Es ist: 30-10-2020, 20:24
Es ist: 30-10-2020, 20:24 Hallo, Gast! (Registrieren)


"Wer soll das verstehen?"
Beitrag #11 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Achwas, wieso solltest du als Lyrikhasser gelten?
Jeder hat eben seine Meinung und jeder hat andere Vorlieben.

Du solltest nur mit an Verallgemeinerungen aufpassen wie: ein Autor will etwas ausdrücken und will, dass der Leser genau das versteht.
Vielleicht bin ich ja seltsam, aber eben das muss nicht sein.
Natürlich stört es mich, wenn jemand total missinterpretiert im Sinne deines Beispiels mit dem Fisch.
Aber ich hatte schon viele Erlebnisse, wo Gedichte von mir anders interpretiert wurden, als von mir gedacht. Ich habe die Interpretation gelesen und dachte mir: hey, ja, eigentlich kann man das so sehen!

So lange alles schlüssig ist und am Gedicht belegt werden kann, super.
Es wird sowieso selten jemand ein Gedicht genau so verstehen, wie es der Autor meint. Sobald Metaphern auftauchen, verschwimmt das Verständnis - in der Essenz wird man es immer ähnlich interpretieren. Aber jeder verbindet eben mit einem Bild etwas anderes - für den einen ist das Meer Freiheit, für einen anderen Sehnsucht. Total themenfremd sind die beiden Bereiche nicht, aber hier gibt es Auffächerungen, Nuancen ...

Ich verstehe deine Bedenken, ich habe selbst schon Leute erlebt, die nicht wissen, was sie schreiben und andere interpretieren wild rum und man denkt sich: man bin ich toll. Es haben auch schon Leute einen Eimer rote Farbe über eine grüne Leinwand geschüttet und nennen es Kunst ...

Für micht drückt Lyrik in erster Linie Emotionen aus - die kommen bei meinen Lesers meistens an. Mehr will ich nicht. Wenn da die "äußeren Umstände" etwas anders interpretiert werden, why not? Da bekomme ich als Autor doch auch Dinge gezeigt, die ich so noch nicht gesehen habe - trotzdem kann ich bei meiner Interpretation bleiben.
Um auf das Gedicht von Rose Ausländer zurückzukommen: Ich glaube, die meisten haben es in die richtige Richtung interpretiert, aber ich bezweifle, dass irgendjemand das Gedicht so interpretiert hat, wie Rose Ausländer es gemeint hat - jeder hat seine eigenen Erfahrungen, eigenen Assoziationen. Das kommt bei Texten schon zum Tragen und in der Lyrik noch mehr ...

So, aufgrund von Zeitmangel breche ich hier ab ...

Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #12 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Hallo Phoenix!

Um meine Ansprüche an Prosa und Lyrik noch einmal zu unterscheiden und zu erklären: Da ich einen Prosatext (sagen wir mal sogar der Extremfall, ein Roman) lese wie ich wahrscheinlich auch rede, also sagen wir mal ungefähr in dem Tempo, will ich natürlich nicht, dass ich allzu lange darüber nachdenken muss, was gemeint ist.
Für ein Gedicht nehme ich mir direkt schon mehr Zeit, da es sich auf einer ganz anderen Ebene abspielt. Es geht um mehr als Unterhaltung - jedenfalls in den meisten Fällen und die decken sich mit meinem eigenen Anspruch, dass ich mit einem Gedicht nicht unterhalten, sondern mich ausdrücken möchte.
In der Prosa gibt es diesen Anspruch weniger. Man möchte erzählen, sehr oft auch unterhalten, manchmal auch zum Nachdenken anregen, aber selten kommt dieses Nachdenken direkt beim Beschäftigen mit dem Text, sondern wenn man den Text vollständig in seiner Ganzheit gelesen hat. Man "arbeitet" mit der Prosa weniger als mit der Lyrik.


Dann hast du noch gefragt, wo ich die Grenze zwischen einem hochmetaphorischen Gedicht und einem in Verse gepackten Stück Prosa ziehe.
Das ist natürlich vollkommen subjektives Ermessen. Das Gedicht von Rose Ausländer, das Zack gepostet hat, ist z.B. genau nach meinem Geschmack. Es verlangt Arbeit, bis man es verstanden hat, aber es versperrt sich einem nicht zu sehr.
Dann gibt es Dichter, die sehr offensichtlich schreiben, auch von der Sprache her. Mascha Kaléko ist da mein liebstes Beispiel für Icon_wink Das andere Extrem, die Gedichte, die sich dem Leser versperren, findet man beispielsweise bei Paul Celan, den ich auch sehr gern mag (wobei ich seine "Todesfuge" zwar als sehr metaphorisch einordnen, aber gleichzeitig auch sagen würde, dass sie gut verständlich ist, wenn man sich mal damit auseinandersetzt).
In Verse gepackte Prosa findest du auch oft bei Anfängern, die sich noch nicht trauen, zu reduzieren. Man braucht in der Lyrik keine vollständigen Sätze, um sich dem Leser verständlich zu machen! Das meine ich mit dem Ausdruck, den ich angebracht hatte.


Phoenix schrieb:Ich persönlich hasse nichts mehr, als wenn etwas, das ich geschrieben habe - bewusst geschrieben habe, um etwas bestimmtest zu sagen - falsch interpretiert wird. Falsch im Sinne von: Es entspricht nicht dem, was ich sagen wollte.

Diesem Dilemma wirst du wohl nie vollständig entgehen können. Es wird immer Leute geben, die einen Text nicht genauso interpretieren wie du es haben möchtest, dass es dem entspricht, was du sagen wolltest.
In der Prosa ist das schon eher möglich, da sie auch diesen Anspruch des Selbstausdrucks weniger hat. Wenn da steht "Peter isst nicht gerne Blumenkohl" kannst du nicht reininterpretieren, dass der Autor schwere psychische Probleme hat oder dass er im Krieg seine Frau verloren hat etc. etc. (Ist natürlich jetzt ein blödes Beispiel ^^)

Phoenix schrieb:Und da ist es meine Aufgabe als Autor dafür zu sorgen, dass der Inhalt, den ich dem Leser mitteilen möchte, auch bei ihm ankommt. Und das hat auch alles nichts mit Künstlertum zu tun. Es ist einfach eine Entscheidung, die man treffen kann oder auch nicht. Ich für meinen Teil möchte, wenn ich etwas sagen will, dass der Leser versteht, wovon ich rede. Es gibt eigentlich keine Texte, bei denen mir das egal ist. Vielleicht sagt man: Der Text ist frei interpretierbar - aber innerlich bettelt doch jeder, der etwas sagen möchte, (Unterstellung - gerne widerlegbar) danach: "Interpretiere den Text so, wie ich ihn meine!"

Das wäre bei meinen Gedichten ein Unding... Wie Zack schon sagte, ist es sogar recht spannend, zu sehen, was Leute ohne jegliches Hintergrundwissen darin lesen. Die meisten meiner Gedichte lassen sich z.B. auf oftmals banale Situationen zurückführen, nur die verrate ich natürlich nicht (da wär ich ja schön blöd Icon_wink ). Der Leser liest dann nur die Grundstimmung heraus oder das tragende Gefühl, mehr nicht. Aber das reicht doch auch schon.
Das mit dem Betteln kann ich daher leider überhaupt nicht unterschreiben...

Abschließend kann ich nur eines sagen:
Deine Ansicht ist okay und es ist deine Ansicht, so wie du sie auf deine Texte anwendest, aber nicht jeder hat eine ähnliche/die gleiche. Wir alle unterscheiden uns so sehr, dass man solch eine Diskussion wie hier wohl ewig weiterführen kann.
Zudem denke ich, da du v.a. in der Prosa beheimatet bist, es dir immer schwer fallen wird, ein Gedicht mit seiner Existenzberechtigung zu verstehen, ganz besonders ein Gedicht, dass sich nicht direkt entblößt.



Grüße,
Isola.



P.S.: Ach, mir ist noch was eingefallen. Totale Fehlinterpretationen sind mir übrigens noch nicht untergekommen Icon_wink


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Beitrag #13 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Hi ihr Beiden,

ich verstehe eure Ausführungen. Nicht das Erkennen beim Leser ist Sinn eurer Texte, sondern das Erwecken von Gefühlen, richtig?
So hatte ich das noch nie betrachtet. Obwohl ich experimente im Prosabereich in dieser Hinsicht getätigt habe - aber gezielt.
Wenn ihr Gefühle erwecken möchtet, dann zielt ihr doch auch auf ein bestimmtes Gefühl ab, oder ist es egal, was der Leser dabei fühlt, solange er nur irgendetwas fühlt?

Und ist das immer so? Oder gibt es auch Texte von euch, die auf etwas anderes abzielen als Gefühlserweckung?

Zum Vergleich mit dem Blumenkohl: der hinkt wirklich arg. Icon_wink Aber das macht nichts. Den Rest des Gesagten, kann ich nachvollziehen.

Dann kann ich meine Verallgemeinerung jetzt ohne Bedenken zurückziehen... sie war eh mehr ein Zugpferd. Icon_wink

Ich freue mich schon drauf, selbst Texte reinzustellen. Interessant ist, dass es bei mir eigentlich nie um Gefühle geht - so seltsam das klingt. Es geht mir immer darum, dass der Leser erkennt, worüber ich spreche. Ich habe da einige Texte (nicht viele), die ich gerne hier posten würde.


Liebe Grüße: Rorschach-Phoenix


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Beitrag #14 |

RE: Muss Lyrik klar und verständlich sein?
Mhm... Also bei mir geht es weniger noch darum, Gefühle zu wecken. Ich banne meine Gefühle eher aufs Papier. Das ruft beim Leser natürlich unweigerlich Gefühle hervor, im Idealfall genau das, was ich auch gefühlt habe (Trauer, Wut, Freude etc.) Icon_smile


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Beitrag #15 |

RE: "Wer soll das verstehen?"
Icon_shocked
...*mal ausgrab'...


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