Es ist: 04-03-2021, 00:43
Es ist: 04-03-2021, 00:43 Hallo, Gast! (Registrieren)


Die Waffe
Beitrag #1 |

Die Waffe
Mein erstes Gedicht damals:

Die Waffe



Ich stehe an der Ecke
und sehe ihn
und sie
wie sie sich berühren,
so ganz vertraut.

Ich versuche unerkannt zu bleiben,
schlage den Kragen hoch
wie im Film
und beobachte weiter
wie sie sich unterhakt
und die beiden ihrer Wege gehen.
Ich bin auf den Fersen
und koche vor Wut.

Ich wage mich zu nah heran,
so dass sie mich fast sehen.

Die Menge umschließt sie
wie eine Hand
und ich verliere sie beinah,
dann aber stehen sie da und denken nur an ihr Glück,
während ich an Rache denke
und Hass in mir kocht,
das Blut pumpt,
Adern pulsieren.

Er ist glücklich,
sie ist es auch.

Niemand denkt an mich.

Meine Handtasche öffnet sich,
der Revolver erscheint
durch Geisterhand
und macht mir ein Ende.


Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

RE: Die Waffe
Hallo Chuzzlewit!

Zuerst einmal willkommen (zurück)!

Nun aber mal zu deinem Gedicht:

Man merkt, dass es ein Erstling ist. Es hat noch dieses - für Anfänger typische - Prosahafte mit zusammenhängenden Sätzen.
Aber bevor ich ein Urteil abgebe, erst mal ein paar Details.

Zitat:Ich versuche unerkannt zu bleiben,
schlage den Kragen hoch
wie im Film
und beobachte weiter
wie sie sich unterhakt
und die beiden ihrer Wege gehen.
Ich bin auf den Fersen
und koche vor Wut.

1) "Die Beiden" bitte groß schreiben.
2) Normal heißt es "Ich bin ihnen auf den Fersen". Das "den" ist hier nicht korrekt und da du im gesamten Gedicht sehr unterschiedliche Zeilenlängen hast, machen die beiden Silben nicht viel.
3) Das "kochen" kommt nachher im Gedicht noch mal und daher würde ich entweder hier oder später ein anderes Wort/einen anderen Ausdruck suchen.

Zitat:wie im Film

Das klingt sehr kindlich und ist auch unnötig. Es nimmt dem gesamten Gedicht den Ernst und zeigt dem Leser eher: Aha, da ist jemand, der nur seinem Ex hinterherspioniert. Natürlich willst du den Leser offensichtlich auch auf eine falsche Spur schicken, aber ich würde die Zeile streichen. Und wenn du nicht auf sie verzichten willst, wenigstens hervorheben - mit Bindestrichen, kursiv schreiben oder Klammern.

Zitat:Ich wage mich zu nah heran,
so dass sie mich fast sehen.

Fand ich recht unnötig. Entweder hättest du hier noch den Blick von einem der Beiden auffangen können oder aber ganz streichen...

Zitat:und ich verliere sie beinah,
dann aber stehen sie da und denken nur an ihr Glück

Nach dem "beinah" bitte ein Apostroph. Die lange Zeile würde ich in zwei teilen (am besten vor dem "und"), die ragt doch schon viel zu stark heraus.

Zitat:Er ist glücklich,
sie ist es auch.

Hier fänd ich
"Er ist glücklich
und sie auch." schöner. Das liest sich weniger beiläufig.

Zitat:Niemand denkt an mich.

Auch diese Zeile würde ich optisch hervorheben.

Zitat:Meine Handtasche öffnet sich,
der Revolver erscheint
durch Geisterhand
und macht mir ein Ende.

"wie durch Geisterhand" wäre besser. Den Revolver würde ich zudem durch "Waffe" ersetzen. Das genügt vollkommen, um anzudeuten, was geschieht.

Diese Strophe ist mir auch zu beiläufig. Es klingt so nach "Huch, da war ich plötzlich tot!". Viel zu passiv, viel zu entschuldigend. Wenn man sich umbringt, ist man doch so aktiv... Ich hätte mir das auch vielleicht als eine kleine Andeutung vorher gewünscht. Wenn auch eine versteckte Andeutung.


Insgesamt haben mir in dem Gedicht die Metaphern gefehlt (die einzige war die mit der Menge und der Hand). Das kann man aber unter persönlicher Vorliebe verbuchen.
Jedoch waren mir die sonstigen Ausdrücke auch zu alltäglich (z.B. "Handtasche"), für mich gehört so etwas nicht in ein Gedicht.
Man hätte die "Geschichte", die du erzählst, auch wesentlich straffen können, denn du redest um den heißen Brei, ohne einen sonderlichen Spannungsbogen aufzubauen.
Zudem weiß man einfach nicht, wieso das lyrische Ich vor Wut kocht. Es kocht und kocht dauernd nur. Man ahnt lediglich, dass es wohl betrogen/wegen einer anderen Frau verlassen wurde.

Die Idee dahinter ist aber nicht einmal so schlecht, ist für ein Gedicht aber zu ausführlich und wäre wohl eher etwas für eine Kurzgeschichte gewesen...


Tut mir leid, dass ich dir nichts besseres schreiben konnte!

Grüße,
Isola.


P.S.: Darf ich fragen, wie alt das Gedicht ist?


Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #3 |

contra
Liebe Isola,

Was hast du nur immer mit deinen Metaphern? Sie bereichern einen Text, gewiss, aber sie sind kein Pflichtbestandteil. Ich stimme insofern zu als das einige Formulierungen etwas unausgereift wirken, aber ich würde das nicht überbewerten.
Mir persönlich fehlen beispielsweise die Reime. Mein Auge findet gereimte Gedichte gefälliger und mein Geist virtuoser, aber dennoch ist die Gesamtwirkung und Aussage unvermindert beeindruckend. Der von dir erwähnte Irrweg erfüllt seinen Zweck.. Ein überraschendes Moment zum Abschluss und alles verkehrt sich.

Ich zweifle nicht daran, das dein Blick über die reine Form hinausgeht, aber ich würde es schön finden, wenn du das auch in deine Kommentare etwas mehr einbinden würdest

Danke für deine Zeit

M

Ich bin der Geist, der stets verneint. Denn alles was entsteht ist wert das es zu Grunde geht. Drum besser wärs das nichts entstünde! So ist denn alles was ihr Sünde, Zerstörung, kurz: das Böse nennt, mein eigentliches Element

J.W. von Goethe - Faust I

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #4 |

RE: Die Waffe
Hallo Engelskrieger,

so wie du Wert auf Reime legst, legen andere werde auf Metaphorik, welche fest mit der Lyrik verbunden ist. Sie ist kein Muss, aber die meisten (nicht alle) guten Dichter, greifen gerne auf sie zurück.

Zudem sagt ja jeder nur seine Meinung - was Isola sagt, ist nie ein Muss, genauso wie bei allen anderen. Jeder sagt einfach nur ehrlich, was er denkt und der Autor kann dann schauen, ob er das vielleicht ähnlich sieht oder ganz anders. Und wenn man es ganz anders sieht, wird sich niemand beschweren, wenn etwas nicht geändert wird.

Geschmäcker sind eben verschieden Icon_smile ...
Ich verstehe deine Argumentation, aber ich kenne Isola schon eine Weile und weiß, dass sie sich immer bemüht konstruktiv zu sein.
Und ich habe es auch immer wieder mit meinen Metaphern Mrgreen ...

Aber die Diskussion hat hier eigentlich nichts zu suchen - ich schlage vor, du eröffntest einen Thread im Café zum Thema "Metaphern ein Muss?", wo sich dann alle an der Diskussion beteiligen können Icon_smile ...

Gruß

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #5 |

RE: Die Waffe
@ Engelskrieger:

Auch wenn es mir nicht sonderlich gefällt, Chuzzles Thread damit zu zu müllen, wollte ich doch kurz Stellung nehmen.
Erst war ich etwas verwirrt, dass du dich angegriffen fühlst, da du nicht der Autor des Gedichtes bist... Wie Zack bereits schrieb, ist es eine meiner persönlichen Vorlieben, in einem Gedicht auch Metaphern zu lesen - auch wenn ich durchaus Gedichte mag, die solche nicht bzw. wenig enthalten, dann müssen sie aber auch raffiniert gemacht sein (siehe Mascha Kaléko).
Es war also nur ein Vorschlag meinerseits, da ich an einem Punkt sah, dass der Verfasser sich wohl nicht allzu schwer damit tut. Daher habe ich ja auch geschrieben, dass man diesen Punkt unter persönlichem Geschmack verbuchen kann.

Für mich sind beispielsweise Reime in der Lyrik absolut nicht notwendig - natürlich auch wieder mit der Bedingung, dass es sich um gutes Handwerk handelt. Bevor ich gezwungen Reime schreibe und mich schwer damit tue (und in Chuzzles Fall wäre es sehr schwer gewesen und hätte auch gar nicht zum Tenor des Gedichts gepasst), lasse ich es lieber und schreibe frei.

Zum Inhalt habe ich übrigens auch etwas gesagt... Ich weiß, überliest man gerne bei so vielen Verbesserungsvorschlägen Icon_wink Aber zum Interpretieren gab es hier auch nicht allzu viel.

Wir alle geben hier bloße Verbesserungsvorschläge ab, die niemand annehmen muss Icon_smile Wenn ich ein Gedicht als zu einfach empfinde ist es daher auch mein gutes Recht, dies zu äußern.

Wäre übrigens schön, wenn du Chuzzle auch was schreiben würdest! Icon_smile


Grüße,
Isola.


Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #6 |

RE: Die Waffe
Das Gedicht entstand vor etwa drei Jahren und ist zugegebenermaßen etwas plump.


Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2021 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme