Es ist: 11-04-2021, 07:41
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Potemkin (II)
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Potemkin (II)
II.

Irgendwo unter dem Europäischen Nordmeer
 
Zuerst war es ein Stechen irgendwo in den Rippen, dann ein Knacken in der Wirbelsäule, die ihn langsam wieder zurück ins Leben holten, und das Treppenhaus vergessen ließen. Widerliche, dumpfe Schmerzen, gefolgt von dem Drang, sich übergeben zu müssen, als er die Augen aufschlug. Ein dunkler Raum, klein, eng. An der Decke leuchtete ein Streifen Licht, nicht zu hell, zu grell oder sonst wie zu aufdringlich. Eher dezent. Angenehm für die Augen.
Akula richtete sich langsam auf, als eine Tür geöffnet wurde und jemand eintrat.
Für einen Moment hörte man Stimmengewirr aus dem Was-auch-immer hinter der Tür, bevor diese wieder geschlossen wurde.
Ein Seufzen, dann reichte ihm die Person vor ihm etwas.
"Hier, Genosse Oberst", sagte die Frau, und das Etwas entpuppte sich als Handtuch, als er es annahm. "Ich bin Sona Belowa. Trocken Sie sich erstmal ab."
Akula blinzelte. Jenseits der 40, jenseits der 30, irgendwo dazwischen schätzte er die Frau ein, die er allmählich besser erkennen konnte. Sie hatte seine Größe, um die 175 cm. Schwarze Bordkleidung der Marine, wahrscheinlich feuerfest. Ihr Gesicht nicht zu rund, nicht zu breit. Die braunen Haare zu einem Zopf gebunden, der sich hinter ihr verlor. Die Nase grazil, mit formvollendeten Lippen darunter. Wie gemalt. Wie auch ihre Augen, deren braune Iriden ein Stück weit zu dunkel geraten waren und eher wie schwarz wirkten. Augen, die ihn gerade belustigt anschauten.
"Was ist?", fragte er.
Sie schmunzelte.
"Da muss man erst 20.000 Meilen unter dem Meer sein, um einen halbwegs ansehnlichen Mann nackt in seiner Koje zu haben."
Akula hob fragend eine Augenbraue.
"Halbwegs?", sagte er und schaute an sich herunter, am muskulösen Oberkörper und den breiten Armen vorbei, bis die Decke dezent den Rest verschwieg, aber er konnte sich die Wertung nicht erklären.
Stattdessen hielt Sona plötzlich einen kleinen Spiegel in der Hand.
"Schauen Sie."
Er sah sich, sein kantiges Gesicht, seine grünen Augen, seine beginnende Glatze auf der Vorderseite des Kopfes, wo die Haare langsam ausfielen. Vielleicht der Stress der letzten Monate und Wochen, aber was anderes, als die langgezogene Narbe auf der rechten Stirn. Was anderes, als die Schwellung am rechten Auge mit dem Bluterguss darunter.
"Die See war heute nicht gnädig zu ihnen", sagte Sona. "Bei ihrer Bergung wurden sie unsanft gegen das Boot geworfen. Und auch wenn das da draußen Titan ist: Es bleibt härter als ihr Schädel."
Er berührte sich vorsichtig im Gesicht. Die gesamte rechte Seite meldete sich sofort, und schickte einen Schwall von stechenden Schmerzen in den Kopf. Akula verzog den Mund aber nur leicht.
"Schon in Ordnung", murmelte er. "Für 'halbwegs' scheine ich es gut überstanden zu haben."
"Danken Sie dem Bordarzt." Sie schwang den Spiegel wieder weg. "Aber auch ohne das 'halbwegs' würde ich an ihrer Stelle nicht auf falsche Gedanken kommen", meinte sie. "Ich bin ein Kind von Jules Verne, und keins aus dem horizontalen Gewerbe Leningrads."
Akula richtete sich auf, hob die Decke und schaute auf den Rest seines Körpers.
"Wenn Sie mir jetzt sagen, dass Sie mich so ins Bett gelegt haben, dann wird es fragwürdig."
Sie lächelte und beugte sich ein Stück herunter. Wie ein Raubtier kurz vorm Zubeißen.
"Genosse, diesem menschlichen Vergnügen bin ich noch nie nachgegangen", hauchte sie, dann wurde sie wieder ernst. "Aber es ist schön, jemanden wie Sie verwirrt zu sehen."
Er bemerkte auf den Schultern der schwarzen Borduniform die Dienstgradabzeichen eines Kapitäns, diesmal ohne Äskulapstab.
"Verwirrungen habe ich gerade genug in meinem Leben", sagte er, und kniff die Augen zusammen. "Und wieso Bergung?"
"Eine Böe hat Sie erwischt", antwortete Sona. "Sie haben das Seil aus den Händen verloren und abgestürzt. Glück gehabt, Oberst", dann zeigte sie auf den Seesack neben der Koje. "Leider sind alle Ihre Sachen da drin nicht mehr zu gebrauchen."
Akula schaute auf den Seesack, dann weiteten sich seine Augen. Er schwang sich - mit der Decke über den Schoß - aus der Koje, zog den gerissenen Sack zu sich hin, wühlte darin herum, warf seine nassen Uniformhose, seine zerfetzte Jacke, seinen verbliebenen Einzelstiefel zur Seite, bevor er aufatmend das lederne Mäppchen in Händen hielt und aus der Plastiktüte herausnahm.
"Mehr brauch ich nicht", murmelte er.
"Wie Sie meinen", sagte Sona. Dann musterte sie ihn wieder, trat an einen kleinen Schrank, öffnete ihn und holte eine weiße Uniform hervor, die sie neben Akula auf die Koje legte. "Wir haben ungefähr die gleiche Größe."
Akula starrte erst sie an, dann das Weiß auf der Koje.
"Was soll das?"
"Halbwegs oder nicht: Nackt wird mir hier kein KGB-Agent durch die Gänge laufen."
Er rollte genervt mit den Augen.
"Ich bin vom MWD", antwortete Akula. "Und Kapitän bin ich auch nicht."
Stille. Aus der Welt hinter der Tür konnte man hören, wie andere Personen vorbeigingen und sich gedämpft unterhielten.
"Ihr seid doch nie das, als was ihr euch ausgebt", sagte sie mit einem eisigen Blick. "Und damit sich nachher niemand in Moskau beschweren kann: Willkommen auf dem Angriffs-Unterseeschiff mit Torpedos und Lenkwaffen, K-215, Projekt 714.7, Potemkin." Kurze Pause. "Herr Kapitän."
 
