Eliteteam zu seiner Sicherheit. Das war doch nichts anderes, als das Geschäft mit Versicherungen. Wer sich keine Versicherung leisten wollte, der musste eben selbst auf dem Schaden sitzenbleiben, wenn denn einmal etwas passierte.  Sicherheit konnte in allen nur möglichen Varianten bei der KerisCombat Inc. minutengenau gebucht und abgerechnet werden. Es war ein modulares System mit vielen Möglichkeiten, das jedem Bedürfnis gerecht wurde. Zumindest war es das, was die PR-Abteilung ihren Kunden bisher sehr erfolgreich verkauft hatte. Und jetzt war ein Klasse-B-Eliteteam ausgelöscht worden. Einfach so. Und es war sein Zuständigkeitsbereich gewesen, in dem dies geschehen war. Andrew spürte bei diesem Gedankengang die Hitze in sich aufsteigen, obwohl sein Büro auf eine angenehme Raumtemperatur herabgekühlt war. Er durfte jetzt nicht die Ruhe verlieren. Nicht jetzt, wo sein Aufstieg so kurz bevorstand.
„Welchen Rang bekleidet unsere geschätzte Besucherin denn?“, informierte er sich bei Achmad. Sein Sekretär hatte die Daten natürlich bereits vorbereitet. Ohne etwas zu sagen, übersandte er ihm die Akte, die sich sofort in einem weiteren Datenfenster vor seinen Augen öffnete. Über alle ihnen bekannten Offiziere der POLRI hatte der Konzern wohlweislich Akten anlegen lassen. Information war neben modernster Waffentechnologie ihr wichtigstes Instrument.
Chief Inspector Tika Suryono, 34 Jahre, Bareskrim – die Criminal Investigation Agency der POLRI –, las er das Datenfenster, überflog den Rest der Informationen, die die Analyseabteilung über die Frau zusammengestellte hatte, aber nur und konzentrierte sich stattdessen lieber auf das Bildmaterial. In den meisten Menschen konnte Andrew lesen wie in einem Buch. Menschen waren schließlich sein Geschäft. Nachdem er Achmad dazu angewiesen hatte, Suryono gebührend zu empfangen, widmete er sich wieder der Akte. Es gab einige Holo-Bilder und auch Video- und Audiomaterial. Wenige Minuten später und gestützt durch seine diversen Analyseprogramme hatte sich Andrew bereits ein Bild von seiner neuen Gegenspielerin gemacht. Es würde ein interessanter Tanz werden. Suryono war keine klassische Schönheit, aber durchaus in ihrer eigenwilligen Art äußerst attraktiv. Sie hatte zudem eine hübsche Figur. Sie war intelligent, entstammte einer konservativen javanischen Familie, wie Andrew vermutete, und ihr Privatleben war vermutlich nicht gerade das, was man als besonders aufregend oder abwechslungsreich bezeichnen konnte. Eine gefährliche Kombination. Sie war ein Mensch, der für seinen Job lebte. Und sie war gut in ihrem Job, bewegte sich aber ständig in einer Art Drahtseilakt, da es Leute, vornehmlich Männer, über ihr gab, die sie gerne ganz weit unten gesehen hätten. Irgendwo, auf einem unbedeutenden Posten. Im Urwald von Papua, zum Beispiel. Mitten ins Nest der Sezessionisten und ihrer Sprengstoffanschläge gegen Regierungsgebäude und Konzernanlagen.
Andrew speicherte sich alle Erkenntnisse, die er gewinnen konnte, überprüfte überflüssigerweise den Sitz seines SmartBusinessanzugs auf Korrektheit und wappnete sich innerlich für einen langen und anstrengenden Arbeitstag. Wie die meisten Mischlinge, galt er mit seiner eher spitzen Nase und der helleren Haut unter Indonesiern als äußerst gutaussehend, was sich unter anderem daran zeigte, dass viele Stars aus der Medienbranche ebenfalls Mischlinge waren. Andrew glaubte nicht, dass das bei Suryono viel Eindruck machen würde, aber Andrew hatte die Erfahrung gemacht, dass kein Mensch, weder Frau noch Mann, dazu in der Lage war, das Aussehen und Erscheinungsbild des Gegenübers grundsätzlich zu ignorieren. Er würde es also zuerst mit seinem Charme probieren. Einen Versuch war es immerhin wert. Und seine hochwertigen Analyseprogramme würden ihm dabei helfen, Suryonos Mikromimik zu entschlüsseln und hinter die kühlen Augen dieser Frau zu blicken.
 
 
V

„Gehst du schon wieder aus?“, hörte Samayanti die vorwurfsvolle Stimme ihres Vaters, als sie den Treppenabsatz erreicht hatte. „Und dann in diesem Aufzug“. Nichts als Verachtung konnte sie seiner Stimme entnehmen. Leise, ruhig, aber doch voller Verachtung. So wie sie es gewohnt war. Samayanti blickte an sich hinab. Der kurze, enge Rock, ihre nackten Beine, die Holo-Designer-High-Heels. Trotzig hob sie den Kopf, blickte ihren Vater an.        
„Hast du Angst, dass deine Umfragewerte sinken, wenn man mich so sieht?“, forderte sie ihn heraus. Die Hand, die sie schlug, kam derart plötzlich auf sie zu, dass sie keine Zeit hatte, darauf zu reagieren. Und selbst wenn, getan hätte sie wohl nichts. Sie wollte ihn spüren, den Schmerz. Wollte wenigstens irgendetwas spüren, das von ihrem Vater kam und ihr galt. Ihr allein. Und sei es auch so roh und primitiv wie Gewalt. Ihre Wange brannte, aber aufgrund ihres SmartMakeups, das Farbveränderungen und selbst Konturen ihres Gesichtes automatisch den voreingestellten Paramatern anpasste, war der Abdruck des Hiebs bereits nach wenigen Sekunden kaum noch zu sehen.     
„Du solltest beten, Sa. Isha ist nahe“, sprach ihr Vater völlig ruhig, so als sei überhaupt nichts geschehen, als habe dieser Ausbruch an Gewalt niemals stattgefunden. Und Samayanti spürte die Scham mehr noch als den Schmerz, der bereits wieder zu verblassen begann.  
Samayanti schlug die Augen auf. Sofort griff sie an ihre Wange, aber dort war nichts. Kein Schmerz. Noch nicht einmal Scham. Als sie nach ihrem Konek griff, stellte sie fest, dass es nicht an ihrem Handgelenk war, wo sie es normalerweise trug. Irritiert blickte sie auf die schmale Fläche ihrer Haut, die geringfügig heller war als der Rest. Sie fühlte sich nackt, als sie das Fehlen des Geräts bemerkte. Und ihr war heiß. Sie spürte den Schweiß, der ihr auf der Stirn stand und auf ihrer Haut hinabrann. Es war schwül. Plötzlich fiel ihr das Atmen schwer. Als sie neben sich die Stimme einer Frau hörte, die fast ausdruckslos sprach, zuckte sie erschrocken zusammen.
„Der Patient ist erwacht“, hörte sie die Stimme sagen. Dann spürte sie das Sensorpad, das man an ihr befestigt hatte und das zu einer MedTech-Einheit gehörte, die neben ihr stand. Samayanti hatte noch niemals zuvor ein so altes Gerät direkt aus der Nähe gesehen. Wo war sie hier überhaupt? Und viel wichtiger noch, wie war sie nur hierhergekommen?
Der Raum, in dem sie lag, war nicht sehr groß. Sie selbst lag auf einer alten Matratze, die ohne Bett oder ähnliches direkt auf dem gekachelten Boden ruhte. Außer ihrer Schlafstatt standen da noch ein offensichtlich nicht funktionierender Ventilator und ein Ungetüm von einem Fernseher auf einer Art Hocker abgestellt. Ein 2D-Gerät, wie sie vermutete, aber sicher war sie sich nicht, denn sie hatte schon lange keinen Fernseher mehr gesehen. So etwas besaßen die Leute einfach nicht mehr, denn das Konek konnte all das, was Fernseher, Computer und Telefon aus der Generation zuvor hatten bewerkstelligen können, und noch einiges mehr. Und es war nicht größer als eine Armbanduhr – die man heutzutage auch nur noch trug, weil es schick war. Einmal mehr vermisste sie deshalb ihr Konek. Sie musste es wohl verloren haben. Aber weshalb? Und wo? Sie konnte sich einfach an nichts mehr erinnern.
Plötzlich erschien das Mädchen in der Türöffnung. Samayanti schätzte es auf 12 oder 13, aber vielleicht war es auch jünger und es war nur die Erfahrung, die es ausstrahlte und es älter machte, als es eigentlich war. Zuerst blicke das Mädchen, das ein etwas zu weites und bereits verblichenes, rot-weißes Unisex-T-Shirt und eine kurze Hose trug, sie nur an und sagte nichts. Dann schien es sich Mut zu fassen, betrat den Raum, kniete sich vor sie hin und blickte auf ihre Hand. Samayanti, die vermutete, was das Mädchen nun erwartete, hob ihre Hand leicht an. Sofort griff das Mädchen, noch immer stumm, danach, küsste sie und hob sie an ihre Stirn. Wohlerzogen, dachte Samayanti und lächelte.
„Wie heißt du?“, fragte sie das Mädchen.
„Ich heiße Siti, Ibu“, antwortete es.
„Ein schöner Name.“
„Danke, Ibu.“ Das Mädchen schien sich zu freuen.
„Ich heiße Samayanti“, stellte sie sich dem Mädchen vor. Siti schaute erstaunt. Einen solchen Namen schien sie noch nicht gehört zu haben. Wie aus einem Märchen.
„Wo bin ich hier?“, fragte Samayanti weiter und ließ ihren Blick wieder kurz durch den Raum schweifen.
„Bei mir zu Hause.“
„Bitte … bitte erzähl mir, wie ich hierhergekommen bin. Ich … kann mich nicht mehr erinnern“, bat sie das Mädchen und Siti schien kurz zu überlegen, wo sie anfangen sollte. Zuerst stockten ihre Worte ein wenig, doch dann wurde sie sicherer und der Redeschwall kam nur so aus ihr hervor. Siti erzählte ihr davon, dass sie und ihr kleiner Bruder, Kadek, sie gefunden hatten. Hier in der Nähe, in einer Gasse nahe des Kanals. Mit Blut besudelt, die Kleidung zerschlissen. Samayantis Herz begann sofort zu rasen. Sie versuchte, die Ruhe zu bewahren. Mit pochendem Herzen blickte sie an sich herab. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie nicht mehr ihre Sachen trug. Das Shirt und die lockere Trainingshose, die sie nun anhatte, hatte sie noch nie zuvor gesehen.
Siti bemerkte ihren Blick.
„Ihre Sachen sind in der Wäsche. Sie sind voll Blut.“ Bei dem Wort „Blut“ stotterte das Mädchen kurz verunsichert.
Samayanti setzte sich auf. Sie wollte nicht mehr liegen.
„Hast du mich ganz alleine hierher gebracht?“, fragte sie ungläubig.
Siti schüttelte den Kopf. „Ich hatte Hilfe. Pak Guo hat mir geholfen. Er ist blind. Ich habe ihm gesagt, meine Tante sei gestürzt und bewusstlos und ich müsse sie schnell zum Haus zurückbringen, um sie an das MedTech anzuschließen. Er hat mir sofort geholfen. Er ist … .“ Siti brach ab.
„Hat Pak Guo keine Fragen gestellt?“
Siti schüttelte wieder den Kopf.
„Er ist nicht so … klug“, versuchte Siti etwas zu erklären, das sie anscheinend nur ungerne aussprach. Dieser Pak Guo schien ein guter Freund zu sein. Sie wollte ihn nicht schlecht machen.
„Ist schon gut, Siti. Ich verstehe. Was hast du dann gemacht?“, fragte Samayanti weiter.
„Es tut mir leid“, fuhr Siti fort und senkte den Blick.
„Bitte erzähle einfach, was du gemacht hast. Du hast alles richtig gemacht. Es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest. Du bist ein tapferes Mädchen, und ich danke dir dafür“, sprach Samayanti auf das Mädchen ein und meinte es auch so. Sie legte Siti ihre Hand auf die Schulter, was diese zuerst zusammenzucken ließ, dann aber zum Lächeln brachte. Sie schien stolz auf das zu sein, was sie geleistet hatte.
„Ich musste ja schauen, ob Sie verletzt sind. Deshalb habe ich Sie … ausgezogen. Aber nur das Kleid, mehr nicht“, fügte sie noch schnell hinzu. Samayanti konnte nicht anders und musste trotz dieser bizarren Situaton, in der sie sich wiedergefunden hatte, lachen. Siti schaute zuerst ein wenig verunsichert, doch dann lachte sie auch.
„Das muss ganz schön schwer gewesen sein“, stellte Samayanti anerkennend fest.
„Ja, das war es. Zuerst wollte ich das MedTech nach draußen bringen, aber dann kam mir die Idee mit Pak Guo“, berichtete Siti weiter und schien sich langsam auch etwas mehr zu entspannen.
Samayanti lächelte sie an.
„Das war eine gute Idee“, pflichtete sie dem Mädchen bei, während sie innerlich über den Gedanken schauderte, dort draußen herumgelegen zu haben. Sie kniff die Augen zusammen. Schweiß war hineingelangt. Mit der Handfläche griff sie sich instinktiv an die Stirn, um den Schweiß wegzuwischen. Sie hatte schon lange nicht mehr so sehr geschwitzt. In der Welt, in der sie lebte, war das nicht nötig.
Siti war ein aufmerksames Mädchen. Ihr Blick folgte Samayantis Hand und wandte sich dann in die andere Richtung, wo der Ventilator stand.
„Ich hatte ihn angemacht, aber manchmal hört er einfach auf. Ist kaputt und funktioniert nicht richtig“, entschuldigte sich Siti.
„Schon gut. Ich bin nur diese Hitze nicht so gewöhnt, aber das wird schon gehen.“
Siti wirkte erleichtert. Dann stand sie auf, ohne etwas zu sagen, und kam kurze Zeit später wieder in den Raum zurück. Sie trug ein kleines Tablett aus zerbeultem Blech, auf dem sie es irgendwie schaffte, zwei gefüllte Becher zu balancieren. Sie kniete sich wieder neben die Matratze, verbarg ihre nackten Füße dadurch hinter sich, da es ihr vermutlich unangenehm war, wenn Samayanti sie sah.
„Bitte“, sagte Siti und bot Samayanti das Wasser an.
„Vielen Dank“, bedankte Samayanti sich, nahm den Becher und trank. Erst jetzt spürte sie, wie durstig sie eigentlich gewesen war. Ohne den Becher abzusetzen, trank sie das kühle Nass und fühlte sich gleich viel besser. Siti hatte Klumpen zerbrochenen Eises in das Wasser geschüttet. Sicherlich teuer, dachte Samayanti und spürte Scham darüber, dass sie diesem armen Mädchen so zur Last fiel. Sie sollte einfach aufstehen und nach Hause gehen. Sie musste sich anstrengen, doch dann fiel ihr wieder ein, wo sie wohnte. Es konnte ja nicht allzu weit sein. Und dennoch fürchtete sie sich. Sie wusste nicht, was geschehen war. Und da sie sich an nichts erinnern konnte, fühlte sie sich diesem hilfsbereiten Mädchen stärker verbunden, als es sonst sicherlich der Fall gewesen wäre.
Da ihr die Stille anscheinend unangenehm war, sprach Siti nach einiger Zeit einfach weiter.
„Ich habe keine Verletzung gesehen und das MedTech hat mir alles genau erklärt, was ich machen muss und welche Werte ok sind und so.“
„Darf ich den Bericht einmal sehen?“, fragte Samayanti und konnte ihre Neugierde kaum unterdrücken. Das Gerät war schon alt, ein Produkt der NoSakit* Corp., wie Samayanti an dem fast nicht mehr zu erkennenden Logo des Konzerns ausmachen konnte. Aber vielleicht hatte es ja trotzdem irgendetwas herausgefunden, was Aufschluss über ihre Lage brachte. Siti aktivierte das Display und der Bericht erschien. Das Gerät hatte alle relevanten Biofunktionen überprüft. Sie erfreute sich bester Gesundheit. Allerdings befanden sich in ihr auch Rückstände einer Substanz, die das MedTech nicht identifizieren konnte. Samayanti bekam Kopfschmerzen. Was hatte dies nun wieder zu bedeuten? Ihre letzte Partynacht war am Freitag gewesen. Natürlich hatte sie Drogen genommen, aber sie nahm grundsätzlich nichts, das sie nicht kannte. Und das waren alles Substanzen, die selbst das alte NoSakit-Gerät hätte identifizieren können.
Dann fiel ihr noch etwas anderes ein.
„Siti, hast du vielleicht mein Konek bei mir gefunden? Ich vermisse es.“
Siti schüttelte den Kopf.
„Nein, leider nicht. Vielleicht liegt es am Kanalufer. Aber da ist viel Müll. Sie können aber meins benutzen. Und wir können es auch orten mit meinem“, schlug Siti sogleich vor.
Samayanti musste eingestehen, dass dieses Mädchen viel besser in der Welt zurecht zu kommen schien, als sie selbst. Es tat das, was getan werden musste. Dazu gehörte eine Menge Mut. Als Samayanti erneut an ihr Zuhause dachte, konnte sie es nicht verhindern, dabei auch an ihren Vater zu denken und an das ausgedünnte Band zwischen ihnen, nur noch zusammengehalten durch das gemeinsame Blut, das in ihrer beider Adern strömte. Die Lügen und Heucheleien, die ihr Vater mit in das Haus gebracht hatte, seit er in der Politik immer weiter aufgestiegen war, hatten die Beziehung zwischen ihnen vergiftet. Samayanti wollte von alldem nichts mehr wissen. Es erdrückte sie und machte sie rastlos in ihrem eigenen Haus, in dem sie sich ohnehin schon einsam fühlte. Aber er war ihr Vater und sie sein einziges Kind. Sie war zum Gehorsam und Respekt gegenüber ihren Eltern erzogen. Doch ihr Wille war stärker als diese Prägung. In dieser Hinsicht war sie ihrem Vater vielleicht sogar ähnlich. Und sie hatte Worte in den Mund genommen, auf die ihr Vater ihr keine Antwort mehr gegeben hatte. Mehr noch hatte er so getan, als seien diese Worte niemals ausgesprochen worden. Dinge, die nicht rechtens sind, existieren auch nicht – ganz so, wie es das javanische Ideal vorsah. Nasi sudah menjadi bubur, dachte sie dabei verbittert an das alte Sprichwort. Wenn der Reis einmal zu Brei geworden war, dann war es so. Man konnte es nicht wieder rückgängig machen. Ganz egal, wie sehr ihr Vater auch so tat, als seien die Worte niemals in die Realität außerhalb ihrer Gedanken entlassen worden.
Samayanti seufzte. Siti senkte den Blick. Sie musste die plötzliche Anspannung gespürt haben, die von Samayanti Besitz ergriffen hatte.
„Bitte hilf mir, mein Konek zu finden“, bat sie das Mädchen. Froh, wieder eine Aufgabe zu haben, holte Siti ihr eigenes Konek hervor. Es war ein kleines, pinkfarbenes Gerät in der Form einer Blume. Fast schon liebevoll strich das Mädchen darüber. Samayanti konnte es ihr nachempfinden, derart nackt, wie sie sich ohne ihr eigenes fühlte. Und doch hatte sie wohl keine derart persönliche Bindung dazu. Sollte es kaputt gehen, würde sie sich ein neues kaufen. Doch für Siti war das keine Option.
Siti holte eine Brille hervor und reichte sie Samayanti, erkannte dann aber ihren Irrtum und lächelte verlegen. Mit einem dankenden Nicken nahm Samayanti das Gerät an sich und stellte eine Verbindung zu ihren Kontaktlinsen her. Siti hatte den Zugriff auf das Gerät bereits freigestellt. Samayanti wählte den Suchdienst an und fokussierte ihn in ihrem Blickfeld. Mit raschen Bewegungen ihrer Augen steuerte sie die Funktion und gab die ID ihres Konek in das Suchfenster ein.
>> Biometrische Identifizierung nicht möglich >>, teilte ihr das Gerät mit. Sitis Konek war damit nicht ausgestattet.
>> Identifizierung durch PersID und Stimmmuster <<, wählte sie stattdessen.
Samayanti folgte den Anweisungen und sprach dann deutlich: „Radèn* Samayanti Raharjo“.
Neben sich hörte sie Siti keuchen. Als sie das Mädchen anblickte, war jegliche Farbe aus Sitis Gesicht verschwunden.
 

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Beitrag #2 |

RE: TIKA
VI

Gemächlich schob sich Tikas Wagen durch den zähen Morgenverkehr, der nach Pusat, dem zentralen Distrikt des Sprawl, floss. Ein Meer aus Rollern umschwirrte ihren Wagen wie eine Meute auf der Flucht befindlicher Cicak*, zwängte sich zwischen die nur langsam vorankommenden größeren Fahrzeuge hindurch, jede Lücke ausnutzend, um schneller vorwärtszukommen. Das zentrale Verkehrskontrollsystem leitete die Verkehrsströme so gut es ging, aber noch war kein Expertensystem entwickelt worden, das es mit dem Chaos des Verkehrs in Jabo hätte aufnehmen können. Das Straßennetz war einfach völlig unzureichend. Bereits vor einigen Jahrzehnten hatten man mit dem massiven Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs begonnen – viel zu spät allerdings. Schon damals hatte die Infrastruktur der Stadt kurz vor ihrem Zusammenbruch gestanden. Eine radikale Beschränkung der Neuzulassungen durch entsprechende gesetzliche Hürden, so wie sie es im gänzlich von den Konzernen beherrschten Singapur schon seit langem durchgezogen hatten, hätte vielleicht den Verkehrsinfarkt noch stoppen können. Doch solche Maßnahmen waren politisch unbeliebt. Der Sprawl-Bewohner war mobil, und das war er schon immer gewesen. Man fürchtete um Wählerstimmen.
Selbst Kinder fuhren in den Gassen ihrer kampung, den dorfähnlichen Siedlungen, die sich noch immer in weiten Teilen Jabos wie die Kerne im Fleisch der Frucht verteilten, mit Rollern durch die Gegend. Selbst modernste Sicherheitstechnologie und eine damit einhergehende Gesetzgebung konnten das nicht verhindern. Eine lückenlose Kontrolle war einfach nicht möglich. Indonesier waren sehr einfallsreich, wenn es um das Finden von Lücken ging. Und auch das war schon immer so gewesen.
Tika gähnte. Vor ihr war der Verkehr vollends zum Erliegen gekommen. An der Seite der Straße, mit ihren schwarz und gelb gestrichenen, massiven Bordsteinen, die selbst die wagemutigen Verkehrsteilnehmer davon abhielten, die Straße auf die ohnehin nur spärlich vorhandenen Gehwege auszuweiten, entdeckte sie die kaki-lima-Händler, fahrende Garküchen aus der alten Zeit, die von ihren Besitzern an den Straßenrändern entlang geschoben wurden und Soto, Sate, Mie oder andere Gaumenfreuden zu einem geringen Preis anboten. Die einfachen, alten Karren mit der einzelnen Radachse und dem Zuggeschirr, das wie ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit anmutete, waren bunt bemalt und blinkten durch nachträglich aufgerüstete animierte Werbebanner und Hologramme. Ihre Wirkung verfehlten sie zumindest bei Tika nicht, der sofort anfing der Magen zu knurren.

