Es ist: 03-10-2022, 22:31
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IT: Gipfelblüten (450 d.E.)
Beitrag #1 |

IT: Gipfelblüten (450 d.E.)
Gipfelblüten

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Der legendäre Vorgänger für "Blaues Blut" wird endlich wieder online stehen: Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe macht sich auf den gefährlichen Weg in die Blauen Berge. Ihr Weg führt sie durch Feuer wie Eis, durch die Gefahren der Wildnis ebenso wie die Abgründe der menschlichen Seele... aber auch die Schönheit der Natur und die Überwindung von Voreingenommenheit begleiten sie.

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Gipfelblüten entstand noch im alten Athalem. Aufgrund der Figur Vyrus', die nicht mehr im neuen Athalem zugelassen ist, können wir sie nicht als "OT" posten. Abgesehen von Vyrus richten sich aber alle anderen Angaben wie z.B. Geographie oder Charakterentwicklung (Jo/Kara und Arjuk) nach dem jetzigen Athalem!


Kapitel:

Teil 1: Noato
Teil 1.1 (Markt)
Teil 1.2 (Farim)
Teil 1.3 (Taverne)

Teil 2: Nach Osten
Teil 2.1 (Es geht los!)
Teil 2.2 (Wasser)
Teil 2.3 (Fröhliches trocknen)
Teil 2.4 (Die Jagd)
Teil 2.5 (Rast im Dorf)

Schreiber
(Spoilerwarnung bei allen Chara-Bögen!)

Antar: Saryn
Arjuk: Ichigo (Nachtfalter)
Doronin: Black Dragon
Jo: Mondenschein
Sirala: Mira
Vyrus: Nameless (sic Mrgreen )


Karte

[Bild: KarteGipfelblten-1.jpg]


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Beitrag #2 |

RE: IT: Gipfelblüten (450 d.E.)
“Immer noch nicht besser?"
"Ich fürchte nicht, junger Herr."
Arjuk sah dem alten Heiler über die Schulter, wie seine runzligen Hände die fieberheiße Stirn der Kranken mit Wasser benetzten. Seit Wochen lag seine Mutter nun schon mit blassem Gesicht in den Kissen und wurde immer magerer.
Arjuk runzelte missbilligend die Stirn. "Ich will, dass sie wieder gesund wird. Wann heilst du sie endlich?", fragte er ungeduldig. "He, was soll das?"
Der Alte hatte leise zu kichern begonnen. Arjuk packte ihn bei der Schulter. "Machst du dich über mich lustig?"
"Junger Herr", entschuldigte sich der Heiler, "ich würde niemals über Euch spotten. Ich tue für Eure Mutter, was in meiner Macht steht, doch es gibt Dinge, die liegen nicht in unserer Hand..."
"Aber du wirst dafür bezahlt, sie zu heilen!", fuhr der Junge auf.
"Ich werde dafür bezahlt, es zu versuchen." Mitfühlend betrachtete der Heiler den Jungen, der zärtlich die schwache Hand seiner Mutter umschloss. "Mach dir keine Sorgen", raunte er der Kranken zu. "Bald finden wir einen besseren Heiler, dann sind wir nicht mehr auf diesen Scharlatan angewiesen."
Der Heiler schüttelte stumm den Kopf. Der Sohn des Grafen von Noato mochte wohl bereits vor dem siebzehnten Lebensjahr stehen, doch führte er sich auf wie ein störrisches Kind. Kein Wunder, hatten doch alle im Anwesen seit jeher sein Temperament geduldet. Nun war das schöne, ebenmäßige Gesicht umwölkt.
Der Alte ließ sich auf dem Bettrand nieder. "Junger Herr", begann er behutsam, "Ihr müsst wissen - der menschliche Körper ist nicht für die Ewigkeit geschaffen. Mion hat uns geboren, und mit Fug und Recht wird er uns auch töten, wenn..."
"Es interessiert mich nicht, was dein Gott macht", unterbrach Arjuk ihn hochmütig.
"Es interessiert Mion nicht, ob Ihr Euch für Ihn interessiert", erwiderte der Alte gelassen. Er zögerte. "Junger Herr, ist Euch je der Gedanke gekommen, dass Eure Mutter sterben könnte?"
Der Junge erstarrte. Seine dunklen Augen blickten groß zu dem Heiler auf. Furcht stand in sein Gesicht geschrieben. "Sterben?", wisperte er. Plötzlich sprang er auf. "Dummer alter Narr!", fuhr er den Heiler an. "Du gibst dir keine Mühe bei deiner Arbeit! Wir bezahlen dich nicht dafür, dass du hier Geschichten erzählst!"
"Ich brauche Euer Gold nicht", sagte der Alte kalt. "Schon gar nicht, um Eure Mutter zu heilen. Das einzige, das ihr vielleicht helfen könnte, ist ein Kraut, älter und mächtiger als Ihr es Euch vorstellen könnt. Es wächst hoch im Gebirge. Euer Vater will es mir nicht bringen. Er glaubt wohl, ich erzähle ihm ein Ammenmärchen, oder aber ich wolle meinen Vorrat auf seine Kosten auffüllen." Bedächtig zog er ein zusammengefaltetes Stück Pergament aus seiner Tasche und hielt es Arjuk hin. "Wenn Ihr auch nur den Hauch einer Chance haben wollt, Eure Mutter zu retten", sprach er eindringlich, "dann müsst Ihr dafür sorgen, dass diese Pflanze hierher gebracht wird."
Zögernd ergriff Arjuk das Pergament.
"An Eurer Stelle", fügte der Heiler leise hinzu, "würde ich Mion um Beistand bitten."

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

„Jo!“
Das Mädchen, das sich durch die bunte Menge auf dem Marktplatz schob, wandte sich um, als sie den Ruf hörte. Ihr Gesicht hellte sich auf, als sie den stämmigen Gemüsehändler erblickte, der ihr über Kisten von Obst und Gemüse hinweg zuwinkte.
„Es hat dich also doch wieder nach Noato verschlagen?“
„Ich bin nur auf der Durchreise,“ antwortete das Mädchen augenzwinkernd.
„Wie immer.“ Der Händler betrachtete die eigenwillige Gestalt. Das Mädchen, das in bunte, vielfach geflickte Lumpen gehüllt vor ihm stand, war noch ein halbes Kind. Die viel zu große Männerhose würde ihr wohl von den hageren Hüften rutschen, würde sie sie nicht mit einem Gürtel festziehen, der an ihrer schmalen Gestalt geradezu klobig wirkte. Ihr ovales Gesicht wurde umrahmt von langen braunen Strähnen. Nicht zuletzt thronte unübersehbar ihr kleiner gefiederter Begleiter Chaju auf ihrer Schulter.
Matthias schüttelte den Kopf. „Wie du schon wieder gewachsen bist,“ murmelte er gerührt. „Das nächste Mal, wenn ich dich sehe, wird wohl schon eine richtige junge Dame aus dir geworden sein. Sag, Kind, bist du nicht bald genug durch die Gegend gestreunt? Willst du dich nicht irgendwo nieder lassen?“
Grübchen erschienen auf Jos sonnengebräunten Wangen, als sie versonnen lächelte. „Ich glaube kaum...“

Die Sonne stand im Zenit. Die Händler, die ihre Waren schon im Laufe des Vormittages verkauft hatten, schleppten neue Kisten, Körbe, und Säcke heran oder packten gar schon ihre Ware zusammen. Noatos kleiner Marktplatz war wie jeden Tag vollkommen überfüllt und eine einzige Masse bunter, schreiender und lachender Menschen. Es wurde geschwatzt, gezetert, aber nicht zuletzt auch - gekauft. Was die Qualität der Ware anging, so waren sich alle einig: das Meiste konnte man anderswo besser und möglicherweise auch billiger bekommen. Aber was die Vielfalt betraf, so wurde der Markt nicht zu unrecht auch "Markt der verborgenen Schätze" genannt. Und wie auf jedem Markt schlichen auch hier allerlei dubiose und geheimnisvolle Gestalten herum, und so war es gewissermaßen das erste Gebot, seinen Geldbeutel möglichst sicher zu verwahren...
Normalerweise hätte das Aussehen des Mädchens erstaunte Blicke auf sich gezogen und für allerlei Klatsch und Tratsch gesorgt, doch im Durcheinander der Käufer, Verkäufer und Zuschauer fiel nicht einmal sie auf. Jo, die wie immer in leuchtend buntem Gewand unterwegs war und ihren treuen Vogel Chaju auf der Schulter sitzen hatte, schlenderte neugierig von Händler zu Händler. Sie fühlte sich in dem ohrenbetäubenden, wilden Gedrängel vorerst ziemlich wohl und auch Chaju schien es zu gefallen, denn er krächzte entzückt und ausgelassen.
"Was meinst du, hier könnten wir den ganzen Tag verbringen!", teilte Jo ihrem Begleiter fröhlich mit und lachte über seine stürmische Antwort.
"Natürlich, aber wenn ich zu viel Geld ausgebe, dann muss ich dich wohl oder übel verkaufen", scherzte sie und kicherte, als Chaju in entsetztes Gezeter ausbrach.
"Komm, lass uns was essen", beschwichtigte sie den beleidigten Vogel schließlich und steuerte einen Lebensmittelhändler an, um etwas Brot und Obst zu erstehen.

"Ich sage Euch doch, ich kenne keinen anderen Heiler als den alten Kaspar." In der Stimme des Händler schwang Ungeduld mit. Verwundert blickte Jo auf die Szene. Ein fein gekleideter junger Mann, vermutlich kaum älter als sie selbst, hielt dem Händler ein brüchiges Stück Pergament unter die Nase.
"Es muss doch noch mehr Kräuterkundige in der Stadt geben", beharrte der Junge. "Irgendjemand muss diese Pflanze kennen. Sie soll eine enorme Heilkraft besitzen.“ Er strich sich eine dunkle Locke aus der Stirn, als ihm noch etwas einzufallen schien: "Kennt Ihr keinen, der sich im Gebirge auskennt? Die Pflanze wächst in den Blauen Bergen und..."
"Die Blauen Berge?", unterbrach der Händler. Plötzlich begann er zu lachen. "Junge, wenn du meine Meinung hören möchtest - da hat dir jemand einen Bären aufgebunden. Die Blauen Berge! Kein Mensch wagt sich in die Blauen Berge, schon gar nicht für ein Stück Grünzeug! Und nun verschwinde, wenn du nichts kaufen möchtest."
Der Junge war bei diesen Worten tiefrot geworden. Schon setzte er zu einer lebhaften Erwiderung an, als Jo dazwischen schritt.
"Zwei Apfelsinen und ein halbes Brot", verlangte sie fröhlich.
Während der Händler ihrem Wunsch nachkam, warf Jo dem Burschen einen warnenden Blick zu. Was dachte sich dieser Grünschnabel dabei, nur wegen irgendeinem Grashalm den ganzen Betrieb aufzuhalten! Als sie gezahlt hatte und sich nach ihm umsah, studierte der Fremde das Pergament, die Brauen finster zusammen gezogen.
Jo nahm ihn beiseite. "Hör mal", sagte sie leise, "so kannst du das hier nicht machen. Kein Wunder, dass der Händler abweisend ist, wenn du seinen Stand blockierst. Du hättest wenigstens ein paar Münzen springen lassen müssen."
"Misch dich nicht ein", erwiderte der Junge abweisend. "Ich komme allein zurecht."
"Ach", sagte Jo belustigt, "deshalb warst du gerade eben auch so unglaublich erfolgreich."
Der Fremde musterte sie von oben bis unten. "Jedenfalls brauche ich keine Hilfe von Streunern", antwortete er hochnäsig. Jo schnappte nach Luft. Täuschte sie sich, oder war sein Gesichtsausdruck tatsächlich angewidert?
"Dann sieh doch zu, wie du allein zurechtkommst!", rief sie aus. "Den einzigen Menschen, der das Zeug hat, die Blauen Berge zu bezwingen, wirst du auf diese Weise jedenfalls nicht finden!"
Empört machte sie auf dem Absatz kehrt und wollte davon laufen, als sie den Jungen atemlos rufen hörte: "Warte!"
Jo blieb stehen und atmete tief durch. "Was willst du?", fragte sie, ohne sich umzudrehen.
"Du kennst jemanden, der in den Blauen Bergen war?"
"Nein."
"Aber du hast doch gerade eben gesagt..."
"Dir sage ich gar nichts mehr."
Schon wollte Jo aufgebracht davon laufen, als sie das Klimpern von Münzen an ihr Ohr drang. Überrascht wandte sie sich um.
"Na so was." Normalerweise hätte sie ihm kein Geld abgeknöpft, aber die Versuchung, ihm eine Lektion zu erteilen, war zu groß. Mit zuckersüßem Lächeln nahm sie die Münze an. "Nun hast du ja doch den Rat einer Streunerin befolgt..."


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Beitrag #3 |

1.2
Viel zu lange war er der humanoiden Zivilisation fern geblieben. Doronin sehnte sich nach einem frischen Brot oder einem Kuchen. Allein die Vorstellung vervielfachte seinen Speichelfluss und ließ ihn unvorsichtig werden. Schon seit den frühen Morgenstunden folgte er dem himmlischen Duft von Gebackenem und Wein. So schlug er sich stundenlang durch das Unterholz. Die meisten Büsche und Bäume waren dem Druiden freundlich gesonnen und ließen ihn passieren. Sie wussten, dass dieser Mensch ihnen nichts Übles wollte.
Erst als Doronin bereits das Ende des Waldes erblickte, machte sich ein kleines, freches Bäumchen seine Unaufmerksamkeit zu nutze und ließ ihn über seine Wurzeln stolpern. Doronin fiel direkt in eine Schlammpfütze, was den hölzernen Schelm nur noch mehr amüsierte. Seufzend richtete sich der Druide auf. Mit dem Alter kommt die Weisheit, dachte er bei sich. Dieses Bäumchen wird viele Lenze überstehen. Sein hellbrauner Mantel war nun mit dunklen Flecken gesprenkelt. Dem Druiden war es gleich. Er hob die Nase in den Wind folgte dem verlockenden Duft.
Als er aus dem Wald trat, blieb der Druide kurz stehen. Der Anblick der saftigen Wiesen prägte sich ihm tief ein. In der Ferne erspähte er Äcker und einen Bauernhof. Doronins Herz machte einen Sprung. Wie sehr glich diese Szene den Bildern aus seiner Kindheit! Schon wollte er umkehren, vor der Erinnerung in den Wald zurück flüchten, da stieg ihm der Geruch von Kuchen in die Nase - näher, stärker als zuvor.
Und Doronin folgte ihm.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

„Wohin gehen wir eigentlich?“, fragte Arjuk außer Atem. Er hatte Mühe, den langen Schritten des Mädchens zu folgen. Die Straßen, durch die sie gingen, hatte er noch nie zuvor gesehen.
„Der alte Farim wohnt außerhalb der Stadt,“ antwortete das Mädchen, das sich ihm als Jo vorgestellt hatte. Der absonderliche Vogel, den sie bei sich hatte, saß auf ihrer Schulter und starrte Arjuk unverwandt an. Das Tier schien ihn mit Interesse, ja mit Spott zu mustern. Arjuk versuchte, den Blick aus den wissenden Vogelaugen zu ignorieren.
„Hier sollen wir durchgehen?“, rief Arjuk entgeistert, als sie um eine Ecke bogen. Der Weg lag ungepflastert als nackte Erde vor ihnen, gescheckt von Pfützen und Abfall. Unzählige Kinderaugen, die unter zerzausten Haarschöpfen hervorlugten, beäugten die seltsamen Neuankömmlinge von jeder Straßenecke aus. Die Bauten, die sich eng aneinander drückten, waren nur notdürftig zusammengezimmert.
„Das sind die Vororte,“ erklärte Jo und fügte mit einem belustigten Blick auf Arjuks entsetzte Miene hinzu: „Du musst dir wohl deine feinen Stiefel schmutzig machen.“
Arjuk holte tief Luft. „Na dann, worauf warten wir noch,“ meinte er lässig.
Zwischen struppigen Straßenkatzen und spielenden Kindern, zwischen bunten Wäscheleinen und dem Blick auf Hinterhöfe, in denen Frauen Gemüse schälten, suchten sie sich ihren Weg. Jo schien genau zu wissen, in welche Gassen sie einbog.
„Warum bleiben die Leute hier?“, fragte Arjuk leise. „Wer möchte denn hier leben?“
„Was sollen sie denn sonst tun?“, entgegnete Jo nur. „Sie sind froh, wenn sie sich etwas zu Essen und ab und zu ein paar neue Schuhe kaufen können. Da bleibt nichts übrig, um sich woanders ein Haus bauen zu können.“
Im Stillen schüttelte Arjuk den Kopf. Diese Leute waren wohl einfach zu dumm, sich eine richtige Arbeit zu suchen. Die Diener, Köche, Haushälter, Soldaten und vielen anderen Menschen auf ihrem Anwesen waren alle gepflegt und wohnten in Häusern aus Stein.
Als sie die Straßen der Stadt hinter sich ließen, waren Arjuks Stiefel staubbraun. Bezaubert blickte er um sich, während sie sich durch hohes Gras, durchsetzt mit Wiesenblumen, dem Waldrand näherten. Im Schutz einer Baumgruppe konnte Arjuk eine geradezu winzige Hütte ausmachen, auf die Jo direkt zusteuerte.
„Hier soll dieser Farim wohnen?“ Arjuk hatte sich die Behausung eines Gelehrten, und ein solcher war Farim ja offenbar, anders vorgestellt. Skeptisch musterte er die grob zusammengezimmerte Tür, vor der sie halt gemacht hatten.
Doch Jo antwortete: „Er ist hier schon, solange ich denken kann. Schön hier, nicht wahr?“ Ihre braunen Augen strahlten.
Arjuk wusste nichts zu erwidern. Als er sich bewusst wurde, dass er sie anstarrte, senkte er beschämt den Blick.
„Mal sehen, ob er auch zu Hause ist“, meinte Jo und klopfte an. Drinnen rührte sich nichts. Als auch ihr zweites Klopfen ohne Reaktion blieb, schob sie die Tür vorsichtig auf.
„Farim?“
Keine Antwort.
„Lass uns mal reinschauen,“ raunte Jo Arjuk abenteuerlustig zu.
Dieser fühlte sich nicht besonders wohl bei dem Gedanken, in einem verlassenen Haus zu stöbern, doch schließlich siegte seine Neugier und er folgte dem Mädchen in den Raum.

Der herbe, erdschwere Geruch von Kräutern strömte ihnen entgegen. Sonnenstrahlen fielen durch die Fenster und zwischen den Bündeln getrockneter Pflanzen hindurch, die von der Decke herab hingen. In einer Ecke lag regungslos eine Gestalt.
„Farim!“ Mit wenigen Schritten war Jo an der Lagerstatt und sank neben dem Greis nieder. Ihre Finger zitterten, als sie dem Liegenden über die Stirne strich.
"Farim..."
Es schien, als würden ihre Lippen von selbst den Namen formen, in der Hoffnung, dem Mann noch eine Regung zu entringen, doch das weiße Gesicht blieb leblos wie in Stein gemeißelt. Entsetzt vergrub Jo das Gesicht in den Händen.
Arjuk starrte wie versteinert auf den alten Mann nieder, der auf den ausgebreiteten Fellen ruhte. Das gespenstisch weiße, faltenzerfurchte Antlitz war ihm zugewandt. Kaum nahm er wahr, wie Jo wortlos die Hütte verließ.
Ihr müsst wissen - der menschliche Körper ist nicht für die Ewigkeit geschaffen.
Seltsam - fast schien es Arjuk, als läge in den Mundwinkeln dieser grauen Maske, die einmal ein Mensch gewesen war, ein leichtes Lächeln. Arjuk blinzelte.
Ist Euch je der Gedanke gekommen, dass Eure Mutter sterben könnte?
Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz. Sollte ihn auch seine Mutter einmal mit fahlem, fremdem Gesicht...? Die Hütte, die regalbedeckten Wände schienen plötzlich bedrohlich nahe. Er wich zurück. Die Dielen knarrten unter den Füßen des Eindringlings. Durch die Stille fraß sich sein Aufschrei, als etwas an seinen Haaren zerrte. Wild schlug er um sich. Seine Arme rissen den Kräuterstrauß von der Decke, der sich in seinem Haar verfangen hatte. Mit dem Ellebogen stieß er gegen etwas hartes, das polternd zu Boden fiel. Arjuk fuhr herum. Ungläubig blickte er auf das Gestell, das er umgeworfen hatte.
Es war eine Stellwand. Arjuk atmete tief ein. Sein Herz schlug noch immer schnell und ängstlich gegen seine Rippen, doch seine Bewegungen waren ruhig, als er sich bückte und das ihm so vertraute Malwerkzeug bedächtig wieder an seinem alten Platz aufstellte. Das Bild, das auf der Stellwand gestanden haben musste, lag mit der bemalten Seite nach unten auf dem nackten Boden. Arjuk nahm es behutsam in seine Hände. Sonnenlicht glitt über das auf den Rahmen gespannte Tuch, als er es umdrehte.
Eine blasse Landschaft blickte ihn an: ein See, nur in wenigen Linien angedeutet; darin eine Insel, auf der sich schroff ein einzelner verwachsener Baum erhob, geduckt unter schneidendem Wind; und dahinter...
Arjuk stockte der Atem. Berge. Schweigende, unnahbare Gipfel. Sie bestanden nur aus wenigen Pinselstrichen: Ihre Spitzen wandten sich in den blassen Himmel und lösten sich nach unten hin in Nebel auf - nur eine Andeutung in der Ferne, eine unfassbare Ahnung von Größe, die wohl ebenso gut eine Täuschung sein mochte.
Arjuk ließ das Bild sinken. Die Wände, bedeckt von Regalen, Bildern und Kräuterbünden, standen nunmehr stumm und bewegungslos. Die kleine, beschauliche Welt des Farim lag wohlgeordnet vor ihm.
Arjuk wandte sich zu der Leiche um. Sonnenlicht glitzerte in dem langen Haar, das wie ein silberner Teppich um seinen Kopf ausgebreitet lag. Die bemalte Leinwand musste gerade so platziert gewesen sein, dass der Alte sie von seinem Lager aus hatte sehen können.
Arjuk zog sein Schwert. Vorsichtig schnitt er das Bild vom Holzrahmen und ließ den Stoff in seine Rocktasche gleiten.

