Es ist: 21-10-2021, 00:16
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Literarisches Tagebuch
Beitrag #301 |

RE: Literarisches Tagebuch
Einundvierzig ...

... ist auch nur eine Zahl, ein Sammelsurium aus Bildern, Momenten, Erlebnissen, Träumen, Wünschen, Gefühlen, Hoffnungen und selbsterklärten Zielen. Sie ist aber auch ein Synonym für Erfolglosigkeit, Niedergeschlagenheit, Unerfülltheit, Nackenschläge, Niederlagen, Phantasielosigkeit, von viel zu kalten Tagen, wo es einfach nicht warm ums Herz wird.
Ja, und auch von Tagen, die um ihrer selbst willen nur sich selbst als Daseinsberechtigung haben und elendig am Strand der Vergänglichkeit anbranden, wie Strandgut, willig, geborgen zu werden, rostend im eigenen Saft - da in der Sperrzone, wo niemand hingelangt.
Ein Elefantenfriedhof voller abgehalfterter Minuten, die da sang- und klanglos im Leben mitgetrieben worden sind und jetzt plötzlich meinen, etwas Besonderes sein zu müssen.
Leider zu spät.

Aber was wäre, wenn man alle Sekunden, die sich unter dem Rockzipfel der Ewigkeit verstecken, mitnehmen könnte, mitreißen, so begeistern könnte, dass sie die Zeiger der Uhrwerke mit Freude erklimmen und die Zeit zum Singen bringen? Was wäre, wenn die Zeit Hand in Hand mitgeht, hier, auf diesem Spaziergang am Rande der Zahlen? Was wäre, wenn sie ein Begleiter, eine feste Punktion im Meer des tristen Lebens wäre, niemals von der Seite weicht und immer, immer, bei jeder Frage, jedem Unwohlsein, jedem Rätsel, jeder neuen Aufgabe, jedem mühsamen Berg daneben steht und Ermutigungen ohne Großbuchstaben ins heimische Ohr flüstert?

Was wäre dann noch die Einundvierzig? Nur die Frage einer Zahl ...

... die die nächste beantworten könnte.
Denn 42 ist schließlich: Die Antwort auf alle Fragen.


(Nachdenkliche Gedanken am letzten Tag einer Zahl. Wie jedes Jahr. Dreads Lit-Talk for himself. Hm.)

LGD.


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Beitrag #302 |

RE: Literarisches Tagebuch
Du gingst, vor so langer Zeit.
Fremde um dich, Fremde in dir -
doch, immer noch
freudestrahlend
eine Hülle, so qualvoll bekannt
gefüllt mit Erinnerungen an Dinge, nie geschehen
und dann
nur noch -
Erde. Asche.
Und der Schmerz bei jedem Atemzug
Das Lachen unter Tränen.

Ich vermisse dich. 

29.12.2017


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Beitrag #303 |

RE: Literarisches Tagebuch
Endstation

Ein weißer Raum. Weißer Boden, rutschfest. Die Wände weiß, garniert mit idyllischen Bildern. Die Fenster links von ihm waren dick und ohne Hebel. Dafür surrte es unter der Decke leise.
Er hatte sich mit dem Stuhl nach links vom Tisch abgewandt, saß auf dem kargen Plastik und zog die Beine an. Der brillenlose Blick auf den Boden gerichtet, am nichtssagenden Shirt und der Trainingshose vorbei. Das Herz schlug langsam und ruhig, während das Blut gleichgültig seine Bahnen durch den Körper zog.
Stille. Das Schweigen toter Worte in sechs Buchstaben gepresst.
„Reden hilft.“ Eine Stimme, jenseits der Karaffe aus Wasser. Nur eine durchsichtige Insel auf dem Ozean aus weißem Tisch. „Auch wenn es schwer fällt, die ersten Worte zu finden.“
Seine Socken begannen zu zittern. Der Blick blieb starr. Und der Kopf wippte mit dem Oberkörper langsam vor und zurück. Lippen öffneten sich, versuchten sich an Worten, und schlossen sich schweigend wieder.
Ein Bild wanderte von der anderen Seite der weißen Welt herüber. Angeschoben mit bezahlter Empathie. Eine Frau, mit langen dunkelbraunen Haaren. Gütiger Ausdruck auf dem Gesicht, direkt davor eine gelbe Kaffeetasse. Haltend in warmen Händen.
„Ist sie das?“
Eine Frage, die eine Feststellung war. Hinschauen unsinnig. Antworten überflüssig. Das Bild blieb unbeachtet, obwohl sein Herz einen Stich abbekam. Tief in seinem Inneren stiegen die ersten Bläschen aus dem See eines erloschenen Vulkans nach oben. Und trieben kalte Perlen durch seine drückenden Augen.
„Warum ist sie so wichtig?“
Die Stimme klang weiblich, der dazugehörende Mensch jenseits seiner Brille auf dem Tisch blieb verzerrt. Unwirklich. Wie alles hier.
„Sie ist doch wichtig, oder etwa nicht?“
Sein Kopf nickte. Sein Herz nickte mehr. Und seine Tränen kullerten mit einem stummen „JA“ die Wangen hinunter, bevor sich die Augenlider schlossen.
„Das ist meine große Schwester“, flüsterten seine Lippen. „Mein bester Freund.“
Fragmente vergangener Tage tauchten in der Dunkelheit vor seinen Augen auf: Sie, für die er immer dagewesen war. Sie, die er vom Rotwein und der viel zu heißen Wärmflasche befreit hatte. Sie, die er ins Bett gebracht hatte, nachdem sie zitternd vom Teppich festgehalten worden war. Jedem Hilferuf war er gefolgt. Ohne Kompromisse.
„Hab … War … immer für sie da.“ Seine Stimme klang brüchig im weinenden Meer. „War … Hab alles getan, damit sie am … Leben bleibt.“
Seine Schwester erschien in seinem Kopf. Mit einem traurigen Gesichtsausdruck, zur Seite abgewandt, als wäre dort etwas, das interessanter wäre. Ihr Mund sang ein leises Lied von Tod und Erlösung. Strophe um Strophe. Gefüllt mit der Hoffnung auf ein Ableben. Irgendwo in der Schweiz, dort, wo man in Würde abtreten konnte. Und immer, wenn sie davon gesprochen hatte, hatte es weh getan. Tief in ihm drin. Eine Welt ohne sie. Unvorstellbar.
„Und sie hat den Kontakt zu Ihnen einfach abgebrochen?“
Er nickte.
„Warum?“
„Weiß … nicht.“
Das Damals. Der Tag des Abschieds. Gesperrt und geblockt. Er. Von ihr.
Ihr Whatsup profillos. Seine Anrufe sinnlos. Er blieb haltlos. Zurück. In seinem Alptraum voller Fragezeichen.
„Über was haben sie zuletzt gesprochen?“
Davor. Die letzten Sätze aus einem anderen Leben, die er nicht sehen wollte.
