Es ist: 18-01-2021, 01:30
Es ist: 18-01-2021, 01:30 Hallo, Gast! (Registrieren)


Literaturwissenschafliche Themen
Beitrag #1 |

Literaturwissenschafliche Themen
nachdem man mich ausdauernd genötigt und mir schlussendlich jegliche Möglichkeit zur Ausflucht genommen hat, stelle ich nun also diesen Thread aus dem alten Forum hier hinein - vielleicht trifft er ja auf Interesse Icon_wink


Hallo!! Endlich komm ich dazu, das zu realisieren, was ich schon seit Monaten machen will Icon_smile:
Diese neue "Reihe" soll euch die Welt der Literatur mal aus einer anderen Sicht näher bringen. Es soll eine wissenschaftlichere Herangehensweise sein, als die des einfach Lesenden oder Schreibenden - wenn man mehr über ein Thema erfährt, erkennt man auch selbst viele neue Aspekte daran und gerade als AutorIn ist es hochinteressant zu sehen, was die Wissenschaft zu dem sagt, was man da so produziert.
Ich hoffe, ich kann einige mal genau so von diesem Thema begeistern, wie ich begeistert wurde; Kommentare und Reaktionen gerne in diesen Thread.

1. Text, allgemein

Vorab: Im Gegensatz zu den Cultural Studies und der Soziologie, wo auch Bilder, Äußerungen, Zeichen etc. "Text" genannt werden, bezeichnet die Literaturwissenschaft einen Text ausschließlich als etwas Geschriebenes, das Bedeutung übermittelt.

a. Was ist ein Text? Das ist eine gute Frage. "Text" kommt von lat. textura, was soviel wie "Gewebe" bedeutet. Der Begriff an sich gibt schon einen relativ guten Einblick in das, was er ausdrückt: Ein Text ist etwas Zusammenhängendes, etwas, das aus gleichem Material (in diesem Falle Worte/ Buchstaben und alles, was sie umgibt) zusammengesetzt und zusammengewoben wurde, um eine Einheit zu bilden. Ein Text trägt aber auch Bedeutung (und selbst, wenn er beudeutungslos erscheint, kann er dadurch Bedeutung erlangen), die er dem Leser vermitteln will.
Ein Text ist darum eine Kommunikationseinheit, die sich aus Wissen und Inhalt zusammensetzt und sich im Großteil der Fälle durch innere Koherenz, also dem Zusammenhang, zu einem einzelnen Ganzen zusammensetzt. Ein Text muss dabei ganz und gar nicht literarisch sein; auch Gebrauchsanweisungen, Kochrezepte und Gesetze sind Text.

b. Woran erkenne ich einen Text? Es gibt keine Definition dafür, wieviele zusammenhängende Wörter, Sätze oder Absätze einen Text ausmachen. Wie bei so vielen Bereichen der Literatur kommt es größtenteils auf die Definition des Urhebers oder der publizierenden Mitwirkenden sowie auf das Layout an. Man wird also auf diese Frage keine absolut richtige Antwort finden können - im Gegenteil, sie wirft weitere Fragen auf: Ist alles, was in Absätze unterteilt ist ein Text? Ist alles, was schwarz gedruckt seitenfüllend auf A4 steht ein Text? Kann ein Text aus einem einzelnen Satz bestehen? Und macht nicht gerade das Kreative bei der Textentstehung eine genaue Definition unmöglich?

c. Wie kann ich zwischen Textarten unterscheiden? Meist geben Texte selbst Aufschluss darüber, welchem "Typ" sie zuzuteilen sind, indem sie typische Merkmale aufweisen. Gebrauchsanleitungen zum Beispiel zeichnen sich meist durch die Abwesenheit von Pronomen und der fast ausschließlichen Nutzung von Infinitiven aus ("Schraube A nehmen und in Loch 1 schrauben, dann mit Hammer Abdeckung vorsichtig festklopfen") - aber nicht nur.
Zu einem Text gehört auch alles, was den Text umgibt; z.B: die schematischen Zeichnungen des IKEA Bettes mit Pfeilen und unleserlichen Markierungen, das sichtbare Vorhandensein des selben Inhalts in fünf anderen Sprachen, die Art, wie die Anleitung betitelt ist, wie sie aufgebaut ist, etc.
Elemente, die nicht zum Text selbst gehören, aber Aufschluss über die gewünschte Interpretation geben (wie z.B. Titel oder Bezeichnung, Inhaltsangaben, Danksagungen, etc.), werden dabei als Paratexte bezeichnet. Diese Paratexte erleichtern uns eine Zuteilung des Textes zu der jeweiligen Textart. Sie werden, wie schon erwähnt, von der Autorin oder von den Publizierenden hinzugefügt.


--> Dikussionsansatz (für eine mögliche Fortsetzung):
Was ist für euch Literatur? Woran kann man einen literarischen Text erkennen? Bleibt eine Gebrauchsanleitung zwangsmäßig ein unliterarischer Text, egal, was ich damit mache oder richtet sich die Zuteilung eines Textes nach der Präsentation? Richtet sie sich nach der Interpretation?

Krawehl, Krawehl!
Taubtrüber Ginst am Musenhain!
trübtauber Hain am Musenginst!
Krawehl, Krawehl!


"Kunst ist nichts anderes als das Portrait einer Idee." Manfred Kröplein.

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Beitrag #2 |

RE: Literaturwissenschafliche Themen
Was ist Literatur? Alles, was geschrieben worden ist, um zu unterhalten, mit manchmal mehr und mit manchmal weniger Anspruch. Was gute und schlechte Literatur? Definiert jeder anders. Das ist sehr subjektiv!
Was ich mir manchmal wünschen würden, dass die Literaturwissenschaftler mal selbst schreiben würden, dann würden sie wahrscheinlich manches anders sehen.
Was ich mir wünschen würde, dass es mehr Querdenker gibt. Mir scheint es so zu sein, dass der Deutschunterricht an Schule viele abturnt, gerade Junge. Das liegt meiner Meinung nach an einer viel zu sehr großen Homogenität der Germanisten. Ich glaube, es würden viel mehr lesen, wenn für manche Geschmäcker mehr da wäre.

Was ebenfalls noch sehr nervig ist, ist die Tratschsucht der Germanisten. Man muss nicht erst die Lebensgeschichte des Autors kennen, um einen Text faszinierend zu finden oder auch nicht. Für gute Literatur gibt es kein richtiges und kein falsches Verstehen, sondern nur das subjektive Verständnis eines Textes.


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Beitrag #3 |

RE: Literaturwissenschafliche Themen
Gruß an die Familie,

obwohl ich dir in vielen Punkten zustimme, möcht ich dir doch auch in ein paar Punkten widersprechen - bzw. voreingenommen relativieren?

Jedenfalls zu deinem Wunsch, Literaturwissenschaftler mögen selbst schreiben, um ihre Materie besser zu verstehen: So ganz weiß ich das nicht einzuordnen. Zum einen glaube ich, dass du vielleicht Literaturkritiker mit Literaturwissenschaftlern verwechselst (wenn nicht, dann entschuldige ich mich), zum anderen möchte ich einwerfen, dass erstens die Literaturwissenschaft sich inzwischen fast ausschließlich mit dem Text als solchem befasst und dem Leser mehr Rechte einräumt als dem Autor (beschließt ein Autor, seinen Text zu publizieren oder auf andere Weise Lesern zugänglich zu machen, gibt er auch den letzten Rest von Kontrolle auf, die er über den Text und dessen Interpretation hat. Es gibt keine "richtigere" Art mehr, den Text zu interpretieren; jeder Leser wird den Text anders wieder ins Leben lesen. Der Autor als solches wird vollkommen unwichtig, vor allem, wenn man nach den [teilweise umstrittenen] Theorien geht, wonach es keine Originalität als solches mehr gibt, denn jeder Autor ist zumindest zu einem kleinen Teil von dem beeinflusst, wenn auch nur unbewusst, was er/ sie schon gelesen hat, was also schon einmal da war. Jeder neue Text ist, laut dieser Theorie, nur eine neue Art, alte Ideen zu präsentieren.) und zweitens das Schreiben das Brot des Literaturwissenschaftlers ist - er vergleicht Texte, deren Rezeption, Einfluss auf Sprachräume etc., zieht seine Schlüsse und muss gewissermaßen veröffentlichen; es gehört einerseits zu seinem Kodex als Wissenschaftler (neue Erkenntnisse und Theorien müssen veröffentlicht werden, damit alle damit arbeiten und sie weiterführen, verändern etc. können), andrerseits verdient er so sein Geld.

Was die Homogenität angeht, die du anschneidest und die deiner Meinung nach die Jungen vom Lesen abhält: Sie gehört in den Bereich der Kanonbildung. Ein Kanon bildet sich, laut Definition, immer dann, wenn eine Institution eine gewisse Bandbreite an Grundwissen an eine bestimmte Gruppe weitergeben will bzw. dieses Wissen voraussetzt. (als Beispiel seien - ganz offensichtlich - die Schulen gegeben, weiters zB die Recht sprechenden Institutionen [ohne ein gewisses Grundwissen und -verständnis kann hier nicht gearbeitet werden] etc.). Ob der Kanon als solches und seine Bildung nun positiv oder negativ gesehen werden sollen, darüber streiten sich die Geister und jeder hat seine eigene Meinung.
Wird es in unserer Gesellschaft nicht zB vorausgesetzt (oder zumindest erwartet), dass jemand, der eine höhere Allgemeinbildung genossen hat, (i.e. 12/13 Schuljahre hinter sich hat) weiß, wer Goethe ist, was er geschrieben hat und vielleicht auch noch woher der Spruch "Des Pudels Kern" kommt, zumindest aber "Faust" eindeutig einem Autor zuordnen kann und sich im Laufe seiner Pflichtlektüre die eine oder andere Meinung zu Autoren gebildet hat?
Dass man sich vielleicht mit wenig Begeisterung durch Goethes Reime geplagt, jeden auswendig gelernten Vers des Erlkönigs gehasst hat und mit Goethes Ansicht, seine Leser sollen eben "Lesen lernen", wenn sie seinen Werther falsch verstehen, überhaupt nicht zurecht kommt, zeigt vielleicht einige negative Seiten des Kanon auf, zeigt aber, dass der Kanon wenigstens die Grundlage dafür bildet, Meinung zu haben, sie mit anderen Mitstreitern zu teilen und sie vertreten zu können.
Doch wie gesagt, da scheiden sich die Geister.

Soweit als Reaktion,

lg
lu

Krawehl, Krawehl!
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Krawehl, Krawehl!


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Beitrag #4 |

RE: Literaturwissenschafliche Themen
Es geht mir beispielsweise um den Woyzeck von Büchner. Manche behaupten, er habe eine neue Art Theater geschaffen, aber ich glaube, dass das eher ein Hinweis auf seine Arbeitsweise war. Wenn man selbst schreibt, dann könnte man beispielsweise lernen, dass nicht jeder Autor chronologisch seine Geschichte schreibt, sie aber dann irgendwann doch in einen Zusammenhang bringt.

Natürlich bezieht sich jeder Autor auf vorgegangene Texte, aber doch nicht nur, die Zeit, in die er mit all seiner Politik, Erfindungen und so weiter lebt, prägt ihn auch, so wie auch seine Persönlichkeit.
Und ein großer Autor nimmt das alles auf und zaubert uns eine neue Sicht auf die Dinge.

Zur Schule: am schlimmsten ist doch die gemeinsame Interpretation, die alle versucht auf einen gemeinsamen Trichter zu bringen. Warum bietet man den Schülern nicht die Angfänger an und lässt sie selbst entscheiden, ob sie einen zusagen. Vielleicht werden sie nicht gleich: Ja schreien, aber vielleicht schreckt es sie nicht ab, es später im Leben zu lesen.

Wahrscheinlich liegt es auch an der Freudlosigkeit und der Humorlosigkeit im Deutschunterricht und den Sachbüchern, die ich gelesen habe. Ich weiß nicht, ob es andere schon fest gestellt haben. Die meisten deutschen Sachbücher sind ziemlich trocken zu lesen (Die Ausnahmen kenne ich auch). Bei den Amerikanern und den Angelsachsen habe ich kein Problem, die finde ich oft anregend und spannend. Letzter Zeit noch einmal "Blink" und "Tipple Point" von Gladwell gelesen, sehr interessant.


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