Jo saß vor der Hütte und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Ihr freies Lachen, ihre unbeirrbare Sicherheit waren wie weggeblasen.
„Danke, dass du mich hergeführt hast,“ sagte Arjuk leise.
Jo rührte sich nicht. Schon wurde Arjuk die Stille unangenehm, als das Mädchen den Kopf hob.
„Lass und Holz holen“, sagte sie leise. Unter den Strähnen, die ihr wild ins Gesicht hingen, war ihr Ausdruck kaum zu deuten. „Wir können ihn nicht so liegen lassen.“
Hohes Gras strich um ihre Beine, als sie ihre Schritte in Richtung des brodelnden, lärmenden Dschungels der Stadt lenkten. Eine Windböe ging durch die Wiese, säuselte zwischen den Blüten und huschte als schäumende Woge durch die Halme, bis sie weit hinten am Waldrand vom dunklen Geäst verschluckt wurde.
Arjuks Blick suchte noch einmal die Rauchsäule, die sich dunkel aufschraubte. Hoch oben im Himmel wurde sie blasser, durchscheinend, bis sich Farim, Farims Hütte und Farims Welt im blauen Firmament auflösten.
Mion hat uns geboren, und mit Fug und Recht wird er uns auch töten.
Arjuk biss die Zähne aufeinander.
Das werden wir ja sehen.
Er tastete nach dem brüchigen Pergament, nach dem bemalten Stofffetzen. Sein Entschluss stand fest.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Der Abend dämmerte bereits, als Doronin die Tür zu der Taverne öffnete. Menschengeruch - für einen Augenblick sträubten sich dem Druiden die Nackenhaare. Der Geruch hatte ihn in eine Herberge am Stadtrand geführt, in der zu dieser Stunde allerlei seltsame Gestalten aßen, tranken, sangen und gelegentlich auch rauften. Unter dem Gestank nach Schweiß und Bier erkannte der Druide den subtilen Geruch von Neid und Habgier. Und was für die anderen nach einem verlockenden Braten roch, war für Doronin der durchdringende, beißende Geruch von Tod. Was zum Teufel hatte er hier nur verloren?
„Setzt Euch doch,“ rief ihm da die Wirtin zu. „Darf ich Euch mit einem Abendmahl bewirten? Oder wollt Ihr nur Quartier für die Nacht beziehen?
Freundlich blickte sie dem Neuankömmling entgegen. Ihr Blick blieb einen Moment lang an der auffälligen Tätowierung hängen, die sich über Doronins Wange schlängelte und ihn als einen Druiden auswies.
Doronin wurde ruhiger. Sorgfältig rückte er den Tragegurt seiner Tasche zurecht und folgte der Wirtin an die Theke. Die Holzdielen unter seinen Füßen wimmerten leise vor sich hin. Auch die Balken über seinem Kopf trauerten ihrem einstigen Leben als Bäume im Wald nach. Tische, Stühle, alles Holz in dieser Taverne schluchzte.
Der Druide strich mit seinen Handflächen über das Holz der Theke, um es zu trösten. Entsetzt fuhr er zusammen, als unter seinen Fingern ein grauenvolles Weheklagen aufflammte. Unwillkürlich presste er die Hände auf die Ohren, doch dies war kein gewöhnlicher Laut - ein langer, hoher Geist war in seinen Kopf gefahren. Die anderen Gäste schienen ihn nicht zu hören. Umso fester klammerte er sich dafür an Doronins Geist und schrie in größter Pein.
Doronin suchte Halt an der Theke. Die Theke - natürlich! Es war ihr Holz, das dem Naturkundigen gewahr geworden war und das nun schrie, tobte und ihn aufforderte, ihm zu helfen.
Warte! Ich kann dir helfen, aber lass mich los...
Entsetzt bemerkte Doronin, welche verheerende Kraft die gequälte Natur in ihrer Verzweiflung entwickelte. Die lange Zeit des Leidens und der Schmerzen hatten das Holz garstig gemacht. Hungrig reckte es sich nach seiner Magie und seiner Lebenskraft. Über die Hand, mit der er sich auf der Theke abstützte, saugte es langsam die Energie aus dem Druiden. Schon sprossen kleine, grüne Triebe und weiße Wurzelhaare rings um seine Finger aus dem Holz. Sie wucherten auf und umschlossen seinen Arm...

Als Doronin wieder zu sich kam, blickte er in das besorgte Gesicht der Wirtin.
„Geht es Euch nun besser?“, fragte sie.
Doronin blickte an ihr vorbei und direkt in den Abendhimmel. Sie hatten ihn aus der Taverne getragen.
„Was ist mit der Theke?“, fragte er.
„Wir haben die Pflanzenstängel, die Euch angriffen, durchtrennt und Euch hinaus getragen“, erklärte die Wirtin. „Ein Naturkundiger wie Ihr sollte vorsichtiger mit seinen Kräften umgehen.“
Als sie wieder in der Taverne verschwunden war, seufzte Doronin auf. Die Stängel durchtrennt! Dabei hatte das Holz nur um Beistand gefleht. Beinahe wäre es seine letzte Begegnung mit der Natur geworden...
Der Druide bettete seinen Kopf auf den feuchten Boden. Die Grashalme streichelten sein Gesicht, als wollten sie ihn trösten. Dieses Erlebnis, diesen Alptraum würde er so schnell nicht vergessen. Sehnsüchtig blickte der Mensch in den Himmel und erspähte ein paar Krähen, die in den Wolken "Hasche" spielten.
Diese Welt, die Welt der Humanoiden. Sie ist nichts für mich, sie ist viel zu gefährlich. Es wird besser sein, noch heute in den Wald zurückzukehren und nicht mehr wieder zu kommen.
Sein Blick fiel wieder auf die spielenden Vögel.
Flügel müsste man haben.
Doronin richtete sich auf. Sein Blick wandte sich gen Osten. Er hatte es schon lange geahnt; nun konnte er dem Gedanken endgültig nicht mehr ausweichen: Er brauchte mehr Kontrolle über seine Kräfte, sonst brachte er sich und alle in seiner Nähe in Gefahr.
Ich werde mich in die Berge zurückziehen.
Die Berge - Doronin überlief ein Schauder. Diese unnahbaren Geschöpfe, in denen uralte Kräfte schlummerten. Es war kein Zufall, dass sich die mächtigsten Heiler und Druidenmeister zu ihnen zurückzogen. Sicherlich würde er dort einen Meister finden, der ihn in die Lehre nahm. Und andere Humanoide würden ihm wohl im unwegsamen Gebirge auch nicht mehr über den Weg laufen...
Entschlossen erhob sich Doronin. Über dem Horizont leuchtete das blutrote Auge der Abendsonne. Kurz wandte sich der Druide noch einmal zu der Taverne um, atmete erleichtert aus und setzte sich dann in Bewegung.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Im Stillen schüttelte Antar den Kopf über den Rummel, den der Druide mit seiner Aktion verursacht hatte. Magie konnte schnell zu einem gefährlichen Freund werden.
Ihr sprecht wohl aus Erfahrung?
Antar beugte sich wieder über seine Suppenschüssel. Aus den Augenwinkeln jedoch suchte er den Mann, der ihm aufgefallen war, bevor er von dem Geschrei um den Druiden abgelenkt worden war. Er lehnte am Tresen. Die feinen Züge des blassen Gesichts wirkten jung, doch seine Beherrschtheit ließ ihn älter und reifer erscheinen. Unter dem langen schwarzen Mantel, den er in der Zwischenzeit abgelegt hatte, war schlichte, dunkle Kleidung zum Vorschein gekommen. Sein schwarzes, gewelltes Haar fiel ihm über die Schultern, als er sich zu seinem Nachbarn vorbeugte, der ihn angesprochen hatte.
"Meine Reise dauert schon lange an“, hörte Antar den Fremden leise zu seinem Sitznachbarn sagen. „Ich bin auf der Suche nach... Arbeit." Seine Stimme war ebenso undurchdringlich wie seine Mine. Jedes Wort sorgsam betont. Der Tonfall war trotz betonter Beiläufigkeit klarer und kultivierter als der mancher Adeliger, denen Antar schon Schutz geboten hatte.
"Komm schon", rief Antar sich in Gedanken auf. "Denk nach! Was ist Seltsames an diesem Kerl?"
Ja, komm schon. Du weißt es. Achte auf die Stimme, das Gehabe, der Tonfall...
Antar zuckte zusammen, als sich der Mann plötzlich umwandte. Goldfarben blitzten zwei Augen unter den dunklen Brauen, den durchdringenden Blick direkt auf Antar gerichtet.
Antar nahm einen Schluck Bier. Für gewöhnlich wusste er, wie er den Anschein erweckte, voll und ganz mit seiner Mahlzeit beschäftigt zu sein und trotzdem aufmerksam seine Umgebung beobachten konnte. Doch bei diesem schlanken Mann, der da am Tresen lehnte, war er sich nicht sicher, ob ihm auch nur ein Mäuserascheln entging.
"Hierher in diese Gegend", sagte der Blasse gerade, "hat mich wohl der Hunger geführt."
Hunger... Unwillkürlich tastete Antar nach seinem Dolch. Komm schon, du musst es langsam fühlen! Fast kann man’s doch riechen!
Es sprang Antar förmlich an, aber er konnte beim besten Willen nicht erkennen, was es war. Seine Gedanken rasten förmlich und versuchten, die Ahnung in Worte zu fassen: "Blasse Haut, Wolfsaugen, blasse Haut, Wolfsa...."
Hierher in diese Gegend hat mich wohl der Hunger geführt.
Er wusste, dass seine Mine keine Regung zeigte, aber innerlich schauerte er. Blasse Haut, Wolfsaugen, Geruch und Hunger...
Unauffällig ließ er den Dolch wieder verschwinden. Einfacher Stahl würde ihm gegen diesen Mann nicht helfen.
Langsam löffelte er seine Suppe weiter. Während er die Reste der Flüssigkeit mit einem letzten Stück Brot aufwischte, hörte er, wie der Blasse sich von der Wirtin für die Nacht ein Bett geben ließ.
Das konnte ja heiter werden!
Hat der Herr keinen Mut mehr?
"Der Herr kennt den Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn, das ist alles", dachte er bei sich, während er die leere Suppentasse von sich schob.

Träge wandte sich Antar um, als er die Tür des Gasthauses gehen hörte. Er hatte die bunt gekleidete Streunerin, die die Taverne betrat, schon einmal hier gesehen. Die schlanke Gestalt mit ihrem strahlenden, selbstbewussten Lächeln und dem wilden Haarschopf zog immer allerlei Blicke auf sich.
Heute kam sie in männlicher Begleitung. Interessiert musterte Antar den Jüngling, der ihr gegenüber am Tisch Platz nahm. Er war gut gekleidet, zu gut, um Stammgast in einem Etablissement wie diesem zu sein. Sein dunkles Haar und sein hoher schlanker Wuchs ließen sofort darauf schließen, dass in zumindest ein Teil seiner Familie Nachfahren der Ostländer waren. Er mochte wohl der Sohn eines reichen Kaufmanns, vielleicht gar eines Adeligen sein; jedenfalls dürfte seine Geldbörse um ein vielfaches besser gefüllt sein als Antars eigene. Was führte einen solchen Burschen hierher?
Antar spitzte die Ohren. Er konnte nicht alle Einzelheiten erfassen, aber was er hörte, war interessant genug. Wie es schien, wollten diese beiden jungen Leute, fast noch Kinder, in die Blauen Berge.
Antar schüttelte den Kopf. Welcher Narr käme nur auf solch eine törichte Idee! Die Blauen Berge waren ein gefährlicher Landstrich, besonders die höheren Regionen. Blanker, loser Fels, der einem unter den Füßen wegbrach, wechselte sich ab mit steilen Wänden, die kein Hilfsmittel zu erklimmen vermochte. Das war es, was man sich erzählte. Antar selbst war nie dort gewesen, hatte nur am Horizont gesehen, wie sie an klaren Tagen bis tief in die waldigen Ebenen am Fluss Nyltra zu sehen waren. Er hatte auch nie Interesse gehabt.
Antar zögerte. Dieser Junge und seine Begleiterin mussten wissen, dass sie nicht lange in dieser unwirtlichen Gebirgslandschaft überleben könnten, nicht ohne Hilfe - und wenn sie es nicht wussten, so würde man sie überzeugen können...
Geld, Geld, Geld, wie fehlst du mir. Ja, was tut man nicht alles für bare Münze! Man wirft sich sogar wie ein Marktschreier an seine Kunden heran.
Die Berge sind alt. Und alte Dinge neigen dazu, boshaft zu werden. - Gauklergewäsch!
Schnell, aber nicht gehetzt, erhob Antar sich, nahm Armbrust und Schwert auf und begab sich zu seinen neuen Kunden.
Im Süden gibt es ein Sprichwort: Himmel und Erde sind wie Gold und Blut. Das eine bedingt das andere.


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Beitrag #4 |

1.3
In der Taverne herrschte reges Treiben. Normalerweise hätte Jo interessiert die Gäste beobachtet, wäre in ihr lautes Lachen eingestimmt, doch heute stocherte sie niedergeschlagen auf ihrem Teller. Sie hatte kaum Appetit.
"Ich frage mich, wie lange man zu den Blauen Bergen braucht." Arjuk bedachte die Kartoffel auf seiner Gabel mit einem kritischen Blick, bevor er sie vorsichtig kostete.
"Blaue Berge... wen kümmern die schon. Außerdem hab ich noch nie blaue Berge gesehen...", murmelte Jo, schob ihren Teller missmutig zur Seite und stützte ihren Kopf auf die Hand. Arjuk jedoch schien ihren Kummer gar nicht zu bemerken.
"Die sind doch nicht blau, die heißen nur so", erklärte er belehrend. "Allerdings scheinen die Leute sie nicht sehr gut zu kennen. Aber irgendwelche Abenteurer werden sich schon für den Auftrag finden - so gefährlich können die paar Berge doch gar nicht sein!"
"Berge, ich höre die ganze Zeit nur Berge! Dabei siehst du nicht aus wie ein sehr begabter Wanderer", entgegnete Jo unwirsch und musterte Arjuks Kleidung.
"Was soll das heißen", knurrte Arjuk. "Ich bin schon tagelang gewandert, ohne müde zu werden."
Jo unterdrückte ein verächtliches Lachen, während Arjuk das Pergament heraus kramte, das er wohl schon dem Händler gezeigt hatte. Beinahe liebevoll faltete er es auseinander und starrte es mit brennendem Blick an.
"Wenn ich nur wüsste", meinte er gedankenverloren, "wo ich diese Schneewurz finde. Die ganzen Berge nach so einem kleinen Ding abzusuchen, wird schwierig werden..."
Jo fuhr auf. Jedes einzelne Wort, das ihr neuer Begleiter bisher gesprochen hatte, drehte sich einzig und allein um diese lächerliche Pflanze!
"Weißt du, was nicht verstehe?“ Jo funkelte ihr Gegenüber über den Tisch hinweg an. „Wie kann es sein, dass jemand irgendein Kraut einem Menschenleben vorzieht! Egal, wie wertvoll diese Pflanze ist, von der du die ganze Zeit faselst - geht es dir denn überhaupt nicht nahe, was du in den letzten Stunden erlebt hast? Du hast den Tod gesehen. Und doch ist es diese Pflanze, dieses Gewürz, das dir Sorgen bereitet!“ Ihre Stimme kippte.
"Das ist kein Gewürz", rief Arjuk empört.
Jo blickte ihn verächtlich an. Er schien den Ernst der Lage überhaupt nicht zu begreifen. „Langsam glaube ich wirklich,“ murmelte sie rau, „dass du aus einer vollkommen anderen Welt kommst, wo das Leben eines Einzelnen nichts zählt... gar nichts."
Jo verstummte und schluckte mühsam ihre Tränen hinunter. Farim war ihr immer wie ein gutmütiger Großvater erschienen. Sie hatten viele Gemeinsamkeiten gehabt. Und nun würde er nie wieder seine geheimnisvollen Geschichten erzählen, mit seiner bedächtigen Stimme und dem freundlichen Lächeln auf den Lippen... nie wieder...
"Weißt du, diese Pflanze, diese Heilpflanze ist sehr wichtig für mich.“
Täuschte sie sich, oder klang Arjuks Stimme belegt? Überrascht sah Jo auf, aber Arjuk wich ihrem prüfenden Blick aus.
„Meine Mutter ist sehr krank,“ murmelte er. „Ich weiß zwar nicht, ob diese Heilpflanze wirklich hilft, aber... irgendetwas muss ja... ich meine, vielleicht wird sie sonst auch bald..."
Er biss sich auf die Lippen. Stumm und mit großen Augen sah Jo ihn an. Das war es also, was diesen Grünschnabel mit seinen feinen Lederstiefeln auf den Markt geführt hatte. Nun saß er zusammengesunken vor ihr, die dunklen Augen feucht. Betreten blickte sie zu Boden. Sie hatte ihm Unrecht getan. Der Wert, den er in der Pflanze suchte, war keiner, den man in Gold messen konnte...
Arjuk zog indessen mit dem Finger die Maserung der Tischplatte nach. Das Blut war ihm in die Wangen geschossen.
"Du solltest was essen", meinte er schließlich versöhnlich.

"Werte Herrschaften!"
Der Jüngling drehte sich erschrocken um, als er Vyrus’ sanfte, bedachte Stimme hörte. Vyrus setzte ein einnehmendes Lächeln auf.
"Ich kam nicht umhin, Teile Eures Gesprächs zu belauschen..."
Aus den Augenwinkeln nahm Vyrus wahr, dass sich auch der breitschultrige Mann genähert hatte, der ihn zuvor so misstrauisch beobachtet hatte. Offenbar war er ein Söldner, der beim Anblick dieses jungen Kerls Geld gerochen hatte. Vyrus behielt seine telepathischen Fühler vorsichtshalber bei sich. Stattdessen heftete er den Blick auf den Jungen, sich der Wirkung seiner seltsam goldfarbenen Augen voll bewusst. Falls der Fremde tatsächlich der Sprössling eines reichen Hauses war, so sollte er wohl Gefallen an dem unauffällig, doch elegant gekleideten Vyrus finden, dessen blasses Gesicht von schulterlangem, fein gewelltem Haar umrahmt wurde.
"Die Herren wollen zu den Blauen Bergen. Keine ungefährliche Reise, wie ich aus eigener Erfahrung weiß", sagte er geheimnisvoll.
"Ihr kennt die Blauen Berge?" fragte der junge Adelige erstaunt.
"Natürlich! Besser als die meisten", antwortete Vyrus mit einem Seitenblick auf den Söldner. "Ich kenne die Gebirge und ihre Gefahren und ich stelle mein Wissen gern zur Verfügung, da mein Weg derselbe ist." Er verneigte sich kurz. "Schließlich reist niemand gern allein."
Vyrus bemerkte zufrieden, dass die wohl gewählten Worte, seine undurchdringlichen fein geschnittenen Züge und die Verbeugung ihre Wirkung auf den jungen Adeligen offenbar nicht verfehlten. Er musterte ihn mit prüfendem, doch durchaus wohlwollendem Blick.
„Ich glaube, wir können auf Eure Hilfe verzichten,“ warf da das bunt gekleidete Mädchen ein, das Vyrus mit düsterem Stirnrunzeln musterte. Vielleicht hatten die intensiven goldfarbenen Augen, die fahle Haut ihr Misstrauen geweckt...
„Was heißt hier wir,“ wies der Junge sie zurecht. „Seit wann gehst du denn mit?“
Seine Begleiterin wich dem forschenden Blick aus.
„Ich will nicht, dass noch eine Rauchsäule aufsteigt,“ sagte sie leise.
Verblüfft sah der Junge sie an. „Danke,“ sagte er schließlich matt.
Im Stillen begann sich Vyrus zu fragen, worum es bei dieser Sache eigentlich ging, doch der Junge hatte sich bereits wieder gefasst.
„Aber es bin immer noch ich, der zahlt“, setzte er überlegt hinzu. „Also stelle ich auch die Leute ein. Setzt Euch doch,“ wandte er sich an Vyrus und fügte mit einem Blick auf den Söldner hinzu: „Und wenn auch Ihr die beschwerliche Reise wagen wollt, sollt auch Ihr dazu aufgefordert sein. Das Bier geht an diesem Abend auf meine Rechnung.“
Die Streunerin sah ihn vorwurfsvoll an, doch auf seinem Gesicht stand maskengleich das wohlkalkulierte Lächeln eines feilschenden Kaufmanns.
Kaum hatten sich Vyrus und der fremde Krieger gesetzt, rief der Junge nach der Wirtin und ließ jedem einen Krug Bier vor die Nase stellen. Bier - missmutig blickte Vyrus auf die goldene Flüssigkeit vor ihm.
„Lasst uns anstoßen,“ sagte der Junge würdevoll - eindeutig etwas zu würdevoll für eine Taverne wie diese - und hob beinahe gebieterisch den Krug.
Vyrus musste ein Schmunzeln unterdrücken. Sein Blick traf sich mit dem des Söldners und wie auf ein Zeichen hin stahl sich ein selbstbewusstes Lächeln auf ihre Gesichter. Das schlaksige Kerlchen wollte trinken? Sie hoben die Krüge...

