Es ist: 11-04-2021, 08:02
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Potemkin (III)
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Potemkin (III)
III.
 
Zur gleichen Zeit
Irgendwo unter dem Europäischen Nordmeer
 
Eine Tür auf der linken Seite. 'Aufenthaltsraum Unterdeck' stand auf dem Schild. Sona nickte dem Mann davor zu, der sich umdrehte und die Tür öffnete.
"Sie können wieder auf Station", sagte sie zu ihm, bevor sie schweigend eintraten.
Akulas Augen musterten den Raum akribisch, so wie immer.
Ein Raum. Dunkles Blau an den Wänden. Links von der Tür eine Sitzreihe, die sich wie ein halbes U um den Tisch in der Mitte schwang. Rechts eine Küchenzeile, auf der sich eine Kaffeemaschine neben verwaisten Tassen befand. Um sie herum hängende Regale mit technischen Büchern. Am Kopfende saß ein Mann, leichenblass. Karges Gesicht. Schütteres braunes Haar. Normale schwarze Bordkleidung. Die Hände gefaltet auf den Tisch mit der Seekarte vor sich hingelegt, vor einem Blumentopf, der da wie ein Fremdobjekt wirkte. Den Blick zu Boden gesenkt. Erst als die Tür wieder geschlossen wurde, stand er auf und versuchte sich grade hinzustellen, ohne den Blick vom Boden abzuwenden.
"Matrose Roman Blücher", sagte er leise, und seine Stimme klang brüchig.
Akula musterte ihn nochmals, während Sona sagte: "Setzen Sie sich, Seemann."
Blücher setzte sich, beinahe lautlos, als sei er gar nicht wirklich anwesend.
Akula streckte dem Kapitän eine Hand entgegen und schaute sie fordernd an, bevor sie ihm das lederne Mäppchen gab.
"Danke", sagte er, setzte sich auf die Sitzreihe und rutschte etwas näher an den Matrosen heran. Sona blieb am Kopfende stehen, zusammen mit dem schweren Schweigen im Raum. Stille, selbst vom Gang draußen war nichts zu hören.
"Matrose Roman Blücher", sagte Akula, und öffnet das lederne Mäppchen. "Sie stehen im Verdacht, subversive Elemente zu besitzen."
"Wer sind Sie?", fragte Blücher leise, und starrte auf seine Hände, die wieder zusammengefaltet auf der Seekarte lagen.
"Das ist Kapitän Koroljev", sagte Kapitän Sona Belowa. "Militärtribunal Nord."
"Ich bin hier, um Sie anzuhören und den Fall vorab zu prüfen", sagte Akula, und legte dann mehrere DvDs auf den Tisch. "Sind das Ihre?"
Blücher schaute kurz auf, bevor sich sein Blick wieder nach unten wandte.
"Nein." Sein Gesicht wurde noch blasser. "Das sind nicht meine Filme."
"Die hat man in Ihrer Koje gefunden. Ziemlich schlecht versteckt."
Blüchers Arme zitterten leicht, und seine Hände versteiften sich.
"Die. Gehören. Mir. Nicht."
Akula nahm nacheinander die DvDs und schob sie zu dem Matrosen hin.
"Jagd auf Roter Oktober", sagte er. "K-19. Und so weiter. Alles kapitalistische Propagandafilme, die das Ansehen des sowjetischen Volkes, seiner Leistungen und seiner Errungenschaften schmälern."
Ein Piepston unterbrach ihn. Sona schaute auf ihre Uhr, dann stand sie auf, ging zu dem Bordtelefon, das an der Wand neben der Küchenzeile hing, und hielt es sich ans Ohr. Lauschte, hörte zu. Dann:
"Ursprünglichen Kurs wieder aufnehmen, Bao", sagte sie. "Tiefe 400."
Von irgendwoher hörte man ein Grollen, als sie den Hörer wieder eingehängt hatte. Dann fing der Boden unter ihren Füßen leicht an zu vibrieren.
Nur für einen Moment, dann verschwand es wieder.
