Es ist: 04-12-2020, 21:55
Es ist: 04-12-2020, 21:55 Hallo, Gast! (Registrieren)


Lesekreis: Drachenläufer
Beitrag #21 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo alle zusammen,

Sternchen schrieb:Sehr interessant wäre, was geschehen würde, wäre zu dieser Zeit noch nichts passiert und Amir und Hassan gemeinsam erwachsen geworden. Hätte sich das Ganze so entwickelt wie bei Ali und Baba? Baba der Ali vor Gemeinheiten genauso wenig schützt wie Amir es in dieser Gasse getan hat.

Als ich das von dir gelesen habe ist mir aufgefallen, dass wir uns über die Beziehung von Baba und Ali noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. (Was wahrscheinlich daran liegt, dass die beiden nunmal nicht im Vordergrund stehen) Aber ich finde deren Beziehung ist noch schwieriger einzuschätzen als Hassans und Amirs. Gut Baba schützt Ali auch nicht vor den Gemeinheiten, aber vielleicht hat er einfach nicht die Möglichkeit dazu. Plötzlicher Gedanke: Baba schenkt Hassan doch die Gesichtsoperation. Vielleicht will er ihn wenigstens so ein bisschen vor Hänselein der anderen beschützen, weil er eben Ali nicht mehr helfen kann. Vielleicht will er damit etwas wieder gut machen?

Sternchen schrieb:Für mich ist ein Mittäter nicht wirklich weniger schuldig. Ganz einfach deshalb, weil sobald man jemanden so eine "Milderung" zugesteht, man es damit fast schon entschuldigen könnte, bzw. so etwas erlaubt. Und es ist nicht zu entschuldigen. Ganz egal wie sehr man in Versuchung gerät, mitzulaufen. Mitläufer haben auch einen eigenen Kopf und den haben sie zu benutzen!

Der kleine Tyrann und seine Mitläufer sind ja wirklich ein spannendes Thema. Icon_smile Ich wollte keinesfalls den beiden ihre Schuld abnehmen, sondern eher darauf hinweisen, dass sie von Assef genauso benutzt werden, wie auch Hassan und wie man dann auch noch sieht, Assefs Eltern.

Libbi schrieb:Ich will nicht sagen, sie hätten keine Chance, aber einer müsste anfangen, sich Assef zu widersetzen. Und wenn er das tut, ist der andere schön blöd, wenn er sich ebenfalls gegen Assef wendet, wo ihm das Leben "unter" Assef bei weitem mehr Privilegien einbringt, da dessen Familie großen Einfluss hat, wahrscheinlich Sinnbild von Ehre ist.

Auf dem Geburtstag haben wir eine andere Seite von Assef kennengelernt, die zeigt, dass er nicht dumm ist. Er weiss wie er sich verhalten muss. Aber man spürt, dass er das nur tut um sich Vorteile zu verschaffen.

Sternchen schrieb:Eigentlich wieder etwas, dass Amir dazu bringen könnte, dass er auf die Idee kommt sein Vater müsste ihn hassen. Schließlich hat er neben seiner Frau nun auch mitunter das Land an ihn verloren. - das aus der Sicht des "kleinen" Amirs einmal gesehen.

Das wäre tatsächlich ein typischer Gedankengang Amirs. Er scheint ihn aber nicht zu denken, was vielleicht auch ein Zeichen dafür ist, dass er erwachsen wird.

Sterchen schrieb:Ich für meinen Teil sehe in der Beziehung sehr wohl eine Verbesserung. Ob es jetzt "Besser verstehen" ist oder einfach nur "Resignation und dadurch folgende Akzeptanz" ist mir aber nicht klar geworden. Was ich schade finde, denn ich konnte mir die Entwicklung ihrer Beziehung viel weniger erklären, bzw. hatte mir erwartet, dass sie nach Amirs Jugend nicht so leicht wortkarg abgehandelt wird. Soweit ich mich erinnere, stand da nämlich nirgendwo ein kleiner, erklärender Absatz dazu, wie es sich hat weiter entwickelt, bzw. was genau dahinter stand.
Andeutungen waren genug, ja. Auch zwischen den Zeilen wurde viel gesagt, aber ich hätte mir noch ein klein wenig mehr gewünscht.

Ich glaube auch, dass das nirgends deutlich gesagt wird. Das gehört aber anscheind zum Stil, dass man sowas eben "spürt" und nicht liest und das find ich an dem Buch so faszinierend. (Ganz typisches Beispiel dafür ist, wie Baba die Dose mit Erde füllt.)
Amirs Jugend, haben wir anscheind wirklich übersprungen. Ich glaube, als sie Kabul verlassen, war er schon 18 und als er dann Soraya kennenlernt 21. oder so ähnlich. Aber Amir hat schon so einiges durchgemacht in seiner "Jugend", dadurch wird man schneller erwachsen, denke ich mir. Libbi hat dazu was interessantes geschrieben:
Libbi schrieb:Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass Amir und Baba sich umso besser verstehen, je schlechter es Baba geht.

Das hat vielleicht mit dem typischen "Rollentausch" zutun. Wenn sich Kinder um ihre Eltern kümmern müssen. Baba sieht, dass Amir nicht so unselbstständig ist, wie er vielleicht dachte. Und Amir hat nun seine "neue" Familie die ihn bestärkt. Außerdem hat er inzwischen Babas Stolz wirklich erworben.

Sternchen schrieb:Nun, was die Eheleute betrifft, so habe ich den Eindruck, dass man, selbst wenn schon verlobt, nicht wirklich die Möglichkeit hat, sich näher zu kommen, bzw. "wirklich" kennen zu lernen. Der Gedanke ist aber sehr interessant, dass Amir quasi auf der Suche war, um nicht allein bleiben zu müssen. Wobei ihm Soraya glaub ich auch schon davor aufgefallen ist.

Ich denke es liegt auch viel an den Traditionen. Die Väter müssen das ganze einfädeln und ihren Segen dazu geben. Soweit ist Amir schon Traditionsbewusst, dass er Babas Segen dazu haben wollte, vielleicht auch um Soraya gegenüber "korrekt" zu sein. Sowas hatte ich beim lesen auch schon gedacht, wurde aber trotzdem das Gefühl nicht los, dass Amir und Baba beruhigt waren, dass Amir nicht allein sein muss.

Libbi schrieb:Sorayas Familie passt irgendwie zu Amir. Da ist die ihn bewundernde Mutter, die er nie hatte, ist er doch unter Männern aufgewachsen, da ist eine Frau, die ihm mit Aufrichtigkeit gegenüber den Fehlern ihrer Vergangenheit begegnet, und da ist der Offizier Taheri, der sich auf Tradition beruft.

Ja, es passt alles sehr gut zusammen. Ich hab mich in dieser Familie auch sofort wohlgefühlt, besonders als wir die Mutter kennengelernt haben. Deshalb war ich - genauso wie Amir- richtig froh, als die beiden Heiraten durften.

Liebe Grüße

Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #22 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

der Lesekreis scheint ja momentan momentan ein wenig ins Stocken zu geraten. Eine Tatsache die schnell geändert sein will. Icon_smile

Libertine schrieb:ich gestehe, das Buch am Montag ausgelesen zu haben. Irgendwann sind die Seitenzahlen verloren gegangen und dann dachte ich: Jetzt ist es auch egal Icon_wink.
=> *auf die Finger klopft*
Na schön, dass es wenigstens gefallen hat. Ich hoffe der Reiz am Lesekreis geht dir damit nicht verloren. Icon_wink

Libertine schrieb:Im Gespräch danach, als Hassan für Amir lügt, liest sich alles so dicht, so nah, die Gegensätze, die aufeinanderprallen, das gleichzeitige Erkennen von Hassans Opfer(n), die Bloßstellung nach innen, ein Betrüger zu sein, und trotzdem der beständige Wille, auf diese Weise einen Schlussstrich ziehen zu können. Das ist ein unheimlich starker Moment.
=> *zustimm*
War auch sehr bewegend an dieser Stelle.

Libertine schrieb:Damit hast du mich echt zum Nachdenken gebracht. Denn ich finde, das ist eine Sicht, die man sagt, mit der man bewertet. Natürlich hätten sie sich zusammentun können, natürlich hätte sie alle zusammen den kleinen Tyrannen Assef stoppen können, natürlich hätte auch Amir hervortreten und für Hassan einstehen können, weil seine Angst keine Milderung ist. Aber Assef ist nicht nur der Tyrann. Wenn ich mich an das Gespräch zwischen Baba und Assef auf Amirs Geburtstag erinnere, dann zeigt sich ein ganz anderer Junge, einer, der mit Förmlichkeiten umgehen kann, der respektvoll ist, der sich benimmt, der Smalltalk betreibt. Ich will nicht sagen, sie hätten keine Chance, aber einer müsste anfangen, sich Assef zu widersetzen. Und wenn er das tut, ist der andere schön blöd, wenn er sich ebenfalls gegen Assef wendet, wo ihm das Leben "unter" Assef bei weitem mehr Privilegien einbringt, da dessen Familie großen Einfluss hat, wahrscheinlich Sinnbild von Ehre ist.
=> Ich kann ihr Handeln ja nachfühlen und verstehe auch, dass es einfacher ist, Mitläufer zu sein, als Protestant zu sein. Legitimieren tut diese Rechtfertigung und Erklärung für mich leider trotzdem nichts.

Libertine schrieb:
Zitat:Im Keller war es dunkel gewesen. Im Tank war es pechschwarz. Ich schaute nach rechts, nach links, nach oben, nach unten, bewegte die Hand vor den Augen, sah nicht die geringste Bewegung. Ich blinzelte, blinzelte erneut. Nichts. Mit der Luft stimmte auch etwas nicht, sie war so dick, beinahe fest. Seit wann ist Luft fest? Ich hätte am liebsten meine Hände ausgestreckt, die Luft in kleine Stücke zerbrochen und sie mir in die Luftröhre gesteckt ... (132)
Und danach noch weiter, Hosseini beschreibt so unglaublich nah.
=> Stimmt! Ein wundschönes Zitat. Danke dafür. Icon_smile
Vor allem der letzte Satz gefällt mir sehr sehr gut.

Libertine schrieb:Beim Lesen hatte ich das Gefühl, dass Amir und Baba sich umso besser verstehen, je schlechter es Baba geht.
=> Die Entwicklung der Beiden zeichnet sich schon ab, ja. Aber ich finde zueinander sind es doch eher nur Andeutungen. Da hätte ich mir einfach noch ein wenig mehr gewünscht. Dass sich beide besser verstehen, je kränker Baba wird, ja, ... kommt einem so vor. Vielleicht rührt das daher, dass man zumeist als Kranker weniger kritisch. Ein persönliches Beispiel: Seit dem mein Opa an Krebs erkrankt ist, lässt er sich drücken und kuscheln. Davor prallte so eine Bekundung von Zuneigung eher ab.