„Die Blauen Berge.“ Der junge Arjuk wischte sich den Bierschaum von den Lippen. „Nur die mutigsten Männer wagen sich dort hin...“
„Was ist mit den mutigen Frauen?“, brummte Jo.
Arjuk ignorierte den Einwand und fuhr verschwörerisch fort: „Doch so schwer die Reise sein mag, so schwer wird auch das Säckchen wiegen, das Eure Belohnung enthält.“
Vyrus räusperte sich. Das Bier schien dem Jungen sehr schnell zu Kopf gestiegen zu sein! „Ein solches Angebot kann ich nicht ausschlagen,“ sagte er betont sachlich und vermied es, den Söldner anzusehen, um nicht in Lachen auszubrechen.
So begannen die Verhandlungen zwischen den so verschiedenen Menschen, wobei meist der junge Arjuk redete. Obgleich er schon längst nicht mehr nüchtern war und sein Gehabe reichlich aufgeplustert wirkte, musste Vyrus ihm ein gewisses Verhandlungsgeschick zugestehen. Er konnte es als gegeben annehmen, dass der Junge mit dem dunklen Haarschopf aus gutem Hause stammte. Umso mehr drängte sich die Frage auf, was er mit dieser gewagten Expedition bezweckte...
Vyrus warf einen Seitenblick auf die missmutige Jo. Ahnte sie etwas? Nach eingehenden Überlegungen schloss Vyrus im Stillen, dass dieses blutjunge Mädchen mit seiner verspielten Aufmachung wohl kaum eine solche Menschenkenntnis besaß - und schon gar nicht eine Unmenschen-Kenntnis...
Als die genaue Route zur Sprache kam, wurde die Debatte kurzzeitig hitziger, da sich Antar und Vyrus nicht einig wurden. Der Söldner schlug den direkten Pfad entlang des Nyltra vor, doch der blasse Mann argumentierte für den sicheren Weg nahe dem Wald. Der Krieger hatte schon leichte Schwierigkeiten mit einer flüssigen Aussprache und Vyrus griff sich immer häufiger an den Kopf.
Schließlich einigte man sich, die verbleibenden Fragen auf den nächsten Tag zu verschieben. Arjuk war noch überschwänglich genug, die Zimmer für alle zu bezahlen, wobei er euphorisch mit seinem Geldbeutel klimperte und immer lauter sprach. Er würde morgen wohl einen ziemlichen Kater haben! Vyrus fragte sich allmählich, ob das Budget nicht aufgebraucht sein würde, wenn es mit der versprochenen reichhaltigen Belohnung an die Zeit kam.

Als Antar sich schließlich auf dem muffigen Herbergsbett ausstreckte, fühlte er sich mehr als nur dösig.
Irgendwo in seinem Kopf nahm er zur Kenntnis, dass er so viel getrunken hatte wie schon lange nicht mehr. Wenigstens hatte er keine Münze dafür hergeben müssen, im Gegenteil, er würde sogar noch welche verdienen. Nun, nicht direkt mit dem Trinken...
Ein trunkner Narr
ist selten gewahr
was er vor anderen sagt
und manch einer hat
zuviel gewagt...

Mit einem unterdrückten Stöhnen drehte er sich auf die Seite und versuchte zu schlafen. Die nächsten Tage würden anstrengend genug werden, auch wenn er nicht die Nacht lang wach lag und Versen lauschte.
Der Herr wird unvorsichtig. Bald sagt er noch zuviel...

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Vyrus schritt mit einem finsteren Blick die Stufen hinab, den Mantel hatte er im Zimmer liegen gelassen. Seine schlanke Gestalt in der schwarzen Baumwollkleidung war kaum mehr so eindrucksvoll wie am Vorabend und der wirre Haarschopf zeugte von einer unruhigen Nacht.
Vyrus stockte kurz in seinen Bewegungen, dann straffte er seinen Körper. Die letzten Schritte in den Schankraum ging er erhobenen Hauptes und bemühte sich um einen glaubhaften stolzen Blick.
Er hatte nicht damit gerechnet, dass Antar vor ihm wach war. Und nicht nur wach, er schien erstaunlich munter und begrüßte ihn mit einem hämischen Grinsen.
„Gut geschlafen?“ fragte der Söldner spöttisch.
Vyrus funkelte ihn an und ließ sich auf den Stuhl gegenüber sinken. Gewissen menschlichen Gelüsten und deren Auswirkungen konnte selbst er nichts entgegensetzen. Er war etwas angeschlagen und wusste, dass er seine telepathischen Kräfte wohl länger nicht einsetzen konnte.
„Wir sollten uns möglichst schnell nach Ausrüstung umsehen und den Tag nutzen,“ meinte Vyrus trocken.
Die Wirtin stellte ihm einen Teller vor die Nase, dessen köstlicher Geruch selbst Schlafende sofort aufwecken musste – sofern sie nicht einen gewaltigen Kater hatten.
Vyrus nippte an seinem Tee und beobachtete sein Gegenüber, das zögerlich ein Stück Brot zwischen den Fingern hielt.
„Keinen Hunger heute?“ fragte er.
„Mein Hunger wird noch oft genug gestillt werden, wenn ich meine Belohnung in den Händen halte“, erwiderte Antar ausweichend.
Als wäre die Erwähnung des bevorstehenden Auftrags ein Zeichen gewesen, ertönte im oberen Stock ein Geräusch, als fiele ein weicher Körper aus großer Höhe auf harten Boden...

Jo weinte. Ihr farbloses Gesicht war nass von den Tränen, die ihr über die Wangen liefen, vom Kinn tropften. Nicht ein Muskel in ihrem Gesicht zuckte. Nur die Tränen strömten. Sie kniete an Farims Lager. Ihr starrer Blick war auf die erkaltete Gestalt geheftet...
Arjuk wollte etwas sagen, sie trösten, doch es kam kein Wort über seine Lippen. Stumm wandte er sich von ihr, doch vor ihm stand ein weiteres Totenbett, an dem ein junger Mann saß. Neben ihm ein weiteres Lager, und ein weiteres, und ein weiteres... Nach allen Seiten hin blickte Arjuk über Kinder, die stumm ihre Eltern beweinten.
War
sie auch hier? Arjuk schritt die Betten ab, blickte in hunderte weißer Gesichter, in hunderte dunkler Augen. Sie war nicht unter ihnen. Hieß das, dass sie am Leben war?
Arjuk stockte. Dort vorne saß ein Junge am Bett seines Vaters. Doch er sah nicht auf den Toten hinab, seine Augen waren trocken - er blickte Arjuk entgegen.
Wer war er? Arjuk wusste, dass er ihn erkennen sollte. Er stand da wie gelähmt. Die Kinderaugen hielten ihn fest. So fest.
Zu fest. Panisch bäumte sich Arjuk gegen die Macht auf...

Was machst du da.“ Ein Mädchen blickte auf Arjuk herab. Es war Jo. Und sie kicherte unkontrolliert.
Vorsichtig richtete sich Arjuk auf und bemerkte, dass sein linker Arm schmerzte.
„Verdammt“, murmelte er.
Er war aus dem Bett gefallen. Die Tragödie dabei war, dass Jo es mitbekommen hatte.
„Falls du jetzt wach bist, das Frühstück steht vermutlich schon auf dem Tisch“, grinste Jo.

Antar kaute ohne rechtes Interesse auf seinem Brot herum. Es war noch warm und schmeckte köstlich, leicht nussig - dennoch freute er sich schon darauf, wieder einmal gut zubereitetes Fleisch zwischen die Zähne zu bekommen.
Jo kam mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht die Treppe hinab, gefolgt von Arjuk. Bei seinem Anblick konnte Antar sich ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Der Junge hielt sich den linken Arm; sein Gesicht zeigte den deutlichen Ausdruck einer Person, für die das kleinste Geräusch einem Donnern gleichkam. Er musste einen ziemlichen Kater haben, gemessen an dem, was er gestern an Gerstensaft verköstigt hatte.
"Grüße, Herr Arjuk. Habt Ihr wohl geruht?" rief Antar dem Jungen zu.
Als Antwort erhielt er nur ein leises Gemurmel, dann setzte Arjuk sich schwer auf einen Hocker. Den Teller, den die Wirtin ihm servierte, starrte er nur dumpf an, als hätte er vergessen, was man mit einem Frühstück macht.
"Du solltest etwas essen. Die nächsten Tage werden anstrengend genug", meinte Jo, doch Arjuk lehnte vehement ab.
"Da Ihr es ansprecht", begann Antar, "will ich gleich einige Fragen stellen: zum einen, wann genau wir denn nun losziehen wollen, zum anderen, ob wir in der Stadt noch einen bestimmten Laden für… spezielle Ausrüstung aufsuchen könnten." Er tätschelte grinsend seine robuste Armbrust.
"Darf man fragen", sagte Vyrus, "wovon Ihr die bezahlen wollt?"
"Spesen", meinte Antar und klopfte Arjuk kurz auf die Schulter.
"Ich muss euch etwas sagen", murmelte dieser beschämt.
"Wir haben schon gehört, was passiert ist", grinste Antar mit einem Blick zur Decke, und Jo konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. Arjuk wurde rot.
"Es geht um Geld", sagte er in scharfen Ton.

Das Wort Geld schien seine Wirkung auf den Söldner nicht zu verfehlen. "Was ist damit", sagte er beunruhigt, "hast du schon zu viel ausgegeben?"
"Noch nicht", seufzte Arjuk. Sein Kopf brummte. "Aber ich weiß nicht, wie lange das Geld reicht, wenn wir die ganze Ausrüstung besorgen, die ihr gestern vorgeschlagen habt."
Die Wahrheit war, dass er bei seinem heimlichen Ausbruch aus dem Palast kaum eines klaren Gedankens, geschweige denn so etwas wie einer Kostenkalkulierung fähig gewesen war. Zudem hatte ihm die kurze Zeit, die er in der Stadt verbrachte hatte, ein weiteres Problem deutlich gemacht: Er wusste zwar, wie viel Gold man für die Unterhaltung eines Regiments benötigte, hatte aber keine Ahnung, was wohl ein Laib Brot oder ein Humpen Bier kosteten.
"Das bedeutet", schloss er, "dass ihr eure Belohnung erst bekommt, wenn wir die Pflanze, die ich suche, gefunden haben, und zurück in Noato sind. Erst dann kann ich wieder in den... nun, nach Hause, und mein Budget aufstocken."
Die beiden Männer sahen sich an.
"So ist das also", brummte Antar, der nicht gerade begeistert aussah. "Warum kannst du nicht jetzt gleich etwas... aufstocken?"
Arjuk rieb sich die Schläfen. Wäre sein Kopf nicht so schwer, hätte er sich jetzt eine elegante Lügengeschichte einfallen lassen. So aber brummte er nur missmutig: "Weil mein Vater mich umbringt. Er hält das ganze für ein Märchen und würde nicht eine Münze für diese Expedition springen lassen."
"Dann bekommen wir unsere Belohnung also nur, wenn wir dieses Grünzeug finden und zurück bringen,“ stellte Antar fest. „Was, wenn wir es nicht finden? Was, wenn es nirgends wächst, dort, in diesen Bergen?"
Was, wenn es nirgends wächst? Arjuk schluckte. Unwillkürlich tasteten seine Finger nach dem Pergament; das Bild weißer Gesichter durchzuckte ihn. Er konnte nicht zurück...
Seine Hand berührte Farims Werk. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er auch nicht zurück wollte. Nicht, bevor er dieses Rätsel gelöst hatte, das Farim ihm aufgegeben hatte. Er konnte sich nicht erklären, was es war, aber der Alte musste etwas ungeheuer Wichtiges gesehen haben...
"Wenn wir die Pflanze nicht finden, dann verkaufe ich mein Schwert und ihr könnt den Erlös unter euch teilen", sagte er entschlossen. Und dann gehe ich alleine zum Palast und lasse mich vierteilen, dachte er düster, doch er behielt es für sich. Er wollte nicht, dass ihn die anderen für einen Rotzbengel hielten, der sich vor der Schelte des Vaters fürchtete.
"Ihr könnt meinen Anteil haben", sagte Jo zu Antar und Vyrus. "Ein bisschen was zum leben nehme ich mir vielleicht, aber viel brauche ich nicht."
"Nun", meinte Antar versöhnlich, "das sollte Anreiz genug sein..."

Blinzelnd starrte Vyrus in den Morgen und genoss sichtlich die wärmenden Sonnenstrahlen auf seiner blassen Haut. Die Sonne... Er war sich Antars misstrauischer Blicke wohl bewusst, übersah sie jedoch geflissentlich.
„Sind die Herren dann soweit?“ fragte er mit einem ungeduldigen Seitenblick auf den Söldner, der ein letztes Mal die Ausrüstung überprüfte.
„Ja, wir sollten nicht noch mehr Zeit verlieren,“ meinte Jo mit einem abenteuerlustigen Funkeln in den Augen. Sie war die einzige, die frisch und munter über das ganze Gesicht strahlte. Ohne ihre Gefährten abzuwarten machte sie sich leichten Fußes auf den Weg.
„Warte!“ Arjuk schulterte sein Bündel und folgte ihr auf den Fersen.
Der Söldner aus dem Süden packte die letzte Decke weg, dann stellte er sich neben Vyrus. Kopfschüttelnd beobachteten die beiden Männer, wie ihre selbsternannten Schützlinge ohne einen Blick zurück loszogen.
„Brauchen sie uns?“ murmelte Vyrus.
Bezahlen sie uns?“ erwiderte Antar und folgte ihnen.
Vyrus warf noch einen letzten Blick um sich. Noato war schon längst erwacht, zeigte sich jedoch noch nicht von seiner lautesten und ungestümen Seite.
Etwas irritierte Vyrus. Eine Ahnung? Eine... Anwesenheit?
Unwillig schüttelte er den Kopf und schritt aus.


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Beitrag #5 |

2.1 Endlich geht es los...!
Sie hatten die Stadt verlassen und wanderten nach Osten, wobei sie sich im Groben am Nyltra orientierten. Solange sie noch die gut ausgebaute Straße Richtung Kayro’har nutzen konnten, würden sie schnell vorankommen. Sicherlich fand sich auf diesem Wegesabschnitt auch bald ein Händler, der sie gegen ein paar Münzen auf seinem Wagen mitnahm. Hinter Kayro’har allerdings folgten nur noch ein oder zwei Städte mittlerer Größe, die sich weitgehend unbeachtet an das Ufer des Nyltra drückten. Dann würden nur noch wenige Karren ihren Weg kreuzen, doch zumindest boten die Siedlungen Gelegenheit, Proviant oder Ausrüstung zu besorgen, bevor es endgültig in die Berge ging. Das war schließlich auch der Grund gewesen, warum Vyrus eingewilligt hatte, die Route den Nyltra entlang zu wählen - obwohl ihm schon der Geruch des nahen Wasserarmes einen Schauer über den Rücken jagte.
Arjuks lautes Lachen riss Vyrus aus seinen Gedanken.
„Nun ja, es ist ziemlich schlicht, nicht wahr?“, sagte der Junge gerade.
„Nur weil es einfach gehalten ist, ist es noch lange nicht schlecht,“ erwiderte Jo mit einem trotzigen Ausdruck. Noato lag noch kaum hinter ihnen, und schon schienen die beiden in eine Auseinandersetzung verwickelt zu sein.
„Ich habe nicht schlecht gesagt,“ beschwichtigte Arjuk. „Ich habe nur gesagt, dass es bei dem Bild sofort ins Auge fällt, dass Farim weder ordentliche Farben besaß noch eine besondere Ausbildung hatte.“
„Und das sollte er wohl deiner Meinung nach?“
„Nun ja.“ Arjuk zuckte die Schultern. „Das Ergebnis wäre sicher realistischer und... beeindruckender geworden.“
Realistisch. Beeindruckend. Ich glaube nicht, dass das sein Ziel war, als er zum Pinsel griff,“ wandte Jo ein.
„Ach, und warum sollte man denn ein Bild malen, wenn nicht, um seine Betrachter zu beeindrucken?“
„Habe ich mich verhört oder streiten sie sich über die schönen Künste?“, raunte Vyrus dem Söldner zu, doch der zuckte nur die Schultern und brummte etwas Unverständliches.
Vyrus schmunzelte. Vor ihm stand in der Tat eine interessante Komposition aus den unterschiedlichsten Klängen. Da war die undurchschaubare Gauklerin. Sie hatte ihren Trübsal überwunden und gab sich nunmehr heiter und ungezwungen, doch Vyrus erinnerte sich noch zu gut an ihren misstrauischen Blick, um sie zu unterschätzen - ein recht geheimnisvoller Klang, der durchaus zum Crescendo werden konnte. So schätzte Vyrus sie zumindest vorläufig ein.
Dann Arjuk, ein leises Säuseln, dessen Nachklang gewaltige Spuren ziehen konnte. Mit jeder Minute bestätigte er Vyrus’ Verdacht, dass der Junge aus gutem Hause kam, mehr. Eigentlich war er ein Adeliger, wie er im Buche stand, gäbe es da nicht diesen einen Makel: Er hatte sich auf diese Expedition begeben, ein mehr als nur ungewöhnliches Unterfangen für eine gehobene Familie, und Vyrus wusste noch immer nicht so recht, welchem Zweck das ganze eigentlich diente.
Schließlich noch der Söldner, ein rüder Ton, doch so tief, dass Vyrus sich vornahm, auf ihn Acht zu nehmen. Schließlich wusste er nicht, wie weit seine Tonleiter reichen konnte.
Und dann war da noch...
Vyrus stockte. Aus den Augenwinkeln blickte er sich um. Warum nur konnte er sich des Gefühls nicht erwehren, dass sie beobachtet wurden! Er schüttelte den Kopf und verschob das Problem auf später. Seine Gedanken waren noch etwas betäubt von der unruhigen Nacht, seine Gefühle trügerisch. Und, so rief er sich zur Ordnung, wer sollte schon eine Reisegruppe wie diese hier verfolgen?
„Ein Wagen!“ Jos Ruf riss ihn aus seinen Gedanken. Vyrus lächelte erleichtert, als er den Karren erblickte, der sich ihnen von Noato her näherte.
„Lasst uns eine kurze Pause einlegen, bis er uns eingeholt hat,“ schlug er vor.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

„Alles in Ordnung?“
Mit einem Stöhnen öffnete Doronin seine Augen einen Spalt breit, schloss sie aber schnell wieder, als ihm ein stechender Schmerz durch den Kopf zuckte.
„Was ist passiert?“, murmelte er verwirrt.
„Ich kam hier vorbei und da lagt Ihr bewusstlos im Gras,“ erklärte die fremde Stimme. Eine leise, raue Frauenstimme.
Im selben Augenblick wurde auch Doronin wieder von seiner Erinnerung eingeholt. Er war in der Nähe des Flusses entlang gewandert, immer darauf bedacht, der großen Straße nicht zu nahe zu kommen, denn nach menschlichen Begegnungen stand ihm der Sinn nicht gerade. Er atmete den schweren Geruch von Moos und Harz ein; als er seine Schritte probeweise zum Waldrand lenkte, erwartete ihn der Blick auf saftige Wiesen, durch die sich das glitzernde Band des Nyltra wand.
Der Anblick hatte Doronin so sehr in seinen Bann geschlagen, dass er nicht bemerkt hatte, wie sich jemand von hinten an ihn anschlich. Das letzte, an das er sich erinnern konnte, war ein heftiger Schmerz, der in seinem Hinterkopf explodierte...
Nun öffnete Doronin die Augen und blickte in das Gesicht einer Maske. Verdutzt musterte er die Gestalt, die vor ihm saß. Sie war vollkommen in einen dunklen Umhang gehüllt, das Gesicht von einer ausdruckslosen Maske verdeckt, hinter der die Frauenstimme, die ihn ins Bewusstsein zurück gebracht hatte, nur gedämpft hervor klang. Hatte sie ihn etwa niedergeschlagen? Ein Grashalm kitzelte Doronins Wange und flüsterte ihm zu, dass sie ihm nichts getan hatte.
Vorsichtig setzte sich Doronin auf. Sein Blick fiel auf ein zusammengerolltes Papier. Eine Nachricht?
„Es freut mich, dass es Euch besser geht,“ sagte da die seltsame Frau, die sich unruhig nach dem Pfad umblickte. „Doch ich muss nun weiter. Lebt wohl.“
"Wartet!", rief Doronin, als sich die Maskierte zum Gehen wandte.
"Psssst!“ Die Frau hatte sich umgewandt und eindringlich den Finger über die Maskenlippen gelegt. „Seid leise!"
Verdutzt senkte Doronin die Stimme. "Wie heißt Ihr und wohin wollt Ihr?", fragte er.
"Mein Name geht Euch nichts an,“ erwiderte die Fremde ungeduldig. „Was mein Ziel betrifft, ich will zu den Blauen Bergen. Und ich habe es eilig."
Die Blauen Berge? Der Druide überlegte einen Moment. Nach diesem mysteriösen Überfall schien es wohl das Beste zu sein, zusammen zu reisen. Zwar hatte er wenig Lust auf Gesellschaft, doch die seltsame Frau schien kein Freund großer Reden zu sein. Dass sie in den Augen der meisten Leute als befremdlich gelten würde, störte ihn keineswegs.
"Mein Name ist Doronin und mein Ziel ist das Eure,“ erklärte er. „Was haltet Ihr davon, wenn wir zusammen reisen?"
Die Frau lachte leise auf. „Ich glaube kaum, dass Ihr ohne jegliches Gespräch abseits der Wege wandern wollt,“ erwiderte sie. Doronin aber lächelte. Er hatte sie richtig eingeschätzt.
„Dies ist vollkommen in meinem Sinne,“ versicherte er zufrieden. „Da ich mit der Natur vertraut bin, wird es mir zudem ein leichtes sein, Euch den besten Pfad abseits der Handelsstraße zu weisen.“
Ein kaum merklicher Seufzer schien die Brust der Fremden zu heben. „Meinetwegen,“ brummte sie wenig überzeugt. „Ein Versuch kann nicht schaden.“ In einer einzigen fließenden Bewegung erhob sie sich.
Während sie aufbrachen, entrollte Doronin das Papier und las:

Sehr geehrtes Opfer,
verzeiht bitte meine rüde Art, Euch zu überfallen. Mein Name ist Grond und ich verwechselte Euch mit einem Strauchdieb, der mir meine Sträucher gestohlen hat. Solltet Ihr den Fängen des Schnitters entkommen sein und Euren Weg fortsetzen, wünsche ich Euch alles Gute auf Eurer Reise und das Glück, nicht noch einmal einem Missverständnis zum Opfer zu fallen.