"Subversive Elemente, sowie Feindpropaganda, bringen Ihnen mindestens drei Jahre ein", fuhr Akula schließlich fort. "In einem sibirischen Lager, wohlgemerkt."
Blüchers Zittern sprang von den Amren auf sein Gesicht über. Dann wandte er sich an Sona.
"Die gehören mir nicht, Kapitän, wirklich", stammelte er. "Ich weiß nicht, wie diese Filme in meine Koje gelangen konnten."
"Ich habe in dem Fall kein Mitspracherecht, Seemann", meinte sie. "Tut mir leid."
Blücher schaute zu Akula, und zum ersten Mal richtete er alles in seinem Blick auf den Kapitän in der weißen Sommeruniform.
"Ich bin sowjetischer Bürger und verlange nach meinem Beistand!", rief er mit zittriger Stimme.
Akula nickte mit dem Kopf.
"Sowjetische Bürger dürfen das nach der Zivilrechtsreform durchaus", sagte er. "Aber Sie sind Angehöriger der sowjetischen Streitkräfte, ergo kein normaler Bürger. Für Soldaten sind die Militärtribunale zuständig. Und dort ist kein Beistand möglich."
Der Seemann schaute abwechselnd vom schwarzen zum weißen Kapitän und zurück. In seinem Gesicht waren viele Fragezeichen, Verwirrung inmitten eines immer blasser werdenden Gesichtes zu sehen.
"Sie wollen mich in ein Lager schicken, wegen dieser Schundfilme?"
"Das sind konterrevolutionäre Elemente, die strafrechtlich zu würdigen sind."
"Die müssen mir untergeschoben worden sein. Ich habe damit nichts zu tun!"
"Wir können auch Ihren Internetverlauf durchleuchten, und nachschauen, ob Sie sich auf einschlägigen Web-Seiten aufgehalten haben. Vielleicht haben Sie ja auch ein Facebook-Zugang, der übrigens auch verboten ist."
Ein Piepen war plötzlich zu hören, das Akula in seiner Rede unterbrach.
Sona schaute auf ihre Uhr.
"Der nächste Kurswechsel steht an", sagte sie. "Ich werde auf der Brücke gebraucht"
Ohne eine Antwort abzuwarten, gab sie Akula den Schlüssel und verließ mit ausdruckslosem Gesicht den Raum. Leise schloss sich die Tür von außen.
Stille, in der der Matrose Blücher noch ein Stück mehr in sich zusammenfiel. Und blieb wieder stumm, bis Akula sich ein Stück vorbeugte.
"Ich mag Ihnen glauben, Seemann. Wirklich."
Nervös und geistesabwesend fummelte er an den Ketten um seinen Hals herum.
"Aber?"
"Kein Aber." Akula griff nochmals in das Mäppchen und holte mehrere Seiten heraus, die er nacheinander vor den Matrosen legte. "Dann seien sie doch mal Bürger, und sagen Sie mir, was Sie sehen."
"Gehört das zur Anhörung dazu?", fragte der Matrose.
Akula nickte.
"Das gehört zum Gesamtsachverhalt dazu, ja."
Der Seemann presste die Lippen zusammen, schaute zuerst weg, dann richtete er doch seine Aufmerksamkeit auf die Papiere vor ihm. Seine Hände blieben gefaltet, zitterten aber nicht mehr so stark.
Fünf Bilder, die da vor ihm lagen. Notdürftig aus einem alten Drucker geworfen und daher etwas knittrig.
"Was sehen Sie?", fragte Akula.
Bild 1 zeigte eine junge Dame vor einem verlassenen und einsturzgefährdeten Haus.
Auf dem nächsten war eine Nähmaschine zu sehen, auf der der Herstellername 'Singer' zu erkennen war.
Bild 3 zeigte ein verliebtes Pärchen auf einer Parkbank von hinten. Irgendwo an einem See, mitten im Frühling ihres Lebens.
Beim vorletzten handelte es sich um eine Landschaftsaufnahme, wahrscheinlich aus der Toskana, wobei die Dorfkirche etwas zu weit aus der Bildmitte geraten war.