***
 
Die Uniform saß, beinahe perfekt, wenn da nicht ein zwei Zentimeter an den Armen und den Beinen gefehlt hätten. Weiß, sauber, und mit den falschen Abzeichen auf der Schulter. So ganz wohl fühlte sich Akula nicht dabei. Zwar war es beim verdeckten Ermitteln durchaus üblich, sich Alias-Namen und gefälschte Ausweise zuzulegen, aber Dienststellungen, Orden, oder Ehrenabzeichen zu tragen, ohne etwas dafür geleistet zu haben, war was ganz Anderes.
Der weibliche Kapitän namens Sona saß in ihrem Drehstuhl am kleinen Schreibtisch und musterte ihn.
"Normalerweise tragen wir das nur im Sommer, bei besonderen Anlässen und beim Backen und Banken", sagte sie gerade. "Aber die Unterbrechung einer laufenden Flottenübung kann man durchaus als besonders ansehen, nicht wahr?"
Akula griff nach dem ledernen Mäppchen und reichte es ihr.
"Würden Sie das bitte halten?"
"Was ist da drin?"
"Keine Folterinstrumente."
Sona nahm es und musterte es von allen Seiten, bevor sie es leicht schütteln wollte.
"Ich sagte doch", meinte Akula. "Keine Folterinstrumente."
"Hm."
Er griff nach der weißen Schirmmütze mit dem Goldrand, überlegte, dann legte er sie doch wieder weg, während sie ihn die ganze Zeit musterte.
"Warum das Ganze?", fragte sie schließlich. "Warum diese halsbrecherische, spontane und unüberlegte Aktion?"
"Geheim", antwortete er.
Sie rümpfte die Nase und stand auf.
"Ich bin der Kommandant. Und ich würde gerne wissen, wieso Sie wegen einer meiner Männer hier sind."
Er schaute sie an. Eine Frau als Kapitän war nicht ungewöhnlich. Schließlich hatten alle ihren Beitrag zur Verteidigung des Arbeiter-und-Bauern-Staates vor den imperialen Kräften da draußen zu leisten. Ungewöhnlich war dagegen ihr Blick, ihre Haltung und die Festigkeit in ihrer Stimme.
"Der Mann ist in Gewahrsam?", fragte er schließlich, und wich damit bewusst ihrer Frage aus. Es dauerte auch eine kleine Ewigkeit, bevor sie antwortete.
"Ja."
"Weiß er warum?"
Sona legte den Kopf schief.
"Wir haben ihm nichts gesagt."
"Und ich?"
"Sie sind vom Militärtribunal Nord, der den Vorfall erstinstanzlich prüfen und bewerten soll", sagte sie und zeigte auf seine weiße Uniform. "Eben nur nicht mehr als Oberst, sondern als Kapitän."
"Gut."
"Und wie soll ich Sie vorstellen?"
Er schaute sie fragend an.
"Was meinen Sie?"
"Ihren Nachnamen. Oder ist der auch geheim?"
Er überlegte kurz, dann zuckte er mit den Schultern.
"Suchen sie sich einen aus."
Sie lächelte.
"Kapitän Koroljev", sagte sie, ohne eine Sekunde zu lange überlegt zu haben.
"Jemand, den Sie kennen?", fragte er.
Sie erhob sich, öffnete ihm die Tür und bedeutete ihm mit einer Handbewegung voran zu gehen.
"Der letzte Mann, der mir an die Wäsche wollte", raunte sie ihm von hinten zu. "Ich habe ihm dafür seine Hand gebrochen."
Akula schüttelte den Kopf.
"Sie sind nur ein bisschen verrückt, oder?"
"Ich nehme das als ein Kompliment an."
 