Grond von Strauch


Der Druide schüttelte den Kopf, während er den Brief wegpackte.
Menschen...

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Antar hatte kein gutes Gefühl, als ausgerechnet Arjuk den Karren anhielt. Es war einer der kleineren Wägen, die auf dieser Straße verkehrten. Der hagere Mann auf dem Kutschbock, dessen Schläfen bereits grau wurden, blickte die Reisenden etwas missmutig an.
„Ihr wollt wohl mitfahren?“ fragte er ohne Umstände. „Wie viele seid ihr?“
„Vier Personen,“ antwortete Arjuk sachlich. „Es sollte also kein Problem sein, uns alle auf dem... Wagen unterzubringen.“
„Ich glaube schon, dass das ein Problem ist.“ Der Mann blickte Arjuk undurchdringlich an. „Vier Leute, das ist ganz schön viel, Bursche.“
Arjuk war bei den Worten puterrot geworden. Schon wollte Antar intervenieren, doch Vyrus war bereits neben den Jungen getreten und sprach nun auf seine ruhige Art zu dem Händler: „Es ist uns bewusst, dass wir keine kleine Gruppe sind. Allerdings wird Euch die Mühe auch in Gold aufgewogen werden.“
„Für drei Taler pro Nase und Tag könnt ihr aufspringen,“ knurrte der Händler.
Arjuk schnappte merklich nach Luft. Noch bevor ihn jemand davon abhalten konnte, rief er empört: „Kommt nicht in Frage! Vyrus, wir können nicht unser ganzes Budget an jeden dahergelaufenen Halsabschneider verlieren. In dem Zustand, in dem die Karre ist, sollte man ohnehin eher noch Geld dafür verlangen, sich diese Fahrt anzutun.“
Vyrus’ Blick aus den goldenen Augen lag warnend auf Arjuk, doch es war bereits zu spät.
„Sag mal, Junge, für wen hältst du dich eigentlich,“ knurrte der Mann auf dem Kutschbock. „Für so einen verkaufe ich mich nicht mal für zehn Taler.“
Ohne auch nur einen Gruß an sie zu richten, schnalzte der Kutscher mit der Zunge und ließ die Reisenden am Wegrand stehen.
Antar und Vyrus wechselten einen Blick. Antar begann sich allmählich zu fragen, ob der Junge wohl aus gehobeneren Kreisen stammte, als er bisher angenommen hatte: Er blickte dem davonfahrenden Händler so fassungslos hinterher, als wäre es das erste Mal in seinem Leben, dass jemand nicht nach seiner Pfeife tanzte. Es würde ein ganzes Stück Geduld kosten, dem verwöhnten Burschen schonend einige Dinge beizubringen...
„Du Idiot!“ Jo tippte sich gegen die Stirn. „Spinnst du? Wie soll uns jemals einer mitnehmen, wenn du dich so aufspielst!“
Von „schonenden“ Methoden hält sie offenbar nichts.
„Gehen wir weiter,“ brummte Antar schnell, doch sein Deeskalationsversuch ging bereits in Arjuks entschiedener Erwiderung unter. Während der nächsten halben Stunde brachten Antar und Vyrus auffällig viel Abstand zwischen sich und ihre Schützlinge, deren Auseinandersetzung sich von irgendeinem bemalten Stofffetzen auf den Umgang mit Anderen im allgemeinen und mit muffigen Händlern im speziellen verlagerte.
Ist doch gut, wenn die Zigeunerin die Drecksarbeit übernimmt.
Antar schmunzelte. Da war etwas dran...

Vyrus fachte die Glut an, bis ein behagliches kleines Feuer seinen Schein in die abendtrüben Schatten der Höhle warf. Die letzten auffindbaren Späne prasselten gemütlich und tauchten ihre kleine Welt in scheinbaren Frieden. Abwesend richtete Vyrus sein Wort an den Jüngling, der nun schon eine Weile neben ihm hockte und seinem Tun fasziniert zuschaute.
"Wir hatten Glück, diese Höhle zu finden. Ab morgen werden unsere Nächte sicherlich ungemütlicher werden."
Arjuk schwieg. Vyrus blickte ihm in die Augen. Wie die meisten Menschen konnte auch der Adelige dem goldenen Leuchten nicht lange widerstehen und wandte den Blick ab.
"Fehler sind da, um aus ihnen zu lernen, mein Freund", sagte er und klopfte ihm auf die Schulter. Er konnte dem reichen Jüngling ansehen, dass er nicht wusste, was er davon halten sollte, aber Vyrus plagten andere Dinge. Als der Söldner mit einem Arm Feuerholz herein kam, blickte er auf.
„Alles in Ordnung da draußen?“ fragte Vyrus.
Antar zuckte nur die Schultern. „Was soll schon groß sein, abgesehen von den paar hungrigen Wölfen und mordlüsternen Banditen,“ grinste er.
Vyrus starrte ins Feuer. Ja, was sollte da schon sein...

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Eine schlanke Gestalt stand am Waldrand, verschmolz mit der Nacht. Sie blickte starr zu dem flackernden Feuerschein hinüber, der in einiger Entfernung aus dem Höhleneingang drang.
Sirala lächelte hinter ihrer Maske. Nicht einmal der Mann mit den goldenen Augen schien bemerkt zu haben, dass die muntere Tischgesellschaft in Noatos Taverne beobachtet und belauscht worden war.
Nun, da sie die Stadt hinter sich gelassen hatte, war für Sirala die erste Hürde überwunden. Sie hatte mit der Zeit gelernt, durch schmale Gassen zu schleichen, sich hinter den Marktständen vorbei zu drücken; zielstrebig, doch nicht so schnell, dass sie auffallen würde. Sie war die Bewegung, die die Leute einen Moment lang im Augenwinkel wahrnahmen, und falls sich jemand nach ihr umwenden sollte, wäre der namenlose Schatten bereits wieder in der rastlosen Menge verschwunden. Heute jedoch, da sie sich der Gruppe an die Fersen geheftet hatte, hatte sie sich öfter als gewöhnlich gezwungen gesehen, die schützenden Winkel zu verlassen und sich den Blicken zu stellen.
Sirala hasste sie, jene Blicke, die sie verstohlen streiften, um dann schnell wieder weg zu sehen - zu schnell -; die Gesichter, die versuchten, unbeteiligt auszusehen, während hinter der Stirne die Frage stand: Was verbirgt sie hinter ihrer Maske?
Ich glaube nicht, dass ihr das wissen wollt...
Sirala sog die kühle Nachtluft ein. Hier draußen fühlte sie sich befreit. Hier, in den Wäldern, an den Flüssen, auf den Ebenen war Sirala in ihrem Element. Einige Tage würde sie ihr Opfer noch beobachten, würde seine Gewohnheiten studieren. Schließlich musste alles auf Anhieb funktionieren, wenn sie ihn alleine überraschte! Früher oder später würde sich eine günstige Gelegenheit bieten, ihn von der Gruppe zu trennen... jenen Mann, dessen verräterische Gesichtszüge eine innere Hitze in ihr entfachten, die sie seit Jahren nicht gespürt hatte! Zu lange hatte sie auf diese Rache gewartet...
Kurz wandte sich die vermummte Gestalt nach ihrem Reisegefährten um, doch der Druide schlief tief und fest. Sirala nahm die Maske ab. Die blinde Dunkelheit würde nicht erschrocken vor ihrem Gesicht zurückweichen.


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Beitrag #6 |

2.2 - Wasser, Wasser, und noch mehr Wasser
Seit ihrem morgendlichen Aufbruch waren sie bereits einige Stunden unterwegs. Vyrus marschierte an der Spitze der Kolonne, Antar ein kurzes Stück hinter ihm, gefolgt von Jo und Arjuk, die nebeneinander gingen.
Antar schritt wohlgemut voran und sog bei jedem Schritt die kühle Luft ein. Die große Handelsstraße, die Nomae’har und Kayro’har verband, hatten sie hinter sich lassen müssen und folgten nun den schlechteren Straßen am Nyltra entlang. Bald würde wohl das Grasland zu beiden Seiten des Nyltra von Wald abgelöst werden mit all seinen Umständlichkeiten: kleinere Dörfer, schlechtere Wege, kaum mehr Wägen und Nachtwache wegen der wilden Tiere. Im Augenblick jedoch war Kayro’har noch nah und die saftige Ebene gut einsehbar. Lediglich einige dunkle Wolken am östlichen Horizont machten Antar Sorgen.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Vyrus sich mit einem Mal zurückfallen ließ und an seine Seite trat.
"Seht Ihr die Wolken?" fragte der Mann mit den goldenen Augen und deutete unauffällig mit einen leichte Kopfnicken in die entsprechende Richtung.
"Seit einer halben Stunde schon. Im Osten zieht ein Gewitter auf."
"Entlang der Straße und des Flusses gibt es kaum Schutz. Wenn es uns erreichen sollte, wird es uns bis auf die Knochen durchnässen."
Antar nickte, meinte aber dann: "Noch bläst der Wind gen Osten, fort von uns. Wenn sich das nicht in den nächsten Stunden ändert, werden wir den Waldrand noch im Trockenen erreichen. Wart Ihr dort schon einmal?"
Vyrus zuckte mit den Schultern. "Ein Mal vielleicht. Noch einen Tagesmarsch entfernt befindet sich eine kleine Ansiedlung. Nichts, das einen Namen trägt. Ein, zwei Hütten, keine davon besonders einladend."
„Ein voller Tagesmarsch, sagt Ihr?“ Nun blickte Antar wirklich besorgt zum Himmel.
„Mindestens. Aber vor dem Regen könnte uns der Waldrand ein wenig Schutz bieten. Wir sollten uns darauf vorbereiten, unsere Schritte zu beschleunigen, falls der Wind sich tatsächlich ändern sollte."
Vyrus warf einen versteckten, aber skeptischen Blick über die Schulter zurück.
Antar bemerkte es und fragte sich insgeheim, welchen Grund der Untote wohl gehabt haben mochte, seine Dienste anzubieten.
War es nur das Geld?
Er bezweifelte es.
Zweifel bringen nichts. Wachsam bleiben, heißt die Devise.

Nicht nur die Augen des Söldners hatten die dunklen Wolken in der Ferne wahrgenommen. Schon einige Zeit vor ihm hatte Chaju festgestellt, dass unangenehmes Wetter nahte. Das verschlechterte augenblicklich seine sowieso angeschlagene Laune und er zeterte leidenschaftlich vor sich hin. Jo versuchte angestrengt, ihn so gut es ging zu ignorieren, aber irgendwann wurde es ihr zu viel und sie konnte nicht anders, als ihn auszulachen.
"Weißt du eigentlich, was du da für Zeug daherplapperst? Du kannst von Glück reden, wenn dich kein Blitz trifft", sagte Jo mit einem breiten Grinsen auf den Lippen, als sie wieder Luft bekam, und fast über ihre eigenen Füße gestolpert wäre.
Arjuk hatte sie ungläubig beobachtet.
"Du kannst mit ihm reden?", fragte er. „Hat Farim dir das beigebracht?“
Mit einem Seitenblick auf Arjuk meinte Jo nachdenklich: "Nein, ich konnte es schon immer... irgendwie. Seit ich Chaju gefunden habe, denke ich. Und frag jetzt bitte nicht, wie das geht", fügte sie lachend hinzu, als er sie ungläubig ansah, "es funktioniert einfach.“
Mittlerweile hatte sich Chaju darauf beschränkt, sich äußerst wichtig aufzuplustern und er gab nur mehr leise Laute von sich. Er war zufrieden, wenn er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand.
Arjuk musterte den Vogel misstrauisch.
"Wie lange wanderst du eigentlich schon umher?", fragte er.
"Also, das ist eine schwierige Frage", gab Jo nachdenklich zu. "Ich denke es werden schon so drei Jahre gewesen sein..." Chaju krächzte wichtigtuerisch und schüttelte seinen anmutigen Schnabel. "Na gut, dann waren es eben vier!", sagte sie und zerzauste ihrem Lieblingsvogel spielerisch das Gefieder, so dass sie noch mehr Geschrei erntete. Zu Arjuk gewandt meinte sie schließlich: "Ich kümmere mich ehrlich gesagt nicht so um die Zeit."
"Vier Jahre?" Arjuk schüttelte den Kopf. "Du bist vier Jahre deines Lebens einfach nur durch die Gegend gewandert? Das klingt ziemlich einsam."
"Warum einsam?", entgegnete Jo. "Ich habe Freunde auf der ganzen Welt."
"Was macht ihr denn?", unterbrach ihn Antars Ruf. Die beiden Männer waren schon weit vorausgeeilt.
"Wir sollten uns beeilen", meinte Vyrus, als sie zu ihnen aufgeschlossen hatten. "Sonst geraten wir mitten hinein in das Unwetter."

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]
Der Wind brauchte keine Stunden. Aus dem leichten Lüftchen wurde ohne Vorwarnung peitschender Gegenwind. Am Himmel bauschten sich dunkle Wolkentürme auf, die der heulende Sturm vor sich her zu treiben schien wie ein ungeduldiger Hirte sein Vieh.
Antar musste die Stimme heben, um gegen das heraufziehende Wetter anzukommen. "Ist das Wetter hier immer so?" rief er, an Vyrus gewandt.
"Keine Ahnung, mit den Blauen Bergen hatte ich auch etwas Anderes verbunden", gab dieser zurück. Er machte den Gefährten ein Zeichen, stehen zu bleiben. „Packt eure trockenen Hemden und Decken in die Wachstücher,“ rief er durch den Wind. „Und ich rate euch, sie gut zu verschnüren.“
Auch Vyrus selbst überprüfte noch einmal sein Bündel. Wenn ihr Gepäck erst einmal durchnässt war, würde es eine lange und ungemütliche Zeit dauern, es zu trocknen.
"Wir sollten schleunigst einen Unterschlupf suchen,“ meinte der Söldner.
Vyrus blickte sich um. Ihr Pfad führte sie durch niedriges Unterholz und Wiesen, doch dunkle Schemen in der Ferne ließen auf Baum- und Felsgruppen in der näheren Umgebung schließen, die vielleicht etwas Schutz boten.
„Ausschwärmen,“ kommandierte er. „Sucht die Gegend nach etwas ab, das uns Unterschlupf bieten könnte. Unser Gepäck können wir vorerst hier im Unterholz verstecken. Aber geht nicht zu weit und kommt bald wieder an diese Stelle zurück.“
Vyrus’ Umhang flatterte im Wind, als er gegen die Böen anlaufend über eine ausgedehnte Wiese stapfte. An deren Ende erhob sich ein kleiner Hain, den er genauer unter die Lupe nehmen wollte. Naserümpfend blickte er zum Himmel, an dem sich dunkle Regenwolken auftürmten. Wasser...
Plötzlich stockte er kurz im Schritt. Mit einem schnellen Blick suchte er die Umgebung ab. Es war niemand zu sehen...
Unwillig schüttelte Vyrus den Kopf und konzentrierte sich wieder auf den Fluss. Doch ganz verdrängen konnte er das Gefühl nicht... sie waren nicht mehr allein.

„Vyrus! Antar! Hey!“ Jo winkte aufgeregt. „Ich glaube, ich hab eine Höhle entdeckt!“
Nur zögernd folgte Vyrus dem Ruf. Jo war das Geröllfeld, das zum Nyltra hin abfiel, ein Stück hinunter geklettert und machte ihre Gefährten auf irgendetwas am Flussbett aufmerksam. Vyrus folgte ihrer Geste und bemerkte eine dunkle Öffnung im Fels. Eine Höhle? Vyrus konnte es nicht richtig erkennen. Immer wieder aber blieb sein Blick an den matschbraunen Fluten des Nyltra hängen. Er spürte, dass sich tief in ihm etwas in ihm regte. Eine Stimme in seinem Kopf wisperte ihm dunkle Versprechungen zu. Vyrus presste seine Rechte fest gegen die Stirn.
Wasser!
„Vyrus.“ Antars Stimme riss Vyrus aus dem verhängnisvollen Strom seiner Gedanken. Der Söldner blickte ihn vielsagend an. „Wasserphobie?“
„Nicht der Rede wert,“ murmelte Vyrus, doch ihm war klar, dass seine Fassade bröckelte. Tief in ihm geschah etwas, das er zu diesem Zeitpunkt am wenigsten gebrauchen konnte...
„Was ist los? Habt Ihr was gefunden?“ Arjuk hatte sich offenbar zu der Gruppe gesellt, doch Vyrus nahm weder ihn noch Chajus hysterisches Krächzen wahr. Er konnte den Blick nicht mehr vom schäumenden Nyltra abwenden. In den schneidenden Wind mischten sich erste feine, kalte Tropfen.
„Jo untersucht die Höhlen dort unten am Fluss,“ hörte Vyrus die Stimme des Söldners wie durch einen Vorhang der Betäubung hindurch sagen. „Mit etwas Glück haben wir hier bereits ein Quartier gefunden, noch bevor der Regen richtig losgeht. - Du liebe Zeit, das Vieh macht einen Krach. Warum ist der Vogel eigentlich bei Euch und nicht bei dem Mädchen?“
„Keine Ahnung,“ antwortete Arjuk. „Er kam plötzlich zu mir geflattert...“
Vyrus blickte auf. Tatsächlich saß Chaju in Arjuks Halsbeuge gedrückt auf seiner Schulter und zeterte sich die Seele aus dem Leib. Das sonst so treue Tier hatte Jo verlassen, als sie zum Fluss hinab gestiegen war...
„Wohl noch einer mit Wasserphobie,“ brummte Antar.
Vyrus aber war plötzlich hellwach. „Verdammt!“ Sein Blick floh an den Horizont, wo sich schwarze Wolken auftürmten. Das Gewitter zieht von Osten auf... vom Landesinneren.
„Jo!“, brüllte Vyrus durch das heraufziehende Gewitter. „Komm sofort zurück!“
Vyrus suchte das Flussbett mit den Augen ab, doch von der bunten Gestalt war nichts zu sehen. Vermutlich war sie bereits in eine der Höhlen gedrungen.
„Warum hast du das zugelassen?“ fauchte Vyrus Antar an. „Wenn flussaufwärts Regen fällt, kann der Strom auch hier in Minutenschnelle anschwellen!“
Du bist doch unser Führer, Herr Nichtschwimmer,“ knurrte der Söldner, aber auch er sah betroffen aus. Die beiden Männer wechselten einen Blick, dann machte sich Antar daran, vorsichtig ein Stück in das felsübersäte Flussbett hinab zu steigen.