Tika fuhr an den Rand der Straße und stoppte ihren Wagen. Sofort wurde gehupt, doch die Empörung verklang schnell, als das Hologramm der POLRI über ihrem Wagen erschien. Sie schaltete es nur selten an, da sie es bevorzugte möglichst anonym unterwegs zu sein. So anonym es eben heutzutage möglich war. Tika schnappte sich ihre kleine Handtasche und stieg aus, spazierte die letzten Meter durch die brütende Hitze zu den kaki-lima-Händlern am Straßenrand. Die Rangabzeichen ihrer Uniform hatte sie bereits zuvor abgeschaltet. Sie wollte keine Sonderbehandlung.
Der Chef der Garküche war ein älterer Mann mit wettergegerbter, faltiger Haut, der ein ausgeblichenes einfaches Batik-Hemd und eine zerschlissene, dünne graue Stoffhose trug. Er grüßte sie freundlich mit einem „Selamat pagi, Bu!*“ und sie erwiderte den Gruß ebenso höflich und setzte sich dann auf einen der Plastikhocker, die der Mann vor seiner fahrenden Küche auf die Straße gestellt hatte.
„Sate ayam, Bu?“, fragte er sie.
Tika nickte nur. Der Mann machte sich sofort an die Arbeit. Der Duft der Erdnusssauce ließ Tika bereits jetzt das Wasser im Mund zusammenlaufen. Sie nahm sich eine Flasche Wasser aus der kleinen Kühltruhe, die neben der aufgebockten Garküche stand, hob sie an, um dem Mann anzuzeigen, dass sie sich das Wasser genommen hatte. Und sofort nahm das omong kosong, das leere Geschwätz, seinen Anfang. Indonesier konnten über die belanglosesten Dinge stundenlang diskutieren. Sie liebten nichts mehr, als sich über alles, aber auch wirklich alles, den Mund fusselig zu reden. Und war es auch noch so bedeutungslos. Reden um des Redens willen. Tika war da anders, aber sie gab die zu erwartenden Antworten und ein oder zweimal stimmte sie sogar der Höflichkeit halber kurz in das Lachen des Mannes ein, der ihr dann endlich die Sate-Spieße reichte, welche sie trotz der unerträglichen Hitze mit großem Genuss verzehrte. Der lächerlich geringe Betrag wurde nach ihrer Bestätigung von ihrem Konek an das Gerät des Mannes übertragen. Der bargeldlose Transaktionsverkehr hatte mittlerweile selbst die Unterschicht des Sprawl erreicht.
Als sie wieder in ihrem Wagen saß, ließ der Temperaturunterschied sie frösteln. Also gut, weiter geht’s. Geschlagene zwei Stunden später erreichte sie den großen Kreisverkehr Bundera HI. Tika hatte die Steuerung ihres Einsatzwagens soeben dem Expertensystems der KerisCombat Inc. übertragen, damit dieses ihr Fahrzeug zu einer freien Parkbuchte in der Tiefgarage des Konzerngebäudes lenkte, als das Aufblinken des POLRI-Datenfensters bemerkte, das sie noch immer geöffnet, aber an die Peripherie ihrer Wahrnehmung verschoben hatte. Sie holte es in ihren Fokus zurück und ging rasch die Aktualisierungen durch, die sich während ihrer Fahrt durch das Verkehrschaos des Sprawl ereignet hatten. Die Analyse des Kris war abgeschlossen. Wie zu erwarten, hatte man am Griff des Dolches die Fingerabdrücke des Abgeordneten selbst gefunden. Aber nicht nur das – auch diejenigen Samayantis, der Tochter des Abgeordneten. Tika hielt kurz den Atem an. Warum sollten sich die Fingerabdrücke Samayantis auf dem Kris befinden? Für gewöhnlich ruhte der Kris einer Familie hübsch eingerahmt an der Wand. Er wurde nur selten herausgenommen und dann auch nur vom Familienoberhaupt. Überhaupt interessierten sich die jungen Leute aus Samayantis Generation kaum noch für diese alten Traditionen. Tika selbst hatte den Kris ihrer eigenen Familie noch niemals berührt.
Hatte Samayanti ihren eigenen Vater auf diese an ein Ritual erinnernde Art und Weise umgebracht? Aber welches Motiv hätte sie haben können? Aber selbst wenn, eine junge Frau ohne militärische Kampferfahrung hätte es niemals mit dem Klasse-B-Eliteteam der KerisCombat Inc. aufnehmen können, sogar im Falle eines möglichen Überraschungsangriffs. Welches seltsame Spiel wurde hier gespielt? Sie musste unbedingt schnellstmöglich an die Überwachungsdaten der Enklave gelangen. Der Fall würde in den Medien große Wellen schlagen. Schon jetzt fluteten Berichte ohne jede stichhaltige Information das Netz, blinkten bei all jenen Menschen im Sehfeld auf, die sich ‚politische Nachrichten‘, ‚ungeklärte Verbrechen im Sprawl‘, ‚brandaktuelle Neuigkeiten‘ oder ähnliche Suchparameter auf ihren Konek eingestellt hatten. Natürlich konnte keine dieser Berichterstattungen zu diesem Zeitpunkt irgendetwas Handfestes vorweisen, denn niemand außer der POLRI wusste bisher, was genau im Anwesen passiert war. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis eine der Mikrodrohnen der Cyberspace Community sich Zugang zum Anwesen verschafft hatte. Spätestens beim Abtransport der Leichen, der in Kürze stattfinden würde, würden die ersten sensationsheischenden Aufnahmen die Feeds der Koneks füllen. Und dann war das omong kosong vorprogrammiert, nur dass es sich hierbei um leeres Geschwätz über einen hochrangigen Politiker des Landes handelte, dessen Tochter spurlos verschwunden war.
Missmutig überflog sie noch einmal den Rest der Daten, die AIPTU Chang ins Netzwerk gestellt hatte. Samayantis Konek war in der Jalan Jaksa geortet worden. Von ihr fehlte jede Spur. Auch ihr Onkel, Abgeordneter Rachmanto, war bereits informiert, wusste über den Verbleib seiner Nichte aber gleichfalls nichts auszusagen. Der Mann würde nach dem grausigen Mord an seinem Bruder nun auch noch andere Sorgen haben. Rachmanto konnte ihr Druck machen. Sie kannte seine politischen Absichten nicht gut genug, um den Mann einschätzen zu können. Raharjo und Rachmanto waren beide Mitglieder des MPR, galten als Wortführer, als einflussreiche Persönlichkeiten, die Abstimmungen entscheiden konnten. Und jetzt war Raharjo tot.
Aus einer intuitiven Laune heraus, ließ Tika sich von ihrem Konek eine Zusammenstellung aller bevorstehender Parlamentssitzungen und der entsprechenden Sitzungsthemen herausfiltern, während sie ihren Wagen verließ und dem in ihrem Sichtfeld erschienenen Personaprogramm der KerisCombat Inc. zu ihrer Verabredung folgte. Das Personaprogramm behandelte sie besonders höflich, denn das System hatte ihren Rang gescannt. Tika schnaubte verächtlich. Sie hätte ihn doch wieder abstellen sollen, so wie bei dem Sate-Verkäufer. Aber hier, in der Höhle des Löwen, war das undenkbar. Ihr Rang war das Einzige, das sie davor bewahrte, dass man sie nicht für wichtig nahm.


VII

Sadewa war allein. Ausgerechnet jetzt, wo alles wie ein Kartenhaus über ihnen zusammenzubrechen drohte. Es war alles Nakulas Schuld! Dieser verdammte Dayak! Sadewa hätte es besser wissen müssen. Er hatte von Anfang an nicht hinter dem Plan gestanden. Aber Nakula hatte keine Widerworte akzeptiert. Das operative Geschäft, das Anheuern der Männer, das Zuschlagen und die Gewalt oblagen ihm allein. Sadewa war der Mann, der sich um die subtileren Dinge kümmerte und ihre sozialen Kontakte verwaltete. Das Gesicht. Die Verbindung zu dieser Gesellschaft, die ihr Feind war.
Nakula war im Süden. Weit hinter der Peripherie des Sprawl. Dort erhoben sich die Berge. Uralte Vulkangipfel, deren Macht über die Insel Java seit jeher unangefochten war, während die Menschen zu ihren Füßen Kartenhäuser errichteten und wieder zusammenfallen ließen. Mehr als 50 Kilometer urbaner Moloch, der zwischen der Jalan Jaksa und den Bergen lag. Eine gewaltige Stadt, und doch im Vergleich zu den erhabenen Gipfeln vergänglich wie das Material der Lontarbücher, der Palmblatt-Manuskripte am Hofe der vergessenen javanischen Adelselite. Nicht umsonst eröffnete und beendete Gunungan, der Weltenberg, eine jede lakon, wie die Stücke des wayang kulit genannt wurden.
„Abgeordneter Raharjo im eigenen Anwesen ermordet!“, lauschte er einem von vielen Nachrichtenfetzen aus dem Netz und betrachtete noch immer voller Unglauben die Szenerie, welche die Sensoren der kleinen Nachrichtendrohne dem Feed beisteuerten. Viele Leichen wurden dort abtransportiert. Es muss ein Massaker gewesen sein. Sarak hatte sie alle auf dem Gewissen. Aber von Samayanti selbst schien jede Spur zu fehlen. Die Fingerknöchel traten ihm weiß hervor, als er seine Hand derart feste um die Bierflasche schloss, dass es schmerzte.

Er saß in einer Ecke im „Bintang“, von wo aus er sowohl die Bar als auch den Eingang im Blick hatte. Um diese Uhrzeit war hier kaum etwas los. Die Jalan Jaksa lag im Koma der Hitze und ihrer nächtlichen Ausschweifungen. Eine Gruppe Backpacker trank auf ihrer Durchreise ein kühles Bier an der Bar. Weitere Gäste gab es nicht, und der Laden wirkte nun, wo im Licht des Tages alles überdeutlich zu erkennen war, wie ein halb ausgeweidetes Tier, das auf dem rissigen, aufgeheizten Asphalt langsam zugrunde ging.
In seinem Blickfeld meldete sich eine Verbindung. Verschlüsselt. Umgeleitet über Singapur und Medan. Es war Park, der Koreaner. Ob Mann oder Frau wusste er nicht. Nur eine synthetisierte Stimme war zu hören, die dem Schimmern des Meeres gleich alle Spektren durchlief.
„Ich habe das Gerät für Sie lokalisiert“, sprach die Stimme auf Koreanisch, aber sein Konek übersetzte alles ohne wesentliche Zeitverzögerung.
„Haben Sie es gehackt?“
„Das geht nicht so schnell. Die sind gut geschützt. Aber die Position lässt sich auch auf anderem Wege ermitteln. Dazu ist ein Hack nicht notwendig.“
Sicherlich konnte der Hacker auch Sadewas Position ermitteln. Vielleicht hatte er das bereits getan. Aber die künstliche Stimme bot ihm keinerlei Angriffspunkte, um die Person, die hinter ihr stand, analysieren zu können.
„Übermitteln Sie mir die Position“, wies Sadewa den Hacker an.
„Was ist mit dem Geld?“
Sadewa war nicht in der Stimmung, jetzt noch um den Preis zu feilschen. Vielleicht hätte er ihn herunterhandeln können, aber sicher war das nicht. Park hatte die Verbindungen zwischen dem Gerät, nach dem er gesucht hatte, und seiner Besitzerin sicherlich bereits hergestellt.
„Ist unterwegs“, antwortete er deshalb nur und wies die Bank in Singapur an, die Transaktion durchzuführen.
Sekunden später hatte er die Position. Und erstarrte. Seine Augen zogen sich zusammen. Die gestochen scharfen alphanumerischen Zeichen vor seinem Auge schienen ihn verspotten zu wollen. Das Konek war hier, hier in der Bar! Sadewa unterdrückte den Reflex, aufzuspringen und danach zu suchen. In diesem Moment traten zwei Männer in die Bar ein. POLRI. Sadewa lehnte sich langsam nach vorne, stützte sich auf den Tisch ab und mimte den betrunkenen Nachtschwärmer, der seinen Rausch ausschlafen wollte. Auf seinen Befehl hin startete die insektengroße Spionagedrohne von seiner Schulter und schwebte nach oben, wo sie ihm einen 360-Grad-Feed des „Bintang“ zur Verfügung stellte.
Der Offizier war Chinese. Ein junger Mann, der den Rang eines AIPTU bekleidete. Ebenförmige Gesichtszüge. Alles viel zu glatt und ohne Kanten. Ein schwacher Charakter. Ein typischer Befehlsempfänger. Aber auch die konnten gefährlich werden, wenn man sie in die Enge drängte. Sie bewegten sich direkt auf die Barzeile zu und sprachen den Barkeeper an. Wenn das Konek hier war, dann hatte Samayanti es nicht mehr bei sich. Aber dennoch konnte es wertvolle Informationen enthalten. Ein Bewegungsprofil ließ sich daraus ableiten, vielleicht sogar mehr. Sadewa wusste, dass sie Samayanti nach wie vor unbedingt in ihre Gewalt bringen mussten. Zum einen war sie neben dem Dayak die Einzige, die ihnen möglicherweise sagen konnte, was geschehen war und zum anderen konnten sie mit ihr noch immer Abgeordneten Rachmanto, ihren Onkel, unter Druck setzen. Mit ein bisschen Glück würde ihr Plan dennoch aufgehen. Aber dazu brauchte er dieses Konek, koste es, was es wolle! Aber warum war das Gerät hier? Sadewa begann zu schwitzen. Sein Herzschlag beschleunigte sich.
Der AIPTU sprach weiter mit dem Barkeeper, einem Mann namens Lintang, den Sadewa gut kannte. Nakula hatte ihn davor gewarnt, mehrmals denselben Ort als Treffpunkt auszuwählen, aber Sadewa war der Ansicht, dass Geheimhaltung nicht alles war. Kontakte konnte man nur knüpfen, wenn man sich sehen ließ und die Leute kannte. Dann händigte Lintang dem POLRI-Beamten einen kleinen Gegenstand aus. Sadewa ließ die Drohne gefährlich nahe an die Männer heran. Der Kollege des AIPTU, ein kräftiger Kerl, im Rang aber deutlich unter ihm, musterte die Bar bereits neugierig. Zweimal hatte er dabei auch zu Sadewa hinübergeschaut. Dennoch, zu wissen, wie das Gerät aussah, konnte sich später als nützlich erweisen. Es war schmal, edel, glänzte golden. Ein japanisches Produkt. Wie gemacht für eine modebewusste junge Frau gehobener Gesellschaft. Eine moderne priyayi, wie man den alten Adel Javas nannte.
Der AIPTU nahm es entgegen.
„Woher, Mas*?“, fragte der Beamte den Barkeeper in der Alltagssprache. Er wollte also Nähe zu dem Barkeeper aufbauen, ihm zeigen, dass sie doch beide Chinesen waren, dass sie zusammenhalten mussten. Vergiss die Uniform und die Rang-Holos. Wir sind auf einer Stufe. Das war es, was dieses eine Wort, Mas, dem Barmann sagen sollte.
„Ein Junge. SD*“, antwortete der Barkeeper. SD, Sekolah Dasar, Grundschulniveau.
„Hier drinnen gibt es doch bestimmt Kameraüberwachung, oder, Mas?“
Lintang nickte. Nicht unbedingt erfreut, aber er wollte anscheinend keine Probleme mit der POLRI riskieren. Wäre es um etwas anderes gegangen, hätte Lintang den Beamten bestechen können. Fast alle POLRI-Beamten waren korrupt. Das war kein Geheimnis. Die Löhne waren zu gering und die Macht zu groß. Aber der AIPTU, so locker und ungefährlich er auch wirkte, wollte etwas. Er wollte es unbedingt. Das war in seinen Augen zu lesen. Bestechungsgeld war hier keine Option.
Als Lintang die Daten rausrückte, lächelte der Mann und bot dem Barkeeper eine von seinen guten Zigaretten an.
Sadewa brauchte einen Plan. Er konnte die Beamten nicht einfach überfallen und das Konek an sich bringen. Dann würde er vielleicht nicht erfahren, wie es hierhergekommen war. Außerdem würde das Aufmerksamkeit auf ihre Operation lenken. Er konnte die Daten aber auch nicht ohne weiteres von Lintang bekommen. Sicherlich konnte er den Mann unter Druck setzen, aber dann wäre er als Kontakt verloren. Und Lintang bot gute Separees und war verschwiegen. Er würde der POLRI nur genau das geben, was sie verlangte. Nicht mehr. Sadewa musste die Beamten verfolgen. Etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Er beorderte seine Drohne zurück, schickte Nakula alles, was in der letzten Stunde geschehen war, und stand auf, um auf die Toilette zu gehen. Der bullige POLRI-Beamte musterte ihn, aber als Sadewa nur mit hängendem Kopf in Richtung WC wankte, verlor er das Interesse an ihm. Sadewa verließ das „Bintang“ durch den schmalen Hinterausgang, der in die kleine Gasse mündete, in die er des Nachts bereits vom Balkon aus geblickt hatte. Er bewegte sich bis zur Ecke und wartete darauf, dass die Beamten die Bar wieder verließen.
Die beiden Männer traten in die Hitze hinaus, blickten sich routinemäßig um, aber die Straße war nur ein Schatten ihres nächtlichen Selbst. Unter dem nur mäßig kühlenden Schatten bunter, halb zerfledderter Sonnenschirme standen die kaki-lima-Händler, plauderten mit den GoJek-Fahrern, die neben ihren Rollern standen, um auf Kunden oder Transportaufträge zu warten, die sie über ihr Konek eingespielt bekamen. Sadewa nutzte den kleinen Menschenauflauf als Deckung und brachte sich hinter die Beamten, die auf dem Weg zu ihrem Einsatzwagen am Straßenrand der schmalen Jalan Jaksa waren. Auf einen Befehl seines Konek hin, verformte sich die dünne Maske aus SmartMaterial, die er trug, und veränderte seine Gesichtszüge. Zeitgleich lud sein Konek eine andere ID, sollte er in Bereiche kommen, in denen die Überwachungssensoren Bildmaterial mit hinterlegten IDs abglichen.
„Pak“, winkte er dem nächsten Fahrer zu. Der Mann drehte sich zu ihm um. Ein kleiner Mann mit schlechtem Gebiss, braungebrannt und verschwitzt.
„Dem Wagen hinterher, Pak.“
Der Fahrer schaute zu dem POLRI-Fahrzeug und zögerte.
„Doppelter Fahrpreis“, redete Sadewa sofort auf ihn ein, blieb dabei aber so gelassen, dass der Fahrer nicht argwöhnte, dass Sadewa irgendetwas Illegales im Schilde führte. Zumindest nichts, dass gefährlich genug war, um dieses lukrative Angebot auszuschlagen. Außerdem würde der Mann dann etwas zu erzählen haben, wenn er wieder bei seinen Kollegen ankam. Und das war wichtig. Status.




VIII

Eko war ein unglaublicher Angeber, fand Kadek. Immer prahlte er mit irgendwelchen Geschichten, von denen Kadek annahm, dass mindestens die Hälfte davon erfunden war. Doch heute trieb es Eko wirklich auf die Spitze. Sie standen in ihrer Lieblingsecke vor dem Schuppen mit den Sportgeräten. Rechts, oben auf dem Mast, hing die Flagge der Republik Indonesien schlaff herab, denn kein Lüftchen wehte, um ihnen Erleichterung zu verschaffen. Das störte die Schulkinder jedoch nicht bei ihrem Plausch. Mit seiner neuen Geschichte versuchte Eko ganz eindeutig, Sahara zu beeindrucken, das Mädchen, über das auch Kadek in letzter Zeit immer wieder nachdenken musste. Manchmal sogar, wenn er an seinen Drohnen bastelte, was schon etwas heißen musste, wie er selbst immer wieder erstaunt feststellte. Wenn er ihre kleinen feinen Hände sah und ihr Lachen hörte, das immer so herzlich klang, dann klopfte ihm das Herz bis zum Halse, aber er wusste noch nicht genau, weshalb das so war.
„Ich habe jetzt einen Job“, verkündete Eko stolz.
„Du solltest lieber zur Schule gehen, Ko“, ermahnte ihn Sahara und Kadek grinste innerlich. Eko war nicht so schlau wie er. Das war sein Vorteil. Aber Eko war ein guter Geschichtenerzähler. Und die anderen schätzten das. Außerdem sah er gut aus und kam irgendwie immer ohne Ärger davon. Ganz anders als Kadek, der sich ständig in Schwierigkeiten zu bringen schien. Nur leider wusste er nicht, weshalb das so war.
„Aber das kann ich doch. Es ist ein zusätzlicher Job“, beeilte Eko, sich zu verteidigen.
Sahara schaute neugierig, blieb aber skeptisch.
„Aha, und was für ein Job soll das sein. Etwa nachts?“, hakte sie nach, die Hände in die Hüften gestemmt. Kadek mochte diesen starken Zug an ihr. Sie war das einzige Mädchen in ihrer Clique, stand den Jungs aber in nichts nach. Trotzdem schien sie manchmal, wenn niemand außer ihm hinschaute, so verletzlich und ängstlich, dass er am liebsten zu ihr gerannt wäre und sie in den Arm genommen hätte. Aber natürlich tat er das nicht. Das hätte seinen Ruf ruiniert.
Die anderen Jungs kicherten. Böse funkelte Eko sie an, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle. Er vergaß nie, dass die Geschichte immer im Mittelpunkt stehen musste. Und die anderen hingen an seinen Lippen.
„Ich habe einen Transportjob übernommen.“
Bevor Sahara ihn wieder unterbrechen konnte, fuhr er schnell fort.
„Es war wichtig und es war eilig. Ich musste ein Konek ganz schnell in einer Bar auf der Jalan Jaksa bringen, weil es dort gebraucht wurde. Das war ein ganz schickes Ding. Wartet, ich habe ein Bild gemacht“, sprudelte es aus Eko hervor. Sie blieben alle skeptisch und Sahara hatte sichtlich schon eine Ermahnung auf den Lippen, weshalb sich Eko bei Gott auf der Jalan Jaksa herumtrieb, aber als sie das Bild sahen, das Eko ihnen auf dem kleinen Displays seines Konek zeigte, staunten sie nicht schlecht.
„Das ist ein Muto! Das ist mindestens 15 Millionen wert!“, rief Bang, ein dicker Junge, aus.
15 Millionen!, dachte Kadek und es schwindelte ihm dabei. Das war ja das Zehnfache davon, was sein monatliches Schulgeld betrug!
„Du bist vielleicht blöd, Ko! Warum hast du das Ding nicht behalten und verkauft!? Davon hätten wir alle in das Holo-Center gehen können!“, beschwerte sich der spielsüchtige Di.
Eko schnaubte.
„Ach, ihr habt doch alle keine Ahnung. Ich bin Geschäftsmann. Wenn ich meine Kunden bestehle, dann bekomme ich keine Aufträge mehr. Außerdem ist gestohlene Ware heiß und dafür bekommt man nicht so viel“, dozierte er neunmalklug, aber Kadek fand das gar nicht so dumm. Stehlen war nicht in Ordnung. Das sagte Siti immer. Besser ein Vogel in der Hand, als zehn Vögel auf den Bäumen.
„Das hast du dir doch eh alles ausgedacht“, meinte Di, der beleidigt schien.
Eko schnaubte wieder. Dann holte er den CreditChip heraus, und auf dem Display prangte leuchtend die Summe von 1 Millionen Rupiah*. Alle wurden still, starrten einfach nur sprachlos auf das kleine Display. Und Ekos Grinsen war übermäßig siegessicher und gleichermaßen herablassend, sodass Kadek die Fäuste ballte. Mehr noch, als er sah, wie Saharas Augen gleichfalls leuchteten.
Dann platzte es plötzlich aus ihm heraus. Einfach so.
„Ich habe heute in der Gasse eine bewusstlose Frau gefunden.“
Alle schauten ihn an. Ekos Grinsen verlor eine Spur seiner Selbstsicherheit. Aber noch hatte er den Chip mit der Millionen. Kadek musste jetzt nachziehen. Er biss sich auf die Lippe. Da hatte er etwas gesagt! Siti würde ihn umbringen!
Sein Herz raste. Sahara sah ihn an. Wenn er jetzt nicht nachlegte, dann konnte er ihr nicht mehr unter die Augen kommen.
„Sie lag in der Gasse. Sie war wunderschön. Ihr Haar war … war wie schwarze Seide. Ihre Haut ganz hell“, erzählte er. Sahara machte große Augen. Sie betete die Frauen in den Werbe-Holos an.
„Eine Bule?“, fragte sie hastig.
„Nein, eine von uns. Aber wunderschön und ganz zart. Und noch gar nicht so alt.“
Die Jungs blickten sich an. Geld war die eine Sache, aber eine Prinzessin war etwas ganz anderes. Eine Prinzessin war reich!
„Und dann?“, fragten alle wie aus einem Mund. Selbst Eko.
Kadek lächelte verlegen und scharrte mit den Füßen.
„Keine Ahnung. Siti hat mich zur Schule geschickt. Sie ist alleine bei der Frau geblieben.“
Alle stöhnten enttäuscht.
„Das ist doch bestimmt erfunden“, brummte Di. Di war der Prüfstand ihrer Geschichten. Ein ewiger Skeptiker.
„Nein, ganz sicher nicht. Ich werde es euch beweisen“, verkündete er, und bereits einen Herzschlag später wusste er, dass er sich schon wieder in Schwierigkeiten gebracht hatte. In große Schwierigkeiten. Und dabei hatte er es überhaupt nicht gewollt. Wie hatte dies nur wieder geschehen können? Aber Sahara strahlte, und das war alles, was zählte.




IX

Andrew Wu empfing die Chief Inspector im Terrassen-Bereich. Hier, ungefähr auf der halben Höhe des Gebäudes, befanden sich zwei große, halbkreisförmige Foyers mit einer gewaltigen Panoramafensterfront. Terrassenförmig wie die Reisplantagen jenseits des Sprawl waren hier Bambushaine und Wasserfälle angelegt, deren Design sich nahtlos in das schlichte, funktionale Äußere fügte, das alle KerisCombat Inc.-Produkte auszeichnete. Im Raum schwebende Hologramme zeigten die aktuellsten Nachrichten des Konzerns und seiner Geschäftsbereiche.
Andrew traf Gesprächspartner gerne in dieser Atmosphäre. Es lockerte die Stimmung, wirkte weniger formell und bot genug Anreize zur Ablenkung, die Andrew nutzen konnte, um seine Gesprächsstrategie zu ändern oder das Gegenüber zu analysieren. Die ersten Momente ihres Aufeinandertreffens liefen – wie nicht anders erwartet – ganz nach Protokoll ab. Ihre Koneks tauschten digitale Visitenkarten aus.
„Macht es Ihnen etwas aus, wenn wir ein Stück gehen?“, fragte er sie mit einem Lächeln.
Sie lächelte nicht, setzte sich aber in Bewegung.
Nebeneinander schritten sie her und wie er es erwartet hatte, musterte sie das weitläufige Areal mit den Wasserfällen, den Bambushainen, den eleganten Marmorbecken mit sich windenden Kois.
„Die Sicherheitsbranche läuft scheinbar sehr gut“, merkte sie an.
„Ja, da haben Sie recht. Aber das ist, denke ich, ja auch in Ihrem Sinne. Wir sind schließlich Partner“, erwiderte er und suchte Augenkontakt, den sie auch nicht ablehnte. Er schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Eines, bei dem er sich sicher war, dass es Nähe, aber nicht Aufdringlichkeit ausstrahlte. Ihre grau-braunen Augen blickten in die seinen. Sie lächelte nicht, nickte aber. Er hatte sie richtig eingeschätzt. Sie würde sich weder von seiner Macht noch seinem Charisma beeindrucken lassen, aber sie war bereit, mit ihm zu kooperieren und gewisse Kompromisse einzugehen. Wie weit diese gingen, das musste er allerdings noch herausfinden.
„Haben Sie schon gegessen? Wir haben ein ausgezeichnetes Angebot hier“, lud er sie ein, als sie die Haine umrundet und damit vor dem Eingangsbereich des Food Courts für Führungskräfte angekommen waren. Es wäre unhöflich, die Einladung auszuschlagen, das wusste sie.
„Es wäre mir eine Freude“, spielte sie das Spiel mit, obwohl sie keinen wirklichen Hunger hatte, wie ihm sein Analyseprogramm aus Mimik und Körperhaltung suggerierte.
Im Food Court bestellte sie sich einen Kaffee und er zog gleich. Dann orderten sie noch etwas zu Essen. Sie bestellte sich eine Portion Gado Gado*.
„Sind Sie Vegetarierin?“, fragte er, um noch ein wenig mehr Smalltalk zu betreiben.
„Nein, aber ich hatte heute schon Fleisch.“
„Ja, man sollte es nicht übertreiben damit. Obwohl die heutige Medizin ja durchaus jedes Leiden beseitigen kann.“
Sie blickte ihn an und lächelte zum ersten Mal.
„Wenn man das nötige Kleingeld hat, dann haben Sie recht.“
„Natürlich. Das vorausgesetzt.“
Andrew beschloss, nun etwas stärker in die Offensive zu gehen. Besser, er eröffnete das eigentliche Gespräch, dann konnte er ihr zeigen, dass er nichts zu verbergen hatte.
„Sie haben da gerade einen heiklen Fall.“
Ganz kurz verzog sie die Lippen, kehrte aber schnell wieder zu ihrer Fassade zurück.
„So ist es. Viele Unwägbarkeiten. Deshalb bin ich unter anderem hier.“
Nur unter anderem?
„Im Namen der KerisCombat Inc. biete ich Ihnen meine volle Unterstützung an“, eröffnete er ihr.
„Wenn das so ist, warum haben Sie die Daten dann nicht sofort freigegeben, als wir die Anfrage gestellt haben?“, stieß sie direkt vor.
Diesmal war es an Andrew, zu lächeln.
„Das haben Sie nicht. Sie haben nur eine Freigabe für das Anwesen erbeten. Diese haben wir Ihnen anstandslos erteilt. Was die restlichen Daten angeht, wurde keine Anfrage gestellt.“
Das entsprach sogar der Wahrheit. Suryonos Untergebener hatte, wie Andrew kontrolliert hatte, das entsprechende Protokoll zwar aufgerufen, aber keine Anfrage gestellt, da er gleich erkannte hatte, dass die Sicherheitsfreigabe der POLRI dazu nicht ausreichte.
Chief Inspector Suryono legte ihr Besteck auf den Tisch und blickte ihn an.
„Gut. Mein Fehler. Dann erbitte ich jetzt persönlich um Freigabe der Daten.“
„Natürlich. Einen Augenblick, bitte. Ich muss ein paar Kontrollabfragen durchführen. Lassen Sie sich nicht stören.“
Sie hob ihr Besteck wieder an. Nachdem sie einen Bissen genommen hatte, fragte sie eher beiläufig.
„Warum sperren Sie diese Daten eigentlich?“
„Unsere Kunden schätzen eine gewisse Diskretion.“
Sie wollte etwas sagen, behielt es dann aber für sich. Es wäre sicher nichts Nettes gewesen. Andrew konnte sich schon denken, was es war. Tatsächlich wurden die Daten grundsätzlich deshalb gesperrt, da die wohlhabenden und einflussreichen Bewohner der Enklave neben Geschäftspartnern, die sie nicht offenbaren wollten, auch gewisse Dienstleistungen in Anspruch nahmen.
Während er mit Suryono sprach, arbeitete er sich in seinem Sichtfeld durch das System der KerisCombat Inc. Seine Sicherheitsfreigabe öffnete ihm dabei alle Türen. Er rief den entsprechenden Zeitraum auf, um den es der Chief Inspector ging, und wollte soeben die Daten anwählen, als ihm der Atem stockte. Ein eisiger Kloß breitete sich in ihm aus. Suryono war eine scharfe Beobachterin. Neugierig musterte sie ihn.
„Stimmt etwas nicht?“, fragte sie.
„Äh, nein. Seien Sie unbesorgt. Eine Protokollfrage. Ich hatte ganz vergessen, dass die Daten bereits auf Offline-Speicher übertragen wurden“, log er. Zwar führte der Konzern diese Praxis tatsächlich durch, nicht aber mit derart aktuellen Daten. „Sie sind deshalb im System selbst nicht mehr verfügbar.“
„Scheint mir ineffektiv“, merkte sie an. Witterte sie etwas? Schnell überprüfte er seine Analyseprogramme, die Suryono ständig scannten und ihre Werte anhand verschiedener Parameter auswerteten. Sie schien skeptisch, aber noch im Glauben daran, dass er die Wahrheit sagte.
„Onlinedaten sind angreifbar. Deshalb haben wir ein ausgeklügeltes System zur Offline-Speicherung.“
„Verstehe“, erwiderte Sie nur.
Er musste sich etwas einfallen lassen. Noch immer saß ihm der Schreck im Nacken. Die Daten waren nicht in einen Offline-Speicher überführt worden. Sie existierten einfach nicht. Die gesamte Kamera- und Sensorüberwachung war zu besagtem Zeitraum einfach deaktiviert worden. Und Andrew hatte nicht die geringste Ahnung, weshalb. Wer hatte das verdammt nochmal angeordnet!? Das war ein klarer Verstoß der Konzern-Sicherheitsrichtlinien! In seinem Bezirk! Hier mussten Köpfe rollen; nur nicht sein eigener.
„Ich habe ja Ihre Kontaktdaten. Sobald die Daten verfügbar sind, lasse ich sie Ihnen sofort zukommen“, versuchte er, das Gespräch zu einem Abschluss zu bringen. Nicht der Abgang, den er sich zurechtgelegt hatte, aber ohne weitere Informationen über diesen Sachverhalt waren ihm die Hände gebunden. Auf keinen Fall durfte die POLRI erfahren, dass die Daten nicht existierten. Das würde KerisCombat verdammt schlecht dastehen lassen. Und dafür würde ganz sicher sein Kopf rollen.
Suryono kaute zu Ende, legte das Besteck wieder ab und faltete die Hände übereinander.
„Ich ermittele in einem Mordfall an einem Mitglied der Regierung, Mr. Wu.“
Ihre Stimme hatte eine gewisse Schärfe erreicht, die er in einer anderen Situation sicher als sehr attraktiv empfunden hätte.
„Das verstehe ich“, antwortete er, versuchte, gelassen zu wirken. Noch immer hielt seine Fassade. Er war immerhin ein Profi. Aber seine Basis war zu dünn, um diese Farce noch lange aufrechterhalten zu können.
„Es ist ein ungünstiger Zeitpunkt. Das System teilt mir mit, dass zurzeit Wartungsarbeiten durchgeführt werden. Ich gehe davon aus, dass Sie Ihre Daten innerhalb von einer Stunde haben. Da ich Sie nicht länger bei Ihren Ermittlungen aufhalten möchte, schlage ich vor, dass ich sie Ihnen über eine von uns extra verschlüsselte Verbindung zukommen lassen werde. Ich werde außerdem veranlassen, dass man das Material mit unserer neuesten Soft aufbereiten lässt.“
Suryono zögerte. Ihre Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst. Dann nickte sie.
„Also gut. Die Aufbereitung ist aber nicht nötig. Sobald Sie das Material zur Verfügung haben, schicken Sie es mir. Bitte.“
„Natürlich. Ich werde mich persönlich darum kümmern.“
„Ich danke Ihnen, Mr. Wu.“
Sie erhoben sich. Die Verabschiedung war kurz und weniger formell.


X

„Siti, was ist? Was hast du denn?“, fragte Samayanti verwundert das Mädchen und schob das Datenfenster des Ortungsdienstes an die Peripherie ihres Blickfeldes.
„Bapak Raharjo … das ist doch der Herr Abgeordnete, oder?“, fragte sie, und ihre Stimme zitterte nun deutlich.
„Ja. Bapak Raharjo ist mein Vater“, sprach Samayanti ruhig. Warum erschreckte der Name ihres Vaters dieses Mädchen so?
Doch Siti ging nicht weiter darauf ein. Stattdessen senkte sie den Kopf, hob die Arme vor die Brust, die Handflächen nach oben gerichtet, und fing auf Arabisch an zu beten. Instinktiv sprach Samayanti die Worte nach, die sie in ihrer Kindheit gelernt hatte, die sie immer wieder rezitiert hatte, bis sie für sie zu einer reinen Wiederholung ohne Sinn verkommen waren. Samayanti hatte schon lange nicht mehr gebetet, denn welchen Sinn konnte sie darin schon erkennen, wenn sie in ihrem Mercedes durch die Straßen des Sprawl fuhr und am Wegesrand all die bettelnden Kinder sah. Beten brachte nichts, gar nichts – nur Taten brachten etwas. Nur war es schwer, etwas zu tun. Das Richtige zu tun. Auch Samayanti hatte nichts getan. Sie hatte sich treiben lassen. Und wenn sie in der Nacht mit ihren Freundinnen feiern ging, sich an der Bar in ihren schicken Klamotten einen Drink bestellte, der dem durchschnittlichen Tageslohn eines einfachen Arbeiters entsprach, dann hatte sie all ihre guten Vorsätze wieder vergessen. Denn das, was man nicht sah, das war einfach zu vergessen.
Siti hob den Blick, schaute sie an. Sie schien etwas sagen zu wollen, doch die richtigen Worte wollten ihr nicht einfallen. Stattdessen griff sie nach ihrem Konek und damit auch nach Samayantis Hand. In Samayantis Blickfeld erschien der Feed einer voreingestellten Nachrichtensendung, IndoSatNews, ein typischer Sprawl-Kanal.
>> Grausamer Mord an Abgeordnetem Bapak Raharjo! <<, verkündete das Personaprogramm des Nachrichtenfeeds. Samayanti stockte der Atem. Ihr Körper erstarrte. Nur ihre Hand bewegte sich, schloss sich mit ihren Finger um Sitis Hand, die das Mädchen ihr – wohl wissend, dass sie diesen Halt nun gebrauchen konnte – hingestreckt hatte. Keine Träne rann aus ihren Augen, und doch spürte sie, dass etwas in ihr erloschen war, das sie mit Trauer erfüllte. Doch sie wusste nicht genau, was dieses Etwas war. War es der Tod ihres Vaters? Waren es die Worte, die sie ihm gegenüber ausgesprochen hatte und die ihr nun noch endgültiger erschienen als zuvor? Die Scham? Sie wusste es nicht. Und tief in ihrem Inneren spürte sie die Furcht. Ein leises Pochen, das sich langsam, aber unaufhaltsam aus ihren tiefsten Eingeweiden emporarbeitete, lauter wurde, stärker pochte, sie erzittern ließ. Der Gedanke, das Wissen daran, dass sie nicht wusste, was in jener Nacht geschehen war.
„Siti …“, setzte sie an, spürte, wie ihre Stimme versagte. Sie schluckte. Setzte noch einmal an. „Darf ich mal das Bad benutzen?“
„Aber sicher“, antwortete das Mädchen sogleich. Siti stand auf, blickte auf ihre Hand. Auch das Mädchen zitterte leicht. Samayanti spürte es. Aber vielleicht war es auch nur Einbildung. Sie ließ Sitis Hand nicht los. Sie dachte an die Hand ihrer Mutter. Sie war so alt wie Siti gewesen, als sie zum letzten Mal nach ihr gegriffen hatte. Zum letzten Mal die beruhigende Wärme und Zuneigung gespürt hatte, die von ihr ausgegangen war.
Siti führte sie aus dem Raum. Von draußen fiel Tageslicht in das kleine Haus. Im Wohnraum gab es einen kleinen ausgefranzten Teppich, eine Kommode, die behelfsmäßig abgestützt wurde, da sie vermutlich sonst in sich zusammengebrochen wäre, ein Sofa. Ein weiterer Durchgang ohne Türe führte in die Küche. Dann stand sie vor der Tür zum Mandi. Siti öffnete sie. Erst jetzt ließ sie Samayantis Hand los. Samayanti betrat das kleine Mandi und schloss die Türe. Eine Kakerlake suchte schnell die Flucht und verschwand im Abfluss. Unter normalen Umständen hätte sie sich geekelt, vielleicht sogar erschrocken. Doch sie spürte nichts. Nur dieses dumpfe Gefühl der Trauer, einen seltsamen Schmerz und die Furcht, die sie immer wieder zittern ließ. Die Toilette war nicht viel mehr als ein Loch im Boden, gekachelt, etwas höher gelegen als der Rest des Raumes. Und dann gab es in der Ecke noch das steinerne Becken mit dem Wasser, das traditionelle Mandi, aus dem man sich mit einer Kelle Wasser über den Körper schüttete, um sich zu waschen.
Samayanti griff nach der abgenutzten Plastikkelle, füllte sie und goss sich dann das Wasser über den Kopf. Wieder und wieder füllte sie die Kelle, tränkte ihren Körper, bis die Sachen ihr klatschnass an der Haut klebten. Sie wusch alles von sich. Die Trauer und den Schmerz. Nur die Angst – die Angst wollte nicht weichen.




