Es ist: 01-12-2021, 16:27
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Verbrecher wider Willen XVIII
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Verbrecher wider Willen XVIII
18. Lieber rächen als klagen

Vor dem Kriminaler sitzt ein Häufchen Elend.
Sie hat ein paar Kratzer an der rechten Stirnseite, die wohl von dem Autounfall herrühren mögen. Die Hände, die gefesselt waren, sind an den Pulsadern stark aufgeschürft, so daß das Fleisch rosa-rot schimmert. Die Haare stehen ihr zu Berg, sie wirkt ungepflegt und verwirrt, da sie nicht weiß, wohin mit den Händen. Violette Krähenfüße leuchten unter ihren Augen. Stirnrunzelnd verschränkt sie ihre Finger zu einer einzigen Hand wie zum Gebet und legt die Hände auf den Tisch.
Sie ist diejenige Person von den Beteiligten, die am stärksten von der Entführung mitgenommen worden ist. Das sprach für seine Theorie der Familienverschwörung, denn die eigentlich Betroffenen, nämlich diese Familienmitglieder, Arzt, Polizist und Bruder zeigten kaum, daß die letzten Tagen an ihnen genagt hätten. Nein, wirklich, daß sie dies alles wirklich bis ins Mark und Bein hinein getroffen hätte, wirkten die nicht.
Aber bei dieser Frau schon. Zeichen der totalen Erschöpfung zeigte sie, wie Menschen nach einer schweren Anspannung, die von einer depressiven Leistungshemmung und Antriebslosigkeit gekennzeichnet sind.
Er fragt zuerst, ob sie einen Kaffee wolle, um zu vermeiden, mit der Tür ins Haus zu fallen.
Nach dem ersten Schluck hat der Kriminaler den Eindruck, daß er jetzt die Katze aus dem Sack ziehen müsse, sonst würde das Hinauszögern das hervorrufen, was er gerade vermeiden wollte.
Ich komme jetzt nicht umhin, ihnen einige Fragen zur Entführung zu stellen.“ Vorsichtiger geht's kaum.
Sie reagiert nicht. Als ob sie eine Mauer umgeben würde. Sind diese Fragen überhaupt bis zu ihr vorgedrungen? Ihre Finger umklammern krampfhaft den Tassenhenkel und sind schweißnass. Ihr Kopf wankt leicht? Gleichgewichtsstörung? Wahrscheinlich von den Tabletten her, Beruhigungs- oder Schmerzmitteln.
Der Polizist überlegt, wie seine vorher schon angedachte Redewendung ändern, um damit ihre Trance zu durchbrechen. Aber das geht ihr offensichtlich nicht.
Ich kann ja verstehen, daß sie bestimmt noch nicht in der Verfassung sind, auf meine Fragen zu antworten, nachdem, was sie durchgemacht haben, aber leider muß ich, um die Ermittlungen fortzusetzen, sie verstehen schon...“ Der Kriminaler aber wußte fast überhaupt nichts, geschweige denn, in welche Richtung seine Fragen gehen sollten.
Er wird von einer schüchternen Stimme unterbrochen, die ihn piepsend leise nach dem Stand fragt: „Wovon geht die Polizei aus?“
Wir tappen noch ziemlich im Dunkeln, muß ich gestehen.“
Was nur genau sagen? Immerhin deutete er aber die Vermutungen einer Verschwörung an, eine geplante Tat, ein ausgeheckter Komplott der Brüder und Verwandten des Chefarztes.
Zweifel bleiben zurück, ob dies richtig gewesen ist, zu sagen. Zu spät.
Die Krankenschwester schaut starr aus dem Fenster. Als ob sie nicht anwesend wäre. Man konnte aus dem Blick kaum etwas herauslesen, nicht, ob sie nachdachte, ob etwas hängenblieb von dem Gesagten und was überhaupt in ihr vorging. Man spürte nur daran, daß sie angestrengt nachdachte, zumal ihre Augen nur aus schmalen Lidern blickten.