Antar konnte später nicht mehr sagen, wieso er nicht an die Gefahr gedacht hatte, die das Flussbett bei einem derartigen Wetter bot. Das Geröll war dunkel und glitschig vom Nieselregen, der Boden der Uferböschung aufgeweicht. Auf dem abschüssigen Stück, das zu den Höhlen hinabführte wäre Antar beinahe ausgerutscht.
„Jo! Hörst du mich? Komm raus da!“
Donnergrollen mischte sich in Antars Ruf. Einige Meter unter ihm schoss der Fluss schnell und schäumend dahin und verschluckte seine Worte. Täuschte er sich nur, oder war das Wasser bereits gestiegen?
Mit einem schnellen Blick in die erste Höhle stellte Antar fest, dass das Mädchen nicht hier war. Hatte sie sich jetzt auch noch die am tiefsten gelegene Öffnung ausgesucht? Fluchend stolperte er auf den nassen Felsen ein Stück weiter den Wassermaßen entgegen und wagte einige Schritte in die nächste Höhle.
„Bist du hier, Jo?“
„Was ist denn los?“, erklang da eine unschuldige Stimme direkt neben ihm aus dem Halbdunkel und ließ ihn herumwirbeln.
„Verdammt, hast du mich erschreckt!“ Erleichterung durchströmte Antar, als er Jos bunte Gestalt an die Höhlenwand gelehnt erblickte. „Hast du mich nicht rufen gehört? Wir müssen weg vom Flussbett, sofort.“
Er wollte Jo am Arm packen, als ihr Gesicht plötzlich blass wurde. Antar folgte ihrem versteinerten Blick: Auf dem Fels am Höhleneingang hatte sich ein fröhliches Rinnsal gebildet. Schlammiges Wasser schwappte in den Unterschlupf. Dann hörten sie es: Ein Donnern wie von einem Gewitter, aber ein Donnern, das nicht abebben wollte, sich schmatzend durch das Flussbett fraß...
Der Söldner stieß den wildesten Fluch aus, den er jemals im Süden gehört hatte. „Raus hier!“
Jo bereits zum Eingang zurück gerannt. Doch dort erwartete sie nun ein unüberwindbarer Strom der mächtigen Naturgewalt: Wasser.

Sirala blickte in den aufgewühlten Himmel. Ungefähr so sah es jetzt in ihr aus... Dieser Druide hatte ihr noch gefehlt! Sie hätte ihm nicht helfen sollen. Wie sollte sie jetzt weiterhin die unauffällige Verfolgerin bleiben, wenn er an ihren Fersen klebte? Schließlich durfte er von ihrem Vorhaben nichts wissen. Und dann war da noch diese... Erinnerung. Die Tätowierung auf der Wange - der lange Umhang, der sich im Wind bauschte... helfende Hände...
Die ersten Regentropfen peitschten durch die Luft. Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Sirala die Wanderer, und stutzte. Wo um der Erde willen wollten diese Abenteurer hin?! Doch nicht etwa zu den Höhlen da unten, direkt am aufgebrachten Fluss!
Kurz wandte sie sich zu dem Druiden um. „Ihr bleibt hier.“
Dann lief sie.
Alsini können sehr schnell werden, wenn Gefahr droht. Wenn Sirala selbst auch kein richtiges Schlangenwesen mehr war, wenn auch die Alsini sie verstoßen hatte, so waren ihr doch genug Fähigkeiten erhalten geblieben. In rasendem Tempo und mit traumwandlerischer Sicherheit stürmte sie auf den Nyltra zu. Sie sah die Springflut heranrollen, sah, wie die beiden Gestalten, die am Flussufer zurückgeblieben waren, entsetzt etwas gegen den Sturm riefen. Der Söldner war nicht unter ihnen.
Sirala bemerkte kaum, wie ihre Lunge bei jedem Atemzug schmerzte. Sie hatte das Flussufer erreicht. Panisch suchten ihre Augen das Wasser ab, aber da waren nur braune, reißende Fluten...
Nein!, hallte es durch ihren Kopf. Du bist mein! MEIN! Du wirst nicht durch diese Fluten sterben...
„Was steht Ihr hier so rum? TUT ETWAS!“ Unbeherrscht hatte Sirala die beiden Männer, die wie versteinert in die Fluten starrten, angefaucht. Der Mann mit den fein geschnittenen Gesichtszügen hob nicht einmal den Kopf, sondern starrte wie paralysiert in den Fluss. Der Junge war sichtlich eingeschüchtert von Siralas Erscheinungsbild, aber auch er machte keine Anstalten, seinen Gefährten zu Hilfe zu kommen.
Sirala wusste, wenn sie jetzt nicht sofort handeln würde, wäre alles verloren. In Windeseile entledigte sie sich ihres Mantels, warf einige Klingen aus ihrem Gürtel in den aufgeweichten Boden. Die beiden Fremden am Ufer riefen ihr etwas hinterher, doch sie hörte nicht mehr hin. In rasendem Tempo und mit traumwandlerischer Sicherheit stürzte sie den Abhang hinunter. Ein so gnädiger Tod wird DIR nicht vergönnt sein. Du bist mein! Ohne weiter nachzudenken, stürzte sie sich ins reißende Wasser.
Die Kälte nahm ihr für einen Augenblick den Atem. Die Fluten zerrten mit tödlicher Kraft an ihrem Körper, der durch die Maske noch zusätzlich behindert wurde. Doch der Hass verlieh ihr ungewohnte Energie. Sie tauchte. Sprudelnde Wirbel verwehrten ihr die Sicht, doch sie konnte die Wesen fühlen. Da! Sie schnappte die erstbeste Gestalt, zerrte sie aus der tödlichen Falle und kämpfte sich mit ihr ans Ufer. Es war das bunt gekleidete Mädchen. Wieder tauchte sie. Und schwamm. Wirbel, Wirbel überall...

Wasser!
Die kalten Massen rissen Antar von den Beinen. Er rutschte weg und landete mit dem Gesicht voran in der schlammigen Brühe.
Schon zuvor hatte er gefroren, aber diesmal war die Kälte so extrem, dass sie ihm die Luft aus den Lungen presste. Hilflos schnappte er nach Atem, Luftblasen umschwirrten seinen Kopf. Dann gelang es ihm für einen Augenblick - einen winzigen Augenblick nur - seinen Kopf über den rasch steigenden Wasserpegel zu heben.
Etwas über ihm löste sich mit klar vernehmlichem Geräusch aus der Decke, dann wurde er von einem großen Gewicht nach unten gedrückt.
Ohne eine Möglichkeit zur Gegenwehr wurde er hinab in die Dunkelheit gezogen.
Du kennst dieses Gefühl. Diese Hilflosigkeit. Vergiss sie nie!

Dies war keine einfache Ruine.
Zuvor, all diese Gebäude, das mochten Wohnhäuser gewesen sein, vielleicht auch Läden, lange bevor der Tod gekommen war - aber dies hier war nichts von alledem.
Es war ein Grab.
Antar erkannte den sandigen Geruch, der hier im Süden mit dem Tod einherging, der Odem, der selbst den ältesten Leichen anhaftete.
Alles hier war schon lange tot, verfault und nur noch die Knochen waren geblieben - und der Geruch.
Da war noch etwas anderes.
Eine Nuance, die in der Luft des Grabes mitschwang.
Etwas, dass er nie zuvor gerochen hatte und das in dem Moment verschwunden schien, da seine Nase es erfasst hatte, so flüchtig war es.
Der Mann neben Antar - Kaledh war sein Name - entzündete zwei Pechfackeln, dann warf er eine davon Antar zu.
Die drei anderen warteten bereits einige Schritte hinter ihnen mit brennenden Fackeln.
Dann - ohne, dass ein Wort gesprochen wurde - stiegen die Männer die Treppe hinab, die im Inneren des Grabes an die Tür anschloss.


Mit einem Mal wurde er aus den Schatten gerissen, hinauf ins Licht. Zwei Hände hatten ihn gepackt und unaufhörlich hochgezogen, bis sein Kopf fast schmerzhaft durch die Wasseroberfläche brach.
Regen peitschte ihm ins Gesicht, vielleicht auch Wellen.
Vage nahm er eine vermummte Gestalt wahr, die sich über ihn beugte und mit aller Kraft an ihm zerrte.
Dann spürte er festen Boden unter seinem Rücken, wurde über ein Ufer geschleift.
Dort erwartete ihn erst einmal wieder Dunkelheit.
Wenigstens war sie diesmal nicht kalt und nass.


Als sich Sirala mit letzter Kraft an das Ufer schleppte und in den Schlamm sank, wusste sie nicht mehr, wie lange sie gegen die Fluten gekämpft hatte. Nur… nicht… ohnmächtig werden... Mit ihrem letzten Fünkchen Willen zwang sie sich, bei Bewusstsein zu bleiben. Denn niemand durfte unter ihre Maske blicken!
„Alles in Ordnung?“ Ein Schemen über ihrem Gesicht.
„Wir müssen ihr die Maske abnehmen.“ Die sanfte Stimme des Druiden. War er auch hier?
„N...nein.“ Mühsam wehrte die Alsini die helfenden Hände ab. „Es geht schon. Kümmert euch um die anderen.“
Atmen. Atmen... Die Alsini lag da und holte mühsam Luft. Dabei ignorierte sie den stechenden Schmerz in ihrer Lunge. Weiteratmen...
Diese Rettungsaktion hatte sie mehr angestrengt, als sie gedacht hatte. Mühsam hob sie den Kopf ein wenig und blickte sich um. War sie erfolgreich gewesen? Dieses seltsame Wesen zwischen Leben und Tod stand noch immer am Ufer und starrte mit grauenerfüllten Augen in den Fluss. Es schien ihn große Mühe zu kosten, den Blick von den Fluten zu nehmen, als der reiche Jüngling ihn heftig am Arm packte. Der Druide beugte sich über das bunt gekleidete Mädchen, das bewusstlos im Schlamm lag.
Sie wandte hastig den Kopf- zu hastig. Für einen kurzen Moment wurde ihr schwarz vor den Augen. Dann sah sie ihn. Er lag neben ihr, die Augen geschlossen, das Gesicht bleich wie billige Wachskerzen. Doch sie spürte, dass in ihm noch genug Lebenswärme für zwei loderte... Beruhigt ließ sie sich zurück in den Schlamm sinken und schloss die Augen. Nur für einen kurzen Moment... Nur ein wenig Ruhe...
Schwärze umfing ihren Geist.

Gesang... Sirala hörte jemanden singen. Eine alte Stimme, die sich im Rhythmus des flackernden Feuers hob und wieder senkte. Feuer? Sie öffnete die Augen. Tatsächlich, Feuer...
Sie lag in einer kleinen, warmen Hütte. Einer seltsamen Hütte - sie wirkte, als sei sie von selbst aus den Büschen gewachsen, kein Stamm war dafür gefällt worden. Eine Hand, leicht und welk wie Herbstlaub, legte sich auf ihr Gesicht. Sie fuhr zusammen unter den Schmerzen, als die Finger über ihre Wunden fuhren - nein, noch nicht vernarbt, frisch und grausam zerteilten sie ihre Züge. Der Alsini entfuhr ein leises Wimmern, wie sie es die lange Zeit der Folter über zurückgehalten hatte.
Der Gesang wurde leiser, beschwörender, gleichzeitig beruhigender. Etwas Kühles wurde über die Wunden gestrichen. Die sanfte Hand glitt an die Stelle, an der ihr Ohr gewesen war, glitt über die schmerzenden Pfade, die Klingen und glühende Eisen auf ihrem Körper hinterlassen hatten. Sie wurde ruhiger. Die Berührung tat gut, stillte ihre Pein ein wenig... Alte, kräftige Arme drehten sie auf den Bauch. Als sich die Hand auf die breite Wunde über ihrer Wirbelsäule legte, schrie sie auf, und wie ein Schwert durchteilte die Erkenntnis ihren Dämmerzustand: Sie war keine Schlange mehr, keine Alsini! Die Folterer hatten ihr Verwandlungsorgan, das sich bei jeder Alsini entlang des Rückgrates hinunterzieht, einfach
abgeschält...
Der Schmerz ließ sie wieder in der Schwärze versinken.


Sirala riss die Augen auf und stützte sich auf ihre Arme. Nein, zum Glück, ihre Besinnungslosigkeit konnte nicht lang gedauert haben! Um sie war noch alles wie vorher. Ihr Handschuh tastete über ihre Wange: ja, auch die Maske war noch an ihrem Platz! Schnell wischte sie den gröbsten Schlamm ab und stemmte sich mühsam hoch. Mit hängenden Armen sah sie sich um. Was jetzt? Sie war nun nicht länger die geheime Verfolgerin. Nun wussten die Teilnehmer der Expedition um ihre Existenz.

An die Treppe schloss sich ein langer Gang an, der nach etwa hundert Schritten nach rechts abbog. Beiderseits war er von Nischen gesäumt, in denen zerbrochene Urnen standen und ab und zu eine abgewetzte Statue, unkenntlich durch den Zahn der Zeit.
Die Fackeln ließen die Ornamente an den Wänden lebendig erscheinen und die Männer bekamen das Gefühl, in der Dunkelheit tanzten Geister und Dämonen um sie herum.
Nichts Gutes konnte von so etwas kommen, äußerte sich einer von ihnen, der auf den Namen Dumont hörte. Es war fast schon komisch zu sehen, wie zwei Meter Muskeln und Sehnen versuchten, den Kopf zwischen die breiten Schultern zu ziehen.
Aber auch Antar spürte das beklemmende Gefühl, dass dieses alte Gemäuer bei ihnen verursachte, und so lachte er nicht.
Nach der Biegung ging es noch ein Stück geradeaus, bis der Gang zu einem sanften Bogen nach links schwang, und sich in der Dunkelheit verlor.
Und aus dem
Nichts kam ein Licht, schneller und schneller, bis es Antar erreichte und er die Augen aufschlug.
Da war Regen und ein fremdes, tätowiertes Gesicht, das besorgt auf ihn hinab sah. Ein tätowiertes Gesicht, das ihm irgendwie bekannt vorkam... Die Taverne. Ja, das war der komische Kauz, der an der Theke einen Aufstand veranstaltet hatte.
„Alles in Ordnung?“, fragte der Druide und streckte ihm den Arm entgegen, um ihm vom Boden aufzuhelfen. Antars Antwort verlor sich in einem Hustenanfall, und als er schließlich wackelig auf den Beinen stand, sah er sich um und bemerkte mit Erleichterung, dass Jo sich ebenfalls am sicheren Ufer befand. Bleich und zitternd versuchte sie mit Arjuks Hilfe aufzustehen.
„Folgt mir.“ Der Mann mit der seltsamen Tätowierung auf der Wange zog seine Robe fester um sich. „Ich glaube, dort drüben ist ein trockenes Plätzchen.“
Als Antar sich zögernd nach seinen Gefährten umwandte, blickte er in das ausdruckslose Gesicht einer weißen Maske. Unter dem schwarzen Mantel trug die Besitzerin dieser Maske dunkle, schlichte Kleidung, die triefend nass war. Hatte sie ihn etwa gerettet?
Der Nichtschwimmer und das Prinzchen ja wohl kaum.
"Nun geht schon." Die Stimme der Fremden war rau. Ihr schwarzer Mantel flatterte im Sturm. "Ihr könnt uns vertrauen. Oder wollt ihr im Regen stehen bleiben?"
"Alles in Ordnung mit euch?", rief Antar, während sie ihren beiden Rettern durch den Regen folgten.
"Einen tollen Führer haben wir uns ausgesucht", gab Arjuk ungehalten zurück.
Vyrus erwiderte nichts darauf. Seit der Sturm aufgekommen war, verhielt er sich mehr als nur seltsam. Und nun waren auch noch diese beiden Neuankömmlinge aufgetaucht, offenbar ebenfalls Reisegefährten.
Auf einen Verrückten mehr oder weniger kommt es nicht mehr an, oder?
Vielleicht. Vielleicht aber doch...
Der Sturm peitschte ihnen Regen ins Gesicht und ließ die Glöckchen an Jos Mantelsaum hysterisch klingeln, während der Tätowierte sie auf eine Felsgruppe zuführte. Auf der Rückseite war eine kleine Höhle, kaum mehr als ein Felsvorsprung - doch sie lag im Windschatten.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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2.3 - Trockener Unterschlupf
Allmählich kehrte die Wärme in Vyrus’ Glieder zurück. Nun, da sie – den Wachstüchern sei Dank - alle wieder in mehr oder weniger trockener Kleidung steckten und sich ihre Decken übergeworfen hatten, war auch die Stimmung nicht mehr so gespannt.
Der Söldner und das Mädchen sahen noch sehr angeschlagen aus, aber in Anbetracht der Umstände doch recht passabel. Schlagartig wurde Vyrus klar, dass sie um Haaresbreite die Hälfte der Expedition verloren hätten. Nicht, dass es die ersten Menschen gewesen wären, die wegen ihm zu Tode gekommen waren - aber es war ihm lieber, wenn sich die Zahl nicht weiter erhöhte. Zumal der Junge die ganze Sache wohl nur schwer verkraftet hätte.
Vyrus schauderte. Wasser – schlammbraunes, schäumendes, furchterregendes Nass! Unbehaglich knirschte er mit den Zähnen. Es war zu befürchten, dass zumindest die beiden Neuankömmlinge und der verzogene Junge bemerkt hatten, wie er gelähmt und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, am tosenden Fluss gestanden hatte. Vampire hassten Wasser wie die Pest... Vyrus hatte geglaubt, den Schatten, den er in sich trug, in letzter Zeit recht gut unter Kontrolle zu haben. Offenbar hatte er sich geirrt; seine Übermacht war nur oberflächlich und brüchig... Er musste sich hüten. Zu diesem Zeitpunkt wäre das letzte, das er gebrauchen konnte, einer seiner Unfälle...
Vyrus verdrängte seinen inneren Kampf. Indem er das selbstsichere Lächeln aufsetzte, welches ihn seit Jahren begleitete, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gruppe. Obwohl er von den bedrohlichen Wassermassen paralysiert gewesen war, hatte er dennoch mitbekommen, dass die Maskierte im Alleingang zwei seiner Gefährten aus den Fluten gezogen hatte. Eine unvorstellbare Leistung, wenn man ihre zierliche Gestalt betrachtete. Und woher waren sie und ihr Begleiter so plötzlich gekommen? Irgendetwas sagte Vyrus, dass er es nicht mit normalen Umständen zu tun hatte. Und er hatte vor zu klären, welche Umstände das sein würden.
"Vielen Dank noch einmal für Eure Hilfe", wandte er sich betont freundlich an die beiden. Unwillkürlich räusperte er sich. Seine Stimme klang nicht mehr so weich und geschmeidig wie gewohnt.
Der Druide kauerte in Gedanken versunken an den Fels gelehnt und schien den Dank gar nicht zu hören. Die Frau mit der Maske zuckte nur leicht die Schultern. Sie trug immer noch ihre durchnässte Kleidung und schien nicht vorzuhaben sie abzulegen.
"Ich habe getan, was jeder tun würde", antwortete sie ausweichend.
Vyrus hob eine Augenbraue. "Das kann alles und nichts bedeuten", meinte er.
"Zumindest wäre für euch alles vorbei und nichts hätte euch gerettet, wäre ich nicht gekommen", erwiderte die Fremde schnippisch.
Vyrus schmunzelte. Die Frau gab ihm Rätsel auf, aber sie gefiel ihm. Was ihn jedoch nicht von seinem eigentlichen Ziel ablenken sollte...
„Auf jeden Fall finde ich es sehr beeindruckend, dass Ihr gerade zur rechten Zeit am rechten Ort wart“, hakte Vyrus nach und ärgerte sich darüber, dass die Maske ihm jegliche Chance nahm aus ihren Gesichtszügen zu lesen.
„Ja, das war wirklich knapp…“, mischte sich Jo zähneklappernd ein und ihre blasse Hand zog die Decke enger um sich, „Ich möchte Euch auch danken… wenn Ihr nicht gewesen wärt…“
Die maskierte Fremde schwieg einen Moment, antwortete dann emotionslos:
„Keine Ursache“, und drehte sich schließlich wieder so, dass sie in den Regen hinaus starrte. Ein klares Ende der Unterhaltung ärgerte sich Vyrus.
„Wenn wir nur ein Feuer machen könnten“, seufzte Arjuk und schlang die Arme um die Knie, während er in den Regen starrte.
„Zwecklos“, erwiderte Antar mit schwacher Stimme. „Wir werden kein trockenes Feuerholz finden.“
Mit einem Blick auf die Landschaft musste Vyrus ihm Recht geben. Der Regenvorhang fiel so dicht, dass man kaum die Bäume erkennen konnte, die sich nur in wenigen Schritten Entfernung als dunkle Silhouetten erhoben.
„Wir könnten es zumindest versuchen“, bat Jo.
„Feuerholz?“
Erstaunt wandten sich die Gefährten um, als eine leise, sanfte Stimme ertönte. Der Druide war aufgeschreckt.
„Ihr wollt Feuerholz? Habt ihr denn gar kein Mitleid?“ Beinahe feindselig blickte er sie an.
Einen Moment lang begriff Vyrus nicht, was er meinte.
„Mitleid mit wem?“, fragte auch Jo verdattert.
„Mit dem Holz natürlich“, kam die verdrießliche Antwort. Vyrus seufzte bei diesen Worten auf. Druiden!
„Keine Sorge, bei dem Wetter werden wir wohl kaum auch nur ein Ästchen trockenes Feuerholz finden“, brummte Arjuk verdrossen.
Der Druide blickte ihn einen Moment lang an, als wäre er verblüfft über Arjuks Resignation. Dann wandte er sich ab. „Ach ja,“ murmelte er verächtlich, „ich vergaß. Menschen...“
Während die Gefährten in ihren Taschen nach trockenem Proviant suchten, bemaß Vyrus den Druiden mit einem prüfenden Blick. Naturkundige mochten kuriose Gestalten sein, aber wenn es darum ging, der Natur ihre Wohltaten abzuringen, war man bei ihnen an der richtigen Adresse. Immerhin hatte dieser verschrobene Mann sie zu diesem halbwegs trockenen Unterschlupf geführt. Bedächtig trat Vyrus neben die Gestalt, die in ihre Robe gehüllt zusammengekauert da saß und in den Regen starrte.
„Ich möchte mich noch einmal bei Euch bedanken, dass Ihr uns geholfen habt“, sprach er höflich. „Ich bin beeindruckt, wie Ihr kühlen Kopf bewahrt habt und uns zielsicher zu diesem segensreichen Unterschlupf geführt habt. Darf ich mich nach Eurem Namen erkundigen?“
Der Druide warf Vyrus einem ungemütlichen Blick zu. „Doronin“, nuschelte er.
„Doronin“, wiederholte Vyrus. „Mein Name ist Vyrus. Ich freue mich, die Bekanntschaft mit einem Naturkundigen wie Euch zu machen. Die Wunder der Natur haben mich schon seit jeher beeindruckt.“
„Tatsächlich?“ Doronin bemaß Vyrus mit einem zweifelnden Blick.
„In der Tat,“ beteuerte Vyrus schnell. Er überlegte einen Moment, dann setzte er hinzu: „Leider sind Naturkundige oft weit weniger hilfsbereit als Ihr, Doronin. Ohne Euresgleichen zu nahe treten zu wollen - ich bedaure sehr, dass die meisten der Druiden - im Gegensatz zu Euch - den Menschen so feindlich gesinnt sind. Würden sie den Menschen helfen und ihnen die Güte der Natur vor Augen führen, ich bin sicher, die Menschen wären weitaus empfänglicher für ihre Erhabenheit und... aber was rede ich da.“ Vyrus unterbrach sich. „Für Ausführungen dieser Art werden wir hoffentlich morgen noch Zeit haben. Jetzt sollten wir dafür sorgen, dass wir die Nacht überstehen. Ist Euch nicht kalt in dem nassen Mantel? Ich fürchte, unser Bestand an Decken ist etwas knapp, aber...“
„Ich habe meine eigene“, antwortete Doronin knapp. Er wies auf seine Tasche. „Sie sollte nicht all zu nass geworden sein.“
Vyrus war froh, dass ihn in diesem Augenblick Antar auf die Schulter tippte.
„Ist nicht viel, aber immerhin,“ brummte er, indem er Vyrus eine Decke reichte.
Vyrus blickte den Söldner einen Moment lang fest an, dann sagte er halblaut: „Ich mache mir Sorgen um die Kinder, Antar. Sie sind nicht so hart gesotten wie wir...“
Antar hob die Brauen. „Meinst du wirklich?“, fragte er verunsichert.
Vyrus verdrehte die Augen in Richtung des Druiden, und allmählich schien Antar zu begreifen.
„Hmmm.“ Der Söldner kratzte sich am Kopf. „Jetzt, wo du es sagst, fällt mir eine schlimme Geschichte ein... Wanderer, die die Nachtkälte unterschätzten...“ Er machte eine vage Handbewegung. Offenbar fiel ihm auf die Schnelle nichts Passendes ein.
Schnell ergriff Vyrus das Wort, bevor eine unnatürliche Stille entstehen konnte. „Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ihnen etwas zustößt,“ sagte er leise, doch nicht leise genug, als dass seine Worte nicht an die Ohren des Druiden hätten dringen können. „Sie sind noch so jung! Das Mädchen wird sich sicher eine Lungenentzündung holen. Als Führer dieser Gruppe wäre es meine Schuld. “
Vyrus senkte den Blick, jedoch weniger aus Scham als vielmehr, damit niemand bemerkte, wie er mit seinem Grinsen an sich halten musste. Bald musste er den Druiden soweit haben, dass er sein Mitgefühl nicht mehr an Äste verschwendete.
„Seht mal, was in meiner Tasche war!“, erklang da Jos helle Stimme. Triumphierend hielt sie drei kleine schrumpelige Äpfel hoch.
„Was für ein Festbankett,“ brummte Arjuk ironisch.
„Wer sich beschwert, bekommt nichts ab,“ erwiderte Jo und streckte ihm die Zunge heraus, was jedoch in einem erstickten Hustenanfall endete.
„Jo, ist dir auch warm?“, fragte Antar besorgt. „Deine Lippen sind ganz blau.“
„Naja, warm wäre übertrieben,“ antwortete das Mädchen, das sichtlich erschrocken seine Lippen betastete.
Vyrus versuchte, nicht all zu auffällig zu dem Druiden hinüber zu sehen, während die Gefährten die Äpfel aufteilten. Doronin schien mit unveränderter Gleichgültigkeit dem Wüten des Sturmes zuzusehen. Schon dachte Vyrus, die Hoffnung aufgeben zu müssen, als er eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm...
Der Druide hatte sich erhoben und eilte mit schnellen Schritten in den Regen hinaus.
Vyrus warf Antar einen Blick zu, der von dem Söldner gleichfalls erwidert wurde.

