Es ist: 01-12-2021, 16:29
Es ist: 01-12-2021, 16:29 Hallo, Gast! (Registrieren)


Verbrecher wider Willen XVI
Beitrag #1 |

Verbrecher wider Willen XVI
16. Nachschlag nachhaltig

Der Kriminaler, der für diesen Fall angesetzt war, krauste die Stirn, während er über den Unterlagen gebeugt war und als er sich erschöpft zurückwarf in seinen hohen Chefsessel-Lehne, schüttelte er den Kopf von links nach rechts.
'Was sollte man davon halten?'
Er war Hauptkommissar mit Fällen, die selten als kapital zu bezeichnen sind. Hier und da einmal einen Kaufhausdiebstahl, häusliche Gewalt, Suizid oder wenn's hochkam, ein richtig schönes Gewaltverbrechen im Asozialen-Mileu, das war's, was die Provinz zu bieten hatte. Und wenn es Spitz auf Kopf stand, dann schlug er sich immer noch auf die Seite der Mächtigen, der Stützen, der Entscheider und Bestimmer, so daß eine Anklage eine höchstwahrscheinlichere Trefferquote beschieden war. Daß dies seiner Karriere förderlich ist, versteht sich, da die Schwachen, wenn sie am Pranger stehen, weniger Mittel zur Verfügung stehen als die Reichen. (Wenn Sie nun an den Fall mit Blacky und dem Kaufhausdiebstahl denken, liegen sie richtig. Der dort erschienene Krimanler war diese Person hier.)
Jedenfalls, gegenüber dem sonstigen Kleinkram war doch dieser Entführungsfall eine andere Sache. Das roch regelrecht nach Lüge, Trüg und Täuschung und zwar im großen Stil. Er spürte dies wie das Wetter in seinen geschlagenen Knochen, daß das noch etwas Großes geben würde und der Fall abgründiger war, als es auf den ersten Blick vermuten ließ.
Da bei ihm das Sprichwort zutraf: Der Wunsch ist der Vater des Gedankens, darf man feststellen, daß ihn sein Ehrgeiz, Unausgelasstet- und Kühnheit nicht gerade zu einem systematisch denkenden Kopf stempelte, der langsam, aber unerbittlich zielführend war. Klar auch fühlte er sich an seinem Posten in der Pampa fehlt am Platz und für überqualifiziert. Diesen Hintergedanken ließ er nicht hochkommen, dazu war er zu professionell. Denkt er.
Aber sein Ansatz war immerhin richtig: zunächst an den Anfang der Erpressung kommen.
Wie begann die Erpressung?
Das hängt davon ab, welches Motiv dahinter steckte.
Und das Motiv war das am schwersten zugängliche Ding an einer Mordsache.
Nun gut, es gibt zwei Möglichkeiten:
Die Erpressung geschah
a) aus einer Verschwörung heraus
b) aus Zufall.
Beginnen wir mit dem am wenigsten wahrscheinlichen Motiv, wenn auch die am faszinierensten Variante.
Alle stecken unter einer Decke.
Hm, außer vielleicht der Krankenschwester, die keinen auffallenden Vorteil aus dieser Erpressung zieht, vielmehr das Opfer überhaupt war oder vorsichtig formuliert, das am meisten Haare und Federn ließ, kurzum, der am opfervollsten mitgespielt wurde. Wurde sie vielleicht mit Geld dazu verleitet, mitzuspielen, sich scheinbar zu opfern und zu schweigen – wenn eben alles stimmt, was die Beteiligten, vor allem dieser Arzt, sagte?

