Es ist: 25-10-2021, 08:05
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Potemkin (I)
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Potemkin (I)
P O T E M K I N

I.

Dienstag, 31.12.2002
Irgendwo über dem Europäischen Nordmeer.
 
Unbeschreiblich laut. Als würde der Himmel aus einer Montagehalle für Staatskarossen bestehen. Und die Rotoren des Hubschraubers kannten kein Erbarmen, während ab und zu ein heftiger Windstoß von außen barsch anklopfte.
"Was?", rief er laut ins Helmmikrophon, während er weiter gebannt nach unten schaute, wo das unendliche Blau des wütenden Meeres unter ihnen vorbei rauschte.
Der Mann, der ihm auf der kargen Sitzschale gegenüber saß, schüttelte den Kopf.
"Du bist zu alt dafür."
"Sag Du mir nicht, was ich bin." Er wandte sich von den Wellen des blauen Planeten unter ihnen ab, und musterte sein Gegenüber: dunkelblauer Anzug aus Hose und Jacke, mit Dienstgradabzeichen auf der Schulter, die ihn eigentlich als einen Kapitän auswiesen, wäre da nicht der Äskulap stab gewesen, der zusätzlich aufgenäht war. "40 ist heutzutage wie 30."
"Dann sag ich es Dir so, Akula", rief der andere Mann, der eigentlich ein Arzt war, und beugte sich ein Stück vor. "Das ist Wahnsinn!" Er nickte, als müsste er es unterstreichen. "Und denk Dir bitte ein Ausrufezeichen dazu!"
Akula seufzte, schaute an sich herab und überlegte für einen kurzen Moment, ob der andere Mann nicht doch Recht hatte. Da lagen ein schwarzer Seesack und eine lederne Aktenmappe zu seinen Füßen, die wiederum in Schwimmflossen steckten. Wie der restliche Körper in einem Taucheranzug. Nur die Brille hatte er noch nicht aufgesetzt.
"Wenn das Wahnsinn ist, Wassilli", rief er ins Mikro vor seinem Mund, "was ist dann das, was hinter uns liegt?"
"Hinter Dir, mein Freund", antwortete dieser. "Hinter uns liegt nur eine gemeinsame und beschissene Kindheit im Ghetto von Leningrad."
"Danke für die Erinnerung."
"Hilft es denn? Ansonsten müsste ich ein Trauma diagnostizieren."
Akula lächelte.
"Seit wann kennst Du Dich mit Geisteskrankheiten aus?"
"Ich bin Flottenarzt. Ich muss alles können."
Akula nickte, schaute wieder aus dem Fenster des Hubschraubers, der seit einigen langen Minuten bereits ein unbehaglicher Platz für seinen Hintern war. Keine schönen Aussichten da draußen. Der Himmel wolkenverhangen, und jetzt fing es auch noch an zu regnen.
"Ich bin nicht verrückt", sagte er nach einer kleinen Pause. "Ich weiß, was ich tue."
"Das würde ich normalerweise nicht bezweifeln", antwortete Wassilli. "Aber ich habe den Eindruck, dass Du Dich da in etwas verrannt hast."
Akula schaute sein Gegenüber an.
"Wie kommst Du darauf?"
Wassilli presste die Lippen zusammen und schien zu seufzen - nur hören konnte man es nicht.