XI

Auf der Jalan Thamrin, einer der großen Hauptverkehrsachsen des Sprawl, strömten die Menschen in Scharen über die mehrspurige Straße, die von der POLRI für den Verkehr gesperrt worden war. Holo-Banner flimmerten über den Köpfen der Masse. Die Menschen forderten die Verurteilung des Ministers Sinaga, eines Bataks*, die vornehmlich Christen waren. Er habe in seiner letzten offiziellen Rede den Propheten beleidigt, so verkündeten radikale Imame, stachelten die Menge an. Und als erst einmal genug Menschen auf der Straße waren, folgten ihnen immer mehr. Die meisten von ihnen wussten gar nicht recht, worum es eigentlich ging, aber die aufgeheizte, emotionale Atmosphäre ergriff sofort von ihnen Besitz und bald schon waren sie es, die am lautesten riefen, und die anderen taten es ihnen gleich. Und hier, in diesem Kollektiv, konnten sie die strikten sozialen Schranken fallen lassen, die ihnen im Alltag sonst stets die Schultern zusammendrückten. Die Wahrung des Gesichts, der Erhalt der Harmonie.
Der Einsatzwagen des AIPTUS stoppte. Ein Beamter der POLRI näherte sich und Sadewa konnte erkennen, wie sich das Seitenfenster öffnete und der Unteroffizier mit dem Mann sprach, der zu der Truppe gehörte, die die Demonstration absicherte. Dann setzten sich weitere Männer in Bewegung. Sie waren mit Maschinenpistolen bewaffnet, drängten die voranschreitende Menge langsam auseinander, damit sich ein Korridor bildete, durch den der Wagen des AIPTUS passieren konnte. Sadewa fluchte. Der GoJek-Fahrer konnte nun unmöglich weiter folgen. Rasch ließ Sadewa, dem bereits der Schweiß in Strömen aus allen Poren lief, seine Mikrodrohne aufsteigen und schnellstmöglich zum Wagen fliegen. Sie erreicht das Fahrzeug gerade rechtzeitig, als es sich wieder in Bewegung setzte und klammerte sich daran fest.
„Wir fahren außen rum, Pak“, teilt er dem Fahrer mit.
„Wohin, Pak?“
„Erst mal auf die andere Seite des Kanals“, wies Sadewa den Mann an. Dieser nickte und sie setzten sich wieder in Bewegung. Der Fahrer beeilte sich. Der altersschwache Roller ächzte unter ihrem Gewicht und röchelte bereits überhitzt, aber der Mann trieb ihn weiter, beschleunigte, um an der Menschenmasse vorbeizukommen und vor der Demonstration die nächste Kreuzung zu erreichen. Knapp gelang es ihnen, bevor die POLRI auch hier alles dicht machte.
Sadewa erblickte die weitläufigen, hochaufragenden Gebäudekomplexe der Bank of Indonesia jenseits der Jalan Thamrin. Sie bogen in die Jalan Kebon Sirih ein, die entlang des Kanals führte. Kaum ein Mensch war auf der Straße. Sie alle suchten Schutz vor der unablässig brennenden Sonne. An einer der kleinen Bogenbrücken, die über den Kanal führten, passierten sie diesen und hielten an der Kreuzung der Kanalstraße. Eine Garküche stand an der Ecke auf der Straße, gegenüber befand sich eine kleine Werkstatt, nicht viel mehr als Mechaniker, die ihre Werkzeuge und Maschinen auf dem kaputten Gehweg ausgebreitet hatten, um vorbeifahrenden Roller- und Motorradfahrern ihre Dienste anzubieten. Ein Holo verkündete die Preise und machte auf die verschiedenen Dienstleistungen aufmerksam.
Jetzt konnte Sadewa nur noch abwarten. Die Reichweite der Sendeeinheit war beschränkt und er musste auch ihre Batterie schonen. Nur hin und wieder würde er sie aktivieren, um herauszufinden, welche Richtung der AIPTU einschlug. Allzu weit war es ja hoffentlich von hier aus nicht mehr. Er zahlte dem GoJek-Fahrer den doppelten Fahrpreis, wie vereinbart. Dann kaufte er sich eine Flasche Wasser und setzte ich an den Wegesrand bei der Werkstatt. Ein junger Mann mit Mundschutz, die Hände ölig und abgenutzt, sprach ihn gleich an und verwickelte ihn in ein Gespräch. Sadewa hörte nur mit halbem Ohr zu.
Als er den Mann sah, musste er an das Dorf in den Bergen denken. Es war in diesem Dorf gewesen, als sie den Anführer der Sezessionisten geschnappt hatten. Überall waren Moskitos gewesen, und ihr stetes Summen hatte sich zu den fremdartigen Lauten des Waldes gesellt. Der Urwald war ihm des Nachts wie ein einziger gewaltiger Organismus erschienen, der sie zu verschlingen drohte. Ein biologischer Sprawl, dem sie alle ausgeliefert waren.
Es war der Mechaniker im Dorf gewesen, ein junger Mann im Alter seines Gesprächspartners, der ihnen letztendlich das Versteck des Anführers verraten hatte. Sadewa war es gelungen, den jungen Mann zu überzeugen, mit ihnen zu kooperieren. Ängstlich hatten die dunklen Augen des Mannes im Schein der flackernden Neonröhre in der dreckigen, halb verwahrlosten Dorf-Werkstatt geblickt. Sadewa hatte sich selbst in diesen Augen gesehen. Die Angst, die tief in seinem Inneren ruhte. Aber für Angst war kein Platz gewesen. Nakula hatte den Jungen, nachdem er ihnen das Geheimnis verraten hatte, vor seinen Augen erschossen. Ein Kopfschuss. Im Krieg, so hatte er gesagt, da gibt es nur zwei Arten von Leuten: Feinde und Zeugen. Und beide stellen eine Bedrohung dar. Sadewa war da anderer Meinung – aber er hatte nichts gesagt.
Von plötzlicher Scham erfüllt, bot er dem Mechaniker eine Zigarette an, die dieser dankend entgegennahm. Er setzte sich neben Sadewa auf die Straße und sie rauchten einvernehmlich. Diese Menschen hatten keine Ahnung, dachte Sadewa. Überhaupt keine.
Um die Gedanken abzuschütteln, überprüfte er mit seinem Konek den Status seiner Drohne. Es verging noch einige Zeit, dann änderte sich ihre Position nicht mehr. Die POLRI hatte ihr Ziel erreicht. Sadewa überprüfte im Netz die nächstgelegene Schule. Eine SD. Volltreffer! Es waren alte, schlichte Schulgebäude. Die staatlichen Schulen waren oft in keinem guten Zustand. Genau wie dieses Land. Sadewa suchte nach einer öffentlich zugänglichen Kamera und fand sie. Er hätte auch seine Spionagedrohne nutzen können, aber sicherheitshalber wollte er sie am Einsatzfahrzeug des AIPTUS belassen, damit er das Fahrzeug im Notfall weiter verfolgen konnte. Es war zu riskant, sie den Beamten folgen zu lassen und dann möglicherweise die Spur komplett zu verlieren. Aber vielleicht konnte er auf anderem Wege noch etwas Nützliches herausfinden. Sein Ziel war es, den Leuten, die er verfolgte, einen Schritt voraus zu sein. So konnte er die Initiative an sich reißen. Dazu brauchte er allerdings einen Informationsvorsprung oder musste zumindest mit ihnen gleichziehen.
Die öffentliche Kamera war auf den Sportplatz gerichtet, um den Feed der Schule mit Bildmaterial zu füllen. Aber der Sportplatz interessierte Sadewa momentan nicht. Vielleicht hatte die Kamera die Möglichkeit, sich noch weiter zu bewegen, als sie es sonst tat. Er startete ein Infiltrationsprogramm und hackte sich durch die veraltete Sicherheit des Schulsystems. Dann war die Kamera sein. Er ließ sie weiter schwenken, koppelte ihre Bewegungen an sein Sensorium, drehte den Kopf entsprechend, um sie zu fokussieren. Bis auf einige Nachmittagskurse war der Unterricht beendet. Dennoch gab es noch mehrere Gruppen an Schülern, die beisammen standen, sich unterhielten, zusammen eine Mahlzeit einnahmen oder verschiedene Schuldienste verrichteten. Weiß-rote Schuluniformen überall, die Jungs in Hosen, die Mädchen in Röcken. Es dauerte nicht lange, bis Sadewa die beiden POLRI-Beamten erblickte, die sich auf dem Hof umschauten und nach dem Schüler Ausschau hielten, den sie auf den Kameraaufzeichnungen des „Bintang“ gesehen hatten. Der chinesische AIPTU sprach mit einer Dreiergruppe an Schülern; diese wiesen in Richtung Schultor. Die Beamten setzten sich in Bewegung. Der Junge, den sie suchten, stand mit einem anderen Schüler, einem kleinen, dicklichen Kerl, am Tor. Sadewa betrachtete ihn genau. Das Bild der Kamera war nicht besonders gut, aber er war sich sicher, ihn wiedererkennen zu können, sollte er ihm auf der Straße begegnen. Als der Junge sah, wie die Beamten schnurstracks auf ihn zuhielten, schien er eins und eins zusammenzuzählen und ergriff die Flucht. Sadewa musste grinsen. Ein mutiger, kleiner Kerl – auch wenn seine Flucht, wie Sadewa wusste, vergebens sein würde.

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Beitrag #3 |

RE: TIKA
XII

Letztendlich hatten sie sich darauf geeinigt, dass Sahara Kadek vorerst alleine begleitete. Es wäre wohl doch etwas zu viel gewesen, wenn sie alle bei Kadek aufgeschlagen wären. Das musste selbst Di einsehen, der dieses Vorgehen natürlich zuerst für ein Täuschungsmanöver gehalten hatte. Aber die Jungs vertrauten Sahara. Wenn sie die Existenz der mysteriösen Prinzessin bestätigte, dann war die Geschichte als authentisch einzustufen und weitere Schritte konnten eingeleitet werden. Kadek war das nur recht. Jetzt konnte er endlich mit Sahara alleine sein, und sein Herz pochte ihm bereits aufgeregt in der Brust, als sie noch nicht einmal das Schulgelände verlassen hatten.
Nahe einer Seitengasse reihten sich die Roller, Jabos beliebtestes Verkehrsmittel für all jene, die sich kein Auto leisten konnten oder die endlosen Staus fürchteten, aneinander. Sahara, die Schultasche mit den tanzenden Holostickern um die Schulter geschlungen, hielt auf die scheinbar endlose Reihe an Rollern aller Arten, Farben und Verfallsstadien zu.
„GoJek?“, fragte Kadek verwundert mit Blick auf die Gruppe an GoJek-Fahrern, die nahe der Parkzone auf neue Kunden warteten.
„So etwas habe ich nicht nötig“, verkündete sie mit hochnäsiger Stimme und strafte ihn mit einem abfälligen Blick, brach aber kurz darauf in Gelächter aus, als er sie entgeistert anschaute, da er dieses Verhalten gar nicht von ihr gewohnt war.
„Jetzt schau doch nicht so, ich hab nur Spaß gemacht. Aber ich habe jetzt einen eigenen Roller!“, teilt sie ihre sichtliche Freude mit ihm, nahm ihn an der Hand und drehte sich mit ihm im Kreis. Kadek riss sich gleich wieder los, schaute sich panisch um, ob sie irgendjemand gesehen hatte und atmete erleichtert auf, als er kein ihm bekanntes Gesicht erkennen konnte.
Sahara kicherte vergnügt.
„Echt jetzt? Wo hast du den denn her?“, wollte Kadek wissen.
„Von meiner Schwester. Ihr Freund hat ihr ein Motorrad gekauft. Deshalb hab ich ihren alten Roller bekommen.“
„Bagus!“, rief Kadek und klatschte in die Hände. Stolz blieb Sahara vor ihrem neuen Gefährt stehen. Man konnte sehen, dass es schon einiges hatte mitmachen müssen, aber Sahara strich so behutsam darüber, als habe das Fahrzeug Gefühle wie ein Mensch. Sie reichte Kadek einen Ersatzhelm und zog dann ihren auf. Pink und animiert mit Szenen aus dem neuesten SimStim von MichelleMo. Die Szenen aktualisierten sich selbstständig, indem sie Daten von Saharas Konek aus dem Netz bezogen.
Als Kadek hinter ihr aufsetzte, sprach er ein kurzes Dankesgebet, dass Gott ihm einen derart erfreulichen Tag geschenkt hatte. Und dabei war er noch nicht einmal zu Ende. Die Fahrt von der Schule bis in sein kampung würde selbst mit dem Roller eine ganze Weile dauern, und die ganze Zeit über konnte er sich an Sahara festhalten. Das ließ ihn selbst die Schwierigkeiten vergessen, die er sich sicherlich damit eingebrockt hatte, dass er Sitis Geheimnis verraten hatte. Aber erst einmal musste Sahara ihren Roller gestartet bekommen. Kein ganz einfaches Unterfangen, wie er deutlich hörte, als seine Schulfreundin wieder und wieder den Sensor betätigte, aber nur ein lustloses Leiern zu hören war.
„Maaf, das hat er manchmal“, entschuldigte sich Sahara mit verlegener Stimme.
„Es gibt da eine Werkstatt hier in der Nähe, Sa. Ich kenne einen der Mechaniker. Bestimmt kann ich ein gutes Wort für dich einlegen“, schlug er vor und fühlte sich plötzlich dazu verpflichtet, Sahara mit ihrem Roller zu helfen. Dann sprang der Roller an. Sahara gab Gas und der alte Motor knatterte, blieb aber an.
„Ok, klingt cool. Dann lass uns zuerst dorthin“, erwiderte Sahara über das Knattern den Motors hinweg. Zuerst etwas holprig, dann aber immer sicherer, setzten sie sich in Bewegung. Sahara war, obwohl gerade erst 11 geworden, eine ausgezeichnete Fahrerin, aber das galt für viele in ihrem Alter. Kadek bewunderte sie deshalb allerdings umso mehr.
Sie mussten einen Umweg einlegen, um die Werkstatt zu erreichen, die sich an einer der Kanalbrücken gegenüber der Jalan Kebon Sirih befand. Auf der anderen Straßenseite machten ein paar GoJek-Fahrer ein Nickerchen im Schatten einer Palme, während ein paar Straßenmusiker abgedrehte Elektroeffekte auf mit ihren Koneks gekoppelten Trommeln über die Straßenkreuzung hinweg wabern ließen, zu denen ein Duo kleiner Affen hin und her tanzte. Sahara stoppte ihr Gefährt und stellte den Motor ab. Kadek winkte dem jüngsten der Mechaniker, einem Jungen namens Pri, zu. Pri erwiderte seinen Gruß.
„Na, hast du eine neue Freundin, Ka?“, neckte Pri ihn gleich mit einer Kopfbewegung in Richtung Sahara, die gerade ihren Helm abnahm und sich durch das verschwitzte Haar fuhr.
Kadek lächelte verlegen, versuchte dann aber, wie ein seriöser Kontaktmann aufzutreten, der Deals über die Bühne bringen konnte.
„Hör zu, Pri. Du musst mir helfen. Irgendwas stimmt mit dem Roller nicht. Er startet nicht gut. Bitte schau es dir an, ok?“
Pri lächelte und entblößte dabei seine schiefen Zähne.
„Klar doch, Ka. Das mache ich doch mit links. Aber hey, du musst unbedingt ein gutes Wort bei Si für mich einlegen, ok?“
Kadek nickte entschlossen.
„Versprochen. Ehrenwort.“
Pri lächelte wieder zufrieden.
„Dann schauen wir doch mal.“
„Danke, Pri. Bist der Beste.“
Kadek wandte sich an Sahara.
„Mein Freund, Pri, schaut sich den Roller an“, teilte er ihr stolz mit. Sahara strahlte.
„Toll! Danke, Ka. Das ist echt nett, dass du gefragt hast.“ Fast hätte sie nach seiner Hand gegriffen, besann sich dann aber eines Besseren. Sie wollte ihn sicher nicht schon wieder in Verlegenheit bringen.
„Komm, wir kaufen uns SmartBubbles“, schlug er mit einem Blick auf den Verkaufsstand gegenüber vor. „Oh ja!“ Sahara war sofort begeistert von der Idee.
SmartBubbles waren eine unter den jungen Sprawl-Bewohnern äußerst beliebte Süßigkeit, die nicht nur in den verrücktesten Geschmacksrichtungen verkauft wurde, sondern mit der man auch Luftblasen formen konnte, die sich dann, je nach Geschick des Konsumenten, in animierte Motive verwandelten, die durch die Luft schwebten. Kadek hatte eine Packung mit Rendang-Geschmack* ergattert, die er sich genüsslich auf der Zunge zergehen ließ, war doch echtes Rendang zu teuer, als das er es sich allzu oft leisten konnte. Es gelang ihm sogar, eine sich windende Schlange in die Luft zu zaubern, die wagemutig nach vorne stieß.
„Eine Naga*!“, staunte Sahara nicht schlecht.
Später saßen sie auf zwei einfachen, farbigen Plastikhockern und schauten zur Werkstatt hinüber, wo Pri gerade Saharas Roller untersuchte. Der Schweiß stand ihnen auf der Stirn.
„Wer, meinst du, ist diese Prinzessin, die ihr gefunden habt?“, fragte Sahara ihn erschöpft von der Hitze und ließ dabei ihre Beine baumeln.
„Ich weiß nicht, Sa, aber sie ist wunderschön. Wie aus diesen Werbe-Holos.“
„Wie MichelleMo?“
Kadek dachte kurz nach und nickte.
„Bagus!“
Sahara wurde nachdenklich.
„Aber es ist doch seltsam, wie sie zu euch in die Gasse gekommen ist. Die wohnt doch sicherlich in einem schicken Haus in einer Enklave.“
Natürlich war das die Frage, die sich auch Kadek bereits den ganzen Tag stellte.
„Ich weiß nicht. Vielleicht ist sie geflohen. Sie … also, da war Blut an ihr.“
Sahara machte große Augen und blickte Kadek an.
„Blut? War sie verletzt?“
„Nein … also, es sah nicht so aus. Aber ihr Kleid war kaputt und Blut klebte dran, und auch an ihrer Haut.“
Plötzlich wurde sich Kadek der Nähe der anderen Leute bewusst, die am Verkaufsstand saßen. Ein dürrer Junge in einem alten Batik-Hemd, der zu den Straßenmusikern hinüberschaute, eine Frau mit Plastiktüten bepackt, die eine kurze Rast einlegte. Ein kräftiger Mann mit kurzrasiertem schwarzem Haar, der am helllichten Tage auf offener Straße aus einer Bierflasche trank, was ein seltener Anblick für Kadek war, dem plötzlich unwohl wurde. Er konnte den Grund dazu nicht genau bestimmen, aber es schien ihm ratsam, nicht weiter über die Prinzessin zu sprechen, wenn so viele andere Menschen in der Nähe waren.
„Komm, Sa, lass uns nach deinem Roller schauen.“
„Ja, gute Idee. Sonst schlafe ich hier noch ein, so müde bin ich.“
Träge erhoben sie sich, schlenderten wieder auf die andere Seite der Kreuzung, wo Pri sich den Schweiß von der dreckigen Stirn rieb, was es natürlich nicht besser machte, da seine Hände noch viel schmutziger waren.
„Konntest du was finden, Pri?“, fragte Kadek hoffnungsvoll.
Der Junge kratzte sich am Kinn, wo ihm einige Bartstoppeln sprossen, die man aber wegen des Drecks kaum noch erkennen konnte.
„Der Starter. Er braucht `nen neuen.“
Sahara schaute niedergeschlagen.
„So viel Geld hab ich nicht.“
Pri lächelte aufmunternd.
„Keine Sorge. Ich habe noch ein paar andere Tricks auf Lager. Er müsste jetzt besser laufen. Probier’s aus.“ Sahara strahlte gleich wieder und widmete sich ihrem Roller. Pri blickte zu Kadek und zwinkerte ihm zu. Artig neigte Kadek den Kopf zum Dank. Als Sahara den Sensor betätigte, sprang ihr Roller nicht gleich an, aber beim zweiten Versuch ging es. Eine wesentliche Verbesserung.
„Super! Schon viel besser!“, freute sich das Mädchen.
Pri griff in seinen Werkzeugkasten, der am Bordstein stand, und holte eine kleine Dose heraus.
„Bei Regen könnte er dir Probleme machen. Wenn er da nicht will, dann kannst du das hierhin sprühen. Das hilft dann“, erklärte er ihr mit einem freundlichen Lächeln.
Sahara zögerte.
„Nimm’s. Ist ein Geschenk von Meistermechaniker, Pri“, drängte Pri sie und grinste.
Sahara verneigte sich dankend und nahm die Dose.
„Vielen Dank!“
„Pri, trödel‘ nicht so! Es gibt noch andere Kunden“, war von weiter hinten das Murren des Werkstattbesitzers zu vernehmen.
„Von wegen Kunden … bei dieser Hitze kommt ja eh keiner. Die verkriechen sich alle in die kühlen Malls, laufen herum und schauen sich Sachen an, die sich eh keiner kaufen kann“, murmelte Pri, grinste aber trotzdem. Er hatte Spaß an der Arbeit, und das sah man ihm an.
Er hob die Hand.
„Selamat jalan!“*
„Selamat tinggal!“, erwiderten Kadek und Sahara wie aus einem Munde die Verabschiedungsphrase an den, der bleibt.