Fing es so an?
Die drei Verwandten saßen zusammen.
„Ernst sollte nach Berlin gehen!“
Die Aussicht, Ernst aus dem Blickfeld, aus der Kleinstadt, der näheren Umgebung zu haben, war eine schöne. Es hob die Stimmung am Tisch, denn jeden erfreute diese Vorstellung, am meisten natürlich Ernst.
„Nur, wie können wir das erreichen?“
Der Arzt hatte gesagt: „Da kommt mir eine Idee. Ich kenne da aus meiner Klinik zwei Drogenabhängige, zwei Kleinkriminelle und Möchte-Gern-Ganoven, mit denen man Pferde stehlen kann. Die machen wahrscheinlich alles, Hauptsache, sie können sich ein bisschen Geld verdienen.“
„Klingt interessant.“
Und schon steckten sie die Köpfe zusammen.
Diese verschworene Verbrecherbande stand nunmehr bestimmt vor diesem Problem: die Kleinganoven hatten keine Knarre, da es sehr schwer war in Deutschland, eine in die Hände zu bekommen, zumal für Drogenabhängige und allemal für Vorbelastete und Vorbestrafte. Aber richtige Entführer brauchten eine Pistole.
Also lieh der Polizist ihnen seine.
Das erklärte diesen merkwürdigen Sachverhalt mit der Pistole, hm.
Alle hatten doch damit gerechnet, die Entführung klappe und der Polizist bekomme bestimmt wieder seine Dienstpistole zurück und es falle bestimmt nicht in die Hände von polizeilichen Ermittlern nach so einem undenkbaren, unwahrscheinlichen Desaster.
Dann kommt aber noch hinzu? Wozu das viele Geld? Wer hatte ein Interesse an diesem, es war ja quasi ohnehin Familieneigentum. Hatte sich jemand verschuldet, war spielsüchtig, hatte eine Mätresse, außer der Krankenschwester. Hm, dann aber mußten nicht nur der Arzt, wenn der in Frage kommt, auch der Polizisten-Neffe einen guten Grund für das Geld haben.
Das wäre allerdings ein unwahrscheinlicher Zufall.
Jedenfalls, mit der Entführung und dem Gelderlös würden die Entführer zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen haben: Geldeinnahme und den unliebsamen Ernst und Bruder von der heimischen Bildfläche verschwinden lassen.

Zur zweiten Variante.
Gehen wir davon aus - der Kollege Polizist hatte dazu noch keine Angaben gemacht - er war so dämlich oder der Zufall wollte es, daß es so unglücklich lief, daß ihm seine Pistole irgendwie abhanden gekommen war. Oder geklaut worden, nein. Stellen wir das einmal hinten an.
Aber warum diese extreme Geldhöhe?
