Es ist: 29-03-2020, 01:28
Es ist: 29-03-2020, 01:28 Hallo, Gast! (Registrieren)

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Kalte Sehnsucht
Beitrag #1 |

Kalte Sehnsucht
Kalte Sehnsucht

Ich trinke das Blau vom Himmel,
versenke Warmlicht in Schatten,
blasskalt zitternd,
reiße ich mir das verräterische Herz
aus der Brust

und schicke es dir –
als Widmung.

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

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Beitrag #2 |

RE: Kalte Sehnsucht
Hallo Adsartha,

noch gar kein Kommentar? Das muss sich ändern Icon_wink.

Dein Gedicht hat einen Fluss. Ich sage das deswegen, weil ich dazu neige, Gedichte nicht von oben nach unten und auch nicht am Stück zu lesen. Hier war das aber der Fall - abgesehen vom Titel, aber den vergesse ich auch bei Geschichten oft mitzulesen. Mir gefällt die Lebendigkeit, die Aufrichtigkeit, die in dem Bild steckt, das du zeigst. "Als Widmung" rundet das abgeschnürte, abgeschickte Herz super ab, das liest sich einfach toll. Adresse drauf, Porto und eingeworfen in den nächsten Briefkasten, wo auf der Herzinnenseite überall für dich steht. Es muss ein ziemlich entgeistertes Gesicht sein, das eine solche Post bekommt. Und dann folgt der entlebte Gedanke zurück, aber um das Du geht es hier nicht, vielmehr um das Ich, und das hat dann wohl endlich wieder viel Platz zum Atmen. Gefällt mir sehr, dein Gedicht.

Zwei kleine Anmerkungen:
Zitat:Kalte Sehnsucht
Wahrscheinlich würde ich das Adjektiv sogar weglassen, da du im Gedicht selbst viel mit Warm-Kalt-Kontrasten arbeitest.
Aber wahrscheinlich steht der für dich zu fest Icon_wink.
Zitat:versenke Warmlicht in Schatten
"Warmlicht" ist das einzige Wort, das für mich nicht ganz reinpasst. Vielleicht etwas Stärkeres, das nicht nur warm, sondern heiß ist? Feuer, Funken, ... Nein, das klingt alles nicht. Ich finde aber "Warmlicht" an der Stelle etwas zu schwach, vielleicht fällt dir da ja noch was ein (?)

