Es ist: 29-11-2020, 17:37
Es ist: 29-11-2020, 17:37 Hallo, Gast! (Registrieren)


Ahnung von Welt
Beitrag #1 |

Ahnung von Welt
Auf dem Tisch kaltes Hühnergebein
unter'm Stuhl Gasmaskenattrappe
gezinkte Karten, Falschmünzerei'n;

gestern Traum von dir mit Tarnkappe
aus Teer, Milch, Nesselsud;

heut' die Tür versiegelt mit Haaren
medusenhaft -
bald steigt die Flut!

Morgen üben, Atem zu halten.


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Beitrag #2 |

RE: Ahnung von Welt
Hallo poLet,

oh no!!! Wie kannst du in einem lyrischen Werk nur diese schrecklichen, abkürzenden Und-Sonderzeichen verwenden? Sorry, mir rollen sich gerade die Fußnägel hoch ...
Also unlyrischer geht es für mich nicht mehr Mrgreen ...

Ansonsten aber:

Erste Strophe klasse, liest sich toll, geniale Bilder, Kriegsstimmung - irgendwie lande ich schon wieder weit in der Vergangenheit, beim erster Weltkrieg (wegen den Gasmasken). Ist das eigentlich von dir auch so gedacht oder hat's mich viel zu weit zurückgeworfen? ...

Die erste Zeile der zweiten Strophe liest sich etwas seltsam ... mhm ... vielleicht weil "kappe" für mich nach einem Schildmützending vom Baseball klingt und bildlich nicht recht reinpassen mag ...
die zweite Zeile hingegen wäre hammer, wenn da nicht diese Dinger wären ... *sorry, ich find diese Zeichen wirklich furchtbar, Geschmäcker sind halt echt verschieden* ...

Dritte Strophe wieder sehr genial, versiegelt mit Haaren, medusenhaft. Sehr schön, gefällt mir echt gut! - bald steigt die Flut - das wäre eine wunderbare Stelle zum Aufhören. Denn der letzte Satz klingt wieder so angehängt (wie bei Landschaft 1). Er ist die Prise Salz zu viel, die die Suppe verdirbt. Zudem finde ich ihn ungeschickt formuliert.
Ist natürlich so eine Sache, vorzuschlagen, einen kompletten Satz wegzulassen - aber ist ja nur meine Meinung Icon_smile ...

Liebe Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #3 |

RE: Ahnung von Welt
Heja Zack -

verzeih mir, aber eine diskussion über '&' & 'und' führe ich nicht mehr!
Verstehe a) Deine aversion nicht & b) benutze ich es als...stilmittel!
Da bin ich so stur, wie ein stier nur sein kann! Icon_irre

"Gasmasken" finden sich auf jedem größeren flohmarkt. Nein, ich assoziiere damit keinen 1.WK'sbezug; es ist etwas überzeichnet gemeint: vermeintliche sicherung...& das noch als attrappe...-

"Tarnkappe" solltest Du als begriff nicht auseinandernehmen; mir ist die tarnkappe (hatte nicht Siegfried eine?...?) recht geläufig als dingens, das unsichtbar macht. So ist das auch gemeint! ... Beiläufig: wenn jeder baseballkappen trägt löst man sich auch in einer art unsichtbarkeit auf, in einer uniformierten masse. ...

Ok, wie gesagt, & bleibt einfach &.
Da wären wir wieder beim letzten satz:
Zack, Du hast ein talent, die stellen aufzuspüren, die in der urfassung noch anders waren. Warum habe ich das gedicht vorher editiert? -
Du hast recht!
Da ich noch weiß, wie er lautete, ändere ich ihn jetzt gleich!
(Zum vergleich: noch steht da "morgen üben, Luft anzuhalten" -)

Danke für Deinen kommentar & die kritischen & sehr positiven anmerkungen!
Gruß,
poLet


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Beitrag #4 |

RE: Ahnung von Welt
Hi poLet,
bist ja ganz schön aktiv hier im Lyrikatelier, da musste ich mir doch mal anschauen was du so schreibst.
Wie unter einem deiner Gedichte schon mal angemerkt wurde, schreibst du recht abstrakt, man muss viel nachdenken, die Bilder entwirren und verarbeiten.
Im allgemeinen bin ich kein Freund von solcher Lyrik, da ich Gedichte mit Empfindungen verbinden möchte und nicht mit der ewig langen Suche nach der Bedeutung hinter den Worten.
Zu den meisten deiner Gedichte finde ich daher keinen Zugang. Dieses hier hat mich allerdings gepackt. Ich weiß nicht warum, ob es an den Gegensätzen liegt, oder an der eigentümlichen Kombination von Worten in einer Strophe.
Zitat:Auf dem Tisch kaltes Hühnergebein
unterm Stuhl Gasmaskenattrappe
gezinkte Karten, Falschmünzerein

Ich gebe zu, so ganz begreife ich den Sinn hinter deinen Zeilen nicht, aber den Abschluss finde ich genial.

