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Sommer 08: Verwirklichung (von AngelOfShadow)
Beitrag #1 |

Sommer 08: Verwirklichung (von AngelOfShadow)
(Meine Muse, meine Muse ...)

(19.10.1888)

Ein finsterer Keller, zwei metallische Tische, mehrere Regale mit Büchern, Instrumenten und Schürzen, die vor den alten Wänden standen. In der Mitte des ergrauten Bodens ein verstopfter Abfluss, zu dem sich mehrere rote, vertrocknete Linien scheinbar hinschlängelten, die unter den Tischen ihren Anfang genommen hatten. Mehrere Fliegen, die im Raum umherschwirrten und sich über den ausgetrockneten Flüssen zu einem dichten summenden Pulk vereinigten.
Ein älterer Mann, Anfang dreißig, lange buschige Koteletten, seufzte, rückte mit dem Handrücken seine Brille zurecht, bevor der den Feudel an die Wand lehnte und vor das kleine, offene Fenster trat.
Er rieb sich das trockene Blut von den Händen an seinem weißen Kittel ab, während er den Schreien eines Jungen lauschte, der mit Zeitungen unter den Armen durch die Straße lief und reißerisch die Schlagzeilen der Titelseite verkündete.
„Doktor Openshaw?“
Er drehte sich um und sah sich einem elegant gekleideten Mann im besten Zwirn gegenüber. Hohe Stirn, dünnes Haar, ebenfalls eine Barttracht, die jedoch nicht das Kinn einschloss.
„Ich muss verneinen. Ich bin Doktor Noughts - Doktor Openshaw ist zur Zeit aushäusig, Mister ...?“
Der Elegante lächelte.
„Abberline.“
„Ah, Inspector! Was kann ich für die London Metropolitan Police tun?“
„Haben sie einen Moment Zeit für mich?“
Doktor Noughts lächelte und deutete auf die leeren Tische.
„Zum Glück für sie habe ich heute keine weiteren Patienten mehr.“
Der Inspector griff in seine Tasche und holte ein Tuch hervor.
„Verzeihen sie mir“, entschuldigte sich Abberline und hielt sich den Stoff vor die Nase, während er einige Fliegen verscheuchte, „aber an diesen Geruch werde ich mich nie gewöhnen.“
Doktor Noughts schmunzelte.
„Und dabei bin ich gerade dabei, diesem Raum seine Eleganz wiederzugeben.“
„Ich argwöhne, dass dies ein hoffnungsloses Unterfangen ist, Doktor.“
„Oh, wir können gerne tauschen. Sie obduzieren die Leichen und ich analysiere den neuen Brief.“
Die Augen des Inspectors weiteten sich.
„Woher wissen sie davon?“
Noughts lachte und zeigte auf das Fenster.
„Seit den frühen Morgenstunden rennt der kleine Junge dort draußen vor meinem Fenster auf und ab und schreit die Schlagzeilen durch das ganze Viertel.“
„Scheinbar habe ich heute zulange dem Schlaf gefrönt ...“, sagte Abberline, griff in seine Jacke und zog einen Brief heraus. „Hier – vielleicht können sie damit etwas anfangen.“
„Lassen sie mal sehen.“
„Mister Lusk von der Bürgermiliz bekam das Schriftstück – und ein kleines Geschenk“, sagte Abberline während der Doktor gebannt auf den Titel schaute.
From Hell ...“, las Noughts, schwieg dann und überflog den Text.
„Der Brief wurde bereits am 16. des Monats zugestellt, und am Vortage abgestempelt“, sagte der Inspector, während er versuchte, nicht mehr auf die Tische und das Blut auf dem Boden zu starren. Stattdessen ließ er seinen Blick den Fliegen hinterher durch den Raum schweifen.
Noughts ließ schließlich den Brief sinken und sah Abberline mit einer Mischung aus Wut und Verwunderung an.
„Dieser Bastard hat eine Niere mitgeschickt?“
Der Inspector nickte.
„Makaber - ich weiß, Doktor. Wenn sie die Freundlichkeit hätten herauszufinden, ob das fragliche Organ zu einem der letzten Opfer passt, wäre ihnen die Metropolitan Police zu großem Dank verpflichtet.“
Der Doktor nickte.
„Ich werde mich alsbald darum kümmern – momentan scheint ja Ruhe eingekehrt zu sein in East End.“
„Wir bezweifeln, dass das so bleibt – das Organ wird ihnen heute im Laufe des Tages zugestellt“, meinte Abberline und wollte sich erleichtert zur Tür drehen, um endlich diesem Gestank zu entkommen.
„Inspector?“
„Ja, Doktor?
„Ich ... nun ja, vielleicht hätten sie die Güte, mir einen Moment ihrer Zeit zu schenken?“
Abberline seufzte.
„Quit pro Quo, Doktor. Worum geht es?“
Noughts zog eine Karte aus dem blutig weißen Kittel.
„Ich habe gestern ebenfalls Post bekommen ...“ meinte der Doktor, fügte allerdings hastig ein „Es hat nichts mit den Morden zu tun“ hinzu, als er der Inspector seine Augen erstaunt aufriss, „Nur weiß ich leider nicht, von wem sie sein könnte.“
„Doktor – ich kann momentan noch nicht mal den Absender meines Briefes ermitteln ...“
„Ich bin sicher, dass ihnen etwas einfällt ...“
„Lassen sie mal sehen“, seufzte Abberline, nahm die Karte und betrachtete sie kritisch. Auf der Vorderseite war ein Bild einer Brücke zu erkennen, darüber stand als Überschrift in Druckbuchstaben „Verwirklichung“ – darunter:

Verwirklichung ist das Synonym für eine Brücke. Eine Brücke, die wir bauen, um einem Traum den Weg in die Realität zu ebnen, doch die Brücke erhält nur Gestalt, wenn wir bereit und offen sind, zu träumen und genug Mut zeigen, sie zu überqueren ...
Auf der Rückseite stand handschriftlich geschrieben:
Werter Dreadnoughts,
bekannter Bilderschreiber aus dem World Wide Web, mit dieser Karte möchte ich dir ganz herzliche Sommergrüße übermitteln.
Alfred Polgar sagte einmal:

Lebenskünstler ist,
wer seinen Sommer so erlebt,
dass er ihm noch den Winter wärmt.
Also fang dir alle möglichen Sonnenstrahlen ein, auf dass auch dein Winter sonnig bleibt. Nebst sommerlichen Grüßen sende ich dir noch viele Erfolgswünsche für die ausstehenden Prüfungen -> du packst die! Zuversichtliche Grüße aus Literatopia. :-)


„Nun, was sagen sie?“
Abberline betrachtete die unterschiedliche Schriftfarben auf der Rückseite, drehte die Karte gegen das Licht und besah sich den Poststempel.
„Nun Doktor, haben sie irgendwelche Kollegen in Deutschland?“
„Am Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin. Einige wenige ...“
„Freunde?“
„Ich bin Pathologe – nein.“
„Eine verflossene Geliebte?“
„Sir?“
Abberline grinste.
„Eine weibliche Handschrift. Durch die unterschiedlichen Schriftfarben kommt das Zitat von Alfred Polgar sehr gut zur Geltung. Eingeworfen wurde die Karte in Münster. Durch die Brücke könnte auch eine Verbindung gemeint sein, die jenseits der körperlichen Liebe liegt ... Sagen sie, Doktor, sind sie in ihrer Freizeit künstlerisch tätig?“
„Ich verfasse gerne Murks – ja.“
„Ich denke, es handelt sich um eine geistig verwandte Seele. Vielleicht eine ausländische Korrespondentin, die ihre Werke nicht als Murks ansieht. Besondere Bedeutung erhält das Bild der Brücke auf der Vorderseite.“
„Danke Inspector.“
Abberline lächelte.
„Wenn alles mal so einfach wäre ...“

Icon_wink Ich tippe auf Angel, da wir die Thematik der Brücke einmal hatten. Nur habe ich keine Ahnung, wie diese Karte in Münster eingeworfen werden konnte, wenn sie eigentlich an der Küste wohnt. o.O Obwohl ... der Weltenwanderer war letzte Woche kurz in MÜnster. Eine "Verschwörung"? Icon_wink

LG
D.

Edit:
Es handelt sich tatsächlich um einen historischen Ausschnitt aus der Geschichte um Jack the Ripper. Inspector Abberline, Doktor Openshaw und Mr Lusk waren reale Personen - und der fragliche Brief wurde tatsächlich am 16.10. dem letztgenannten Herrn zugestellt. Dr Openshaw war Kurator des Pathologischen Museums am London Hospital - der Keller entspringt hierbei meiner Phantasie. Der 19.10. wurde als Datum deswegen gewählt, da an diesem Tag die britische Zeitung "Star" als erstes von diesem Brief berichtete. Inspector Abberline war derjenige, der meistens als bekanntester Ermittler in diesen Mordfällen genannt wird.
D.


Edit 2:
Manchmal ist man vor diesen kleinen Teufeln nicht wirklich gefeit ...
Zitat:Hohe Stirn, dünnes Haar, ebenfalls eine Bartracht, die jedoch nicht das Kinn einschloss.
... und manchmal schaut man nur so in Miras Stilblütenbeet, um erschrocken sowas feststellen zu müssen. *hust* Hatte mit Bar nichts zu tun ...
D.


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Beitrag #2 |

RE: Sommer 08: Verwirklichung
Jahaaaaa, ich wusste, die Brücke würde mich verraten. Aber sie hat einfach so wunderbar gepasst, und ich fand auch den Text auf der Karte einfach nur zutreffend ... wenn ich so an unsere Gespräche denke *g*
Und wie die Karte nach Münster gekommen ist ... nun, das werde ich erst verraten, wenn alle meine auf den Weg gebrachten Karten angekommen sind *hehe* Der Weltenwanderer hat damit aber nichts zu tun :o)

[Bild: b1kjhgnvv4asspl9p.jpg]

... weil das Leben seltsame Wege geht ...

Der Sprung über den eigenen Schatten gelingt leichter,
wenn wir ihn für jemanden wagen,
der Licht in unser Leben bringt.
(unbekannt)

Eine Schattengestalt und ihre Schattengedanken


[Bild: 12.gif]

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Beitrag #3 |

RE: Sommer 08: Verwirklichung
Moin ... dann sieh die Inspration als ein (mehrere Worte umfassendes) "Danke" an.
Hab mich sehr gefreut.

LG
D.


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