XIII

Während der Fahrt hatte Tika ein Nickerchen gemacht und den Autopiloten die Rückfahrt übernehmen lassen. Sie war einfach zu müde gewesen. Der monotone Verkehr und ein Mangel an Kaffee hatten ihr die Augenlider schwergemacht. Sie gab die Kontrolle nur ungerne ab, aber sie ahnte bereits, dass noch ein langer und anstrengender Tag vor ihr lag und möglicherweise würde sie sonst keine Gelegenheit mehr haben, noch einmal zur Ruhe zu kommen. Was das Schlafen anging, war sie ihren Landsleuten nicht unähnlich. Indonesier konnten zu jeder Zeit und an jedem Ort sofort einschlafen und blieben dabei völlig ungeniert.
Ihr Konek weckte sie, als ihr Wagen die Tore zum Areal des Zentralkomplexes der POLRI erreicht hatte. Mit Sturmgewehren bewaffnete Beamte in Gefechtsmontur standen dort in der Mittagshitze Wache. Ein deutliches Zeichen für die Alarmbereitschaft der POLRI, seit die Anschläge von Darul Islam* wieder zugenommen hatten. Die totgeglaubte islamistische Untergrundorganisation, die einen Staat unter islamischem Recht anstrebte, hatte erst letzte Woche einen gnadenlosen Anschlag auf eine Mall verübt und dabei mehr als 100 Todesopfer gefordert.
Das Expertensystem der POLRI überprüfte ihre ID, die Signalcodes ihres Wagens und scannte ihr Fahrzeug mittels modernster Sensoren auf etwaige Überraschungen. Erst dann öffnete sich das schwere Tor und ließ sie passieren.
Tika dachte über die Parlamentssitzungen nach. Es standen kontroverse Themen zur Abstimmung. Das Militär verlangte nach mehr Einfluss, sowohl im Parlament selbst als auch in Bezug auf grundlegende Sicherheitsfragen, was Auswirkungen auf Tikas Job und vielmehr auf die gesamte POLRI haben würde. Tika interessierte sich nicht wirklich für Politik. Sie war ein dreckiges Geschäft und durchsetzt von Korruptionsfällen, die selbst die POLRI in den Schatten stellte. Aber dass das Militär zunehmend stärkere Ansprüche stellte, ließ sie natürlich nicht kalt. Das Parlament selbst schien gespalten, wie es mit diesem Druck umgehen sollte. Angesichts der Bedrohung aus dem islamistischen Lager gab es durchaus Fürsprecher. Andere fürchteten das Militär aber und vermuteten Hintergedanken der Generäle in Richtung Putsch. Das Regierungssystem selbst stand hier auf dem Prüfstand, wie Tika bewusst war. Und dann gab es da noch die geheimen Abstimmungen. Über ihre Kontakte hatte Tika davon erfahren, nicht aber, worüber abgestimmt wurde. Dass es solche Abstimmungen überhaupt gab, war für Tika bereits eine fragwürdige Regierungspraxis. Ob der Tod des Abgeordneten Raharjos irgendetwas mit einer dieser Abstimmungen zu tun hat? Dafür hätte Tika aber mehr Insiderwissen gebraucht. Sie musste sich mit Gus treffen – der konnte ihr sicherlich weiterhelfen. Aber bei dem Gedanken daran verspürte sie nicht gerade große Begeisterung. Ach, was soll’s. Ich muss die Zähne zusammenbeißen. Dimana ada kemauan, di situ ada jalan – wo ein Wille, da ein Weg. Sie würde die Informationen schon aus ihm herausbekommen, ohne sich näher mit ihm einzulassen. Doch kaum war der Gedanke vergangen, zweifelte sie bereits an seiner Richtigkeit.
Im Schatten des Verwaltungstraktes schrieb sie ihm eine Nachricht. Selbst das kostete sie einige Nerven und ließ widersprüchliche Erinnerungsfetzen und das damit einhergehende Gefühlschaos in ihr aufwogen. Sie brauchte mehrere Anläufe, bis sie einen Text zusammengestellt hatte, mit dem sie zufrieden war. Wie ein Kunstwerk, bei dem sich der Künstler jeden Pinselstrich genau überlegte, bevor er ihn setzte. Denn was einmal gesagt worden war, konnte man nicht mehr zurücknehmen. Wie der Reis, der zu Brei geworden war. Über das meiste schwiegen ihre Mitmenschen deshalb lieber und ergingen sich in ihr omong kosong, das so viel sagte und doch gleichzeitig so wenig.      
Tika verzog missmutig die Lippen und griff nach ihren Zigaretten.
„Bitte, nehmen Sie doch eine von meinen“, hörte sie plötzlich die Stimme ihres ranggleichen Kollegen Diriyanto, der ihr seine geöffnete Schachtel GarudaGolds, eine teure Marke, hinhielt. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er sich ihr genähert hatte. Sein schmieriges Lächeln hätte sie sonst schon aus weiter Entfernung erkannt. Zumindest musste Tika sich eingestehen, dass Diriyanto ein sehr fähiger Offizier war und einen scharfen Verstand besaß, was ihn umso gefährlicher machte. Aber sie kam nicht ganz ohne Verbündete aus. Die meisten ranggleichen Kollegen mieden sie, und für Indonesier war der Ausschluss aus einer Gruppe, so subtil er auch für gewöhnlich praktiziert wurde, ein gesellschaftliches Todesurteil.
Tika nahm sich eine der mit dem goldenen Garuda geprägten Zigaretten und steckte sie sich zwischen die Lippen. Diriyanto war ganz der Gentleman, den er jedem gegenüber spielte, und gab ihr Feuer, bevor er sich selbst eine anzündete.
„Sie haben da einen ziemlich kniffligen Fall, wie ich gehört habe“, begann er das Gespräch. Tika versuchte, gelassen zu bleiben. Sie zog an ihrer Zigarette, antwortete nicht gleich. Diriyanto wollte doch etwas von ihr. Er hatte sie hier draußen stehen sehen und sich gedacht, dass es eine gute Gelegenheit wäre, sie außerhalb der direkten Blicke anderer ansprechen zu können. Ein Gespräch unter Kollegen. Ganz informell.
„Es gibt noch viele schwer abzuschätzende Umstände“, antwortete sie ausweichend.
Diriyanto nickte, blickte zum Zentralkomplex hinüber.
„Bei dem Fall könnten sich einige unangenehme Nachwirkungen einstellen, habe ich die Befürchtung“, sprach er weiter, und sie meinte sogar, eine Spur von Besorgnis in seiner Stimme zu erkennen. Diriyanto hatte für einen Mann eine weiche Stimme, die so gar nicht zu einem Offizier der POLRI zu passen schien. Allerdings war es dadurch auch schwerer, ihn zu durchschauen. Selbst Beleidigungen klangen aus seinem Munde meist äußerst harmonisch. Hatte er Sorge um sie? Nein, unmöglich.
Sie hob den Blick, schaute ihn an. Ein deutliches Zeichen ihres kampfeslustigen Willens.
„Der Fall ist wichtig. Hier geht es um Einiges. Natürlich gibt es ein Risiko“, erwiderte sie, versuchte abzuschätzen, was er dachte.
„Ich bewundere Ihren Mut. Möglicherweise könnte das Gewicht aber erdrückend sein.“
Wollte er sie vor dem Fall warnen? Sie konnte jetzt nicht mehr zurück, ohne einen Gesichtsverlust zu riskieren. Nicht, dass ihr das allzu viel bedeutet hätte, aber Tika fing keinen Fall an, den sie nicht auch zu Ende brachte. Oder war es ein Angebot auf einen Bündnispartner? Plötzlich spürte sie einen Moment der Schwäche. Sie wollte sich jemandem anvertrauen. Sie wusste, dass sie es alleine vielleicht nicht schaffen konnte. Innerlich spürte sie die Angst vor der gewaltigen Größe dieses Falls. Sie senkte den Blick.
„Ja, es könnte schwierig werden“, antwortete sie, zog an ihrer Zigarette.
„Sie sind wirkliche eine herausragende Beamtin, Suryono. Das meine ich ganz ehrlich. Ich … würde es nur ungerne sehen, wenn Sie sich an dem Fall die Finger verbrennen. Die politische Lage ist zurzeit so aufgeheizt wie die Sonne, die auf uns herabbrennt. Wenn sie nicht sogar noch heißer ist. Und die Führung wird schnell ungeduldig. Wir leben in unsicheren Zeiten“, sprach er auf sie ein, direkt und ohne die üblichen Umschreibungen.
„Im Moment macht der Fall nur wenig Sinn“, gab sie zu.
„Ich muss noch auf weitere Daten warten, aber zurzeit ist die einzige Verdächtige die Tochter des Abgeordneten. Aber das kann noch nicht die Lösung des Falls sein.“
Diriyanto nickte ernst, drückte seine Zigarette aus.
„Wir könnten zusammenarbeiten“, eröffnete er ihr plötzlich den eigentlichen Grund seines Kommens.
Tika war ganz durcheinander. Die Nachricht an Gus hatte sie aus ihrem Konzept gebracht. Und jetzt war sie auch noch redselig geworden. Nicht, dass Diriyanto den Fall nicht hätte im System auch selbst nachschlagen können, aber er hatte sie kurzzeitig am Haken gehabt. Sie musste sich vorsehen, trotz der widersprüchlichen Gefühle in ihr. Sie brauchte Unterstützung, das wusste sie, aber sie wusste nicht, ob sie mit Diriyanto, oder irgendeinem anderen Offizier, zusammenarbeiten wollte.
„Meinen Sie, dass würde genehmigt werden?“, frage sie dann. Damit war es entschieden. Sie hatte zugesagt. Aber hätte sie wirklich ablehnen können?
„Ich werde das schon regeln“, versicherte er ihr, lächelte wieder.
Nachdem er sich verabschiedet hatte, ließ Tika die Schultern sinken. Sie dufte keinen Fehler machen. Es stand einfach zu viel auf dem Spiel.



XIV

Ibu Samayanti blieb lange im Mandi verschwunden, aber Siti respektierte das. Der Tod ihres Vaters musste eine tiefe Wunde in der jungen Frau hinterlassen haben. Siti wusste nicht, wer ihre eigenen Eltern waren. Nachts, wenn sie wach lag wegen der Hitze und der fragmentierten Gedanken, die wie ein zerbrochener Spiegel in ihr Innerstes schnitten, fragte sie sich manchmal, wie sie wohl ausgesehen haben mochten. Wer sie gewesen waren. Wie sie geheißen hatten. Und ob sie wohl auch zu Gott gebetet hatten, so wie sie.
Die frühesten Erinnerungen waren diejenigen an ihre Tante, aber ob sie wirklich ihre richtige Tante war, das hatte sie nie zu fragen gewagt. Sie wollte es nicht wissen, und es spielte auch keine Rolle für Siti. Sie glaubte daran, und das war alles, was zählte. Der Mann ihrer Tante, ihr Onkel, war schon vor vielen Jahren gestorben. Lange hatte er an einer Krankheit gelitten. Immer wieder hatte er gehustet. Ihre Tante hatte ihr erzählt, dass es von der Arbeit auf der großen Deponie Bantar Gebang kam. Dort, wo sich Abertausende von Arbeitern als Müllsammler verdingten, versuchten, diesen gewaltigen Berg an Müll, der den Sprawl zu ersticken drohte, wieder in etwas Brauchbares zurück zu verwandeln. Bis zu seinem Tod hatte ihr Onkel dort gearbeitet. Tag für Tag. Bei sengender Hitze und stürmendem Monsun. Monoton seine Arbeit verrichtet wie eine Ameise, umgeben von den haushohen Müllbergen Bantar Gebangs.
Bis er immer schwächer geworden war, immer mehr gehustet hatte und irgendwann einfach nicht mehr aufgestanden war. Seitdem waren Kadek und sie, gemeinsam mit ihrer Tante, die aber nur selten nach Hause kam, da sie ständig arbeitete, alleine. Doch Siti war nicht unglücklich. Es gibt da diesen Ort, hatte ihre Tante ihr erzählt. Es ist der Ort, der für uns bestimmt ist. Für jeden bestimmt ist. Aber für jeden Menschen ist es ein anderer Ort. Das Feingefühl, Rasa, zu besitzen, zu wissen, wo man diesen Ort finden kann, sei das höchste Ideal eines jeden Javaners, hatte ihre Tante immer wieder eindringlich gesprochen. Und Gott wird dir helfen, diesen Ort für dich zu finden. Und wenn du ihn einmal gefunden hast, dann darfst du ihn nicht mehr verlassen, Si, denn die harmonische Ordnung ist wichtiger als alles andere. Am Blick ihrer Tante hatte Siti erkannt, dass es diesen tatsächlich Ort geben musste.
Siti wusste nicht, ob dies der Ort war, der für sie bestimmt war. Sie wusste nur, dass sie Kadek beschützen musste und für ihn zu sorgen hatte. Und dass sie ihrer Tante helfen musste, um eine möglichst geringe Last für sie darzustellen. Dann, so glaubte sie, würde sich der Ort, der ihr Schicksal enthielt, für sie offenbaren. Aber was, wenn sie es nicht bemerkte? Wenn sie den Ort nicht sah? Vertraue auf Gott, hatte ihre Tante gesagt. Wenn du glaubst, dann musst du dich nicht sorgen.
Ob Ibu Samayanti auch an Gott glaubte? Vorhin zumindest, da hatte auch sie die Worte des Gebetes leise vor sich hingesprochen. Siti waren sie wie automatisch über die Lippen gekommen. Sie hatte sie auswendig gelernt. Sie wusste, dass sie aus dem heiligen Buch stammten, aber Siti hatte Schwierigkeiten damit, ihre Bedeutung zu erfassen. Die Sprache erschien ihr wie aus einer anderen Welt – ganz anders als die Worte, die die Menschen auf dem pasar malam miteinander wechselten. Anders, als die Unterhaltungen, die sie mit Kadek führte. Mehr wie die Sprache, die ihre Tante dazu benutzt hatte, um ihr etwas über Rasa, das Feingefühl zu erzählen. Alt und verwoben wie die Erzählungen des wayang im Zwielicht des Nachtmarktes.
Siti lenkte ihre Aufmerksamkeit in die Gegenwart zurück, in das, was sie sehen und anfassen konnte. Ibu Samayanti hockte am Hauseingang in der Türschwelle, die Beine angewinkelt und an ihren Körper gezogen, die Arme darüber verschlungen. Ihr Blick glitt in die Leere der Gasse, doch Siti war sich sicher, dass die junge Frau mit ihren Gedanken ganz woanders war. Genauso wie Siti zuvor. Das Sonnenlicht fiel auf Ibu Samayantis helle, makellose Haut und Siti musste zum wiederholten Male den Drang unterdrücken, einen Schirm über ihren Gast auszubreiten, damit die gefräßigen Strahlen der Sonne dieses zarte Porzellan nicht verbrannten. Stumm blickte Siti auf ihre eigenen Hände, auf die dunkle Haut ihres eigenen Körpers. Sie hatte nichts gemein mit dieser Frau, die dort an der Schwelle ihres Hauses hockte, verloren und einsam wie der davon schwebende Fetzen eines verblassenden Traumes. Und doch fühlte Siti ein Band der Verbundenheit zwischen ihnen, das sie sich selbst nicht recht erklären konnte.



XV

Als Sadewa die Position seiner Mikrodrohne erneut überprüfte, versank der Sprawl um ihn herum bereits im Grau der Dämmerung. Überall gewann das Licht der Hologramme an Eindringlichkeit, tränkte die hereinbrechende Dunkelheit in ein bunt leuchtendes Abbild der Realität. Sadewa betrachtete die Route der beiden Schulkinder, deren interessantes Gespräch er an der Werkstatt gegenüber der Jalan Kebon Sirih belauscht hatte und errechnete einen geeigneten Schnittpunkt, zu dem er seinen Wagen beorderte, damit er ihn dort übernehmen konnte. Das Schicksal schien ihm also doch noch gewogen. Gott hatte ihm diese beiden Kinder geschickt. Und die Prinzessin, die der Junge gefunden hatte, konnte nur Samayanti sein. Er spürte es.
Genau wie im Falle der POLRI, hatte er mit einer seiner Drohnen auch den Roller des Mädchens zu einem auf seiner Karte leuchtenden Peilsignal gemacht, dem er mühelos folgen konnte, solange er sich nicht zu weit von seiner Beute entfernte. Das Umsteigen in seinen eigenen Wagen kostete ihn zwar wertvolle Zeit, zumal er mit dem Auto nun langsamer unterwegs war als auf einem GoJek, aber es war unerlässlich, wenn die Entführung Samayantis gelingen wollte. Neue Zuversicht ergriff Sadewa. Diesmal würde alles nach Plan laufen.
Kurz nachdem das Mädchen und ihr Beifahrer das kampung erreicht hatten, ließ Sadewa seine Überwachungsdrohne aufsteigen. Das kampung erstreckte sich entlang eines Kanals, der wie viele seiner Art vom Ciliwung, dem Fluss, der Jabo durchzog, abzweigte. Schmale Gassen, kleine Hinterhöfe, nahtlos aneinandergereihte, einfache Häuser mit ihren alten, aus dem letzten Jahrhundert stammenden Ziegeldächern, die diesem Teil des Sprawl aus der Luft gesehen seine charakteristische, rote Färbung verliehen. Zum Kanal hin nahm die Zahl dieser Häuser ab, wurde ersetzt durch schlichtere und baufälligere Gebäudestrukturen, die man aus dem zusammengesetzt hatte, was vor Ort vorzufinden gewesen war. Die Kanalisation verlief hier ohne eine strikte Abtrennung von der restlichen Infrastruktur. Schmale Rinnsale, die sich an den Straßen- und Gassenrändern wie Gräben entlangzogen und schließlich in den dreckigen Kanal mündeten. Wie feine Wunden, die man in den langsam dahinsiechenden Leib des Sprawl geschlagen hatte.
Zwischen diesem unübersichtlichen Meer an Häusern, drängten sich Moscheen mit ihren dünnen, die anderen Gebäude überragenden Minaretten und buddhistische Tempel mit ihren rot-leuchtenden Papierlaternen und den geschwungenen Pagoden-Dächern.
Die Überwachungsdrohne war ein streng militärisches Gerät. Modernste Tarn- und Spionagetechnologie verwandelte das kleine Luftfahrzeug in ein perfektes Überwachungsinstrument, das einem erfahrenen Operator wie Sadewa ungeahnte Möglichkeiten verschaffte, selbst bei der Observation eines derart unübersichtlichen Ortes wie das kampung ihn darstellte. Mit wenigen Augenbewegungen hatte Sadewa die Sensoren der Drohne auf den Roller, der sich durch die Gassen des kampung hin und her bewegte, fokussiert und gleichzeitig mit den Holos, die er von Samayanti besaß, ein Suchprofil geschaffen, um Raharjos Tochter aufzuspüren.
Die Hauptstraße, die sich scheinbar unberechenbar durch das kampung wand, erstickte an ihrem eigenen Verkehr. Knatternde Roller drängten sich an Sadewas Wagen vorbei, wechselten nicht selten einfach auf die entgegengesetzte Fahrbahn, um in waghalsigen Manövern, bei dichtem Gegenverkehr, am stockenden Strom der Fahrzeuge in ihrer eigenen Fahrtrichtung vorbeizukommen. Am Straßenrand flammten die billigen Leuchtröhren der kaki-lima-Händler auf. Die Dunkelheit hatte sich über den Sprawl gesenkt, war wie stets rasch über ihn hereingebrochen. Dann schlug die Gesichtserkennungssoftware seiner Drohne an. Sadewa verkrampfte die Hände am Steuer, als er für wenige Herzschläge lang in das feingeschnittene Gesicht Samayantis blickte, das die Frau zum Himmel empor gereckt hatte, so als suche sie in dem endlosen grauen Himmel über dem Sprawl nach Antworten. 95% Übereinstimmung, meldete ihm sein Konek, aber Sadewa wusste bereits, dass sie es war. Ungeachtet des dichten Verkehrs stoppte er seinen Wagen am Straßenrand und stieg aus. Sadewa kontrollierte die Position der Schulkinder. Sie hatten an einer Ecke gehalten, vermutlich bei einem der kleinen warung, die in ihren Auslagen Lebensmittel und Produkte des alltäglichen Bedarfs zu günstigen Preisen für die kampung-Bewohner verkauften. Er konnte es schaffen. Er war näher dran. Nicht, dass die beiden Schulkinder irgendeine Bedrohung für ihn dargestellt hätten, aber umso weniger Zeugen es gab, desto besser für ihn.
Sadewa fing zu laufen an. Er war ein guter und ausdauernder Läufer, aber selbst die sinkenden Temperaturen des Abends reichten noch immer aus, seinen Körper schon nach wenigen Minuten in Schweiß zu tränken. Er kniff die Augen zusammen, wischte den Schweiß hinfort, bog um die nächste Ecke, zog das Tempo noch einmal an, der Karte folgend, die seine Drohne aus der Luft für ihn generiert hatte und die er durch seine Kontaktlinsen hindurch in seinem Blickfeld aufleuchten sah. Dann hatte er die letzte T-Kreuzung erreicht. Er war ihr nun nahe. Sie hatte ihre Position nicht verändert, saß noch immer an der Türschwelle eines ärmlichen Hauses. Die Gasse war in Dunkelheit getaucht. Nur aus dem Haus drang etwas Licht. Sadewa zog seine Pistole. Sie lag  perfekt in seiner Hand, fühlte sich vertraut und wie ein Teil seiner selbst an. Er atmete durch, trat in die Gasse, richtete die Waffe auf sie. Im Augenwinkel musste sie die Bewegung in der Dunkelheit erkannt haben. Ihre Aufmerksamkeit verlagerte sich in das Schwarz der Gasse. Sie erstarrte.
„Keinen Laut“, sprach er ruhig, trat näher heran, bis er erkennen konnte, was sich jenseits der Türschwelle befand. Ein Mädchen stand dort, beobachtete Samayanti und erblickte dann ihn und die Waffe, die auf sie beide gerichtet war. Kein Schrei kam über Lippen des Mädchens, aber im fahlen Licht der Hausbeleuchtung sah er das Aufflackern der Angst in seinen dunklen Augen.
Er sollte es erschießen. Jetzt gleich. Sein Finger legte sich auf den Sensor des Abzugs. Die Waffe erkannte sofort seine Biometrik und sein Konek zeigte ihm die Einsatzbereitschaft in seinem Blickfeld an. Es gibt nur Feinde und Zeugen, Sadewa. Und beide stellen sie eine Bedrohung dar. Nakulas Stimme klang bedrohlich und eindringlich in seinen Gedanken, ließ ihn trotz der Hitze, die er empfand, frösteln. Nein, sagte er sich ruhig. Der Tod des Mädchens war nicht nötig. Noch nicht. Er würde sie mitnehmen, sie beide.
„Dein Konek. Wirf es mir zu“, befahl er dem Mädchen. Es zögerte kurz. Ein mutiger Zug. Doch dann nahm das Mädchen es von seinem Handgelenk und warf es zu ihm herüber.
„Aufstehen. Beide. Wir werden jetzt einen kleinen Spaziergang machen. Und sollte eine von euch beiden an Flucht denken.“
Doch er führte den Satz nicht zu Ende aus. An ihren Blicken erkannte er, dass sie ihn verstanden hatten. Dann weckte eine Bewegung am Rande seiner Wahrnehmung seine Aufmerksamkeit. Aus der anderen Richtung, aus einer schmalen Gasse heraus, traten zwei Gestalten. Der AIPTU und sein Untergebener! Er hatte versäumt, die Position des Einsatzfahrzeuges zu überprüfen! Wie hatte ihm das geschehen können?
„POLRI! Waffe fallen lassen!“, raunte die Stimme durch die Gasse. Sadewa wirbelte herum, bewegte sich schneller, als die beiden POLRI-Beamten es für möglich gehalten hätten. Die Schüsse ihrer elektronisch feuernden Waffen waren kaum zu hören. Sie feuerten zur selben Zeit. Ein Treffer riss Sadewas linke Schulter zurück, doch seine Meisterschaft im Umgang mit der Waffe ließ sich dadurch nicht aus dem Konzept bringen. Der Untergebene des AIPTU hatte sofort geschossen, doch der Offizier selbst, so erkannte Sadewa nun, hatte gezögert. Ein tödlicher Fehler im Kampf gegen einen Mann, der so schnell und fähig war wie Sadewa. Seine automatische Waffe feuerte in schneller Folge. Der kräftige Körper des POLRI-Beamten wurde durch die Wucht der Einschläge nach hinten gerissen und schmetterte zu Boden. Der AIPTU hatte weniger Glück. Sadewas Schüsse waren perfekt gezielt, Resultate jahrelangen und erbarmungslosen Trainings und zahlloser Kriegseinsätze in den entlegenen Urwäldern des Archipels.  Das Gesicht des Mannes wurde aufgerissen, in Blut getränkt und deformiert. Dann brach der AIPTU wie eine von ihrem Puppenspieler fallengelassene wayang-Figur zusammen. Sofort setzte Sadewa nach. Der Mann am Boden war zäh. Schon war er dabei, seine Waffe wieder nach oben zu reißen. Das Atmen musste ihm nun schwerfallen. Das SmartMaterial seiner Uniform hatte sich sofort ausgehärtet, um die kinetische Energie des Treffers abzufangen und zu verteilen, aber die Wucht der Projektileinschläge hatte ihn dennoch zu Boden gehen lassen. Sadewa würde ihm keine Chance dazu geben, sich wieder zu erheben. Noch ehe der Mann wieder auf ihn feuern konnte, tränkte Sadewa den POLRI-Beamten mit Kugeln und zerfetzte ihm den Kopf. Sein Herzschlag ging schnell. Nur widerwillig löste sich sein Finger vom Sensorabzug. Dann wendete er den Kopf. Samayanti war verschwunden. Er biss die Zähne zusammen und lief zurück zum Hauseingang, hörte noch, wie eine rückläufige Türe aufgerissen wurde. Sofort stürmte er in das Haus, orientierte sich, ließ die Bewegungsortung seiner Drohne das Haus und seine Umgebung fokussieren. Ein Hinterausgang! Er stürzte in die Küche, erblickte die Türe, riss sie auf und fand sich in einem schmalen, dreckigen Hof wieder, der von Leinen überspannt wurde, an denen man Kleidung zum Trocknen aufgehängt hatte. Er musste sich beeilen. Das Mädchen kannte sich hier aus und mit jeder Minute, die er länger in diesem kampung blieb, stieg die Wahrscheinlichkeit, dass die POLRI eintraf, um den Tod ihrer beiden Männer zu rächen.
Sadewa, die Pistole fest umgriffen, schlug die Kleidung bei Seite und durchquerte rasch den Hof. Er blickte in Richtung der aufgestoßenen Türe vor sich, die Teil des gegenüberliegenden Gebäudes war. Doch seine Drohne zeigte ihm ein anderes Bild. Samayanti und das Mädchen waren jenseits der brüchigen Mauer, die den Hof von der nächstgelegenen Gasse abtrennte. Kluges Mädchen. Er schaute nach unten, erblickte das Loch in der Mauer, halb verdeckt durch die zum Trocknen aufgehängte Wäsche. Gerade groß genug für Samayanti, aber ganz sicher zu klein für ihn. Mit einem Satz wuchtete er seinen Körper auf die Mauer, wäre fast abgerutscht, als die rissige Oberkante abbröckelte. Dann war er mit einem Sprung auf der anderen Seite. Nur wenige Meter entfernt sah er Sayamanti und das Mädchen. Es hatte die Führung übernommen und zog die junge Frau um eine Ecke. Eine weitere Gasse, die – wie Sadewa mittels seiner Drohne erkannte – zum Kanal hinabführte. Sadewa sprintete los. Er bekam Samayantis zierlichen Körper zu packen, als diese soeben das von Müll und Schrott überwucherte Kanalufer hinabschlitterte. Diesmal schrie die Frau auf, wehrte sich nach Leibeskräften, obwohl er ihr die Pistole in den Rücken rammte. Dann holte er aus und schlug sie nieder. Vielleicht hätte das Mädchen in diesem Moment entkommen können. Vielleicht wäre sie schnell genug gewesen, sich in einem der zahlreichen Löcher zu verstecken, die der Kanal für die Ratten des Sprawl bereithielt. Aber das Mädchen blieb an Ort und Stelle, hielt Samayantis Hand auch dann noch fest umgriffen, als sie bereits in Sadewas Griff erschlaffte.
„Wenn du noch einmal davonläufst, dann erschieße ich dich. Hast du das verstanden?“, sprach er mit tödlicher Ruhe.
Das Mädchen nickte stumm.
Sadewa schulterte Samayanti und wies mit seiner Pistole in Richtung Kanal.
„Da lang“, befahl er. Sie würden am Ufer entlang gehen und sich dann bei einer der Kanalbrücken verstecken, bis sein Wagen, den er mit seinem Konek dorthin beorderte, sich durch den Stau gekämpft hatte. Es war risikoreich, aber den Weg wieder zurückzugehen, erschien Sadewa noch gefährlicher. Bald schon würden Drohnen der POLRI das kampung aus der Luft absuchen – lange, bevor es irgendwelchen Einsatzkräften gelungen war, sich durch den chaotischen Verkehr hierher zu begeben.



XVI

Die melancholischen, schwerfälligen Klänge des Dangdut-Ensembles, getragen vom Fundament der zweifelligen SynthKendhang, digital erweiterten Trommeln, die ursprünglich aus den uralten Gamelan-Orchestern* der javanischen Fürstenhöfe stammten, trieben wie langsame Wellen träge durch das gold-schimmernde Licht, in das die Bar getaucht war. Dangdut kam tief aus der Seele ihres Volkes – ein Synkretismus malaiischer und indischer Einflüsse, verwoben mit der Pop-Kultur des letzten Jahrhunderts und dem technischen Fortschritt des neuen Jahrtausends, dessen erstes Jahrhundert bald seine Mitte erreicht haben würde. Als habe Gus tief in ihr Inneres geblickt und dort den Schmerz und die Melancholie erkannt, die – so schien es ihr – in jedem Indonesier ruhte. Mehr noch, da sie nun dem Mann gegenübersaß, den sie einst geliebt hatte.
Starr und angespannt saß Tika in dem kalten Ledersessel. Außer dem goldenen Schein, der von der Barzeile kam, erhellten nur die gedämpften Leuchtelemente der interaktiven, würfelförmigen Tische das Innere der Bar. Gus hielt ihr die Schachtel GarudaPlatins hin, aber Tika holte ihre eigenen Zigaretten aus ihrer Handtasche, die auf der spiegelglatten Tischfläche vor ihr stand, ohne sich jedoch eine herauszunehmen. Sie brauchte nur irgendetwas für ihre Hände, die nicht so recht zu wissen schienen, wie sie sich verhalten sollten. Gus lächelte nur, zündete sich mit einem protzigen Goldfeuerzeug selbst eine Zigarette an, nachdem er die Schachtel wieder zurückgezogen hatte.
„Ich wusste, dass du noch nicht aufgehört hast“, sprach er durch den Rauch seiner Zigarette hinweg.
„Du hast wie immer eine einzigartige Art, mich daran zu erinnern, dass ich nicht perfekt bin“, erwiderte sie kühl.
„So habe ich das nicht gemeint, Ti. Gerade das ist es, was ich an dir liebe.“
Tika antwortete nicht darauf, verzog nur instinktiv leicht die Lippen, als er sie mit ihrem Spitznamen anredete. Sie war hier, um ein Geschäft abzuschließen und nicht, um über eine Vergangenheit zu sprechen, die niemals wieder Gegenwart sein würde. Als sie nicht antwortete, fuhr er allerdings fort. Für ihn war dieses Thema anscheinend noch nicht abgeschlossen. Sie hätte es wissen müssen. Starke Nerven waren es, die sie brauchte, wenn sie dieses Gespräch erfolgreich beenden wollte.
„Ich bin sie leid, all diese perfekten Frauen, Ti. Die SimStim*-Starletts, die Overlay*-Models und Managerinnen, die doch nur ihre perfekte Rolle spielen“, schüttete er ihr sein Herz aus, aber wie immer bei Gus war nicht zu erkennen, wie ernst es ihm damit war.
„Wir alle spielen unsere Rollen, Gus. Das müsstest du doch am besten wissen“, gab sie zurück und blickte ihm dabei in die Augen. Wieder war da dieses Lächeln. Javaner beherrschten es auf mannigfaltige Art und Weise, zu jedem Anlass und jeder gesellschaftlichen Situation. Ein Lächeln, das so viel sagte wie es nichts ausdrückte. Schwer zu deuten, selbst für die Landsleute. Und Gus war besonders gut darin. Einst war sie auf dieses Lächeln hereingefallen. Tika schnaubte unmerklich.
„Du hast wie immer recht, Ti. Aber darum ging es mir nicht. Du bist echt. Eine Javanerin aus deinem guten Hause, hätte niemals so geschnaubt. Das geziemt sich nicht.“
Er lehnte sich nach vorne, ergriff das Whisky-Glas mit der gold-schimmernden Flüssigkeit darin, deren Wert mehreren Tagessätzen ihres Gehaltes entsprach.
„Und es macht mich an.“
Tika presste die Lippen zu schmalen Strichen zusammen.
„Gus … hör auf damit. Du weißt, dass es vorbei ist. Du solltest dich schämen. Was ist mit deiner Frau, und was mit deinem Kind?“
„Ach, komm schon, Ti“, winkte er ab.
„Du willst es doch auch. Ich sehe es in deinen Augen. Wir leben alle am Rand zum Untergang. Sieh dich um. Jeder weiß es. Nur du, du hast es noch nicht erkannt. Und was ist schon dabei? Wann hat man es dir zum letzten Mal so richtig besorgt, he? Oder gibst du dich jetzt mit diesem AIPTU zufrieden, den du rumkommandierst?“
Tikas Hände ballten sich zu Fäusten. Fast hätte sie die Zigarettenschachtel in ihren Fingern zerdrückt. Als Gus spürte, dass sie aufstehen wollte, griff er schnell nach ihrer Handtasche und zog sie zu sich herüber.
„Gib mir meine Tasche, Gus“, forderte sie ihn dazu auf, erhob sich und versuchte gar nicht erst, die Verachtung, die sie für ihn empfand, in ihrer Stimme zu kaschieren. Doch auf Gus hatte dies, wenn überhaupt, die gegenteilige Wirkung. Vielleicht gefiel es ihm sogar.
Gus senkte den Kopf. Tika blickte überrascht. Dieses Spiel schien neu. Oder lag etwas Echtes darin? Wer war überhaupt der echte Gus? Sie würde es wohl niemals erfahren.
„Es tut mir leid, Ti“, sprach er, die Stimme plötzlich sehr leise und zerbrechlich wirkend. Es klang ehrlich, aber Tika war sich darüber nicht ganz sicher. Sie hatte sich von ihm provozieren lassen. Sie hätte alles an ihrer kühlen Fassade abprallen lassen sollen. Aber nun war es zu spät dafür.
„Bitte, setz dich doch wieder“, sprach er ruhig und reichte ihr dabei die Tasche. Plötzlich wirkte er wie ein gebrochener Mann – ein altes Haus an der geschäftigen Jalan Sudirman, das von den Gezeiten des Sprawl gezeichnet war. Blass und abgenutzt, trotzig dem Monsun emporgereckt und doch dazu verdammt, den Niedergang, den der Moloch ihm bescherte, hilflos zu erdulden.
Tika setzte sich wieder, atmete innerlich tief durch. Sie brauchte etwas von Gus, und sie würde es bekommen.
Tika zog die Tasche zu sich und lockerte den Griff um die Schachtel, an die sich ihre Finger noch immer starr klammerten. Sie zog eine Zigarette heraus, legte sie zwischen ihre Lippen und zündete sie an, wartete darauf, dass Gus weitersprach. Sie wusste, dass er das tun würde.
„Ich bin … einfach mit den Nerven durch, Ti“, fuhr er schließlich fort, leerte das Whisky-Glas und schenkte sich gleich einen neuen ein.
„Die Geschäfte laufen schlecht, die wirtschaftliche Lage ist ziemlich angespannt. Es sind harte Zeiten.“ Tika erwiderte nichts darauf. Harte Zeiten, Gus?, bildete sich der eiskalte Gedanke wie ein Knoten in ihrem Kopf. Hast du dir die Menschen da draußen auf der Straße mal angesehen? Das, was Gus damit meinte, dass sie alle am Rande zum Untergang lebten, das war etwas ganz anderes, als das, was Tika darunter verstand.
„Und meine Familie …“, doch Gus sprach nicht weiter, brach einfach ab. Er suchte wieder ihren Blick und lächelte. Diesmal war sie gewappnet. Sie würde nicht noch einmal die Beherrschung verlieren.
„Gus, ich bin gekommen, weil ich etwas von dir möchte. Sicherlich weißt du das.“
Er nickte unmerklich.
„Ich werde dir helfen, Ti. Um der alten Zeiten willen. Aber du verstehst, dass kein Geben ohne Nehmen existiert.“
Tika schärfte ihre Konzentration und ihre Sinne. Jetzt begann die Verhandlung. Würde Gus etwas von ihr fordern, das sie ihm nicht geben konnte? Nicht geben wollte? Er dürstete danach, mit ihr zu schlafen, ihren Körper zu berühren, die Dinge zu kosten, die sie damals für ihn getan hatte. Sie spürte es und konnte es in seinen Augen lesen.
„Du weißt, was ich will, Ti“, sprach er ruhig, aber hinter diesem Lächeln, das Tika nun zu durchschauen vermochte, verbarg sich die Ungeduld der Begierde.
Tika zog an ihrer Zigarette, blies den Rauch langsam wieder zwischen ihren Lippen hervor. Diesmal war es an ihr, dieses Lächeln zu offenbaren, das Gus so gut beherrschte.
„Oh ja, das weiß ich. Und während ich es mache, wirst du mir alles erzählen, Gus. Über das MPR, die geheimen Abstimmungen und was die Abgeordneten Rachmanto und der verstorbene Raharjo damit zu tun haben.“
Gus drückte seine Zigarette in dem schweren Aschenbecher aus und nickte.
„Ich werde nichts auslassen, Ti“, versprach er.
Nur wenige Minuten später befanden sie sich in einem kleinen, aber schick eingerichteten Raum hinter der eigentlichen Bar. Sie wusste, dass es hier mehrere dieser privaten Besprechungsräumlichkeiten gab, die man für alle möglichen Zwecke buchen konnte. Teuer, aber verschwiegen. Gus befahl dem System des Raumes, ihm Prambanan zu zeigen und sofort verwandelten sich die Wände in ein täuschend echtes, animiertes Abbild der erhabenen Tempelanlage, über deren grauen Steinmonumenten die blutrote Scheibe der untergehenden Sonne schimmerte. Das Lichtsystem des Raumes fing diese Atmosphäre gekonnt ein und passte sich der Szenerie an. Eine perfekte Illusion.
Tika traf die üblichen Sicherheitsvorkehrungen und Gus machte ihr keine Probleme. Er deaktivierte sein Konek, trennte es von der Energiezelle, während Tika ihren Störsender aktivierte, um sicherzustellen, dass nichts diesen Raum verließ, das nicht dazu bestimmt war. Ohne sein Konek konnte Gus das SmartMaterial seiner Hose nicht mehr automatisch öffnen lassen, sodass er sie selbst herunterziehen musste. Er war bereits steif. Tika konnte es schon sehen, bevor er die Hose auch nur geöffnet hatte. Sie kam nahe an ihn heran. Er streckte seine Hand aus, wollte sie berühren.
„Noch nicht“, sagte sie leise, aber bestimmt, und er gehorchte ihr. Seine Hand sank wieder hinab. Die Finger ihrer linken Hand kamen nach vorne. Mit links zu essen, sich zu begrüßen, Geschenke zu überreichen – all das galt als unhöflich. Aber vielleicht war es gerade diese Unreinheit, die man der linken Hand zusprach, die Gus Fantasie entfachte, und als sich ihre Finger seinem steifen Glied näherten und es fast berührten, konnte er ein Stöhnen kaum unterdrücken. Doch Tika dachte gar nicht daran, dieses Ding zu berühren. Sie hatte Gus in eine Lage gebracht, aus der er ihr nicht mehr entkommen konnte. Blitzschnell zog sie ihre Waffe und presste die Mündung gegen sein aufgerichtetes Genital. Gus erstarrte.
„Das ist Teil des Spiels, nicht?“, fragte er mit einem deutlichen Zögern in seiner Stimme.
„Alles ist Teil des Spiels, Gus. Aber ich habe die Regeln geändert. Wenn du mir nicht sofort alles sagst, was ich wissen möchte, dann hat sich dein gutes Stück hier zum letzten Mal so aufgerichtet“, sprach sie, erneut ruhig, aber mit einer deutlichen Schärfe in ihrer Stimme.
„Du kleine Schlange … denkst du, dass du damit durchkommst? Ich werde mich an deine Vorgesetzten bei der POLRI wenden. Du weißt, dass ich die Kontakte habe“, zischte er.
„Und was willst du denen sagen? Dass ich mich geweigert habe, dir einen runterzuholen?“
Gus setzte zu einer Erwiderung an, doch plötzlich bemerkte Tika das Insekt, das in Kopfhöhe durch den Raum schwebte und direkt auf sie zuhielt. Eine Drohne! Tika sprang zurück, bemerkte zu spät, dass nicht sie, sondern Gus das Ziel war. Sie riss die Arme nach oben, dann explodierte Gus‘ Kopf vor ihr in einem Regen aus Blut und Knochen. Tika wurde durch die Detonation nach hinten gerissen und gegen die Wand geschmettert. Sie war taub, ihr dröhnte der Schädel und ihr Gleichgewichtssinn versagte. Erst dann spürte sie den Schmerz, der über sie hereinbrach wie die mächtigen, düsteren Wellen der javanischen See. Sie bäumte sich auf, versuchte, wieder Herr ihres Körpers zu werden, doch alles, was geschah, war das Herabsenken des schwarzen Schleiers, der sie einhüllte und mit sich fortnahm. Und die Lampe hinter dem wayang-Schirm* erlosch und ließ das Universum in sich zusammenfallen.

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Beitrag #4 |

RE: TIKA
XVII

Letztendlich hatte es wesentlich länger gedauert, als Andrew Wu der Chief Inspector zugesichert hatte, dass es dauern würde. Zweimal hatte sie sich noch bei ihm gemeldet, und beide Male hatte er sie vertrösten müssen. Aber eine Fälschung anzufertigen, das erforderte nun einmal Zeit. Zeit, die er eigentlich nicht hatte. Zumal er gleichzeitig auf Hochtouren daran arbeiten musste, die wahren Hintergründe zu diesem Komplott aufzudecken. Denn genau das war es, für das Andrew es hielt. Eine gut geplante Verschwörung, die ihn stürzen und enthaupten sollte. Wem konnte er jetzt noch trauen? Selbst unter idealen Bedingungen blieben da nur wenige. Auf und ab war er in seinem Büro geschritten, bis er sich schließlich dazu durchgerungen hatte, Christhyne Zhang in seine Pläne einzuweihen. Die junge Programmiererin und Datenanalystin hatte wie er chinesische Wurzeln und er wusste, dass sie scharf auf den Sitz des Chef-Programmierers der Abteilung war, zu dem Andrew ihr verhelfen konnte. Sie würde ihn nicht verraten, solange er sie mit der Aussicht auf einen Karrieresprung im Konzern locken konnte. Zhang hatte für ihn die Systemdaten gefälscht und Bildmaterial generiert, das er Suryono zugeschickt hatte, um ihre Forderungen zu erfüllen. Das Material war aus Archivdaten zusammengestellt und entsprechend modifiziert worden, damit es einer ersten Überprüfung standhielt. Die Analysten der POLRI würden die Fälschung vermutlich knacken können, aber somit hatte Andrew zumindest Zeit gewonnen, um seine nächsten Schritte planen zu können.
„Sie denken zu viel nach“, hörte er Zhangs mahnende Stimme ihm gegenüber. Wu schreckte aus seinen Gedanken hoch, blickte Zhang an, die sichtlich vergnügt an ihrem TimorDream schlürfte, einem sündhaft teuren Cocktail, der erlesene Alkoholika mit dem Geschmack des Kopi Luwak kombinierte, dessen elitäre Kaffeebohnen zu horrenden Preisen im NeoGrandIndonesia oder Pacific Palace, den Super-Malls des Sprawl, verkauft wurden. Natürlich trank Zhang auf seine Kosten, ansonsten wäre sie vielleicht noch nicht einmal mit ihm in die Bar gekommen.
„Sie haben gut reden, Zhang. Ihren Kopf möchte ja auch niemand rollen sehen“, erwiderte er missmutig. „Sie wissen noch nicht mit Sicherheit, ob diese ganze Angelegenheit wirklich gegen Sie gerichtet ist“, sprach sie weiter. „Zusammen werden wir diese seltsame Geschichte schon aufklären“, schloss sie optimistisch.
„Sie …“, begann er, brach dann aber sofort ab, als er plötzlich Chief Inspector Suryono erblickte, die – hinter einem gutaussehenden Mann mittleren Alters hergehend – im hinteren Teil der Bar verschwand. Sein Herz begann zu rasen. Was machte Suryono hier?! Alles mit der Ruhe, Wu. Das war sicher nur ein Zufall. „Was haben Sie, Wu? Sie sehen aus als hätten sie einen Kurawa* gesehen.“
„Suryono ist hier“, antwortete er ihr, darum bemüht, seine Fassung schnellstmöglich wieder zurückzugewinnen. Er hatte sich ohnehin schon zu viel Blöße gegenüber Zhang gegeben, obwohl er in der Konzernhierarchie deutlich über ihr stand.
„Die Chief Inspector?“, wunderte sich Zhang, vermied es aber klugerweise in die Richtung zu schauen, in die Andrew zuvor geblickt hatte.
Andrew nickte nur knapp, kippte den Vodka hinunter, während er in seinen Gedanken bereits allerlei Spekulationen anstellte. Doch weit kam er nicht, denn plötzlich zerriss der dumpfe Knall einer Explosion den wabernden Klangteppich des DigitalDangduts in der Bar. Andrew riss seinen Kopf herum, erkannte noch im Augenwinkel, wie Zhang ängstlich zusammenzuckte und in Furcht vor einem Anschlag ihr Haupt senkte, um notfalls unter dem Tisch in Deckung gehen zu können. Aber Andrew war aus einem anderen Holz geschnitzt. Sicher, die meisten in der Abteilung hielten ihn für einen typischen Bürohengst, einen knallharten Geschäftsmann zwar, aber eher intellektuell denn physisch bedrohlich, aber wie die allerwenigsten in seiner Position, hatte er tatsächlich einmal ganz unten angefangen – bei den Kadern der Truppen, die KerisCombat Inc. stellte. Andrew war deshalb auch klar, dass dies kein islamistischer Terroranschlag war, sondern der gezielte Angriff auf eine Einzelperson. Islamisten hätten eine größere Sprengladung benutzt, höchstwahrscheinlich eine Monofaser-Splitterbombe, deren ultradünne Fragmente mühelos durch alles schnitten, was sich in ihrem Wirkungsbereich befand.
Andrew sprang auf, ließ die stromlinienförmige Attentäterwaffe, die er stets bei sich trug, per Muskelreflex aus dem versteckten Holster an seinem Unterarm schnellen. Ihm war bewusst, dass er völlig aus der Übung war. Sein Metabolismus war nicht mehr auf eine Gefechtssituation eingestellt und da er mittlerweile wesentlich mehr zu verlieren hatte und die Konzerndoktrin ihm ständig im Nacken saß, auch nicht mehr so risikofreudig wie noch in jungen Jahren, aber er wollte verdammt sein, wenn die Explosion nicht mit Suryono zu tun hatte. Kurze Zeit später erreichte er die hinteren Bereiche, gerade als sich die Türe, die in den Flur mit den privaten Besprechungsräumen führte, vor ihm öffnete. Eine junge Angestellte, perfekt gestylt in ihrem enganliegenden, fließenden NeoBatik-Dress, taumelte ihm entgegen, unverletzt, aber bleich und zitternd vom Schock. Er schob sie zur Seite, betrat den Flur und blickte auf die Reihe verschlossener Türenpaare. Er konnte nicht einmal erkennen, welche Räume gebucht waren und welche nicht. Verdammt! Er riss die Türe wieder auf und rief der Frau hinterher.
„Öffnen Sie den Raum von Chief Inspector Suryono, Ibu!“
Die Frau schaute perplex. In die Bar kam Bewegung. Das System forderte die Menschen über ihre Konek-Verbindung auf, die Bar aus Sicherheitsgründen zu verlassen, während das Personal dafür sorgte, dass keine Panik ausbrach.
Andrew wollte seine Forderung soeben wiederholen, als die Frau den Kopf schüttelte.
„Sie hat den Raum nicht gebucht … es war der Mann“, sprach sie verunsichert. Immerhin wusste sie nicht, wer er war und den Namen des Fremden schien sie auch nicht preisgeben zu wollen. Andrew fragte sich kurz, ob sie überhaupt Zugriff auf die Raumsysteme hatte. Er bezweifelte es.
„Ich bin Executive Officer Andrew Wu von der KerisCombat Inc.“, wies er sich aus, ließ das Holo des Konzerns aufleuchten. „Sorgen Sie dafür, dass der Raum geöffnet wird.“
Die Angestellte nickte. Andrew ging zurück, blickte sich um. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, dann öffnete sich weiter hinter im Korridor eine Türe. Sofort lief er los, hielt seine Waffe bereit, sah gedämpftes, blutrotes Licht aus dem Zimmer strahlen. Vorsichtig warf er einen Blick hinein. Der Mann war übel zugerichtet, der Kopf bis zur Unkenntlichkeit zerfetzt. Andrew schluckte und wandte den Blick ab, bemerkte Suryono, die an der Wand neben der Türe zusammengebrochen war. Sofort beugte er sich über sie. Wenn sie hier starb, dann war er seine Probleme vielleicht los. Andererseits konnte sie eine mächtige Verbündete werden, sollte dieses tödliche Spiel sie beide auf dieselbe Seite verschlagen. Und irgendwie hatte Andrew es im Gefühl, dass dies der Fall sein könnte. Er zögerte nur kurz, ging alle möglichen Szenarien blitzschnell in Gedanken durch. Dann zog er aus seinem Notfallset die Naniten-Injektion. Neben der Waffe war es dieses Gerät, das er immer bei sich trug. Einmal im Körper, verrichteten die programmierten Naniten wie in Zeitraffer Regenerationsarbeiten und konnten selbst Schwerstverletzte vor dem sicheren Tod bewahren. Ohne noch weiter zu zögern, injizierte Andrew der Chief Inspector die Naniten-Dosis. Rasch und routiniert, so wie er es in der medizinischen Abteilung des Konzerns gelernt hatte. Weniger als zehn Minuten später war ein Team der NoSakit Corp. vor Ort und übernahm die Arbeit, die er begonnen hatte. „Sie haben ihr das Leben gerettet“, sprach der Teamleiter ihn an, aber Andrew war bereits wieder auf dem Weg in die Bar. Er wollte nur noch eines. Vodka. Viel Vodka.