Libertine schrieb:Sorayas Familie passt irgendwie zu Amir. Da ist die ihn bewundernde Mutter, die er nie hatte, ist er doch unter Männern aufgewachsen, da ist eine Frau, die ihm mit Aufrichtigkeit gegenüber den Fehlern ihrer Vergangenheit begegnet, und da ist der Offizier Taheri, der sich auf Tradition beruft. In irgendeiner Form scheint jeder von den drein unterschiedlichen Aspekten von Amirs Wesen zu entsprechen. Vielleicht funktioniert es deswegen so gut.
=> so genau hatte ich für mich das gar noch nicht betrachtet, aber jetzt wo du es sagst, klingt es fast logisch. Er findet in dieser Familie wirklich viel und ich glaube für die Zukunft wird es ihm auch gut tun, einen Mann wie Taheri um sich zu haben. Ganz einfach, weil er doch ein Freund von Baba war und anscheinend auch wenigstens was Stolz anging, ihm eher ähnlich war. - Wobei auch auf ganz andere Weise. Eine kleine Herausforderung für Amir sehe ich da auch und das ist gut so. Gegen einen so stolzen Kerl muss man sich nämlich auch wieder behaupten und genau das ist es, was Baba gemeint hat, das Amir lernen muss.

Libertine schrieb:Und noch eine Sache abseits des Buchs: Morgen Abend läuft auf rbb, 23.20 Uhr, eine Doku mit Schauplatz Kabul: "Afghanen flirten nicht"
=> Danke für den Tipp. Ich hab mich sehr gefreut darüber, dass auch solche Informationen kommen. Leider bin ich nicht dazu gekommen, mir diese Sendung anzusehen. Hat sie jemand gesehen, oder du Libbi? War es interessant und konnte man ein wenig von der Realität auf das Buch schließen, bzw. trug es zu besserem Verständnis bei?

LadydesBlauenMondes schrieb:Als ich das von dir gelesen habe ist mir aufgefallen, dass wir uns über die Beziehung von Baba und Ali noch nicht so viele Gedanken gemacht haben. (Was wahrscheinlich daran liegt, dass die beiden nunmal nicht im Vordergrund stehen) Aber ich finde deren Beziehung ist noch schwieriger einzuschätzen als Hassans und Amirs. Gut Baba schützt Ali auch nicht vor den Gemeinheiten, aber vielleicht hat er einfach nicht die Möglichkeit dazu. Plötzlicher Gedanke: Baba schenkt Hassan doch die Gesichtsoperation. Vielleicht will er ihn wenigstens so ein bisschen vor Hänselein der anderen beschützen, weil er eben Ali nicht mehr helfen kann. Vielleicht will er damit etwas wieder gut machen?
=> Richtig, die Beziehung zwischen Baba und Ali haben wir noch nicht beleuchtet. Ich glaube auch, es das ganze ist sehr schwer einzuschätzen weil es eher als Hintergrund dienst und nicht so viel darüber bekannt wurde. Auch Baba lässt sich ja, solange er mit Ali noch in Kabul wohnt, recht schwer einschätzen. Über ihn erfährt man in der Beziehung auch wenig. Ganz klar kann ich mich aber noch erinnern, das Amir meinte, Baba hätte ebenso wie er Hassan, nie als Freund bezeichnet. Ich sehe Baba und Ali eigentlich ähnlich wie Hassan und Amir. Ich glaube es lagen so ziemlich die gleichen Dinge im Argen.
Durch das weiterlesen wurde ja auch klar, dass Hassan Amirs Bruder war. - Was wiederum sehr zu Lasten Babas ins Gewicht fällt. Auch zu seiner Beziehung zu Ali.

LadydesBlauenMondes schrieb:Der kleine Tyrann und seine Mitläufer sind ja wirklich ein spannendes Thema. Ich wollte keinesfalls den beiden ihre Schuld abnehmen, sondern eher darauf hinweisen, dass sie von Assef genauso benutzt werden, wie auch Hassan und wie man dann auch noch sieht, Assefs Eltern.
=> Ich glaube es liegt in Assefs Wesenzüge alles und jeden zu benutzen. Eigentlich wäre es sehr interessant zu wissen, war Assef so ist, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Charaktereigenschaft von Irgendwo kommen. Etwas muss doch vorgefallen sein, dass Assef sich so gegen die Hazara und viele Schwächere stellt.

LadydesBlauenMondes schrieb:Das wäre tatsächlich ein typischer Gedankengang Amirs. Er scheint ihn aber nicht zu denken, was vielleicht auch ein Zeichen dafür ist, dass er erwachsen wird.
=> Richtig. Das könnte passen.

LadydesBlauenMondes schrieb:Ich denke es liegt auch viel an den Traditionen. Die Väter müssen das ganze einfädeln und ihren Segen dazu geben. Soweit ist Amir schon Traditionsbewusst, dass er Babas Segen dazu haben wollte, vielleicht auch um Soraya gegenüber "korrekt" zu sein. Sowas hatte ich beim lesen auch schon gedacht, wurde aber trotzdem das Gefühl nicht los, dass Amir und Baba beruhigt waren, dass Amir nicht allein sein muss.
=> Ich glaube eigentlich schon, dass Amir Baba unbedingt dabei haben wollte. So weit liebt er seinen Baba schon und für mich war es wieder ein Beweis der Nähe, die sich aufgebaut hat. Auch Baba hat sich ja sehr über die Tatsache gefreut. Ich glaube bei Amir war mehr als ein "ich muss ihn bitten, bzw. fragen".

Zu den vorletzten 100 Seiten melde ich mich dann heute Abend, bzw. morgen früh. Ich muss noch schauen, wie es sich bei mir ausgehen wird. - Was euch aber natürlich nicht davon abhalten muss, bis dahin etwas zu schreiben. Freu mich schon! Icon_smile

Bis dahin,
Sternchen

"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."
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Beitrag #23 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo alle zusammen,

nein, Sternchen es hält mich nicht davon ab schonmal was zu den vorletzten 100 Seiten zu schreiben. Icon_wink

Rahim Khan findet Hassan
Hier schließt sich also der Kreis zum ersten Kapitel. Rahim Khan ruft Amir an und bittet ihn zu sich. Einerseits weil er sterbenskrank ist und anderseite -ich denke mal hauptsächlich- weil er Hassans Familie gefunden hat. Rahim erzählt Amir dann Hassans Geschichte. Er überredet ihn in Babas Haus zu ziehen. Was glaubt ihr, warum entscheidet sich Hassan erst für den Umzug, als er von Babas Tod weiss?

S. 220 schrieb:Ich bat sie, in eines der Gästezimmer oben zu ziehen, aber davon wollte Hassan nichts wissen. "Was soll den Amir Aga denken?", sagte er zu mir. "Was soll er denken, wenn er nach dem Krieg nach Kabul zurückkehrt und herausfindet, dass ich seinen Platz im Haus eingenommen habe?"

Ich finde, dass ist ganz typisch Hassan. Er glaubt nach wie vor noch an Amir und hofft auf seine Rückkehr, bereitet alles für ihn vor.
Kurz darauf, taucht dann Hassans Mutter auf. Sie hat einen recht kurzen Auftritt, darf aber noch ihren Enkel kennenlernen. Sie kümmert sich hingebungsvoll um ihn und ich hatte den Eindruck, als ob sie an ihm einen Teil ihrer Schuld gegenüber Hassan wiedergut machen möchte.
Dann wird Hassan umgebracht. Und wie immer bei solchen schlimmen Ereignissen wird das in wenigen, knappen Worten, eigentlich nur knappen Andeutungen beschrieben. Was ich eigentlich ganz gut finde, aber meine Fantasie lässt mich das Grauen dann doch sehen.
Gleich darauf folgt dann die nächste Überraschung: Hassan ist Amirs Halbbruder. Mich hat das total überrascht, aber es erklärt vieles, z.b. warum Baba die beiden immer so gleich behandelt hat. Und es wirft ein neues Licht auf die Beziehung zwischen Ali und Baba, über die wir bisher kaum was erfahren haben.

Amirs Fahrt nach Kabul
Amir treibt sein schlechtes Gewissen und sein Bedürfniss seine Schuld zu begleichen zurück nach Kabul. Um einen kleinen Jungen zu suchen.

S. 245 schrieb:Du bist hier immer nur Tourist gewesen. Du wusstest es nur nicht."

Die Stelle auf der Fahrt mit Farid fand ich sehr spannend. Amir erkennt sein Heimatland nicht mehr wieder. Vieles hat sich verändert und er kommt sich vor wie ein Tourist. Genau das spricht Farid hier aus. Trotzdem scheint es als ob Amir beleidigt ist, schließlich ist er hier aufgewachsen.
Ist euch eigentlich schonmal aufgefallen, dass Amirs Übelkeit im Auto immer nur dann beschrieben wird, auf Fahrten die ihm sowieso unangenehm sind?

S. 249 schrieb:Er war ein Freund von Ihnen?" Spontan wollte ich die Frage behagen, als ginge es auch mir darum, Babas Geheimbis zu hüten. Doch es war in dieser Hinsicht genug gelogen worden. "Er war mein Halbbruder."

Nun, wir haben lange darauf gewartet, dass Amir Hassan mal als seinen Freund bezeichnet. Ich dachte, dass es nun endlich soweit ist. Aber es kommt noch besser: Er bezeichnet ihn als seinen Halbbruder. Endlich steht Amir voll und ganz zu Hassan.
Als Amir dann das Haus Wahids verlässt, lässt er seine Uhr und einige Geldscheine zurück. Diesselben Gegenstände mit denen er Hassan und Ali aus dem Haus gegriegt hat. Es kam mir ein wenig so vor, als wäre auch das eine Geste um seine Schuld zu mildern. Denn kurz vorher, wurde ihm bewusst, dass Hassan noch leben könnte, wenn er in ihrem Haus geblieben wäre.

Wiedergefundene Vergangenheit in Kabul
Kaum sind Amir und Farid in Kabul angekommen treffen sie einen alten Bettler der Amirs Mutter gekannt hat. Was ich sehr spannend fand, denn von ihr haben wir bisher kaum etwas erfahren. Wofür Amir dann auch Gründe findet:
S. 261 schrieb:Baba hatte seine Erinnerungen an sie mit ins Grab genommen. Dass er sich so zugeknöpft gegeben hatte, war vielleicht dem schlechten Gewissen geschuldet, der Reue über sein Verhalten so kurz nach ihrem Tod. Oder vielleicht hatte ihn der Verlust allzu sehr geschmerzt, als dass es ihm möglich gewesen wäre, von ihr zu sprechen. Vielleicht war beides Grund für sein Verschlossenheit.

Amir versucht hier Baba zu verstehen. Als Kind hielt er Babas Verschlossenheit noch für einen Vorwurf, dass er vielleicht Schuld am Tod seiner Mutter hätte. Hier zieht er endlich die richtigen Schlüsse. Vielleicht zu spät.

S. 275 schrieb:Ich wollte hineingehen und den Duft der Orangenschalen riechen, die Ali zusammen mit Sägespänen in den Ofen zu werfen pflegte. Mich an den Küchentisch setzen, Tee trinken und ein Stück naan dazu essen. den von Hassan gesungenen alten Hazara-Liedern lauschen.

