Es ist: 28-10-2021, 06:29
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Verbrechen wider Willen VIII
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Verbrechen wider Willen VIII
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RE: Verbrechen wider Willen VIII
Die Tatsache der Entführung verbreitete sich natürlich wie ein Flächenbrand, nicht nur in der engeren Kleinstadt, sondern auch auf den Dörfern, wovon gut 10 Prozent verwandte Familienmitglieder wohnten. Der engere Familienkreis trudelte bei der Matriarchin ein, der Mutter des Arztes, Tanten, Onkels, Ehefrau, Bruder eins und zwei, Neffe, der Polizist, Nichte, die kommunale Sachbearbeiterin, aber auch die steinalte Tante, die ehemals den katholischen Priesteronkel bis an sein seliges Ende als Haushälterin gedient hatte.
Man fand sich also ein bei der Mutter, nicht der Ehefrau, was schon einmal bezeichnend war, und es herrschte in dem weiträumigen Ess- und Wohnbereich des Familienhauses ein ganz schönes Treiben.
Der Vater war vor lauter Schreck und Eile mit seiner weiß-rot-karierten Arbeitskleidung, dem Schlachtermesser und dem Wetzstein in Händen, aus dem Keller, wo sie gerade eine Sau geschlachtet hatten, ins Wohnzimmer gekommen. Seine Frau versäumte sogar eine Rüge zu erteilen, denn Arbeits- und Wohnbereich war streng getrennt. Trat man von einem Bereich in den anderen, mußte sich vorher gründlich gewaschen, womöglich die Kleider gewechselt werden. Aber heute war eben alles anders und alles aus den Fugen geraten.
Die Familie war ins Herz getroffen worden.
Der Neffe von der Polizei, sowie er in die Wohnung trat, schrie: „Denen breche ich eigenhändig das Knack, wenn ich sie in die Hände krieg. Und glaubt mir, die derwisch ich!“ Alle im Kreis nickten glaubensselig und der Metzgermeister wetzte nervös Stein auf Stahl. Seine Schürze war blutbefleckt vom geschlachteten Schwein.
Das war zu viel!
Die Stadtverwaltungs-Cousine runzelte die Stirn und seufzte laut vernehmlich. Alle schauten sie an. Was sie dachte, spiegelte sich in ihren verdrehten Augen wider: das durfte man heutzutage nicht mehr sagen: Der Staat war doch jetzt demokratisch, menschlich, gegen Todesstrafe und all dies. Von daher legte die Mutter die Finger auf den Mund. Alle nahmen es wahr und senkten die Köpfe. Zum Glück waren diese Worte nur im innersten Familienkreis gefallen. Jeder aber dachte, wünschte und hoffte dies natürlich inständig: man müsste diesen Verbrechern mal richtig zeigen, was eine Harke ist, aber naja!
Nachdem gegen die Forderung zu bezahlen nicht der geringste Zweifel bestand, selbstverständlich würden sich alle daran beteiligen müssen angesichts der Höhe der Summe, die von keinem allein geschultert werden konnte und theoretisch hätte man sich sogar eine Verdoppelung ertragen können, wobei aber alle richtig tief in die Tasche hätten greifen müssen. Aber solch eine Angelegenheit, Geld-Erpressung aufgrund Entführung eines Familienmitglieds - da war es klar, daß die Familie felsenfest zusammenstand.
Nunmehr wurde, ländlich pragmatisch und zupackend, sofort auch auf die Umstände der Geldübergabe über- und eingegangen.
Der erste Punkt, über den geredet werden mußte, war: sollte die Polizei eingeschaltet werden? Der Polizistenneffe verneinte dies kategorisch: „Zu gefährlich!“ Wahrscheinlich, worüber er natürlich kein Wort fallen ließ, aus dienstlichen Rücksichtsnahmen. Oder waren es andere Gründe und hielt der Polizist seine Pappenheimer für zu schusselig und nicht vertrauenswürdig? Ein unbeantwortbare Frage.
Inwieweit aber sollte man das Heft selbst in die Hand nehmen?
Sich um den abgestellten Mercedes Benz postieren, sich auf Lauer legen, bis die Erpresser das abgelegte Lösegeld holen kamen? Erschien aber nur ein Verbrecher, wovon auszugehen war, was war mit dem Zweiten, der die Geiseln gefangenhielt? Schwieg der gefangene Geiselnehmer wie ein Grab, wovon ebenfalls auszugehen war, so konnte der zweite den Geiseln Gewalt antun.
Eine schreckliche Vorstellung!
Dritter Punkt: vielleicht besser mit gezinkten Karten spielen, indem man die Scheine des Lösegelds markierte oder besser deren Nummern aufschrieb, um dann später, wenn sie verwendet werden würden, die Gangster überführen zu können?