"Du lässt Dich als Oberst reaktivieren, bittest mich, den Admiral zu beknien Dich hierhin zu schaffen, auf Staatskosten wohlgemerkt." Der Arzt schüttelte den Kopf. "Und wofür?" Er zeigte mit einem Finger drohend auf Akula. "Weil Du einem Gespenst hinterherjagst, mein Freund."
Der Angesprochene schaute wie hypnotisiert auf die lederne Aktenmappe.
"Das ist kein Gespenst, Wassilli", sagte er. "Er ist real. Er ist eine Gefahr für die Allgemeinheit."
"Eine Gefahr für die Allgemeinheit muss abgewendet werden, da gebe ich Dir Recht", antwortete der Arzt. "Aber es gibt immer noch einen Unterschied zwischen einem Bürger und einem Angehörigen der Streitkräfte."
"Der Nachrichtendienst der Marine ist ineffektiv."
"Er ist aber dafür zuständig! Und nicht der MWD!"
Schweigen schlich sich zwischen die beiden Männer, und nur die Rotoren surrte teilnahmslos weiter.
"Du hast 48 Stunden", sagte der Flottenarzt schließlich, dann zeigte er auf die Aktenmappe. "Ich hoffe, da sind keine von meinen Werkzeugen drin."
"Nein."
"Du wirst keine physische Gewalt anwenden?"
"Wie kommst Du darauf?"
Wassilli schaute ihn durchdringend an.
"Weil der Apfel nicht weit vom Stamm fällt", antwortete er. "Und der MWD-Apfel liegt ganz nah am KGB-Baum."
Über ihnen leuchtete ein rotes Licht auf, und die Stimme des Piloten rauschte durch ihre Kopfhörer.
"Zielpunkt erreicht."
Sie schauten beide durchs Fenster nach unten. Ganz langsam schien aus den Tiefen des Meeres ein schwarzes Etwas hochzukommen. Wie ein Wal, nur sehr viel größer.
"Na dann", meinte Akula, und schob die Mappe in den Seesack, bevor er den Reißverschluss zuzog.
"Na dann - was?"
"Na, dann solltest Du mir jetzt wohl Glück wünschen."
Der Arzt beugte sich ein Stück vor und klopfte ihm auf die Schulter.
"48 Stunden. Wenn Du richtig liegst, melde Dich", sagte er. "Auf der Varyag haben wir nicht nur ein erstklassiges Lazarett, sondern auch sehr schöne Arrestzellen."
Akula nahm das Helmmikrophon ab und setzte sich die Schwimmbrille auf.
"Ich schaffe das."
"Solltest Du", antwortete Wassilli. "Ansonsten lernst Du einen GuLag von der anderen Seite kennen."
Akula nickte nur und schaute nach unten. Momentan war die einzige Herausforderung, nach da unten zu kommen, vorzugsweise in einem Stück. Er wusste zwar noch aus Afghanistan, wie das Abseilen funktionierte - eine Hand unter dem Hintern als Sicherung, das Seil um ein Bein geschwungen, um den Fuß des anderen die Schlaufe des Seesacks - aber das lag auch schon wieder Jahrzehnte zurück.
"Es geht los", rief der Pilot, als der Riesenwal aus der Tiefe auftauchte und das Meer fauchend zur Seite schob. Am Turm, der als erstes erschien, konnte man das Abbild einer dicken Kuh erkennen.
Was soll das?, fragte sich Akula, doch Wassilli entriegelte bereits die Bordtür des Hubschraubers und schob sie zur Seite, während der Wind plötzlich kräftig durch den Innenraum blies.
"VIEL GLÜCK", schrie er.
Dann griff Akula nach dem Seil und schwang sich hinaus.
 