Wie Amir so vor seinem Haus steht und seiner Vergangenheit nachtrautert, hat mich an dieser Stelle dann doch sehr berührt. Diese Vergleiche des Kabuls von früher und von heute.

Und zu guter Letzt finden wir dann doch Suhrab wieder, der seinem Vater sehr ähnlich sieht und der einem alten Bekannten in die Finger gefallen ist: Assef. Nun, als wir den Kerl zum ersten Mal gesehen haben, hab ich tatsächlich gedacht: Der erinnert mich an Assef. Sein Lebenslauf und seine Erzählungen passen zu ihm. Und irgendwie dachte ich mir schon, dass er nochmal auftaucht. Sehr dramatische Szenen, diese Schlägerei, die ich übrigens noch zu Ende gelesen habe und nicht genau auf Seite 300 unterbrechen konnte.

Sternchen schrieb:Ich glaube es liegt in Assefs Wesenzüge alles und jeden zu benutzen. Eigentlich wäre es sehr interessant zu wissen, war Assef so ist, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Charaktereigenschaft von Irgendwo kommen. Etwas muss doch vorgefallen sein, dass Assef sich so gegen die Hazara und viele Schwächere stellt.

Wir haben Assef zwar wieder getroffen, aber wirklich was über seine Vergangenheit haben wir nicht erfahren. Ich denke sein Verhalten hat auch viel mit der Situation seiner Familie zu tun. Seine Eltern sind Reich, daher hat er wahrscheinlich schon als Kind alles bekommen, was er wollte. Da kann man jetzt seitenweise drüber spekulieren, ob sich seine Eltern vielleicht nicht ausreichend um ihn gekümmert haben oder nicht.

Soweit erstmal.

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #24 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

endlich geht's weiter :).

Nein, Sternchen, der Reiz am Lesekreis geht nicht verloren, keine Sorge ;).
Ich hab die Doku aufgenommen, aber noch nicht zu Ende geguckt. Sie ist aus der Sicht einer Hilfsorganisation und es wird hauptsächlich gezeigt und beschrieben, was es für Probleme dabei gibt, den Menschen zu helfen. Im Mittelpunkt steht eine Deutsche, die nach einem vierwöchigen Besuch in Afghanistan gemerkt hat, dass sie etwas machen muss. Also von den Leuten und dem Land aus Drachenläufer sieht man da eher weniger.

Zu den neuen Seiten:
Die Geschichte Hassans finde ich sehr bewegend. Dass seine Mutter noch einmal zurückkommt, hätte ich nicht gedacht - eigentlich auch nicht, dass Rahim Khan über alles bescheid weiß, aber eigentlich ist es nur logisch, dass Baba es nicht für sich behalten konnte, dass er nicht damit leben konnte, so stark gegen die Ehre verstoßen zu haben, ohne es jemandem zu sagen.
Vor dem Hintergrund dieser Geschichte wendet sich der Blick auf Babas Verhalten plötzlich. Das Waisenhaus, vielleicht auch ein Zeichen des Mitleids mit Menschen, die nicht so glimpflich aus einer Geschichte wie dieser herauskommen - Kinder, die von ihren Familien verstoßen werden. Das Selbstbewusstsein auf der Fahrt nach Pakistan, vielleicht hat/zeigt Baba keine Angst, weil er genug Schuld trägt für ein Leben. Dass Baba Amir etwas über Sünde erzählt (die einzige Sünde ist es, zu lügen) und sich damit gegenüber dem vermittelten Schulwissen abgrenzt, deutet Amir als Maxime - letztendlich zeigt sich hier aber, was Baba aus seinem Verhalten in der Vergangenheit gelernt hat. Ich denke, er bereut in gewisser Weise auch, dass er Hassan Ali anvertraut hat, weil Hassan ihm selbst viel ähnlicher ist als Amir. Schwierig alles. Aber für mich stand Baba in einem anderen Licht da.
Dass Hassan Amirs Halbbruder ist, hat mich auch total überrascht. Eine tolle Wendung. Ebenso wie ich es absolut spannend finde, dass Amir noch einmal auf Assef trifft, ohne es zunächst zu ahnen. Insgesamt gefällt mir auch Amir hier viel besser. Er kann sich nicht mehr verstecken. Sein Vater ist tot, Hassan ist tot, Rahim Khan schickt ihn in die Stadt, in der er aufgewachsen ist, in der ihm nur Misstrauen begegnet und Neid.
Seite 234 schrieb:Rahim, ein Junge, der nicht für sich selbst eintritt, wird zu einem Mann, der für gar nichts eintritt.
Mit 38 Jahren fängt Amir also an, für etwas einzutreten, in der Hoffnung, dass noch nicht alles verloren ist und er seine Schuld mit dem Schutz Suhrabs begleichen kann.

Inwiefern die Beschreibungen Kabuls, der Armut, dem Verfall von Gebäuden, Straßen und Menschen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, weiß ich nicht. In den kleinen Begegnungen (zum Beispiel mit dem Literaturprofessor) und den Blicken, die Amir zunächst nicht versteht (das "Missverständnis" mit der Uhr und dem Essen bei Farids Bruder), zeigt sich eine völlig fremde Welt, die Hosseini in meinen Augen kaum dezenter und gleichzeitig kaum deutlicher hätte beschreiben können. Richtig lebendig.

Am Ende rettet Suhrab Amir mit seiner Schleuder, natürlich geht es ins Auge, denn die Rechnung stand noch offen. Der Deal zwischen Assef und Amir (oder eher: von Assef), dass derjenige, der gewinnt, gehen darf, und dass er wirklich eingehalten wird, hat mich beeindruckt. Bei allem Selbstbezug gilt auch für Assef die Ehre sehr viel, selbst wenn er den Hazara keine zuspricht, hält er sich an sein eigenes Wort. Das hätte ich nicht von ihm erwartet.

Lady schrieb:Als Amir dann das Haus Wahids verlässt, lässt er seine Uhr und einige Geldscheine zurück. Diesselben Gegenstände mit denen er Hassan und Ali aus dem Haus gegriegt hat. Es kam mir ein wenig so vor, als wäre auch das eine Geste um seine Schuld zu mildern.
Wow, stimmt. Das ist mir gar nicht aufgefallen, und Amir wohl auch nicht. Anscheinend sind Uhren für Amir Zeichen von Reichtum, von Besitz, schon immer gewesen und immer geblieben. Dass die Jungen in Wirklichkeit auf sein Essen schauen, finde ich beklemmend. So verschoben sind die Blickwinkel. Und irgendwie macht es das auch aus und für mich so lesenswert: Amir blickt von außen auf das Geschehen, er denkt, er wäre "innen", würde das Land kennen, aber er tut es nicht. Damit ist es ihm fast genauso fremd wie uns.


Wer von euch kennt denn den Film schon? Ich habe ihn am Wochenende gesehen und freue mich schon drauf, nächste Woche, wenn ihr den letzten Teil des Buchs kennt, oder vielleicht auch erst übernächste Woche, wenn wir hier soweit fertig sind, ein bisschen darüber zu reden. Aber schonmal so viel, dass ich von der Darstellung der zweiten Hälfte des Buches, also von Amirs Aufenthalt in Afghanistan enttäuscht war.

Liebe Grüße,
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
Avatar von Eddie Haspelmann

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Beitrag #25 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

ich bin mit fürchterlicher Verspätung dran, ich weiß, ich werd´s ändern, versprochen. Momentan war es ein wenig stressig, aber ich hab es jetzt wieder im Griff. Icon_smile

@ LadydesBlauenMondes
Er überredet ihn in Babas Haus zu ziehen. Was glaubt ihr, warum entscheidet sich Hassan erst für den Umzug, als er von Babas Tod weiss?
=> Vielleicht aus dem einfachen Grund, dass er Mitleid mit Amir hat. Er denkt ja, wie man später erfährt, dass Amir wieder zurückkommen würde und will darauf vielleicht alles vorbereiten. Da sein für ihn, wenn er kommt. Hassan scheint sich, was das betrifft ja nicht wirklich geändert zu haben, was mich schon wundert. Sein Erwachsen werden hat anscheinend der Liebe und Ergebenheit zu dieser Familie keinen Abbruch getan. Warum denkst du Lady, dass er sich so entschieden hat?

Ich finde, dass ist ganz typisch Hassan. Er glaubt nach wie vor noch an Amir und hofft auf seine Rückkehr, bereitet alles für ihn vor.
Kurz darauf, taucht dann Hassans Mutter auf. Sie hat einen recht kurzen Auftritt, darf aber noch ihren Enkel kennenlernen. Sie kümmert sich hingebungsvoll um ihn und ich hatte den Eindruck, als ob sie an ihm einen Teil ihrer Schuld gegenüber Hassan wiedergut machen möchte.

=> Da geht es mir ähnlich. Diese Begegnung mit Saunaubar hat mich auch überrascht, obwohl ich schon den Film gesehen hatte. Natürlich wurden wieder Inhalte ausgespart und dieser war dann doch für mich wichtig. Es ist schön zu erfahren was aus Hassan und seiner eigenen Familie geworden ist.
Ja, auch ich finde den Gedanken von Hassan sehr typisch. Wieder ein Beleg für die Beständigkeit der alten Ansicht.

Dann wird Hassan umgebracht. Und wie immer bei solchen schlimmen Ereignissen wird das in wenigen, knappen Worten, eigentlich nur knappen Andeutungen beschrieben. Was ich eigentlich ganz gut finde, aber meine Fantasie lässt mich das Grauen dann doch sehen.
=> Für mich war die Schilderung sehr schockierend. Es schmeißt mich immer wieder um, wenn ich das hören muss und neben dem Ende ist auch das eine Stelle, wo ich im Film immer wieder zu Tränen gerührt war. Ich sehe die vielen Bilder aus der Vergangenheit. Aus Hassans und Amirs Kindheit und den Western-Filmen. Ihre Spiele, .... - alles so berührend auf der einen Seite, so kalt auf der anderen und nun, selbst wenn Jahre dazwischen liegen, soll das einfach alles vorbei sein. Völlig unwiederbringlich. Bis dahin denkt man, wenn man den Hintergrund ja noch nicht kennt, Hassan und Amir könnten sich wiedersehen. Mich persönlich, auch wenn es dumm klingt, nimmt es trotzdem immer wieder mit, wenn ich´s lesen oder sehen muss, wie die Wirklichkeit tatsächlich aussieht.

Gleich darauf folgt dann die nächste Überraschung: Hassan ist Amirs Halbbruder. Mich hat das total überrascht, aber es erklärt vieles, z.b. warum Baba die beiden immer so gleich behandelt hat. Und es wirft ein neues Licht auf die Beziehung zwischen Ali und Baba, über die wir bisher kaum was erfahren haben.
=> Richtig! Man stelle sich den Verrat vor, den Baba auch an Ali begangen hat. In Wahrheit war er nicht besser als sein Sohn. Nicht weniger schuld und nicht weniger beschmutzt. Warst du nur überrascht, Lady, oder eher schockiert?