Im Gang jenseits der Tür war es nicht heller. Als hätte sich der Abend eingenistet, mit den Vorboten der Nacht dazu. Die orangenen, teilweise vertäfelten, dunklen Seitenwände waren gerade, und nicht, wie er einst angenommen hatte, oval, an den Bauch und den Körper des U-Bootes angepasst. Ein ganz normaler Gang, der auch in der Varyag zu finden war. Eng, ein bisschen beklemmend für seine Größe. Links und rechts zwischen den Türen - mit Namensschildern der Bewohner - hingen Bilder bedeutender Seeschlachten der sowjetischen Marine, aus den Zeiten des Bürgerkriegs, sowie aus dem letzten Weltkrieg. Alte Schlachtschiffe in schwarz-weißen Photos gefangen, mit riesigen Geschütztürmen, klobigen Aufbauten und Gesichtern von Seeleuten, die heute schon gar nicht mehr lebten. Er musterte die Bilder, eines nach dem anderen.
"Suchen Sie ein bestimmtes Schiff?", fragte Sona.
Er schüttelte den Kopf.
"Gut", sagte sie, wies ihn an weiter zu gehen und folgte ihm. "Dann erzähle ich ihnen ein bisschen was über dieses hier."
"Tun sie sich keinen Zwang an."
"Das Schiff ist 150 Meter lang, 12 Meter breit und hat eine Wasserverdrängung von 4000 Tonnen", sagte sie. "Es gibt hier drei Decks." Er zeigte nach oben. "Oberdeck, in dem sich die Schiffsführung befindet. Das Mitteldeck, wo wir gerade sind, mit den Kojen, Messen und der Küche." Sie zeigte nach unten. "Das Unterdeck, wo sich die technischen Anlagen - unter anderem für den Nuklearreaktor, den Antrieb, die Torpedos und die Lenkraketen - befinden."
Er schaute sie von der Seite an.
"Unter anderem?", fragte er. "Was gibt es da noch?"
Ein Grinsen huschte über ihr Gesicht.
"Geheim", antwortete sie, verstummte aber, als ihnen ein Matrose entgegenkam und wortlos an ihnen vorbeiging.
"Wird hier nicht gegrüßt?", fragte er.
"Sollen sich die Kameraden die Hände an die Schläfe nageln?"
Akula nickte stumm. Ein Blick nach oben zur Decke, die sich gar nicht so weit über seinem Kopf befand. Zwei schmale Streifen aus Licht pulsierten. Weiß, dezent. Tendenz abnehmend.
"Ändert sich hier auch die Helligkeit, oder ist das auch geheim?", fragte er, während sie an der offenen Tür mit der Aufschrift 'Küche' vobeigingen. Innen war nur eine Person zu sehen, die zwischen verschiedenen Töpfen, Pfannen und dem Kühlschrank hin und her pendelte. Es roch herzhaft, irgendwie deftig, und sein Magen meldete sich mit einem leichten Knurren.
"Wir haben Sie für heute Abend mit eingeplant", antwortete Sona auf die unausgesprochene Frage und zeigte - mit dem ledernen Mäppchen in der Hand - auf die gegenüberliegende Seite der Küche, wo sich verschlossene Türen mit der Aufschrift 'Messe' und 'Messe Offiziere' befanden. "Und um Ihre Frage zu beantworten: Das Licht passt sich an die Tageszeiten an, damit der menschliche Rhythmus konstant bleibt."
"Aha."
Der Gang wurde durch ein schweres rundes Schott unterbrochen, dessen Luke offenstand. Sona trat schmunzelnd an ihm vorbei, griff mit den Händen nach der Sprosse über der Luke und schwang sich mit dem Rest des Körpers hindurch.
"Es ist ganz leicht", sagte sie. "Versuchen Sie nicht, es anders zu machen. Badegäste verrenken sich hier nur den Rücken."
Im Bereich dahinter befanden sich die Kajüten der Besatzung. Ein paar Meter weiter schwangen sie sich durch ein weiteres kreisrundes Loch, dann endete vor einem verschlossenen Schott, auf dem das Schild 'Notfallsysteme - FSN' angebracht war. Dafür befand sich im Boden davor eine offene Luke und eine steile Treppe nach unten.
"Nach Ihnen", sagte Sona und bedeutete ihm, weiter zu gehen.
Akula hatte Mühe, die schmalen Tritte hinunter zu gehen, zu steil war es für einen normalsterblichen Menschen, und er hielt sich krampfhaft am Geländer fest. Im Gegensatz zu ihr, die - als er unten war - ihre Beine aufs Geländer schwang, sich mit den Händen abstützte und einfach nach unten rutschte.
"Sollten Sie auch mal probieren", meinte sie, als sie unten angekommen war. "Das hält jung."
Die Farbe hier auf dem unteren Deck unten war grünlich kalt. An den Wänden zwischen Rohren, Kühlleitungen, Kabelkanälen und anderen klobigen Kästen hingen keine Bilder mehr, sondern Tafeln mit technischen Zeichnungen, Anweisungen für Notfälle, oder Anweisungen des Kapitäns.
"Hier unten ist der Reaktor untergebracht", sagte Sona. "Deswegen die andere Struktur."
Akula interessierte das nicht mehr. Er starrte nach vorn zum nächsten Schott, hinter dem ein Mann zu sehen war, der offensichtlich vor einer Tür Wache stand.
"Wo ist er?"

