Es ist: 07-10-2022, 01:34
Es ist: 07-10-2022, 01:34 Hallo, Gast! (Registrieren)


Chiral
Beitrag #1 |

Chiral
Vorbemerkungen:

"Chiral" ist etwas, wenn man es mit seinem Spiegelbild nicht in Deckung bringen kann ...
Die Story ist eine Parallelgeschichte zu Interstitiell ...



Chiral

(11.05.2008 / 30.05.2008)

Ian war der Inbegriff scharlachgrauer Einsamkeit.
Augen wie vertrocknetes Moos, niemals mehr suchend nach einem ehrlichen Lächeln. Zwei dunkle Ringe – Symbole jener Nächte, in denen Schlaf nie Gast war geschweige denn Freund, der seine kühle Hand lindernd auf verbranntes Herzfleisch senkte. Schwarzes Haar, so liebevoll aufs Haupt drapiert, dass es in Anpassung erstickte.
Ian lebte, ohne die Bedeutung dieses Seinszustands zu kennen. Sie war verloren gegangen, irgendwann in einer Zeit, an die er sich nur schemenhaft erinnern wollte. Aufblitzende Lichtmomente, verstorben neben unfassbarer Ablehnung, die sie ihm als Mahnmal in seine Erinnerung malte. Wie ein Bild, dessen Konturen längst verblasst waren. Doch nie verwischt.
Eine Säule kränkelnder Helligkeit fiel auf ihn wie ein unheilvolles Zeichen. Ian kniff die Augen zusammen und wandte sich um, sah die verzerrten Reflektionen leuchtend gelber Narzissen. Verschwommene Farbkleckse auf schwarzem Asphalt. Boten eines Frühlings, den er nicht ertragen wollte. Seine Blicke, halb verzweifelt, halb ermüdet, suchten nach der sicheren Mattigkeit graphitfarbener Pflastersteinkolonien, als farblose Schleier den Horizont verhüllten.

Im Augenwinkel das Bild eines jungen Mannes. Schütteres, buchrindenfarbiges Haar, das glanzlos über seine viel zu hohe Stirn fiel. Transparent überlagert vom trüben Widerschein der Außenwelt, gebrochen in bräunlichen Mustern. Ian spürte die Blicke des Fremden auf seinen Gedanken lasten – und starrte in ihr Gesicht. Schenkte der vorbeifahrenden Gestalt kein Bild seiner Augen, sondern versank in ihren eiskalten, himmelgrauen Iriden. Verfing sich in ihrem dunklen Reif.
Ein Ellbogen streifte seine Rippen und Ian wurde unsanft zurück in die kalten Gefilde der Realität geschleudert. Ein Tropfen verfing sich in seinem Haar. Aufkommender Wind umspielte seine Wangen und Ian erwachte – schlich davon. Ging den Weg, den er schon vor Minuten einschlagen wollte. Hinein ins Herz der Stadt.

Menschen glitten lautlos an ihm vorüber.
Wie Sandkörner, die von zitternden Fingerkuppen verdrängt wurden. Sie türmten sich neben ihm auf, verschmolzen zu einer hässlich bunten Masse, in die sich Ians Weg einkerbte. Eine hohle Sackgasse, die sich schmerzhaft ausformte. Jedwede Fluchtmöglichkeit mit auffällig formreichen Kleidern und erdfarbenen Stoffen ummauerten.
Doch Ian sah sie nicht. Er spürte nur unwirklich die schattenhaften Flanken, die ihn heimlich und unnachgiebig vorwärts drängten. Ihn durch Häuserschluchten zerrten und offene Winkel schoben. Kälte kroch wie der Duft ihrer Haut über seine Arme. Umschlang seinen Nacken, so dass Ian zusammenzuckte und den Kopf zur Seite warf.
Nichts. Nur sein zweifacher unförmiger Abglanz, in schwarzviolette Gläser gebannt. Umrahmt von blassen, knochigen Wangen und rotbraunem Haar, das in halb gelockten Strähnen über spitze Schultern fiel. Leidgezeichnete Knochen, die sich über ihre Lunge erhoben. Ian legte einen flüchtigen Blick in die Dunkelheit, die ihre Augen verbarg – sie vor dem Licht schützte, das unter einem grauen Wolkenbrei verschüttet lag.

Ian wandte sich ab.
Seine Schritte weiteten sich, seine Beine trugen ihn nun schneller. Weg von den Menschen, die ihm einer nach dem anderen allmählich viel zu nahe kamen. Hin zu den Schaufenstern, in denen nur leblose Puppen von Freude erzählten. Glaskästen, gespickt mit tausend Sinnlosigkeiten.
Zwischendrin verspiegeltes Glas, das Ian festhält. Er bleibt stehen, starrt das Wesen an, das ihm äußerlich bis aufs letzte Haar gleicht. Deutlich und unverkennbar fremd. Übersät von trägen Wassertropfen, die gewillt zu sein scheinen, ihrem Dasein ein Ende zu setzen und sich doch nicht lösen können. Wie Ian.
Erinnerungen brechen auf. In einem flüchtigen Moment der Vergangenheit entführt sie ihn in eine andere Dimension, aufgefaltet aus der Schnittebene ihrer Blicke. Zeitlos und unendlich wie ihre Zuneigung. Eine zarte Knospe, deren zukünftige Blüten prachtvolles Schimmern rückwärts in die damalige Gegenwart werfen. Ihre Fingerspitzen, die zwischen seinen tanzen.
Ihre warme Handfläche, an die Ian die seine hilflos presste. Eisigkalt. Nur sein Abglanz, eine zerplatzte Seifenblase. Augen, die Müdigkeit erbrachen. Blasse Lippen, die immer noch flehten: Geh nicht. Ein Körper, der dem seinen nicht mehr glich.
Ian war allein. Sein Spiegelbild eine überzeichnete Wirklichkeit. Nicht mehr passend, nicht zugehörig. Verloren. Ein Bild von vielen Bildern. Keine Drehung vermochte mehr, es mit ihm in Einklang zu bringen. Nun hatte Ian es gesehen – senkte den Blick und ging.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #2 |

RE: Chiral
Hallo Zack,
ich hab's bislang erst einmal gelesen - und fand das sehr anstrengend, von daher mach ich erst mal Pause Icon_smile
Warum anstrengend? - fragst Du vielleicht ...
Für meinen Geschmack sind zuviele Bilder, zu viele Adverbien und Adjektive darinnen, womit der Text überstrapaziert wirkt, wie überbläht. Dadurch wird er mir als Leserin 'entfremdet', ich finde, er erstirbt daran nahezu (okay, kann man sagen, passt ja auch zum Titel oder Kontekt); mir fällt schwer, Zugang zu ihm zu finden.
Okay, da ist ein evtl. schwer depressiver Protagonist, Ian, nicht sehr lebendig, wie ohne Herzklopfen und/oder ohne 2/3 Flüssigkeitsgehalt seines Körpers, der das irgendwann 'entdeckt' - aber sonst 'hab ich nicht viel Durchblick' Icon_smile.
Vielleicht bin ich aber auch schlecht konzentrationsfähig zur Zeit ?! Werde diesen Text demnächst nochmals lesen :D
Bis dahin
lieben Gruß
candida

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©


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Beitrag #3 |

RE: Chiral
Hallo candida,

ähm ja, zu viele Bilder und so? *lach*
Also ich finde den Text eigentlich sehr, naja, "einfach" geschrieben für meine Verhältnisse. Ich neige eigentlich dazu, mich noch wesentlich unverständlicher auszudrücken Mrgreen ...

Okay, da ist ein evtl. schwer depressiver Protagonist, Ian, nicht sehr lebendig, wie ohne Herzklopfen und/oder ohne 2/3 Flüssigkeitsgehalt seines Körpers, der das irgendwann 'entdeckt' - aber sonst 'hab ich nicht viel Durchblick'

Geile Interpretation, wirklich ^^... also der Text scheint wirklich nicht angekommen zu sein. Allerdings müsste ich ja den kompletten Text umändern, um ihn dir verständlicher zu machen und dann wäre es einfach nicht mehr mein Text ...

Und es gehört zum Text, dass er etwas entrückt geschrieben ist, distanziert, so wie Ian von sich selbst distanziert ist ...

Naja, trotzdem Danke für deinen Kommentar - mal gucken, ob jemand anderes mehr damit anfangen kann?
*immer noch grinsen muss wegen dem geringen Flüssigkeitsgehalt*

Grüße

- Zack

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Beitrag #4 |

RE: Chiral
Hallo Zack,

so, dann werde ich mich einmal an deinen Text versuchen. Danke für die Erklärung von Chiral, ich hab trotzdem nochmals gegoogelt und versteh es immer nur noch halb. Icon_smile

Ian war der Inbegriff scharlachgrauer Einsamkeit.
Also ich bemerke hier schon, dass du die Art wie du Lyrik schreibst, auch unter Prosa mischst. Bin gespannt, wie sich das verträgt.

Augen wie vertrocknetes Moos, niemals mehr suchend nach einem ehrlichen Lächeln. Zwei dunkle Ringe – Symbole jener Nächte, in denen Schlaf nie Gast war geschweige denn Freund, der seine kühle Hand lindernd auf verbranntes Herzfleisch senkte.
Sehr schön, sehr stark, viel Emotion. Man muss angestrengt lesen, wenn man verstehen und mitkommen will.

Schwarzes Haar, so liebevoll aufs Haupt drapiert, dass es in Anpassung erstickte.
Sehr gut! Gleichheit. Schwärze. Grau in Grau. Ein kleiner Satz, eine große Wirkung.

Wie Sandkörner, die von zitternden Fingerkuppen verdrängt wurden. Sie türmten sich neben ihm auf, verschmolzen zu einer hässlich bunten Masse, in die sich Ians Weg einkerbte. Eine Hohle Sackgasse, die sich schmerzhaft ausformte. Jedwede Fluchtmöglichkeit mit auffällig formreichen Kleidern und erdfarbenen Stoffen ummauerten.
Doch Ian sah sie nicht.

Sehen und doch nicht sehen. Ich finde in deinem Text eigentlich eine hohe Gesellschaftskritik, bzw. das Aufzeigen von einem Istzustand. Eine Masse in der gekämpft wird und verloren. Ian hat verloren, augenscheinlich sich selbst. Versunken und innerlich erstickt an Normalität.

Umschlang seinen Nacken, so dass Ian zusammenzuckte und den Kopf zur Seite warf.
~ Nacken, so, dass .....
~ Nacken, sodass ....
- bis jetzt habe ich es immer so verbessert. Da du aber eigentlich sehr gut in Rechtschreibung und Grammatik bist, frag ich mich freilich, was mit meinem Wissen hier falsch läuft.

Nichts. Nur sein zweifacher unförmiger Abglanz, in schwarzviolette Gläser gebannt. Umrahmt von blassen, knochigen Wangen und rotbraunem Haar, das in halb gelockten Strähnen über spitze Schultern fiel.
Hier meinst du glaube ich eine Spiegelung im Schaufenster.

Seine Schritte weiteten sich, seine Beine trugen ihn nun schneller.
Hier stört mich die Dopplung ein wenig, vor allem im Zusammenhang mit dem Satz.
*Seine Schritte weiteten sich, trugen ihn nun schneller.
- Seine Schritte, Seine Beine - beides drückt irgendwo, so wie du es hier schreibst, das gleiche aus. Ein Schritt der sich weitet wird automatisch schnelle, deshalb würde ich es besser finden, wenn du Beine einfach auslassen würdest.

Glaskästen, gespickt mit tausend Sinnlosigkeiten.
Das passt gut - wieder sehr schön. Im Vergleich zu dem was Ian fühlt, ist man glaub ich weiter darüber hinaus Materielles noch als Kostbarkeit anzusehen.

Zwischendrin verspiegeltes Glas, das Ian festhält. Er bleibt stehen, starrt das Wesen an, das ihm äußerlich bis aufs letzte Haar gleicht. Deutlich und unverkennbar fremd. Übersät von trägen Wassertropfen, die gewillt zu sein scheinen, ihrem Dasein ein Ende zu setzen und sich doch nicht lösen können. Wie Ian.
Auch wieder sehr schön. Besonders der hervorgehobene Teil gefällt mir sehr gut. So in dieser Art benutzt du kurze Sätze öfters, um kleine Wahrheiten anzubringen. Wahrheiten die nicht nur Ian betreffen, sonder sicherlich so manchen schnell an sich selbst erinnern können, bzw. einen zum nachdenken bewegen.

Ein Bild von vielen Bildern.
Hier mag ich das auch sehr gerne. Das Spiegelbild wird in dem Moment so belanglos wie der Rest, der um Ian herum stattfindet.

Nun hatte Ian es gesehen – senkte den Blick und ging.
Dieser letzte Satz überzeugt mich leider gar nicht. Er klingt für mich nach "jetzt möchte ich noch etwas erklären". Dabei braucht deine Geschichte das gar nicht, wobei ich auch finde, dass es nicht zur inneren Logik passt. Für mich ist Ian nicht der, der gerade erst erkennt, wie er in Massen untergeht. Er hetzt durch die Straße, verfolgt von Normalität, von sich selbst und dennoch, wenn er sich umdreht oder ein Spiegelbild ansieht, ist da nichts außer eine Hülle. Das, was übrig geblieben ist neben Schmerz und Verlust.
Deine Geschichte wirkt auf mich, vor allem mit diesem Schlusssatz, als wolltest du ihn hier verstehen lassen, dass er sich selbst in seinem Spiegelbild nicht findet und doch hatte ich von Anfang an genau das Gefühl, dass er es schon längst weiß. Nun, aber vielleicht drückt der Schluss auch einfach nur die letzte Erkenntnis aus, dass was er schon zuvor geahnt hatte.
Von der Umsetzung her gefällt es mir sehr gut. Für mich hast du etwas lyrisches beim Schreiben, jedenfalls in diese Geschichte. Du schreibst wirr und auf der anderen Seite sehr deutlich. Durch das verwandelt sich das Wirre in Wahrheit und passt irgendwie für mich perfekt zu dem, was passiert. Ein Text ohne großen "Aha - Effekt" aber mit sehr viel Emotion, Traurigkeit und nur wenig, bis gar keine Hoffnung. Schön, aber auch anstrengend zu lesen - trotzdem nicht unangenehm. Die Parallelgeschichte werde ich mir in der nächsten Zeit auch ansehen, vielleicht treffe ich Ian wieder. Mit hilfreichen Tipps kann ich nicht aufwarten, nur mit einem durchwegs stimmigen - "Hat mir gefallen". Icon_smile

Gerne gelesen,
Sternchen

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."
Vaclav Havel
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Beitrag #5 |

RE: Chiral
Hallo Sternchen,

erstmal vielen Dank für deinen Kommentar! Icon_smile

zu so dass: http://duden-suche.de/suche/artikel.php?...&verweis=1 - geht beides

Das mit Beine und Schritte schau ich mir nochmal an, bin selber unzufrieden da.

Also, mhm, ich denke, man versteht diesen Text anders, wenn man Interstitiell gelesen hat bzw. man weiß dann, wer der Mann ist Icon_wink
Und was mich wundert: hast du sie überlesen? *g* ... da stehen doch so oft Sätze mit "sie", z.B. als er in ihr Gesicht sieht oder am Ende: In einem flüchtigen Moment der Vergangenheit entführt sie ihn in eine andere Dimension, aufgefaltet aus der Schnittebene ihrer Blicke. ...

Ian lebt nich mehr wirklich, er hat eine wichtige Person verloren und ist gefangen in diesem Schockzustand nach der Trennung, in dieser Sinnlosigkeit. Dabei verändert er sich und am Ende sieht er es, merkt, dass er sich verloren hat in der Trauer, dass er nicht mehr der Ian ist, der er vorher war ... so war es zumindest angedacht.
Das kommt natürlich gar nicht raus, wenn man die dritte Person in der Geschichte nicht wahrnimmt. Aber stärker hervorheben wollte ich sie nicht. Und der letzte Satz ist mir wichtig, weil er zeigt, dass Ian etwas erkannt hat, aber er geht einfach ...

Danke auch für das viele Lob Icon_wink - freut mich, wenn dir die Art und Weise gefällt.

Liebe Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #6 |

RE: Chiral
Hey Zack!

Wo hast du nur immer all die schönen Wörter her?
Die Überschrift ist dir auf jeden Fall mal wieder sehr gut gelungen, kannte das Wort vorher nicht, aber jetzt liebe ich es und auch seine Bedeutung.

Die Geschichte war auch wieder sehr gut, sehr schön. Denke, man kann sie auch lesen, ohne "interstitiell" zu kennen. Ich habe das Lesen of jeden Fall wieder sehr genossen, deine Wortspiele und Bilder. Wie du so viele Facetten der Einsamkeit und stiller Verzweiflung malst und dazwischen dieser Mann und sie. Sie weit weg und doch viel zu nah. Und er hat gemerkt, dass er nicht zurück gehen kann, nie zurück gehen kann. Kann nur die alten Gedanken zurückempfinden, die Erinnerung fühlen und hoffe, dass das Gefühl reicht, das kleine Stückchen Alltagstod, bis er zum nächsten Mal aufwacht. Und dann in der Realität aufwacht, schmerzhaft. Aber wenigstens ist das Gefühl noch da.

Weiß nicht, ob ich alles richtig verstanden habe, aber das ist so in etwa meine Interpertation. Die Geschichte stimmt ein wenig traurig, weil da so viel verloren geht. Trotzdem ist sie einfach wunderschön, zum mitfühlen und mithoffen, zum mitfallen. Zwischen die Zeilen fallen, und dann spürt man eben die Traurigkeit, die über allem schwebt. Aber ich liebe solche Sachen eben.:icon_coolnew: Gerne gelesen, wieder ein gutes Beispiel dafür, dass du es weißt, mit Wörtern umzugehen. Bin immer wieder begeistert von denen Sätzen und Formulierungen.

Zitat:Seine Blicke, halb verzweifelt, halb ermüdet, suchten nach der sicheren Mattigkeit graphitfarbener Pflastersteinkolonien, als farblose Schleier den Horizont verhüllten.
Eine unwahrscheinlich schöne Beschreibung!:icon_thumbs1:
Zitat:Schenkte der vorbeifahrenden Gestalt kein Bild seiner Augen, sondern versank in ihren eiskalten, himmelgrauen Iriden. Verfing sich in ihrem dunklen Reif.
Auch total schön geschrieben! Wirklich großes Kompliment für die Geschichte!!

Liebe Grüße,
Lain

Schmetterlinge weinen nicht

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Beitrag #7 |

RE: Chiral
Hallo Zack,

Und was mich wundert: hast du sie überlesen? *g* ... da stehen doch so oft Sätze mit "sie", z.B. als er in ihr Gesicht sieht oder am Ende: In einem flüchtigen Moment der Vergangenheit entführt sie ihn in eine andere Dimension, aufgefaltet aus der Schnittebene ihrer Blicke. ...
So also nein, wirklich nicht. Ich gehe die Geschichte nochmals durch. Eine andere Person, eine "sie", hab ich überhaupt nicht wahrgenommen. Ich zeig dir einfach einmal auf, wie ich das "sie" verstanden habe.

Ian lebte ohne die Bedeutung dieses Seinszustands zu kennen. Sie ging verloren, irgendwann in einer Zeit, an die er sich nur schemenhaft erinnern wollte.
Sie - war hier für mich die Bedeutung.

Aufblitzende Lichtmomente, verstorben neben unfassbarer Ablehnung, die sie ihm als Mahnmal in seine Erinnerung malte.
immer noch Bedeutung.

Ian spürte die Blicke des Fremden auf seinen Gedanken lastend – und starrte in ihr Gesicht. Schenkte der vorbeifahrenden Gestalt kein Bild seiner Augen, sondern versank in ihren eiskalten, himmelgrauen Iriden. Verfing sich in ihrem dunklen Reif.
Jetzt, wo du es gesagt hast, kann ich mir vorstellen, dass du diese Stelle meinst, ... aber ohne deinen Hinweis habe ich das nicht herausgelesen. Es war für mich lyrisch zu sehen. Der erste Satz - in der Gesicht der Gedanken. Hört sich verdreht an, aber ich hab es so verstanden und es hat mir sogar gefallen. Icon_smile Zweiter Satz. Er schenkt der vorbeifahrenden Gestalt kein Bild seiner Augen, sondern versank gegenteilig in dem eiskalten, himmelgrauen Iriden der Gestalt. Für mich war das so eine Art nehmen ohne zu geben. Er verschenkt kein Bild an sie, aber versinkt selbst in den fremden Augen. - Vielleicht auf der Suche nach einem fremden Bild.

Wie Sandkörner, die von zitternden Fingerkuppen verdrängt wurden. Sie türmten sich neben ihm auf, verschmolzen zu einer hässlich bunten Masse, in die sich Ians Weg einkerbte.
Mit "Sie" kannst du hier glaub ich nur die Sandkörner meinen.

Nur sein zweifacher unförmiger Abglanz, in schwarzviolette Gläser gebannt. Umrahmt von blassen, knochigen Wangen und rotbraunem Haar, das in halb gelockten Strähnen über spitze Schultern fiel. Leidgezeichnete Knochen, die sich über ihre Lunge erhoben.
Das war für mich eine Spiegelung im Glaskasten. Seine Spiegelung. "Ihre Lunge" - hab ich auf die Knochen bezogen, wäre auch merkwürdig vom Klang aber hier hätte ich es als beabsichtigt empfunden.

Ian legte einen flüchtigen Blick in die Dunkelheit, die ihre Augen verbarg – sie vor dem Licht schützte, das unter einem grauen Wolkenbrei verschüttet lag.
Und das hab ich auf seine Spiegelung bezogen. Icon_smile

Erinnerungen brechen auf. In einem flüchtigen Moment der Vergangenheit entführt sie ihn in eine andere Dimension, aufgefaltet aus der Schnittebene ihrer Blicke.
Der obere Absatz war für mich wieder reflektionsbezogen. Die Spiegelung entführt ihn in ein andere Dimension, .... die Blicke somit als seine eigenen bedeutet, die fremd zu ihm durch das Glas sehen.

Zeitlos und unendlich wie ihre Zuneigung. Eine zarte Knospe, deren zukünftige Blüten prachtvolles Schimmern rückwärts in die damalige Gegenwart werfen.
Hier hatte ich im Text dann zum ersten mal eine Schwierigkeit, weil ich das hier, dadurch, dass ich die zweite Person nicht gesehen habe, nicht deuten konnte. Am Ende hab ich mich darauf geeinigt, dass du alles wieder auf die Spiegelung, hier auf die Wiedergabe seiner Vergangenheit spiegelst.

Ihre Fingerspitzen, die zwischen seinen tanzen.
Das war der Moment, wo Ian das Glas berührt. Seine Fingerspitzen, zwischen die der Gestalt seines Spiegelbildes.

Ihre warme Handfläche, an die Ian die seine hilflos presste. Eisigkalt.
Eisigkalt war das Glas. Die Wärme von der Vergangenheit, die am Glas bricht.

Nur sein Abglanz, eine zerplatzte Seifenblase. Augen, die Müdigkeit erbrachen. Blasse Lippen, die immer noch flehten: Geh nicht. Ein Körper, der dem seinen nicht mehr glich.
das "Selbstverlieren"

so, jetzt hab ich deine Geschichte aufgestückelt. Also so hatte ich es beim lesen empfunden, ohne vorher irgendetwas über den Text zu wissen. Ich bin also entweder sehr dämlich, oder phantasievoll. Icon_smile Aber es ist schon sehr interessant, wie schön und schnell etwas missverstanden werden kann. Ich hatte für jedes "ihre" und "sie" immer irgendwo eine Erklärung und sogar teilweise gewisse Textstellen mehrmals gelesen. Also es lag nicht daran, dass ich nur husch husch schnell gehetzt, sondern den Text von Grund auf falsch verstanden habe. Geschichte nun wiederholt gelesen und ich komme zu dem Entschluss, dass man doch beide Versionen daraus lesen könnte. Die Geschichte macht freilich mit ihrer Anwesenheit ein noch besseres und traurigeres Gesicht.

Liebe Grüße, Icon_smile
Sternchen

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Beitrag #8 |

RE: Chiral
Hallo Lain,

danke für deinen Kommentar - freut mich, dass dir die Story so gut gefällt Icon_smile

Mhm, viel mehr kann ich zu deinem Kommentar eigentlich gar nicht sagen ... deine Interpretation passt zur Geschichte. Insofern wüsste ich auch nichts zu erklären, darum nur nochmal ein riesengroßes:

Danke! Icon_smile

Grüße

- Zack

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Beitrag #9 |

RE: Chiral
Hallo Sternchen,

mhm, nicht bei jedem "sie" und "ihr" ist die dritte Person gemeint. Wenn das dazugehörende Verb im Singular steht, ist das ein Hinweis drauf, aber auch nicht jedes sie gehört dann zur Person.

Ich zeig dir mal die Stellen:

Aufblitzende Lichtmomente, verstorben neben unfassbarer Ablehnung, die sie ihm als Mahnmal in seine Erinnerung malte.

(kann man hier leicht "missinterpretieren", sie als Bedeutung sehen, aber ich dachte, dass sich das "sie" hier zumindest seltsam liest und man aufmerksam wird)

Ian spürte die Blicke des Fremden auf seinen Gedanken lastend – und starrte in ihr Gesicht. Schenkte der vorbeifahrenden Gestalt kein Bild seiner Augen, sondern versank in ihren eiskalten, himmelgrauen Iriden. Verfing sich in ihrem dunklen Reif.

Kann man auch missverstehen - aber rein technisch geht es gar nicht, dass da nur zwei Leute sind.
Wenn er dem Fremden kein Bild seiner Augen schenkt, kann er seine auch nicht sehen. Und wenn man Interstitiell gelesen hat, weiß man, wer die vorbeifahrende Gestalt ist und die hat keine himmelgrauen Augen.
Hier sind 3 Personen: Ian, ein Mann, der vorbeifährt, und sie. Sie ist aber nur imaginär da, als Erinnerung.

Nichts. Nur sein zweifacher unförmiger Abglanz, in schwarzviolette Gläser gebannt. Umrahmt von blassen, knochigen Wangen und rotbraunem Haar, das in halb gelockten Strähnen über spitze Schultern fiel. Leidgezeichnete Knochen, die sich über ihre Lunge erhoben. Ian legte einen flüchtigen Blick in die Dunkelheit, die ihre Augen verbarg – sie vor dem Licht schützte, das unter einem grauen Wolkenbrei verschüttet lag. ´

Hier kommt sogar eine vierte, unbedeutende Person ins Spiel. Zweifacher Abglanz, schwarzviolette Gläser - ich meinte hier eine Sonnenbrille. Ian irrt umher und bleibt an einem dürren Mädchen hängen, dass eine Sonnebrille trägt. Sie ist magersüchtig, sieht krank aus, aber Ian will sich nicht näher mit ihr beschäftigen, es ist ihm unangenehm, und doch versucht er einen flüchtigen Blick in ihre Augen zu erhaschen, was ihm nicht gelingt.

In einem flüchtigen Moment der Vergangenheit entführt sie ihn in eine andere Dimension, aufgefaltet aus der Schnittebene ihrer Blicke. Zeitlos und unendlich wie ihre Zuneigung. Eine zarte Knospe, deren zukünftige Blüten prachtvolles Schimmern rückwärts in die damalige Gegenwart werfen. Ihre Fingerspitzen, die zwischen seinen tanzen.
Ihre warme Handfläche, an die Ian die seine hilflos presste.


da ist wieder SIE - die Frau, die Ian verlassen hat, die er nicht vergessen kann. Ganz deutlich diesmal ...

Und am Ende erblickt Ian sein Spiegelbild deutlicher als je zuvor, bemerkt, dass er kränklich aussieht, dass sein Spiegelbild nicht mehr zu dem passt, was er mal war - ein attraktiver, junger Mann. Dass er sich gehen lässt und verkümmert.

Zugegeben ist das alles etwas viel verlangt vom Leser *mhm* ... aber ich wollte "sie" nicht noch mehr einbringen, sie sollte wie ein Schatten sein, der Ian begleitet. Ich wollte nicht irgendwo konkret erwähnen, was sie ihm angetan hat usw. ... das wäre mir zu melodramatisch gewesen.
Die Geschichte sollte etwas leises haben. Sätze, die irgendwie seltsam im Kontext wirken und über die man nachdenkt - eben, hä? wer ist "sie" denn jetzt?

Scheint mir nicht sonderlich gelungen zu sein.
Vielleicht versteht man mehr, wenn man Interstitiell kennt, wenn man weiß, wer die Person ist, die vorbeifährt und was diese Person gesehen hat.

Naja, mal schauen, ob es bei anderen besser rüberkommt *smile*

Danke dir trotzdem! Icon_smile

- Zack

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Beitrag #10 |

RE: Chiral
Hey Zack,

sicherlich wird es dir gut gelungen sein. Ich bin wohl was zweideutig und "leise" Texte angeht nicht so geschult. Vermutlich ebenso wie bei Lyrik. Also ich glaube nicht, dass es an dir und deinem Text lag. - Vermutlich sollte ich mehrere solcher Texte lesen. Ich lese ansonst eigentlich ziemlich eindeutige Dinge, wenn sich dann etwas so schleichend dazumischt bin ich vermutlich nicht gerade Sherlock. Icon_smile
Also mach dir wegen deiner Geschichte keinen Kopf. Vermutlich fehlt mir die Übung beim lesen solcher Texte - ich bin eine simpel gestrickte Seele. *grins*

Grüße,
Sternchen

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