Die Stelle auf der Fahrt mit Farid fand ich sehr spannend. Amir erkennt sein Heimatland nicht mehr wieder. Vieles hat sich verändert und er kommt sich vor wie ein Tourist. Genau das spricht Farid hier aus. Trotzdem scheint es als ob Amir beleidigt ist, schließlich ist er hier aufgewachsen.
=> Ich kann Farids Gedanken aber gut folgen. Kabul war auch früher nicht ein goldener Ort. Wenn man sich ansieht, wie die Hazara zum Beispiel verhöhnt wurden, ... so wird einem schnell klar, dass es auch in früheren Zeiten nie gewaltfrei und rechtmäßig zuging. Amir hat den Zuckerguss seine Welt gesehen, aber das dahinter blieb ihm wohl immer eher verborgen.

Ist euch eigentlich schonmal aufgefallen, dass Amirs Übelkeit im Auto immer nur dann beschrieben wird, auf Fahrten die ihm sowieso unangenehm sind?
=> Nein, bis dahin nicht. Vielleicht will er seine Übelkeit auf das Auto schieben? Vielleicht verbindet er sie hauptsächlich damit und kann sich nicht eingestehen, dass es in Wahrheit sein innerer Konflikt ist. Oder aber es ist nur Zufall.
Glaubt ihr an Zufälle in diesem Buch? Icon_wink

Nun, wir haben lange darauf gewartet, dass Amir Hassan mal als seinen Freund bezeichnet. Ich dachte, dass es nun endlich soweit ist. Aber es kommt noch besser: Er bezeichnet ihn als seinen Halbbruder. Endlich steht Amir voll und ganz zu Hassan.
=> Getrieben von Schuld oder wahrhaftiger Ehrlichkeit?

Als Amir dann das Haus Wahids verlässt, lässt er seine Uhr und einige Geldscheine zurück. Diesselben Gegenstände mit denen er Hassan und Ali aus dem Haus gegriegt hat. Es kam mir ein wenig so vor, als wäre auch das eine Geste um seine Schuld zu mildern.
=> *lach* Stimmt. Ich muss ehrlich sagen bis dahin ist mir das so noch gar nicht bewusst geworden. Ich fand übrigens diese Stelle mit den Kindern sehr bewegend. Auch die Gastfreundschaft, die dem Gast Essen zusprach, während die Kinder hungerten.
Das mit der Uhr und dem Geld finde ich sehr schön und passend. Ein schön gesetztes Zeichen.

Denn kurz vorher, wurde ihm bewusst, dass Hassan noch leben könnte, wenn er in ihrem Haus geblieben wäre.
=> Noch besser! Er hätte nicht nur Leben können, sondern vielleicht sogar eine wirklich wahrhaftige Zukunft gehabt. Eine Schule besucht und vielleicht ebenso leben können, wie es Amir vergönnt gewesen war.

Kaum sind Amir und Farid in Kabul angekommen treffen sie einen alten Bettler der Amirs Mutter gekannt hat. Was ich sehr spannend fand, denn von ihr haben wir bisher kaum etwas erfahren.
=> Richtig, das war sehr schön und berührend. Obwohl ich es trotzdem ein wenig zuviel des Zufalls fand, einem Menschen dort zu begegnen der seine Mutter kannte. Zwar hatte Khaled Hosseini gleich eingelenkt wie möglich das wirklich sein kann, weil dort alle verwandt sind, ich habs aber doch nicht völlig glauben können.

Wie Amir so vor seinem Haus steht und seiner Vergangenheit nachtrautert, hat mich an dieser Stelle dann doch sehr berührt. Diese Vergleiche des Kabuls von früher und von heute.
=> Ja, mich auch. Vielleicht berührt es auch, weil Kabul nicht einfach nur in irgendwelchen Gedanken existiert. Weil es einfach wirklich so ist. Weil man sich bewusst wird, wie viel sich geändert hat und das durch Amirs Augen sehen zu können, ist wirklich sehr sehr bewegend. Auch macht es irgendwie klar, wie sehr man genießen muss, was man hat. Es kann sich immer alles schlimmer entwickeln und nachher genießen zu wollen, ist dann vergebens.

Und zu guter Letzt finden wir dann doch Suhrab wieder, der seinem Vater sehr ähnlich sieht und der einem alten Bekannten in die Finger gefallen ist: Assef. Nun, als wir den Kerl zum ersten Mal gesehen haben, hab ich tatsächlich gedacht: Der erinnert mich an Assef. Sein Lebenslauf und seine Erzählungen passen zu ihm. Und irgendwie dachte ich mir schon, dass er nochmal auftaucht. Sehr dramatische Szenen, diese Schlägerei, die ich übrigens noch zu Ende gelesen habe und nicht genau auf Seite 300 unterbrechen konnte.
=> Ich auch nicht. Icon_smile Ich weiß nicht, ob es für mich so berechenbar gewesen wäre, hätte ich es nicht gewusst. Im Buch ist es noch ein Stück anders, als in der Verfilmung. Ich nehme einmal an, mich hätte es vom Hocker gehauen. *grins*

Wir haben Assef zwar wieder getroffen, aber wirklich was über seine Vergangenheit haben wir nicht erfahren. Ich denke sein Verhalten hat auch viel mit der Situation seiner Familie zu tun. Seine Eltern sind Reich, daher hat er wahrscheinlich schon als Kind alles bekommen, was er wollte. Da kann man jetzt seitenweise drüber spekulieren, ob sich seine Eltern vielleicht nicht ausreichend um ihn gekümmert haben oder nicht.
=> Ich glaube das rührt von wo anders her. Einfach nur mit "er hat immer bekommen was er will" kann ich mir das einfach nicht erklären. Dafür ist er mir viel zu extrem was Hass und Brutalität anbelangt.

@ Libertine
Also von den Leuten und dem Land aus Drachenläufer sieht man da eher weniger.
=> Schade und einerseits auch gut, sonst hättest du mir diese Kassette unbedingt borgen müssen. Mrgreen

Die Geschichte Hassans finde ich sehr bewegend. Dass seine Mutter noch einmal zurückkommt, hätte ich nicht gedacht - eigentlich auch nicht, dass Rahim Khan über alles Bescheid weiß, aber eigentlich ist es nur logisch, dass Baba es nicht für sich behalten konnte, dass er nicht damit leben konnte, so stark gegen die Ehre verstoßen zu haben, ohne es jemandem zu sagen.
=> Ich glaube Rahim Khan ist der Einzige, der wusste, dass Hassan Babas Sohn war, doch auch Ali muss es zumindest geahnt haben. Ob Baba es Rahim Kahn wirklich gesagt hat, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Auch Amir musste nicht reden, um verstanden zu werden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Baba - ein Mann solches Stolzes - wirklich hingegangen ist, um einem Freund alles zu beichten.

Vor dem Hintergrund dieser Geschichte wendet sich der Blick auf Babas Verhalten plötzlich. Das Waisenhaus, vielleicht auch ein Zeichen des Mitleids mit Menschen, die nicht so glimpflich aus einer Geschichte wie dieser herauskommen - Kinder, die von ihren Familien verstoßen werden.
=> würde jedenfalls sehr gut ins Bild passen!

Das Selbstbewusstsein auf der Fahrt nach Pakistan, vielleicht hat/zeigt Baba keine Angst, weil er genug Schuld trägt für ein Leben. Dass Baba Amir etwas über Sünde erzählt (die einzige Sünde ist es, zu lügen) und sich damit gegenüber dem vermittelten Schulwissen abgrenzt, deutet Amir als Maxime - letztendlich zeigt sich hier aber, was Baba aus seinem Verhalten in der Vergangenheit gelernt hat.
=> Die einzige Sünde ist Diebstahl. Ich glaube mit der Flucht aus Kabul ist Baba damals noch einmal ganz genau bewusst geworden, was er zurücklassen muss. Wir furchtbar alles geworden ist und das in Verbindung mit der Ehre, die er wohl, um Fehler aufzuwiegen, für heilig spricht, würfelt dann alles zusammen. Auf alle Fälle hat er an dieser Stelle wirklich sein Leben riskiert. - Was mich sehr wundert! Was hätte aus Amir werden sollen, wäre Baba etwas passiert? Trotz aller Zwietracht hatte Baba nie so gewirkt, als wäre ihm etwas anderes wichtiger als sein noch verbliebener Sohn. Auch das Weggehen aus Kabul hatte nur einen Grund: Amir einen Zukunft zu bieten. Dort zu sterben ohne zu wissen was aus seinem Sohn dann später doch noch werden soll, ... mich wundert, dass er das in Kauf genommen hätte.

Dass Hassan Amirs Halbbruder ist, hat mich auch total überrascht. Eine tolle Wendung. Ebenso wie ich es absolut spannend finde, dass Amir noch einmal auf Assef trifft, ohne es zunächst zu ahnen. Insgesamt gefällt mir auch Amir hier viel besser. Er kann sich nicht mehr verstecken. Sein Vater ist tot, Hassan ist tot, Rahim Khan schickt ihn in die Stadt, in der er aufgewachsen ist, in der ihm nur Misstrauen begegnet und Neid.
=> eine verzwickte Wendung nach der nächsten und die ganze Zeit habe ich irgendwo auch den Grund gefunden für Amirs plötzliche Standhaftigkeit: Ich will endlich nichts mehr vergessen, hat er gesagt. Und ich kann mir so wahnsinnig gut vorstellen, wie er es meint. Alles herum zerfällt. Die Vergangenheit rieselt dahin und ich glaube Amir merkt, dass wenn er sie verliert, damit auch die Chance einbüßt auf ein normales Leben. Er kann nicht vergessen! An diesem Punkt ist es wichtiger sich dem Ganzen zu stellen, auch wenn es das Leben kosten kann. Ich finde es sehr beeindruckend, wie authentisch Khaled Hosseini genau das vermittelt hat!

Inwiefern die Beschreibungen Kabuls, der Armut, dem Verfall von Gebäuden, Straßen und Menschen mit der Wirklichkeit übereinstimmen, weiß ich nicht. In den kleinen Begegnungen (zum Beispiel mit dem Literaturprofessor) und den Blicken, die Amir zunächst nicht versteht (das "Missverständnis" mit der Uhr und dem Essen bei Farids Bruder), zeigt sich eine völlig fremde Welt, die Hosseini in meinen Augen kaum dezenter und gleichzeitig kaum deutlicher hätte beschreiben können. Richtig lebendig.
=> Soweit ich es mitbekommen habe, setzt sich Hosseini für Hilfsprogramme ein, also denke ich schon, dass er sich sehr gut erkundigt hat und sich der Lage dort wohl bewusst ist. Auch die Widmung lässt darauf schließen: Dieses Buch widme ich Haris und Farah, meinen beiden Augensternen, und den Kindern von Afghanistan.

