Es ist: 27-01-2022, 08:47
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Verbrecher wider Willen XXII. - Der Schwache ist immer der Böse
Beitrag #1 |

Verbrecher wider Willen XXII. - Der Schwache ist immer der Böse
Der Polizistenneffe war gerade beim Hauptkommissar, von sich aus, um sich über den Stand der Dinge zu informieren. Nach seiner Fehlleistung mit der Pistole hatte er einiges wiedergutzumachen, bildete er sich ein. Jedenfalls ein bißchen nachfragen, zu schauen, ob er doch vielleicht das ein oder andere zur Lösung des Falles beitragen konnte, konnte nicht schaden. Oder doch? Aber frag das einmal einen übereifrigen Staatsbeamten!
Plötzlich schellte das Telefon. Während des Gesprächs widerholte der Hauptkommissar, ganz unprofessionell, das Wort „Krankenschwester“. Da der Tonfall Bedauern ausdrückte, wurde sein Gegenüber sofort hellhörig und aufgeweckt wie er war, hörte er vermeintlich schlechte Nachrichten heraus. Der Kriminaler legte gerade auf, als er sich erlaubte zu fragen: „Die Krankenschwester, die die mitentführt worden ist?“
„Ja!“, nickte der Kriminaler und entschuldigend muß wohl seine Betroffenheit angeführt werden. Jeder ist ein Mensch.
"Ist ihr etwas geschehen?“
Der Polizist, wieder nicht ganz Profi, nickte wage.
„Tot?“
Immerhin reagierte jetzt der diensthabende Beamte mit keinem Wimpernzucken und starrte nur steif aus dem Fenster. Das war auch schon beredt genug. Zudem hatte er nicht widersprochen, was obendrein schon einiges sagte, nämlich in der Regel Ja.
Die Krankenschwester war inzwischen in ihrem Zimmer entdeckt und tot aufgefunden worden, aber die gerichtsmedizinische Obduktion dauerte an.
Des Kriminaler linkes Knie, besonders wetterfühlig und sensibel, juckte wie der heurige Wein und er schloß daraus, dass an den Todesumständen der Frau irgendetwas nicht stimmen müßte, sprich kein natürlicher Exitus vorlag.
Der Polizistenneffe wußte über Arzt und Krankenschwester Bescheid, die Zettel hier und da, die brodelnde Gerüchteküche zudem hatte ihn über die Hetze in Kenntnis gesetzt. Ob sein Onkel bei deren Tod etwas nachgeholfen hat? - das war zwar nur so ein Gedanke, aber doch ein hartnäckiger, fast plausibel erscheinender. Mal private Nachforschungen anstellen, konnte nicht schaden. Es blieb zudem ja alles in der Familie.