Auf dem letzten Bild war eine verlassene Kasernenanlage zu sehen, mit einem Wachturm, Panzerrampen und dem Wort 'STOP' auf dem Asphalt.
"Was soll das sein?", fragte der Matrose, und zum ersten Mal war nichts an ihm am Zittern. Selbst seine Lebensfarbe kam wieder ins Gesicht zurück, und er beugte sich interessiert vor.
Akula hatte ihn die ganze Zeit im Blick, musterte ihn akribisch und wartete auf ein Zeichen, ein verräterisches Zucken oder was auch immer. Aber da war nichts zu sehen.
"Sie können sie sich genauer anschauen", sagte er, und beugte sich ein Stück vor. "Wenn Sie es wollen."
Der Matrose schaute ihn ratlos an, dann nahm er die Bilder nacheinander prüfend in die Hand und dachte nach.
"Ist das jetzt ein Test?", fragte er und schaute den weißen Kapitän fragend an. "Und was hat das mit den Filmen zu tun?"
 
***
 
Irgendwo im Europäischen Nordmeer
Flugzeugträger Varyag
 
Auf der Tür mit der Aufschrift 'Admiral Nordmeerflotte' war der Name Alexei Schtschastny angebracht. Darunter sah man die sowjetische Flagge, mit goldenem Hammer und goldener Sichel oben links in einem Meer aus Rot. Namen waren austauschbar. Zu früheren Zeiten, als Stalin noch lebte, gab es an Türen in der Flotte keine Namen. Namen waren austauschbar gewesen, wie auch die Personen selbst, die oft gut und gerne durch politisch zuverlässigere Gestalten ersetzt worden waren. Meistens kamen die Ausgetauschten erst bei ihrem eigenen kleinen Begräbnis wieder zum Vorschein. Damals, in den frühen Zeiten. Heute gab es das nicht mehr, wie es auch einen Stalin nicht mehr gab.
Er klopfte, wartete, hörte nichts, dann öffnete er und trat ein. Sofort verschwand der hektische Lärm der Brücke, als er die Tür wieder schloss.
Ein sehr gemütlich eingerichteter Raum. Eine Couch an der rechten Seite, die zu einem Bett umgebaut werden konnte. Direkt gegenüber der Tür ein Schreibtisch mit Admiral Schtschastny dahinter, dessen wettergegerbter - und leider auch haarloser -  Kopf nicht durch Schreibtischtätigkeiten zustande gekommen war. Seine weiße Uniform - die normalerweise nur bei besonderen Anlässen, und beim Backen und Banken getragen wurde - trug der Oberbefehlshaber der Nordmeerflotte dagegen ständig. Und die vielen Ehrenabzeichen und Orden über seiner linken Brusttasche zeugten davon, dass sein Gesicht nicht ohne Grund abgehärtet aussah.
"Setzen Sie sich", sagte Schtschastny und deutete auf den leeren Stuhl vor ihm. "Bitte."
Wassilli wartete einen Moment, in dem der Admiral den Flachbildschirm auf dem Tisch ein Stück in Richtung des Telefons zur Seite schob, dann setzte er sich und starrte über den Kopf des Oberbefehlshabers auf die Seekarte des Nordmeers, die über die gesamte Länge der Wand aufgehängt war.
Schtschastny faltete die Hände zusammen und legte sie auf den Tisch, beinahe bereit zu einem Gebet. Oder einer Predigt, die erst wieder seit einigen Jahren zugelassen war.
"Ich bin heute nicht in der Stimmung für ausufernde Dialoge", sagte er zu ihm. "Also: Was geht hier vor, Wassilli?"
Im ersten Moment wurde ihm kurzzeitig heiß, wie damals, als er als kleiner Junge irgendeine dumme Lapallie begangen hatte und seinem Vater Rede und Antwort stehen musste. Nur um kurz danach die Härte der Strafe an seinem Hintern zu spüren. Natürlich mit einem Stock, der nicht so schnell brach.
"Was genau meinen Sie, Admiral?"