Er öffnete die Augen. Der Blick mit Schlieren durchzogen. Hinter dem Fenster konnte man sehen, dass die Etage, wo er sich befand, quadratisch aufgebaut war. Gegenüber sah er die schemenhafte Anmeldung, geschützt hinter Plexiglas. Eine junge Frau wehrte sich gerade, als zwei Pfleger sie packten und in ein Zimmer bringen wollten. Auf dem Weg dorthin flog ein Stuhl durchs Bild. Aus einem der angrenzenden Räume konnte er durch das Rauschen in seinen Ohren Geschrei hören. Wehleidig, schimpfend, brüllend, weinend.
„Krebs“, flüsterte er. „Wir haben uns über den Krebs unterhalten.“
„Die Erkrankung ihrer Frau.“
„Ja.“
„Die Therapie läuft gut?"
Aus seinem Mund entkam ein Schluchzen. Fragmente aus Leid und Elend folgten, mit wechselnden Szenen: Auf der Toilette, dem Behandlungszimmer, den Ärzten, dem Schlafzimmer. Blasses Gesicht seiner Frau, der Schatten einer Ahnung von Mensch.
„Nein.“
Jenseits des Ozeans aus weißem Tisch hörte er ein mitfühlendes Seufzen. Ein seltenes Gefühl in einer emotionslosen Gesichterwelt.
„Bevor wir mit einer Therapie anfangen“, sagte die Frauenstimme, „müssen Sie sich von Ihrer … Schwester lösen.“
Er schluckte schwer. Lösen. Freigeben. Es dem Wind und den Wellen überlassen. Forttragen lassen.
„Und … wie?“
„Mit einem Grabstein vielleicht“, sagte die Frauenstimme. „Mental. Mit ihrem Namen darauf.“
Sein Brustkorb hob sich, seine Lungen sogen Luft, als würden sie platzen wollen – und hielten dem Druck stand, auszuatmen. Sie, sein Fels in der Brandung, sein großer Stein im Fundament – nur noch ein Grabstein. Nur noch ein Name, der vergehen soll.
„Nein.“ Ein Hauch, unterstrichen von Augen, die sich wieder schlossen. „Nein!“
„Sie können sich auch ein anderes Bild aussuchen.“ Eine Kladde, eine Akte, die er nicht gesehen hatte, wurde gerade geschlossen. „Und Sie müssen sich von Ihrem gestrigen Handeln distanzieren.“
Gestern. Weit entfernt. Ein Leben, oder zwei. Dazwischen tauchten Pillen auf, in seinen Händen, deren Namen er kaum aussprechen konnte. Unzählige Pillen.
„Und zwar nachweislich, sonst können wir Sie nicht entlassen.“
Er kniff die Augenlider fest zusammen, wehrte sich gegen das, was da von unten auftauchte. Wehrte sich gegen die Flut aus Gefühlen, aus Fotographien einer anderen Galaxis.
„Bitte“, wimmerte er. „Bitte …, lassen Sie mich gehen ... Muss nach Hause!“
Wieder ein Seufzen, diesmal ausruckslos. Dann wurde die Tür geöffnet. Die zwei Pfleger erschienen dahinter und schauten fragend herein.
„Sie haben keine Schwester“, sagte die Frau. „Sie war auch nie Ihr bester Freund. Und sie kommt auch nie wieder.“
Seine Lippen fingen an zu beben. Wimmernde Worte, geräuschlos ausgesprochen. Tränen, schlagendes Herz – und in seinem Inneren ein Schrei nach dem Warum und Wieso.
Sie schob den Stuhl nach hinten, stand auf, tippte leise mit den Fingern gedankenverloren auf den Tisch. Die Akte wanderte nach oben, eingeklemmt zwischen Arm und Brust.
„Und so lange Sie sich nicht von Ihren Absichten distanzieren, werden Sie hier bleiben müssen. Das Urteil bleibt bestehen.“ Sie seufzte wieder. „Auch wenn Ihre Frau Sie jetzt eigentlich braucht.“
Sie nickte den beiden Pflegern zu, bevor sie an ihnen vorbeiging und verschwand.
„Nein. Bitte!“
Zum Schweigen verurteilte Stille.
Sechs Buchstaben.
Wie Suizid, nur sein -versuch war länger.