XVIII

Schlagartig riss Samayanti die Augen auf. Ihr Nacken schmerzte, ihr Rachen fühlte sich ausgedörrt an, so als habe sie schon seit Stunden nichts mehr getrunken. Der Mann, ihr Entführer, saß auf einem einfachen Plastikhocker in der Ecke des kahlen Raumes, ein Patch auf der nackten Haut seiner muskulösen Schulter. Es war warm und stickig. Samayanti spürte den Schweiß an sich hinablaufen. Schon wieder konnte sie sich nicht mehr daran erinnern, was genau geschehen war. Sie war vor dem Mann mit der Waffe geflüchtet, dann hatte er sie von hinten gepackt. Doch plötzlich war alles um sie herum in Dunkelheit versunken. Siti! Das Mädchen! Panisch blickte Samayanti sich um, doch sie war alleine mit dem Mann. Dann besann sie sich eines Besseren, atmete tief durch, versuchte zur Ruhe zu kommen. Der erste Moment des Schreckens verflüchtigte sich. Sie war in einer Situation gefangen, in der sie Ruhe bewahren und ihren Verstand einsetzen musste.
„Warst du auf einer Pesantren?*“, eröffnete der Mann schließlich das Gespräch, nachdem er eine ganze Weile einfach nur stumm auf seinem Hocker in der Ecke des Raumes gesessen und sie angeschaut hatte. Samayanti mied den direkten Blickkontakt und doch hatte sie widersprüchliche Gefühle in diesem Gesicht erkannt, die der Mann nur nach und nach hinter seine Fassade hatte einkerkern können. Vielleicht gab es in diesem Mann einen Hebel, den sie nutzen konnte. Sie musste mehr über das, was hier geschah, herausfinden. Nur dann konnten Siti und sie vielleicht von hier verschwinden. Bei dem Gedanken daran, wie ähnlich sie ihrem Vater war, lief ihr ein Schaudern über den Rücken. Aber anders als ihr Vater, würde sie ihre Fähigkeiten für etwas Gutes einsetzen.
„Ich werde Ihre Frage nur beantworten, wenn Sie mir sagen, was mit dem Mädchen ist“, erwiderte sie in einem fordernden Ton.
Der  Mann lächelte, so als habe er ihre Reaktion erwartet.
„Dem Mädchen geht es gut. Es ist im Raum nebenan. Wirst du nun meine Frage beantworten?“
Natürlich war das noch lange kein Beweis dafür, dass es Siti wirklich gut ging, aber im Tonfall des Fremden hatte Samayanti eine gewisse Ungeduld ausgemacht und sie wollte die vielleicht einzige Möglichkeit, mehr über ihre Situation herauszufinden, nicht vorüberziehen lassen. Sie musste ihm also wohl vorerst Glauben schenken.
„Ich war auf keiner Pesantren“, antwortete Samayanti ruhig, versuchte ihre Neugier zu unterdrücken, weshalb ihr Entführer diesen seltsamen Gesprächseinstieg gewählt hatte – oder weshalb er sich überhaupt mit ihr unterhielt.
„Ich schon“, fuhr der Mann fort, und es war Samayanti, als würde der Blick seiner Augen weit in die Vergangenheit reisen, als würde er gar nicht mit ihr sprechen, sondern als seien die Worte an sein vergangenes Ich gerichtet, das irgendwo auf dem langen Weg bis hierher verloren gegangen war.
„Sie sind es, die das Übel über diese Gesellschaft gebracht haben. Sie und andere.“
Bitterkeit erfüllte die Stimme des Mannes, durchdrang die Fassade, die er nur mit Mühe aufrechterhielt, wie der Saft der Longan-Frucht, wenn man sie in der Hand hielt und langsam zerdrückte.
„Sicherlich gibt es auch viele gute Pesantren“, warf Samayanti ein, als der Mann nicht weitersprach.
„Eine Schule ist immer nur so gut wie ihr schlechtester Lehrer. Der radikale Islam hat dieses Land im Griff und die Demokratie ist zu schwach, um dagegen etwas zu unternehmen.“
Er hob den Arm, die Finger zur Faust geballt. Samayanti war sich sicher, dass der Mann noch mehr erzählen würde, wenn sie geschickt vorging. Ihm lastete etwas auf der Seele, das spürte sie. Ihr Vater hatte sie gelehrt, diese Dinge in einem Menschen zu erkennen. Sie hatte mit ihrem Vater selten übereingestimmt, aber dass er die Macht besessen hatte, Menschen zu lesen und dieses Wissen dazu zu nutzen, sie zu manipulieren, das hatte auch sie nicht leugnen können. Einmal, wenigstens ein einziges Mal, wollte Samayanti nicht wegschauen, wollte sie etwas bewegen und sich ihrer Verantwortung stellen, denn Siti hatte mit dem, was hier geschah, nichts zu tun. Doch dazu würde sie ihre Kräfte mit diesem widersprüchlichen Mann, der ihr gegenübersaß, messen müssen.
„Der Islam ist Teil unserer Kultur. Genau wie der Hinduismus und Agama Jawa* es sind“, sprach sie. Es war das, was man ihr beigebracht hatte. Aber war das auch wirklich die Überzeugung, die sie teilte? Religion war etwas, über das sie bisher nur selten nachgedacht hatte. Erneut musste sie an Siti denken, und an das Gebet. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als der Mann ihr antwortete.
„Sie sind auf die Straße gegangen, fordern Minister Sinagas Blut, da er den Propheten beleidigt habe“, sprach er. „Und in einem Dorf haben sie eine Frau gesteinigt, die man des Ehebruchs beschuldigte.“ Seine Stimme klang nun absolut ruhig, fast tonlos.
Samayanti schluckte, und noch immer fühlte sich ihr Hals trocken an wie ein in der prallen Sonne liegender Stein. Sie hatte von dem Vorfall gehört. Wie konnten Menschen nur so etwas tun und glauben, es sei rechtens?
„Sie haben sich blenden lassen“, erwiderte sie ihm, darum bemüht, ihre ermüdende Stimme nicht versagen zu lassen.
Langsam öffnete der Fremde seine Hand und schloss sie dann wieder, so als müsse er sich daran erinnern, dass sie noch da war.
„Sie haben sich blenden lassen, weil sie die Wahl dazu hatten. Der Mensch ist schwach. Schwach und unwissend. Er hört das, was er hören möchte.“
„Mein Vater ist tot, wie Sie sicherlich wissen. Sie können ihn nicht mehr erpressen, wenn es das ist, was Sie mit mir vorhaben“, wechselte sie das Thema und forderte ihn damit erneut heraus.
Der Fremde lächelte, und ihre Blicke trafen sich in der schwülen Stille des Raumes.
„Du bist eine kluge Frau, Samayanti. Natürlich gibt es da noch deinen Onkel.“
„Mein Onkel lässt sich nicht erpressen. Er ist so gefühlskalt wie ein Cicak“, gab sie trotzig zurück.
„Wir werden sehen“, erwiderte der Mann nur abschließend und erhob sich. Sein Körper strotzte vor Kraft und Agilität, aber dennoch gelang es ihm nicht, diese Zerrissenheit, die sich hinter seinen dunklen Augen verbarg, gänzlich vor ihr zu verstecken. Sie war der Hebel, und Samayanti wusste es.
„Sie haben Unrecht“, sprach sie leise, den Blick zu Boden gewandt.
„Dein Onkel wird uns anhören, dessen kannst du dir sicher sein.“
Samayanti schüttelte den Kopf.
„Das meine ich nicht.“
Erneut hob sie den Blick. Sie wusste nun, was sie zu sagen hatte. „Sie haben Siti in ihrer Gleichung vergessen.“
„Siti? Das Mädchen?“, fragte er, offensichtlich neugierig geworden. Er war nun in der Defensive. Sie musste das, was ihr an Zeit noch blieb, nutzen. Sie musste den Samen sähen. Irgendwo in diesem Fremden schlug noch ein menschliches Herz.
„Ja, das Mädchen. Siti ist stark, und sie weiß, was Recht und Unrecht ist. Und sie ist nicht die Einzige. Sie lässt sich nicht blenden. Sie ist die Hoffnung für dieses Land. Aber wenn Sie die Demokratie zerstören, dann nehmen Sie ihr jede Chance, zu dem zu werden, wofür sie bestimmt ist. Sie werden sie opfern. Sie werden sie verlieren.“
Bitter kamen die Worte über Samayantis Lippen. Der Fremde blieb ihr eine Antwort schuldig. Etwas ging in ihm vor, für das er keine Worte zu finden schien. Anders, als sie erwartet hatte, ließ er sie aber noch nicht alleine. Stattdessen kam er näher an sie heran, und plötzlich ergriff sie jene Furcht, die sie bisher hatte zurückhalten und in sich begraben können. Sie spürte ihre Halsschlagader pochen, während sich eine erdrückende Lethargie in ihren Gedanken ausbreitete und die Schärfe ihres Verstandes zerfasern ließ.
Als er direkt vor ihr stand, blickte er auf sie herab. Sie wollte aufstehen, wollte ihm auf Augenhöhe gegenübertreten. Aber sie schaffte es nicht. Ihr Körper blieb starr. Unfähig, sich zu bewegen.
„Und jetzt … jetzt wirst du mir alles ganz genau erzählen. Alles, was sich im Haus deines Vaters zugetragen hat.“
Sie konnte seinen heißen Atem förmlich spüren, als sei es der Hauch des Todes selbst, der nach ihr griff.



XIX

Tika war sich nicht sicher, welche Tatsache sie mehr schockierte. Dass Wu sich ihr für die Ermittlungen angeschlossen hatte, nachdem er ihr auch noch das Leben hatte retten müssen, oder dass Diriyanto ihr mitgeteilt hatte, dass weder AIPTU Chang noch sein Kollege, wie es das Protokoll eigentlich verlangte, irgendwelche Aufzeichnungen ihres Sensoriums gemacht hatten, bevor sie erschossen worden waren. Die Zähne zusammenbeißend versuchte Tika, den Gedanken daran, dass sie sehr bald schon die Schreiben an die Familien ihrer verstorbenen Untergebenen würde aufsetzen müssen, aus ihren Überlegungen zu verdrängen. Aus ihrem Herzen würde sie ihn nicht verbannen können. Zwei Menschen waren hier gestorben. Ausgelöscht in einer düsteren, verwahrlosten Gasse, die Gesichter fast bis zur Unkenntlichkeit von automatischen Geschosssalven zerfetzt.            
Sie musste sich jetzt darauf konzentrieren, diesen Fall zu lösen, das Puzzle zusammenzusetzen. Nur damit konnte sie den Toten Genugtuung verschaffen und sie ehren.    
Tika beugte sich zu dem Jungen, Kadek, hinab. Noch immer war ihm der Schrecken anzusehen, den das Verschwinden seiner Schwester bei ihm ausgelöst hatte. Mit einem Blick in Richtung des alten Mannes, der schräg gegenüber, im Schatten eines ähnlichen Hauseingangs auf einem einfachen Schemel hockte, sprach sie den Jungen aufmunternd an.          
„Möchtest du mir helfen?“      
Mit großen Augen schaute der Junge sie an und nickte dann eifrig.    
„Was kannst du mir über den Mann dort drüben sagen?“
Kadek musste nicht lange überlegen. Er schien den Mann gut zu kennen. „Sein Name ist Pak Guo, Ibu. Pak Guo ist blind und … na ja, ein bisschen schwer von Begriff.“
Kadek konnte sich ein spitzbübisches Lächeln nicht verkneifen, und in all dem heuchlerischen Beiwerk, das diesen Fall begleitete, war das kurze, freche Lächeln des Jungen ein für Tika derart kostbarer und ehrlicher Moment, dass sie ihn am liebsten eingefangen und festgehalten hätte. Doch dann war der Moment vorbei, und der Junge sprach schnell weiter.
„Pak Guo ist ein guter Mann, Ibu. Sicher hat Pak Guo nichts mit … nun … mit dieser Sache hier zu tun.“
Die Miene des Jungen verdunkelte sich wieder und er ließ den Kopf hängen. Das Mädchen an seiner Seite, das bisher geschwiegen hatte, rückte näher an ihn heran und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter.  
„Es wird alles gut werden, Ka. Mach dir keine Sorgen. Ibu Suryono wird Siti wiederfinden.“            
Kadek hob den Blick. Und auch das Mädchen, Sahara, blickte sie nun an. „Ja, das werde ich. Das verspreche ich euch. Und ich brauche eure Hilfe. Vielleicht hat Pak Guo etwas bemerkt, das mir helfen kann.“  
„Aber Pak Guo ist blind …“, sprach das Mädchen, nun doch Verunsicherung in seiner Stimme.      
„Das mag sein. Aber Blinde haben oft ein sehr gutes Gehör. Kannst du das bestätigen, Kadek?“    
Kadek nickte mehrmals.          
„Ja, ja, es stimmt. Manchmal spielen wir mit Pak Guo fangen. Selbst, wenn wir ganz still sind, dann kann er trotzdem verfolgen und weiß, wo wir sind.“      
Sahara machte großen Augen. Endlich kehrte das Lächeln in ihr Gesicht zurück.                  
„Ich danke dir, Kadek. Du hast mir sehr geholfen“, verabschiedete sich Tika von den beiden Kindern. Als sie sich wieder erhob, stand Diriyanto neben ihr.        
„Denken Sie wirklich, das bringt uns weiter?“, fragte er mit seiner sanften Stimme, die aber dennoch eine gewisse Skepsis bezüglich ihrer Ermittlungsmethoden nicht kaschieren konnte.                    
„Die Kinder sind bereits befragt worden. Wir sollten auf die Ergebnisse der Spurensicherung warten.“        
„Es gibt einen Zeugen“, erwiderte Tika mit fester Stimme, und Diriyanto musterte sie neugierig dabei.                  
„Einen Zeugen? Wie kommen Sie darauf? Hier lebt sonst niemand. Und das aus gutem Grund.“    
Tika nahm die unterschwellige Ablehnung, die der andere Beamte gegenüber diesem Ort empfand, wahr und fast hätte sie ihm eine bissige Antwort darauf entgegengeworfen. Aber es gab Wichtigeres zutun.        
„Der Mann dort drüben. Sein Name ist Pak Guo. Er lebt nicht weit entfernt. Möglicherweise hat er etwas mitbekommen“, erklärte sie stattdessen mit ruhiger Stimme und blickte dabei in Richtung des Hauseingangs, in dem Pak Guo noch immer absolut regungslos saß. „Der Mann ist blind“, merkte Diriyanto trocken an, und innerlich erfreute sich Tika daran, wie schnell doch Diriyantos Gentleman-Fassade zu bröckeln begann, wenn man sie nur der richtigen Umgebung aussetzte.            
„Und sein Gehör ist ausgezeichnet, wie mir der Junge bestätigt hat.“
Diriyanto hatte bereits eine Erwiderung auf der Zunge, doch Wu, der in diesem Moment aus dem Haus trat, kam ihm zuvor. Dass Diriyanto ihn bisher nicht hatte vom Tatort vertreiben können, war wieder einmal ein deutliches Zeichen dafür, über wie viel Einfluss die großen Konzerne in Jabotabek verfügten. Dafür sprachen Diriyantos Blicke allerdings Bände. „Eine interessante Idee. Einen Versuch ist es wert“, schloss sich Wu ihrer Einschätzung an. Diriyanto gab sich nicht die Blöße, seinen Unmut durch ein Schnauben oder dergleichen kundzutun. Immerhin war er nicht wie Tika. Und auch das erfreute sie ungemein.  
Zehn Minuten später wusste Tika das, worauf sie gehofft hatte. Pak Guo, obwohl eindeutig in seinen geistigen Kapazitäten äußerst beschränkt, war ein liebenswürdiger Mann, der sich sehr um das Wohl der Kinder sorgte. Er antwortete präzise auf ihre Fragen, ließ sich aber zu keiner Zeit dazu hinreißen, ins Plaudern zu verfallen. Tatsächlich hatte er in dieser Nacht etwas gehört. Sowohl der Sturz der beiden POLRI-Beamten als auch die Bewegungen ihres Gegners waren ihm nicht verborgen geblieben. Ein einzelner Mann sei es gewesen, erklärte er ihr, der das Haus zu später Stunde aufgesucht habe. Tika erkannte sofort, dass Guo Schwierigkeiten damit hatte, die gewechselten Worte wiederzugeben, dafür konnte er ihr umso genauer beschreiben, wie sich der Mann bewegt hatte. Sogar Richtungsangaben und Entfernungen vermochte er wiederzugeben.  
Mit Hilfe dieser Angaben, war es Tika zu schlussfolgern möglich, dass der Angreifer Siti und Samayanti durch das Haus und in den schmalen Innenhof hinein verfolgt hatte. Er hatte sich der gegenüberliegenden offenen Tür mit raschen Schritten genähert, war dann aber wieder ein Stück zurückgegangen. Doch weshalb? Tika schaute sich den Innenhof genau an und lächelte entschlossen, als sie den Grund fand. Es war ein Loch in der Mauer, verdeckt durch die Wäsche, die hier aufgehängt war. „Da sind sie durch.“    
Wu nickte anerkennend. Diriyanto schwieg, ging aber bereits zurück, um das Haus zu umrunden und sich die andere Seite der Mauer anzuschauen.
Auf der gegenüberliegenden Seite befand sich eine Gasse.    
„Welche Richtung?“, fragte er, anscheinend nun doch gewillt, sich an der Arbeit zu beteiligen.        
„Entgegengesetzt zu der Richtung des Angreifers. Sie wollten ihn glauben lassen, sie seien weiter in die ursprüngliche Richtung geflohen. Deshalb macht es nur Sinn, dass sie nach dem Trick mit der Mauer in der entgegengesetzten Richtung weitergelaufen sind“, analysierte Wu die Lage, und Tika nickte ihm anerkennend zu.        
„Das denke ich auch. Kommen Sie, wir gehen die Gasse in dieser Richtung entlang.“          
Kurze Zeit später trafen sie auf eine Abzweigung, die zum Kanalufer hinab führte. Kahler, aufgerissener Beton. Eine schmale Gasse. Dreck. „Da runter. Zum Kanal.“      
Diriyanto und Wu schlossen sich ihr an. Der Spaziergang am Kanalufer war sicherlich nicht Diriyantos Vorstellung davon, seinen Tag zu verbringen, aber Tika kümmerte sich nicht darum. Sie war jetzt ganz in die Ermittlungen vertieft und musterte die Umgebung aufmerksam und mit allen Sinnen. Es war allerdings Wu, der den Hinweis entdeckte. Er befand sich unter der nächstgelegenen Kanalbrücke, kaum auszumachen unter all den Kunststoff- und Metallteilen, die am Kanalufer verstreut lagen. Wu hob den kleinen Gegenstand, eine violette Haarspange, auf und reichte ihn freundlicherweise direkt an Tika weiter.        
„Sie haben einen guten Blick.“                        
„GarudaOptics“, erklärte Wu mit seinem typischen Businesslächeln. Tika hatte bereits vermutet, dass Wu eine ganze Menge Tech und Implantate mit sich herumschleppte. Für einen Konzern war das weitaus eher zu stemmen, als für den Staat.        
„Ibu Suryono, ich denke nicht, dass uns dieses … Ding irgendwie weiterbringt“, mischte sich Diriyanto ein.          
„Das ist ein Hinweis, Pak. Die Spange hat dem Mädchen gehört.“    
Diriyanto, obwohl nach außen hin noch immer recht gelassen, war kurz davor die Beherrschung zu verlieren. Tika konnte es an kleinen Anzeichen in seiner Mimik und vor allem seiner Körperspannung erkennen. Zu gerne hätte sie es erlebt, wie Diriyanto vollends die Fassung verlor. Doch vor Wu würde er sich diese Blöße nicht geben.
„Was bringt Sie zu der, wie ich doch sagen würde, weit hergeholten Annahme?“, fragte er stattdessen.        
„Eine identische habe ich im Haus im Schlafzimmer gesehen. Das Mädchen oder aber Samayanti ist wesentlicher scharfsinniger als wir es uns eingangs vorgestellt haben. Das beweist sowohl der Trick an der Mauer, als auch der Richtungswechsel. Die Spange ist ein Hinweis.“        
„Ein Hinweis wofür?“, sprach Diriyanto langsam, das letzte Wort besonders betonend.        
„Ich weiß nicht“, gab Tika zu und konnte ein Schnauben nicht verhindern, was ihr einen neugierigen Blick Wus einbrachte.                  
„Vielleicht sind am Kanalufer entlang weitere Hinweise“, warf er ein, während er sie anschaute.    
„Sie meinen im Sinne von Brotkrumen?“ Tika schüttelte den Kopf und dachte angestrengt nach, versuchte, sich in die Lage der Opfer zu versetzen. „Das glaube ich nicht. Wir müssen uns hier umsehen. Die Spange ist ein Hinweis darauf, dass wir uns hier umsehen sollen.“      
Und wieder war es Wu, der die Fährte aufnahm. Diesmal war es ein kleiner Pfeil an der Kanalwand, direkt unter der Brücke. Er zeigte nach oben und war ungenau mit Lippenstift gemalt worden. Tika blickte nach oben, musterte die Unterseite der alten Kanalbrücke, einem schlichten Betonklotz, der den Kanal überspannte.          
„Nach oben“, wies sie an und machte sich auf den Weg zu den Treppenstufen, die seitlich nach oben zur Straße führten.            
Oben auf der Straße gab es nicht viel. Keine Sensoren des Verkehrsleitsystems, keine Kameras der Verkehrssicherheit, nicht einmal Ampeln. Auf einer Seite war das verrostete Geländer der Brücke durchbrochen. Spuren eines Unfalls, der sicher tödlich geendet hatte. An einem der Brückenenden, direkt vor einer nicht einsehbaren Gasse, die entlang der gegenüberliegenden Kanalseite entlangführte, hing an einer Gebäudeecke ein alter Verkehrsspiegel, der Auffahrunfälle verhindern sollte. Dann bemerkte Tika das kleine Spielzeug, das direkt am Geländer der Brücke lag, beinahe in den Kanal gefallen wäre, als man es dort hingeworfen hatte. Tika lächelte zufrieden. Sie hatte den Hinweis gefunden.  
„Haben Sie etwas gefunden?“, rief Wu von der anderen Straßenseite. Tika hielt das Spielzeug hoch und wartete, bis Wu und Diriyanto bei ihr waren.        
„Was ist das?“, fragte Diriyanto sofort.          
„Ein Spielzeug. Eine kleine Drohne. Ganz simpel. Die Kinder meiner Cousine haben so etwas in der erweiterten Fassung. Es interagiert mit den Kindern, ist ihnen ein Spielgefährte, Lehrer, Beistand“, erklärte sie. Diesmal wirkte selbst Wu skeptisch. Er wollte gerade etwas sagen, als Tika plötzlich zu lachen anfing. Diriyanto blickte sie sichtlich irritiert an. „Chief Inspector Suryono …“, begann er, doch Tika schnitt ihm einfach das Wort ab.    
„Jetzt weiß ich, was die Kleine gemacht hat. Schlau. Sehr schlau.“ Sie hielt das Spielzeug, sodass die beiden es sehen konnte. „Mit dieser Drohne kann man Fotos machen.“          
„Suryono, das ist mir und Herrn Wu bewusst. Aber Sie glauben doch nicht wirklich, dass der Angreifer es nicht gemerkt hätte, wenn das Mädchen ihn hiermit fotografiert hätte. Die Spange und den Lippenstift hat er sicher in der Eile nach dem Kampf gegen die Beamten übersehen können, aber ….“        
„Nein, Sie verstehen nicht, Diriyanto“, schnitt sie ihm wieder barsch das Wort ab und ließ seine wohlgeformten Gesichtszüge dabei fast entgleisen.    
„Wenn sie das getan hat, was ich denke, dann hat sie den Spiegel fotografiert!“, fuhr sie rasch fort und deutete auf den Verkehrsspiegel an der Ecke des baufälligen Gebäudes. Schnell verknüpfte Tika die Spielzeugdrohne mit ihrem Konek, um etwaige Bilder sofort bearbeiten zu können. Volltreffer! Das Mädchen hatte nicht nur ein Bild gemacht, es musste mehrere Sekunden lang wie panisch immer wieder den Auslösesensor betätigt haben. An der Brüstung stehend, darauf wartend, dass der Angreifer ihr befahl, in den Wagen zu steigen, hatte sie die Spielzeugdrohne vor seinem Blick verborgen und aus dem Handgelenk heraus versucht, den Spiegel zu fotografieren. Da ein gezieltes Foto nicht möglich gewesen war, hatte sie auf Quantität gesetzt. Tatsächlich zeigten die meisten der entweder verwackelten und grundsätzlich an Qualität mangelnden Bilder noch nicht einmal den Spiegel. Doch eines der Bilder war jener Volltreffer, auf den Tika gehofft hatte. Es zeigte das spiegelverkehrte Bild einer Wagenfront. Erleichterung durchfuhr sie wie eine Woge der Zufriedenheit. Und ihr anfänglicher Respekt für das Mädchen machte noch einmal einen Satz nach vorn. Das wird nicht umsonst gewesen sein, Kleine. Ich werde dich finden. Und damit auch Samayanti.        
„Wir leiten sofort eine Suche nach dem Wagen samt Nummernschild im System ein. An irgendeinem Knotenpunkt wird der Wagen eine Abfrage des Leitsystems durchgangen sein“, verkündete sie. Und diesmal war es Wu, der ihr anerkennend zunickte.
Mit einem kurzen Nicken gab Tika ihrem Kollegen Diriyanto zu verstehen, dass sie ihn decken würde. Der Bareskrim-Inspektor zückte seinen Türknacker. Wie sie bereits festgestellt hatten, waren die Schlösser in diesem Gebäude von alter Machart, mechanische Zylinderschlösser, wie man sie hauptsächlich im letzten Jahrhundert verwendet hat. Diriyantos Türöffner hatte mit seinem modularen Smartmaterial keinerlei Probleme, die Stifte in die richtige Position zu bringen und damit die Türe zu öffnen. Mit einem Ruck öffnete er die Türe und ging dann rasch wieder zurück in Deckung. Aus dem Inneren des Raumes erfolgte kein Schuss. Nicht der geringste Laut war zu vernehmen.
Tikas Herzschlag beschleunigt sich. Ihre Finger verkrampften sich für einen Moment um ihre Dienstwaffe, bis sie sich ihrer Anspannung bewusst wurde und den Griff wieder lockerte. Mit einer Atemtechnik beruhigte sie ihren Herzschlag, ließ etwas von der Anspannung, die sie ergriffen hatte, von sich gehen. Wu, der auf der anderen Seite der Türe ebenfalls an die Wand gepresst stand, wirkte hingegen völlig gelassen. Wu hatte ganz sicher bereits getötet; sie konnte es dem kalten, hohlen Spiegel seiner Augen entnehmen. Vielleicht würde auch sie heute töten müssen. Das Mädchen, Ti. Denk an das Mädchen.  
„Hier spricht Chief Inspector Diriyanto von der Barkeskrim“, eröffnete Diriyanto mit fester Stimme die Verhandlung, noch ehe Tika etwas sagen konnte. „Wir werden jetzt langsam hineinkommen. Tun Sie nichts Unüberlegtes.“        
Diriyanto nickte ihr zu und blickte dann gleichfalls kurz zu Wu. Der Konzernmann machte einen Wink mit seiner Waffe. Es war klar, dass er nicht derjenige sein würde, der den Raum als erster betrat.



XX

Der Mann, der Nakula an dem einfachen, alten Synth-Holztisch gegenübersaß, nannte sich Hasan, und Sadewa ballte instinktiv seine Hände zu Fäusten, als er ihn zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht erblickte. Hasans Hände lagen ruhig auf der rauen, von Kratzern übersäten Tischplatte, den Blick auf Nakula gerichtet, das zerfurchte, von einem dichten, schwarzen Bart dominierte Gesicht entschlossen und unnachgiebig. Sadewa blickte auf die Hände des Mannes, der zu den Köpfen der Darul Islam gehörte, der radikal-islamistischen Organisation, die den Gottesstaat forderte und dieses Ziel mit erbitterter Härte verfolgte. Sie waren schlank und ästhetisch, die Finger langgliedrig, standen in einem fast schon unwirklichen Kontrast zu den kalten Augen des Mannes. Es waren die Hände eines Künstlers. Sadewa hatte nicht erwartet, den Mann hier anzutreffen, ihn irgendwann einmal anzutreffen. Außer vielleicht am anderen Ende eines Gewehrlaufes. Nakula hatte einen Pakt mit dem Teufel geschlossen. Sie wechselten nur noch wenige Worte miteinander. Dann erhob sich Hasan und verließ wortlos den Raum durch die Türe, die zum rückläufigen Treppenhaus und damit zu ihrem potentiellen Fluchtweg führte.          
„Setz  dich“, forderte Nakula ihn auf. Sadewa blickt auf den leeren Stuhl und zurück zu seinem Kampfgefährten. Nur widerwillig ließ er sich nieder, sagte aber nichts. Ihm fehlten schlicht und ergreifend die Worte. „Dann verlangst du nun eine Erklärung, ist es nicht so?”, füllten Nakulas wohlmodulierte Worte die bedrückende Stille des Raumes.    
„Warum?“, war das Einzige, das Sadewa aus sich herauspressen konnte. Seine Gedanken rasten, doch sie wollten sich nicht in Worte quetschen lassen.        
Nakula stand auf, schritt zu der kahlen Wand hinüber und lehnte sich mit seinem Rücken an sie. Er senkte den Kopf. Würde er nun ein Geständnis ablegen? Aber das war nicht Nakulas Art. Und als der Mann den Kopf wieder hob, Sadewa anschaute, da wusste dieser, dass jeglicher Kompromiss für Nakula inakzeptabel war. Für Nakula gab es nur einen Weg. Alles oder nichts.  
„Wir haben eine Vision, mein Freund. Hast du das vergessen? Denkst du etwa, das System ließe sich verändern, ohne es zu stürzen? Die Demokratie hat den Islamismus in diesem Land wieder stark gemacht. Denn in einem demokratischen Land, im Schutze von Meinungs- und Gedankenfreiheit, können die extremen Spektren der menschlichen Seele ungehindert wuchern. Und es ist der Islamismus, diese radikale Ausgeburt fanatischen Glaubens, der uns nun als Werkzeug dazu dienen wird, sie wieder zu zerschlagen. Die Entführung Samayantis ist nur ein kleiner Schritt dorthin. Aber die Meinung der Regierung zu unseren Gunsten zu ändern, ist nicht das Ende. Erst, wenn die Menschen erkannt haben, dass die Regierung unfähig ist, sie länger zu schützen, erst dann wird die Bühne bereit sein. Und dafür müssen Menschen sterben, viele Menschen. Sie müssen Angst haben und sie müssen leiden.“    
Nakula ballte eine Faust, hob sie empor, streckte sie Sadewa entgegen.
Ein einzelner Schweißtropfen rann Sadewa an seiner Schläfe hinab. Er wusste, was Hasan getan hatte. Wie viel Blut an diesen makellosen Fingern klebte. Aber war er, Sadewa, besser als der Terrorist? Hatte er nicht auch getötet, hatte nicht auch er Geiseln genommen? Aber das Kind, hörte er eine innere Stimme sprechen. Das Kind hast du nicht getötet. Du bist noch immer fähig dazu, den Unterschied zu erkennen. Doch Hasans Splitterbomben – sie zerfetzen Männer und Frauen, Kinder und Alte gleichermaßen.
Sadewa setzte soeben zu einer Erwiderung an, als sich Nakulas Blick schlagartig veränderte. Sofort griff Sadewa zu seiner Waffe und rief die Bilder der Sicherungsdrohnen, die sie draußen entlang der Straße und im Eingangsbereich des Hauses postiert hatten, in sein Sichtfeld. Sie waren hier. Man hatte sie gefunden. Kaum begonnen, hatte die Zeit der Worte ein jähes Ende gefunden. Jetzt mussten erneut Taten folgen. Und als Nakulas Blick zu der Türe glitt, hinter der sich das Mädchen befand, schnürte es Sadewa fast die Kehle zu.      
„Vergiss das Mädchen, Nakula“, zischte Sadewa lauter, als beabsichtigt. „Wir brauchen nur Samayanti.“    
Ihre Blicke trafen sich. Sie starrten einander an. Absolute Stille umfing sie, und die Zeit selbst schien still zu stehen. Dann fiel die Entscheidung. Nakula war bereit, zu kämpfen. Aber auf seine Art. Die Angreifer waren zu dritt, ihnen also zahlenmäßig überlegen. Was hatte sein Waffenbruder vor? Fieberhaft suchte Sadewa nach Antworten in den trüben Tümpeln seiner Gedanken, aber er fand sie nicht. Nakula riss die Türe auf, zerrte das Mädchen heraus, das sofort vor Angst erstarrte. Sadewa gab jeden Gedanken an Flucht auf. Solange das Mädchen von Nakula in seiner Gewalt gehalten wurde, würde er diesen Raum nicht verlassen.        
„So sei es“, sprach Sadewa fatalistisch und zog seine Waffe.  
Nakula zog das Mädchen zu sich, hielt ihm die gezückte Waffen an die Schläfe. Jegliche Farbe wich aus dem erstarrten Gesicht des Mädchens. Sadewa überlegte, ob es wohl besser war, Samayanti ebenfalls dazu zu holen, entschied sich dann aber dagegen. Sie war zu unberechenbar, und außerdem sträubte er sich dagegen, es Nakula gleichzutun und eine Geisel zu nehmen. Er würde sein Leben nicht von einem Erpressungsmittel abhängig machen. Er hatte keine Angst vor dem Tod, er war bereit, für die Sache, an die er glaubte, zu sterben. Zu sterben auf die alte Art.            

XXI
Sie standen sich gegenüber. Aus der Peripherie heraus sondierte Tika den Raum, während der Fokus ihrer Wachsamkeit auf den beiden Männern und dem Mädchen, das sich in ihrer Gewalt befand, konzentriert war. Eine der beiden seitlichen Türen stand einen Spalt weit offen, die andere war allerdings geschlossen. Ob sich Samayanti hinter dieser Tür verbarg? Nun, sie würde es wohl bald schon herausfinden. Diesmal überließ sie Diriyanto nicht den ersten Schritt. Sie wusste nicht, wie der Chief Inspector bei Verhandlungen mit Geiselnehmern vorging. Sie hätten darüber reden sollen. Natürlich gab es Standard-Vorgehensweisen, aber Tika hielt sich selten an das, was irgendwo geschrieben stand.  
„Lassen Sie das Mädchen gehen“, forderte Tika mit fester Stimme, die keinen Kompromiss duldete.          
Der Mann, der Siti in seiner Gewalt hatte, ihr den Lauf seiner Pistole gegen den Schädel presste, jagte Tika sofort einen Schauer über den Rücken. Ihr Herzschlag ging schon wieder nach oben. Dieser Mann war unberechenbar – sie konnte es an dem Glanz in seinen Augen sehen. Tiefe Brunnen des Wahnsinns.   „Ich werde unsere Kleine hier nicht gehen lassen. Und jetzt werden SIE, und zwar Sie alle, die Waffen herunternehmen. Ganz langsam. Legen Sie sie auf den Boden“, erwiderte der Fremde und drückte zur Unterstützung des Gesagten seine Waffe fest gegen Sitis Schläfe, sodass das Mädchen vor Schmerz zusammenzuckte.                  
Es war Wu, der ihr die Entscheidung abnahm, darauf zu reagieren. Blitzschnell und mit einer tödlichen Präzision, die Tika mehr als alles andere überraschte, feuerte der Konzernmann einen Schuss auf die Waffenhand des Entführers ab. Siti schrie auf – ob vor Schmerz oder Schreck war nicht zu erkennen, denn plötzlich ging alles verdammt schnell. Viel zu schnell.      
Sadewa registrierte im Augenwinkel, wie Nakula zurückstolperte, die Waffe fallen ließ, die ihm regelrecht aus der Hand gerissen wurde, als der Schuss ihn traf. Das Mädchen torkelte, ging zu Boden. Sein Kampfinstinkt schlug Funken. Einer gegen drei – die Rechnung war tödlich. Doch seine Reflexe funktionierten nach wie vor tadellos. Dem Konzernmann in nichts nachstehend, visierte er den gefährlichsten seiner Gegner an und feuerte sofort. Die Salve überbrückte die Distanz zwischen ihnen im Bruchteil einer Sekunde. Dennoch schien der Mann damit gerechnet zu haben, dass Sadewa auf ihn feuern würde. Eine übermenschlich schnelle Rechtsbewegung brachte seinen Körper aus der Schussbahn mehrerer Geschosse, doch selbst dieses Kunststück vermochte es nicht, Sadewas Präzision vollends in den Schatten zu stellen. Eine der Kugeln schmetterte in die Schulter des Konzernmanns, durchbrach die kühle Perfektion seiner Bewegung wie einen zersplitternden Spiegel. Seines Gleichgewichts beraubt, konnte der Mann seinen Fall nicht mehr stoppen, auch wenn er sofort damit begann, sich abzurollen, um die Wucht des Aufpralls zu dämpfen.            
Erst, nachdem Wu zu Boden gegangen war, hatte Tika die neue Situation erfasst. Siti war vorerst außer Gefahr und sie waren dem verbliebenen Gegner noch immer zwei zu eins überlegen. Ohne sich darum zu kümmern, was mit Wu geschehen war, richtete Tika so schnell sie konnte ihre Waffe auf den anderen Mann. Doch sie kam nicht zum Schuss. Der eiskalte Lauf von Diriyantos Dienstwaffe ließ sie erstarren, den Finger bereits am Abzugssensor ihrer Pistole. Und plötzlich legte sich eine tödliche Stille über den Raum, einzig durchbrochen von Sitis Schluchzen am Boden.          
„Diriyanto ...“, zischte sie mit zusammengepressten Zähnen, wagte es aber nicht, sich allzu sehr zu bewegen.        
„Das verstehen Sie nicht, Suryono. Hier sind Kräfte am Werk, die wesentlich größer sind, als sie oder ich“, sprach Diriyanto viel ruhiger und gefasster, als sie es bei ihm für möglich gehalten hätte. Hatte sie sich dermaßen in ihm getäuscht? Ganz über den Weg getraut hatte sie ihm nie. Doch ein solcher Verrat?  
„Los, verschwinden Sie“, raunte der Chief Inspector weiter. Der Mann, der Wu niedergeschossen hatte, schien zu überlegen. Ihm war anzusehen, dass er die Situation genau wie Tika noch nicht durchdrungen hatte. Doch sein Verbündeter grinste. Ein schmales, grausames Grinsen. Wissend. Tödlich. Der Mann blickte auf das Blut, das ihm von der Hand rann. Tika wusste, dass es für ihn noch nicht zu Ende war. Der Kampf mochte vorbei sein, nicht aber der Krieg. Ihre Blicke trafen sich, kurz, aber unnachgiebig. Als er in ihren Augen das sah, was er fühlte, erfüllte sein grausames Gesicht für einen kurzen Moment lang ein bizarres Lächeln, das nur für sie bestimmt war. Wir werden uns wiedersehen. Nur du und ich. Dann verließ der Mann den Raum, ließ Siti auf dem Boden liegen. Nur wenige Augenblicke später folgte ihm sein Partner, die Waffe noch immer zur Absicherung erhoben.          
„Dafür werden Sie büßen, Diriyanto“, zischte Tika erneut, doch diesmal antwortete ihr vermeintlicher Kollege nicht. Stattdessen presste er ihr einen Injektor an den Hals, und ehe Tika reagieren konnte, versank die Welt um sie herum im Dunkeln.


...
*Sadewa und Nakula: Zwei Brüder unter den Pandawa Lima, den fünf mythischen Heldengestalten des wayang kulit (javanisches Schattenspiel).
*Bintang: Indonesisch „Stern“.
*Merdeka Square: Platz der Freiheit – zentraler Platz in Downtown Jakarta. Standort des Monas (Nationalmonument).
*Jalan Jaksa: Das Wort „Jalan“ findet sich in jedem Straßennamen. Es hat viele Bedeutungen: Straße, Weg, gehen usw.
*kupu-kupu malam: Wortwörtlich „Nachtfalter“ – umgangssprachliche Bezeichnung für Prostituierte (der Plural wird im Indonesischen durch die Verdoppelung des Wortes gebildet).
*Kak: Abk. für „Kakak“ (Anrede an ein älteres Geschwisterteil).
*Pak: Abk. für „Bapak“ (Herr) (Anrede an eine ältere, männliche Person).
*Dik: Abk. für „Adik“ (Anrede an ein jüngeres Geschwisterteil).
*Konek: Indonesisch „Verbindung“ (in der Welt der Geschichte eine Weiterentwicklung des heutigen Smartphones, die unter anderem augmented-reality-fähig ist und einen leistungsfähigen Computer darstellt).
*AIPTU: Offiziersrang in der POLRI
*POLRI: Polizeikräfte der Republik Indonesien (ehemals Teil der TNI, der Streitkräfte der Republik Indonesien; wurden im Zuge der Demokratisierung vom Militär getrennt).
*Ibu: (Frau) Anrede an eine Frau (Abk. „Bu“)
*Radèn: Javanischer Adelstitel
*Cicak: Kleine Eidechse (wirft ihren Schwanz ab, wenn sie in Gefahr ist).
*Selamat pagi: Typische Grußformel („Guten Morgen“).

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