"Ihr Freund, der als Badegast auf der Potemkin mitfährt", antwortete Schtschastny. "Sie sagten mir, dass es um eine Untersuchung geht, oder ein Verhör, wobei ich nicht hoffe, dass das an Bord eines meiner Schiffe ausartet."
Und mit Ausarten meinte der Admiral Umstände, wie sie in der Lubjanka Gang und Gäbe waren, kurz bevor die Reste der Häftlinge ihren letzten Gang in der Butyrka antraten.
"Es handelt sich um einen sehr schweren Fall von Gewaltverbrechen", antwortete Wassilli. "Mir schien es so, als ob tatsächlich Eile geboten wäre."
"Eile ...", murmelte der Admiral. "Falls sich tatsächlich ein Matrose in dem Boot befindet, der dessen verantwortlich ist, dann kann er doch kaum von dort flüchten, oder nicht?"
Wassilli atmete schwer aus und schwieg, während Schtschastny den Kopf schief legte.
"In den alten Zeiten, als es noch stählerne Schlachtschiffe und ruhmreiche Kämpfe gab, befand sich dieser Raum auf der sogenannten Admiralsbrücke, über der des Schiffskommandanten", sagte der Admiral. "Wissen Sie, wieso?"
Wassilli schüttelte den Kopf.
"Weil man von dort oben einen viel besseren Blick auf Alles hatte." Der Admiral lehnte sich zurück. "Und heute sitze ich hinter dem Kommandanten, und kann kaum was sehen."
Schweigen, dann seufzte Schtschastny.
"Ich bekam vorhin eine Meldung vom Flottenkommando in Murmansk", sagte er langsam. "Ihr Freund, der Oberst, wurde vom Amtsarzt des MWD für zeitweise dienstuntauglich befunden." Er beugte sich wieder vor und starrte Wassilli scharf an. "Wegen des letzten Einsatzes, der leider der Geheimhaltung unterliegt."
Wassilli schüttelte den Kopf.
"Nein. Er hat mir die Papiere gezeigt, die ihn legitimieren die Untersuchung durchzuführen", sagte er. "Er hat 48 Stunden Zeit. Das ist eine direkte Absprache zwischen unserem Marinenachrichtendienst, dem Militärtribunal und dem MWD. Mit den dazugehörenden Unterschriften der jeweiligen Abteilungsleitern aus Leningrad, Murmansk und Moskau."
Der Admiral schüttelte den Kopf.
"Tut mir leid, Doktor. Unser Nachrichtendienst weiß nichts davon. Das Militärtribunal weiß nichts davon." Kurze Pause. "Und der MWD auch nicht."
 
***
 
Unter dem Europäischen Nordmeer
K-215 Potemkin
 
Akula griff nochmals in das Ledermäppchen, und holte fünf Fotos hervor.
"Die gehören noch dazu", sagte er und legte das erste davon über das Bild mit dem einsturzgefährdeten Haus. "Erklären Sie es mir, Roman Blücher."
Der Matrose erschrak, seine Augen weiteten sich und er lehnte sich ruckartig zurück.
Auf dem Photo über dem Bild mit dem alten Haus sah er eine Frau im weißen Kittel auf dem Boden liegen. Mehrere Einstiche waren zu sehen. Und viel Blut.
"Was ...?", begann er, doch der Rest seiner Worte blieb ihm im Hals stecken.
"Alle Bilder, die Sie hier sehen, wurden vorab an die jeweiligen Regionalstellen der Prawda verschickt."
"Ich verstehe nichts ..."
"Das Bild des Hauses war das Heim von Anna Pawlenkowa", antwortete Akula. "Ärztin, geschieden, keine Kinder. "Er tippte auf das Foto. "Erstochen nach einer Nachtschicht auf dem Parkplatz vor dem Wolgograder Zentralkrankenhaus."
Stille.
"Erstochen mit 39 Stichen, Roman." Pause. "Nur der letzte war tödlich."
Die Hände des Seemanns fingen wieder an zu zittern.
"Ich habe nichts damit zu tun!"
Akula legte das nächste Foto über das zweite Bild. Über der Nähmaschine sah man den toten Kopf eines Mannes, dem sowohl Nase, als auch Mund, zugenäht worden waren.
