Es ist: 02-12-2020, 04:23
Es ist: 02-12-2020, 04:23 Hallo, Gast! (Registrieren)


Lesekreis: Drachenläufer
Beitrag #11 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
hallo ihr alle,

mensch, hier ist ja gestern abend ganz schön was passiert. ich freu mich, dass es jetzt endlich richtig los geht.

erstmal zu dem was libbi geschrieben hat:

Zitat:Wie seid ihr in das Buch reingekommen?Beim ersten Lesen vergesse ich meistens die Dinge, die ich (noch) nicht verstehe, aber der Autor bringt hier wirklich geschickt die Gasse, Rahim Khan, Amirs Schuldgefühle, den blauen Drachen (als Drachenschwanz) und Hassans letzten Satz, als noch alles in Ordnung war, unter.

so ging es mir am anfang auch. über den "prolog" hab ich einfach nur drüber gelesen. ich bin erst mit dem zweiten kapitel, als er beginnt, der reihe nach die personen und ereignisse darzustellen. der anfang mit seinen ganzen andeutungen hat mir nicht besonders gefallen, aber vllt lese ich den nochmal.

Zitat:Irgendwie war er mir zu ich-bezogen, die ersehnte Anerkennung durch den Vater zu omnipräsent. Mich hat menschlich gestört, dass er Hassan ignoriert, sobald andere dabei sind und ihn erst recht nie als seinen Freund bezeichnen würde.

an diesen stellen konnte ich amir auch nicht leiden. ganz besonders sind die an denen er sagt, dass er baba ganz für sich haben will, an denen seine eifersucht auf hassan ganz deutlich wird. und dann hab ich gedacht: das ist mal wieder diese typische konstellation, inder der reiche eifersüchtig auf den armen ist, weil dieser eine intakte(re) familie hat.

Zitat:Obwohl Amir ihn ignoriert, zeigt ihm die Schuld irgendwie, dass er so nicht weitermachen kann, mit seiner Baba-Fixiertheit scheitern wird, oder es schon ist, weil er mit Hassan jemanden verloren hat, den er nicht so leicht ersetzen kann.

ich denke es ist ihm jezt schon klar, dass er die annrkennung seines vaters gegen hassan getauscht hat und das er nicht glücklicher ist als vorher, dass nicht das eingetreten ist, was er sich erhofft hat.

Zitat:Kennt sich jemand mit dem Afghanistan der 70er Jahre aus?Ich finde es unheimlich spannend, in diese Welt einen Einblick zu bekommen, in den Alltag der Menschen. Und ich bin wirklich gespannt, wie sich das Land in den folgenden Jahren verändern wird und wie Hosseini das darstellt.

ich muss zugeben, dass ich mich bisher noch nicht großartig mit afghanistan beschäftigt habe. aber ich finds ganz schön, wie die geschichtlichen ereignisse bisher eingeflossen sind, ohne zusehr im vordergrund zu stehen. deine zitierte stelle fand ich auch sehr erschütternd.

zu thema beziehungen:

Zitat:Irgendwie krass, dass er von seinem Vater denkt, er würde ihn tief in sich drin so tief dafür hassen, dass die Mutter bei der Geburt gestorben ist.

das hat mich auch schwer erschüttert. ich glaube das ist ein versuch amirs seinen vater zu verstehen. irgendwie denke ich, dass mir baba eigentlich unsymphatisch sein sollte, aber er erscheint mir überfordert. er hat genaue vorstellungen, wie sein sohn sein sollte, die amir aber nicht erfüllt und deswegen kann er nicht so richtig was mit ihm anfangen.

Zitat:Vielleicht liegt es auch daran, dass man von Anfang an weiß, dass in der Erzählung bald etwas passieren wird, dass das Leben der beiden so stark verändert, dass Amir noch über zwanzig Jahre später Schuldgefühle deswegen hat. Und dass die eigentliche Geschichte erst mit diesem Unglückstag beginnt.

ja, es ist von anfang klar, dass was passiert. aber sowas hatte ich dann doch nicht erwartet. ich hatte ja die theorie, dass hassan stirbt, oder sowas. ich dachte sogar an irgendwelche schäden aus einer prügelei.

und jetzt zu ichigo:

Zitat:Natürlich ist Hassan der sympathischere -- aber er kommt mir manchmal auch geradezu unmenschlich sanft vor. Fast so, als ob Amir ihn im Nachhinein vor lauter Schuld idealisiert!

das find ich eine interessante theorie: hassan im nachhinein von amir glorifiziert! also eigentlich hätte ich ihnen beide mal im laufe der geschichte gerne mal gegens schienbein getreten. einmal hassan, weil er amir viel zu sehr ergeben ist und natürlich amir, weil er zusehr auf baba fixiert ist.

Zitat: in was für einer Welt Amir aufwächst: Es ist einfach ganz klar, dass er der Herr im Haus ist und Hassan der Diener.

das hab ich mir an diesen stellen auch gedacht. es steckt einfach in ihm drin, sie sind mit dieser stellung zueinander geboren worden.

und dann noch zu sternchen:

Zitat:Zum Cover
Wie ist eure Meinung dazu und waren euere Gedanken, als das Buch zum ersten Mal in euren Händen lag?

ich hab es mir ja gezielt für den lesekreis gekauft. einfach so in der buchhandlung wäre ich wahrscheinlich nur wegen des titels dran hängen geblieben, weil es irgendwie fantasy-mäßig klingt. das cover an sich hätte mich wahrscheinlich nicht überzeugt, der klappentext möglicherweise. aber jetzt wo ich die ersten 100 seiten hinter mir hab, finde ich es passend.

Zitat:Gelesen habe ich bis Seite 102, dort hört das Kapitel zwar nicht auf, unterbricht aber. Ich hab stur versucht bei 100 aufzuhören, aber ein Blick auf die nächste Seite hat diesen Vorsatz zerbrochen wie viel zu dünnes Glas.

also ich hab auch nicht ganz genau bei seite 100 aufgehört, sondern habe den satz noch zuende gelesen. ich meine da wäre dann auch ein kleiner absatz gewesen. aber mich hat es schon gejuckt weiterzulesen.

Kommt ihr mit dem erzählenden, detailverliebten Stil und der „Ich-Perspektive“ zurecht?
also die "ich-perspektive" hat mich nicht weiter gestört, ich finde es passt eigentlich ganz gut, da ja alles erinnerungen amirs sind. zwischendrin dachte ich mal kurz, dass ja eigentlich hassan die hauptperson ist, da es ja sehr oft um ihn geht und er sehr ausführlich beschrieben wird.

Ist Amirs Gefühl und seine Handlung greifbar, oder lässt sich das was er tut nur schwer nachvollziehen?
amirs gefühle und handlungen finde ich schon nachvollziehbar. wie jeder andere will er von seinem vater geliebt werden. auch sein verhalten gegenüber hassan ist verständlich, wenn man bedenkt, dass er eben so aufgewachsen ist.

Haltet ihr sein Verhalten für ein Kind dieses Alters verständlich, oder seid ihr der Meinung, dass es mit nichts zu verzeihen ist, was er getan hat?
sie sind 12 und 13 oder? da ich war ich schon überrascht, als ich mich daran erinnert hab. stellenweise erscheinen sie älter, aber gerade das spielen und das drachenlaufen wird immerwieder erwähnt, was ja dann doch eindeutig zeigt, dass sie kinder sind. über sein verhalten in der gasse bin ich mir noch etwas uneinig. ich wollte ihm noch zurufen, dass er zumindest irgendwas tun sollte. natürlich kann ich auch seine angst nachvollziehen und finde es klug von ihm, dass er sich nicht blind darein gestürzt hat. jetzt denke ich das es vllt schlau gewesen wäre, wenn er losgelaufen und hilfe geholt hätte. das hätte zumindest sein gewissen beruhigt.

Eine Sache des Handwerks - Erinnerungen?

als ich das gelesen hab, hat der schreiberling in mir sofort gedacht: sehr praktisch gemacht, so muss man das geschehen nicht beschreiben. der leser in mir fand das dann doch ein bisschen seltsam einfach drüberzuschreiben: „eine erinnerung“, aber ich denke das war die einzige möglichkeit diese als solche zu kennzeichnen. es hätte ja auch leicht ein gedankengang sein können, oder ein traum, der dann auch noch folgt.

ich bin bis jetzt sehr zufrieden mit dem buch. es hat mich „erschüttert“ was durchaus positiv zu verstehen ist. ganz besonders natürlich die szene in der gasse, da hätte ich es beinah an fallen lassen, vor lauter wut auf amir, weil der nichts gemacht hat. aber eine gewisse spannung ist trotzallem da, eine spannung zwischen den charakteren und eine beziehungentwicklung. also ich freu mich auf die nächsten 100 seiten.

in der hoffnung nicht zuviel geschwafelt zu haben,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #12 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Die Idee für das Cover finde ich an sich gut: Ein vergilbtes Bild von einem Jungen, der in eine Gasse späht, wie eine Erinnerung. Aber die Umsetzung finde ich viel zu „sauber“ - so eine schöne gepflasterte Straße, kein Staub, kein Unrat, wie in der Gassenszene beschrieben. Dass der Junge Sommerkleidung anhat ist eine grobe Unachtsamkeit.

Eine meiner Lieblingsstellen war sofort die, als Ali den Jungen erklärt, Kinder die von der selben Brust getrunken hätten wären wie Brüder -- und gleich darauf:

<< Hassan und ich hatten von derselben Brust getrunken. Wir machten unsere ersten Schritte auf demselben Rasen im selben Garten. Und unter demselben Dach sprachen wir unsere ersten Worte.
Meins lautete Baba.
Seins lautete Amir. Mein Name.
Wenn ich heute zurückblicke, so glaube ich, dass das Fundament für das, was im Winter des Jahres 1975 geschah - und auch für das, was folgte -, bereits mit diesen ersten Worten gelegt wurde.>>

Was sieht man darin?
- Die Geschichte ist noch nicht zu Ende... In den ersten Worten ist nicht nur für 1975 das Fundament gelegt, sondern auch für „das, was folgte“. Jetzt bin ich wirklich gespannt, was das ist. Ob Amir „es wieder gut machen“ kann, wie Rahim Kham ganz am Anfang am Telefon sagt.
- Amir und Hassan wachsen in derselben Welt, und doch nicht in derselben Welt auf.
- Die „Verwandschaft“ durch die Amme macht Amirs Verrat an Hassan noch frevelhafter, noch grausamer.
- Zu der schicksalhaften Entwicklung, die in der Gasse gipfelt, hat nicht nur Amirs Baba-Fixiertheit beigetragen - sondern auch Hassans Ergebenheit. Hassan ist als Dienstbote aufgewachsen, wird als Hazara gehänselt, hatte in der Beziehung zu Amir immer den Kürzeren gezogen... und sich immer gefügt. Er hat offenbar gar kein Gefühl dafür, wann die Grenze erreicht ist, an der ER und SEINE Interessen beginnen - und nicht einmal Assef gegenüber in der Gasse scheint er sich zu fragen, ob er wirklich verpflichtet ist, Amir den Drachen zu bringen. „Für dich, tausendmal.“
Auf S. 16 wird Alis Sanftheit beschrieben: Dass er ein ruhiger Charakter ist, dass er aber auch allein körperlich schon unterlegen ist und deshalb sich auf keinen Streit einlassen KANN, und dass sein ganzes Glück, das ihn mit allem Leid der Welt versöhnt, Hassan ist.
Ich frage mich, was Hassan Amir gegenüber empfindet. Überhaupt ist Hassan eine sehr unangetastete Figur - zentral, aber man erfährt nichts über sein Innenleben. Einen Hinweis:
<<Hassan wehrte sich nicht. Gab keinen Laut von sich. Er bewegte nur einmal kurz den Kopf, und ich erhaschte einen Blick auf sein Gesicht. Sah die Resignation darin. Ich hatte diesen Ausdruck schon einmal gesehen. In den Augen des Lamms. (...Beschreibung der Opferung des Lamms...) Ich weiß nicht, warum ich mir dieses jährliche Ritual in unserem Garten anschaue: Meine Albträume halten noch lange, nachdem die Blutflecken im Gras verblasst sind, an. Absurderweise stelle ich mir vor, dass das Tier begreift, was vor sich geht. Ich stelle mir vor, dass es erkennt, dass sein nahe bevorstehender Tod einem höheren Zweck dient. Und genau dieser Ausdruck ist es...>> (p85)
--- das ist schon harter Tobak, wenn man jetzt mal überträgt, Hassan glaube sein Opfer würde einem höheren Zweck dienen. Vielleicht glaubt er so sehr an die naturgegebene gesellschaftliche Ordnung? So sehr daran, dass er kein Recht hat, sich zu wehren? Er hat bisher ALLES geschluckt, ohne aufzubegehren...
Der Lamm-Vergleich passt ja auch von der Symbolik (unschuldiges Lamm) sehr gut.