***
 
Ein Raum. Dunkles Blau an den Wänden. Links von der Tür eine Sitzreihe, die sich wie ein halbes U um den Tisch in der Mitte schwang. Rechts eine Küchenzeile, auf der sich eine Kaffeemaschine neben verwaisten Tassen befand. Daneben befand sich ein klobiger schwarzer Kasten, in dem sich ein Telefonhörer befand. An den Wänden hängende Regale mit technischen Büchern darin, deren Fachwissen nur durch einen Petunientopf unterbrochen wurde, den irgendjemand hineingezwängt hatte. Am Kopfende saß ein Mann, leichenblass. Karges Gesicht. Schütteres braunes Haar. Normale schwarze Bordkleidung. Die Hände gefaltet auf den Tisch vor sich gelegt, starrte er auf die Seekarte, die die ganze Oberfläche des Tisches überspannte.
Gerade noch war er mit ganz anderen Sachen beschäftigt gewesen, war in Gedanken ganz woanders und mit anderen Problemen konfrontiert gewesen, als man ihn abgeholt und hier unten eingesperrt hatte. Ohne Anklage, ohne irgendwelche Worte.
Er seufzte, griff nach einer der beiden Ketten unter seiner schwarzen Bordjacke, und holte ein kleines Medaillon hervor. Er öffnete es und ein Bild von einer Frau mit schwarzen langen Haaren tauchte darin auf. Ein schwarz-weißes Foto. Aus einer anderen Zeit. Die Augen musterten ihn, das Gesicht lächelte ihn an. Und immer, wenn er das Bild betrachtete, stach ein unbekanntes Messer in sein Herz.
"Warum?", fragte er das Bild. "Was soll das?"
Sie lächelte nur. Mehr hätte sie in Wirklichkeit auch nicht mehr getan. Nur in seinem Kopf war sie noch präsent, wie eh und je. Viel zu oft sprach er noch mit ihr, holte sich ihren Rat, witzelte mit ihr herum, obwohl ein Teil von ihm ihn immer wieder ermahnte, sie endlich zu vergessen.
Schwer, jemanden aus dem Kopf zu bekommen, dachte er dann. Und noch schwerer, diese Person  aus dem Herzen zu verbannen. Vor allem, wenn ihre Stimme einfach nicht gehen wollte, die ihm - selbst jetzt noch - zu nah und zu vertraut war.
Vielleicht haben sie gemerkt, dass ich doch nicht bordverwendungstauglich bin, dachte er. Und sofort war sie da:
'Das glaube ich nicht.'
Vielleicht habe ich unbeabsichtigt im Schlaf mit Dir gesprochen.
'Das hast Du nicht.'
Vielleicht hat Nikita etwas mitbekommen. Wir teilen uns schließlich die Kajüte.
'Nein.'
Wieso bist Du immer so sicher?
'Nikita ist Dein Kamerad und Freund. Er würde Dich niemals im Stich lassen, geschweige denn Dich verraten.'
Und wenn doch?
'Es muss was anderes sein.'
Und was?
Sie schwieg, und er richtete den Blick auf den Petunientopf im Regal.
Was denkst Du?, fragte er lautlos die Blume. Warum bin ich hier?
Der Topf schwieg. Und die Frau in seinem Kopf schmunzelte.
'Was soll eine Petunie denn wohl darüber denken?'
Vielleicht, dass ich verrückt geworden bin?
'Du bist nicht verrückt geworden.'
Er schüttelte den Kopf.
Wahrscheinlich bin ich es schon die ganze Zeit, dachte er, und schüttelte leicht den Kopf.
'Und wie kommst Du darauf?'
Er schloss das Medaillon, und steckte es mitsamt dem Rest der Kette wieder unter die Bordjacke, faltete die Hände und legte sie wieder auf den Tisch mit der Seekarte darauf.
"Ich muss verrückt sein", sagte er leise zum Petunientopf, und es klang beinahe wie eine Entschuldigung. "Ich rede seit Jahren mit einer Toten."
 
***
 
Irgendwo über dem Nordmeer
 
Immer noch sah der Himmel grau und ungemütlich aus. Es hatte etwas abgeflaut, aber am Horizont konnte er sehen, wie sich die Wolken wieder zusammenballten und dabei immer dunkler wurden. Bald würde es blitzen und donnern, das Meer sich noch mehr aufbauschen und der Wind wie eine Furie durch jede kleine Ritze fegen.
Das endlose Meer. Als wäre die Erde ein reiner Wasserplanet, und nirgends Land in Sicht. Als würden alle Menschen auf stählernen Kolossen leben und arbeiten.
Wassilli schaute weiter durch das Fenster. Er hatte sich, nachdem sein Freund von den Matrosen gerettet worden war, auf dessen Sitz gesetzt und flog jetzt in Flugrichtung. Als der Hubschrauber eine kleine Wendung vollzog, konnte er die Varyag sehen. Der Flugzeugträger der Nordmeerflotte, mit seinem charakteristischen Bug, der wie eine Ski-Rampe gebaut war. Etwas weiter hinten, beinahe im Kielwasser der Varyag sah er die Kirov, der von der NATO als Schlachtkreuzer klassifiziert wurde. In Wahrheit hatte das Schiff keine Ähnlichkeiten mehr mit den ursprünglichen Schiffen dieser Klasse. An Oberdeck sah man keine schweren Geschütztürme mehr, sondern nur Luken in den verschiedensten Größen, vor und hinter den Aufbauten mit der Brücke, den Schornsteinen und den Radarmasten. Ein riesiges Arsenal an Kurz- und Langstreckenraketen, sowie Abwehrgeschossen, die sich unter dem Deck befanden.
Er konzentrierte sich wieder auf die Varyag. Abgesehen vom Bug mit seiner Ski-Rampe sah der Träger mit seinem zweiten, angewinkelten, Flugdeck einem der großen Flugzeugträger der US Navy sehr ähnlich. Auch die Aufbauten mit der Flugzentrale und der Schiffsführung waren ähnlich angeordnet, nur eben im Vergleich kleiner. Ein Umstand, der durch die neuesten MIG-Kampfflugzeuge aber mehr als ausgeglichen wurde.
"Landung in fünf Minuten", hörte er die Stimme des Piloten, dessen Name ihm erst eine Sekunde später einfiel.
Wassilli drückte sich das Mikro vom Helm näher an die Lippen, und schaute durch den schmalen Spalt zwischen Pilot und Ko-Pilot in der Kanzel vorne.
"Danke, Maxim", antwortete er dem Rücken des Piloten. "Und nehmen Sie sich die Sache nicht zu sehr zu Herzen. Der Oberst ist ein zäher Mann."
Der Kopf des Piloten schaute kurz über seine eigene Schulter zurück.
"Tut mir leid, Doktor", sagte Maxim. "Mir ist bis heute noch niemand von der Leine gefallen. Mein Fehler."
"Es war der Wind, nicht Sie."
"Erklären Sie das nachher dem Admiral."
Wassilli nickte leicht.
"Das werde ich", sagte er, während das Flugdeck der Varyag immer näherkam. Er konnte eine kleine Gestalt erkennen, die mit zwei leuchtenden Stäben in der Hand dem Piloten Anweisungen gab. Direkt dahinter stand eine weitere Person mit einer digitalen Tafel, die Windrichtung und -geschwindigkeit anzeigte, während Maxim mit dem Hubschrauber langsam zur Landung ansetzte.
"Doktor?"
"Ja, Maxim?"
Kurze Pause.
"Wir wollten Ihnen nur sagen, dass ihr Gespräch während des Fluges von uns nicht aufgezeichnet wurde."
"Danke", sagte Wassilli. "Ich nehme an, das verstößt gegen einige Dienstvorschriften."
Der Hubschrauber senkte sich weiter herab, und der Aufbau mit der Brücke schwebte an ihnen vorbei nach oben.
"Nein", antwortete Maxim. "Nicht, wenn die Bordelektronik leider ausfällt."
Er konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als die Reifen Kontakt mit dem Deck hatten und der Hubschrauber leicht wippend landete.
 