"Das war Yuri Jassow, Mitarbeiter des MWD", sagte Akula, und in seiner Stimme war keine Regung zu hören, als er das nächste Foto nahm.
Über dem Bild mit dem Paar auf der Parkbank erkannte er eine Frau und einen Mann, deren Unterleibe aufgeschlitzt worden waren. Die Gedärme lagen fein säuberlich auf ihren Gesichtern.
"Joseph und Jekaterina Orlow, ein georgisches Terroristenpaar."
Dem Seemann war nun jegliche Farbe aus dem Gesicht gewichen, und in seinen Augen war Panik zu sehen, umrandet von etlichen Fragezeichen, die auf seiner Stirn einen lautlosen Reigen tanzten.
Sein Mund öffnete sich, wollte etwas sagen, doch es kam nichts heraus."
Das vierte Foto erschien auf der Seekarte mit all den unverständlichen Bildern. Über dem von der Toskana. Ein muskulöser Mann in einem Smoking, der auf einem roten Teppich lag. Arme und Beine ausgebreitet, aber vom Rest des Körpers getrennt.
"Pjotr Beriya", sagte Akula. "Stellvertretender Bürgermeister von Beslan ..."
"Das ...", stammelte der Seemann und wandte sich ab. Mehr brachte er nicht zustande.
"... aufgefunden im Keller der Italienischen Botschaft in Moskau."
Stille. Wieder einmal. Man konnte spüren, wie das Unterseeschiff langsam tiefer sackte. Als würde der Hintern für einen Moment den Kontakt mit der Sitzbank verlieren.
Akula griff nach dem letzten Foto, behielt es aber noch in seiner Hand. In seinem Gesicht zeigte sich zum ersten Mal ein ansteigendes Rot. Pulsierend. Bebend.
"Sie sind für all das verantwortlich, Roman Blücher", flüsterte er. "Und das Warum ist auch schon lange klar."
Der Matrose schüttelte den Kopf. Zuerst langsam, dann immer stärker.
"Nein. NEIN!", rief er und schloss die Augen. "Keine Fotos mehr, bitte!"
Stille. Dann:
"Die Geiselnahme in der Schule in Beslan, Roman", sagte Akula, und seine Stimme wurde ein Stück leiser. "September 2006. Über vierhundert Tote, die meisten davon Kinder." Er zeigte mit dem Foto Nummer Fünf auf ihn. "Und Ihre Frau war ebenfalls darunter."
Die Augen des Matrosen wurden feucht, und eine Träne schoss aus den zusammengepressten Lidern hervor.
Akula ließ ihm ein paar Sekunden, dann fuhr er fort.
"Sie haben all diese Menschen brutal abgeschlachtet", sagte er. "Mord ist eine kapitalistische Krankheit, Serienmorde sogar eine Seuche. Deswegen wartet auf Sie kein GuLag, sondern der Henker in der Lubjanka."
Ich ... habe damit ..., nichts, ... NICHTS, zu tun!"
"Natürlich ..."
"WIRKLICH! NICHTS!"
Akula schüttelte den Kopf.
"Roman Blücher, sie haben in Beslan Ihre Frau verloren, die dort als Lehrerin gearbeitet hat." Er beugte sich wieder ein Stück vor und tippte mit der freien Hand nacheinander auf die vier Fotos.
"Pjotr Beriya hat Scheinverhandlungen geführt, die dazu führten, dass die Orlows Ihrer Frau zwei Finger abschnitten. Bei der anschließenden Erstürmung der Schule durch die OMON-Truppen erlitt sie dann noch einen Bauchschuss, den Doktor Pawlenkowa nicht aufhalten konnte." Kurze Pause. "Sie ist ihr schlichtweg unter den Händen verblutet."
Der Seemann presste die Lippen zusammen, heulte stumm, während sein Körper vor sich hin zuckte.
"Und als Yuri Jassow vom MWD Sie festnahm und zum Verhör mitnahm, konnten Sie es nicht fassen, dass Sie, ein Vorzeigebürger, irgendwas mit den Terroristen zu tun gehabt haben könnten."