'Weshalb gleich solch eine hohe Summe von einer Million Euro erpressen? Wie kommen sie darauf, daß es möglich war? - Hm. - Sie haben diese Erpressung nicht geplant. Es wurde bestimmt keine Vorbereitung durchgeführt, keine Auswahl des Opfers getroffen, wie auch? Sind die zufällig am Cabrio vorbeigekommen und haben sich dazu entschieden, einen Menschen zu erpressen? Nur, was hat sie dazu bewogen? Ein Arzt muß auch nicht unbedingt ein Goldesel sein. Außerdem sieht man es keinem Menschen an der Nase an, daß er Arzt ist. Warum sind sie darauf verfallen, von diesem Doktor gleich eine Million Euro zu erpressen?'
Nochmal.
Zufällig entdecken die Ganoven also zwei Menschen gerade in einem Auto beim Sex. Anfänglich machen sie sich etwas lustig über die Beschämten, Entdeckten, Entblößten.
„Das ist doch ein gefundenes Fressen, was? Das ergibt einen fetten Happen? Die erpressen wir ein klein wenig. Das könnte sich lohnen, was Kumpel?“ „Hm, vielleicht hast Du recht? Das ist ein guter Anlaß, Sex im Auto, auf Video aufgezeichnet, ideal für eine Erpressung, hm!“ „Hm, meinst da springen ein paar Tausend Euro heraus, was!“ „Meine ich schon!“ „Wau!“ Wie gesagt, anfänglich ist es nicht ernst gemeint von den dahergelaufenen Kleinkriminellen, keine wirkliche Absicht, nur mal so ein klein bißchen Auf-dem-Busch-klopfen.
Aber einer der Entblößten verliert plötzlich die Nerven, der Mann, hier der Chefarzt, denkt, er würde wirklich entführt und treibt die Summe in die Höhe, nur aus Angst heraus, sein Fremdgehen könnte an die Öffentlichkeit gelangen; seine Karriere, sein Prestige, sein Status, den der ganzen Familie steht auf dem Spiel, und nicht zuletzt, wenn seine Ehefrau davon erfahren würde, wäre der Teufel los.
„Ihr kriegt so viel ihr wollt!“
„Vielleicht ne halbe Million?“
„Auch das, wenn's sein muß!“
Die beiden Zufallsentführer verschlägt's den Atem.
Sie starren sich an. So eine Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder, was?
„Ne Mille muß es schon sein?“
„Meinetwegen!“ Die Schweißperlen auf der Stirn des Arztes schimmern silbern.
Hauptsache es kam nicht heraus, daß er mit einer Krankenschwester, einer Untergebenen, einer Komparsin Sex im Auto gehabt hatte, was einen gehörigen Skandal verursachte, den er sich als Chefarzt und zumal als wohlsituierter Ehemann nicht leisten konnte.
War es so?
Oder war es diejenige, mit der der Arzt die Million Euro verprassen wollte, untertauchen mit ihr, ein neues Leben beginnen, die Krankenschwester - aber das ist doch zu abstrus. Schließlich hat er eine sehr gut bezahlte Anstellung als Chefarzt. Aber einmalig das Geld ausgeben, für eine Weltreise, eine Jacht kaufen, was immer? Welche Rolle aber spielte hierbei der Polizisten-Neffe?
'Na, dann hören wir uns einmal die Beteiligten an, was sie zu sagen haben!'