Nachdenken tat sie in der Tat: 'Kann ich mich rächen?' - darum drehten sich diese ihr Gedanken. Nur darum.
Es fällt schließlich ihr Blick auf ihren Gegenüber.
Ja!“, sagt sie. „Dies könnte durchaus ein abgekartetes Spiel gewesen sein. Dieser, dieser Ernst hat sich so merkwürdig benommen.“
Der Polizist lehnt sich nach vorne.
Wie?“
Zunächst kommt nichts. Er muß sie noch einmal anstoßen, indem er aufmunternd mit dem Kopf nickt, will heißen: wie, wie, wie!
Als wäre er ein Held, ein Erlöser, Lebensretter, wenn Sie wissen, was ich...“
Etwas verzögert, obwohl's ihm längst auf der Zunge lag, antwortet er: „Aber das könne unter den gegebenen Umständen durchaus normal gewesen sein.“
Wieder verzögert kommt die langsam ausgesprochene Antwort, die aber sehr bestimmt klingt: „Nein wirklich nicht. - Der ist nicht ganz normal! Größenwahnsinnig, wenn sie wissen, wie ich das meine...“
Sie hat dies gesagt, obwohl sie sich nach dem Umfall um Ernst krankenpflegerisch gekümmert hat, der durch Aufprall auf Blech, Kanten und Ecken von starken Schürfwunden schwer angeschlagen und gezeichnet gewesen war. Man kann durchaus sagen, sie haben sich danach auch sehr gut verstanden und es ist sogar so etwas wie eine kleine Verbundenheit entstanden. Er hat nach dem Unfall aus dem Krankenhausbett heraus ein paar Mal nach ihr gefragt und sie ist gekommen. Warum sie es getan hat, weiß sie eigentlich gar nicht. Bestimmt wieder ihr Helfersyndrom. Denn schlecht ging es ihr ja auch. - Trotzdem, egal wie, er gehört zu dieser Familie des Mannes, der ihr so übel mitgespielt hatte, zu diesem Chefarzt, der sich gleichgültig, gefühllos und indolent verhalten hat gegenüber den bestialischen Vergewaltigern, Entführern und Erpressern, denen sie so dermaßen hilflos ausgeliefert gewesen war, daß es ihr ihm nachhinein noch die Sprache verschlägt. - Und für all das mußte er büßen – und traf es seinen Bruder, diesen Ernst, dann traf es auch ihn, diesen Arzt.
Der Polizist lehnt sich zurück.
Er denkt, das passt gut zu meiner Variante: alles geplant. Ernst ist euphorisiert, weil er weiß, daß er bald nach Berlin kommen wird, so daß alles deswegen aus dem Ruder gelaufen ist am Schluß?
Hm?


Es kommt ein Telefongespräch ins Büro des Kriminaler.
Entschuldigen Sie!“, und er hebt ab. Während er spricht, blickt er direkt in die Augen der Krankenschwester, die diesem Blick begegnet. Wahrscheinlich geht es um sie, sie glaubt zu wissen, worüber die Telefonierer sprechen. Sie ist empört, sehr, sehr empört jetzt. Der Kriminaler schaut ein paarmal recht scheu in die ein oder andere Ecke, was ihre Vermutung bestärkt. Ihre Wut, ihr Haß, ihr Rachedurst wächst damit ins Unermessliche.
Der Kriminaler legt auf, die Krankenschwester sagt: „Ich glaube zu wissen, worüber Sie gesprochen haben.“
Er schaut sie einen Moment fragend an, antwortet jedoch nicht. Nun hat sie Sicherheit.
Liege ich richtig?“
Wie meinen?“
Noch verärgerter ist sie, daß der Kriminaler, obwohl er genau weiß, was sie andeutet, so tut und spielt Mein-Name-ist-Hase-ich-weiß-von-nichts.
Sie haben sich über ein Video unterhalten.“
Zögerlich stimmt er zu. Es ist ihm hochnotpeinlich einerseits, andererseits weiß er an dieser Stelle noch nicht, wie er dies einschätzen soll, daß er dieses sein Wissen der Krankenschwester gegenüber so freimütig einräumt.
Ja, leider!“
Ich verstehe!“
Damit ist es sicher. Sie barst vor Ärger und Wut. Die Finger ihrer Hand pressen sich in das Fleisch der Handinnenfläche und ihre Handknochen sind leichenblaß weiß. "Ich muss mich rächen, rächen..."

alle Rechte beim Autoren Werner Pentz

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