Ein Schwall von Wasser klatschte auf den Fels, als er seinen Umhang auswrang. Wasser – Welch seltsames Schicksal, das so ein mächtiges Geschöpf, zu dem er einmal werden würde, Angst vor so etwas banalem wie Wasser haben konnte!
Der Söldner neben ihm schien seine Ausrüstung systematisch durchzugehen. Er entfernte seine beiden Schwerter aus ihren Scheiden und kippte das Wasser aus diesen hinaus, dann griff er nach den Bolzen.
Plötzlich spürte Vyrus ein kurzes Stechen in seinem Kopf und griff sich an die Stirn. Eine Person in der Gruppe dachte gerade an ihn.
Er fixierte Antar und richtete sich wieder weiter auf.
„Alles noch beisammen?“ fragte er wie beiläufig.
„Nicht Euer Verdienst,“ entgegnete Antar. Als Vyrus nichts erwiderte, fügte er hinzu: „Wir hätten ertrinken können. Und ihr wart eurerseits auch vom Wasser bedroht.“
Vyrus knirschte leicht mit den Zähnen, wie er es immer tat, wenn er nervös wurde. Die Maskenfrau gab ihm Rätsel auf, aber nun war es unscheinbare Söldner, dessen Fragen ihn grübeln ließen. Ahnte dieser etwas von seiner wahren Gestalt? Hatte der Jüngling ihm erzählt, dass er keinen Finger gerührt hatte um die beinahe Ertrinkenden aus den Fluten zu retten? Oder war die Anspielung auf die Bedrohung durch das Wasser nur zufällig doppeldeutig geraten?
Vyrus musste sich von allen Gefährten vor ihm am meisten hüten, dessen war er sich nun sicher.
„Tja, sterben müssen wir alle irgendwann“, gab er zurück, „aber dieses Mal wurden wir verschont. Und für die nächsten Gefahren haben wir schließlich Euch, werter Antar.“
Er konnte den Spott in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken.
"Ich hoffe, wir bleiben den Rest der Reise von solcherart Zwischenfällen verschont“, antwortete Antar kühl. „Die Berge selbst werden schon gefahrvoll genug sein.“
Mit zwei schnellen Schwüngen, die jüngeren Männern zur Ehre gereicht hätten, schleuderte er die Tropfen von seinem Kurzschwert. Äußerlich schien er vollkommen ruhig, doch Vyrus empfing eine Welle von Emotionen. <i>Äußerlich kontrolliert und beherrscht, innerlich wie ein Vulkan.</i>
Vyrus ahnte, dass der Söldner einen etwaigen "Ausbruch" auch gezielt benutzen konnte, was ihm die fast beiläufigen Schwünge mit dem Schwert eindrucksvoll demonstrierten.
Antar war schnell - verdammt schnell.
Ein leises Echo in ihm lechzte nach einem Kräftemessen, aber Vyrus verdrängte es. Er hatte wahrlich andere Sorgen. Es würde klüger sein, den Kämpfer allmählich für sich einzunehmen.
„Ihr habt wohl Recht, aber das braucht uns erst morgen zu kümmern“, sagte er ruhig. In versöhnlichem Ton fügte er hinzu: „Nun erzählt, ist es nur das Geld, das euch dieses Wagnis eingehen lässt? Sprecht ruhig, wir haben Zeit. Bis der Druide zurückkehrt, falls er sich dazu herab lässt, wird hier nichts aufregendes mehr geschehen.“
Einen Moment lang blickte Antar ihn ausdruckslos an. "Was ist ein eine Geige ohne Bogen?“ erwiderte er. „Ich tue dies, weil ich so etwas schon mein Leben lang tue und weil es selten so schnell soviel Geld einbringen könnte, wie dieses Mal."
Vyrus schmunzelte. Er musste sich eingestehen, dass er selbst keine bessere Antwort liefern konnte.
"Euer Antrieb ist aber doch sicher ein anderer", setzte der Söldner sanft hinzu. Er sah Vyrus direkt in die Augen, doch dieser erwiderte den Blick ohne Scheu.
"Mein Weg führt mich zufällig in dieselbe Richtung und ich sah eine interessante Herausforderung darin, eine kleine Gruppe wie diese zu führen", antwortete er gespielt stolz. "Und ich lerne immer wieder interessante Menschen dabei kennen." Er nickte dem Söldner freundlich zu.
Menschen, die mir noch sehr nützlich sein könnten.
"Nun“, meinte der Söldner und zeigte mit seiner Klinge auf die durchweichte Gruppe, "etwas zuviel Herausforderung für eure Führungsqualitäten."
Vyrus war bewusst, dass ihm teilweise die Schuld an der Misere zugeschrieben wurde, hätte er als Führer doch besser auf die Gruppe achten sollen. Doch schließlich war es nicht er gewesen, der in die Höhlen am Fluss hinabgeklettert war.
Antar wandte sich kurz prüfend zu dem Rest der Gruppe um, und Vyrus folgte seinem Blick. Die Gefährten schienen mit dem Gepäck vollauf beschäftigt zu sein, so dass niemand auf die beiden Männer achtete, die sich, etwas abseits von ihnen, unterhielten.
"Was haltet ihr von unseren Rettern?" fragte Antar leise.
Betont langsam strich sich Vyrus eine nasse Strähne aus dem bleichen Gesicht und betrachtete die sonderbare Frau, die offenbar nicht vorhatte, ihre Maske abzunehmen. Der Druide war noch nicht zurückgekehrt.
"Sie scheinen in Ordnung zu sein. Der Druide macht einen harmlosen Eindruck", sagte er halblaut. "Die Frau? Sie verbirgt etwas, aber immerhin hat sie uns gerettet."
Antar nickte.
Einen Moment lang beobachtete er die Maskierte, dann wandte er seinen Blick ab, während er seine trocknenden Bolzen untersuchte und einige von ihnen wieder einsteckte.
"Wisst Ihr“, raunte er schließlich, indem er sich näher zu Vyrus vorbeugte. "Ich kannte einmal einen Mann, an dessen Seite ich gekämpft hatte. Er kam eines Tages in eine ausweglose Situation, so ausweglos, dass er sich gewiss war, er würde sterben. Er hatte bereits mit dem Leben abgeschlossen, sagte man mir, da bot man ihm Hilfe an. Und wisst ihr, was geschah?"
Vyrus schüttelte den Kopf. Der Söldner als Geschichtenerzähler? Ungeahnte Qualitäten.
"Nun, ganz einfach: er wurde gerettet.“ Antar nahm einen Bolzen auf. Mit zusammengekniffenem Auge blickte am Schaft entlang. Das Holz war knapp unter der Spitze gesplittert. Er warf das Geschoss in den Regen hinaus. "Dann starb er. Von der Hand desjenigen, der ihm Hilfe geboten hatte."
Er steckte auch den letzten Bolzen ein.
Mit einem kurzen Blick über die Schulter flüsterte er: "Taten und Motive können von einander abweichen. Wir sollten auf sie Acht geben. Sie hat den Gang einer Kämpferin, aber keiner die offen kämpft."
Vyrus zuckte mit den Schultern. Die Maskenfrau war wahrlich kein unbeschriebenes Blatt, aber wenn der Söldner noch weiterhin seine düsteren Ahnungen und Spekulationen im Flüsterton vor ihm ausbreitete, würde sie am Ende noch misstrauisch werden.
Er wandte sich nach der Gruppe um. "Wenn das Wetter weiterhin so schlecht ist, müssen wir uns etwas einfallen lassen", sagte er in die Runde. "Ich hasse es, nass zu werden..."


[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Der Sturm peitschte Doronin entgegen und riss ungestüm an seinem Mantel. Nur der einzigartige Stoff seiner Robe verhinderte, dass der Druide nicht schon längst bis auf die Knochen durchnässt war. Der Druide sog die Luft tief in seine Lungen ein. Der Aufruhr der Natur, der auf jeden anderen furchteinflößend gewirkt hätte, ließ Doronins Herz höher schlagen. Es waren diese Momente, in denen die gewaltige Kraft und der ungebrochene Lebenswille der Natur enthüllt wurden, trotz allem, was die Menschen ihr angetan hatten.
Der Sturm hatte Doronin den Weg zu einem umgestürzten Baum gewiesen, der in eine Felsgruppe gerutscht war und dort zerfiel. Einen guten Arm voll nahezu trockenem Reisig hatte Doronin aus dem natürlichen Windschutz gesammelt, und es wäre noch mehr dagewesen, doch der Druide ächzte bereits jetzt unter seiner Last, über die er provisorisch seinen Mantel geworfen hatte.
Im Stillen schalt er sich einen Dummkopf, dass er sich von diesen erbärmlichen Menschen hatte erweichen lassen. Aber es war alles so schnell gegangen - so schnell. Die fremden Reisenden, dann der wütende Fluss, den nicht einmal die Worte des Druiden zu besänftigen vermochten und schließlich die Rettungsaktion durch seine Begleiterin. Doronin war von der Wut und der Kraft des Flusses so gefesselt gewesen, dass er im Hintergrund stehen blieb. Nie zuvor hatte er einen Fluss in einem solchen Gemütszustand erlebt, das war etwas völlig Neues.
Erst als alle aus den Fluten gerettet waren, war er wieder zu Sinnen gekommen. Die Felsen, die durch das Spektakel geweckt worden waren, wiesen ihm freundlicher Weise den Weg zu dieser Höhle, aus der ihm nun die Fremden erwartungsvoll entgegen blickten.
„Hier ist euer Feuerholz“, sagte er keuchend, indem er den Stapel den Reisenden zu Füßen warf. Der überschwängliche Dank entlockte ihm nur ein bitteres Lächeln. Er wusste, was dem Holz nun widerfahren würde... und wenn die Gefährten dachten, es handele sich um totes Material, dann hatten sie sich geirrt.
Aus dem Augenwinkel musterte der Druide die Fremden. Die zwei Jüngsten, das bunt gekleidete Mädchen und der Junge mit dem ernsten Gesichtsausdruck, saßen über ihr Gepäck gebeugt und trennten Durchnässtes von Trockenem, während der Kräftige mit dem markanten Kinn und der Blasse mit den goldenen Augen sich um das Entfachen des Feuers kümmerten.
Ein komischer Haufen ist das. Vielleicht fahrende Artisten?
Doch lang hielt er sich an ihnen nicht auf, sondern ließ seinen Geist wieder in die Umgebung schweifen. Leise flüsterte er dem Berg einige Fragen zu, auf die er rasch Antwort bekam.
Kurz zuckten Schmerzensschreie durch seinen Geist, als es dem Mann namens Antar gelungen war, das Reisig zu entzünden. Doch bald schon verklang das Weheklagen und Doronin lauschte versonnen dem Rauschen des Sturmes. Er musste zugeben, dass die Wärme und das rötliche Licht des Lagerfeuers auch für ihn sehr behaglich waren...
„Ihr kennt Euch also aus in dieser Gegend?“
Leicht erschrocken fuhr der Druide hoch und blickte in die dunklen Augen des jungen Mannes, der von den anderen Arjuk genannt wurde. Doronin hatte nicht erwartet, angesprochen zu werden.
„Nein“, antwortete er, „zumindest nicht so gut wie ein echter Führer. Ich bin zum ersten Mal hier und gehe meinen Weg, wie ihn mir die Natur zeigt.“
Arjuk hielt seine kalten Hände nah an das Feuer. Rötliche Schatten zuckten über sein Profil.
„Was ist Euer Ziel?“, fragte er.
„Ich bin auf der Suche nach einem Mann, der hier in den Bergen leben soll“, antwortete Doronin vorsichtig. Der selbstsichere Ton des jungen Mannes stieß ihn ab.
„In den Bergen?“ Erstaunt blickte Arjuk auf. „Wer sollte denn fernab der Welt in den Bergen hausen.“
„Es soll einen alten und weisen Druidenmeister geben, der als Einsiedler in den blauen Bergen lebt“, erwiderte Doronin kühl. „Diesen will ich finden. Ich hoffe, das befriedigt Eure Neugier. Nun würde ich doch gern wissen, was Euch in diese Gegend treibt.“
...einen Edelmann, der eine menschenleere Gegend offensichtlich nicht zu schätzen weiß, ergänzte er im Stillen.
„Wir sind auf der Suche nach einer Heilpflanze.“ Arjuk nickte müde zu einem zerknitterten Pergament, das zum Trocknen auf dem Boden ausgebreitet lag.
„Und wir wissen immer noch nicht so recht, warum eigentlich,“ warf der Söldner namens Antar ein.
Arjuk ignorierte ihn. Ihm schien ein Gedanke gekommen zu sein. „Ob Euer Meister sie vielleicht kennt?“, fragte er hoffnungsvoll an den Druiden gewandt.
Mit frisch gewecktem Interesse nahm Doronin das Pergament auf. Die toten Pflanzenfasern lagen feucht und schwer in seinen Händen, doch die Zeichnung war noch gut zu erkennen. Bezaubert blickte er auf den Blütenstern, der ihm sein helles Gesicht zuwandte. Es war eine schlichte, vermutlich nicht einmal besonders große Blume. Einfache Blütenblätter reihten sich schmucklos zu einem Kranz, eingebettet in unscheinbare Blätter, und... Doronin schauderte. Die Zeichnung zeigte eine nackte Wurzel. Wut stieg in ihm auf, als er das feine Wurzelgeflecht betrachtete, das sich einmal fest in den kargen Bogen gekrallt haben musste, bevor ein herzloser Mensch es ausgegraben und akribisch abgebildet hatte. Doronin schluckte. Dies war nicht der richtiges Augenblick, um die Beherrschung gegenüber einem Menschen zu verlieren - einem besonders dummen noch dazu.
„Seltsam“, murmelte er schließlich. „So ein Kraut habe ich nie gesehen und auch die Form und Farbe erinnert mich an keines, von dem ich je gehört hätte."
„Ihr kennt die Pflanze nicht?“ Arjuk schwieg betroffen. „Nun... sie ist sehr selten“, meinte er schließlich.
„Sie muss selten sein, denn normalerweise erkenne ich jede Pflanze“, erwiderte Doronin. Er dachte nach. „Es wäre möglich, dass der Meister in den Bergen Euch weiterhelfen kann, doch das Gegenteil ist genauso wahrscheinlich.“
Arjuk musterte ihn streng. „Seid Ihr Euch sicher, dass er dort ist oder ist das nur ein Gerücht, das man auf dem Marktplatz aufschnappt? Wisst Ihr, wo er wohnt?“
„Ich habe Geschichten über ihn von meinem alten Meister gehört, der ihn scheinbar kannte. Außerdem flüsterte mir der Wind manchmal von Begebenheiten, die auf seine Existenz schließen lassen.“ Arjuk hob bei dem Wort „Wind“ die Augenbrauen, doch Doronin ignorierte seinen fragenden Ausdruck. „Ich lasse es einfach auf einen Versuch ankommen“, schloss er.
Arjuk schlang frierend die Arme um seine Beine.
„Ich fürchte, das werde ich auch“, murmelte er. Seine Stimme klang belegt. Doronin warf ihm einen Seitenblick zu, doch er zog es vor, nicht nachzufragen. Die Sorgen eines arroganten Menschen sollten ihn sowieso nicht kümmern.
Mit geschlossenen Augen saß der Druide gegen den Fels gelehnt. Während die Menschen sich in ihre Decken wickelten, lauschte er dem Lied des Sturmes, das ihn sanft in den Schlaf sang.