***
 
Irgendwo unter dem Europäischen Nordmeer.
 
Dunkel, durchmischt mit dezentem Rotlicht, das von oben herunter rieselte. Ruhe, nur durchdrungen vom Tippen emsiger Finger auf Tastaturen, kritischen Blicken auf die Monitore vor den Köpfen der Männer vor ihr. Stille, wie die eisige See außerhalb des Schiffes.
Sie saß in ihrem Kommandantenstuhl, fühlte das Leder unter sich, fühlte sich gut, während sie sich umsah, und - wie immer - nicht umhin kam festzustellen, dass die Kommandozentrale nicht mehr wie früher ein beklemmender Ort war. Selbst die Krümmung des Schiffskörpers war verschwunden. Hätte man es nicht gewusst, dann hätte dies auch ein unscheinbarer Raum im Keller des Raketenkomplexes in Baikonur sein können. Allerdings immer noch voller Metallstäbe, elektrischen Leitungen und teilweise klobiger Geräte. Nur eben eleganter. Zeitgemäßer für das 21. Jahrhundert.
Trotzdem hing der Maschinengeruch aus dem Damals noch immer um sie herum. Ob die Konstrukteure der Admiralitätswerft 196 in Leningrad das ihr zuliebe eingebaut hatten, oder ob es sich nach all den Jahren schlicht in ihre Nase gebrannt hatte, konnte sie nicht beurteilen. Das, was sie aber wusste, war elementarer: Ihr viertes Kommando, ihr erstes über ein neues Boot. Ihr hatte man es gegeben. Nur ihr, keinem der anderen Kapitäne der Nordmeerflotte, die wesentlich mehr Dienstjahre und Unter-Wasser-Tage auf dem Buckel hatten als sie. Nur ihr.
Fleiß zahlt sich aus, dachte sie. Und Loyalität.
Die drei Männer in ihren schwarzen Bordkombinationen vor ihr gingen stumm ihrer Arbeit nach. Links - auf der Backbordseite - saß Aleksandr, kurz Aleks, verantwortlich für Antriebssystem, Waffen und den Reaktor. Dafür waren an seiner Station drei Monitore, die die aktuellen Werte und Statuten anzeigten: Die Maschinenleistung, die aktuell bei gemächlichen 20 Knoten unter Wasser (circa 40 km/h) lag. Die Waffen unterteilten sich auf dem zweiten Bildschirm in Torpedos und Raketen, die über die entsprechenden Torpedorohre im Bugraum verschossen werden konnten. Aufgrund der politischen Lage - tiefster Frieden - und des Flottenbefehls - Überwachung des Seegebietes - waren diese noch in ihren jeweiligen Lagerstätten direkt hinter dem Torpedoraum verschlossen. Der Reaktor schließlich war, ganz im Gegensatz zu den kritischen Varianten der größeren U-Boote mit strategischen Raketen, weniger störanfälliger. Somit konnte Aleks immer mit ruhigem Gewissen auf die grünen Werte schauen.
Rechts - auf der Steuerbordseite - saß Gregorij, kurz Greg, und hatte die Aufsicht über die Lebenserhaltungssysteme, die Struktur und die Nautik. Auch er besaß drei Monitore, die ihm den aktuellen Status der Luftreinigungsanlagen, den Status der 19 Besatzungsangehörigen, die der Sensoren für den inneren und äußeren Druck, die Wasseraufbereitungsanlage, die innere Beschaffenheit des Bootes sowie eine große Karte des Seegebietes anzeigten.
Er wäre der erste Mann an Bord, der einen Riss im Druckkörper sehen würde, da dadurch auf dem entsprechenden Monitor sofort die jeweilige Stelle am Rumpf rot angezeigt werden würde. Stattdessen blieb die grafische Gestalt des Bootes - von links nach rechts: tropfenförmiger Bug, lang auslaufendes Heck mit dem gedrungenen Turm, der etwas vor der Mitte an Oberdeck zu sehen war - in den beruhigenden Farben Rot, Orange und Grün ausschraffiert. Rotes Licht für die Kommandozentrale im unteren Teil des Turmes, Orange für den Messe- und Wohnbereich ein Deck tiefer, sowie Grün für den Maschinen- und Waffenbereich im untersten Bereich. Alles wiederum unterteilt in mehrere Abteilungen, so dass die grafische Gestaltung so aussah:
 
                                    Turmaufbau
                                    Kommandozentrale
            Messe- und Versorgungsdeck mit                Kabinen und Notfallsystemen
Bug     Torpedoraum            KI-      Diesel-            Reaktor-         Maschinenanlage      Heck
            Magazin                     Raum aggregate       raum               Wasseraufbereitung
 