***


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Beitrag #304 |

RE: Literarisches Tagebuch
Bin mit dir den Weg gegangen
Immer in der Hoffnung
Das wird schon werden

Doch ich kann’s wohl einfach nicht
Gut sein lassen

Wie will ich auch?
Wenn die Eifersucht
Mich bricht

Jedes mal aufs Neue
..

Dacht ich doch
dies könnt in Freundschaft
Munden

Am Ende hab ich nur
Mich selbst
Geschunden

Ist das wirklich wahr?
Heute schon

Morgen?
Könnten wir vielleicht
Nur vielleicht -
Freunde sein?

Weil mein Schatten auch nur ich selber bin.

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Beitrag #305 |

RE: Literarisches Tagebuch
(Äquator)

Und jetzt stehe ich hier, inmitten des Lebens, das puslierend an mir vorbeizieht. Die ersten Blätter fallen, obschon es noch sehr warm ist. Ungewöhnlich für den Monat, aber trotzdem sieht alles so aus wie immer.
Die Straße mit den Teerflecken, die Gartenhütten hinter den Zäunen, die Menschen selbst. Sogar die Kleinen vom Kindergarten warten mit ihren Mentoren artig an der einsamen Ampel auf das erlösende Grün der Bewegung.
Und ich schaue in den Himmel. Mal kleine Wölkchen, mal feine Linien aus Kerosin, die sich wie riesige Xe über mir erstrecken. Als wollte jemand eine Botschaft dort hinschreiben. Ich kann sie nur schwer entziffern.
Alles sieht so aus wie immer. Alles fühlt sich so an wie immer. Und der Gedanke schießt durch meinen Kopf, dass es Zeit für einen Neuanfang wird. Ein neuer Beginn. In mir selbst. Vorbei an dem Narbengewebe, vorbei an all den Gefühlen und Rissen, die noch immer wie aufgebrochene Sollbruchstellen bei Schiffen wirken. Irgendwo muss es einen Grund geben, einen Bodensatz der Hoffnung, eine immergrüne Sommerwiese, auf der man seinen eigenen Baum pflanzen kann.
Und ich höre noch Martins Stimme:
"Versuchen Sie es doch mal", hatte er gemeint. Und abends wurde das große Papier der Flipchart ausgebreitet. Was dabei herauskam, war ein Sammelsurium aus Linien und Punkten, in einem Gitternetz aus Jahren als Breiten-, und Wertungen als Längengrade.
Ein Planet. Einige Wüsten im Westen. Ein bisschen Kühle am Anfang des ersten Atmens. Und im Osten erhob sich eine bewaldete Steilküste. Verschiedene Regionen wurden mit Ingwergelb, Bordeauxrot und Königsblau ausgemalt. Das immerwährende Grün verband alles, wie eine stille Hoffnung.
Ich weiß noch, wie ich auf die Linien gestarrt hatte. Einige entsprangen in der nahen und fernen Vergangenheit, überall auf dem halb gefüllten Planeten meines Herzens. Und sie schwangen sich mitunter schwungvoll durchs Leben - bis sie alle an einem Punkt kurz vorm Äquator zusammentrafen.
Ein einziger Punkt, der alle aufnahm. Eine Person, die alles verband.
Das Radiergummi am Rand des Tisches lockte mit einem Fragezeichen, doch der Bleistift wollte nicht weichen. Der Kopfhörer entließ 'Time' von Hans Zimmer in meine Ohren.
Sentimentalität, oder doch nichts gelernt?
Die Kinder gehen an mir vorbei, artig, folgsam. Ganz ungewohnt in dieser Zeit. Und mir fällt meine eigene ein.
Was wollen wir werden, wenn wir groß sind?
Fragen, die nie verblassen.

Ich war aufgestanden, nachdem ich Schwarze Löcher in die stille Zeit gestarrt hatte. Aber selbst der Kaffee konnte das Pendel nur mühsam wieder in Bewegung setzen, bevor ich zum Tisch zurückging.
Alles so lassen, wie es ist? Alles wegradieren, ausradieren, vergessen?, rief mir das Radiergummi stumm zu. Hassen? Vergelten? Heulen? Schreien?
Ich suchte mir die Bilder raus, von allen Ursprüngen, und legte sie sorgsam dazu. Viele Momente, vergangen, und doch schlägt das Herz noch wie im Damals. Menschen, die nicht mehr da sind, weil das Leben sie an einen anderen Strandabschnitt gespült hat. Menschen, die froh, die freudig und sorglos in die Zeitmaschine der Kamera schauten.
Und da fiel mir auf, was alle gemeinsam hatten.
Der Mund. Die Lippenformen. Der Schwung im Ausdruck.
Des Lächelns.
Und das Lächeln war überall gleich.
Auch beim letzten Punkt auf dem Planeten.

Jetzt stehe ich hier, im Jetzt, und sehe den Kindern nach.
Ein neuer Anfang, ein erster Schritt auf dem Weg in die südlichen Gebiete des Planeten. Noch unerforscht und voller Gefahren.
Aber wer ist Ich, der mit mir geht?
Ich drehe mich um und sehe, wie die Kinder die Kirche hinter mir betreten. Ich sollte Gott danken, dass ich hier stehen darf. Auch wenn ich das sehr oft tue. Ihn in mir halten, so lange es geht. Ihn um Vergebung bitten. Ihn bitten zu helfen, wenn es aussichtslos geworden ist.
Still dafür danken, dass er da war, in all den Gesichtern, in all den Herzen und all den Worten der Menschen, die mir beim Fall durch die Schwarzen Löcher beigestanden hatten.
Ich lächle.
Und vielleicht sehe ich es wieder.
Im Süden.


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Beitrag #306 |

RE: Literarisches Tagebuch
Die Routine.
Worin liegt ihr Sinn.
Jeden Tag das gleiche Karussell.
Die Tage fliegen schnell vorbei.
Warum gibt sie Halt,
was ist ihr Zweck

Zitat:
„Ash nazg durbatulûk, ash nazg gimbatul,
ash nazg thrakatulûk, agh burzum-ishi krimpatul.“


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Beitrag #307 |

RE: Literarisches Tagebuch
Das Elsternorakel

Eine für Leid

Es war ein hübscher Vogel, der seinen Weg auf das Baugerüst gefunden hatte, ungerührt vom gleichmäßigen Hämmern, das hinter der bereits fertiggestellten Fassade klopfte. Sie selbst überhörte es tagtäglich, geschult von den Jahren in der Großstadt, doch als die Elster sich mit der Routine eines Straßenkehrers an einem hinterbliebenem Brotpapier zu schaffen machte, fiel es ihr wieder auf
"Hättest Du nicht hier landen sollen?", fragte sie die Glasscheibe, in der sich ihr Gesicht als vage Spiegelung abzeichnete, durchbrochen von dem viel zu sommerlichen Licht eines angeblichen Herbstes.

Zwei für viele gute Gaben

Auch der andere Vogel hatte nicht den Anstand, vor dem Baustellenlärm zu flüchten. Schon für die Szenerie hätte er wenigstens auf dem trotzigen Bäumchen vor ihrem Balkon landen können, fand sie. Aber die Elster pfiff ihren Artgenossen nur kurz an und begann, um ihn und dessen Beute herumzuhüpfen.
Sie hatte bisher nur Tauben gesehen, fiel ihr auf. Tauben, und scheinbar immer dieselbe Schar Enten und Blesshühner, die in dem beinahe stehenden Gewässer, das man hier einen Fluss nannte, herumpaddelten. Außerdem zwei Schwäne, vielleicht auch drei, die in Schichtarbeit an den Anleger kamen, an dem sie an schönen Tagen mit den Kollegen zu Mittag essen konnte. Keine Dohlen, wie im vorherigen Exil, und dies waren die ersten Elstern.
Aber es hatte in letzter Zeit einige schöne Tage gegeben.

Drei für eine Maid

Milde lächelnd schüttelte die den Kopf und trat von der Balkontür weg. Der dritte Vogel war erst ein beiläufiges Flügelschlagen im Augenwinkel, dann ein ungläubiger Schulterblick.
"Du willst mich doch veralbern", behauptete sie irgendwo in Richtung Zimmerdecke und musste doch lachen. "Soll das ein Zeichen sein oder ein Streich?"
Sie wartete, aber es kam keine Antwort, keine weitere Elster. Es brauchte einen Moment, bis sie sich an eine alte Datei erinnerte, ein Textdokument mit sieben Elstern. Vorsichtshalber zählte sie den Reim an ihren Fingern ab.
"Drei", murmelte sie. "Drei für eine ... aber wen?"
Ihr Blick fiel auf den Schreibtisch, wo das Aquarell einer generischen Übungselfe vor sich hintrocknete. Auf dem Telefon daneben wartete immer noch die Nachricht einer notorisch besorgten Mutter darauf, gelesen zu werden. An der Tür des Sicherungskastens darüber hing eine Photographie, das Portrait einer jungen Dame, das zur Hälfte aus rotbraunen Locken zu bestehen schien.

"Drei", murmelte sie und tippte sich auf den ausgestreckten Finger. Ihr Blick hing fragend an der Photographie, und dennoch schielte sie daran vorbei. Mit ein paar Schritten zur Seite konnte sie durch die angelehnte Tür sehen. Es war dunkel, und doch schien ein Glanz ihr zu antworten.
"Meinst Du?", fragte sie und schlug die Augennieder. Ein Lächeln. "Ja, doch. Lass uns diesmal etwas Schönes daraus machen."

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

(Avatar: 'Batbastard', © by Trin o'Chaos)

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Beitrag #308 |

RE: Literarisches Tagebuch
Mit Tränen im Auge
kann man den Sturm nicht sehen.
Es bleibt fast vage,
unscharf und verschwommen,
da, am Horizont -
bis Geschrei
Konturen Gehör verschafft.

Die Leichtigkeit des Seins,
klebt plötzlich schwer
an den Beinen tauber Köpfe.
Frieden, Freiheit, Fortschritt -
sie alle rennen mit.
Gerade erst da,
schon sind sie weg.

Mit Tränen im Auge
kann man den Sturm nicht sehen -
aber wisch sie nicht fort.
Lerne zu tanzen,
wenn Du nachher
über Leichen gehst.


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Beitrag #309 |

RE: Literarisches Tagebuch
Allerheiligen.
Die gleiche Prozedur.
Wie immer, am Ende eines Lebensjahres, wenn der Rest sich ebenfalls neigt. Gefährlich krängt, wie ein Schiff in schwerer See.
Der Himmel dunkel, wolkenverhangen, zornig blitzend. Die Segel zerfetzt, der Rumpf tief im Wasser liegend. Die Schreie der Seeleute in den Takelagen werden vom Wind weggefegt. Die See bricht übers Deck und reißt die anderen einfach mit sich. Wo sie ins Wasser stürzen, sieht man nicht.
Hinab in die Tiefe.

Vergleiche. Wie das Leben selbst.
Wo ist das Orakel geblieben, das man sich selbst prophezeit hat? Wo ist die Zukunft, die man einst sah? Und wieso ist da nur das Dunkel ferner Lichter, ferner Tage, die mit ihrem Halbschein nicht hindurch kommen?
42, 22, 12, oder 13, 33, 43? Zahlen voller Zeitreisen, in andere Leben, auch wenn das Gesicht ständig gleich aussah? Was bleibt vom Ich, wenn der Mittelpunkt abstirbt? Wenn das Herz sich bei jedem Schlag denkt: "Und jetzt?"

Paralysierte Ewigkeit in kleinen Schritten. Jason Bourne im vergeisterten Kopf, auf Abwegen zwischen Keller und Dachgeschoss. Jagend das Ich, durch alle Decks, alle Feuertreppen, hinauf zum Landeplatz. Aber es wird kein Hubschrauber kommen.
Das Ich allein. Mit klopfendem Herzen, mit Tränen im Auge. Im Wind der Nacht, der sich gerade zu einem Sturm aufspielt. Vielleicht hilft es, die Augen zusammenzubeißen.

Metaphern. Das Chrystal Meth der Zeichen. Hineininterpretierte Bilder, die nichts aussagen, außer für schizophrene Menschen, die nach Strohhälmen dürsten und nicht sehen, dass sie in der Wüste stehen und Sand trinken. Auf Gott vertrauen, auf Gott bauen. Sich von ihm leiten lassen, auch wenn man nicht alles versteht, wenn er einem die Hand gibt und hilft, dass man wieder auf eigenen Beinen stehen kann.

Gott. Demut. Wissen, dass es irgendwas da oben gibt, auch wenn es nicht erklärbar ist. Der Wandel des x-ten Noughts zu etwas Neuem, was auch nicht erklärbar ist. Der ureigene Klon im Original. Nur wieviele Arrestzellen sind im Keller für die anderen? Halten die Sperrriegel überhaupt, oder ist es ein offener Vollzug?
Fragen, die das Ich gerade nicht beantworten kann. Es sieht die Welt anders als seine Vorgänger. Eine frühreife, fast pubertäre Wut liegt ihm in den Genen. Da ist Zorn in den Reihen der Gefühle anzutreffen, gegen den die Demut nur schwer anzukommen vermag. Wie auch gegen das Jahr 2018 selbst, das als stark abfallende Kurve begann, seinen Tiefpunkt im Mai fand und danach langsam wieder seinen Weg nach oben fand.
Noch ist nicht alles wieder gut. Rosen schlingen sich wie ein Gürtel um die Brust und verhindern das freie Atmen. Das Ende wird dadurch nach hinten verschoben, hinein ins nächste Jahr, das bereits jetzt seinen jungfräulichen Charme verloren hat.

Was bleibt von der 42, der selbstherrlichen Antwort auf alle Fragen? Zeichen? Analogien? Vergleiche? Metaphern? Ein Sammelsurium aus Nichts?
Wahrscheinlich.
Wahrscheinlich nichts.

(...)

43 ...

D.


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Beitrag #310 |

RE: Literarisches Tagebuch
Ein Gesicht
Ist nur ein Gesicht

Bis du
Oder die Zeit

Ihm Bedeutung gebt


(I miss you)
Mit Frage der Woche:
Bin ich ein Klammeraffe

Weil mein Schatten auch nur ich selber bin.

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