Das Schiff schien sich zu fangen, bevor ein leichtes Rumsen zu spüren war.
"Sobald die Flottenübung beendet ist", sagte Akula, immer noch mit dem fünften Foto in der Hand, "werden Sie zum Flugzeugträger Varyag gebracht und arrestiert. Ihr Fall wird über das Militärtribunal an das zuständige Volksgericht abgegeben."
Roman Blücher atmete plötzlich auf, als hätte er seit Minuten keine Luft bekommen. Dann öffnete er wieder seine Augen und schaute Akula ernst an.
"Wollen sie mir nicht noch das letzte Foto zeigen?"
Akula starrte ihn an, und seine Halsschlagader schwoll noch ein Stück mehr an.
"Das ist der alte Militärstützpunkt in Selinogorshk-90", sagte er und zeigte auf das Bild der verlassenen Kaserne. "Und das hier", er hielt das fünfte Foto mit der Rückseite zum Seemann, "dürften Sie doch zur Genüge kennen!"
Schweigen, dann steckte Akula das letzte Foto wieder in das lederne Mäppchen, ohne es ihm gezeigt zu haben.
"Sie haben keine Beweise", sagte der Seemann, diesmal mit gefasster Stimme. "Nichts. Nur Vermutungen." Er wischte sich die Tränen mit dem Ärmel von der Nase. "In Beslan wurden viele Familien zerstört."
Akula schüttelte den Kopf.
"Roman, ihr Vorname. Italienisch ist eine romanische Sprache", sagte er. "Und Ihr Nachname: Blücher. Deutsch. Von den Wolgadeutschen." Er nickte leicht. "Italienische Botschaft. Sänger-Nähmaschine. Sie wollten doch gefunden werden."
Der Seemann starrte ihn schweigend an.
"Und in Ihrem Internetverlauf konnten wir sehen, Roman, dass Sie oftmals das Lied 'Russians' von der imperialistischen Musikgruppe The Police abgespielt haben."
"Na und?"
"Genau dieses Lied wurde an jedem Tatort abgespielt", antwortete Akula und stand auf. "Und wenn Ihnen auf der Varyag Blut abgenommen wird, werden wir definitiv auch einen Treffer zu den sichergestellten Blutspuren an den Tatorten landen."
Roman schwieg, während Akula die restlichen Fotos und Bilder wieder einsammelte und ins Mäppchen schob.
"Sie sind ein Ungeheuer", sagte er schließlich. "Ich möchte mir nicht vorstellen, was Ihnen als nächstes eingefallen wäre."
Er unterbrach sich, als er bemerkte, wie der Seemann eine seiner beiden Ketten hervorholte. Ein silbernes Kreuz, welches er fest in seine Hand nahm. Seine Lippen bewegten sich leise, seine Stimme blieb unhörbar.
"Sie sind Christ?"
Der Seemann nickte stumm.
"Dann sollten Sie beten, Roman", sagte Akula. "Dann sollten Sie beten, dass die Engel Ihres Gottes weiß sind - und nicht schwarz!"
Über ihren Köpfen rauschte der Lautsprecher, und die Stimme des Kapitäns war zu hören. Leise, aber deutlich:
"An alle Abteilungen: Backen und Banken. Heute Bordanzug, schwarz."
Akula schaute Roman Blücher an, der bald kein Matrose mehr sein würde. Der bald nichts mehr sein würde. Er verließ den Raum, trat auf den Gang und zog die Tür hinter sich zu.
Es war vorbei. Nach einer gefühlten Unendlichkeit. Endlich vorbei.
Er schaute auf den glänzenden Schlüssel in seiner Hand, auf die Klinke und auf das Schloss darunter.
"Wir haben Dich", flüsterte er. "Du tust keinem mehr etwas an."
Akula verschloss die Tür. Mit dem Schlüssel in seiner Hosentasche, und einem guten Gefühl im Bauch, ging er zurück zur Treppe und stieg hoch zum Mitteldeck.


***


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