Wer von euch kennt denn den Film schon? Ich habe ihn am Wochenende gesehen und freue mich schon drauf, nächste Woche, wenn ihr den letzten Teil des Buchs kennt, oder vielleicht auch erst übernächste Woche, wenn wir hier soweit fertig sind, ein bisschen darüber zu reden.
=> Ich kenne den Film. Hab ihn vor dem Buch gesehen und bin durch Zufall darüber gestolpert. Er hat mich damals schwer beeindruckt und war seit langem mir wieder 20 Euro wert. Ich wollte nicht warten, um ihn irgendwann billiger zu bekommen. *lach* Über den Vergleich von Film zum Buch zu plaudern würde mich natürlich auch freuen. Können wir gerne machen. Icon_smile

Aber schonmal so viel, dass ich von der Darstellung der zweiten Hälfte des Buches, also von Amirs Aufenthalt in Afghanistan enttäuscht war.
=> Wirklich? Wegen inhaltlichen Abänderungen? Oder dem Fehlen mancher Inhalte.

Schön endlich wieder mal mit euch über das Buch plaudern zu können und endlich komme ich dazu, auch von mir markierte Stellen aufzugreifen:

Seite 209 schrieb:Ein Dozent eines Kurses für Kreatives Schreiben an der San Jose State University hatte einmal über Klischees gesagt: "Meide sie wie die Pest." Und lachte dann über seinen eigenen Witz.
=> wie genial.
Icon_lachtot

Seite 220 schrieb:Sie häuften ihre Habseligkeiten in einige alte Lumpen und knoteten die Ecken zusammen.
=> Hier wurde mir erst so wirklich bewusst, das Hassan für ein Angebot beinahe ausgeschlagen hatte. Immer noch hat er wenig. Das was er und seine Frau besitzen, lässt sich einfach nehmen und wegtragen.

229 schrieb:Sie hatte tagelang einen großen violetten Fleck auf dem Oberschenkel, aber was blieb mir anderes übrig, als daneben zu stehen und zuzusehen, wie meine Frau geschlagen wurde? Hätte ich gekämpft, hätte mir dieser Hund sicherlich mit Freude eine Kugel in den Leib gejagt!
=> Fällt euch auf, dass er damit Amir und sein Heim damit über seine eigene Familie stellt? Hier hat nachgegeben und zugesehen wie unrecht geschah. Als man das Haus aber nehmen wollte, Amirs Haus, hat er sich geweitert. Sich vor die Tür bringen und erschießen lassen, anstatt nachzugeben und einfach zuzusehen.
Mich hat dieser Vergleich schockiert.

Soviel diesmal von mir. Icon_smile
Liebe Grüße und bis Morgen,
Sternchen

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Vaclav Havel
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Beitrag #26 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo ihr zwei,

erstmal zu Libbi:

Also ich hab die Doku auch nicht gesehen, hab ich irgendwie total vergessen. Aber so richtig scheine ich nichts verpasst zu haben. Icon_smile

Zitat:Ich denke, er bereut in gewisser Weise auch, dass er Hassan Ali anvertraut hat, weil Hassan ihm selbst viel ähnlicher ist als Amir. Schwierig alles. Aber für mich stand Baba in einem anderen Licht da.

Ja, plötzlich kann man Babas Verhalten ganz ander deuten. Vieles von dem ich dachte, dass er es aus Freundschaft zu Ali, oder aus reiner Großzügigkeit getan hat, hat er getan um seine Schuld zu begleichen. Genauso wie Amir, der sich ja nur auf die Suche nach Suhrab gemacht hat um seine Schuld zu begleichen.

Zitat:Insgesamt gefällt mir auch Amir hier viel besser. Er kann sich nicht mehr verstecken.

Mir gefällt Amir hier auch. Endlich setzt er sich mal für etwas ein und
macht mal was anderes, als immer nur zu bereuen.

Zitat:zeigt sich eine völlig fremde Welt, die Hosseini in meinen Augen kaum dezenter und gleichzeitig kaum deutlicher hätte beschreiben können.

Diese Welt ist wirklich nur Hintergrund, was mir gut gefällt. Wir bekommen Einblicke, aber ohne die eigentliche Handlung aus den Augen zu verlieren.

Zitat:dass derjenige, der gewinnt, gehen darf, und dass er wirklich eingehalten wird, hat mich beeindruckt. Bei allem Selbstbezug gilt auch für Assef die Ehre sehr viel, selbst wenn er den Hazara keine zuspricht, hält er sich an sein eigenes Wort. Das hätte ich nicht von ihm erwartet.

Das hat mich auch überrascht. Aber, wenn für Assef die Ehre tatsächlich das höchste Gut ist, dann wird er sich auch an sein Wort halten. Er kämpft ja schließlich auch für die Ehre indem er die Hazara verfolgt. Assef ist eben konsequent.

Zitat:Und irgendwie macht es das auch aus und für mich so lesenswert: Amir blickt von außen auf das Geschehen, er denkt, er wäre "innen", würde das Land kennen, aber er tut es nicht. Damit ist es ihm fast genauso fremd wie uns.

Damit steht Amir auf der gleichen Stufe wie wir. Wir sind alle zusammen Fremde in dem Land und somit kann uns Amir näher kommen. Damit hat sich mal wieder die Lehre bewahrheitet, dass der Prot nie mehr wissen darf als der Leser. Icon_wink

Den Film hab ich übrigens noch nicht gesehen, aber ich bin trotzdem auf eure Meinung darüber gespannt, denn ich bin Buchverfilmungen gegenüber immer kritisch.

Und dann zu Sternchen:

Zitat:
Zitat:Er überredet ihn in Babas Haus zu ziehen. Was glaubt ihr, warum entscheidet sich Hassan erst für den Umzug, als er von Babas Tod weiss?
=> Vielleicht aus dem einfachen Grund, dass er Mitleid mit Amir hat. Er denkt ja, wie man später erfährt, dass Amir wieder zurückkommen würde und will darauf vielleicht alles vorbereiten. Da sein für ihn, wenn er kommt. Hassan scheint sich, was das betrifft ja nicht wirklich geändert zu haben, was mich schon wundert. Sein Erwachsen werden hat anscheinend der Liebe und Ergebenheit zu dieser Familie keinen Abbruch getan. Warum denkst du Lady, dass er sich so entschieden hat?

Ich denke, es liegt tatsächlich an seiner ungebrochenen Liebe der Familie gegenüber. Vielleicht glaubt er erst an Amirs Rückkehr nachdem er von Babas Tod erfahren hat.

Zitat:Bis dahin denkt man, wenn man den Hintergrund ja noch nicht kennt, Hassan und Amir könnten sich wiedersehen. Mich persönlich, auch wenn es dumm klingt, nimmt es trotzdem immer wieder mit, wenn ich´s lesen oder sehen muss, wie die Wirklichkeit tatsächlich aussieht.

Mir ging es hier ähnlich. Vor allen Dingen hat mich die Tatsache enttäuscht, dass sich die beiden nicht wiedergesehen haben. Das wäre sehr emotional geworden und Hassan hätte Suhrab selbst Amir vorstellen können. Wobei diese Möglichkeit dann doch etwas zu kitschig gewesen wäre, so ist es realistischer, hart aber realistischer.

Zitat:Richtig! Man stelle sich den Verrat vor, den Baba auch an Ali begangen hat. In Wahrheit war er nicht besser als sein Sohn. Nicht weniger schuld und nicht weniger beschmutzt. Warst du nur überrascht, Lady, oder eher schockiert?

Hauptsächlich war ich überrascht. Ich hätte das Baba zwar niemals zugetraut, aber irgendwie war ich schon allein dadurch wieder beruhigt, dass wir ja schon wussten, wie er sich um Hassan und Ali kümmert. Schockiert wäre ich vielleicht gewesen, wenn wir jetzt nicht wüssten, was mit Hassan passiert wäre.

Zitat:Amir hat den Zuckerguss seine Welt gesehen, aber das dahinter blieb ihm wohl immer eher verborgen.

Das wird wahrscheinlich an der kindlichen Betrachtungsweise liegen und vielleicht daran, dass es ihm ja gut ging.

Zitat:
Zitat:Ist euch eigentlich schonmal aufgefallen, dass Amirs Übelkeit im Auto immer nur dann beschrieben wird, auf Fahrten die ihm sowieso unangenehm sind?
=> Nein, bis dahin nicht. Vielleicht will er seine Übelkeit auf das Auto schieben? Vielleicht verbindet er sie hauptsächlich damit und kann sich nicht eingestehen, dass es in Wahrheit sein innerer Konflikt ist. Oder aber es ist nur Zufall.
Glaubt ihr an Zufälle in diesem Buch?Icon_wink

Nein, in diesem Buch gibt es keine Zufälle. Icon_smile Nicht mehr, nachdem Babas Schuld rausgekommen ist. Ich glaub auch, dass er dem Auto die Schuld zuschiebt und es in Wirklichkeit sein Wiederwille ist.

Zitat:
Zitat:Aber es kommt noch besser: Er bezeichnet ihn als seinen Halbbruder. Endlich steht Amir voll und ganz zu Hassan.
=> Getrieben von Schuld oder wahrhaftiger Ehrlichkeit?

Ich denke ab diesem Teil ist es Ehrlichkeit. Ab hier beginnt er seine Schuld Stück für Stück "abzuarbeiten" und dazu gehört auch die Ehrlichkeit. Wobei jetzt ja eh alle Tod sind, denen er mit der damit schaden könnte.

Zitat:Obwohl ich es trotzdem ein wenig zuviel des Zufalls fand, einem Menschen dort zu begegnen der seine Mutter kannte. Zwar hatte Khaled Hosseini gleich eingelenkt wie möglich das wirklich sein kann, weil dort alle verwandt sind, ich habs aber doch nicht völlig glauben können.

Als der Dialog begann hab auch gedacht: Was für ein Zufall. Aber Amir denkt das ja auch, und dann wird gleich eingelenkt, dass da eh alle miteinander verwandt sind. Daher kann ich da schon drüber wegsehen.

Zitat:Ich glaube Rahim Khan ist der Einzige, der wusste, dass Hassan Babas Sohn war, doch auch Ali muss es zumindest geahnt haben. Ob Baba es Rahim Kahn wirklich gesagt hat, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Auch Amir musste nicht reden, um verstanden zu werden. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Baba - ein Mann solches Stolzes - wirklich hingegangen ist, um einem Freund alles zu beichten.

Das denke ich auch. Rahim wird der einzige gewesen sein. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob es Ali gewusst hat, ob Baba ihm gegenüber so ehrlich war. Wohl eher nicht. Rahim wird es einfach irgendwann "gewusst" haben, so wie bei Amir.

Zitat:Auf alle Fälle hat er an dieser Stelle wirklich sein Leben riskiert. - Was mich sehr wundert! Was hätte aus Amir werden sollen, wäre Baba etwas passiert? Trotz aller Zwietracht hatte Baba nie so gewirkt, als wäre ihm etwas anderes wichtiger als sein noch verbliebener Sohn.

Stimmt. An dieser Stelle scheint Baba wirklich unbesonnen gewesen zu sein. Vielleicht hat er auch auf das ehrenhafte Verhalten des Russen gehofft. Vielleicht hatte er auch nur einen Moment der Verzweiflung, dachte vielleicht das Amir auch erschossen wird. Es könnte aber auch einfach ein Impuls gewesen sein "etwas zu tun". Sie sind in diesem Moment ja den anderen ausgeliefert und so das Ruder aus der Hand zu geben ist Baba ja gar nicht gewohnt.