Lediglich die Seekarte änderte sich ständig, analog zur Bewegung des Schiffes. Derzeit befanden sie sich auf einem Südkurs nördlich-östlich der Shetland-Inseln, den sie alsbald wieder verlassen mussten, wollten sie nicht in den Hauptstützpunkt der Royal Navy in Scapa Flow einlaufen.
Obwohl ..., überlegte sie. Das wäre mit diesem Boot machbar. Einfach auftauchen, Hallo sagen, und wieder verschwinden. Sie schmunzelte innerlich, und stellte sich die Gesichter der britischen Seeleute vor, die völlig entgeistert auf ein sowjetisches U-Boot starren würden, dass am besten gerade neben dem Flugzeugträger Implacable auftauchte. Die Prawda würde sich freuen.
"Kapitän?", rief der Mann, der ganz vorne am Steuer saß.
Pjotr, der Navigator, der auch die Radar- und Sonarsysteme bediente. Ihm standen zwar auch drei Monitore zur Verfügung, aber zusätzlich noch drei weitere, die das zeigten, was die - im Turm integrierten - Kameras da draußen aufnahmen. Sicherlich waren Radar und Sonar verlässliche Systeme und konnten alles, was da draußen im Meer noch herumschwamm auf den Monitoren exakt nachbilden. Aber zum ersten Mal hatten U-Boot-Fahrer Augen, konnten wirklich sehen, und mussten sich nicht mehr einzig auf piepsende Töne verlassen, um sich im Kopf dann vorzustellen, wann wer mit welchem U-Boot wo stehen würde.
Die "Fenster nach draußen" waren aus einem sehr starken (geheimen) Material gefertigt, was eine Tauchtiefe von 500 m zuließ. Mittels der ebenfalls integrierten Scheinwerfer konnte man am Grund des Meeres nach rostigen Nägeln suchen, oder was auch immer dem Flottenkommando gerade einfallen sollte.
Sie konzentrierte sich auf den Rücken des Navigators.
"Ja, Pjotr?"
"Wir nähern uns den angegebenen Koordinaten."
"Kurs halten. Auf Seerohrtiefe. Maschinen halbe Fahrt." Sie drehte den Stuhl und wandte sich an den Mann, der die ganze Zeit hinter ihr am eingefahrenen Periskop stand. "Leutnant Bao?"
Der Angesprochene wies starke asiatische Züge in seinem Gesicht auf, und man konnte an der aufgenähten Mini-Flagge an seinem rechten Oberarm - seiner ebenfalls schwarzen Uniform - auch gut erkennen, warum: Roter Untergrund. Links oben in der Ecke ein großer fünfzackiger Stern in Gold, umgeben von vier weiteren Sternen. Die Fahne der Volksrepublik China.
"Kapitän?"
Sie hatte für Badegäste - wie Besucher genannt wurden - an Bord ihres Bootes eigentlich nichts übrig. Auch wenn es Angehörige verbündeter Streitkräfte waren. Aber Befehl war nun einmal Befehl.
"Setzen sie sich", sagte sie, stand auf und zeigte auf ihren Kommandostuhl, während sie sich an ihm vorbei zum Periskop begab.
Bao zuckte nicht. Nichts auf seinem Gesicht schien eine Reaktion aus seinem Inneren erkennen zu lassen. Ruhig und würdevoll setzte er sich in ihren Stuhl, und drehte sich nach vorn.
Sie ließ das Sehrohr nach oben fahren, klappte die kurzen Seitenarme aus und drückte ihre Augen an die Linsen des Visiers. Baos Kommandos "Vorne zehn, hinten acht", "Anblasen", "Fahrt zehn Knoten"  hörte sie zwar, aber nur am Rande, während sie in die Welt oberhalb des Meeres schaute. Zuerst sah sie nur Dunkelheit, dann wütende Wellen und einen wolkenverhangenen Tag, der bald vorbeigehen würde. Sie stellte die Sicht schärfer ein, drehte sich mit dem Periskop mal nach links und rechts, sah aber kein anderes Schiff. Dafür aber einen Hubschrauber, der schnell näher kam, und dabei mehrmals in Morsezeichen blinkte.
"Auftauchen!", rief sie, ließ das Sehrohr wieder nach unten einfahren und wandte sich zum Schott hinter ihr. "Leutnant Bao. Sie haben das Kommando."
Sie sah seinen nickenden Kopf von hinten, dann öffnete sie das Schott und stieg im dunklen Schacht die dahinter befindliche Leiter nach oben hoch. Einige Sprossen, abwechselnd Hände und Beine bewegen, dann hievte sie sich durch ein kleines Loch und befand sich oben unter der Luke zur Seebrücke, die bei Überwasserfahrten genutzt wurde.
Es dauerte nicht lang, dann hörte sie das schäumende Meer jenseits der Stahlwände und das Boot wippte nach vorn. Ein Griff entriegelte die Luke, und sie wurde unfreundlich von einem Schwall Wasser begrüßt. Dann stieg sie die letzten Sprossen hoch, und wurde von einem kalten Wind empfangen, der ihr durchs Gesicht fegte. Und durch den Lärm der Rotoren des Hubschraubers, der fast genau über ihnen schwebte.
Das Boot sollte nicht stoppen, nur langsamer fahren, damit der Pilot seinen Passagier punktgenau über dem Turm ablassen konnte. Sie sah auch, wie sich die Seitentür des Hubschraubers - mit der Zahl 31 neben einem roten fünfzackigen Stern - öffnete, eine Gestalt mit einem Rucksack nach dem Seil an der Winde griff und sich langsam hinunter hangelte. Doch der Wind und das Meer waren keine gute Kombination. Der Pilot hatte seine Mühe, den Hubschrauber über den Turm schweben zu lassen. Ihr Boot war zwar 150 m lang und zwölf Meter breit, was eine Tonnage von knapp 4000 Tonnen auf die Waage brachte, aber das war dem allmächtigen Meer völlig egal. Ihr Boot war nur eine Nußschale in Poseidons Universum.
Sie griff nach einem dunklen, klobigen Kasten an ihrer Seite, öffnete ihn und nahm einen Hörer hervor.
"BAO!", rief sie. "ACHT KNOTEN!"
Die Gestalt verlor den Rucksack, der im bebenden Meer verschwand.
"Acht Knoten, Kapitän."
Sie spürte unter ihren Füßen, wie das Boot langsamer wurde. Der Wind nahm zu. Und kurz danach wurde der Hubschrauber von einer unsichtbaren Hand einfach weggedrückt. Das Seilende schlug nach dem Boot aus. Dann stürzte die Gestalt ebenfalls hinunter und verschwand lautlos in den Wellen.
Scheiße!
"MANN ÜBER BORD!", schrie sie in den Hörer. "BAO! MASCHINEN STOP!"
 