„Das ist die effektivste Methode!“, behauptete der Polizistenneffe. Soweit reichte also doch noch sein Vertrauen in die Maschinerie des Staatsapparates, in dem er selbst ein Rädchen war und arbeitete, der Herr Polizist.
„Da konnte es längst schon zu spät sein!“, wandte einer ein.
„Trotzdem, das ist am Professionellsten!“, insistierte er.
Alle nickten widerwillig.
„Wer aber soll das Geld in den Mercedes legen?
Man schaute einander betroffen an. Eine schwerwiegende, vielleicht alles entschiedenste Frage. Davon hing mindestens zu 50 Prozent der Ausgang und das Gelingen der Geldübergabe ab. Aber dies Sache war auch sehr, sehr gefährlich, wenn man … hin- und herüberlegte.
Langsam richteten sich alle Blicke auf einen.
Auf einen Bruder des Entführten. Dieser saß ahnungslos in der Runde und trank, schluckte, besser soff gerade seinen Kaffee im breit angelegten Kaffeetisch des Essbereichs in dieser weitflächigen Wohnung des großbürgerlichen Hauses am Rande der Kleinstadt inmitten dörflicher Umgebung.
Vor lauter Hektik, Unter-Druck-Gesetzt-Sein und Keine-Zeit-Haben schüttete er das Getränk mehr hinunter denn er es genoß.
Der Idiot der Familie, der Trottel, heutzutage als psychisch Kranker bezeichnet. Denn es war nicht so, daß alle in diesem Clan Karriere, Erfolg und Achtung geerntet, oder wie soll man sagen, erreicht, erlangt hätten oder besser gesagt in den Schoß gefallen war. Es gab einen, der auf der Strecke geblieben ist, derartig schwach war, daß er gar nicht einmal ohne Medikamente, ärztliche und psychiatrische Versorgung aufrecht stehen könnte. Es war der, auf dem man herumtrampelte, den man vor anderen blamierte, zum Beispiel in der elterlichen Wirtschaft beim Bedienen: „Du Trottel, hast dem Falschen das Falsche hingestellt. Wie kann man nur so blöd sein?“, schalt ihn der Vater und der Stammtisch lachte dazu herzlich.
Musterknabe, Ministrant, sogar katholischer Pfarreranwärter – aber leider hat er am ersten Tag des Semesters eine Stimme gehört: „Mach es nicht. Du bist kein Pfarrer. Das ist nichts für Dich!“
Er war immer zur Stelle für jeden Verwandten im nahen und weiten Umkreis. Gab es sperrige Möbeln in den Keller hinuntertragen, oder in die Wohnung hinauftragen, oder jemanden ins Krankenhaus bringen. Das Mädchen für alles; der Prügelknabe für jeden; der Hanswurst für alle.
Einen solchen brauchen alle, die Erfolg haben.
Man brauchte das, ein Ventil, einen Ausgleich, eine Möglichkeit, das Böse herauslassen wie bei einem Verengung vielleicht, ja, das brauchte man und alle brauchten es.
Und so wurde er zur heiklen Mission auserkoren, der älteste Bruder des Arztes – wie stets, der Scheißhaus-Ausputzer vom familiären Dienst sozusagen.
Sowie er merkte, daß alle Blicke auf ihn gerichtet waren und was sie bedeuteten, nickte er devot: „Ich mach's!“ Es klang so, als hätte er sich selbst ins Spiel gebracht.
Einige seufzten aber. Diejenigen, die die Sache nicht geheuer war. Sie fragten sich: Würde er die Tour mit seiner trotteligen Art vermasseln?
Unter keinen Umständen dürfte das aber geschehen!
„Es steht das Lebern meines geliebten Bruders auf dem Spiel!“, sagte der Narr, der, was er wirklich gut konnte, bei außergewöhnlichen Gelegenheiten stets die richtigen Worte fand. „Und ich werde es retten!“ Starke Worte, fürwahr!
Das Leben retten des geschätzten Onkel, Neffen, Familienvater, Ehegatten, Parteifreund, Kegelbruders, Parteimitglied, Klassenkamerad, Fasnacht-Jecken und sehr erfolgreichen Arzt. Mit solchen Exemplaren war man in der Familie nicht gerade gesegnet. Zwar waren alle in der Familie bei allem dabei, wo es sich lohnte, dabei zu sein, zum Beispiel der Bauern-Onkel, der inzwischen auf den einträglichen Öko-Zug aufgesprungen war, aber im rechten Licht besehen, so ein beamteter Chefarzt in der Familie war schon etwas Besonders, fast ein Quantensprung, eine Mutation in die richtige Richtung!
Solche Personen standen unter Artenschutz erster Ordnung.