Zitat:Fällt euch auf, dass er damit Amir und sein Heim damit über seine eigene Familie stellt? Hier hat nachgegeben und zugesehen wie unrecht geschah. Als man das Haus aber nehmen wollte, Amirs Haus, hat er sich geweitert. Sich vor die Tür bringen und erschießen lassen, anstatt nachzugeben und einfach zuzusehen.
Mich hat dieser Vergleich schockiert.

Das war mir so nicht aufgefallen. Ich habe bei Hassans Tod schon gedacht, dass er sich damit mal wieder für Amir geopfert hat, aber den Vergleich zu der Situation mit seiner Frau ist mir nicht in den Sinn gekommen. Aber jetzt wo ich darüber nachdenke, wird er sich schon gedacht haben, dass er so oder so stribt, als die Taliban ins Haus eindringen. Also wird er sich gedacht haben: Lieber nocheinmal kämpfen, als einfach so zu sterben. In der anderen Situation hat er sich ja gedacht, dass es seiner Familie nichts nützt, wenn er sich wegen sowas erschießen lässt, da bestand ja die Chance zu überleben.

Liebe Grüße,

Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #27 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

der Lesekreis will weitergehen und ich hoffe, alle haben das Buch ausgelesen? Eine Frage zum Buch hätte ich vorweg schon einmal: Habt ihr alle die Ausgabe mit dem Lesekreis-Extra? Da ich gerne dieses aufgreifen würde, wäre das natürlich super fein. Icon_smile

Amir im Krankenhaus
Nach dem Kampf mit Assef finden wir Amir ziemlich schwer verletzt im Krankenhaus wieder. Es wird einem eigentlich schon übel, wenn man sich die Liste ansieht, die der Arzt aufstellen kann, um Amirs Zustand begreiflich zu machen: Milzriss, sieben Rippen gebrochen, Brustwandverletzung, Platzwunden, Oberlippe verdrahtet, Augenhöhlenbruch.
„Sie haben Glück, noch am Leben zu sein.“ – find ich auch! Mrgreen Nachdem Farid und Suhrab Amir besuchten, erhält er einen Brief von Rahim Khan, der mit seinen Zeilen, über Wahrheit und Verzeihen, sich endgültig verabschiedet. Für mich auch sehr bewegend, denn ich mochte ihn, wie Baba auch, sehr gerne und sein Tod zeigt irgendwie das absolute Ende der Vergangenheit auf. Es wurde mir an der Stelle wieder bewusst, wie weit weit alles schon hinter Amir liegt.

Seite 314 schrieb:„Für dich – tausendmal“, sagte Farid.
- wenn das nicht so eine Art Sprichwort ist, dann finde ich, ist es schon ein merkwürdiger Zufall, dass Farid die gleichen Worte benutzt wie Hassan. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, genau das, in Farids eigenen Worten zu hören und ihm nicht den „Hassan-Stempel“ aufzudrücken.

Seite 323 schrieb:„Die Shah Faisal?“ „Es ist die größte Moschee der Welt, ...“ „Allein der Vorplatz fasst 40000 Menschen.“
- Neugierig wie die aussieht? Also ich war es schon. Hier ein Link für alle die, die sich gerne ein Bild davon machen würden. Icon_smile

Amir & Suhrab
Man merkt irgendwie, dass sich beide nahe und trotzdem weit entfernt zu einander fühlen. Suhrab wirkt anfangs noch richtig verstört. Auch hat er ein schlechtes Gewissen, dass er gewalttätig war.

Seite 326 schrieb:„Vater hat immer gesagt, dass es auch falsch wäre, bösen Menschen zu schaden. Weil sie es nicht besser wissen und weil sie manchmal auch gut werden.“
- was sagt ihr dazu? Hört sich ganz nach Hassan an. Auch wieder nach einer moralischen Überlegenheit. Wie findet ihr die Aussage. Gebt ihr dem Recht?

Seite 327 schrieb:„Du bist nicht dreckig.“
„... was die gemacht haben! Der schlechte Mann und die beiden anderen, was die mit mir gemacht haben.“
- schon schlimm. Vor allem total abartig ist es, wenn ich daran denke, dass Assef sich erst am Vater und dann an dessen Sohn vergriffen hat. Böse Menschen verdienen keinen Schaden? So, so, so ...

Seite 327 schrieb:„Du hast dir nichts zu Schulden kommen lassen.“ Wieder berührte ich seinen Arm, und wieder wich er mir aus. Behutsam legte ich meinen Arm um ihn und zog ihn an mich. „Ich werde dir nicht wehtun“, flüsterte ich. „Versprochen.“
- wie die Stelle zuvor auch hier sehr berührend. Ich finde Suhrabs Angst ziemlich verständlich und meine, dass sie sehr tiefgreifend sein muss, wenn er selbst Amir gegenüber so eine Furcht verspürt. Zwar kenne diese beiden sich nicht, doch Hassan hat seinen Sohn doch viel erzählt über ihre Freundschaft. Ich dachte daher, es müsste eine Art Vertrauen schon vorhanden sein. Oder aber, dieses ist ebenso fortgespült wie die Erinnerungen an seine Eltern.

Von Hoffnung und Angst
Amir bemüht sich schließlich, nachdem feststeht, dass er Suhrab nirgendwo anders hingeben kann als in ein Heim, darum, dass sein Neffe bei ihm bleiben kann. Ich finde es an der Stelle sehr interessant, wie die innere Politik dieser Sache greift. Einmal Hoffnung, dann Verlust. Ein Spiel, dass der kleine Junge nicht spielen kann. Gerade die Hoffnung bei Amir Aga bleiben zu können und nie wieder in ein Heim zu müssen (Versprechen von Amir) hat ihn sichtlich belebt und als diese gefallen ist, in ein tiefes Loch zurückgestoßen.
Es kommt wie es scheinbar kommen muss und doch hat mich Suhrabs endgültiger Schritt tief getroffen und sehr überrascht. An dieser Stelle sind die Emotionen in diesem Buch wieder schier überwältigend. Man sieht den Jungen vor sich, ... dort auf diesem Bett und merkt wie Freude und Glück scheinbar unwiederbringlich von ihm gegangen sind. Was zurückbleibt ist ein völlig zerstörtes Kind. Am Strick hängend, den Amir durch sein Versprechen mit geknüpft hat.

354 schrieb:... das blutige Badewasser, in das einzelne Tropfen vom Wasserhahn fallen; der über den Wannenrand hängende linke Arm; die blutverschmierte Rasierklingen auf dem Spülkasten der Toilette ...
- und dann der Einblick in das ganze Grauen. Vom Stil sehr langsam, eindringlich zu lesen. Fast wie in Zeitlupe für mich.

360 schrieb:„Ich möchte ...“ krächzte er und langte mit der Hand an den Hals, als wollte er beseitigen, was seine Stimme unterdrückte. Wieder fiel mein Blick auf seine fest mit weißem Mull verbundenen Handgelenke. „Ich möchte in mein früheres Leben zurück“, hauchte er.
- einfach zum mitweinen ...

362 schrieb:Was sich wie ein Ja anhörte, war in Wirklichkeit nicht so sehr Zustimmung als stille Kapitulation, die Verzichtserklärung eines Jungen, der zu müde war, um eine Entscheidung zu treffen, und weit davon entfernt, vertrauen zu können.
- Eindringlich, schlimm, tief getroffen ... da fehlen einfach alle Worte.

Seite 365 schrieb:Dein Vater war hin- und hergerissen, hatte Rahim Khan in seinem Brief geschrieben. Zwischen mir, dem gesellschaftlich anerkannten, legitimen Nachfolger und ahnungslosen Erben seiner Schuld auf der einen und Hassan auf der anderen Seite, ein Teil von ihm, der, wenngleich ohne Privilegien und Ansehen, all das geerbt hatte, was an Baba rein und edel gewesen war. Möglich, dass Baba im tiefsten Grunde seines Herzens nicht mich, sondern ihn für seinen wahren Sohn gehalten hatte.
- ich weiß nicht ganz, ob ich diesem Gedanken wirklich folgen kann. Ich glaube nicht, dass für Baba ein Sohn „wirklicher“ war als der andere. Beide hatten unterschiedliche Qualitäten und ja, vielleicht hat Baba Hassan bewundert – aber ich glaube er hat trotzdem beide geliebt.

Seite 366 schrieb:„Schon gut.“ Ich wandte mich dem General zu. „Mein Vater hat mit der Frau seines Dieners geschlafen. Sie brachte einen Sohn zur Welt und nannte ihn Hassan. Hassan ist inzwischen tot. Der Junge, der da auf der Couch liegt und schläft, ist Hassans Sohn. Er ist mein Neffe. Das darf jeder wissen.“
- was für ein schöner, aufrichtiger Momente. *jubel*

Zum Schluss, Sorayas Enttäuschungen, der Stille und allem Überdruss zum Trotz scheint Suhrab doch wieder ein Stück weit aufzutauen. Zwar leitet die Geschichten nicht das absolut vergoldete Happy End ein – was auch gar nicht passen würde – doch es lässt nötige Hoffnung entstehen. Ich hoffe natürlich für alle, dass es sich wieder zum Guten wendet. Ich glaube eine Chance besteht.

Zum Buch an sich
Ehrlich sein! – Wie hat es euch gefallen? War es durch und durch überzeugend oder gab es stellen, als ihr mit dem Ganzen gehadert habt. Vielleicht der emotionale Anteil teilweise gar zu hoch? Was fandet ihr gut, was weniger gut und warum?
Wenn ihr selbst auch fragen habt, die ihr gerne stellen möchtet, dann immer heraus damit. Genau dafür ist dieser Thread auch vorgesehen. Icon_wink

Themen, die sich jetzt noch aufgreifen lassen: Vergleich zum Film (wer hat ihn inzwischen gesehen, bzw. will sich an einer Diskussion daran beteiligen?), Lesekreismaterial der aktuellen Ausgabe (ist der Teil bei jedem vorhanden?) ...

So immer her mit Meinungen, Diskussionswünschen und allem, was sich mit dem Thema gut verbinden lässt.


noch ein paar Wörter zu meine neuen Co-Moderatorin. Icon_wink
LadydesBlauenMondes schrieb:Das war mir so nicht aufgefallen. Ich habe bei Hassans Tod schon gedacht, dass er sich damit mal wieder für Amir geopfert hat, aber den Vergleich zu der Situation mit seiner Frau ist mir nicht in den Sinn gekommen. Aber jetzt wo ich darüber nachdenke, wird er sich schon gedacht haben, dass er so oder so stirbt, als die Taliban ins Haus eindringen. Also wird er sich gedacht haben: Lieber nocheinmal kämpfen, als einfach so zu sterben. In der anderen Situation hat er sich ja gedacht, dass es seiner Familie nichts nützt, wenn er sich wegen sowas erschießen lässt, da bestand ja die Chance zu überleben.
=> Hier kann ich dir sogar nicht zustimmen. Ich glaube kaum - so hat es sich jedenfalls für mich nicht angehört - als hätte sie an Hassan und seine Familie großes Interesse gehabt, hätte die still und leise das Feld geräumt. Sie wollten das Haus, was auch hervorgehoben wurde. Natürlich bleibt ein Restrisiko, aber im Grunde wären die Chancen sicherlich nicht schlecht gestanden kleinlaut zu verschwinden.