alle Rechte beim Autoren Werner Pentz

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

Verbrecher wider Willen XVII
17. Verschämte Befragte

Der Arzt wurde ins Büro des Untersuchungsbeamten von einer Polizistin geführt.
Wie geht's der Familie?“
Die Angesprochene streckt ihren Ehefinger mit Goldring nach vorne, als wollte sie jemanden verhexen oder abwehren.
Gut, gut, wie immer. Und selber? Die Gemahlin schon übern Berg?“
Ja, mittlerweile schon. Bei der exzellenten Betreuung!" Damit meinte sich der Kriminaler selbst.
Die Polizistin zeigte ein aasiges Lächeln, bevor sie schnell verschwand.
Der Arzt ist daraufhin noch deprimierter als sonst. Er mußte an seine eigen Ehe denken. Seine Gemahlin würde so schnell nicht über den Berg sein, egal, wie sehr er anschob, was er in den letzten Tagen unermüdlich getan hatte. Die verkorktesten Entschuldigungen brandeten an einer schweigenden Mauer oder einem aufschreiendem Schwall von Gezeter ab.
Der Kollege begann damit: „Wir stehen vor einem Rätsel. Es sind so viele Fragen offen, daß wir gar nicht wissen, wo anfangen? Wüßten wir nur das Motiv?“
Der Arzt schaut verschämt in eine Ecke.
Ja, die Suche nach dem Motiv zur Entführung – nur zu gerne würde er helfen, das Rätsel zu lösen. Damit müßte er von dem Schwarzgeld erzählen. „Es befanden sich 1000 Euro in meiner Tasche. Diese entdeckten die Ganoven. Daraufhin wurden sie zur Erpressung verführt. Sie gingen davon aus, daß bei mir mehr herauszuholen war, mehr, viel mehr. Woher die 1000 Euro kommen? Das ist unversteuertes Mietgeld unseres vierten Hauses. Darin wohnt ein Grieche. Der hat durch sein Restaurant immer schön Schwarzgeld. Das hat er mir ein paar Tage vorher wieder einmal gegeben.“
Nein, das ging nicht!
Er saß ganz schön in der Zwickmühle!
Wovon der Arzt ausging: der Kriminaler wußte nur von dem Videomitschnitt der sexuellen Handlung zwischen ihm und der Krankenschwester, die auf eine Internetseite geladen worden ist. Daß war insofern richtig, als weder er noch der Hauptkommissar wußten, daß Blondy nicht nur dieses Szenario, sondern. weil der Camcorder weitergelaufen ist, das anschließende Gespräch zudem aufgezeichnet hatte, das offenbarte, daß 1000 Euro Schwarzgeld im Spiel waren. Bislang war der Computer Blondys noch nicht ausgewertet worden, worauf sich die Videoaufzeichnung in ihrer ganzen Länge befand.
Zum Glück des Arzt freilich.
Des Kommissars haarsträubende Gedanken und Vermutungen zeigten sein Tappen im Dunkeln von Sackgassen. 'Stecken Arzt, Polizist und dieser Ernst unter einer Decke? Ein Familienkomplott sozusagen. - Oder wollte der Arzt allein seine Familie erpressen, indem er sich entführen ließ von zwei gedungenen Gaunern? Diese haben ja die Dienstpistole von des Polizisten-Neffe gehabt, die ihnen in diesem Fall der Arzt hat zukommen lassen, weil der Polizist sie ihn entweder geliehen hat oder vom Arzt beklaut worden ist? Wo? Bei ihm Zuhause? Der Arzt ist davon ausgegangen, daß er die Pistole nach der Entführung wieder klammheimlich zurücklegen kann. Hm... Oder steckt auch der Polizist mit dahinter?'