***
Davor ...
Irgendwo ...
 
Es wackelte. Im gepanzerten Transporter. Rotes gedämpftes Licht. Der Mann, der mit dem Rücken zum Fahrer stand, hielt sich an einem Griff oben neben der Luke in der Decke fest. Er schaute sie an, sie alle vier, akribisch, ruhig, durchleuchtend, während er selbst beinahe teuflisch wirkte. Im Gesicht, mit den markanten Zügen. In seiner schwarzen Uniform, mit dem Aufnäher "OMON-1" am Ärmel.
"Kurz und bündig", sagte er, während die ruckelige Fahrt weiterging. Mal eine Kurve nach links, nach rechts, dann wieder geradeaus. "Selinogorshk-90 ist eine Stadt in der verbotenen Zone. Seit der Räumung wurden nur die Hauptstraßen dekontaminiert, also haltet euch daran. Nebengassen nur bei Freigabe durch mich."
Kurve links, dann wieder geradeaus.
"Ziel ist das Gebäude 52. Straßennamen und Hausnummer gibt es hier nicht."
Schotter knirschte unter den Reifen.
"Gebäude hat sieben Etagen. Das Ziel befindet sich ganz oben."
Von vorn meldete sich der Fahrer.
"Zwei Minuten!", rief er, und der OMON-1-Mann nickte ihnen allen zu.
"Alpha-2 rückt von der anderen Seite der Stadt an. Ihr müsst zur dritten Kreuzung. Ab da übernimmt der Genosse." Der OMON-1-Mann schaute ihn direkt an, dann alle anderen. "Fragen?"
Links neben ihm hob sich ein Finger eines der Soldaten.
"Ist das ein biologisches Labor?"
"Nein."
Soldat Nummer zwei.
"Chemie?"
"Nein."
Soldat drei.
"Urantechnologie?"
Der Mann schaute ihn kopfschüttelnd an.
"Geheim", sagte er.
"Wir sind da", rief der Fahrer von vorn.
Der OMON-1-Mann nickte den vier Männern zu.
"Viel Glück."
Das Rotlicht verschwand. Dunkelheit sickerte von oben herab.
"Dann los!"
Sie setzten sich innerhalb weniger Sekunden die Nachtsichtgeräte auf, dann die Helme, griffen nach ihren Gewehren, als der Wagen stoppte. Alles verschwamm in einem grünen Klecks, dann wurden die Augen schärfer. Die beiden Türen am Heck schwangen, und sie stürmten nacheinander raus. Ums Fahrzeug. Grüne Welt. Alle schauten ihn an. Durch die Zahlen und Daten in seinem Nachtvisier.
Ihn.
Er nickte ihnen zu, dann drehte er sich um und zeigte stumm in die Richtung, in der ihr Ziel lag. Die Pistole im Anschlag rannte er los. Ohne sich umzuschauen wusste er, dass die anderen ihm folgten, dabei mit ihren Gewehren abwechselnd alle möglichen Bedrohungspunkte anvisierten.
Rennen. Mit der Waffe nach links und rechts zielen. Durch die grüne Hauptstraße. Nebenstraßen dunkel. An den Seiten anonyme Hochhäuser der Arbeiter und Wissenschaftler. An den Fassaden war irgendwas, aber schwer zu erkennen. Neben den Nummern. Fenster dunkel und schwarz. Alte ausgefranste Vorhänge. Alte verrostete Fahrzeuge. Ladas, Moskvitchs. Hastig abgestellt, teilweise mit offenen Türen. Plüschtiere neben einem Kinderwagen. Eilig verlassen. Bereits zerfressen.
Er rannte weiter.
Die Straße entlang, als plötzlich schlagartig alle Straßenlaternen aufleuchteten.
Aus der grünen Welt wurde ein Blitz vor seinen Augen, der alles verschlang.
Sie verharrten, da wo sie gerade waren.
In seinem Display wurde das Nachtsichtgerät ausgeschaltet.