Liebe Grüße,
Sternchen

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Beitrag #28 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo an alle,

Zitat:Habt ihr alle die Ausgabe mit dem Lesekreis-Extra?

Ja, hab ich und ich hab's mit Begeisterung gelesen.

Amir im Krankenhaus

Ich fand hier die Darstellung, wie Amir nur schemenhaft mitbekommt, was um ihn herum passiert übrigens gut dargestellt.

Zitat:
S. 314 schrieb:„Für dich – tausendmal“, sagte Farid.
- wenn das nicht so eine Art Sprichwort ist, dann finde ich, ist es schon ein merkwürdiger Zufall, dass Farid die gleichen Worte benutzt wie Hassan. Mir persönlich wäre es lieber gewesen, genau das, in Farids eigenen Worten zu hören und ihm nicht den „Hassan-Stempel“ aufzudrücken.

Ich habe an der Stelle auch Aufgemerkt und hab mich gefragt, woher Farid diese Worte kennt. Könnten natürlich ein Sprichwort sein, denn irgendwie ist es schon eine seltsame Formulierung.

Amir & Suhrab

Zitat:[quote"S. 326]„Vater hat immer gesagt, dass es auch falsch wäre, bösen Menschen zu schaden. Weil sie es nicht besser wissen und weil sie manchmal auch gut werden.“
- was sagt ihr dazu? Hört sich ganz nach Hassan an. Auch wieder nach einer moralischen Überlegenheit. Wie findet ihr die Aussage. Gebt ihr dem Recht?[/quote]

Hört sich total nach Hassan an. Und irgendwie muss ich ihm ja auch recht geben. Gleiches mit Gleichem zu Vergelten zieht meistens noch mehr Probleme nach sich. Trotzdem muss man sich auch mal Verteidigen. Aber genau das ist es ja, was Hassan nicht getan hat. Ich glaube nicht unbedingt, dass "die Bösen" manchmal "gut" werden. Manchmal vielleicht. Assef jedenfalls nicht. Icon_wink

Zitat:Ich finde Suhrabs Angst ziemlich verständlich und meine, dass sie sehr tiefgreifend sein muss, wenn er selbst Amir gegenüber so eine Furcht verspürt. Zwar kenne diese beiden sich nicht, doch Hassan hat seinen Sohn doch viel erzählt über ihre Freundschaft. Ich dachte daher, es müsste eine Art Vertrauen schon vorhanden sein. Oder aber, dieses ist ebenso fortgespült wie die Erinnerungen an seine Eltern.

Ich kann Suhrabs Angst auch nachvollziehen. Ich denke, er hat grundsätzlich vor jedem Angst der ihm zu nahe kommt. Nur die Erzählungen aus der Vergangenheit schaffen da nicht genug Vertrauen. Ach, was hat mir Suhrab an der Stelle Leid getan.

Suhrab soll ja in das von Amerikanern geleitete Waisenhaus. Dann stellt sich aber heraus, dass es die gar nicht gibt und mir drängte sich der Verdacht auf, dass das von Anfang an von Rahim Khan so geplant war, dass Amir Suhrab mit nach Amerika nehmen soll. Ich dachte mir das eh von Anfang an, als es hieß, dass er Hassans Sohn helfen soll. Aber ich hätte das eher auf der emotionalen Ebene vermutet. Das er sich nicht von Suhrab trennen kann, weil er ihn so lieb gewonnen hat und ihn deshalb mit sich nimmt. Habt ihr das auch gedacht?

Von Hoffnung und Angst

Zitat:Gerade die Hoffnung bei Amir Aga bleiben zu können und nie wieder in ein Heim zu müssen (Versprechen von Amir) hat ihn sichtlich belebt und als diese gefallen ist, in ein tiefes Loch zurückgestoßen.

Gerade da war Suhrab ganz langsam etwas zutraulicher geworden und wollte bei Amir bleiben. Gerade dieses Versprechen von Amir war ja entscheidend.

S. 339 schrieb:"Kindern Versprechungen zu machen ist ziemlich heikel."

Mr. Andrews (Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft) hat natürlich völlig Recht. Aber ich habe mir gedacht, dass Amir ja gerade erst "Vater geworden ist" und indem Moment wo er sein Versprechen gegeben hat, ging es hauptsächlich darum Suhrabs Vertrauen zu gewinnen. Deshalb mache ich hier Amir deshalb keinen Vorwurf. Aber das es so dramatisch endet, weil das Versprechen nicht erfüllt werden kann, war zu diese Zeitpunkt noch nicht abzusehen.
Jedenfalls bekommt Amir von Mr. Andrews einen Anwalt empfohlen. Wir lernen Omar Faisal auf S. 341 kennen und zwar mit einer ganz einfachen Beschreibung. Einen ganzen Absatz lang ist einfach nur die Beschreibung dieses Mannes zu lesen und mich hat das nicht gestört. Ich dachte mir nur, dass wir uns hier schon so viele Gedanken dazu gemacht haben, wie man die Beschreibungen in die Geschichte mit einfließen lassen kann und dann wird das hier einfach so gemacht. Icon_smile

Voller Sorge sitzt Amir im Flur des Krankenhauses und betet für Suhrab. "Flur der Verzweiflung" nennt es Hosseini, was ich für einen treffenden Ausdruck halte. Krankenhausflure lassen einen wirklich Verzweifeln, aber gelegentlich passieren dort auch kleine Wunder. So wie hier, denn Suhrab überlebt. Amir scheint sich wegen dem Selbstmordversuch keine Vowürfe zu machen. Oder die werden nicht deutlich genannt. Eher wird hier auf seine Sorge um ihn eingegangen. Aber ich habe ihm da auch keine Vorwürfe gemacht, schließlich war das in diesem Moment die vernünftigste Alternative. Sorayas Anruf kam da leider ein paar Minuten zu spät, nachdem Suhrab tatsächlich ausreisen darf, aber dafür:
S. 362 schrieb:Er tauschte die Gewissheit des Schreckens gegen erschreckende Ungewissheit

Ein genialer Satz, oder? Na, klar, alles Neue ist erschreckend. Dafür musste er aber den Schrecken in seine Heimat kennenlernen.

Zitat:Ich glaube nicht, dass für Baba ein Sohn „wirklicher“ war als der andere. Beide hatten unterschiedliche Qualitäten und ja, vielleicht hat Baba Hassan bewundert – aber ich glaube er hat trotzdem beide geliebt.

Für mich entstehen durch diese Stelle einige Parallelen zwischen Amir und Baba. Beide konnten Hassan gegenüber ihre Gefühle nicht so zeigen, wie sie es wollten und beide haben Hassan hinter sich gelassen, als sie nach Amerika auswanderten. Vielleicht ist das auch der Grund warum sich die beiden dort besser verstanden haben, weil Hassan nicht mehr da war.
Baba versuchte beide immer gleich zu behandeln. Ich denke auch, er hat beide geliebt, vielleicht nur auf unterschiedliche Weise. So wie es ja auch Rahim Khan geschrieben hat:
S. 310/311 schrieb:Er hat euch beide geliebt, konnte aber Hassan nicht so lieben, wie er es gewünscht hätte, nämlich unverhohlen und wie ein Vater. Also hat er seine Verzweiflung an dir ausgelassen - an Amir, der gesellschaftlich akzeptierten Hälfte, jener Hälfte, die für die ererbten Reichtümer steht und für all die damit einhergehenden Pirvilegien.

Zitat:was für ein schöner, aufrichtiger Momente. *jubel*

Ja. Und dieser Moment wird noch spannender:

S.366 schrieb:"Ich verbitte mir, dass Sie [General Sahib] ihn in meiner Gegenwart noch einmal als >Hazara-Jungen< bezeichnen. Er hat einen Namen und heißt Suhrab."

Er wagt es tatsächlich sich gegen seinen Schwiegervater zu stellen. Vielleicht ist Amir wirklich dadurch bestärkt, dass er endlich mit seinem Gewissen im Reinen ist und seine Schuld beglichen sieht, dadurch das er Suhrab gerettet hat.

... und dann das Ende

S. 363 schrieb:Wenn mich heute jemand fragte, ob die Geschichte von Hassan, Suhrab und mir ein glückliches Ende gefunden hat, wüsste ich nicht, was ich darauf antworten sollte.

Tatsächlich ist das Ende nicht eindeutig. Die totale Glückseligkeit für alle bleibt aus, was auch etwas kitschig gewesen wäre. Aber ich finde das Ende gibt Hoffnung. Man kann hoffen, dass Suhrab wieder Anschluss zur Realität findet, vielleicht soetwas wie glücklich wird und somit auch Amir und Soraya.

Zitat:Ehrlich sein! – Wie hat es euch gefallen? War es durch und durch überzeugend oder gab es stellen, als ihr mit dem Ganzen gehadert habt. Vielleicht der emotionale Anteil teilweise gar zu hoch? Was fandet ihr gut, was weniger gut und warum?

Insgesamt gesehen fand ich das Buch echt gut. Ich habe lange kein Buch mehr gelesen, was mich stellenweise so erschüttert hat. So Szenen, wie die in der Gasse, oder wie man mit ansehen muss, wie Assef mit Suhrab umgegegangen ist und wie traumatisiert der Kleine dann war, dass waren so die Momente, wo ich wirklich erschüttert war. Und es gab Momente des Glücks indenen man hoffen konnte. Die Mischung war schon gut gemacht.

Welche Rolle hatte für euch Rahim Khan?
Für mich war er der "gute Onkel" für alle Beteiligten udn derjenige der Stück für Stück die Informationen der Vergangenheit weitergegeben hat.

Wie fandet ihr den Hintergrund?
Einerseits das uns fremde Afghanistan und dann der politische Hintergrund des ganzen. Ich finde, dass das alles wirklich nur Hintergrund war und nicht mehr. So wie es mMn auch sein sollte. Wir haben Einblicke bekommen, ja, aber ohne das dabei die Geschichte untergegangen wäre.

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Zitat:Ich glaube kaum - so hat es sich jedenfalls für mich nicht angehört - als hätte sie an Hassan und seine Familie großes Interesse gehabt, hätte die still und leise das Feld geräumt. Sie wollten das Haus, was auch hervorgehoben wurde. Natürlich bleibt ein Restrisiko, aber im Grunde wären die Chancen sicherlich nicht schlecht gestanden kleinlaut zu verschwinden.

