Es ist: 27-02-2020, 10:02
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Frühes Leid
Beitrag #1 |

Frühes Leid
Frühes Leid

ein Fragment

(die Geschichte wurde auf dem Dachboden meines Hauses aufgefunden. Einige Blätter fehlten. Vielleicht stammt sie von meinem Großvater. Es gibt daher immer wieder Lücken zwischen den Erzählabschnitten)

Der Schulgong gellte, sein verlogener Dreiklang stieg auf und ab, präzis, gleichmäßig, Harmonie vortäuschend. Die Schüler drängten sich durch die engen Pforten des Gymnasiums, eines grauen Betongebäudes, das vor zwei Jahrzehnten nach dem schmalen Geldbeutel einer mitteldeutschen Kleinstadt erbaut worden war. Melanie Vogt ging beschwerlich mit zwei Krücken. Ihr rechtes Bein steckte in Metallschienen, denn schon vor Monaten war sie wegen eines bösartigen Knochentumors in einer nahegelegenen Universitätsklinik operiert worden. Und nun mußten die beiden verbliebenen gesunden Knochenstücke zusammenwachsen. Während dieser Zeit, die dem Mädchen übermenschliche Geduld abverlangte, konnte sie sich zunächst nur im Rollstuhl und dann mit Hilfe der Krücken fortbewegen.


- (Lücke)



Vor dem Aufzug kramte sie, die beiden Krükken mit einer Hand haltend, umständlich den Schlüssel aus der Hosentasche, öffnete die Aufzugstür, betrat die Kabine, steckte den Schlüssel ins Schloß, drehte ihn mühsam, - er ging schwer - wollte mit der anderen Hand, nachdem sie die Krücken zur Seite gelehnt hatte, den Etagenknopf drücken, da geschah das Malheur. Sie rutschte aus und wäre rücklings gefallen, mit dem Kreuz wohl auf die andere Wand der engen Aufzugskabine bös hingeschlagen, wäre nicht der junge Mathe-Lehrer, Herr Kemmler, zufällig auch im Aufzug gewesen. Sie fiel ihm in die Arme, die dieser schützend um sie breitete. Schlimmeres konnte so vermieden werden. Das schadhafte Bein war nicht verdreht worden und Melanie konnte sich, unter der stützenden Hilfe des jungen Lehrers, wieder hochziehen und aufrichten.
Sie seufzte schwer. "Gerade nochmal gutgegangen! Vielen Dank auch."
"Keine Ursache, Melanie," ein leichtes Lächeln spielte um seine Lippen, "hoffentlich wirst du bald wieder gesund."
"In einem halben Jahr, sagen die Ärzte."
"Oh, das ist noch lang. Da ist ja schon das Abi gelaufen."
"Wenn es mir in Mathe reicht. Sie wissen, Differential und Funktionsgleichungen rauben mir den Schlaf."
"Ein hübsches Mädchen sollte vorm Einschlafen an anderes denken..."
Herr Kemmler half Melanie aus dem Aufzug und geleitete sie ins Klassenzimmer. Neidvoll blickten die Mitschülerinnen, denn der junge Lehrer war der Schwarm aller Mädchen. Und niemand hätte dafür die Hand ins Feuer legen können, ob er nicht schon das Werben der einen oder anderen gönnerhaft erhört hatte. Dieser junge Mann war vom Leben verwöhnt, ein Schönling, ein Adonis, ein Paradiesvogel im Gedankenquadrat jungweiblicher Phantasien. Und er genoß seine Vorzugsstellung, ohne darüber recht glücklich zu sein. Denn wahres Glück erlebt der heranwachsende Mann in der Liebe nur, wenn sie ihn Kampf kostet, wenn er dabei Siegestrophäen erringen kann.
Und insgesheim hatten die anderen Mitschülerinnen wohl Grund zur Eifersucht, denn ihr Gespür ließ sie eine kaum wahrnehmbare Veränderung bemerken, die sich wie ein hauchdünner Gazeschleier über Melanie und Herrn Kemmler gelegt hatte. Herr Kemmler hatte, beim Auffangen Melanies, das pulsierende Leben dieses Mädchens gefühlt, das verzweifelte Ringen ihrer Seele um Glück und die wohlriechende Gesundheit ihrer Jugend, die der Behinderung des einen operierten Beines spottete. Es mag wohl sein, daß seine Hand beim Erfassen und Halten des Oberkörpers die feste Brust gestreift hatte, welche bei dieser Fremdberührung erschauerte und sich aufrichtete. Es mag wohl sein, daß in sein Auge ein dunkler Blick gedrungen war, der wie aus einem tiefen Brunnen von Melanies Seele aufstieg und von namenlosem Leid und grenzenloser Hoffnung kündete. Es mag wohl sein, daß er das spontane Gefühl, welches augenblicklich in ihm aufloderte, als Mitleid mißverstand. Tatsache war indessen, daß er das scharfe Salz echter Empfindung gerochen hatte, und daß er von diesem starken Geschmack sofort abhängig wurde und davon immer mehr begehrte.
In Melanie selbst hatte sich, ohne daß sie es wollte, eine ähnliche Wandlung vollzogen. Sie hatte die männliche Brust gespürt, die sie vor bösem Fall bewahrte. Und sie, die vormals immer mit ihrem Geschick gehadert hatte, war nun dem Himmel für ihr Leiden dankbar. Sie pries Gott dafür, daß er sie hatte straucheln und in die Arme dieses jungen Mannes hatte fallen lassen. Denn das Arom des jungen Lehrers speiste ihre Seele mit frischer Lebenskraft. Und ohne es bewußt zu steuern, versandten ihre Augen bei jeder Gelegenheit werbende Blicke zu ihrem Angebeteten. Und raffiniert schlug sie die Augen nieder, wenn sie sich von Herrn Kemmler ertappt fühlte.


- (Lücke)




Bei der Rückgabe der nächsten Arbeit - es war die letzte vor dem bevorstehenden schriftlichen Abitur - nutzte der junge Lehrer auch flugs die sich ihm bietende Gelegenheit, um mit Melanie in ein persönliches Gespräch zu kommen.
"Melanie, was machst du auch! Die Arbeit ist total mißlungen! Nicht den Ansatz einer richtigen Lösung hast du erkannt. Wie soll das weitergehen.?"
Melanie schaute zu ihm auf, ihr Blick glänzte.
"Ich begreifs nicht. Und wenn ich die Aufgaben im Unterricht kapiert habe, so kann ich die neuen in der Arbeit nicht lösen."
Die beiden waren allein im Klassenzimmer, die andern waren schon in die Pause hinuntergegangen.
"Soll ich dir helfen? Ich könnte dir Nachhilfe geben. - Umsonst. - Ich möchte haben, daß du im Abitur Erfolg hast."
Herrn Kemmlers Stimme zitterte. Er fühlte wohl, was er wollte und wonach es ihn drängte.
"Wenn Sie das für mich tun würden, ..." Melanie senkte ihren Blick und trocknete mit einem Taschentuch die Tränen, die sich auf ihren Wangen gesammelt hatten.
"Ich hol dich heute nachmittag ab, und wir machen eine Stunde bei mir. Einverstanden?"
Damit waren Amors Pfeile abgeschossen und staken tief in den Herzen dieser beiden jungen Menschen. Beelzebub hatte Gelegenheit gemacht, die Bedenken ihres Gewissen mit wohlmeinenden Vorwänden umnebelt.
Am Nachmittag parkte Herr Kemmler zur ausgemachten Zeit seinen kleinen Peugeot vor dem Altbau in der oberen Schillergasse, wo Melanie Vogt in einer billigen Dachgeschoßwohnung mit ihren Eltern wohnte. Sie stand schon bereit, als Herr Kemmler klingelte. Mit fliegenden Schritten war er die drei Etagen hinaufgeeilt und streckte ihr zum Gruß beide Arme entgegen. Wegen ihres Gebrechens ließ sie sich wiederum in seine Arme fallen.
"Schön, daß Sie kommen!"
"Schön, daß ich Dich sehe und Du mitgehst!"
Mehr konnten und wollten sie nicht sagen, denn sie fühlten beide die große Verlegenheit, die wie eine graue Wolke ihre Vorsicht einschläferte. Herr Kemmler führte Melanie vorsichtig die Treppen hinunter, hielt mit der anderen Hand die Krücken und achtete darauf, daß das geschiente Bein nirgends ungeschickt anstieß. Bevor er sie in sein Auto hob, sandte er prüfende Blicke in beide Richtungen, denn er wollte nicht von Passanten beobachtet werden.
Rasch fuhren sie in die Vorstadt, wo die elegante Wohnung des jungen Lehreres lag. Wie Melanie in dem großen komfortablen Wohnzimmer Platz genommen hatte, überflutete sie ein Gefühl von Freiheit und angenehmem Leben. Hier war Sonne, Wohlstand und unkontrolliertes Alleinsein! Sehr sachlich, denn Sachlichkeit ist der beste Helfer in allen Verlegenheitssituationen, begann Herr Kemmler die Nachhilfe. Er erklärte zunächst die Aufgaben der mißlungenen Arbeit, sprach vom Integral, den Integralfunktionen und erklärte den Hauptsatz der Differentialrechnung. Beim Erklären der Keplerschen Faßregel mußte Melanie ob des komischen Namens herzlich lachen. Aber sehr ernsthaft sagte ihr junger Mentor, daß diese Themen eine tragende Bedeutung bei der Lösung vieler realer Probleme hätten, und daß man in der Industrie und auch allgemein im praktischen Leben immer wieder Flächeninhalte und Rauminhalte von Drehkörpern berechnen müßte.
Und so hörte Melanie ernsthaft zu, wie er von Exponentialfunktionen redete, von der Eulerschen Zahl e, Schaubilder zeichnete, den natürlichen Logarithmus erläuterte und schließlich das Gespräch auf Wachstums- und Zerfallsprozesse lenkte. Das alles sei Abiturstoff für den Grundkurs Mathematik. Melanie hatte angestrengt zugehört, ohne viel zu verstehen. Ihre Augen hatten sich geweitet, aber bei den letzten Worten hatten sie sich wieder mit einem Tränenschleier überzogen. Er nahm ihre Traurigkeit erschrocken wahr.
"Was ist Melanie?
- Nichts hab ich begriffen.
- Aber Du darfst deshalb nicht den Mut verlieren. Ich erklärs gern nochmal.
- Schau Dir mein Bein an, da siehst Du genug Wachstums- und Zerfallsprozesse."
Und nun schluchzte Melanie verzweifelt auf. Er nahm sie in die Arme, und, kaum daß sie sich dessen versehen, lagen ihre Lippen aufeinander. Seine geübten Hände erkundeten den jungen Körper des Mädchens und fanden, was sie finden wollten. Melanie stieß ihn mit erzwungener Kraft von sich. Doch eigentlich ersehnte sie seine zärtliche Berührung. Denn diese schien ihr jene Würde zurückzugeben, welche der Knochentumor ihr grausam genommen hatte. Von diesem schönen Junglehrer geliebt zu werden, war für sie wie eine Bestätigung ihres Mädchenranges.
"Komm, laß schauen, wo Dein Bein krankt!
- Hier, die Schienen, paß auf, daß sie nicht verklemmen.
- Komm, ich streichle Dir die Wundstelle.
- Nein, der Verband muß zubleiben, sonst bricht der Knochen wieder auseinander."
Herr Kemmler hatte mit großer Behutsamkeit ihr weites Hosenbein hochgeschoben, und ließ seine muskulöse Hand sorgfältig über den weißen Verband gleiten.
"Das wird bald wieder gut. Bald kannst Du wieder zum Schwimmen gehen und zum Tanzen. Du wirst eine der Schönsten sein unter Deinem Jahrgang. Glaube mir."
Langsam und eindringlich hatte er ihr diese Worte ins Ohr gesagt und immer wiederholt, während sich ihr Lockenkopf in stoßartigen Weinkrämpfen schüttelte. Für Herrn Kemmler bildete diese Situation eine ganz neue Erfahrung. Hier ging es nicht nur um Liebe im alltäglichen Sinne, wie er sie als begehrter Ausgehpartner so leicht und ohne Aufwand erringen konnte. Hier konnte er eine gebrochene Seele aufrichten. Hier wurde seine Zuwendung plötzlich wertvoll. Seine eigene Annehmlichkeit war nicht nur mehr unverdientes Naturgeschenk, sondern ließ sich sinnvoll einsetzen. Und so entsprachen seine Worte, die schon so oft über seine Lippen gekommen waren, diesmal einer höheren und wirklicheren Wahrheit.
"Melanie, ich hab Dich lieb.
- Ich Dich auch."



(Lücke)



Sie indessen schwamm im Glück, im Glück der erhörten Frau. Er half ihr, sich anzukleiden und strich ihre Bluse glatt. Dann saßen sie noch minutenlang nebeneinander und schauten sich unverwandt an.
"Jochen, Du hast mir heute mein Selbstbewußtsein zurückgegeben. Sei ohne Sorg, morgen bist Du für mich wieder Herr Kemmler."
Die Abendsonne sandte bereits rote Strahlen über die Schwarzwaldberge, als Herr Kemmler Melanie wieder in der oberen Schillergasse absetzte.
"Tschüs, und vielen Dank für die Nachhilfe!
- Bis morgen."
In den kommenden Tagen und Wochen begegneten sich Herr Kemmler und Melanie mit verhaltener Distanz. Sie wichen einander aus und suchten doch unauffällig den Blickkontakt miteinander. Melanie sagte, wie versprochen, weiterhin "Sie" zu ihrem Lehrer, und er behandelte sie mit erzwungener Zurückhaltung, die wegen ihres Gespieltseins schon wieder auffallen mußte. Manfred und Peter, die beiden Mitschüler aus der ersten Bank, witzelten, stets zu lustigen Worten aufgelegt.
"Wenn die Melanie den Kemmler weiterhin so schneidet, fällt ihm sein Kamm vom Kopf.
- Dann werden die übrigen Hennen auch nicht mehr so nach ihm gackern."
Julia sprach eines Morgens Melanie auf dem Pausenhof an:
"Hast du was gegen unsern Mathelehrer? Du bist so ganz anders zu ihm?
- Ach, wenn du wüßtest..." antwortete sie, sich abwendend.



- (Lücke)




Am Morgen des schriftlichen Abiturs versammelten sich alle Abiturienten vor der Aula, nervös und erwartungsfroh. Wie sie dann an den Tischen Platz genommen hatten, hielt der Direktor, Herr Serenus Grossmuck, mit heiser-dünner Stimme eine salbungsvolle Rede, die Optimismus und Autorität in sich vereinen sollte, aber in den entscheidenden Punkten doch gehörig mißlang. Dann wurden die Aufgabenbögen von den Mathematiklehrern verteilt. Aufmerksame Zuschauer glaubten ein heftiges Flüstern zwischen Herrn Kemmler und Melanie gehört zu haben, als dieser ihr das Aufgabenblatt übergab. Doch mochte diese Wahrnehmung auch nur Einbildung gewesen sein, denn Herr Kemmler war schon mit behenden Schritten weitergeeilt und stand auch schon wieder neben seinem Chef, vorn an der Theaterrampe. Serenus Grossmuck deutete mit knöchernen Fingern auf die weiße Tafel, auf der die Abgabezeit vermerkt war, und ließ noch einmal geharnischte Blicke über die Versammlung gleiten, bevor er den aufsichtsführenden Lehrern das Feld überließ.
Melanie war mit den Aufgaben allein. Irgendeine Funktion sollte hergeleitet, dann eine Kugelberechnung nach ihr vorgenommen werden. Die Teile der Aufgabe waren logisch voneinander abhängig. Wie in einem Labyrinth mußte man den richtigen Lösungseinstieg finden, sonst waren alle weiteren Wege versperrt. Sie suchte krampfhaft in ihrem Gedächtnis die Ratschläge, die sie von ihrem Lehrer erhalten hatte. Aber umsonst. Es blieb dunkel in der ohnedies kleinen Gedächtniskammer, die in ihrem Verstand für das Fach Mathematik eingerichtet war. Keine Erleuchtung kam. Dafür füllten sich andere Gedächtniskammern umso mehr mit Leben. Sie fühlte wieder seine ruhige Hand, die sie berührt hatte, und sie spürte wieder jenes Frohlocken, jenen Stolz junger Frauen. Daneben wurde mit vorrückendem Stundenzeiger die Prüfungssituation immer aussichtsloser. Sie notierte einige Rechenansätze auf dem Prüfungsbogen, versuchte auch aufs Geratewohl eine Funktionskurve zu zeichnen und fühlte aber doch, daß sich nirgendwo ein logischer Zusammenhang ergab. Schließlich gab sie, mutlos und verzweifelt, ihr Blatt ab und ging ins Freie.



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Herr Kemmler machte sich augenblicklich an die Korrektur der Aufgaben seiner Abitursklasse, und selbstverständlich zuerst an die seiner Lieblingsschülerin. Entsetzt starrte er auf den Prüfungsbogen Melanies, welcher in der ihm so wohlbekannten Schrift nur abstrusen Unsinn darbot. Ihn erfaßte tiefes Grauen. Er verfiel nach geraumer Zeit innern Zweifelns und Leidens auf eine wahrhaft kriminelle Idee. Mit Bleistift, Füller und Geodreieck schickte er sich an, die Arbeit zu frisieren, Lösungen geradezubiegen, zu ergänzen, im Konzeptteil anzufügen, und erreichte nach anfänglich umständlichem Bemühen mit der Zeit wirklich eine erstaunliche Gewandtheit in der Nachahmung von Melanies Schrift. Wie er nach einigen Stunden das Resultat seiner Arbeit begutachtete, empfand er eine diebische Freude und betrachtete mit hämischem Schmunzeln das vortrefflich gelungene Falsifikat.


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Kurze Zeit nach der schriftlichen Prüfung vermehrten sich in den Medien, in Presse und Fernsehen, kritische Äußerungen über die schwere Aufgabenstellung im Fach Mathematik. Nicht nur an dieser Schule gab es Leistungseinbrüche, erhebliche Differenzen zwischen den Anmeldenoten und dem Ergebnis der Abiturprüfung, sondern auch an vielen anderen Schulen des Landes. Politiker der Oppostionsfraktion, aber auch Landeselternbeirat und Schülervertretungen meldeten öffentlich ihren Protest an. Zielscheibe der Kritik war der Hauptverantwortliche, ein junger Kultusminister, den der clevere Landesvater aus einer anderen Provinz in seine Landesregierung geholt hatte. Es mehrten sich die Stimmen, die eine Wiederholung der Mathematik-Prüfung forderten, doch prallten sie an der Unnachgiebigkeit dieses rhetorisch scharf bewaffneten Herrn ab.
Schließlich zeichneten bei der Behörde mehrere Lösungsmodelle ab, um die landesweiten Proteste einzudämmen und die rebellischen Gemüter wieder zu besänftigen. Man wolle den Schülern anbieten die Prüfung zu wiederholen, wenn, ja wenn die Ergebnisse im Klassendurchschnitt erheblich von der Anmeldung differierten. Es kam nach dem Ablauf des dreifachen Korrekturverfahrens eine Befragung an den Gymnasien in Gang. Man mußte den Schülern mitteilen, wie die Klasse abgeschnitten hatte, und ob die Differenz groß genug sei, damit eine Wiederholung angeboten werden könne. Als Herr Kemmler vor seiner Klasse stand und die Prüfungsergebnisse bekannt gab, standen ihm Schweißperlen auf der Stirn.
"Es reicht nicht! Tut mir leid, es reicht nicht. Nur 0,8 Punkte unter dem Anmeldeschnitt reichen nicht. Ihr ward zwar schlechter als sonst, aber nicht schlecht genug. Euer Abitur gilt. Tut mir leid."
Die Schüler richteten bohrende Blicke auf ihren Lehrer. Wie denn die einzelnen abgeschnitten hätten, wollten sie nun wissen. Und Herr Kemmler verlas, wie ihm unter diesen Umständen von der Behörde ausdrücklich erlaubt war, die Ergebnisse der Schüler. Melanie hatte eine Zwei. Nach Bekanntgabe dieser Note herrschte Totenstille im Klassenzimmer. Nur das Surren einer Fliege hörte man am Fenster.



- (Lücke)




"Entweder machst Du Meldung beim Chef über den Betrug, oder wir lynchen dich."
Diese Worte fanden ihren Widerhall in drohenden Bemerkungen von allen Seiten, in dem Sinne, daß sie ihre gerechten Notenansprüche nicht irgendeiner Liebelei opfern würden, und daß schon alle immer gesehen hätten, wie Kemmler sie als Schätzchen schonte und verhätschelte. Melanie fühlte den Druck und die Bedrohung und begann schließlich zu weinen.
"Ich weiß nicht, was er gemacht hat. - Ich hab nichts lösen können. - Ja, er liebt mich, ich lieb ihn auch. Laßt doch von mir ab. Seid doch nicht so gemein."
"Entweder machst Du Meldung, oder wir brechen dir alle Knochen, einschließlich der Metallschienen."


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Frank und Manfred reichten ihr von beiden Seiten die Krücken und drückten sie ihr in die Hand. Matthias und Peter hoben die sich sträubende Melanie von hinten hoch und stießen sie vorwärts. Sie konnte nicht anders als den Weg über die Gänge zum Aufzug einschlagen. Mit rot angelaufenem Gesicht stand sie im Sekretariat. Einige Schüler waren schon vorausgegangen und hatten ihr Kommen bei Oberstudiendirektor Grossmuck angemeldet. Dieser stand mit erhobenen Zornesfalten bereits im Türrahmen seines Allerheiligsten.


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Die Unterredung war damit abgeschlossen. Die beiden Schuldigen verließen den Raum mit gesenktem Kopf. Beide waren zu erregt, als daß es zu einem klärenden Gespräch hätte kommen können. Melanie wurde von ihren sogenannten Kameraden wieder in Empfang genommen und ins Klassenzimmer zurückgebracht. In der Klasse wurde der Vorgang als ein Sieg der Gerechtigkeit gefeiert. In Wirklichkeit freuten sich alle nur über die besseren Mathenoten, die nun in Aussicht standen.
Melanie war verzweifelt. Sie fühlte wieder Jochens Hand auf ihrem Körper. Sie dachte daran, wie er ihr Selbstbewußtsein als Mädchen wieder aufgerichtet hatte. Mit einem Mal ward ihr bewußt, daß ihr Schicksal, ihre Behinderung und Krankheit, wie ein Drache das Glück eines jungen lebensfrohen Menschen aufgefressen hatte. Sie sah Herrn Kemmler, vom Dienst entlassen, finanziell ruiniert, als verschmutzten Gammler am Stadtrand, sein Gesicht vom Straßenstaub bedeckt, die Zähne gelbgeworden und von Essensresten aus Abfallkübeln verschmutzt. Melanie war verzweifelt. Sie weinte in sich hinein, so voller Bitternis, daß niemand ihre inneren Tränen sehen konnte, die wie Tropfen heißen Siegellacks ihre Seele verbrannten.
Am Tag darauf gingen zwei Schreckensmeldungen durch die Schule. Melanie Vogt hatte sich mit einer Überdosis an Schlaftabletten das Leben genommen. Beim morgendlichen Wecken hatte ihre Mutter die Leiche entdeckt. Auf dem Nachttisch lag ein Abschiedsbrief, einige auf ein Notizblatt eilig hingeworfene Zeilen, besagend, daß ihr, Melanie, schon zum zweiten Mal die Monatsregel ausgeblieben sei und sie für sich keine Zukunft mehr sehe und auch mit der Schuld nicht leben könne, Jochens Zukunft vernichtet zu haben. Auch Jochen Kemmler war nicht in die Schule gekommen. Als die Polizei seine Wohnung aufbrach, fand man ihn auf der Wohnzimmercouch liegend, mit zerschossenem Schädel, inmitten einer Lache von verkrustetem Blut. Einen Tag später verbreitete die Presse die Nachricht, daß der Kultusminister unter dem Druck der öffentlichen Kritik angeordnet habe, alle Noten der Grundkursarbeiten in Mathematik landesweit um einen Punkt anzuheben. Oberstudiendirektor Grossmuck hielt eine salbungsvolle Ansprache, die in der Warnung an die Jugend gipfelte, sich vom unmoralischen Bazillus, der so viele junge Leute befallen habe, nicht anstecken zu lassen.
"Tut eure Pflicht, bleibt sauber und rein, folgt den Gesetzen eures Staates, dann kann euer Leben nicht fehlgehen." Der Schülerchor sang unter der Leitung des spindeldürren Musiklehrers den Spiritual "Nobody knows the trouble I've seen". Hinter dichtem Gewölk verbreitete die Morgensonne milchiges Weiß.


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