Zitat:morgen üben, Luft anzuhalten.
--> Das klingt in meinen Ohren so ironisch, witzig,
dass ich einen Mann vor mir sehe, der das echt in seinen Kalender schreibt.

Allgemein sehe ich hier einen etwas verqueren Geist, der Wahnvorstellungen vom Weltuntergang hat, Gasmasken unter dem Tisch versteckt und irre Träume durchlebt. Wahrscheinlich nimmt er sich jeden Tag etwas anderes vor. Heute übt er, wie man über den Boden robbt, Morgen wie man die Luft anhält und am Tag darauf, wie man eine Bombe aus Reinigungsmitteln bastelt Icon_wink

Auf abstruse Weise gerne gelesen
Adsartha

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

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Beitrag #5 |

RE: Ahnung von Welt
Hallo Adsartha -

freue mich, dass Du mal vorbeigeschaut & etwas hinterlassen hast!
"Im allgemeinen bin ich kein Freund von solcher Lyrik, da ich Gedichte mit Empfindungen verbinden möchte und nicht mit der ewig langen Suche nach der Bedeutung hinter den Worten" - verstehe.
Aber im grunde bist Du damit gar nicht so falsch unterwegs in meinem oevre; ich halte es für wesentlicher, wenn sich die bilder/metaphorik des textes mit den empfindungen des lesers verbinden, als wenn ein rein kognitives 'erkennen' stattfindet. (Darauf dürften die meisten meiner 'sachen' auch gar nicht zielen!)

Dennoch: wenn Du sagst, Du fändest oft keinen zugang, dann wird das so sein. Umso mehr freut mich eben auch Dein kommentar an dieser stelle, klingt er ja auch noch sehr positiv! Mrgreen

Zum 1.zitat: der sinn ist der unsinn; das bedeutsame (falls man davon sprechen will) ist eben das abstruse, absurde der aufgezählten dinge.
Eben dieses gefühl, das beim lesen auftaucht, bestimmt das ganze gedicht, darum gehts! -

Siehst Du, bei Dir klingt das ende, der letzte vers ironisch & witzig...das eben ist Deine lesart. Jemand anderem bleibt verbittert vielleicht etwas im hals stecken...aber so ist es nun mal: gedichte leben weiter in der einfühlung des lesers, & manchmal auch anders.
Deine sichtweise ist in sich schlüssig.
Hat mir gefallen, den kommentar zu lesen!

Gruß,
poLet


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Beitrag #6 |

RE: Ahnung von Welt
Moin poLet.

Wie Du unschwer erkennen kannst, bin ich ebenfalls zuständig für diese Rubrik geworden. Daher möchte ich meine extensive Lyrik-Kommentar-Karriere bei Dir beginnen - wenn es genehm ist.

'Ahnung von Welt' - mir viel fast nahtlos dabei ein, was ich gerne manchmal von mir gebe:
Die Wahrheit ist, dass niemand die ganze Wahrheit kennt.
Nunja, aus dem Munde eines Pseudo-Hobby-Prosaikers inmitten lyrischer Gestade recht merkwürdig, nicht wahr? Icon_wink Aber dennoch, der Titel bestach.

Anmerkungen:
1. Absatz
Zitat:Auf dem Tisch kaltes Hühnergebein
unterm Stuhl Gasmaskenattrappe
gezinkte Karten, Falschmünzerein
Nichts erscheint mir hier echt. Das kalte Hühnergebein kann seine Geschmacklichkeit nicht ausspielen, da kalt. Die Gasmaskenattrappen suggerieren Schutz. Ein Versprechen, dass sie nicht einhalten können. (Und auch nie konnten, da so konzipiert.)
Selbst die Karten (Synonym für Spiel?) und die Münzen (Synonym für Geld=Macht=seinen eigenen Lebensunterhalt sichern?) sind falsch.

2. Absatz:
Zitat:gestern Traum von dir mit Tarnkappe
aus Teer & Milch & Nesselsud
Der Traum erscheint mir eher wie ein 'Alptraum'. Das lyrische Du erscheint nicht wie ein Schreckgespenst, sondern in der Tat sehr bedrohlich. Die Komponenten, aus denen es sich zusammensetzt, erscheinen mir auch Synonyme zu sein. Teer in der ursprünglichen Bedeutung 'Harz' oder 'Holzteer' als schwarzes Blut der Bäume, weitergedacht zum dunklen Blut der Umwelt. Milch für das, was Säuglinge benötigen und Nesselsud als Gegenmittel zur Läuseplage. Ein sehr zwiespältiges Bild des lyrischen Dus, das Du hier zeichnest. Zudem erinnert es mich auch an Lucky-Luke-Comics, wo manchmal einer (oder alle) der Daltons auch gerne mal 'geteert und gefedert' wurden. Aufgrund der letzten Assoziation denke ich, kann man das lyrische Du auch so interpretieren:
Durch das eigene dunkle Blut der Natur verschmiert, mit Milch 'gefedert' - und dennoch aufgrund des Nesselsuds als bedrohlich einzustufen.
Zudem ist dort noch die Tarnkappe. Das lyrische Du ist also (meiner Meinung nach) meistens nicht sichtbar - nur dem lyrischen Ich erscheint es hier.

3. Absatz:
Zitat:heut die Tür versiegelt mit Haaren
medusenhaft - bald steigt die Flut
Frag mich nicht warum, aber hier dachte ich:
Das lyrische Ich wird von Verzweiflung gepackt, reißt sich die Haare raus, überlegt, was man damit tun kann und versiegelt die Tür. In dem Fall müssten die Haare schon etwas haben, was die Bedrohung aufhält. Die Genetik vielleicht? Wenn man den Gedanken weiterspinnt:
Man kann ja auch Menschen aus (Bart)haaren klonen, daher überlege ich, ob jedes dieser Haare auch für Mitstreiter/Menschen stehen könnten, die jedoch nicht da sind, um die Flut (aus Milch und Teer?) aufzuhalten.

4. Absatz:
Zitat:morgen üben, Atem zu halten.
Die letzte Zeile lässt mich meine Überlegungen zum 3. Absatz überdenken. Scheinbar sind die Haare tatsächlich ausgerissen, der Wahnsinn hat sie als Siegel benutzt, damit die Flut des Unsinns abgehalten wird. Unsinn, der sich in Form des lyrischen Dus präsentiert. Letztendlich ist die Bedrohung immer da, bricht aber nicht aus, sondern wirkt nur durch ihre Existenz, die derart unsinnig ist, dass das lyrische Ich bereits daran denkt, morgen den Atem anhalten zu üben. (Eine Steigerung zum Haare-verkleben des Heutes?)

Fazit:
Was ich an Gedichten generell schwierig finde, ist der breite Spielraum an Interpretationen aufgrund weniger Worte. Da ich ahne, dass Du mit einem Gedanken/einer Ahnung begonnen hast, argwöhne ich, dass dies eine Art Gefühl zum Zeitpunkt der Entstehung darstellt.
Trotzdem lese ich Themen der Gegenwart heraus, wie beispielsweise die (in meinen Augen) übertriebene Sicherheit vor Krankheiten/Katastrophen/etc. Allerdings sind die Themen im Auge des lyrischen Ichs wahnsinnig-machend. Anstelle eines (prognostizierten/erwarteten) Ausbruchs, vegetiert das Ich weiter in seiner Haltung. Insgesam gesehen ein nachdenklichmachendes Stück Lyrik.

Da ich zu Metrum/Metren oder anderen lyrischen Eigenheiten/Techniken nichts sagen kann, schweige ich.

LGD.


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Beitrag #7 |

RE: Ahnung von Welt
Ja mensch, Dreadnoughts, Du?

Ich heiße Dich herzlich willkommen und hoffe, Du fühlst Dich wohl in diesen gefilden!Icon_wink
Es ist mir eine besondere ehre mit einem meiner texte, Deine zuständigkeit unterstützen zu können!
Zitat:Die Wahrheit ist, dass niemand die ganze Wahrheit kennt.
Dito, ich glaube auch lyriker geben Dir recht. Zusatz:
"...deshalb sollte man an 'Wahrheiten' zweifeln."

Nu:
Du hast den 'wohlgemeinten' und bemerkenswerten versuch unternommen,
"Ahnung von Welt" für Dich zu deuten.
Bitte entschuldige, dass ich Deine deutung relativ unerwidert so stehen lasse,
da ich es einfach auch nicht mehr genau nachvollziehen kann, was warum wo steht und wozu irgendetwas so und nicht anders geschrieben wurde...aber ich möchte Deine zeile
Zitat:Da ich ahne, dass Du mit einem Gedanken/einer Ahnung begonnen hast, argwöhne ich, dass dies eine Art Gefühl zum Zeitpunkt der Entstehung darstellt.
Trotzdem lese ich Themen der Gegenwart heraus
in genau diesem sinne werten und erklären, dass wir irgendwie konform gehen.

Diese abstrakten bilder und szenen und requisiten bedürfen keiner eigentlichen übersetzung, sie fokussieren einerseits im titel, andererseits in dem schlussvers. Klar könnte jemand widerlich freches erwidern:
dann lösche doch den rest dazwischen, aber das wäre wiederum für den charakter des gesamten ein verlust, wie zumindest ich meine!

Vielleicht offenbaren sich hier psychische abgründe, paranoide gedanken, ein LyrIch, ein LyrDu, umgeben von chaos und unzurechnungsfähigkeiten,
falschheiten, lügen, attrappen...eine sehnsucht nach 'echtheit', die man nur in biologischen gefälligkeiten wie 'atmen' finden oder zumindest erahnen kann?!?

Mach Dir keinen kopp!
Hat mich gefreut,
bestes,
poLet


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Beitrag #8 |

RE: Ahnung von Welt
So Zack,

eben gerade wieder gelesen, auch Deinen 1. Kommentar, und endlich geändert.
Neue Zeichen gesetzt!

Danke!
poLet


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