Einige Minuten später war er bereits auf dem Weg zur Brücke, stieg schnell die Stufen der grauen Treppe nach oben, eilte von Ebene zu Ebene. Vorbei am Logistikbereich, an seinem eigenen Lazarettbereich, hoch zur Brücke mit der Schiffs- und Flugführung. Die Matrosen, die ihm entgegenkamen, trugen entweder graue Pilotenkombinationen, oder die schwarzen Bordanzüge.
Alle grüßten sie ihn. Einige sogar mit einem "Hallo Doc" auf den Lippen, auch wenn er die anglizistische Verballhornung eigentlich gar nicht mochte.
Die letzte Tür. Dahinter erstreckte sich - über die gesamte Breite des Aufbaus - die Brücke mit den Navigatoren, den Flagg- und Wachoffizieren, den Flugleitungsoffizieren, und den Steuermännern in ledernen Sitzen vor ihren jeweiligen Konsolen, die zusammenhängend aussahen, als hätte man eine endlos lange Anrichte vor sich, in der alle paar Meter digitale Anzeigegeräte mit Tastaturen, oder sogar Steuerknüppel, integriert waren.
Vor ihnen die endlos lange Fensterreihe, zu den Seiten leicht abgeschrägt. Etwas versetzt hinter ihnen saß der Kapitän, der auch gleichzeitig Flugleiter war, auf einem erhöhten Sitz. Hinter ihm weiße Stahlwände, auf denen nicht nur die Konterfeis des Generalsekretärs der KPdSU und des Oberbefehlshabers der Roten Armee zu sehen waren, sondern auch Tafeln mit den Rollenverteilungen im Gefahren- und Katastrophenfall, verschiedenen Seekarten des Nordmeers mit Tiefenangaben, unterseeischen Gebirgen und Schluchten, sowie den Schichtplänen der Brückenbesatzung.
Roter Fußboden. Geruch von Kaffee und Tee, obwohl Getränke hier eigentlich wegen der Elektronik verboten waren. Befehle und Ausführungskommandos schwirrten durch den Raum, während die Schleuderscheiben in den großen Fenstern nach vorn aufgrund des Wetters bereits eifrig an der Arbeit waren. Trotzdem zogen es einige Seeleute immer wieder vor, sich mit einem Fernglas auf eine der beiden Brückennoks - vorzugsweise steuerbords, da sich backbords das laute Flugdeck befand - zu stellen, auch wenn sie dabei innerhalb weniger Sekunden durchgefroren waren. Dass sie dabei eine Papirossa wegrauchten, war natürlich immer Zufall.
"Doktor!", rief der Kapitän, und zeigte auf eine Tür hinter ihm. "Der Admiral erwartet Sie."
 


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