Liebe Grüße,
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

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Beitrag #3 |

RE: Kalte Sehnsucht
Hallo Adsartha,
der Titel deines Gedichts hat mich gleich angesprochen. Wahrscheinlich weil ich mich gerade sehr über jemanden geärgert habe, auf eine traurige Weise, und dann stand da dieser Titel mit der Kalten Sehnsucht und ich dachte nur - boa, das musst du lesen! Sehnsucht ist ja etwas, das an sich bei weitem nichts mit Kälte zu tun hat, aber wenn die Hoffnungslosigkeit und Enttäuschung zu groß werden bringt auch die Sehnsucht keine Wärme mehr.
So aber nun zum Gedicht:
Die erste Zeile finde ich sehr gelungen. Sie gibt dem Gedicht eine Farbe und somit auch eine Stimmung und Atmosphäre. Für mich haben Gedichte alle eine bestimmte Farbe, wie ein Fotofilter oder so etwas in der Art. Deins ist so blau wie der Himmel, aber kein heiterer sommerlicher Himmel, sondern ein kühler Winterhimmel (wegen des "Kalte" im Titel). Ein Winterhimmel ist nicht kräftig blau, sondern blass und schon fast weiß und so stelle ich es mir sehr schwierig für das Ich vor, dieses Blau vom Himmel zu "trinken", weil der Himmel noch kaum Blaue Farbe in sich trägt. So als würde man noch die letzten Tropfen trinken wollen und ganz genau wissen, dass man seinen Durst damit nicht mehr stillen kann.
Das warme Licht versenkt das Ich im Schatten. Ich habe es so interpretiert, dass Warmlicht ein Symbol für alles Schöne im Leben ist und der Schatten hat etwas sehr düsteres und trauriges. So versinkt und verliert sich das Glück in dieser traurigen Düsternis und das Ich scheint zu wissen, dass es seine eigene Schuld ist.
Doch Es ist zu verzweifelt, Es friert zu sehr. Die Blässe hat etwas Krankhaftes an sich. Es fühlt sich verraten von dem eigenen Herzen, von den Gefühlen. Natürlich, wenn die Gefühle doch der Ursprung allen Schmerzens sind. Wenn sie vorgeben so hübsch und liebevoll zu sein, sich dann aber als scharf und schmerzvoll herausstellen. Dann will man nur, dass sie verschwinden, weil im Körper einfach kein Platz mehr für sie ist. Ich denke ab der Herz-Zeile ist das eher ein Wunsch des Ichs. Der Wunsch nach diesem inneren Frieden, der kommen muss, wenn man nichts mehr empfindet.
Dieses verräterische Herz, will das Ich dem Du schicken. Denn Er (Ich gehe einfach davon aus, es wäre ein Er), Er ist doch der Schuldige, soll Er sich um dieses weinende Herz kümmern. Soll er sehen, was er angerichtet hat. Ich denke, in diesem Teil steckt noch eine Art letzter Hoffnung. Diese verzweifelte Hoffnung, dass Er, wenn Er sieht, wie es dem Ich geht, wieder weich wird und wieder zurückkommt. Hat man diese Hoffnung nicht immer?
Über die "Widmung" musste ich länger nachdenken. Du hättest es ja auch als Geschenk bezeichnen können, aber das hast du nicht, also muss es etwas damit auf sich haben. Wenn man jemandem etwas widmet, ein Gedicht zum Beispiel, dann macht man damit deutlich, dass es mit der Person zusammenhängt, dass man durch sie dazu inspiriert worden ist, oder so etwas in der Art. So würde ich es auch in deinem Gedicht verstehen. Denn Er ist der jenige, der das Herz zu dem gemacht hat, was es nun ist, als widmet das Ich es Ihm.
Eine traurige Hingabe, die Er kaum schätzen wird. Was soll Er auch mit so einem weinenden Herzen? Er will bestimmt nur weiter gehen, sich ins Leben stürzen, ohne von Schuldgefühlen verfolgt zu werden. Wahrscheinlich wird er diese Widmung fortwerfen, irgendwohin wo er sie nicht mehr sehen muss. Ich kann mir bildlich vorstellen, wie er kalt und genervt mit den Augen rollt, wenn er sie erhält. Das ist sehr traurig.
Vielleicht hast du alles auch anders gemeint, aber ich für mich war das die schönste Art das Gedicht zu interpretieren.
Es ist ein wirklich schönes Gedicht, dessen Bilder einem im Gedächtnis bleiben.
Ich habe mir auch en vorhergehenden Kommentar durchgelesen. Ich denke nicht, dass du dem Titel das Adjektiv rauben solltest. Es bereitet den Leser schon im Voraus auf die Stimmung vor und verstärkt sie damit. Aber vielleicht hätte man ohne das Adjektiv auch noch mehr Freiraum für Interpretationen. Nun, aber ich würde trotzdem an dem Kalt festhalten.
Es wäre noch möglich das „blaskalt zitternd“ durch „bleich und zitternd“ zu ersetzten. Das Wort „bleich“ hat etwas noch stärker Negatives an sich.
So das war’s jetzt von mir.
Liebe Grüße,
Meluse


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Beitrag #4 |

RE: Kalte Sehnsucht
Hallo ihr beiden,
vielen Dank für eure schönen Kommentare. Ich bin zur Zeit ziemlich gestresst, da ich meinem Zeitplan etwas hinterher hinke, aber ich hab euch registriert, das Thema in die Favoriten gepackt und sobla dich wieder Freiraum hab, bekommt ihr auch ne ausführliche Antwort.
Versprochen.