Natürlich hätte die Familie eine Chance gehabt zu verschwinden, aber anscheinend war das für Hassan gar keine Option. Keine Ahnung, an was man in so einer Situation denkt. Die Stelle war irgendwie nur Bruchstückhaft beschrieben, weil Amir gar nicht richtig zugehört hat. Aber das passt auch wieder zum restlichen Stil Hassan bleibt bis zum Schluss schwer einzuschätzen. Icon_smile

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #29 |

RE: Lesekreis: Drachenläufer
Hallo zusammen,

Ja, auch die Ausgabe mit Lesekreis-Extra, auch wenn ich die immer noch nicht gelesen hab *g*

Was mich an diesem Buch so fasziniert, ist, wie stark die Figuren miteinander verknüpft sind, dass sie trotzdem eigenständig bleiben, dass die Geschichte sich in ihrem Fortlauf an etlichen Stellen wieder dreht, dass sich die Beziehungen der Figuren dadurch verändern. Und wahrscheinlich am meisten, dass die Einsicht von Fehlern immer erst dann folgt, wenn die Geschehnisse lange zurückliegen. Es gibt keine klare Aussprache zwischen zwei Leuten, die ein Problem miteinander haben. Die einzigen sind da Assef und Amir, wobei Assef für mich auch ein anderer sein könnte und damit Amir eher seinen Zwist mit dem Land seiner Kindheit besiegelt als mit einer Person, bzw. wenn dann mit sich selbst.
Auf jeden Fall eine tolle Geschichte, anschaulich und spannend erzählt, nah am Menschen, am Leben.

Die Szene, die mich im gesamten Buch am meisten mitgenommen hat, ist, als Suhrab versucht, sich umzubringen. Das war für mich beim Lesen noch beängstigender als die Vergewaltigung Hassans. Wahrscheinlich weil Amir in dem Moment besser dasteht. (Auch wenn er es ausgelöst und mich richtig aufgeregt hat, dass er dem Jungen sagt, er könnte eventuell noch einmal ins Heim müssen ... ) Was ich meine, ist, dass Amir hier machtlos ist, dass er all seine Hoffnung an Suhrab klammert und das die Möglichkeit für ihn ist, etwas wieder gutzumachen.
Dass es Komplikationen bei der Adoption gibt, passt zur Geschichte, denn es ist realistisch. Überhaupt wirkt die Gestaltung nah an der Wirklichkeit, ich hatte am Ende wirklich das Gefühl, etwas in das Land und die (Denkweise der) Leute eingetaucht zu sein.
Mir gefällt am Ende sehr, dass nicht alles rund ist - dass noch immer eine Barriere zwischen Suhrab und Amir steht, die Hassan heißt, den beide vermissen, aber mit unterschiedlichen Erinnerungen verbinden; Suhrabs Unwille, in Amerika zu leben, bricht nicht und das Drachenlaufen zum Schluss ist wirklich nicht mehr als eine erste Annäherung. Das finde ich gut, weil mehr nicht zum Verlauf der Geschichte passt.

Ich finde, die letzten 200 Seiten, also Amirs Zeit in Afghanistan, kann man nur zusammen besprechen, weil Amir über vieles selbst schon reflektiert. Also nicht wundern, wenn ich ein bisschen springe in den Bezügen.

Sternchen schrieb:Ich glaube Rahim Khan ist der Einzige, der wusste, dass Hassan Babas Sohn war, doch auch Ali muss es zumindest geahnt haben.
... wieso sollte Rahim Khan wissen, dass Ali unfruchtbar ist, wenn Ali es selbst nicht weiß?
Für mich steckt hier eine Andeutung dessen, was sich zwischen Baba und Ali abgespielt hat: Dass nämlich Ali Baba gegenüber ähnlich ergeben war wie Hassan Amir, mit dem Unterschied, dass sich Ali von Baba abwendet, als er merkt, dass die beiden nicht mehr erwünscht sind (von Seiten Amirs). Damit zeigt er im Grunde, dass er Hassan großgezogen hat, dass er Babas zweiten Sohn zu einem Hazara, einem Diener erzogen hat, was nicht gleichbedeutend ist mit selbstrespektlos. Das ist eine Geschichte, die nebenher abläuft, weil es wahrscheinlich Amir nicht so stark interessiert (emotional), wie es Ali dabei geht. (Was ich nicht abwertend meine, natürlich denkt er in dem Moment hauptsächlich an seinen Vater und an Hassan, nicht an Ali.)
Also, ich kann mir nicht vorstellen, dass Ali nicht weiß, dass Hassan nicht sein Sohn ist.
Zitat:Ob Baba es Rahim Kahn wirklich gesagt hat, ist dann wieder eine ganz andere Frage. Auch Amir musste nicht reden, um verstanden zu werden.
Ja, Hassan hat für ihn geredet, wenn ich mich recht erinnere Icon_wink
Zitat:Dort zu sterben ohne zu wissen was aus seinem Sohn dann später doch noch werden soll, ... mich wundert, dass er das in Kauf genommen hätte.
Ja, das stimmt schon. An der Stelle wirkte Baba auf mich aber, als wüsste er, dass es gut enden wird, selbst wenn er fast erschossen wird. Er fordert sein Glück heraus, ja, aber es klingt ein großer Glaube an den Menschen aus seinen Worten. Vielleicht ist es aber auch eine Trotzreaktion gegen die Besetzer - vielleicht will er zeigen, wenn auch in der kleinen Runde, dass Afghanen Stolz haben, dass sie für einander einstehen.

Lady schrieb:Vor allen Dingen hat mich die Tatsache enttäuscht, dass sich die beiden nicht wiedergesehen haben.
Mich auch! Ich hab's den beiden so gewünscht. Aber wenigstens hat Amir Suhrab gefunden. Ist Suhrab eigentlich so alt wie Hassan war, als er gegangen ist?
Zitat:Ich denke ab diesem Teil ist es Ehrlichkeit. Ab hier [wo er Hassan im Auto als seinen Halbbruder bezeichnet] beginnt er seine Schuld Stück für Stück "abzuarbeiten" und dazu gehört auch die Ehrlichkeit. Wobei jetzt ja eh alle Tod sind, denen er mit der damit schaden könnte.
Das finde ich sowieso ziemlich bitter in diesem Buch: Amir erfährt die Geschichten der Menschen erst, wenn sie bereits tot oder verschwunden sind. Letztlich erfährt er auch Rahim Khans Absicht erst, als dieser schon über alle Berge ist: nämlich dass Suhrab mit nach Amerika kommt.
Und an dieser Stelle hier dachte ich beim Lesen eigentlich nur: Das wurde auch Zeit! Weil Amir anfängt, im Reinen mit sich zu werden.

Zu den letzten 100 Seiten:
Zitat:„Für dich – tausendmal“, sagte Farid.
Ich finde das an dieser Stelle sowas von unpassend. Ich weiß nicht, es ist so ein Spruch zwischen Hassan und Amir, den Amir am Ende zu Suhrab sagt. Farid gehört damit plötzlich direkt in die Beziehung der beiden hinein, und das passt nicht.
Seite 306 schrieb:"Ihre Oberlippe hat es besonders schlimm erwischt", sagte Armand. "Sie ist von oben nach unten aufgerissen, genau in der Mitte. Aber keine Angst, wir haben sie wieder zusammengenäht, und ich glaube, Sie werden mit dem Ergebnis zufrieden sein. Dass eine Narbe zurückbleibt, lässt sich nicht vermeiden."
Jetzt hat auch Amir seine geheilte Hasenscharte ...
Sternchen schrieb:Ich finde Suhrabs Angst ziemlich verständlich und meine, dass sie sehr tiefgreifend sein muss, wenn er selbst Amir gegenüber so eine Furcht verspürt. Zwar kenne diese beiden sich nicht, doch Hassan hat seinen Sohn doch viel erzählt über ihre Freundschaft. Ich dachte daher, es müsste eine Art Vertrauen schon vorhanden sein.
Ich denke, das hat nichts mit Vertrauen zu tun, sondern eher damit, dass er sich und seinen Körper als so schmutzig empfindet und dass er vor jeder Berührung, egal durch wen, erstmal zurückschreckt. Es wird ja nur angedeutet, was Suhrab passiert ist. Und dass es richtig ist, auch Amir nicht völlig zu vertrauen, zeigt sich ja, als Amir ihm wider besseren Wissens vorschlägt, noch einmal in ein Heim zu gehen. Das ist wahrscheinlich der größte Bock, den Amir im gesamten letzten Teil fährt.
Zitat:Beide hatten unterschiedliche Qualitäten und ja, vielleicht hat Baba Hassan bewundert – aber ich glaube er hat trotzdem beide geliebt.
Wahrscheinlich ein Eindruck aufgrund der Perspektive: Eine Liebe, die sich erst entwickeln musste, weil Baba zumindest in den frühen Kindheitsjahren wirklich enttäuscht von Amir war. Ein Junge, der nicht für sich selbst einsteht, wird zu einem Mann, der für nichts einsteht. Und das wäre die größte Enttäuschung für Baba, selbst wenn er selbst nicht für alles einsteht, was er ist.

Seite 326 schrieb:„Vater hat immer gesagt, dass es auch falsch wäre, bösen Menschen zu schaden. Weil sie es nicht besser wissen und weil sie manchmal auch gut werden.“
Lady schrieb:Gleiches mit Gleichem zu Vergelten zieht meistens noch mehr Probleme nach sich. Trotzdem muss man sich auch mal Verteidigen. Aber genau das ist es ja, was Hassan nicht getan hat.
Vor dem Hintergrund von Hassans Vergangenheit, seinem Verhalten gegenüber Assef in der Kindheit, verstehe ich den Satz ein bisschen anders: Dass man niemandem grundlos schaden soll, selbst wenn er von grundauf böse erscheint. Ich denke nicht, dass Hassan der Meinung ist, dass man sich nicht verteidigen soll, denn ich sehe Hassan als einen Jungen/Mann, der für etwas einsteht. Selbst wenn das von hier aus betrachtet nicht immer nachvollziehbar ist.
Als Hassan nichts tut, weil seine Frau geschlagen wird, tut er das, weil er nicht riskieren will, dass sein Sohn obdachlos wird. Später riskiert er das Leben für Amir, Baba und Rahim Khan - ich kann mir gut vorstellen, dass er das tut, weil er denkt, man müsse ihm glauben, wo ihm so viele beistehen. Und ich weiß nicht, ob ich ihm unterstellen will, in diesem Moment sowieso schon mit dem Tod zu rechnen, so viel Einblick erhält man dann nicht mehr in Hassan, weil das von den Erzählenden (Rahim Khan und Amir) keiner wissen kann.
Zitat:Ich dachte mir das [dass Amir Suhrab nicht hergibt] eh von Anfang an, als es hieß, dass er Hassans Sohn helfen soll. Aber ich hätte das eher auf der emotionalen Ebene vermutet. Das er sich nicht von Suhrab trennen kann, weil er ihn so lieb gewonnen hat und ihn deshalb mit sich nimmt. Habt ihr das auch gedacht?
Ja, ich habe eigentlich gedacht, Rahim Khan sagt Amir, er solle den Jungen mitnehmen. Vielleicht kennt er Amir aber gut genug, um zu wissen, dass er sich nicht auf Dinge einlässt, die er nicht einschätzen kann, dass er sofort an die Komplikationen gedacht hätte, nicht daran, dass er etwas gutzumachen hat.

Ansonsten habe ich viel genickt bei euren Antworten Icon_wink


Liebe Grüße,
Libertine

... und von den wundersamsten Wegen bleibt uns der Staub nur an den Schuhen. (Dota Kehr)
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