Schön: „Ich hatte noch eine letzte Chance, eine Entscheidung zu treffen. Eine letzte Gelegenheit, um zu entscheiden, was für ein Mensch ich werden würde.“ - hier zeigt sich die Tragweite dieses Ereignisses sehr gut; die Chance wird nie wieder für Amir kommen, er kann es nie wieder gut machen.

(10-02-2009, 07:00)Sternchen schrieb: Ich gebe gern zu, das Lesen macht mir Freude. Ich hab selten durch ein so detailverliebtes Buch geblättert, das es schafft nicht langweilig zu wirken und das obwohl selbst die Handlung an sich nur langsam vorwärts geht. Handlung ist aber, so glaube ich, gar nicht der Schwerpunkt von Khaled Hosseinis Buch. Er liegt wohl eher auf Emotion und Details. Die Seiten sind voll davon und trotzdem entsteht eine nicht enden wollende Spannung.

Hihi, das ist interessant. Mir kommt das Buch überhaupt nicht detailverliebt vor. Jede einzelne Szene, jede einzelne Beschreibung hat ihren Sinn, um Atmosphäre aufzubauen, um die Personen vorzustellen und zu entwickeln. Bücher, die sich auf die Psychologie der Figuren konzentrieren, finde ich oft packender als ... lasst-uns-die-Welt-retten-Abenteuer.

Die Ich-Perspektive ist glaube ich dringend notwendig, damit man Amir irgendwie nachvollziehen kann und ihn nicht gleich abstempelt.

(10-02-2009, 07:00)Sternchen schrieb: Und langsam wird dem Patschunen bewusst, was er im Eintausch für ein wenig Aufmerksamkeit, oder zumindest dem Schein, von dem plötzlich liebenden Baba hergegeben hat …

Ich weiß gerade nicht, ob das bis Seite 100 schon vorkommt, aber sehr sehr gut wird ja beschrieben, wie sich die Beziehung zwischen Amir und Baba nur kurzfristig ändert ... letztendlich hat Amir also gar nichts gewonnen.

LadydesBlauenMondes schrieb:irgendwie denke ich, dass mir baba eigentlich unsymphatisch sein sollte, aber er erscheint mir überfordert. er hat genaue vorstellungen, wie sein sohn sein sollte, die amir aber nicht erfüllt und deswegen kann er nicht so richtig was mit ihm anfangen.

Ich finde den Gedanken sehr gut: Amir versucht Baba zu verstehen, indem er denkt, der Baba würde ihn dafür hassen dass er seine Mutter umbrachte. Dabei ist es noch eine schicksalhafte Verkettung mehr, dass Amir auch keine Mutter hat, die die mangelnde Anerkennung des Vaters vielleicht etwas hätte abfangen können...

Mir kamen die Jungs auch älter vor, obwohl ich im Nachhinein nicht mehr genau sagen kann, warum. Allerdings könnte es auch sein, dass man als Kind in Afghanistan eben selbstständiger ist. Kinder, die wie Amir überhaupt nicht arbeiten müssen, dürften die Ausnahme sein.

Allgemein denke ich, es geht in dem Buch nicht um Schuld. Also, natürlich geht es darum dass Amir Schuld aufgeladen hat und Schuldgefühle hat, aber es geht nicht darum, irgendeiner der Figuren den Schwarzen Peter zuzuschieben, sondern zu VERSTEHEN, was passiert ist, wie es dazu kam und welche Rolle wer dabei spielte... die eine ist mehr schuldbelastet, die andere weniger, und es ist auch klar dass Amir eine Hauptschuld trifft; trotzdem führen erst alle zusammen zu der Tragödie: Der unerreichbare Baba, Amir, die fehlende Mutter, der sanfte Ali, Hassan in seiner Loyalität, schließlich auch Assef. Vielleicht hätte es den Lauf der Geschehnisse verändert, wenn sich auch nur eine einzige Figur ein wenig anders verhalten hätte.

So, jetzt muss ich aber schnell weiterlesen, sonst komm ich nicht mehr mit!


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Beitrag #13 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

wow, das geht ja echt schnell hier. Toll! Icon_smile
Auch wenn ich schon jetzt befürchte, nicht immer ganz mitzukommen ...

Cover
Mir gefällt es, der lange Schatten, den Amir auf die Wand wirft, genauso groß wie er selbst, das Festklammern am Stein, ein Fuß vorgesetzt, während sich der Rest des Körpers zurückzuhalten scheint. Stimmt, Ichigo, die Gasse ist idealisiert, das Bild viel zu hell für die Beschreibung im Buch und Amir auch zu sommerlich angezogen. Aber vielleicht - diesen Gedanken finde ich in Hinblick auf die Darstellung Hassans schon sehr interessant - auch ein Teil der Idealisierung, die Amir rückblickend vornimmt? Vielleicht zählt nur noch das Stehen und Blicken auf die Gasse, jenseits der Zeit, des Winters, der Kälte. Vielleicht ist es ja auch ein Amir, der später noch einmal in diese Gasse spät, als längst wieder Sommer ist?
Oder doch nur eine optische Sache, weil der spärlich-sommerlich bekleidete Junge irgendwie besser ins Bild passt.
Den Titel finde ich übrigens richtig toll, der ist auch der Grund, weswegen ich das Buch schon lange mal lesen wollte. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, was ein Drachenläufer ist oder tut.

(Ach, die Seitenzahlen ... ich mag es überhaupt nicht, mitten im Kapitel aufzuhören, da habe ich immer das Gefühl, die Ordnung im Buch zu stören *gg* Wir können ja beim Bereden immer bis zum letzten Kapitel vor dem Schnitt gehen, hier ist das Seite 87.)

Stil
So detailverliebt finde ich es gar nicht. Der Autor schafft da eine gute Mischung aus Umgebung und Handlung, eigentlich stehen doch deutlich die Figuren und ihr Verhalten zueinander im Vordergrund. Die Erinnerungen wirken auf mich wie ein Schutzmechanismus, vielleicht etwas, an das sich Amir wirklich in diesem Moment erinnert oder erinnern will. Wie sie eingeschoben sind, eingeleitet durch die knappe Bezeichnung, irgendwie passt das genau an diese Stelle, in die Leere, die entsteht.
Teilweise ein bisschen störend finde ich die Kursivsetzung bei Originalbegriffen. Ich weiß nicht, warum er die nicht einfach normal in den Text schreibt - dass die Begriffe sind, gefällt mir gut, manches hat eben kein Äquivalent, aber er muss mir nicht auf jeder Seite zeigen, welche Wörter mir fremd sind *g*
Gefällt mir sprachlich bisher sehr, sehr stimmungsvoll, sehr nah, sehr treffend.

Ichigo schrieb:andererseits muss man auch bedenken, in was für einer Welt Amir aufwächst: Es ist einfach ganz klar, dass er der Herr im Haus ist und Hassan der Diener.
Ja, das natürlich. Auf der anderen Seite steht der Beziehung Amir-Hassan auch direkt die Beziehung Baba-Ali gegenüber. Auch wenn über die der Väter nur indirekt etwas gesagt wird. Ich finde die Reaktion von Baba auf Amirs zaghaften Versuch, die Diener auszutauschen, unheimlich gut: Dass er dem Jungen klarmacht, dass das nicht die Lösung ist. Mir kam es beim Lesen auch so vor, als würde Baba Hassan wie einen Freund seines Sohns und weniger wie einen Bediensteten behandeln. Aber das kann auch an der Perspektive und am stillen Neid Amirs liegen, der Baba und Hassan so sieht.
Ja, dass Hassans erstes Wort Amir war und Amirs Baba, ist irgendwie stark. Dass hier tatsächlich schon die Richtung der folgenden Jahre zu erahnen ist, und in gewisser Weise auch, was der Grund für den Bruch zwischen Hassan und Amir ist.

Alter
Mir kamen sie nicht zu alt vor. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Kinder zwischen acht und vierzehn nicht einschätzen kann, nicht weiß, wie sie denken, was "zu alt" und was "noch nicht alt genug" ist - vor allem in anderen Kulturen. [OT]Heute habe ich eine Doku über Straßenkinder in Bukarest gesehen. Was die über ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Träume, ihren Alltag, ihre Zukunft gesagt haben, hat mich irgendwie mitgenommen. Ich denke, man unterschätzt Zehn-, Elf-, Zwölfjährige ziemlich schnell. Zumal welche aus anderen Kulturen.[/OT]

Lady schrieb:natürlich kann ich auch seine angst nachvollziehen und finde es klug von ihm, dass er sich nicht blind darein gestürzt hat.
Ob das wirklich Klugheit ist? Amir hört:
Seite 81 schrieb:"Amir Aga und ich sind Freunde", erklärte Hassan mit rotem Gesicht.
"Freunde?", erwiderte Assef lachend. "Du bemitleidenswerter Narr! Was für eine Fantasie! Eines Tages wirst du schon noch merken, was für ein Freund er ist. Bas jetzt! Genug davon. Gib uns den Drachen."
Hassan bückte sich und hob einen Stein auf.
Also wenn das nicht ein Zeitpunkt ist, um einzugreifen. Gerade das ist ja irgendwie das seltsame bei den beiden - oder eher bei Amir -, dass Hassan sie als Freunde sieht, Amir jedoch nicht. Er sagt nur rückblickend: Mein Leben wäre vielleicht anders verlaufen, wenn ich es getan hätte. Aber ich tat es nicht.
Ichigo schrieb:Ich frage mich, was Hassan Amir gegenüber empfindet. Überhaupt ist Hassan eine sehr unangetastete Figur - zentral, aber man erfährt nichts über sein Innenleben.
Stimmt. Irgendwo sagt Amir, glaube ich, auch, dass er nicht weiß, was in Hassan vorgeht. In der Granatapfelszene (Seite 101) provoziert er Hassan, sich zu wehren, erwartet Gegenwehr, aber bekommt sie nicht. Während er sich vor Hassans Vergewaltigung noch über die Unterschiede der beiden mokiert, wirkt er jetzt verzweifelt. Alles, was Hassan tut, ist, sich einen weiteren Granatapfel aufs Gesicht zu drücken. Ich denke, stärker kann er seine Enttäuschung nicht ausdrücken, selbst wenn Amir das nicht versteht.
Zitat:Vielleicht hätte es den Lauf der Geschehnisse verändert, wenn sich auch nur eine einzige Figur ein wenig anders verhalten hätte.
Der berühmte Schmetterlingsschlag? *g*
Vielleicht - vielleicht hätte auch jemand anders die Rolle Assefs eingenommen, vielleicht hätte die Tragödie eine andere werden können, keine Vergewaltigung, sondern etwas anderes, das Hassan widerfährt, wenn er sich für Amir einsetzt.
Die Schuld, die Amir jetzt trägt, wird aber schon eine zentrale Rolle spielen - weiterhin -, dieser Hätte-Gedanke. Vielmehr scheint es aber Teil einer Lebensgeschichte zu sein, ein Einschnitt. Vielleicht wäre Amir nie aus Kabul weggegangen, wenn es diesen Bruch nicht gegeben hätte. Ich bin wirklich gespannt, wie es ihm ergehen wird.

Liebe Grüße,
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

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Beitrag #14 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

ich freu mich, wie schön das hier funktioniert. Ich glaube es ist auch ein Buch, dass sich für einen Lesekreis sehr eignet. Icon_wink Ich gehe eure Anmerkungen der Reihe nach durch.

@ Libertine

Zitat:Wie seid ihr in das Buch reingekommen?
=> Eigentlich sehr gut. Was mich gewundert hat, denn normalerweise mag ich keine "Ich-Perspektiven" und Details sind auch nicht grade das, was ich schätze. Und für mich, vermutlich weil ich es in dem Ausmaß nicht kenne, ist es doch schon sehr Detailverliebt. Wir wohl damit zusammenhängen, dass ich sonst eher nur Fantasy lese und da selten eine Handlung so ausgewalzt wird. - Ist nicht negativ gemeint.
Was die Perspektive betrifft, so finde ich sie ebenso mehr als passen und bin der Meinung, dass ich bis jetzt wohl eher schlechte Bücher in die Hand bekommen hab und gerade deshalb meine Achtung da wohl etwas gesunken ist.

Zitat:In den ersten Kapiteln hatte ich ein paar Probleme mit Amir. Irgendwie war er mir zu ich-bezogen, die ersehnte Anerkennung durch den Vater zu omnipräsent. Mich hat menschlich gestört, dass er Hassan ignoriert, sobald andere dabei sind und ihn erst recht nie als seinen Freund bezeichnen würde.
=> Nun wirklich gestört hat mich Amirs Verhalten nicht, weil ich seine Art und seine Gedanken großteils sehr gut nachfühlen kann. Es ist zwar moralisch ziemlich niedrig, was er teilweise denkt, bzw. wie er sich Hassan gegenüber oft verhält, aber im Grunde lässt es sich mit Kultur, Lebensart, Standesunterschied und Menschlichkeit gut erklären. Von daher, ist es für mich schon okay, ... wie er ist. Ich kann es ihm nicht verdenken, auch wenn das nicht für alles eine Entschuldigung sein soll.

Zitat:Mittlerweile, nach der Vergewaltigung Hassans, wendet sich das Blatt langsam. Obwohl Amir ihn ignoriert, zeigt ihm die Schuld irgendwie, dass er so nicht weitermachen kann, mit seiner Baba-Fixiertheit scheitern wird, oder es schon ist, weil er mit Hassan jemanden verloren hat, den er nicht so leicht ersetzen kann.
=> Ich glaube Hassan würde sich mit nichts ersetzen lassen. Er hat unwiederbringlich etwas weggeworfen und anstatt die Möglichkeit zu nutzen, etwas auszusprechen, den Staub aufzuwirbeln der sich langsam über alles legt und Trägheit verbreitet, schweigt er weiter. Ich glaube bis zu einem gewissen Punkt würde Hassan Amir doch einfach alles verzeihen.

Zitat:Kennt sich jemand mit dem Afghanistan der 70er Jahre aus?
=> Nein, ich nicht.

Zitat:Ich finde es unheimlich spannend, in diese Welt einen Einblick zu bekommen, in den Alltag der Menschen. Und ich bin wirklich gespannt, wie sich das Land in den folgenden Jahren verändern wird und wie Hosseini das darstellt. Passend dazu sagt Amir in der Nacht des Putsches:
Seite 43 schrieb:Die Generation afghanischer Kinder, deren Ohren nichts als die Geräusche von Bomben und Geschützfeuer kennen würden, war noch nicht geboren.
=> Stimmt. Ich finde dieses Buch eignet sich hervorragend für eine kleine Kulturreise. Vor allem die Stelle, also dieses Zitat hat mich berührt und nachdenklich gemacht, denn oft, wenn etwas Realität ist, fragt man sich gar nicht, wie es vorher war. Wie wundervoll vermutlich, ... - und genau das zeigt dann, was Unfrieden und Gewalt alles zerstören kann.

Zitat:Die Beziehung von Amir und Hassan, ebenso wie die von Amir und Baba, könnte man anhand der ersten hundert Seiten wahrscheinlich schon ordentlich auseinander nehmen.
=> Stimmt, dazu lässt sich viel sagen.

Zitat:
Seite 44 schrieb:Wir ließen uns von ihm in die Arme schließen, und für einen kurzen, wahnsinnigen Moment war ich froh über das, was in jener Nacht geschehen war - was auch immer es gewesen sein mochte. [der Putsch]
Seite 54 schrieb:Hassan hatte nichts getan, um sich Babas Zuneigung zu verdienen; er war bloß mit dieser dummen Hasenscharte zur Welt gekommen.
Das sind zwei der Stellen, an denen ich mir Amir nichts anfangen konnte.
Dann allerdings kommt ein Bruch, ein Satz am Ende des fünften Kapitels, von dem an mir das Buch unheimlich gut gefällt:
=> Amir kann ich schon verstehen. Das hier rührt doch wieder von der Besessenheit her, von dem Gefühl, sein Anrecht auf Baba verteidigen zu müssen. Die erste Stelle zeigt wie, fast schon wahnsinnig, er es sich wünscht von seinem Vater in die Arme genommen zu werden. Und beim Zweiten sieht man, wie schnell die Zuneigung zu allem zerfällt, dass ihm Baba streitig macht.

Zitat:
Seite 65 schrieb:Er [Hassan] war so verdammt ehrlich, dass man sich neben ihm immer wie ein Betrüger vorkam.
Irgendwie gut.
=> diese Stelle mochte ich auch. Ichigos Theorie dazu scheint dann aber fast schlüssig. Vielleicht stellt Amir Hassan wirklich auf einen Sockel und verherrlicht ihn. Ganz sicher sogar ...

Zitat:
Seite 74 schrieb:"Du hast gewonnen, Amir Aga! Du hast gewonnen!"
"Wir beide haben gewonnen! Wir beide!", war alles, was ich sagen wollte
Unglaublich stark, dass sie in diesem Moment des Triumphs von Amir als Einheit gesehen werden. Die Sultane von Kabul, vielleicht das einzige Mal wirklich gemeinsam.
=> Ich muss sagen, das hier hat mich reichlich überrascht. Amir sieht sich mit Hassan doch meist weniger als Einheit. Hassan ist ein Anhängsel und genau in diesem Moment, kehrt sich das um.

Zitat:Mir gefällt es, der lange Schatten, den Amir auf die Wand wirft, genauso groß wie er selbst, das Festklammern am Stein, ein Fuß vorgesetzt, während sich der Rest des Körpers zurückzuhalten scheint. Stimmt, Ichigo, die Gasse ist idealisiert, das Bild viel zu hell für die Beschreibung im Buch und Amir auch zu sommerlich angezogen. Aber vielleicht - diesen Gedanken finde ich in Hinblick auf die Darstellung Hassans schon sehr interessant - auch ein Teil der Idealisierung, die Amir rückblickend vornimmt? Vielleicht zählt nur noch das Stehen und Blicken auf die Gasse, jenseits der Zeit, des Winters, der Kälte. Vielleicht ist es ja auch ein Amir, der später noch einmal in diese Gasse spät, als längst wieder Sommer ist?
Oder doch nur eine optische Sache, weil der spärlich-sommerlich bekleidete Junge irgendwie besser ins Bild passt.
=> Ja ich glaube, da könnte man lange streiten. *lach* Aber mir gefallen deine Gedanken dazu. Mich persönlich hat es eigentlich nicht gestört, einen Jungen in Sommerkleidung zu sehen, auch nicht, dass die Straße nicht schmutzig ist. Vermutlich hätte das Gegenteil weniger anziehend auf potenzielle Käufer gewirkt. Von daher, bin ich auch lieber jemand, der dann halt ein wenig hineininterpretiert und dann damit zufrieden ist. Mrgreen

Zitat:Den Titel finde ich übrigens richtig toll, der ist auch der Grund, weswegen ich das Buch schon lange mal lesen wollte. Weil ich mir nicht vorstellen konnte, was ein Drachenläufer ist oder tut.
=> Stimmt, der hat was magisches. Und in Verbindung mit dem Ende, ... *hust*. Ist ja jetzt noch egal.

Zitat:So detailverliebt finde ich es gar nicht. Der Autor schafft da eine gute Mischung aus Umgebung und Handlung, eigentlich stehen doch deutlich die Figuren und ihr Verhalten zueinander im Vordergrund.
=> *lach* Nun ja, ich hab es weiter oben ja schon gesagt, vielleicht liegt diese Ansicht an meiner begrenzten Erfahrung im Lesen.

Zitat:Teilweise ein bisschen störend finde ich die Kursivsetzung bei Originalbegriffen.
=> Das zum Beispiel stört mich gar nicht. Im Gegenteil ich hab es sogar gut gefunden weil es einen nicht irritiert, wenn man dann das Wort im Lesefluss nicht gleich einordnen kann.
Man beachte: Sogar Gedanken sind in dem Buch kursiv geschrieben. *grins*

Zitat:Gefällt mir sprachlich bisher sehr, sehr stimmungsvoll, sehr nah, sehr treffend.
=> Ja, find ich auch.

Zitat:Mir kamen sie nicht zu alt vor. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich Kinder zwischen acht und vierzehn nicht einschätzen kann, nicht weiß, wie sie denken, was "zu alt" und was "noch nicht alt genug" ist - vor allem in anderen Kulturen. [OT]Heute habe ich eine Doku über Straßenkinder in Bukarest gesehen. Was die über ihr Leben, ihre Wünsche, ihre Träume, ihren Alltag, ihre Zukunft gesagt haben, hat mich irgendwie mitgenommen. Ich denke, man unterschätzt Zehn-, Elf-, Zwölfjährige ziemlich schnell. Zumal welche aus anderen Kulturen.[/OT]
=> Geb ich dir recht. Mich persönlich hat das Alter auch nicht gestört.

Zitat:Also wenn das nicht ein Zeitpunkt ist, um einzugreifen. Gerade das ist ja irgendwie das seltsame bei den beiden - oder eher bei Amir -, dass Hassan sie als Freunde sieht, Amir jedoch nicht. Er sagt nur rückblickend: Mein Leben wäre vielleicht anders verlaufen, wenn ich es getan hätte. Aber ich tat es nicht.
=> das liegt glaub ich wirklich am Standesunterschied. Angefacht von seinem Vater, der Ali ja auch nie als Freund bezeichnet hat. Amir weiß das. Vielleicht eine Erklärung dafür, da er ja eigentlich wie Baba sein will. Oder vielleicht auch ein Schutzmechanismus, da Amir selbst sehr gut weiß, dass Hassan ihm in einigen Dingen überlegen ist.

Zitat:Stimmt. Irgendwo sagt Amir, glaube ich, auch, dass er nicht weiß, was in Hassan vorgeht. In der Granatapfelszene (Seite 101) provoziert er Hassan, sich zu wehren, erwartet Gegenwehr, aber bekommt sie nicht. Während er sich vor Hassans Vergewaltigung noch über die Unterschiede der beiden mokiert, wirkt er jetzt verzweifelt. Alles, was Hassan tut, ist, sich einen weiteren Granatapfel aufs Gesicht zu drücken. Ich denke, stärker kann er seine Enttäuschung nicht ausdrücken, selbst wenn Amir das nicht versteht.
=> Mir kommt Hassan beinahe wie ein bedingungslos liebender Vater vor. Er wirkt moralisch sehr reif und gefestigt für sein Alter. Kümmert sich um Amir Aga, beschützt ihn und muntert ihn auf. Ich finde er übernimmt eigentlich einen großen Teil der Dinge, die eigentlich Baba tun sollte.