Jetzt konnte er die Litfasssäulen erkennen, mit roten Sternen, Hammer und Sicheln darauf. Die Jahreszahl 1999 darauf lag lange zurück. Er schaute sich um. An den Fassaden war das, was vorher ein Etwas gewesen ist, nun klar zu erkennen: Bilder, überall. Selbstgemalt und und riesenroß. Am Hochhaus ihm gegenüber prangte das Bild eines alten Mannes im Schneidersitz. Am anderen Haus daneben war es ein Mann, der mit grüner Farbe den Himmel verwischte. Am nächsten ein lilafarbenes Bild eines kleinen Hauses am Steg eines Sees. Dann eine weite Landschaft mit weißen Wolken. Schließlich eine Frau mit Strapse im Neonlicht einer leblosen Straße. Und so weiter.
"Ausweichroute", hörte er die Stimme des OMON-1-Mannes. "Erste Kreuzung."
Er hob den Arm, die anderen drei schauten ihn an. Dann zeigte er in die Richtung, in der ihr Ziel lag und formte mit den Fingern die Zahl 1. Danach ließ er die Hand über seinem Kopf kreisen.
Weiter. Abstand halten.
Er sprang auf, und rannte los. Die anderen hinter ihm her.
Die Kreuzung tauchte auf. Und die Stimme des OMON-1-Mannes.
"Kanaldeckel mittig auf Fahrbahn."
Hastig, schneller, sich umschauend, näherte er sich mit seinen Gefährten der Kreuzung.
Der Deckel. Nummer Zwei kniete sich hin, griff mit seinen Händen nach den Kanten und wuchtete das massive runde Element hoch und zur Seite. Gleichzeitig trat Drei an ihn heran, schwang sich das Gewehr auf den Rücken und kletterte ins dunkle Loch hinunter.
Er wartete, bis auch Eins drin war, dann steckte er die Waffe in seinen Holster und stieg auch  hinunter. Sprosse um Sprosse. Das Nachtsichtgerät sprang wieder an. Surrend beim Klettern. Endlos lang. Ins dunkle der Erde selbst.
"Zugang durch Kellerebene", hörte er die OMON-Stimme in seinem Ohr. "Code bereit."
Dann plötzlich der Boden. Griff nach der Pistole, im Anschlag haltend. Die anderen hatten sich im dunklen Tunnel verteilt, sicherten nach vorn und hinten. Machten ihm Platz, als er in seinem Visier einen Pfeil sah, der ihm den Weg wies.
Er schnippte mit dem Finger. Die Männer schauten ihn an, dann folgten sie ihm. Meter um Meter durch den Tunnel. Alte Rohre an den Seiten. Spinnweben. Verblasste Hinweisschilder. Irgendwann wurde es nass, und ihre Stiefel platschten durch Abwasser. Vor ihm nahmen die Zahlen in seinem Grün ab. Nicht mehr lang. Dann stoppte er. Zeigte auf die massive Tür vor ihm. Schmucklos. Namenlos. Ein kleiner Kasten mit einem Zahlenfeld an der Seite.
"19. 20. Null und die 6", rief der OMON-1-Mann.
Er tippte die Zahlen ein. Zuerst hörte er nichts, dann ein schmatzendes Geräusch, bevor die Tür entriegelte und langsam aufschwang. Dahinter Dunkelheit in grün. Er trat vorsichtig ein. Ein langer Gang, an den Seiten Türen. Kurzer Griff: Verschlossen. Weiter, langsam. Endlos lang, bis zu einer Biegung, nach der sich in seinem Visier ein Fahrstuhl herauskristalisierte. Links davor eine Doppeltür mit der Aufschrift "S.A.L." Verschlossen. Ein Blick durch die vergitterten Fenster: Ein leerer, großer Raum. Einige Kartons und Computer standen noch auf dem Boden. Verpackt, nicht abgeholt. Vergessen.
Die Tür gegenüber, rechts vom Fahrstuhl, mit der Aufschrift "Ebene 00". Er griff nach der Klinke. Offen. Die Tür gab nach. Grüner Blick hinein.
Ein Treppenhaus.
 
 


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