Insofern tauchten denn doch Zweifel auf, ob man diese vertrauensvolle Aufgabe Ernst überlassen darf. „Was müssen wir bedenken, daß nichts, aber auch gar nichts schief läuft?“
Anders formuliert: Welche Vorkehrungen, Umstände und Zufälle mußten bedacht werden, daß Ernst, ein durch und durch lieber, hilfsbereiter und fleißiger Mensch, aber halt ein Idiot, nichts falsch machte, verflixt!?
„Aber vielleicht doch Erwin!“ Das war der Name des Polizisten.
„Der kann die Sache am besten händeln, falls unerwartet Probleme auftauchen!“
„Ich mach's sofort!“ Diese Aussage kam mich freudiger Sicher- und Resolutheit.
„Aber er hat Familie!“ Die Stimme einer Mutter drückte den natürlichen Überlebenswillen des Clans aus. „Ernst schafft das schon! Er muß nur Geld ins Auto legen, danach sofort verschwinden! Hast Du gehört, Ernst!“, rief die Mutter.
„Ja, natürlich!“, wie immer gefügig, hilfsbereit und zu allem Ja- und Amen sagend und ein scheuer Blick machte eine Halbwendung hier- und dorthin.
'Endlich mal Tom Cruise sein können! In „Mission impossible“ Im Abenteuermodus voll durchstarten, wau-oh-wau. Ja, alle werden danach stolz auf mich sein!' Vor Aufregung scharrte er mit den Füßen unterm Tisch.
„Das mach ich! Das mach ich selbstverständlich!“ Weder der Klang der Stimme verriet, ob dahinter Bescheidenheit oder Unsicherheit steckte, noch sein aufrechter, geradeaus weisender Blick gab darüber Aufschluß.
Mutter seufzte. Sollte ihm etwas zustoßen, würde er ihr wenigstens immer unvergesslich und unauslöschlich in Erinnerung und im Herzen bleiben als der demütige Sohn, der er war. Und sie faltete unterm Tisch ihre Hände zum Gebet und warf ihren Blick auf das hölzerne Kreis an der Wand.
''Lieber Gott, hilf, daß er wenigstens diesmal nicht Mist baut!'
'Bitte, laß ihn nicht zum Opfer für die wenn auch gute Sache werden!', waren die stummen Worte der über 90 Jahre ältere Tante und Pfarrhaushälterin mit ihren weißen, totenblassen Händen. 'Mein geliebter Neffe ist doch der einzige Kümmerer in der Familie. Laß ihn heil aus der Sache herauskommen, bitte!' Sie hatte also durchaus handfeste Gründe dafür, ihn wieder bildlich gesprochen unversehrt und heil in die Arme schließen zu dürfen.
Dabei fiel ihr Blick liebevoll auf das große, farbige Poster mit dem Konterfei des derzeitigen Papstes neben der Ausgangstür Jeder, der den Raum verließ, tunkte über dieses Papst-Bildnis seine Finger ins Kolymbion, woraufhin das danebentröpfelnde Weihwasser den Pontifex Maximum immer wieder aufs Neue taufte.
Jetzt trat Ernst der Zwei-Meter-Polizisten-Neffe gegenüber. Sofort erhob er sich. Ihm wurde die Hand auf die linke Schulter gelegt, als vollführte die Queen einen Ritterschlag: „Das wirst Du schon hinkriegen, Ernst! Da bin ich mir sicher!“
Die Augen der ganzen großen, weitverzweigten Familie ruhte das erste Mal nur auf ihn. In den Augen spiegelte sich Hoffnung, Angst, Verzweiflung, Bestürzung...
„In Anbetracht der großen Herausforderung werde ich alle Mühe, Energie und Zeit für die Meisterung dieser schwierigen Herausforderung aufbieten, so daß ich die Erwartungen keineswegs nicht nur in diesen Punkten rest- und makellos erfüllen werde, sondern...“
Hätte man dies geglaubt, hätte man ihm diese Politikerrede vollenden lassen. Aber man kannte Ernst Reden nur zu gut und sie erinnerte an einen Politiker vergangener Zeiten, der einem heutezutage nur noch peinlich sein konnte, selbst hier in diesen erzkonservativen Kreisen.
Es war an Mutter zu sagen: „Ernst, jetzt mach mal einen Punkt. Du weißt, was Du noch zu tun hast. Mach schnell und bereit Dich gut, sehr gut vor!“
So entging leider wieder einmal der Welt eine brillante eloquente Rede ohne Punkt und Komma, aber nicht mehr lange, dann würde sie reichlich davon hören dürfen, war sich Ernst sicher. Denn er hatte einen Plan.
Stolzgeschwellt und sicher bezüglich des Gelingens seiner Mission und seiner Aufgaben darüberhinaus verließ er den Raum, nicht ohne selbstverständlich mit gesegnetem Wasser den derzeitigen Papst zu beträufeln.

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