Zitat:Vielleicht wäre Amir nie aus Kabul weggegangen, wenn es diesen Bruch nicht gegeben hätte. Ich bin wirklich gespannt, wie es ihm ergehen wird.
* Sternchen sich schwer tut abzuwägen, ob sie das jetzt sagen darf.
Das Argument mit "Amir nie aus Kabul" weggegangen fällt aus dem Bild, denn Amir und Baba haben Kabul ja aus anderen Gründen verlassen: Krieg, bzw. Unruhen die Kabul erschütterten. Ich hab mal ein wenig gelesen. Wiki bietet auch interessantes Vorwissen über Afghanistan.

@ Ichigo

Zitat:Natürlich ist Hassan der sympathischere -- aber er kommt mir manchmal auch geradezu unmenschlich sanft vor. Fast so, als ob Amir ihn im Nachhinein vor lauter Schuld idealisiert!
=> der Gedanken an ein Idealisieren ist schon sehr interessant. Bei "unmenschlich sanft" kann ich dich gut verstehen. Hassan ist schon wirklich ein moralisches Musterbeispiel, - jedenfalls für einen Hazara zu der Zeit. Er lässt alles mit sich machen und begehrt nie auf. Ob das innerlich auch so aussah. Das wäre eine sehr interessante Frage. Auch für mich lesenswert wäre, ob Hassan vielleicht sogar vermutet, bzw. ahnt dass Amir etwas mitbekommen hat oder Bescheid weiß.

Zitat:Ich glaube aber, Amir sehnt sich nicht nur nach der Anerkennung des Vaters; er weiß auch, dass er sie nicht bekommen kann, so wie er ist; und er spürt, dass Hassan besser ist als er. Hassan ist geschickter mit der Steinschleuder, Hassan kann Steine mehrmals über das Wasser hüpfen lassen als Amir, Hassan ist der beste Drachenläufer. Hassan ist auch moralisch überlegen: Er nimmt die Schelte für Streiche auf sich, die eigentlich Amirs Idee waren.
Ich glaube schon, dass Amir spürt, dass er die Rolle des Mächtigeren in der Hierarchie nicht verdient.
=> ja, da kann ich gut verstehen was du meinst. So ähnlich denke ich auch darüber. Amir betrachtet Hassan ja vielleicht gerade deshalb nicht als Freund: Weil er sonst moralisch wüsste, dass er so über Hassan nicht denken dürfte, dass er gewissen Dinge auch gar nicht von Hassan zu verlangen hat, als Freund. Es ist vermutlich einfach für einen Junge des Alters und von diesem Stand, Hassan als praktisches Spielzeug zu sehen. Obwohl man ab und an merkt, dass es ihm auch falsch vorkommt.

Zitat:Nach der Vergewaltigung wünscht sich Amir sogar Hassans Zorn, wünscht sich eine Strafe, aber Hassan vergönnt es ihm nicht. Das ist die Macht des Schwächeren... Er bleibt sanft, wo er mit Fug und Recht auffahren könnte.
=> Das als "Macht" zu sehen, ist schon krass, ...

Zitat:Die Idee für das Cover finde ich an sich gut: Ein vergilbtes Bild von einem Jungen, der in eine Gasse späht, wie eine Erinnerung. Aber die Umsetzung finde ich viel zu „sauber“ - so eine schöne gepflasterte Straße, kein Staub, kein Unrat, wie in der Gassenszene beschrieben. Dass der Junge Sommerkleidung anhat ist eine grobe Unachtsamkeit.
=> Kann da deine Sichtweise schon gut verstehen, aber ich sehe es weniger kritisch. Man kann es ja auch als Interpretations-Zweck sehen wie Libbi. Mrgreen

Zitat:- Zu der schicksalhaften Entwicklung, die in der Gasse gipfelt, hat nicht nur Amirs Baba-Fixiertheit beigetragen - sondern auch Hassans Ergebenheit. Hassan ist als Dienstbote aufgewachsen, wird als Hazara gehänselt, hatte in der Beziehung zu Amir immer den Kürzeren gezogen... und sich immer gefügt. Er hat offenbar gar kein Gefühl dafür, wann die Grenze erreicht ist, an der ER und SEINE Interessen beginnen - und nicht einmal Assef gegenüber in der Gasse scheint er sich zu fragen, ob er wirklich verpflichtet ist, Amir den Drachen zu bringen. „Für dich, tausendmal.“
=> Stimmt. Ist ein guter Gedanken. Amir ist gewohnt das Hassan sich in alles fügt. Vielleicht meint er sogar für Hassan ist es leichter zu ertragen, aufgrund der Resignation, vergewaltigt zu werden, als für Amir selbst von seinem Vater nicht beachtet zu werden. Damit lässt sich ein schlechtes Gewissen aber, wenn überhaupt, auch nur für den Moment beruhigen. Denn innerlich weiß Amir doch schon sehr gut, dass es nicht so ist, dass er kein Recht dazu hat, es Hassan zuzumuten. Und genau das ist glaube ich auch der Grund für seine so lang anhaltenden Gewissensbisse.

Zitat:Hihi, das ist interessant. Mir kommt das Buch überhaupt nicht detailverliebt vor. Jede einzelne Szene, jede einzelne Beschreibung hat ihren Sinn, um Atmosphäre aufzubauen, um die Personen vorzustellen und zu entwickeln. Bücher, die sich auf die Psychologie der Figuren konzentrieren, finde ich oft packender als ... lasst-uns-die-Welt-retten-Abenteuer.
=> Mrgreen Ich sags ja. Es ist für mich vermutlich detailverliebt weil ich eine solche Genauigkeit von so gut wie keinem Fantasy-Buch kenne. Da hab ich wohl mangelnde Erfahrung, um beurteilen zu können. Ich lese ja fast nur ausschließlich Fantasy.

Zitat:Die Ich-Perspektive ist glaube ich dringend notwendig, damit man Amir irgendwie nachvollziehen kann und ihn nicht gleich abstempelt.
=> Ja, da schließe ich mich an. Obwohl es für mich ungewohnt ist zu lesen. Aber es stört kaum.

Zitat:Ich weiß gerade nicht, ob das bis Seite 100 schon vorkommt, aber sehr sehr gut wird ja beschrieben, wie sich die Beziehung zwischen Amir und Baba nur kurzfristig ändert ... letztendlich hat Amir also gar nichts gewonnen.
=> Ja, ich meinte ja diese kurzfristige Änderung. Das Amir gar nichts gewonnen hat, kann ich nur bestätigen.

@ LadydesBlauenMondes

Zitat:mensch, hier ist ja gestern abend ganz schön was passiert. ich freu mich, dass es jetzt endlich richtig los geht.
=> Icon_smile

Zitat:das hat mich auch schwer erschüttert. ich glaube das ist ein versuch amirs seinen vater zu verstehen. irgendwie denke ich, dass mir baba eigentlich unsymphatisch sein sollte, aber er erscheint mir überfordert. er hat genaue vorstellungen, wie sein sohn sein sollte, die amir aber nicht erfüllt und deswegen kann er nicht so richtig was mit ihm anfangen.
=> Stimmt. So perfekt wie Baba tut ist er nämlich nicht. Das wird hier auch klar, wie du es so schön gesagt hast: Er ist überfordert. Und vielleicht merkt Amir das ja auch. Er möchte Baba nicht überfordern, ihn enttäuschen oder daran erinnern, dass er ihm seine Frau weggenommen hat. Ich glaube was Baba betrifft ist Amir ganz schön verzweifelt. Und das hat in meinen Augen viel dazu beigetragen, dass er sich Hassan so gegenüber verhält.

Zitat:ich hab es mir ja gezielt für den lesekreis gekauft. einfach so in der buchhandlung wäre ich wahrscheinlich nur wegen des titels dran hängen geblieben, weil es irgendwie fantasy-mäßig klingt.
=> *lach* Klingt als wärst du langsam auch schon so Fantasy-geschädigt wie ich. Icon_wink

Zitat:amirs gefühle und handlungen finde ich schon nachvollziehbar. wie jeder andere will er von seinem vater geliebt werden. auch sein verhalten gegenüber hassan ist verständlich, wenn man bedenkt, dass er eben so aufgewachsen ist.
=> Da sind wir beide ganz einer Meinung. Natürlich denkt man über die eine oder andere Handlung von ihm schlecht, oder weiß auch mit seiner Denkweise nicht viel anzufangen, aber verständlich finde ich es alle mal.

Zitat:ich wollte ihm noch zurufen, dass er zumindest irgendwas tun sollte.
=> Eigentlich wäre weglaufen und Hilfe holen auch drin gewesen. Ich unterstelle Amir aber einfach einmal, dass er es vielleicht insgeheim auch gar nicht ertragen hätte, wenn sich die Aufmerksamkeit von Baba an jenem Tag an Hassan gerichtet hätte.

Zitat:als ich das gelesen hab, hat der schreiberling in mir sofort gedacht: sehr praktisch gemacht, so muss man das geschehen nicht beschreiben. der leser in mir fand das dann doch ein bisschen seltsam einfach drüberzuschreiben: „eine erinnerung“, aber ich denke das war die einzige möglichkeit diese als solche zu kennzeichnen. es hätte ja auch leicht ein gedankengang sein können, oder ein traum, der dann auch noch folgt.
=> Ja, mir ging es ähnlich. Die Lösung war gut, aber das "Eine Erinnerung" hat mich schon gestört. Ich finde das hätte man mit einem einleitenden Übergang schon anders regeln können, ..

Zitat:in der hoffnung nicht zuviel geschwafelt zu haben,
=> Im Leben nicht! Icon_wink Hab mich sehr gefreut dich schwafeln zu hören.

Grüße,
Sternchen

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Beitrag #15 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
guten abend ihr alle,

Ichigo schrieb:Die Idee für das Cover finde ich an sich gut: Ein vergilbtes Bild von einem Jungen, der in eine Gasse späht, wie eine Erinnerung. Aber die Umsetzung finde ich viel zu „sauber“ - so eine schöne gepflasterte Straße, kein Staub, kein Unrat, wie in der Gassenszene beschrieben. Dass der Junge Sommerkleidung anhat ist eine grobe Unachtsamkeit.

meine theorie zu dem cover ist ja, dass der coveraussucher nur das erste kapitel kannte, bzw. nur grob die handlung. ich meine: wer denkt schon dran, dass es in afghanistan im winter kalt ist? Icon_smile

Ichigo schrieb:- Die Geschichte ist noch nicht zu Ende... In den ersten Worten ist nicht nur für 1975 das Fundament gelegt, sondern auch für „das, was folgte“. Jetzt bin ich wirklich gespannt, was das ist. Ob Amir „es wieder gut machen“ kann, wie Rahim Kham ganz am Anfang am Telefon sagt.

da bin ich auch mal gespannt, wie es weitergeht. so ewig lange können wir auf den schuldgefühlen ja nicht mehr rumreiten. auch wenn die beziehung amir-hassan wahrscheinlich im vordergrund bleiben wird. trotzdem: irgendwas muss noch passieren. ich denke mal, dass auch bald wieder "politische unruhen" ins spiel kommen.

Ichigo schrieb:Ich frage mich, was Hassan Amir gegenüber empfindet. Überhaupt ist Hassan eine sehr unangetastete Figur - zentral, aber man erfährt nichts über sein Innenleben.

richtig. jetzt wo du es ansprichst finde ich das eine interessante tatsache. ich habe hassan ja schon (mehr oder weniger) für die hauptperson gehalten, aber sein innenleben bleibt tatsächlich aussen vor. eigentlich schade, das wäre interessant.

Ichigo schrieb:--- das ist schon harter Tobak, wenn man jetzt mal überträgt, Hassan glaube sein Opfer würde einem höheren Zweck dienen. Vielleicht glaubt er so sehr an die naturgegebene gesellschaftliche Ordnung? So sehr daran, dass er kein Recht hat, sich zu wehren? Er hat bisher ALLES geschluckt, ohne aufzubegehren...
Der Lamm-Vergleich passt ja auch von der Symbolik (unschuldiges Lamm) sehr gut.

den lamm-vergleich fand ich auch interessant. ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass er glaubt sich für irgenwas zu opfern. eher kann ich da der "naturgegeben gesellschaftlichen ordnung" zustimmen, kein recht hat aufzubegehren.