LG
Addi

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Beitrag #5 |

RE: Kalte Sehnsucht
So, dann will ich mal anfangen,
der Reihe nach:

Hi Libbi,
schön, dass du dich meines einsamen Gedichtes erbarmt hast. Icon_smile

Zitat:Dein Gedicht hat einen Fluss. Ich sage das deswegen, weil ich dazu neige, Gedichte nicht von oben nach unten und auch nicht am Stück zu lesen.
- Das mit dem Fluss gefällt mir, allerdings frag ich mich auch, wie du Gedichte sonst liest - von rechts anch links? Icon_confused

Zitat:Mir gefällt die Lebendigkeit, die Aufrichtigkeit, die in dem Bild steckt, das du zeigst. "Als Widmung" rundet das abgeschnürte, abgeschickte Herz super ab, das liest sich einfach toll.

- *g* Dankeschön

Zitat:Adresse drauf, Porto und eingeworfen in den nächsten Briefkasten, wo auf der Herzinnenseite überall für dich steht.
- Genau so hab ich mir das gedacht, ja.

Zitat:Es muss ein ziemlich entgeistertes Gesicht sein, das eine solche Post bekommt.
- das ist ja das schöne dran. Mrgreen

Zitat:Und dann folgt der entlebte Gedanke zurück, aber um das Du geht es hier nicht, vielmehr um das Ich, und das hat dann wohl endlich wieder viel Platz zum Atmen.
- hm, komisch, darum geht es eigentlich nicht. Eher um eine unglückliche Liebe, daher der depressive Anfang. Man möchte einfach fühlen, und da das nicht geht, versinkt man in einer tiefen Grube, ohne Farbe oder Frohsinn. Das abgeschickte Herz soll dann nicht schocken in dem Sinne, sondern eher aufzeigen: "Ey, ich empfinde etwas für dich, also nimm gefälligst wahr."
Irgendwie so ...

Zitat:Gefällt mir sehr, dein Gedicht.
- Dankeschön.

Zitat:Wahrscheinlich würde ich das Adjektiv sogar weglassen, da du im Gedicht selbst viel mit Warm-Kalt-Kontrasten arbeitest.
Aber wahrscheinlich steht der für dich zu fest Icon_wink.
- stimmt, ja, der Titel steht. Sehnsucht wäre mir zu wenig, zu nichtssagend.

Zitat:"Warmlicht" ist das einzige Wort, das für mich nicht ganz reinpasst. Vielleicht etwas Stärkeres, das nicht nur warm, sondern heiß ist? Feuer, Funken, ... Nein, das klingt alles nicht. Ich finde aber "Warmlicht" an der Stelle etwas zu schwach, vielleicht fällt dir da ja noch was ein (?)
- hm, nein, so spontan nicht, ich find das Wort eigentlich ganz schön, da es mich an romantische Abende vorm Kamin oder bei Kerzenlicht erinnert. Es steht hier sinnbildlich für alles Romantische, dass das ICH kategorisch von sich weißt, da es nur schmerzt. Hm.

Auf jeden Fall danke ich dir für den lieben Kommentar,
und auch für die Hinweise, auch wenn ich diesmal keinen für mich annehmen konnte.

LG
Addi

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Beitrag #6 |

RE: Kalte Sehnsucht
Hi Meluse,
nachdem ich Libbis Kommentar gestern beantwortet habe, will ich auch dich nicht länger warten lassen. Icon_smile

Zitat:der Titel deines Gedichts hat mich gleich angesprochen.
- freut mich, auch wenn dein Grund nicht so schön ist.

Zitat:Die erste Zeile finde ich sehr gelungen. Sie gibt dem Gedicht eine Farbe und somit auch eine Stimmung und Atmosphäre.
- Ja, die erste Zeile gefällt mir auch am besten. Die Winterfarbe sehe ich allerdings nicht, für mich wird da alles grau, aber jeder empfindet da wohl anders. Icon_wink

Zitat:Das warme Licht versenkt das Ich im Schatten. Ich habe es so interpretiert, dass Warmlicht ein Symbol für alles Schöne im Leben ist und der Schatten hat etwas sehr düsteres und trauriges. So versinkt und verliert sich das Glück in dieser traurigen Düsternis und das Ich scheint zu wissen, dass es seine eigene Schuld ist.
- die Aussage stimmt ja, doch ist dieser Effekt gewollt. Es geschieht mit Absicht, so wie die Farbe des Himmels "weggetrunken" wird.

Zitat:Dieses verräterische Herz, will das Ich dem Du schicken. Denn Er (Ich gehe einfach davon aus, es wäre ein Er), Er ist doch der Schuldige, soll Er sich um dieses weinende Herz kümmern. Soll er sehen, was er angerichtet hat. Ich denke, in diesem Teil steckt noch eine Art letzter Hoffnung. Diese verzweifelte Hoffnung, dass Er, wenn Er sieht, wie es dem Ich geht, wieder weich wird und wieder zurückkommt. Hat man diese Hoffnung nicht immer?
- Wie ich sehe, machst du hier ein Trennungs-Gedicht draus, was Erstaunlich ist, denn von einer zerstörten Liebe steht ja nirgends was. Icon_confused Interessante Interpretation.

Zitat:Über die "Widmung" musste ich länger nachdenken. Du hättest es ja auch als Geschenk bezeichnen können, aber das hast du nicht, also muss es etwas damit auf sich haben. Wenn man jemandem etwas widmet, ein Gedicht zum Beispiel, dann macht man damit deutlich, dass es mit der Person zusammenhängt, dass man durch sie dazu inspiriert worden ist, oder so etwas in der Art. So würde ich es auch in deinem Gedicht verstehen. Denn Er ist der jenige, der das Herz zu dem gemacht hat, was es nun ist, als widmet das Ich es Ihm.
- hm, auch hier interessant, was du alles aus diesem einen Wort herauszulesen vermagst.
Ein Geschenk ist dazu gedacht, jemand anderem eine Freude zu machen, hat also einen positiven Gedanken. Die Widmung hingegen ist, wie du es schon gesagt hast, dazu da etwas mitzuteilen, demjenigen zu zeigen, was der andere in einem ausgelöst hat. Egal, ob es nun positiv oder negativ ist.

Zitat:Eine traurige Hingabe, die Er kaum schätzen wird. Was soll Er auch mit so einem weinenden Herzen? Er will bestimmt nur weiter gehen, sich ins Leben stürzen, ohne von Schuldgefühlen verfolgt zu werden. Wahrscheinlich wird er diese Widmung fortwerfen, irgendwohin wo er sie nicht mehr sehen muss.
- hm, die Hoffnung hinter der Widmung ist es eigentlich, den Empfänger darauf zu stoßen, dass es das Herz und die Gefühle dahinter überhaupt gibt. Bisher wurde das ja nicht wahrgenommen.

Zitat:Es ist ein wirklich schönes Gedicht, dessen Bilder einem im Gedächtnis bleiben.
- Dankeschön.

Zitat:Es wäre noch möglich das „blaskalt zitternd“ durch „bleich und zitternd“ zu ersetzten. Das Wort „bleich“ hat etwas noch stärker Negatives an sich.
- hm, für mich hat "blasskalt" eine schönere Klangfarbe als "bleich und", daher bleibe ich bei meiner Variante. Aber trotzdem danke für den Vorschlag und auch für die intensive Auseinandersetzung mit meinem kleinen Werk.

LG
Adsartha

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