Über diesen Polizistenneffe erfuhr der Arzt den bedauerlichen Tod.
Während er sich über die Nachricht dieses Vorfalls erleichtert fühlen, endlich wieder tief durchatmen konnte, dachte er liebevoll an seinen Bruder: auf diesen kann man sich wenigstens verlassen, auf diesen Idioten. Wobei er „Idiot“ ganz positiv meinte. Andernfalls hätte er ja „Blödmann“ gedacht. Aber „Idiot“ konnte jemand sein, der durchaus intelligent war, nur nicht recht in seine Umwelt passte.
Gleichzeitig ahnte er schon, was auf sie, die ganze Familie Unangenehmes und Widerwärtiges zukommen würde. Aber Hauptsache war nun einmal, diese Furie aus der Welt geschafft zu haben, voila!
Nur der Polizistenneffe ahnte das Allerschlimmste. Und sein Verdacht auf den Mörder der Krankenschwester, von einem natürlichen Tod ging er nicht aus, fiel auf den Onkel, zumal dieser am Telefon nicht gerade überrascht, geschweige dem geschockt oder berührt gewesen sein schien. Ein Schweigen war entstanden, aber zu kurz, bevor es wieder zur Tagesordnung überging.
Dann seinem Neffen direkt gegenüber zu stehen, war etwas anderes. Man mußte ihn unter die Fittiche nehmen.
"Sie ist tot aufgefunden worden!"
Er schaute ihn tief in die Augen: "Hast Du etwas damit zu tun?"
Aus diesem Verhalten, seinen Onkel so eine unverhohlen direkte Frage zu stellen, die zudem auf einen unschmeichelhaften Verdacht beruhte, kann nur geschlossen werden, daß sich der Polizist neu erfinden wollte, sein Image neu gestalten und seinen Leumund wieder aufbessern wollte. In der Tat, nach dem schmählichen anfänglichen Leugnen bezüglich des Pistolenklaus ritt er jetzt auf Wahrheitstsunami, der ihm hieß, ohne Rücksicht auf Verluste, komme, was da wolle, alle gegebenen Umstände zum Tod der Krankenschwester aufzudecken - ganz der Rolle des aufrichtigen Staatsdiener gemäß. Fast vergaß er dabei die Familie.
Der Tod der Krankenschwester – ein Zufall?
Gerade jetzt?
Nein!
Zum einen, die Krankenschwester hatte gegen seinen Neffen gehetzt, dass sich die Balken bogen, und zum anderen wußte so ein Arzt beste Mittel hinsichtlich Exitus und Tod, nicht wahr!? Steckte dieser Onkel dahinter, dann Gnade ihm Gott. Von ihm konnte er keine Hilfe, keine Deckung, keinerlei Unterstützung erwarten: Daß dies ihm nur klar war, mußte klippundklar mitgeteilt werden.
Aber der Arzt spielte gekonnt den Beleidigten: „Was? Das ist doch nicht Dein Ernst?!" Cool hatte er den durchdringenden Blick des Ordnungshüters pariert, als solchen er ihn nun wahrnahm und nicht als Verwandten, was für jenen zu viel des Guten war und er packte seinen Onkel jetzt sogar am Kraken.
Dieser schlagfertig: „Komm mir so nicht. Ich weiß einiges von Dir zu berichten, Du hast auch Dreck am Stecken, mein Lieber! Also tu die Hände weg von mir!“
„Das ist Schnee vom vergangenen Jahr. Daß ich in meiner Jugend einmal einen anderen zusammengeschlagen habe – das sind Jugendsünden.“ Glücklicherweise konnte damals die Familie diesen Ausrutscher wieder durch eine saftige finanzielle Widergutmachung gutmachen und damit das Schwappen der Kunde dieses Vorfalls an die Oberfläche verhindern.
„Ja, jähzornig bist Du noch heute, wie man sieht!“
Jetzt packte er ihn gar an der Kehle und würgte ihn, während seine Zähne aufeinander schlugen, mit so zusammengepressten Lippen, daß die Bewegungen kaum zu sehen war, als er mit diesen seine Wut herausstieß: „Damit komm mir nicht! Was war, war!“
Röchelnd entgegnete der Arzt: „Offenbar nicht! Du bist es heute noch: Noch immer derselbe Übertreiber. Überziehst alles, machst zu viel, dabei geht das Porzellan zu Bruch, so sieht's aus!“ Übrigens traf er damit auch momentan ganz genau ins Schwarze.
Einen Druck mehr verstärkte jener seine Händeklammer.
„Was, was redest Du hier? So ein Geschwätz!“
Und jetzt wollte er mit der anderen Hand bereits ausholen, als ihm der Arzt dazwischenfuhr: „So! Ein Geschwätz nennst Du das: Dann will ich Dir mal etwas sagen. Hättest Du Dir nicht die Waffe entwenden lassen von diesem Stümper, hätte wäre die Entführung schnell beendet gewesen, spätesten nämlich mit dem Auftauchen der Polizei und Discounter-Chef im Ganovenhaus. Nein, mit der Pistole konnten sie die Polizisten ausschalten. Zweitens: hätten sie nicht die Waffe gehabt, hätten sie sich nicht getraut, den Restaurant-Besitzer vom Strandcafe kurzerhand krankenhausreif zu schlagen. Weißt Du, dass dieser wahrscheinlich querschnittsgelähmt sein wird?“
Der Onkel lockerte seinen Griff. Das war zu viel. Natürlich, das war saudumm gewesen mit der Waffe, aber er hatte alles gestanden, nur zu spät offensichtlich, wie sich jetzt herausstellte. Die Suppe war ganz gehörig versalzen worden, verflixt.
Ohne weitere Worte räumte er das Feld.

Der Kriminaler stieß bei seiner Recherche auf Ernst. Zeugen hatten behauptet, sie hätten ihn bei der Krankenschwester gesehen, so daß man ihn zuhause aufsuchte, ihn in einem dahindämmernden Zustand vorfand und zum Verhör ins Polizeirevier mitnahm.
Ernst hatte struppige Haare, wirkte unausgeschlafen und verwirrt.
Da muß ich langsam und vorsichtig vorgehen, dachte der Kriminaler.
Diese Strategie war sehr klug, denn dadurch nur würde er Ernst aus der Reserve locken können. Ernst wußte sehr wohl über seine ungehörige Tat. Er war sich sehr wohl bewußt, wieviel auf dem Spiel stand. Nur nicht genau inwiefern, aber es war Schlimmes geschehen und – jedenfalls war er zudem pass verwirrt.
Bevor jedoch der Kriminaler mit seiner wohlüberlegten raffinierten Vorgehensweise beginnen konnte, wurde er leider durch eine Frage Ernst aus dem Konzept gebracht: „Darf ich bitte meinen Bruder sprechen?“
„Warum wollen Sie ihren Bruder sprechen?“
Was sollte jener auf diese Frage des Kriminaler antworten: „Da geht nur meinem Bruder und mir etwas an!“ Das ging nicht. Lieber reagierte er gar nicht. Schließlich wollte er nicht selbst seiner Absicht im Wege stehen, seinen Bruder hinsichtlich des Mordes, des Grundes zum Mord, befragen zu können, was eine zuvörderst familiäre Angelegenheit war, fand erst. Niemand durfte ihm diese Möglichkeit verwehren.
Ernst Antwort war nicht gerade klug gewesen, denn dies weckte das Mißtrauen des Kriminaler um so mehr, welches in die Richtung des Verdachtes ausschlug, zwischen Krankenschwesters Tod, dem Bruder und dem Mediziner bestünde ein Zusammenhang.
„Im welchen Verhältnis zur Krankenschwester standen Sie?“
„Wir haben uns nach dem Unfall öfter besucht!“
„So? Nur besucht?“
Weil aber Ernst gegenüber dieser doch starke Gefühle hegte, die er kaum unter Kontrolle bekam, da er mit dieser Art von Emotionen in seinem Leben bislang kaum in Berührung gekommen war, verspürte er den Drang, Luft abzulassen und sagte schließlich: „Sie wollte mich verführen.“
„Zum Sex?“
„Ja!“
Mehr war aber nicht herauszubekommen. Das lag wohl auch daran, daß Ernst aus den Worten des Kriminaler einen negativen Klang zu vernehmen meinte. „Zum Sex!“ Er empfand ja deren Verhalten auch in dieser Richtung sehr, sehr negativ. Ernst verzog dazu automatisch angewidert den Mund.
„Und das war ihnen zuwider?“
„Ja!“ und Ernst bewegte den Kopf zur Seite, eine Geste, die seinen Abscheu vor dieser Sache untermalte.
Der Kriminaler fühlte sich auf der richtigen Fährte.
„Und sie wollten, konnten nicht?“
Bingo! Ernst Gesicht verzog sich noch mehr, zu einer derart verzerrten Gestik, als müsse er sich sogleich erbrechen und übergeben.
"Kann man sagen, sie wollte sie vergewaltigen?"
"Ja!" Es erfolgte spontan.
„Haben Sie sie deswegen umgebracht?“
Ernst kapierte, dass er zu weit gegangen war.
"Nein, eigentlich vergewaltigen kann man auch nicht sagen. Halt verführen!"
"Hm!"
"Und das ist ihr nicht gelungen!"
„Weil Sie sie getötet haben!"
Er brachte es nur mit Mühe heraus, daß seine Stimme leise und ruhig blieb: „Herr Kommissar, ich muß doch sehr bitten!“, und energisch verschränkte Ernst die Hände vor der Brust und lehnte sich in Abwehrhaltung zurück.
Der Kriminaler sah, er war zu weit gegangen, viel zu weit. Die Fragerichtung mit der Unterstellung war saublöd und falsch gewesen, denn dafür gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt.
Nur, warum bereitete ihm nur sein Knie ständig Schmerzen?

Nun, da Ernst zugegeben hatte, daß er bei der Krankenschwester gewesen und in fast intimsten Kontakt mit ihr verkehrt war, deckten sich Spuren damit, die gefunden wurden, die aber nicht als Indiz für einen Mord gelten konnten. Da keine Spuren eines Gewaltaktes und Fremdverschuldens zu finden waren, schien sich die Tode auch nicht gegen einen vermeintlichen Mörder gewehrt zu haben.
Auf dieser spurenerkenntlichen Ebene war also die Todesursache nicht aufzuklären.
Die medizinische Ebene offenbarte nur einen Tod durch Atemnot, denn die Krankenschwester war erstickt; was auch nicht unbedingt auf einen Mord hinwies. Vielleicht hatte einfach ihr Herz versagt, befand sie sich doch nach der Entführung in einem extrem gestressten Zustand, da man ihr, wie der Hauptkommissar erfahren hatte, sehr übel mitgespielt, ja, vergewaltigt hatte.
Posttraumatische Störung mit Todesfolgen!?
Da da das alles nicht oder noch nicht klar war, durfte auch Ernst wieder unbehelligt nach Hause.

Bei diesem reifte allmählich die Erkenntnis, daß, kämen die wahren Umstände des gewaltsamen Todes heraus, was nur eine Frage der Zeit war, würde auch sein Bruder schwer belastet werden.
Er und sein Bruder.
Hm, sagte er sich, vorgeben, er habe sich nur so heimlich bei seinem Bruder informiert über die Möglichkeit, jemanden auf diese Weise zu töten, kurzum, damit belastete er sich und nahm die Schuld allein auf sich, so daß sein Bruder aus dem Schneider wäre. Herauskäme, daß er als der Alleinverursacher, als der Mörder ohne Helfer dastünde.
Nun, entscheidend war, daß dann der Ruf der Familie geschützt war und dieser war sakrosankt, war das Wichtigste in seinem Leben und auf dieser Welt – von dieser war auch seine politische Karriere abhängig.
Einfach alles hing für ihn davon ab.
Jedenfalls konnte er seine politische Karriere vergessen.
So oder so.
Aber immerhin konnte er sich noch zum Helden machen. Das Opfer der Familie konnte er werden. Märtyrer wie die Kirchenheiligen, sozusagen.
Diese Vorstellung von der Übernahme der Alleinschuld begann ihm immer mehr zu schmecken.
Ihm würde nur blühen, wegen Gemeingefährlichkeit in die Psychiatrie eingeliefert zu werden.
Aber die Familie würde gerettet werden.
Denn, was bedeutete er schon ohne dieser?
Noch gewichtiger war die Frage: was bedeutete er in dieser ?
Ein kleiner Systemfehler, mehr nicht. Die Biologie spielt halt manchmal verrückt, dachten bestimmt viele, und er sei die Ausnahme von der Regel. Manchmal ist das halt so!

alle Rechte beim Autoren Werner Pentz

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