Zitat:Die Ich-Perspektive ist glaube ich dringend notwendig, damit man Amir irgendwie nachvollziehen kann und ihn nicht gleich abstempelt.

das denke ich auch. es ist wichtig zu erfahren, was amir denkt und fühlt, ansonsten wäre er für uns nur ein kleiner egoistischer junge, oder?

Libbi schrieb:Die Erinnerungen wirken auf mich wie ein Schutzmechanismus, vielleicht etwas, an das sich Amir wirklich in diesem Moment erinnert oder erinnern will.

das hab ich beim lesen auch gedacht. es wirkt als ob amir die wirklichkeit gar nicht wahrnehmen will sondern sie einfach ausblendet.

Libbi schrieb:
Zitat:natürlich kann ich auch seine angst nachvollziehen und finde es klug von ihm, dass er sich nicht blind darein gestürzt hat.
Ob das wirklich Klugheit ist?

klugheit, ist es nicht. vllt eher feigheit? er bezeichnet sich dann ja auch selbst als feigling. ich habe eine ganze weile darüber nachgedacht, was in dieser situation wirkich sinnvoll gewesen wäre. ich denke, dass hilfe holen wirklich das sinnvollste gewesen wäre. denn wenn er sich auf eine auseinandersetzung eingelassen hätte, hätte das vllt auch nichts geändert. den aspekt von sternchen find ich dabei auch recht interessant:

sternchen schrieb:=> Eigentlich wäre weglaufen und Hilfe holen auch drin gewesen. Ich unterstelle Amir aber einfach einmal, dass er es vielleicht insgeheim auch gar nicht ertragen hätte, wenn sich die Aufmerksamkeit von Baba an jenem Tag an Hassan gerichtet hätte.

klar, die aufmerksamkeit hätte dann (wiedereinmal) hassan bekommen. aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass amir in diesem moment daran gedacht hat. ich denke, seine angst steht da im vordergrund und natürlich sein denken, dass hassan ja nicht wirklich sein freund ist.

sternchen hat die frage auch irgendwo aufgeworfen: glaubt ihr eigentlich, dass hassan mitbekommen hat (oder vermutet), dass amir da gewesen ist?
denn amirs verhalten danach hat sich ja schon geändert. das fällt doch auf.

sternchen schrieb:=> Im Leben nicht! Icon_wink Hab mich sehr gefreut dich schwafeln zu hören.

na dann ists ja gut, denn ich fürchte ich werde hier wieder ins schwafeln kommen. Icon_smile

ich wünsche euch noch einen schönen abend!

Lady

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Beitrag #16 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
So, es geht bei mir IMMER noch um die ersten 100 Seiten.........

Zitat:Mir kommt Hassan beinahe wie ein bedingungslos liebender Vater vor. Er wirkt moralisch sehr reif und gefestigt für sein Alter. Kümmert sich um Amir Aga, beschützt ihn und muntert ihn auf. Ich finde er übernimmt eigentlich einen großen Teil der Dinge, die eigentlich Baba tun sollte.
Oh, jetzt wird es spannend! Hassan übernimmt viele Dinge, die ein Baba tun sollte... stimmt genau!!! Aber Amir kann das von einem Diener und Hazara, den er für schwächer hält, nicht annehmen.

Zitat:Ichigo: Hassan [hat ... ] sich immer gefügt. Er hat offenbar gar kein Gefühl dafür, wann die Grenze erreicht ist, an der ER und SEINE Interessen beginnen - und nicht einmal Assef gegenüber in der Gasse scheint er sich zu fragen, ob er wirklich verpflichtet ist, Amir den Drachen zu bringen.
Sternchen: Stimmt. Amir ist gewohnt das Hassan sich in alles fügt. Vielleicht meint er sogar für Hassan ist es leichter zu ertragen, aufgrund der Resignation, vergewaltigt zu werden, als für Amir selbst von seinem Vater nicht beachtet zu werden.

Ich meinte das eigentlich nicht als Hinweis auf AMIRS Verhalten sondern auf HASSANS Verhalten. Ich meine, warum hat Hassan nicht gesagt: „Okay Jungs, hier habt ihr den Drachen, jetzt lasst mich gehen.“ Theorie: Hassan mangelt es an Selbstrespekt, er scheint kein starkes Bewusstsein dafür zu haben, dass er ein Recht hat, seine Bedürfnisse und seine Belange zu erfüllen. Das lässt sich leicht erklären mit seinem Charakter, seinem gesellschaftlichen Stand und seiner Erziehung durch Ali................. und durch ......... jetzt passt auf Leute, ich könnte jetzt zwar noch mehr Anmerkungen über Details verlieren, aber stattdessen will ich euch mal eine These zur Entschlüsselung Hassans zur Diskussion stellen :D

ABRAHAM, AMIR UND HASSAN -- THESEN

Eid-e-Qorban ist ein Fest zur Erinnerung an Abraham, der Gott beinahe seinen eigenen Sohn geopfert hätte. Rufen wir uns die Geschichte in Erinnerung: Gott forderte Abraham dazu auf, seinen Sohn zu opfern. Als sich Abraham überwand und Isaak bereits auf den Opferstein lag, Abraham die Klinge hob, fiel ihm in letzter Minute ein Engel in den Arm und verhinderte die Opferung. Gott habe Abraham nur auf die Probe stellen wollen, wie stark sein Glaube sei, und nicht wirklich an eine Opferung gedacht.

(Das folgende wäre besser in eine Tabelle mit einer Hassan-Spalte und einer Amir-Spalte geschrieben, stellt sie euch einfach im Kopf vor...)

- Ich hab die Isaak-Geschichte nicht gemocht. Meiner Meinung nach hätte Abraham sagen müssen: „Du willst dass ich meinen Sohn opfere? So einem Gott diene ich nicht.“ Und Gott hätte geantwortet: „Bingo Abraham, ich sehe du hast die richtige Einstellung. Wollte ich nur mal antesten.“ Tatsächlich aber gibt Abraham Gott die oberste Priorität, sogar höher als das Leben seines Sohnes.
- Amir gibt Baba die oberste Priorität - weit höher als Hassan! Amirs erstes Wort war „Baba“ und für ihn steht Baba ganz oben; er würde alles für ihn tun.
- Hassan gibt Amir die oberste Priorität, sogar höher als sich selbst. Hassans erstes Wort war „Amir“ und er besitzt gar nichts anderes als sich selbst, das er (auf)opfern könnte.
Er HÄTTE Assef den Drachen übergeben können. Hassans bedingungslose Loyalität gleicht der bedingungslosen Loyalität Abrahams, nur dass er sich selbst opfert.

Warum?

Nach dem Tod von Amirs Mutter bleibt Amir kaum eine andere Bezugsperson als Baba -- genauso bleibt Hassan neben seinem anderen Vater kaum eine andere Möglichkeit für Freundschaft als Amir.

Fatal wirken auch die gesellschaftlichen Umstände: In der klaren Hierarchie zwischen Paschtunen und Hazara ist es schwer für die beiden Jungen, sich überhaupt als gleichberechtigt anzusehen. Zum Beispiel ist es gar keine richtige Option für Amir, Hassan auch öffentlich als seinen Freund zu behandeln (selbst wenn er wollte), weil er damit gesellschaftliche Verachtung auf sich ziehen würde - ist euch aufgefallen, dass Amir sich sogar rechtfertigen musste, warum er nach einem Hazara sucht??
Hassan wird ständig gehänselt und verspottet - im Gegensatz dazu ist Amir wahrscheinlich geradezu sanft! Zudem steht Hassan das Beispiel seines eigenen Vaters ja vor Augen, der sich alles gefallen lässt und der durch treue Dienste an „Baba“ zudem eine Gunstposition sichern konnte, von der andere Hazara nur träumen. Durch Hassans gesellschaftliche Isolation wächst die Abhängigkeit zu Amir...
Und ist euch aufgefallen, dass sich beide genauso verhalten, wie es die Gesellschaft an sie fordert: Amir versucht ein Held zu werden; Hassan versucht ein loyaler Diener zu sein. Amir steht nicht für einen Hazara ein; Hassan gibt alles für einen Paschtunen.

ABER, die einzige Erklärung für ein Verhalten wie Hassans, das sich SO sehr aufgibt, ist für mich: aus Liebe. Gesellschaft bildet ganz klar den Hintergrund dazu, aber letztlich opfert sich Hassan nicht für irgendwelche gesellschaftlichen Ordnungen - er opfert sich für Amir! Hassan braucht Amirs Aufmerksamkeit, braucht überhaupt einen Freund - vielleicht einen Gott. Er WILL Amir dienen. Die Freundschaft ist ihm so kostbar, dass er sogar in Kauf nimmt, dass er Amir viel weniger wert ist als umgekehrt.

„Alles hat seinen Preis“:
Amir sieht den Drachen als „Schlüssel zu Babas Herzen“ - er opfert sogar Hassan dafür.
Hassan mag den Drachen als „Schlüssel zu Amirs Herzen“ sehen - er opfert sogar sich selbst dafür.

Amir ist tief enttäuscht, als er merkt, dass er Babas Anerkennung nicht auf längere Zeit durch den Drachen (den „Schlüssel zu Babas Herzen“) erlangen kann. Es ist eben nicht so, wie er es sich gedacht hatte: „Ich würde mich großartig in Szene setzen: der Held, der mit der wertvollen Trophäe in den blutigen Händen durch die Tür tritt. (...) Ein dramatischer Moment der Stille. Dann würde der alte Krieger auf den jungen zugehen, ihn umarmen, ihn anerkennen. (...) Und dann? Nun ... von nun an lebten sie natürlich glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Was sonst?“
Vielleicht hatte sich ja auch Hassan ausgemalt, wie er den Drachen an Amir übergibt. Was für eine Enttäuschung muss Hassan wohl verspüren, als Amir ihn plötzlich meidet? Als sich die Jungen auf S. 87 nach der Vergewaltigung treffen, sagt Hassan kein Wort über das Geschehene - aber sicherlich wünscht er sich, dass Amir die Anzeichen erkennt, dass Amir etwas sagt, das Opfer anerkennt, IHN anerkennt.

Auch Baba weiß nicht, welches Opfer Amir für ihn erbracht hat, und Amir spürt bald, dass der Preis viel zu hoch war. Er versucht verzweifelt, sich seinen „Lohn“ einzufordern, zum Beispiel indem er Baba um die Fahrt nach Jalalabad bittet - die aber gänzlich anders ausfällt als er sich erträumt hatte. Ohnehin kann Amir nichts mehr genießen: An mehreren Stellen sagt er, er fühle sich „leer“.
Sicher spürt auch Hassan, dass er einen zu hohen Preis gezahlt hat. Auch Hassan versucht schließlich, sich seinen „Lohn“ zu holen:
„Zu meiner Bestürzung versuchte Hassan immer wieder, die Dinge zwischen uns aufleben zu lassen.“
„Was habe ich denn nur getan, Amir Aga? So sag es mir doch. Warum spielen wir denn nicht mehr zusammen?“
Er wird aber abgewiesen oder aber der gemeinsame Ausflug unter den Granatapfelbaum fällt gänzlich anders aus als Hassan es erhofft hatte. Und sicherlich fühlt sich auch Hassan „leer“.

Ich frage mich, ob Gott Abraham verziehen hätte, hätte sich Abraham gegen den „Befehl“ zur Wehr gesetzt. Aber vielleicht muss man Gott bei der Sache auch ausblenden, denn Gott WOLLTE das Opfer eigentlich nicht ... vielleicht wäre es tatsächlich ABRAHAM gewesen, der SICH SELBST nicht verziehen hätte, hätte er das Opfer nicht (beinahe) erbracht!! Vielleicht hätte dann Abraham gedacht, Gottes Anerkennung nicht verdient zu haben.
Was wäre zwischen Baba und Amir vorgefallen, was zwischen Amir und Hassan, wenn der Drache NICHT erlaufen worden wäre? Wahrscheinlich wäre es mehr oder weniger so wie zuvor gewesen, aber Amir hätte sich gegrämt, Baba den Drachen nicht gebracht zu haben, und Hassan hätte sich gegrämt, Amir den Drachen nicht gebracht zu haben......... denn beide wünschen sich mehr Anerkennung von ihren jeweiligen Göttern, als sie im Augenblick bekommen.

Ist das alles tragisch!

Mir fiel noch ein: Sehr wichtige Seiten sind auch die, auf denen der Vorspann zu dem Wettkampf beschrieben wird - wie sich die Nervosität aufbaut, die Anspannung, wie Baba Erwartungen suggeriert und Amir nur noch auf diesen Tag hinfiebert. Auch die Beschreibung, welche große Bedeutung das Drachenspiel in der Gesellschaft hat. Auch dieser Vorspann ist sicher Teil der Erklärung für Amirs Verhalten. Und auch ein Teil der Erklärung für Hassans Verhalten, denn auch für Hassan baut sich Erwartungsdruck auf...


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Beitrag #17 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

die Diskussion über die weiteren 100 Seiten hat gestern gestartet. Es ist also bereits erlaubt darüber zu plaudern. Demnach: nicht schüchtern sein. Icon_wink Mein Beitrag folgt heute Abend, früher wird es mir nicht möglich sein.

@ Ichigo
- da hast du dir aber sehr viel Mühe gegeben. Ein solcher Vergleich ist furchtbar interessant. Leider weiß ich selbst nicht sehr viel über Isaak, aber was du geschrieben hast, kann man nachvollziehen und bietet eigentlich eine sehr treffende These. Das Amir und Baba Götter für bestimmte Menschen sind, ist nachvollziehbar. In Wahrheit geht es Menschen die Liebe brauchen wie Wasser und Brot doch zumeist genau so. Sie müssten sich bestätigt fühlen, anerkannt und geliebt.

Ichigo schrieb:Zum Beispiel ist es gar keine richtige Option für Amir, Hassan auch öffentlich als seinen Freund zu behandeln (selbst wenn er wollte), weil er damit gesellschaftliche Verachtung auf sich ziehen würde - ist euch aufgefallen, dass Amir sich sogar rechtfertigen musste, warum er nach einem Hazara sucht??
=> vor dem Mann am Markt, ja.

Ichigo schrieb:Was wäre zwischen Baba und Amir vorgefallen, was zwischen Amir und Hassan, wenn der Drache NICHT erlaufen worden wäre? Wahrscheinlich wäre es mehr oder weniger so wie zuvor gewesen, aber Amir hätte sich gegrämt, Baba den Drachen nicht gebracht zu haben, und Hassan hätte sich gegrämt, Amir den Drachen nicht gebracht zu haben......... denn beide wünschen sich mehr Anerkennung von ihren jeweiligen Göttern, als sie im Augenblick bekommen.
=> Die Theorie finde ich interessant, hätte auch gar nichts, dass ich dagegen einwenden könnte, denn in sich ist es schlüssig.

Danke für deine Worte. Vieles liegt schön auf der Hand, war auch vorher schon als Vermutung gegeben, du hast es nochmals vertieft und das find ich sehr sehr schön. Icon_smile

Liebe Grüße,
Sternchen

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Beitrag #18 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo ihr Drachenläufer-Leser,

na dann fang ich doch einfach mal an zu plaudern. Icon_smile

erst nochmal zu Ichigos-Theorien:

Zitat:-Amir gibt Baba die oberste Priorität - weit höher als Hassan! Amirs erstes Wort war „Baba“ und für ihn steht Baba ganz oben; er würde alles für ihn tun.
- Hassan gibt Amir die oberste Priorität, sogar höher als sich selbst. Hassans erstes Wort war „Amir“ und er besitzt gar nichts anderes als sich selbst, das er (auf)opfern könnte.

Ich denke, dass genau das hier, die Grundvoraussetzung des ganzen ist. Dazu kommt noch ein bisschen gesellschaftlicher Hintergrund, die Väter die als Vorbild dienen und schon Verhalten sich die beiden, so wie es tun. Sowohl Hassan als auch Amir.

Zitat:Amir sieht den Drachen als „Schlüssel zu Babas Herzen“ - er opfert sogar Hassan dafür.
Hassan mag den Drachen als „Schlüssel zu Amirs Herzen“ sehen - er opfert sogar sich selbst dafür.

Jawohl und beide sind über das Ergebniss unglücklich. Keiner erhält die Annerkennung, die er sich gewünscht hat. Da merkt man, meiner Meinung nach, dass die beiden doch noch Kinder sind und diese recht einfache "Drachentheorie" aufstellen.

Zitat:Was wäre zwischen Baba und Amir vorgefallen, was zwischen Amir und Hassan, wenn der Drache NICHT erlaufen worden wäre? Wahrscheinlich wäre es mehr oder weniger so wie zuvor gewesen, aber Amir hätte sich gegrämt, Baba den Drachen nicht gebracht zu haben, und Hassan hätte sich gegrämt, Amir den Drachen nicht gebracht zu haben.

Nun, wenn der Drachen nicht erlaufen worden wäre, dann wäre alles wie bisher gewesen nehme ich an. Alle beteiligten wären enttäuscht von sich gewesen, aber das Leben wäre weitergegangen. Sie hätten sich vielleicht Hoffnungen für das nächste Jahr gemacht.

Zitat:Sehr wichtige Seiten sind auch die, auf denen der Vorspann zu dem Wettkampf beschrieben wird - wie sich die Nervosität aufbaut, die Anspannung, wie Baba Erwartungen suggeriert und Amir nur noch auf diesen Tag hinfiebert. Auch die Beschreibung, welche große Bedeutung das Drachenspiel in der Gesellschaft hat.

Na klar, baut das Spannung auf. Es hilft uns mit den allen mitzufiebern, zu Hoffen, dass alle Erwartungen in Erfüllung gehen. Und es hilft zu Verstehen, was denn nun an diesem Drachen zu wichtig ist und warum alle ihre Hoffnungen in dieses blaue Stück Papier legen.

So und jetzt zu den Seiten 100 bis 200 wie hier ja schon vermutet wurde, begleiten wir Amir durch sein weiteres Leben.

Hassan und Ali verlassen Kabul
Amir kann mit seiner Schuld nicht mehr leben, bzw. kann nicht mehr mit Hassan zusammen wohnen, glaubt sich von seinen Gewissensbissen zu befreien, wenn er Hassan nicht mehr sieht. Also versucht er Baba davon zu überzeugen die beiden wegzuschicken und versucht Hassan als Dieb dastehen zu lassen. Aber so richtig, wie er sich das vorgestellt hat funktioniert es nicht. Baba verzeiht den beiden, Hassan lügt für Amir und Ali möchte freiwillig gehen. Hier wird auch klar, dass Hassan davon wusste, dass Amir alles beobachtet hat. Aber er ist ihm trotzallen noch treu und lügt sogar für ihn.
Ich hätte das ehrlich gesagt Amir nicht zugetraut, so eine Intrige gegen Hassan (und auch Ali) einzufädeln. Aber mit dem Geschenkeberg in seinem Zimmer scheint auch seine Verzweiflung, seine Schuldgefühle zu wachsen.

Auf der Flucht
Ich hatte ja schon vermutet, dass die beiden aus politischen Gründen flüchten müssen und so kam es dann ja auch. Amir und Baba flüchten vor den sowjetischen Soldaten.

S. 126 schrieb:Sag ihm, dass er sich da irrt. Krieg bedeutet nicht, dass wir keinen Anstand mehr haben können. Er fordert ihn sogar, mehr noch als in Friedenszeiten."

Hier war ich über Baba überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass er so für eine Fremde einsetzt. Aber es passt zu seinem Chrarakter, dass er für die Ehre einsteht. Bei dieser Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass wir Baba eigentlich recht wenig kennen.
Spontan ist mir hier der Vergleich aufgefallen, zwischen Krieg und dem Drachenlauf. Amir zieht diesen Vergleich wenig später ja auch. Da zeigt sich schon, dass auf Amirs Vergangenheit immerwieder bezug genommen wird.

Auf der Flucht begegnen wir dann auch Kamal, einer der Helfer Assefs. Der dann ja auch dasselbe Schicksal erleidet, wie Hassan und die Flucht gar nicht überlebt. Hier ging mir kurz der Gedanke durch den Kopf, dass auch Wali und Kamal Opfer Assefs sind. Sie wollten das Hassan eigentlich nicht antun, aber er hat sie dann dazu überredet. Deshalb tragen die beiden für mich weniger Schuld daran, als Assef. Ich bin mal gespannt, ob wir den auch nochmal wiedersehen.

S. 132 schrieb:Er leerte die Dose und hob eine Hand voll Erde von der Mitte der unbefestigten Straße auf. Er küsste die Erde. Ließ sie in die Dose rieseln. Steckte die Dose in seine Brusttasche, direkt neben dem Herzen.

Die Stelle fand ich sehr beeindruckend. Zum ersten Mal erfahren wir direkt etwas über Babas Gefühle. Hier wird schon deutlich, dass er sich schwer tut sein Land zu verlassen, dass er dazu gezwungen wurde. Ob er da geblieben wäre, wenn es Amir nicht geben würde?

In Amerika
Amir beschreibt das Land sehr schön:
S. 148 schrieb:Amerika war ein Fluss, der dahinbrauste, ohne sich um die Vergangenheit zu scheren. Ich konnte in diesem Fluss hineinwaten, meine Sünden in ihm ertränken und mich von seinem Wasser weit wegtragen lassen. Dahin, wo es keine Geister gab, keine Erinnerungen, keine Sünden.

Kurzzeitig hatte ich den Eindruck, dass sich Amir und Baba besser verstehen, nachdem sie nach Amerika gekommen sind. Eben, weil sie jetzt nur noch sich haben und Baba weniger Bekannte. Aber dann hat sich meine Eindruck ein wenig geändert:

S. 147 schrieb:Meine Wangen brannten, und ich fühlte mich schuldig, schuldig, dass ich mir auf Kosten seines Magengeschwürs, seiner schwarzen Fingernägel und seiner schmerzenden Handgelenke etwas gönnte. Aber ich entschied mich, nicht nachzugeben. Ich wollte keine Opfer mehr für Baba bringen. Bei letzten Mal, als ich das getan hatte, hate ich mich selbst verdammt.

Natürlich versucht Baba immernoch seinen Willen durchzusetzen. Was ja auch verständlich ist, er will das Beste für Amir. Aber man merkt, dass Amir inzwischen auch mal seinen Willen durchsetzten kann, erwachsener geworden ist.

Amir wird Erwachsen
Baba bekommt Krebs diagnostiziert und für Amir bricht dementsprechend eine Welt zusammen. Aber fast zeitgleich lernt er Soraya kennen und verliebt sich. Die Hochzeit findet sehr schnell statt, damit Baba sie noch miterleben kann. Da habe ich mal kurz überlegt, ob die Hochzeit nicht zu übereilt war? Vielleicht aus Amirs Angst geboren plötzlich allein darzustehen? Er hat kaum eine Möglichkeit gehabt seine Braut und ihre Familie weiter kennenzulernen, auch weil die Verlobungzeit einfach übersprungen wurde. Aber gut, ich habe die Hoffnung, dass die Ehe funktioniert.
Als Baba dann stribt, ist die Trauer bei mir irgendwie ausgeblieben. Vielleicht liegt es an der Erzählperspektive, oder auch daran, dass Baba schon ziemlich gelitten hat und es für ihn eine Erlösung war.

Soraya und ihre Familie
Amirs Frau Soraya ist mir symphatisch. Sie hält nicht so steif an den alten Traditionen fest, wie z.b. ihr Vater. Zudem ist sie Amir gegenüber sehr ehrlich, was ihre Vergangenheit betrifft. Sie hat ähnliche Probleme mit ihrem Vater wie Amir mit Baba. Die Väter wollen sich immer durchsetzten. Aber ich glaube das ist ein Phänomen was es überall gibt. Ihre Mutter ist mir auch symphatisch, sie mag Amir und kümmert sich um ihn. Aber General Taheri kann ich irgendwie nicht leiden. Er wartet einfach nur darauf, wieder nach Afghanistan zurückkehren zu können. Nicht so wie Baba, der seine Heimat zwar auch vermisst, aber wenigstens Arbeiten geht und auf die Fürsoge verzichtet. Außerdem verhält sich Taheri gegenüber seiner Frau nicht gerade nett.

... und dann ist da immernoch Hassen
Wie ein Geist schwirrt er immernoch in Amirs Gedanken herum. Schon bei der Flucht, als er an etwas schönes Denken sollte, hat er an einen Sommertag mit Hassan gedacht. Dann als Soraya ihm von ihrer Vergangenheit erzählt hat, hat sich Amir sofort schlecht gefühlt, weil er ihr gegenüber nicht so ehrlich war. Und schließlich, als die Kinderlosigkeit zum Thema wird, hält es Amir für seine Gerechte Strafe, für das was er Hassan angetan hat.

Liebe Grüße
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #19 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo LadydesBlauenMondes,

freu mich sehr wieder hier von dir zu lesen und über den prompten Beitrag zum Lesekreis. Ich bin sicher, die anderen gesellen sich bald dazu. Dann mal auf auf ...

LadydesBlauenMondes schrieb:Jawohl und beide sind über das Ergebniss unglücklich. Keiner erhält die Annerkennung, die er sich gewünscht hat. Da merkt man, meiner Meinung nach, dass die beiden doch noch Kinder sind und diese recht einfache "Drachentheorie" aufstellen.
=> Da bin ich ein wenig unschlüssig. Ich glaube es liegt sicher mitunter am "Kind sein", aber nicht völlig. Sehr interessant wäre, was geschehen würde, wäre zu dieser Zeit noch nichts passiert und Amir und Hassan gemeinsam erwachsen geworden. Hätte sich das Ganze so entwickelt wie bei Ali und Baba? Baba der Ali vor Gemeinheiten genauso wenig schützt wie Amir es in dieser Gasse getan hat.
Stellt man sich die Situation in der Gasse einmal vor, wenn beide schon älter wären. Hätten sie sich anders verhalten? Amir glaub ich nicht. Wenn das Leben weiter so ruhig verlaufen wäre, hätte er wohl auch nie wirklich gelernt, was er aus der vergangen Situation hätte lernen müssen. Bei Hassan, bin ich mir nicht sooo sicher. Ich glaube aber auch, dass er sich ebenso geopfert hätte. Wenn nicht in so einer Gasse, dann eben anders wo. Dafür war und ist seine Liebe ja ungebrochen. Nicht einmal der untergeschobene Diebstahl hat Hassan dazu gebracht, seinem "Herrn" den Rücken zu kehren. Wenn auch auf andere Weise.

LadydesBlauenMondes schrieb:Ich hätte das ehrlich gesagt Amir nicht zugetraut, so eine Intrige gegen Hassan (und auch Ali) einzufädeln. Aber mit dem Geschenkeberg in seinem Zimmer scheint auch seine Verzweiflung, seine Schuldgefühle zu wachsen.
=> So wie es im Buch beschrieben war, hat man aber auch das Gefühl, dass er nicht weit genug gedacht hatte. Sich nicht wirklich bewusst war, was für einen Schaden er wirklich anrichtet. Was er damit Baba antut, Ali und Hassan. Sehr berührend fand ich auch, dass Amir sich geradezu gefreut hat, dass Ali die Wahrheit wusste. Das ein Mensch ihn "durchschaut" hat neben Hassan. Völlig und ohne irgendeinen Schleier. Genau das ist es, was Amir sich irgendwo auch gewünscht hat, aber er wäre für sich zu feige, sich dann den Konsequenzen zu stellen. Zu feige, aufzuspringen und dem Auto tatsächlich nachzulaufen. Die Tür aufzureißen, Hassan zu umarmen, ... wie in besagten Filmen. Auch eine wunderschöne sprachliche Stelle, die wirklich gegriffen hat.

LadydesBlauenMondes schrieb:Bei dieser Gelegenheit ist mir aufgefallen, dass wir Baba eigentlich recht wenig kennen.
=> das stimmt. Man wirft eigentlich immer nur durch Amirs Augen, durch die eines Kindes, einen Blick auf ihn. Bis hier. Was mich an der Stelle sehr überrascht hat - und ich glaube, dass ist erlaubt zu erwähnen, da es jetzt ja schon gelesen wurde - dass Amir zu dieser Zeit im Buch ein Jugendlicher ist. Im Film verlässt er Kabul schon viel früher.

LadydesBlauenMondes schrieb:Hier ging mir kurz der Gedanke durch den Kopf, dass auch Wali und Kamal Opfer Assefs sind. Sie wollten das Hassan eigentlich nicht antun, aber er hat sie dann dazu überredet. Deshalb tragen die beiden für mich weniger Schuld daran, als Assef. Ich bin mal gespannt, ob wir den auch nochmal wiedersehen.
=> Nun, ich muss gestehen, dass mich so etwas doch sehr kalt lässt. Für mich ist ein Mittäter nicht wirklich weniger schuldig. Ganz einfach deshalb, weil sobald man jemanden so eine "Milderung" zugesteht, man es damit fast schon entschuldigen könnte, bzw. so etwas erlaubt. Und es ist nicht zu entschuldigen. Ganz egal wie sehr man in Versuchung gerät, mitzulaufen. Mitläufer haben auch einen eigenen Kopf und den haben sie zu benutzen! Sicherlich war es damals für die beiden nicht leicht, vielleicht hatten sie sogar selbst Angst vor Assef, aber wenn sich alle gegen Assef gestellt hätten, die ihn fürchteten - sogar seine Eltern - dann wären solche Menschen einfach nicht fähig, sich so durchs Leben zu schlängeln.

LadydesBlauenMondes schrieb:Die Stelle fand ich sehr beeindruckend. Zum ersten Mal erfahren wir direkt etwas über Babas Gefühle. Hier wird schon deutlich, dass er sich schwer tut sein Land zu verlassen, dass er dazu gezwungen wurde. Ob er da geblieben wäre, wenn es Amir nicht geben würde?
=> Ich glaube das lässt sich mit ziemlicher Sicherheit mit einem "Ja" beantworten. Auch später in Amerika habe ich den Eindruck errungen, bzw. hat Baba auch erwähnt, dass er für Amir hier ist und nur für ihn. Ich glaube, da kommt einfach wieder einmal der Stolz zum Vorschein, der ihn "Richtig" handeln lässt und ihn dafür verantwortlich macht, Amir ein gefahrloses Leben zu bieten. Eigentlich wieder etwas, dass Amir dazu bringen könnte, dass er auf die Idee kommt sein Vater müsste ihn hassen. Schließlich hat er neben seiner Frau nun auch mitunter das Land an ihn verloren. - das aus der Sicht des "kleinen" Amirs einmal gesehen.
In jedem Fall bin ich sicher, dass Baba das für Amir getan hat und welches Opfer er dafür entrichtet hat, zeigt sich an der zitierten Stelle sehr sehr gut. Er liebte und liebt sein Land. Auch im Film wird das nochmals betont, als Baba stirbt.

Zitat:Kurzzeitig hatte ich den Eindruck, dass sich Amir und Baba besser verstehen, nachdem sie nach Amerika gekommen sind. Eben, weil sie jetzt nur noch sich haben und Baba weniger Bekannte.
=> Ich für meinen Teil sehe in der Beziehung sehr wohl eine Verbesserung. Ob es jetzt "Besser verstehen" ist oder einfach nur "Resignation und dadurch folgende Akzeptanz" ist mir aber nicht klar geworden. Was ich schade finde, denn ich konnte mir die Entwicklung ihrer Beziehung viel weniger erklären, bzw. hatte mir erwartet, dass sie nach Amirs Jugend nicht so leicht wortkarg abgehandelt wird. Soweit ich mich erinnere, stand da nämlich nirgendwo ein kleiner, erklärender Absatz dazu, wie es sich hat weiter entwickelt, bzw. was genau dahinter stand.
Andeutungen waren genug, ja. Auch zwischen den Zeilen wurde viel gesagt, aber ich hätte mir noch ein klein wenig mehr gewünscht.

LadydesBlauenMondes schrieb:Natürlich versucht Baba immernoch seinen Willen durchzusetzen. Was ja auch verständlich ist, er will das Beste für Amir. Aber man merkt, dass Amir inzwischen auch mal seinen Willen durchsetzten kann, erwachsener geworden ist.
=> das ist richtig. Ich finde aber nicht, dass diese Tatsache bedeutet, sie würden sich "nicht besser verstehen". Im Gegenteil, vielleicht kann gerade Baba deshalb mit Amir besser leben, weil er gemerkt hat, dass der Junge ein wenig standhafter geworden ist. Ich glaube, auch wenn das bedeutet auf einige Wünsche verzichten zu müssen, ist das für Baba doch vielleicht sehr wichtig. Wir war das am Anfang noch? "Ein Mann der nicht selbst für sich einsteht, steht für nichts und niemanden ein." - Irgendwie so, ...

LadydesBlauenMondes schrieb:Die Hochzeit findet sehr schnell statt, damit Baba sie noch miterleben kann. Da habe ich mal kurz überlegt, ob die Hochzeit nicht zu übereilt war? Vielleicht aus Amirs Angst geboren plötzlich allein darzustehen? Er hat kaum eine Möglichkeit gehabt seine Braut und ihre Familie weiter kennenzulernen, auch weil die Verlobungzeit einfach übersprungen wurde. Aber gut, ich habe die Hoffnung, dass die Ehe funktioniert.
=> Nun, was die Eheleute betrifft, so habe ich den Eindruck, dass man, selbst wenn schon verlobt, nicht wirklich die Möglichkeit hat, sich näher zu kommen, bzw. "wirklich" kennen zu lernen. Der Gedanke ist aber sehr interessant, dass Amir quasi auf der Suche war, um nicht allein bleiben zu müssen. Wobei ihm Soraya glaub ich auch schon davor aufgefallen ist. Die Beziehung steht meiner Meinung nach aber unter einem guten Stern. Ganz einfach auch aus dem Grund, da Amir sich mit Soraya verbunden fühlt, wenn es darum geht, ob Fehler gemacht wurden. Ich glaube, es erleichtert ihm auch insgeheim, dass er damit in seiner Ehe nicht ganz alleine steht, denn Baba, konnte ihm bis dahin kein "Zusammen stark mit Fehlern" zugestehen.

LadydesBlauenMondes schrieb:Als Baba dann stribt, ist die Trauer bei mir irgendwie ausgeblieben. Vielleicht liegt es an der Erzählperspektive, oder auch daran, dass Baba schon ziemlich gelitten hat und es für ihn eine Erlösung war.
=> Wirklich getrauert hab ich auch nicht, obwohl es mir doch schon sehr Leid tut um ihn.

LadydesBlauenMondes schrieb:Aber General Taheri kann ich irgendwie nicht leiden. Er wartet einfach nur darauf, wieder nach Afghanistan zurückkehren zu können. Nicht so wie Baba, der seine Heimat zwar auch vermisst, aber wenigstens Arbeiten geht und auf die Fürsoge verzichtet. Außerdem verhält sich Taheri gegenüber seiner Frau nicht gerade nett.
=> Nun ja, wirklich "nicht mögen" tue ihn Taheri nicht. Ich kann mir sein Verhalten gut durch die Kultur erklären, die er zu pflegen meint. Es hat wohl sehr viel mit Stolz zu tun und genau das finde ich interessant. Auch Baba war ebenso ein überaus stolzgeprägter Mensch. Doch unterscheidet sich hier Taheris Stolz, obwohl sicher nicht minder vertreten, zu Babas ganz ausschlaggebend. Babas Stolz hat ihn dazu gebracht, arbeiten zu gehen und sich ... anzupassen an sein neues Leben. Dafür wurde er glaube ich auch von allen Seiten stets geliebt und geachtet. Taheris Stolz hat genau das Gegenteil bewirkt. Was man also auch immer über Baba sagen kann, dass er ein weltfremder, hochnäsiger Mensch war, wird es nicht sein. Sehr gefreut hab ich mich trotzdem über die Freundschaft der beiden Männer. Auch über den Krankenhausbesuch. Ich glaube für Baba war es wichtig, unter seines Gleichen zu sein. Am Schluss noch leben zu dürfen und zu sterben. Das hat ihn vermutlich auf irgendeine Art noch sehr mit seinem Land verbunden.

LadydesBlauenMondes schrieb:Wie ein Geist schwirrt er immernoch in Amirs Gedanken herum. Schon bei der Flucht, als er an etwas schönes Denken sollte, hat er an einen Sommertag mit Hassan gedacht. Dann als Soraya ihm von ihrer Vergangenheit erzählt hat, hat sich Amir sofort schlecht gefühlt, weil er ihr gegenüber nicht so ehrlich war. Und schließlich, als die Kinderlosigkeit zum Thema wird, hält es Amir für seine Gerechte Strafe, für das was er Hassan angetan hat.
=> Ich glaube, dass Amir das zu dieser Zeit schon aus einem anderen Licht betrachtet. Er ist wohl mit seiner Schuld auch erwachsen geworden und ich bin gespannt, ob man jemals lesen darf, dass er Hassan zumindest nur gedanklich als einen Freund bezeichnet. Ich würde mir wünschen, so etwas in Wörtern formuliert finden zu können.
Die Schuld wird immer bewusster, ... vielleicht gerade weil er mit seinen jetzt schon erwachsenen Denken das ganze noch schlimmer sieht. Sich noch mehr dafür verflucht. Ich finde das passt mit dem Thema Kinderlosigkeit sehr gut zusammen und drückt damit seine Gedanken gut aus.

So, das genügt vorerst. Ich muss sagen es ist und bleibt ein sehr interessantes und spannendes Buch. In jedem Fall werde ich Hosseini im Auge behalten. Eines seiner Bücher habe ich sogar im folgenden Lesekreis vorgeschlagen. - Falls also jemand Lust hätte, den Vorsommer mit lesen zu vertrödeln, hier der Link. Auch andere Vorschläge sind natürlich willkommen.

Liebe Grüße,
Sternchen

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."
Vaclav Havel
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Beitrag #20 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

ich gestehe, das Buch am Montag ausgelesen zu haben. Irgendwann sind die Seitenzahlen verloren gegangen und dann dachte ich: Jetzt ist es auch egal Icon_wink.
Das heißt, ich kann gleich wieder von vorn anfangen Mrgreen

Lady schrieb:Ich hätte das ehrlich gesagt Amir nicht zugetraut, so eine Intrige gegen Hassan (und auch Ali) einzufädeln. Aber mit dem Geschenkeberg in seinem Zimmer scheint auch seine Verzweiflung, seine Schuldgefühle zu wachsen.
Das hat mich auch überrascht. In gewisser Weise zeigt es aber auch, wie gelenkt er von dieser Erinnerung ist, von seiner Unfähigkeit, in irgendeiner Form "angemessen" damit umzugehen. Schon in dem Moment, als er Hassan und Ali gegenübersteht, scheint ihm bewusst zu werden, wie dumm er war, wie er nur konnte:
- Sie standen vor Baba, hielten sich an den Händen, und ich fragte mich, wie es wohl kam, dass ich imstande war, einem anderen Menschen einen solchen Schmerz zuzufügen. (114)
Im Gespräch danach, als Hassan für Amir lügt, liest sich alles so dicht, so nah, die Gegensätze, die aufeinanderprallen, das gleichzeitige Erkennen von Hassans Opfer(n), die Bloßstellung nach innen, ein Betrüger zu sein, und trotzdem der beständige Wille, auf diese Weise einen Schlussstrich ziehen zu können. Das ist ein unheimlich starker Moment.
- Er wusste, dass ich ihn im Stich gelassen hatte, und dennoch rettete er mich erneut, vielleicht zum letzten Mal. In diesem Moment liebte ich ihn, liebte ihn mehr, als ich jemals einen anderen Menschen geliebt hatte, und ich hätte ihm so gern gesagt, dass ich die Schlange im Gras war, das Ungeheuer im See. Ich war dieses Opfer nicht wert; ich war ein Lügner und ein Betrüger und ein Dieb. (115)
Baba vergibt Hassan, doch die beiden gehen trotzdem, Baba schreit, weint, bettelt fast. Eine emotionale Reaktion, die hier trotz der gemeinsamen Jugend mit Ali überzogen wirkt. Da merkt man, dass die beiden eine ähnliche Geschichte verbinden könnte wie Amir und Hassan (nein, das ist kein Spoiler.)
Lady schrieb:Hier war ich über Baba überrascht. Ich hätte nicht gedacht, dass er so für eine Fremde einsetzt. Aber es passt zu seinem Chrarakter, dass er für die Ehre einsteht.
- Musst du immer den Helden spielen?, dachte ich mit pochendem Herzen. Kannst du es nicht einmal sein lassen? (126)
Was man im gesamten Teil (also bis 200) merkt, ist, dass Baba ein Mensch ist, der unheimlich stark für das einsteht, was er denkt und für richtig hält, unabhängig davon, ob er dabei draufgehen könnte. Genau das erwartet er von Amir ("Habe ich dir denn gar nichts beigebracht?", fuhr er mich an. 127) und das ist glaube ich der Grund seiner Enttäuschung über den Sohn: Er ist nicht so aufrichtig, nicht so stark, setzt sich nicht so sehr für andere ein, wenn er Unrecht sieht. Amir ist in diesem Moment hilflos ohne seinen Vater, trotz seiner achtzehn Jahre. Ein Glück für ihn, dass die Sache gut ausgeht.
Sternchen schrieb:Für mich ist ein Mittäter nicht wirklich weniger schuldig. Ganz einfach deshalb, weil sobald man jemanden so eine "Milderung" zugesteht, man es damit fast schon entschuldigen könnte, bzw. so etwas erlaubt. Und es ist nicht zu entschuldigen. Ganz egal wie sehr man in Versuchung gerät, mitzulaufen. Mitläufer haben auch einen eigenen Kopf und den haben sie zu benutzen!
Damit hast du mich echt zum Nachdenken gebracht. Denn ich finde, das ist eine Sicht, die man sagt, mit der man bewertet. Natürlich hätten sie sich zusammentun können, natürlich hätte sie alle zusammen den kleinen Tyrannen Assef stoppen können, natürlich hätte auch Amir hervortreten und für Hassan einstehen können, weil seine Angst keine Milderung ist. Aber Assef ist nicht nur der Tyrann. Wenn ich mich an das Gespräch zwischen Baba und Assef auf Amirs Geburtstag erinnere, dann zeigt sich ein ganz anderer Junge, einer, der mit Förmlichkeiten umgehen kann, der respektvoll ist, der sich benimmt, der Smalltalk betreibt. Ich will nicht sagen, sie hätten keine Chance, aber einer müsste anfangen, sich Assef zu widersetzen. Und wenn er das tut, ist der andere schön blöd, wenn er sich ebenfalls gegen Assef wendet, wo ihm das Leben "unter" Assef bei weitem mehr Privilegien einbringt, da dessen Familie großen Einfluss hat, wahrscheinlich Sinnbild von Ehre ist.

Zitat:Im Keller war es dunkel gewesen. Im Tank war es pechschwarz. Ich schaute nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, bewegte die Hand vor den Augen, sah nicht die geringste Bewegung. Ich blinzelte, blinzelte erneut. Nichts. Mit der Luft stimmte auch etwas nicht, sie war so dick, beinahe fest. Seit wann ist Luft fest? Ich hätte am liebsten meine Hände ausgestreckt, die Luft in kleine Stücke zerbrochen und sie mir in die Luftröhre gesteckt ... (132)
Und danach noch weiter, Hosseini beschreibt so unglaublich nah.

Sternchen schrieb:Was ich schade finde, denn ich konnte mir die Entwicklung ihrer Beziehung viel weniger erklären, bzw. hatte mir erwartet, dass sie nach Amirs Jugend nicht so leicht wortkarg abgehandelt wird. Soweit ich mich erinnere, stand da nämlich nirgendwo ein kleiner, erklärender Absatz dazu, wie es sich hat weiter entwickelt, bzw. was genau dahinter stand.
Ich finde, die Entwicklung kann man schon ziemlich deutlich sehen. Das hängt allein schon damit zusammen, dass Amerika für beide etwas anderes bedeutet:
Für Baba ist es ein Zufluchtsort, weit entfernt vom Krieg, von der ständigen Gefahr, aber eben auch von Zuhause. Amerika kann Afghanistan nicht gleichen, Baba möchte sein Englisch nicht in einem Sprachkurs verbessern.
- Für mich war Amerika das Land, in dem ich meine Erinnerungen begraben konnte. Für Baba dagegen ein Ort, an dem er um seine trauerte. (141)
Baba lehnt jegliche Unterstützung ab, die Essensmarken ebenso wie später die Chemotherapie. Amir hätte mit Sicherheit beides angenommen, er hätte sich arrangiert, wie er sich immer mit der Situation arrangiert, um daraus in irgendeiner Form zu profitieren.
Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass Amir und Baba sich umso besser verstehen, je schlechter es Baba geht.
Lady schrieb:Die Hochzeit findet sehr schnell statt, damit Baba sie noch miterleben kann. Da habe ich mal kurz überlegt, ob die Hochzeit nicht zu übereilt war? Vielleicht aus Amirs Angst geboren plötzlich allein darzustehen? Er hat kaum eine Möglichkeit gehabt seine Braut und ihre Familie weiter kennenzulernen, auch weil die Verlobungzeit einfach übersprungen wurde.
So wie ihre bisherigen Begegnungen beschrieben werden, scheint es Teil afghanischer Tradition zu sein, sich erst nach der Hochzeit wirklich kennenzulernen, etwas über den anderen zu erfahren, sich näher zu kommen. Amir wird von seinem Vater und Taheri angehalten, sich an die Regeln der Ehre zu halten - und das tut er auch.
Babas Tod las sich für mich auch wie eine Notwendigkeit. Er wollte nichts unternehmen, um es hinauszuzögern, und dann ist es vorbei. Eigentlich beginnt hier der charakterlich interessante Teil in Bezug auf Amir. Denn jetzt steht er getrennt von seiner Vergangenheit, wirklich in einer neuen Welt. Nur die begrabenen Erinnerungen von früher, Maulwurfshügel.

Sorayas Familie passt irgendwie zu Amir. Da ist die ihn bewundernde Mutter, die er nie hatte, ist er doch unter Männern aufgewachsen, da ist eine Frau, die ihm mit Aufrichtigkeit gegenüber den Fehlern ihrer Vergangenheit begegnet, und da ist der Offizier Taheri, der sich auf Tradition beruft. In irgendeiner Form scheint jeder von den drein unterschiedlichen Aspekten von Amirs Wesen zu entsprechen. Vielleicht funktioniert es deswegen so gut.
Dass sie kein Kind bekommen können, lässt sich wohl in vielerlei Hinsicht interpretieren. Vielleicht ist es die Buße für Amirs Schuld, vielleicht ein Zeichen für seinen noch nicht ausgereiften Charakter (moralisch), vielleicht ist es nur Pech. Dass sie keine Adoption wollen, passt in jedes dieser Bilder.


Und noch eine Sache abseits des Buchs: Morgen Abend läuft auf rbb, 23.20 Uhr, eine Doku mit Schauplatz Kabul: "Afghanen flirten nicht"

Liebe Grüße,
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

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