Es ist: 05-12-2021, 11:12
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"Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Beitrag #1 |

"Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Hier möchte ich eine Neuerscheinung vorstellen, die wohl nirgendwo wirkliche inzuordnen ist und mich sehr berührt hat.

[Bild: 42033.jpg]

Herzzeit beinhaltet den kompletten erhaltenen Briefwechsel zwischen zwei der wichtigsten Literaten des 20. Jahrhunderts: Ingeborg Bachmann (u.a. "Die gestundete Zeit", "Anrufung des großen Bären") und Paul Celan (u.a. "Todesfuge").

Der Klappentext sagt: (...)ist ein bewegendes Zeugnis: zunächst als das Gespräch einer Liebe nach Auschwitz mit allen symptomatischen Störungen und Krisen aufgrund der so konträren Herkunft der beiden und ihrer schwer zu vereinbarenden Lebensentwürfe als Frau und als Mann und als Schreibende. Aber es ist auch ein Ringen um Freundschaft oder um wenigstens irgendeine Beziehung.

Der Briefwechsel ist nicht nur die Chronik einer großen Liebe, die am Alltag und den Persönlichkeiten der Liebenden gescheitert ist, sondern auch vom literarischen Gesichtspunkt her sehr interessant, da Bachmann und Celan in ihren späteren Briefen auch ihre Gedichte besprachen, sich gegenseitig korrigierten und redigierten. Auch sind durchaus kritische Stimmen zum Literatur- und Weltgeschehen ihrer Zeit ein großer Teil ihrer Briefe.
Darüberhinaus wird die Skurrilität der ambivalent/latenten Beziehung der beiden (die von Bachmanns 22. Geburtstag bis zu Celans Selbstmord in verschiedenen Heftigkeiten bestand) unterstrichen und von einer ganz anderen Perspektive beleuchtet durch die Briefe zwischen Paul Celan und Max Frisch (Bachmanns späterem Lebensgefährten; u.a. "Andorra", "Homo Faber") sowie Ingeborg Bachmann und Celans Ehefrau.
Alle Briefe wurden von den Herausgebern kommentiert, auch ein ausgiebiger Bildteil ist enthalten.

"Herzzeit" ist kein Buch zum "Schnellmaldrüberlesen". Wer die Werke der beiden Schriftsteller schätzt, wird dieses Buch lieben (und Bachmanns Roman "Malina" plötzlich viel besser verstehen), aber es ist nicht explizit ausgerichtet auf Kenner ihrer Werke. Es ist keine Biographie und kein literarisches Vermächtnis, es ist eine vollkommen unkitschige, tragische Liebes- und Lebensgeschichte und wunderschöne poetische Sprache in einem...

Das Buch ist im August dieses Jahres im Suhrkamp-Verlag erschienen, momentan nur in der Hardcover-Ausgabe erhältlich (ob Taschenbuch geplant ist, weiß ich nicht) und kostete mich bei Thalia/Österreich ca. €25.

talblick-Prädikat: zum Hineinverschmelzen

Ich bin absolut dafür, daß man Narren von gefährlichen Waffen fernhält. Beginnen wir mit Schreibmaschinen. (Frank Lloyd Wright)

Prinzessin von Kagran

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Beitrag #2 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Hallo talblick,

hört sich wirklich sehr interessant an. Habe auch gleich mal nachgeguckt, ob unsere Stadtbücherei das hat (25 Euro sind mir etwas zu teuer) - und ich habe Glück.

Ich mag Celan sehr gerne und auch das ein oder andere von Ingeborg Bachmann.
Eine Frage: Wird die Gruppe 47 in den Briefen erwähnt? Celan hat ja mal an einem Treffen teilgenommen und soll - milde gesagt - mit seiner "Todesfuge" nicht gut aufgenommen worden sein. Mich würde mal interessieren, ob das wirklich nur ins Reich der Legenden gehört oder ob es wahr ist.


Liebe Grüße,
Isola.


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Beitrag #3 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Isola schrieb:Liebe Grüße,
talblick.

Mrgreen Liebe Isola, warum unterschreibst Du mit meinem Namen? Mrgreen

Über die Gruppe 47 wird nichts explizit erwähnt, aber eben sehr differenziert und kritisch auf das Literatur/Kulturleben der damaligen Zeit geblickt, das "Establishment" und die "Avantgarde" hinterfragt. Ich fand es sehr spannend, diese Möglichkeit eines "Blicks hinter die Kulissen" zu bekommen.
Wobei.. an einen Brief Bachmanns an Celan erinnere ich mich, in dem sie ihn quasi tröstet und daran erinnert, daß er zu sich und seinem Stil stehen soll und nicht schreiben, um anderen zu gefallen. Vielleicht nimmt das ja auf diese "Vorfälle" Bezug, müßte man mit dem Datum überprüfen!

Ich wünsch Dir viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Gedankenaustausch, wenn Du dann fertig bist!

Alles Liebe!
talblick

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Prinzessin von Kagran

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Beitrag #4 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Ups ... Hab das mit dem Namen mal verbessert - das kommt dabei raus, wenn man neben Postingschreiben noch andere Sachen macht :rolleyes:


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Beitrag #5 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Ach, das macht doch gar nichts, ich find's ja lustig. Und bald sind wir beide so in die Herzzeit versunken, daß wir uns mit Inge und Paul unterschreiben! Icon_wink

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Prinzessin von Kagran

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Beitrag #6 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Fragt sich nur, wer dann "Inge" und wer "Paul" ist Icon_wink

Unterschreibt sie mit "Inge"? Find ich interessant.

Wenn ich nächstens wieder zur Bücherei fahr, bestelle ich das Buch mal vor, leider ist es zur Zeit ausgeliehen.


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Beitrag #7 |

RE: "Herzzeit" (Briefwechsel Bachmann - Celan)
Hallo,

ich habe das Buch heute nun auch zu Ende gelesen und kann mich nur teilweise talblick anschließen.
Die Briefe an sich sind sehr schön, man merkt, dass Celan und Bachmann im Herzen Lyriker sind, schöne Sprache, ein wenig Kitsch und ein gehöriger Schuss Verzweiflung, wie ich finde. Die beiden schreiben recht einseitig, mal schreibt dauernd Ingeborg Bachmann, mal dauernd Paul Celan. Erst in den 60ern ist das Verhältnis der Briefe ausgeglichen.
Ich empfand ihre Beziehung auch als relativ unoffen, besonders anfangs. Sie haben sich nicht offen die Meinung gesagt, lieber über Dritte Probleme besprochen und oftmals Briefe gar nicht abgeschickt.
Besonders interessant fand ich die Briefe von Celans Frau Gisèle an Ingeborg Bachmann, im Besonderen eine Stelle, in der sie schreibt, dass auch Bachmann unter Celan gelitten und ihn auch geliebt hat. Celan scheint (und das habe ich nur durch die Chronologie am Ende des Buches erfahren) ein sehr labiler und zerrissener Mensch gewesen zu sein, v.a. durch die Goll-Affäre, was man ja auch verstehen kann ... Bei so etwas würde wohl jeder Dichter so reagieren, wenn auch vielleicht nicht so heftig.
Verwirrend ist natürlich, dass man den Beiden nicht immer folgen kann. Da ist von Ereignissen die Rede, von denen die Beiden natürlich genau wussten, worum es sich handelt; aber ein Außenstehender kann da nicht hinterblicken, wieso jetzt die Freundschaft aufgekündigt wird und wieso Celan mit Bachmann schimpft.

Es ist sicherlich ein einzigartiges Stück "Literaturgeschichte", aber auch ein sehr schwieriges, für das man ein bisschen etwas über die Beiden und die Zeit wissen muss, man kann die Briefe nicht lesen, wenn man nicht interessiert ist.
Ah, und reinen Kitsch und Romantik wird man auch vergeblich suchen (auch wenn es die natürlich auch gibt), denn Bachmann und Celan hatten ganz und gar nicht eine Bilderbuchbeziehung. Für mich überwiegt der Eindruck einer eher unglücklichen Beziehung.


Grüße,
Isola.


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