[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Sirala wartete. Als endlich alle Wesen dieser Versammlung schlafwarme Temperaturen angenommen hatten- wobei sie sich beim Vampir nicht sicher war- erhob sie sich leise und huschte aus der Höhle. Es regnete immer noch, wenn auch weniger heftig als am Tag. Sirala nahm die Maske ab und hob ihr Gesicht. Die kühlen Wasserperlen streichelten ihre wunde Haut und liebkosten die verhassten Narben... Die Tropfen, die über ihre Wangen liefen, schmeckten salzig. Sirala ließ zu, dass sich Tränen mit dem Regen vermischten.
Ihr schmaler, durchtrainierter Körper stand da, auf einmal ganz schwach und kraftlos.... Es kam alles zusammen. Die Erschöpfung nach der Rettungsaktion, die Einsamkeit inmitten dieser Gruppe, das seltene Gefühl der Berührung, welches ihr die Regentropfen vorspielten.... Und der Schmerz, dieser grausame Schmerz den die Anwesenheit dieses Mannes verursachte. Alle Erinnerungen, die sie so lang erfolgreich ausgesperrt hatte, drängten plötzlich gewaltsam und brutal an die Oberfläche ihres Bewusstseins und versuchten, ihren Schutzwall zu durchbrechen. Noch konnte sie den Großteil zurückdrängen, doch wie lange?

Sirala schlüpfte aus ihrer Schlangengestalt und betrachtete das erlegte Reh mit Menschenaugen. Ja, doch, damit würde ihre Familie wenigstens heute auskommen.... Zum Transport eignete sich die menschliche Gestalt wesentlich besser. Sie schulterte das tote Tier und richtete sich auf. Mit schnellen, geschmeidigen Schritten strebte sie zu der Lichtung, auf der ihr Clan sein Lager aufgeschlagen hatte. Der Sommerwind spielte mit ihren Haaren und die Sonne blitzte durch das Laub, zeichnete goldene Kringel auf das Moos des Waldbodens.
Hier waren sie zu Hause: Die Alsini, die mal in Schlangen-, mal in Menschengestalt mit dem Wald verschmolzen. In ihr stieg ein warmes, glückliches Lachen auf, doch sie unterdrückte das Geräusch. Schließlich hatte sie nicht vor, die herrliche Ruhe des Waldes zu stören. Überschwänglich sprang sie über eine Wurzel. Sie lief, lief, lief, voller Glück und Leben...
Plötzlich blieb sie stehen, als wäre sie gegen eine unsichtbare Mauer geprallt. Der Rehkörper glitt von ihren Schultern. Lautlos ließ sie sich zwischen den Farn sinken und konzentrierte all ihre Sinne auf die Lichtung vor ihr. Da! Wieder schmeckte sie den Geruch von Metall und Blut auf der Zunge. Vor ihr waren Wärmeflecken, die nicht hierher gehörten. Und andere - erkaltende Flecken... Tod lag in der Luft. Sirala schnellte hoch und stürzte zwischen den Bäumen hervor.


Die Alsini erbebte und schüttelte sich. Da, wieder diese Erinnerungen! Keuchend holte sie Luft, bis ihre Lungen von der feuchten Kälte schmerzten. Schnell wischte sie sich mit ihrem regennassen Ärmel über das Gesicht und setzte die Maske wieder auf. Dann huschte sie zurück in die Höhle und kauerte sich in eine Ecke. Dort schlang sie ihre Arme um sich und versuchte, wenigstens ein wenig Ruhe zu erlangen... Wenn sie schon nicht schlafen durfte. Denn schlafen bedeutet träumen, und die Träume waren das Tor zu ihrer Vergangenheit...

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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2.4 - Die Jagd
Antar hatte sich schlafen gelegt, früher noch als die anderen. Außerdem schmerzte sein Rücken, dort wo er in der Höhle von dem Felsbrocken getroffen worden war.
Er und Vyrus hatten untereinander ausgemacht, dass Vyrus diese Nacht die gesamte Wache übernehmen würde.
Jetzt lag Antar auf dem Felsboden, den Kopf von seinem zusammengerollten Mantel gestützt.
Noch immer fror er, aber das Feuer half die Kälte zu vertreiben und es dauerte nicht lange, dann war er eingeschlafen.

Der Saal war kreisrund, Säulen stützten eine ein Dutzend Meter hohe Kuppeldecke.
Dumont hatte sich wieder aufgerichtet und sah staunend zu der gewaltigen Konstruktion hinauf.
Auch Antar konnte sich dem erhabenen Anblick nicht verschließen:
gewaltige Ornamente schmückten die Kuppel, und auch wenn viele von ihnen abgebröckelt und unvollständig waren, erzählten sie noch immer ihre Geschichten.
"Ist das eine Schlacht?" fragte Valerius. Sein schwarzes Haar bewegte sich sanft in einem Luftzug, der aus dem Gang hinter ihnen kam.
Dort oben schienen tatsächlich Kämpfende abgebildet zu sein, aber sie wirkten fremdartig. Zu viele Arme, zu viele Glieder und Augen.
"Keine, die je auf dieser Ebene stattgefunden hat," entgegnete Osa. Der hellhäutige Ostländer hielt seinen verletzten Arm. "Wir sollten nicht hier sein. Dieser Ort ist...", er zögerte und Abscheu nahm seine Züge ein, "...falsch," endete er.
"Bist du blöde? Das ist die Hauptkammer! Hier wird es Schätze geben, Grabbeigaben und wir werden einen fetten Reibach machen!" knurrte Dumont und sah hilfesuchend zu Antar herüber, der den Raum mit Blicken absuchte.
Genau unter der Kuppel befand sich ein Podest, auf dem eine einfache Säule aus Basalt stand. Vielleicht hatte einmal eine Urne auf ihr gestanden, jetzt aber war sie leer.
Dumont schien eine Antwort von Antar zu erwarten, und so sagte er: "Wenn wir jetzt umkehren, dann ist Kaledh umsonst gestorben." Er riss den Blick von der Säule los, aber seine aufgerichteten Nackenhaare wollten sich nicht legen. Etwas ließ ihn schaudern. "Wollt ihr das etwa?"


[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Vyrus fachte die Glut an, bis ein behagliches kleines Feuer seinen Schein in die morgentrüben Schatten der Höhle warf. Die letzten auffindbaren Späne prasselten gemütlich und tauchten ihre kleine Welt in scheinbaren Frieden. Abwesend richtete der Halbtote sein Wort an Arjuk, der nun schon eine Weile neben ihm hockte und seinem Tun fasziniert zuschaute.
"Ein schöner Tag heute. Wir warten, bis die anderen aufwachen, dann ziehen wir los."
Arjuk schien etwas erwidern zu wollen, hüllte sich jedoch in Schweigen. Vyrus wusste, dass der Junge in dieser Nacht nicht viel Schlaf gefunden hatte.
Der Vampir blickte ihm in die Augen. Wie die meisten Menschen konnte der Adelige dem goldenen Leuchten nicht lange widerstehen und richtete seine Aufmerksamkeit auf einen Punkt hinter Vyrus.
"Fehler sind da, um von ihnen zu lernen, mein Freund", sagte er und klopfte ihm auf die Schulter. Er konnte dem reichen Jüngling ansehen, dass er nicht wusste, was er davon halten sollte, aber Vyrus plagten andere Dinge.
In der Nacht war er wach gelegen, um die Gruppe bei möglichen Gefahren sofort zu warnen. Er hatte Antars leisem Schnarchen gelauscht, hatte gehört, wie Arjuk sich unruhig hin und her wälzte. Dann war plötzlich die Maskenfrau aufgestanden und hatte die Höhle verlassen. Der Vampir zog es vor, liegen zu bleiben und lauschte den Emotionen der Fremden. Er spürte Verwirrung und Angst und mehr noch Schmerz. Die Eindrücke, die er gewann, waren konfus und ergaben keinerlei Sinn, doch heute Morgen war er sich absolut sicher, ein Reh gesehen zu haben.
Der Vampir unterdrückte ein Gähnen und bemerkte, dass sich der Söldner langsam zu räkeln begann.
Heute würde die nächste Etappe ihrer Reise beginnen.

Sirala erhob sich mit steifen Gliedern. Bis auf Jo, die noch immer zusammengerollt unter ihrer Decke schlief, hatte die Kälte bereits alle an das ausgehende Feuer getrieben. Sirala zwang sich zu einem Gruß und rückte näher an die Flammen. Sie fror im feuchten Schatten der Höhle und die Erschöpfung machte sich schließlich doch bemerkbar. Wie lange hatte sie nun nicht mehr geschlafen? Zwei Nächte... Und auch die gestrigen Ereignisse hatten ihr Kraft geraubt. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihr Opfer.
"Was ist mit unserem Proviant?", fragte Antar gerade.
Vyrus zuckte die Schultern. "Viel ist nicht mehr da. Hier, das hier war in Wachstücher gewickelt.“ Er zeigte Antar den kümmerlichen Rest, der das Unwetter überstanden hatte: vier Streifen Fleisch, etwas Brot und ein Apfel.
Antar nickte. "Damit kommen wir nicht weit“, meinte er. „Ich werde versuchen etwas zu jagen. Wollt Ihr mich begleiten?"
Siralas Kopf ruckte hoch. Eine Jagd! Was für eine Gelegenheit, die Gewohnheiten ihres Opfers zu studieren! Und nebenbei liebte sie die Jagd...
Sie blickte dem Söldner ins Gesicht und meinte: "Wenn Ihr es erlaubt, würde ich Euch gern begleiten. Ich bin eine leidlich gute Jägerin und kann Euch dabei helfen, Tiere aufzuspüren."
Ihre Stimme war noch rauer als sonst. Die Kälte der Nacht und des Wassers hatten wohl doch Wirkung gezeigt.
Antar schien dieses Angebot nicht erwartet zu haben. Dennoch fasste er sich schnell und erwiderte: "Drei Augenpaare sehen besser als zwei. Selbstverständlich könnt Ihr mit uns kommen!"

Die Luft war frisch und kühl, doch als die drei Jäger zum Wald aufbrachen, vergaß Sirala die Kälte. Ihre Sinne waren gespannt. Es war eine doppelte Jagd: Die eine nach Nahrung; die andere und viel bedeutsamere diejenige nach Rache. Siralas Blick bohrte sich in den breiten Rücken des Söldners, der vor ihr ging. Während sie am Waldrand entlang pirschten, beobachtete sie ihr Opfer genau. Die wachsame und vorsichtige Art, mit der er sich bewegte, die Kraft seiner Schritte und die Aufmerksamkeit in seinen Augen sagten ihr, dass der Kampf nicht leicht werden würde.
Schnell unterdrückte sie den Hass, der sich in ihr wieder Bahn zu brechen drohte wie ein Lavastrom. Geduld, nur Geduld... Er kann mir nicht mehr entkommen. Er ist mein!
Sie warf einen Seitenblick auf Vyrus. Hatte er etwas bemerkt? Auf ihn würde sie Acht geben müssen, das ahnte Sirala. Die blasse Haut, die goldenen Augen, und diese Aura... Ja, auch Vyrus war zu einem anderen Wesen gemacht worden, als er einst gewesen war. Sie teilten das gleiche Schicksal. Auf eine unbestimmte Art und Weise fühlte sie sich fasziniert von dem eleganten Mann. Da war dieses Gefühl der Gemeinsamkeit mit ihm, die Gemeinsamkeit zweier Ausgestoßener. Das Gefühl, die gleiche Bitterkeit mit ihm zu teilen.
Im Stillen schalt sich Sirala einen Narren. Wie viel sie in ihn hinein fantasierte! Sie wusste nichts von ihm, gar nichts. Vor allem wusste sie noch nicht, ob Vyrus ihr Feind war. Stimmten die Gerüchte über die telepathischen Kräfte der Untoten? Und wenn ja - hatte Vyrus seine Fähigkeiten bereits voll entwickelt? Auf jeden Fall ließ er sich nichts anmerken.
Was auch immer geschehen sollte - sie war gewappnet. Und wenn der Kampf heftiger werden würde als erwartet, wenn der Söldner Beistand erfahren sollte...
Sirala fühlte das kalte Metall ihrer Dolche auf der Haut, dort, wo sie ihre Waffen trug. Dieses Mal würde sie nicht zulassen, dass sie lebendig gefangen werden würde. Denn noch einmal könnte sie es nicht überstehen.

Zu gern hätte Vyrus gewusst, was in ihrer neuen Begleiterin hinter der undurchdringlichen Maske vor sich ging. Sie war bis aufs Äußerste gespannt und wachsam, das fühlte er. Warum hatte sie sich in Lebensgefahr begeben, um diese unvorsichtigen Wanderer zu retten, mit denen sie nichts zu tun hatte?
Vorerst verzichtete er darauf, tiefer in sie einzudringen. Noch war er angeschlagen von dem Unfall am Fluss, und noch wusste er nicht, mit wem er es bei Sirala zu tun hatte. Zudem hatte er die Macht des Gedankenlesens nur schwach entwickeln können.
Wieder kam ihm in den Sinn, was er letzte Nacht gesehen hatte. Er war wach gelegen, um die Gruppe bei Gefahr sofort warnen zu können, als Sirala plötzlich aufgestanden war und die Höhle verlassen hatte. Vyrus spürte Verwirrung und Angst, vor allem aber Schmerz. Die Eindrücke, die er gewann, waren wirr und ergaben keinerlei Sinn.
Vyrus hielt verblüfft inne, als Sirala plötzlich stehen blieb und ihren Begleitern mit einer Handbewegung gebot, es ihr gleich zu tun. Vyrus suchte das Gebüsch um sie herum mit den Augen ab, konnte jedoch nichts Ungewöhnliches erkennen.
Ohne sich umzuwenden, forderte Sirala Antar mit einer Geste dazu auf, ihr seine Armbrust zu reichen. Als er nicht reagierte, entwand sie ihm die Waffe samt Bolzen mit einer raschen Bewegung und legte an.
Da raschelte etwas vor ihnen im Unterholz. Gebannt beobachtete Vyrus, wie Sirala wie eine Statue mit angelegtem Bolzen da stand, jede Faser ihres Körpers angespannt. Sie schien auf einen unsichtbaren Gegner zu zielen, schien, auf den richtigen Moment zu warten...
Der Bolzen sauste ins Dickicht. Ein kurzes Rascheln im Unterholz, zerbrechende Zweige unter einem fallenden Körper, dann regte sich nichts mehr.
Sirala legte die Armbrust ins Moos. Als sie die Zweige beiseite bog, lag ein totes Reh im Dickicht, Antars Bolzen direkt im Herzen.
Vyrus und Antar tauschten einen verwirrten Blick. Vyrus war ein guter Jäger, doch die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der Sirala dem Söldner die Armbrust entrissen und den Bolzen scheinbar blindlings ins Gebüsch gejagt hatte, verwunderten ihn.
Nun ging Sirala neben dem toten Tier in die Knie. Vyrus hielt den Atem an, als ihre schmale, verhüllte Gestalt sich vorbeugte, als sich ihre behandschuhte Hand hob und das Tier vorsichtig, beinahe zärtlich auf der Stirne berührte. Während ihre Finger ein Zeichen in die Luft malten, erklang ein leises, zischelndes Wispern von ihren Lippen.
Es war ein Abschiedsritual.
Auch Sirala, die so einzelgängerisch erschien, hatte also einmal zu einer Gemeinschaft gehört, in der sie das Ritual verinnerlichte. Zum ersten Mal fragte sich Vyrus, zu welchem Volk ihre neue Begleiterin eigentlich gehörte. Rein äußerlich schien sie ein Mensch zu sein, doch Vyrus musste keine Gedanken lesen, um zu wissen, dass sie keiner sein konnte.
Sirala blickte auf und wurde sich ihrer beiden Beobachter bewusst. Schnell erhob sie sich und machte sich daran, den Bolzen aus dem Kadaver zu ziehen.
Die seltsam unwirkliche Szene war vorüber, der Bann gebrochen. Sirala beeilte sich, den Wald zu verlassen. Antar jedoch hob mit einem ärgerlichen Grunzen seine Armbrust vom Boden auf.
"Sie kann von Glück reden, dass ich noch nicht ganz munter bin", murrte er.
"Sonst würden ihr jetzt beide Arme fehlen", vermutet Vyrus trocken.
"Mindestens", erwiderte Antar.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Doronin reckte seine Glieder. Es war ein herrlicher Morgen. Er betrachtete den klaren Himmel, als plötzlich eine missmutige Stimme murmelte: "Hoffentlich überstehen wir diesen Tag trocken."
Es war Arjuk, der die Morgenlandschaft mit düsterem Blick musterte.
Der Druide lauschte dem Wind. Seine Stimme war so klar und fröhlich, dass der Druide keinen Zweifel an der Beständigkeit des Wetters hatte.
"Wir werden sicherlich trocken reisen."
"Woher wollt ihr das wissen?", erwiderte der Junge. "Das haben wir gestern auch gedacht, als wir aufbrachen."
Menschen! "Der Wind ist heute so fröhlich, wie ich ihn selten erlebt habe", erklärte Doronin geduldig. "Ich denke nicht, dass er Wolken herantragen und uns ärgern wird, dass wir wieder so ein Wetter ertragen müssen, junger Herr."
"Der Wind?" Arjuk lachte auf. "Ich spüre kaum einen Luftzug, und kaum einen fröhlichen noch dazu. Weder lebt der Wind, noch kann er sprechen, mein lieber Freund."
"Natürlich kann er das", antwortete der Druide bedächtig. "Der Wind redet und lebt, wie alles in der Natur." Er schloss die Augen, hob den Kopf und atmete tief ein. "Jede Pflanze, jeder Stein, die Flüsse und Meere, sogar der Wind, alles hat eine Seele, alles lebt."
Sein Gegenüber schwieg einen Moment. Dann warf der Junge den Kopf in den Nacken und lachte laut auf.
"Wanderer", sagte er, als er sich beruhigt hatte. "Was soll an diesem Ding hier leben?“ Er bückte sich und hob einen Stock auf und hielt ihn Doronin vor die Nase. "Es atmet nicht, es spricht nicht, es kennt keine Schmerzen. Es fürchtet sich nicht vor dem Tod." Er warf den Stock achtlos in die Glut des Lagerfeuers.
Entsetzt presste Doronin die Hände auf seine Ohren. Alle hörten die Schmatzgeräusche, das Knacken der Flammen, doch nur er vernahm das hilflose Quieken des Stocks. Als das Feuer entzündet wurde hatte der Druide meditiert und die Schreie der Holzscheite überhört, bis die Seelen gänzlich verbrannt waren. Doch für diesen Stock konnte er noch etwas tun. Schnell griff er zu, verbrannte sich dabei leicht die Hand und zog den Stock heraus. Er warf ihn auf den Boden und bedeckte ihn mit Erde und Sand. Die Flammen waren gelöscht und das, leicht geschwärzte Stöckchen wimmerte ein "Danke."
Doronin warf dem Jungen einen Blick zu. "Nicht das Holz ist unzulänglich, Eure Ohren sind es", sagte er karg. Wortlos setzte er sich an das Feuer und blickte in das Aschegrab. Seine verbrannte Hand pochte.
"Nun gut", meinte Arjuk schließlich versöhnlich, offenbar schockiert von Doronins Reaktion. "Wenn es Euch so viel bedeutet, dann soll das Stückchen Stock nicht verbrennen. Aber ich verlasse mich trotzdem lieber auf unsere Landkarte als auf den Wind..."