Der Polizist schaut verschämt in eine Ecke – nachdem ihn der Ermittler noch kollegial begrüßt hat. Zwar ist dieser von der Kripo und er bei der Verkehrspolizei, und persönlich kennen tun sie sich auch nicht, aber es verbindet sie der Umstand, daß sie in der gleichen Gesellschaft, beim Staat und zudem privilegierte Beamte sind, die aber besondere Pflichten besitzen.
Das befeuert eben das Problem. Der Polizisten kriegt das Gefühl nicht los, er habe die Berechtigung zum Kollegiatentum verspielt, was ihn um so mehr schmerzt, als er sich bislang immer als mit Haut und Haaren ehrbarer Polizist gesehen hat.
Du weißt Kollege, ich muß Dir unangenehme Fragen stellen!“, kommt es zunächst im vertraulichen Tonfall. Er nickt schweigend dazu. Als ob er nicht wußte, was auf ihn zukäme. Aber er weiß nur zu gut und hält es sich stets vor Augen: Familie ist das eine, Beruf das andere.
Ein lächerliches Licht würde auf ihn fallen zu berichten, er habe sich den Cabrio einen Tag vor der Geldübergabe auf eigene Faust angeschaut und so unvorsichtig dämlich verhalten, daß er eine über die Birne gekriegt und ein Niemand von Kleinkrimineller ihm mir nichts dir nichts die Dienstpolizei entwendet hat.
Schlimmer aber noch war eben diese Verheimlichung. So fühlte er es immer mehr. Er schaute verloren in des Hauptkommissar Gesicht, wandte wieder den Blick schnell woandershin, zum Fenster hinaus.
Durch diesen sieht er eine Taubenschar auf dem Dach des gegenüberliegenden Haus. Sie verschissen dort die Balkone, daß es zur wahren Landplage geworden war. Der Hygiene wegen hatten die Mieter ihre Balkone mit Eisendraht vernetzen müssen, was zwar die Kacke abhielt, aber die Sicht mit einem Gitternetz verunzierte. Von daher mussten sich die Mieter wie eingesperrt vorkommen – wie im Gefängnis.
Seine Brust fühlte sich an wie ein Zentner Betonsack. Wer weiß, was die Ermittler nicht alles im Hintergrund hatten oder noch herausfinden würden? Aber noch wichtiger war ihm die Aussicht, ob er sich wie im Gefängnis vorkommen will, verwoben und verstrickt in Lügen, Halbwahrheiten und Vertuschen.
Wie kommt es nur, daß die Gauner Deine Dienstpistole hatten, als man sie aus dem Autoblech zerren mußte?“
Er zuckt die Schultern. Noch kann er Widerstand leisten, ein Trotz gegen die Preisgabe der Lächerlichkeit. Andererseits denkt er aber, wenn ich nicht das Übel an der Wurzel packe, packt es mich.
Kann es vielleicht sein, daß...“
Es war doch idiotisch, sich Gitternetze vor das Fenster zu hängen, um sich selbst einzusperren. In solch einem Fall hilft nur eins, meint der Polizist-mit-Haut-und-Haaren: Reduktion der Überzahl, sprich Tauben vom Dach schießen oder seinethalben auf eine andere, etwas humanere Weise, jedenfalls gab's nur eins: Eliminierung einiger Tauben.
So beisst er schließlich in den sauren Apfel.
Am Sonntag, vor dem Tag der Geldübernahme, die war ja am Montag...“
Der Kriminaler schwieg, um den Polizisten Zeit zu lassen, reinen Wein einzuschenken.
Als ich also am Sonntag zu dem Fahrzeug gefahren bin, um die Umstände der Geldübergabe noch einmal abzuchecken...“
Natürlich!“ Das ist aber eine schwere Geburt.
Na, da hat mich einer der Ganoven hinterrücks...., also, solch ein Schmalspurganoven, meine Dienstpistole entwendet.“
"Entwendet, so, so!"
Schlimm, schlimm das erzählen zu müssen. Der Kriminaler konnte beim besten Willen aber nicht ernst, verständnisvoll und jovial reagieren, dazu war der Hammer zu groß.
Warum aber hast Du nicht alles der zuständigen Stelle gemeldet?“
Die Familie...“
Der Kriminaler zuckt nervös mit den Augenbrauen.
Was glaubt denn der Kriminaler überhaupt, Mensch. So einfach ist die Sache auch wieder nicht gewesen!
Der Polizisten-Neffe sitzt da mit dem Gefühl, nicht Ernst genommen zu werden.


Ernst schaute hier nicht verschämt in die Ecke, denn er war in seinem Element, wie ein Politiker, der voll im Rampenlicht der Gesellschaft steht. Er blickte dem Kriminaler direkt und unverwandt, auf Augenhöhe und quasi Face-to-Face ins Gesicht.
Und der Kriminaler ist zunächst geblendet von Ernst. Von dem, was jener sehr gut konnte im ersten Augenblick einer neuen Situation, nämlich sonor, solide und strait aufzutreten, als ein Macher, Einer-der-die-Dinge-anpackt, ein Strippenzieher, dem nichts entgeht. Voll kompetent eben! Mochten die Tabletten ihren Anteil daran haben, daß sie ihn aufrechterhielten, aufbauten und geradezu stählern erscheinen ließen.
Nun, etwas Merkwürdiges wurde doch allmählich in seinem Ansehen deutlich. Seine Augen.
Diese fielen wegen der dichten, buschigen, nicht geschnittenen, struppigen Brauen zunächst deshalb nicht sofort auf, weil Ernst ein blonder Typ war und auch diese Haare weiß, aber auch schon grau waren.
Es ist irritierend, kann man jemanden nicht in die Augen blicken. Unsicherheit macht sich breit.
Deswegen macht der Kriminaler einen taktischen Fehler: er beginnt sofort mit dem Verhör.
Wie kommen eigentlich die Verbrecher in den Unfallwagen? In den Wagen, den Sie dienstlich gefahren haben? Stecken Sie mit Ihnen unter einer Decke? War am Strandparkplatz die Übergabestelle, wo sie das Fahrzeug den Fliehenden zur Verfügung gestellt haben? Sie haben mit diesen kooperiert, da sie sich im Transporter befanden, als sie nach dem Verkehrsunfall aus dem verbeulten Fahrzeug gezogen worden sind?“
Ein kühner Zusammenhang, der sehr plausibel klang, dachte Ernst. Aber total daneben. Er konnte dem Polizisten nicht erzählen, was wirklich hinter all dem steckte. Daß er den Helden spielen wollte und gescheitert war, sonst wäre seine politische Karriere frühzeitig, noch vor seinem Einzug in Berlin, gestoppt. Übrigens hatte Ernst noch nicht die Zeitung gelesen heute.
Wenn ich nur erst in Berlin wäre...“, murmelte Ernst dabei. Sein Gegenüber schaut auf.
Was hatte der da gesagt und was hatte es zu bedeuten, wenn er erst in Berlin war?
Zufällig liegt die örtliche Presse aufgeschlagen auf dem Tisch: Ernst, ein Held. Seine Partei konnte auf einen solch couragierten, jungen Mann stolz sein. Berlin wartet auf Dich, Ernst!
Aha, jetzt, wo er in aller Munde als Held dastand, würde er nach Berlin kommen... und?
Das bestätigte hinwiederum des Kriminaler Vermutung der Entführung als familiäre Verschwörung!
Was würde dann sein, wenn Sie erst in Berlin sind?“
Ernst zögert, vermutet eine Falle und schweigt.
Killerinstinkt! Politikerroutine: sagen, ohne etwas auszusagen. Aber das heißt nicht nichts zu sagen!
Leichter gesagt als getan.
'Mensch, was sag ich jetzt?'
Er überlegte krampfhaft, wie aus dieser Sackgasse herauskommen? Banales, Plausibles, aber Unwahres entging ihm. Aber das war's doch, was Politiker so sehr konnten.
Er merkte, das hier war seine Taufprobe, Feuerprobe als Politiker, jetzt und hier nahm seine Politikerkarriere den Anfang oder das Ende.
Inzwischen rotierte der Polizistenschädel.
Mensch, von woher wehte der Wind?
Ihm wurde gesteckt, daß Ernst das schwarze Schaf der Familie sei und jahrelang arbeitslos gewesen war und mit einem Schmunzeln hatte dieser Kollege noch angedeutet, daß er bei der Firma des Freundes seines Bruders als Mädchen-für-Alles untergekommen war. Die Familie empfand Ernst insgesamt als Klotz am Bein.
Ging man von einem abgekartetem Spiel aus, Bruder und Polizistenneffe wußten Bescheid, dann war alles inszeniert, um Ernst in die Schlagzeilen zu bringen und ihn somit nach Berlin zu katapultieren. Der Bruder der Lockvogel, der Polizistenneffe der Steigbügelhalter und Ernst der Held. Klang logisch.
Aber das war auch wieder irritierend.
Betrachtet man nur mal die Entführer.
Was, wenn die Entführer nicht eingeweiht gewesen waren?
Wenn es sich um einen Zufall handelte, daß die Entführer an dem Abend, während sich Arzt und Krankenschwester im Cabrio liebten, vorbeikamen und sie filmten? Und daraus dann die Erpressung sich ergab?
Nein, das war zu unwahrscheinlich.
Dann waren vielleicht alle eingeweiht? Entführer, Krankenschwester, Arzt, Polizist und Ernst – zum Zweck? Um Ernst einen Aufwind für seine politische Karriere und berlinerische Kandidatur zu vermitteln? Dafür sprach auch, daß nur sie involviert waren und die Polizei außen vorgelassen worden ist; sie waren unter sich und konnten es so hinstellen, daß alles so aussah, als ob die zwei jetzt toten Drogenabhängigen zur Entführung verleitet worden sind.
Der Polizist rümpfte die Nase.
Da blieb nur die Krankenschwester übrig. Sie konnte doch keinen Vorteil aus dem Komplott ziehen. Ihr konnte es außerdem egal sein, ob Karl nach Berlin verschwand oder weiterhin so herumwurschtelte wie bisher.
Schaun ma mal, was sie zu sagen hat!“

alle Rechte beim Autoren Werner Pentz

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2021 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme