Es ist: 27-02-2020, 10:20
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Verzweiflung
Beitrag #1 |

Verzweiflung
Verzweiflung

Kurzgeschichte von
Hans Werner


Der Abendsonne lichte Strahlen fluteten langsam über die Schwarzwaldberge. Dr. Seybold, im Dienst ergrauter Oberstudienrat des örtlichen Gymnasiums, sog die milde Luft langsam in sich ein und atmete kräftig durch. Er war so lebensfroh, obwohl alt und krank. Sein Herz wollte nicht mehr so richtig, auch die Lungenfunktion hatte in der letzten Zeit nachgelassen. Die Ärzte, die sich ereiferten, eine Krankheit nach der anderen in ihm zu entdecken, hatten ihm verraten, dass die Sauerstoffsättigung in seinem Blut nicht mehr den erwünschten Normen entspreche. Übrigens würden auch seine Zuckerwerte zu wünschen übrig lassen. Mit einem Wort, er sei rundherum krank, und dabei fühlte er sich rundherum gesund. Nur meinte er, dass sich das Alter doch auch langsam bemerkbar machte, und diese Erkenntnis überzog sein Gemüt zuweilen mit einem hauchdünnen Grauschleier.
Am schlimmsten war aber, dass er sich von seiner Frau, Mechthilde, beherrscht fühlte. Nicht nur, dass ihm seit vielen Jahren das gemeinsame Ehelager verschlossen blieb. Daran hatte er sich längst gewöhnt. Es war nun aber so, dass er immer wieder spürte, wie er sich gegenüber seiner Frau im Gespräch nicht mehr durchsetzen konnte. Oft glaubte er, eine vernünftige Meinung zu haben, die sich wohl begründen ließe, aber dann prallten seine Worte an den dominanten Blicken seiner Frau ab. Er zog sich dann immer in ein Schneckenhaus zurück und war über seine erniedrigende Rolle tief unglücklich. Aber in sich fühlte er nicht mehr die Kraft, daran etwas zu ändern.
Neulich war es vorgekommen, dass ihn Mechthilde plötzlich anherrschte:
„ Du hast zu mir gesagt: Halt Gosch. Das lass ich mir nicht gefallen.“
Er erwiderte darauf, dass er sich nicht entsinnen könne, diese Worte ihr, seiner Frau gegenüber, gebraucht zu haben.
Sie indessen beharrte darauf, diese Worte ganz deutlich gehört zu haben. Darauf begann ein peinliches Bemühen, den Gesprächsablauf in allen Phasen von Reden und Antworten zu rekonstruieren. Er ließ sich auf diese Arbeit ein, so gewissenhaft er konnte, aber es war ihm beim besten Willen nicht möglich, den Zeitpunkt in seinem Gedächtnis zu bestimmen, in dem er diese von seiner Frau gerügten Worte über seine Lippen gebracht haben sollte. Er beteuerte nachdrücklich, diese Worte ihr gegenüber nicht gebraucht zu haben. Sie sah ihn darauf scharf an und sagte wiederholt:
„Du weißt also gar nicht mehr, was Du gesagt hast. Ist es bei Dir also bald schon so wie bei der Oma?“
Man muss wissen, dass seine Mutter an Demenz erkrankt war, noch bevor sie ihr hohes Alter von neunzig Jahren erreicht hatte. Dr. Seybold dachte nun tatsächlich mit großem Unbehagen an jene Jahre zurück, in denen seine Mutter tatsächlich nicht mehr wusste, was man ihr kurz zuvor gesagt hatte. Sollte es mit ihm nun auch schon so weit gekommen sein? Das konnte und wollte er nicht glauben.
Dann fing er an, sich die Situation noch einmal zurechtzulegen. Was war passiert?
Im Nachbargrundstück arbeitete gerade ein Baggerführer am Erdaushub für die Anbringung einer neuen Garage. Ein fünfzehnjähriger Junge half ihm dabei. Seine Frau hatte zu ihm gesagt: das ist ja einer deiner Schüler. Dr. Seybold hatte darauf den Jungen aufmerksam betrachtet. Wohl kannte er das Gesicht. Aber es war ihm tatsächlich nicht möglich zu sagen, wann genau er den Jungen unterrichtet hatte. Nun muss man wissen, dass er im letzten Jahr sieben Musikklassen zu einstündigem Unterricht pro Woche zugewiesen bekommen hatte. Und in dieser kurzen Zeit war es ihm bei bestem Willen nicht möglich gewesen, sich die Namen der Schüler einzuprägen. Insgeheim musste Dr. Seybold seiner Frau Recht geben. Von einem Lehrer sollte man erwarten können, dass er seine Schüler nach einigen Wochen alle namentlich kennt. Oft saß er bei der Übernahme neuer Klassen vor seinem Notenbuch und lernte die Schülernamen wie Vokabeln auswendig. Aber bei dem Schüler, um den es sich hier handelte, muss man dazusagen, dass er sich in der fraglichen Zeit nicht ein einziges Mal mündlich zu Wort gemeldet hatte. Kurzum, Dr. Seybold konnte sich an den Namen einfach nicht erinnern. „Letztes Halbjahr hast Du ihn unterrichtet, und daran kannst du dich nicht erinnern?“. Seine Frau sagte das mit Zornesfalten im Gesicht. „Peinlich ist das, nichts als peinlich.“
Und wie sie ihm dann immer weiter Vorhaltungen gemacht hatte, solle er gesagt haben „Halt Gosch!“, was ein schwäbischer Kraftausdruck war, der dem andern in roher Weise bedeutete, er solle den Mund halten. Ihm war nun klar, dass ihm, dem gebürtigen Schwaben, diese Worte fast wie eine Sehnsuchtsbefreiung auf den Lippen gelegen haben mochten, aber dass er sie tatsächlich gesagt haben sollte, daran konnte er sich einfach nicht erinnern. Und deshalb wollte er es auch nicht zugeben.
„Du weißt es wohl, was Du gesagt hast.“ Seine Frau sah ihn streng an. Und er fühlte sich wie ein Schulbub, der nun drauf und dran war, sich über die Bank beugen zu müssen und strenge Schläge auf seinen exponierten Hintern zu beziehen. Er fühlte sich so erniedrigt. Und alles würgte ihm im Hals. Er konnte sich, obwohl er es wollte, nicht mehr verteidigen. Der Abend verlief im Sande, die Verlegenheitsworte fielen wie Kieselsteine in einen Wassertopf, in brodelndes Brunnenwasser, Schmelztiegel künftiger Verzweiflung. Sie glotzten in den Fernsehapparat, ohne miteinander noch ein Wort zu reden. Dann gingen sie zu Bett, ein jedes für sich, wie schon seit vielen Jahren.
Hätte er Zyankali zu Hause gehabt, er hätte es genommen. Das Leben gab ihm keine Freude mehr. Gar zu gerne hätte er es weggeworfen. Er dachte an seine Kinder, die nun schon erwachsen waren und versuchen mussten, sich ihr eigenes Leben einzurichten. Dann richtete er an Gott ein verzweifeltes Stoßgebet, und sagte zu Ihm: „Schau, da bin ich nun allein. Ich bin allein. Ich weiß mir nicht zu helfen. Ich möchte es immer recht machen, aber diese Frau beherrscht mich und ich kann mich ihrer nicht erwehren. Fliehen möchte ich vor ihr, zu jener anderen, von der ich weiß, dass sie mich liebt, so wie ich bin. Aber ich fühle, dass ich die Kraft zu einem solchen Neuanfang nicht mehr in mir aufbringe. Lieber Gott, hilf mir. Ich bin so allein.“
Dann begab er sich an seinen Computer und sah die Literaturforen durch, in denen er seit vielen Monaten seine Geschichten veröffentlicht hatte. Danach schlüpfte er unter die Decken und fiel in einen unruhigen Schlaf. Am andern Morgen wachte er auf und wusste, dass das gleiche Leben wieder von vorne beginnen würde. Die Sonne schien durchs Fenster und kitzelte ihm Augen und Nase.


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Beitrag #2 |

RE: Verzweiflung
Hallo Hans Werner,

toll! Du hast einen Moment dargestellt, der Trostlosigkeit vermittelt. Du wolltest wohl auch nicht mehr darstellen. Das ist legitim. Ich hätte mir einen Ansatz von Perspektive gewünscht. Der fast scheue Verweis auf eine andere Frau, sehr spät gesetzt, geht unter in Verzweiflung. Wäre das nicht ein Ansatzpunkt? Ich würde von ihr mehr erfahren wollen, gleichgültig, wie sich diese Geschichte weiter entwickelt.

Es gibt auch einige kleine Fehlerchen. Ich verzichte, sie anzuführen, denn Du wirst sie beim nächsten Lesen mit Sicherheit selbst finden. Und - aus der Sache mehr zu machen, lohnt sich das für Dich?

Gern gelesen, spannend gefunden.

Gruß kbusc


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Beitrag #3 |

RE: Verzweiflung
Hallo Kbusc,

für Deine freundliche Zuschrift möchte ich mich sehr herzlich bedanken. Es ist eine meiner neuesten Geschichten, und ich habe sie in einem Zuge niedergeschrieben. Es ist in der Tat ein Ausschnitt aus dem Leben, vielleicht sogar nur ein Ausschnitt aus einem Lebenstag. Die hohe Verdichtung von Verzweiflung, wie sie sich an einem Tag zuspitzen kann, ist nach meinen Erfahrungen und Erkenntnissen durchaus realistisch. Eine Möglichkeit, mit ihr fertig zu werden, ist die Objektivierung in der Sprache. Es geht also um die Darstellung von der Verzweiflung selbst, einer Verzweiflung, die aus einem nichtigen Anlass heraus entstehen kann. Die alte Erkenntnis vom "Sich-frei-schreiben" trifft hier wohl zu. Denn der Protagonist, der Erzähler, würde nach der Erzählung nie und nimmer Gift nehmen. Dafür ist er ein zu starker Freund des glühenden Lebens. Die Perspektive, von der Du sprichst, kann in der Geschichte nicht darin liegen, dass der Erzähler irgendeine andere Verbindung aufnimmt, zum Beispiel zu der erwähnten anderen Frau, sondern die Perspektive liegt in der Überwindung der depressiven Lebensstimmung.

Viele Grüße

Hans Werner


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