Jo war langsam dabei aus ihrem wie gewöhnlich sehr tiefen Schlaf aufzuwachen und spürte bereits den unbequemen Steinboden unter sich, der sie an allen möglichen Stellen drückte und zwickte. Doch vorerst wollte sie noch nicht von ihrem unangenehmen Schlafplatz aufstehen, dafür mochte sie das Gefühl des Aufwachens viel zu sehr. So blieb sie also mit geschlossenen Augen liegen nachdem sie sich kurz geräkelt und etwas umgedreht hatte, und versuchte die letzten Fetzen ihrer Träume zusammenzuhalten, damit sie nicht verschwanden. Während sie so da lag spürte sie die Morgenkälte, die nicht einmal von ihrer Decke aufgehalten wurde, immer näher kriechen und bemerkte die Geräusche der bereits erwachten Gefährten. Unwillig drehte sie sich auf die andere Seite, als Arjuks laute Stimme ertönte. Musste er so früh schon Krach machen? Während Jo noch in ihren Gedanken und in den Träumen der Nacht kramte, mehrten sich die Stimmen, Schritte näherten sich, dann rüttelte sie eine Hand an der Schulter.
„He, du Langschläfer! Wach auf!“
"Mmmmmmhhh... guten Morgen", gähnte Jo, öffnete verschlafen die Augen und blickte in Arjuks ungeduldiges Gesicht.
„Los, hilf mir Feuerholz suchen!“
„Feuerholz?“ Verschlafen setzte sich Jo auf. Hinter Arjuks Rücken setzte Antar gerade prüfend das Messer auf der Brust eines erlegten Rehs an.
"Oh, das soll wohl das Frühstück werden", lachte Jo.
„Nur wenn das Feuer wieder in Gang kommt“, erwiderte Arjuk, der sich schon zum Gehen wandte. „Also steh schon auf und...“
Der Junge unterbrach sich mitten im Satz. Er hatte sich gerade rechtzeitig umgedreht, um zu sehen, wie Antar dem Reh mit einem sicheren Schnitt den Bauch öffnete.
Jo gähnte. Fröstelnd wickelte sie ihren Mantel enger um sich und stand auf, um sich zu strecken und dehnen. Erst als ihr Nacken und die Schultern allmählich aufgehört hatten zu schmerzen, blickte sie Arjuk fragend an.
„Was ist, gehen wir Feuerholz suchen?“
Der Junge nickte, schielte aber noch einmal in die Richtung des Rehs, das gerade fachmännisch zerlegt wurde. Er sah auffällig blass aus.
Jo grinste, während sie in die morgendliche Landschaft hinaus traten. „Wenn es zubereitet ist, wird es appetitlicher aussehen,“ versuchte sie, Arjuk aufzumuntern. „Komm’, ich zeig dir, welches Holz am besten brennt.“

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Von dem reichhaltigen Frühstück gestärkt und die Taschen gefüllt mit ihrem Mittagsimbiss brachen sie auf. Vyrus war sich sicher, dass sie das Dorf binnen eines Tages erreichen würden, und so war auch die Aussicht auf die nächste Nachtkälte keine düstere mehr. Der wolkenlose Himmel kündigte an, dass der Druide mit seiner Wetterprognose wohl Recht behalten würde...
Die Laune des Halbtoten besserte sich mit jedem Sonnenstrahl. Aus dem angeschlagenen Grübler mit finsterem Blick wurde binnen der ersten halben Stunde ihrer Wanderung wieder der selbstsichere Schmeichler, der den anderen das Gefühl gab, stets Herr der Lage zu sein.
Das hatte seinen Grund - es war Tag.
Sicher vor Gedanken, die nicht die seinen waren, sicher vor Worten, die er nie sprach und vor allem sicher vor Taten, die er bereuen könnte. Immer mehr spürte er den Einfluss seines Meisters. Er würde aufpassen müssen.
Antar marschierte neben dem Druiden und war offensichtlich in eine kleine Meinungsverschiedenheit verwickelt.
"Tiere sind nun mal da, um uns zu ernähren", sagte der Söldner mit einem rechtfertigenden Schulterzucken. "Wäre es dir lieber, wir verhungern?"
"Wenn ihr der Natur nur halb so viel Aufmerksamkeit schenken würdet wie eurem Schwert, würde es euch ein leichtes sein, friedlich in der Wildnis zu überleben", erwiderte Doronin. Sein Ton klang belehrend und auch seine Gesten waren die eines Lehrers.
Der Druide hatte von dem erlegten Reh nichts angerührt. Stattdessen war er ständig auf der Jagd nach Beeren, Früchten und Wurzeln. Wenn er reiche Beute vermutete, verschwand er urplötzlich im Dickicht und schloss später mit einer Handvoll Brombeeren oder einem Beutel voller Nüsse wieder zu den Gefährten auf. Von den Gefährten erntete er nur Unverständnis, abgesehen von Jo, die sich begeistert die Geheimnisse der Natur von Doronin entschlüsseln ließ.
"Seht euch doch nur um - so viel Schönheit und Anmut könnt nicht mal IHR übersehen", fuhr der Druide nun fort.
Vyrus beschloss, die Antwort zu überhören, aber Jos hämisches Kichern ließ ihn die Reaktion des Kriegers erahnen. Unwillkürlich musste auch er grinsen.
Jo ließ sich mit Chaju zu Sirala, die am Ende ihrer Gruppe ging, zurückfallen. Derweil schloss Arjuk zu dem Vampir auf. Er schien versöhnlich gestimmt und begann ein unverfängliches Gespräch.
"Wie lange werden wir für den Weg ins Dorf benötigen?" fragte er.
Vyrus wiegte den Kopf.
"Kommt ganz darauf an, wie schnell wir vorankommen, aber bei diesem Tempo schaffen wir es bis Sonnenuntergang", antwortete er.
Der Halbtote blickte Arjuk an.
"Sagt, Ihr seid doch ein Fürstensohn, oder irre ich? Wie kommt es, dass Ihr euren Einfluss nicht dazu verwenden könnt, diese Pflanze suchen zu lassen?" fragte er.
Das Interesse an seiner Person veranlasste Arjuk, seinen Rücken durchzustrecken und einen stolzen Blick aufzusetzen. Vyrus lächelte.
"Kein Fürstensohn", antwortete er, indem er prompt Vyrus’ zweite Frage überhörte. "Mein Vater ist nur einer von vielen Grafen. Wir verwalten 46 Lehen um Noato herum und stellen zudem den Stadtverwalter von Noato."
Vyrus lächelte freundlich. "Kein Grund zur Bescheidenheit", sagte er freundlich und nahm einen tiefen Atemzug. "Ihr besitzt weit mehr als ich es je haben werde." Ein wenig Ironie hatte sich in seine Stimme geschlichen.
"Nun, das liegt wohl in der Natur der Dinge." Sein Gegenüber hatte den Unterton in Vyrus' Stimme geflissentlich ignoriert. "Doch erzählt, woher kommt Ihr und wie hat es Euch in diese Gegend verschlagen?"
Vyrus machte eine unbestimmte Geste in die Richtung des Flusses. Seine Stirn legte sich in Falten.
"Ich stamme aus dem Norden, aus einem kleinen Dorf. Kaum der Rede wert. Ich hatte nie ein bestimmtes Ziel, aber mittlerweile bin ich soweit, mich nach einer Bleibe umzusehen", erzählte er bewusst verträumt. "Mir kam zu Ohren, diese Gegend sei wunderschön und bestens geeignet, um häuslich zu werden."
Eine Augenbraue des Jungen wanderte sichtlich nach oben.
"Der Druide wird Euch bei der Wahl eines hübschen Ortes sicherlich behilflich sein", meinte er säuerlich.
Der Druide?! Arjuk war wahrlich ein eingebildeter Adeliger. Das war nicht die Art Gespräch, die sich Vyrus erhofft hatte, aber nun musste er das Beste daraus machen.
"Aber genug von mir", sagte er abwinkend, "wonach genau suchen wir eigentlich? Wozu ist diese Pflanze gut, dass Ihr so viel daran setzt, sie zu bekommen?"
Arjuk schwieg einen Moment.
"Ihr sucht die Pflanze, weil ich Euch dafür bezahle", sagte er kühl. "Mehr sollte Euch nicht interessieren. Oder irre ich mich?"
Er warf Vyrus einen durchdringenden Blick zu.
Vyrus nickte bloß.
"So ist es wohl. Wir suchen die Pflanze, weil Ihr uns dafür bezahlt", sagte er trocken. "Aber sollte das der einzige Grund sein, dann verstehe ich nicht, weshalb Ihr eure Gruppe auf diese Art und Weise zusammengestellt habt."
Wieder breitete sich ein zuckersüßes Lächeln auf Vyrus’ Gesicht aus.
"Was meint Ihr damit?" Zufrieden bemerkte Vyrus, wie Arjuk unsicher wurde.
"Ihr müsst Euch nur umschauen,“ sagte er mit einem Kopfnicken hinter sich. "Ich werde niemanden anschwärzen, doch es gibt gewiss Personen in dieser Gemeinschaft, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind."
Der Jüngling schielte nachdenklich über die Schulter.
Vyrus beugte sich näher an Arjuk und senkte seine Stimme. "Wenn Ihr mich fragt, ich würde in den nächsten Tagen sorgsam darauf achten, wem ich etwas anvertraue."
Er blickte dem Jungen in die Augen. Wie die meisten Menschen konnte auch der Adelige dem goldenen Leuchten nicht lange widerstehen und wandte den Blick ab.
"Ich werde Euren Ratschlag beherzigen", antwortete Arjuk ernst.
Vyrus nickte zufrieden.

"Wäre es so schlimm der Natur ein wenig mehr Respekt zu zollen?", ließ Doronin nicht locker.
Antar stöhnte auf. "Ich schätze die Natur. Ich habe soviel Zeit in ihr verbracht, dass ich gar nicht anders kann! Aber einige von uns müssen einen Körper Instand halten, damit er andere Körper beschützen kann. Von Beeren allein wird man nicht groß und stark," sagte er in gespielt mütterlichem Tonfall. "Hat Euch Eure Mutter das nie erzählt?"
Doronin schüttelte nur verständnislos den Kopf und sah von einer Entgegnung ab. Jo hingegen machte sich nicht einmal die Mühe, ein Kichern zu unterdrücken.
Antar hatte ebenfalls kein Interesse, das Gespräch weiterzuführen. Sollte dieser Kerl doch weiter seine Beeren vergöttern.
Wir sind wohl schlecht gelaunt heute, wie?
Antar fragte sich, woher diese Stimmung kam. Irgendetwas beschäftigte ihn. Es pochte sachte an die Innenseite seines Hinterkopfes und versuchte ihn... auf etwas aufmerksam zu machen?
"Und am Straßenrand fand er einen Mann, und der Mann sagte 'Gib mir die Hand und ich helfe dir.'"
Was hatte die verhüllte Frau mit dem seltsamen Namen - Sirala - dazu veranlasst, ihnen unter Lebensgefahr zu helfen? Wo war der Gegenwert, ihr Gewinn?
Wohl den Glauben in das Gute im Menschen verloren?
Vielleicht war das der Fall. Allerdings war Antar sich nicht im Klaren, wieso er ausgerechnet auf Sirala mit einem solchen Unbehagen reagierte.
Verdammt, Vyrus verlangte schon nach Aufmerksamkeit und nun war auch noch diese Frau dazu gekommen. Sie hatte gesagt, dass sie in die gleiche Richtung müsse, also könnte sie doch auch mit ihnen reisen.
Antar schüttelte den Kopf. Er machte sich zu viele Sorgen. Es gab Zufälle und vielleicht sogar noch ein, zwei gute Menschen.
Er grinste schief.
Dann beschleunigte er seine Schritte, ließ den Druiden hinter sich und schloss zu Vyrus und Arjuk an der Spitze auf.
Vyrus goldene Augen musterten sein Gesicht. "Du hast eine gesunde Farbe. Ärger mit dem Kräuterweib?" stichelte er.
Antar sah ihn einen langen Augenblick an, dann meinte er trocken:
"Lasst uns besser nicht von Hauttönen anfangen..."
Was zum Henker war dieser Mann? Mensch? Blutsauger? Oder etwas dazwischen? Was auch immer in ihm lauerte - es war gefährlich. Er würde diesen seltsamen Halbvampir nicht aus den Augen lassen.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #9 |

RE: IT: Gipfelblüten (450 d.E.)
Sirala war sehr erleichtert über den Umstand, dass ihr Anschluss an die Gruppe umstandslos akzeptiert worden war. Jedenfalls hatte niemand seine Bedenken laut werden lassen.... Auch wenn gewiss Misstrauen vorhanden war.
Sirala hatte sich das Fell des toten Rehs auf den Rücken geschnallt. Sie würde es bearbeiten und anschließend einsetzen, um wieder einige positive Punkte zu ergattern und das Misstrauen zu zerstreuen. Bei wem würde es wohl am günstigsten wirken? Für Jo würden wohl keine Geschenke nötig sein, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Bei dem Söldner und Vyrus - so nannten sie den Halblebenden - würde das Angebot mit Sicherheit das Misstrauen nur noch steigern. Und inwiefern der verwöhnt wirkende Jüngling Arjuk etwas damit anfangen könnte.... Nun, es würde sich schon noch zeigen, wer das Geschenk zu schätzen wüsste!
Jo schien Siralas Blick bemerkt zu haben, denn sie lächelte ihr zu.
„Ich kann immer noch kaum glauben, dass Ihr uns gerade im richtigen Moment entdeckt habt“, meinte sie. „Nur wenige Minuten und es hätte zu spät sein können.“
Alarmiert blickte Sirala auf. Hatte das Mädchen die Worte tatsächlich so arglos gesprochen, wie es schien? Oder war sie doch gefährlicher als gedacht? Dann aber lächelte die Alsini in sich hinein. Sie betrachtete ihr Gegenüber, das versonnen den bunten Vogel auf ihrer Schulter kraulte. Gefährlich? Nein!
"Das Leben hat mich schon an die unterschiedlichsten Orte verschlagen“, erwiderte Sirala vage. „Oft an die falschen Orte zur falschen Zeit... Nun ist wohl endlich einmal etwas Gutes dabei herausgekommen."
„Das kann man wohl sagen“, meinte Jo nachdenklich. „Ich sollte wohl doch anfangen, an Götter zu glauben. Oder zumindest an Schicksal.“
"Götter?" Gegen ihren Willen lachte Sirala kurz bitter auf. "Götter - wenn sie existieren, will ich mit solch grausamen Wesen nichts zu tun haben!" Als sie weiter sprach, war ihre Stimme leiser. "Wenn unser Leben von höheren Wesen bestimmt wäre... alles vorausgeplant... dann müssen diese Götter mehr nach Tod, Blut und Leid dürsten, als mir lieb ist. Ich hoffe, sie existieren nicht!"
„Still!“ Arjuk hatte sich umgewandt und fuhr Sirala ungehalten an. „Die Götter zu lästern bringt Unglück! Wenn Ihr unbedingt ihren Zorn auf Euch ziehen wollt, soll es mir egal sein, aber ich für meinen Teil kann ein bisschen Wohlwollen gebrauchen.“
„So ein Quatsch“, erwiderte Jo. „Wenn es Götter gibt, werden sie Sirala nicht nach ihren Worten beurteilen, sondern nach ihren Taten.“ Sie blickte die Alsini lächelnd an. „Und nach dem Mut, den Ihr gestern bewiesen habt, können sie Euch nur wohlgesinnt sein.“
Sirala hörte nur noch halbherzig zu, als Arjuk ein längeres und ausgefeiltes Pädoyer gegen das, was er Gotteslästerung nannte, gab. Die Alsini konnte sich im Nachhinein selbst nicht erklären, warum sie diese Gedanken überhaupt Preis gegeben hatte, sich diese Blöße zugestanden hatte. So viel zurückgehaltene Bitterkeit musste sich wohl zeitweise den Weg nach außen bahnen. Doch die Reaktion darauf war gänzlich überraschend...
Wenn es Götter gibt, werden sie Sirala nicht nach ihren Worten beurteilen, sondern nach ihren Taten.
Unter ihrer Maske hoben sich die Mundwinkel der Alsini, halb gerührt und halb amüsiert von so viel Gutgläubigkeit. Wieder einmal blieb ihr Blick an dem breiten Rücken des Söldners hängen.
Ob deine kleine Freundin wohl noch so schöne Worte über mich finden wird, wenn sich erst einmal mein Dolch in deinen Leib bohrt?
Mit einem Mal tauchte in ihrem Kopf die Frage auf, was diese seltsame Reisegruppe überhaupt zusammengebracht hatte. Ja, der Söldner sorgte für Schutz, Vyrus war der Führer - aber was hatte diesen Jüngling in dieses Abenteuer getrieben? Er schien aus einer wohlhabenden Familie zu stammen, auch wenn sich das teure Tuch seiner Kleidung unter dem Einfluss des gestrigen Sturmes schon weniger ansehnlich zeigte und die kostspieligen Lederstiefel mit Staub und Schlamm bedeckt waren. Was hatte ihn bewogen, sein bequemliches Heim zu verlassen? Jo - nun, trotz der offensichtlichen Meinungsverschiedenheiten schien sie gewisse Sympathien für ihn zu hegen. Wie waren diese beiden Vertreter so unterschiedlicher Gesellschaftsschichten aneinander geraten?
Was den Druiden in die Berge trieb, fragte sie sich nicht. Schließlich war dieser Menschenschlag nicht an feste Orte gebunden, soweit sie gehört hatte. Der Druide..... Die Tätowierung in seinem Gesicht.....

Seltsame Muster auf der faltigen Haut, ein warmes Lächeln um die alten Augen.... Verschwommene Bilder- da war eine Hand, die ihr einen Becher an die vernarbten Lippen hielt?
Plötzlich ein Schwall von Erinnerungen, noch tiefer verborgen- raues Lachen, andere Hände, grausame Hände, Metall, Feuer, Schmerz, Schmerzschmerzschmerzschmerzschmerzschmerz........


Sirala keuchte unter der Wucht der Erinnerungen auf. Mit aufgerissenen Augen stand sie da, zwang den Schmerz zurück, zwang all diese Bilder zurück, ging weiter, beherrschte Schritte, und ihr Kopf war ganz leer. Wohltuende Leere. Sie sehnte sich schon nach dem Ende ihrer Mission. Mit seinem Blut würde sie all diese Bilder abwaschen, alles was sie verfolgte. Und mit einem Mal verblasste der Wunsch nach seinem Tod, trat zurück hinter einer übermächtigen Sehnsucht nach Frieden.... Die Alsini fühlte sich alt, so alt. Doch als sie den muskulösen Rücken des Söldners vor sich sah, entflammte ihr Hass aufs Neue und sie hieß ihn willkommen - die Energie, die sie am Leben erhielt. Denn sie ahnte: ohne ihren Hass hätte sie das Leben nicht mehr ertragen. Wenn er nicht wäre hätte sie das Vergessen in den stillen Armen der ewigen Dunkelheit gesucht.

[Bild: Gipfelblte_Linie_dunkel.jpg]

Kurz vor Sonnenuntergang erreichten sie schließlich die Siedlung. Vielleicht zwei Dutzend Hütten schmiegten sich an das Flussufer und an die Straße, einige Stege ragten den Nyltra, der immer noch hohes Wasser führte.
Boote schaukelten dort auf dem schnell fließenden matschbraunen Wasser, das mit Gluckern und Schmatzen an den Pfählen sog.
Ein Steg schien den stürmischen Anstieg des Flusses und die verstärkte Strömung nicht überstanden zu haben. Seine Überreste hatten sich eine Viertelmeile weiter an einem Riff verfangen.
Das war sie also, diese glorreiche Feste der Zivilisation. Vyrus hatte recht gehabt: ein Name wäre nur Verschwendung.
Auch in der kleinsten Hütte ist Platz...
...für jemanden, der dir die Kehle durchschneidet, dachte Antar. Soviel zum Glauben an das Gute im Menschen.

"Was für ein ausgestorbenes Nest", murmelte Jo.
"Ein Gasthaus oder einen Händler werden wir hier wohl nicht finden", pflichtete Arjuk ihr bei. Mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier blickte er sich um. Er war noch nie in einem Dorf gewesen! Die klobigen Bauernhäuser standen scheinbar willkürlich in die Wildnis gestellt, ihre strohgedeckten Dächer duckten sich unterwürfig. Auf den ausgetretenen Pfaden, die die Häuser miteinander verbanden, war keine Menschenseele zu sehen. Doch aus den Schornsteinen stieg Rauch in den bereits trüben Himmel.
"Lasst uns irgendwo anklopfen", schlug Antar vor und steuerte prompt auf das nächstbeste Gebäude zu.
Im Stillen fragte sich Arjuk, wer bereit wäre, eine dahergelaufene und doch recht seltsame Truppe wie die ihre aufzunehmen, doch er behielt den Gedanken für sich. Seine Fußsohlen waren wund gelaufen, er sehnte sich nach einem bequemen Bett - und er hatte offensichtlich von allen am wenigsten Ahnung, wie man dieses am besten bekam.
"Wer da?", ertönte misstrauisch eine Männerstimme aus dem Haus, nachdem Antar zwei Mal geklopft hatte.
"Reisende", rief der Söldner, "die eine Bleibe für die Nacht suchen. Eure Gastfreundschaft soll Euch gut bezahlt werden."
Einen Moment lang blieb es drinnen still, dann wurde die Tür einen Spaltbreit geöffnet. Zwei wache Augen glitten über die Fremden, stockten, weiteten sich - urplötzlich wurde die Tür zugeschlagen. Überrascht hörten die Gefährten, wie von innen der Riegel vorgeschoben wurde und aufgeregte Stimmen leise berieten.
"Was ist denn jetzt schon wieder", brummte Antar.
„Nicht besonders höflich“, bemerkte Arjuk, etwas bissiger als gewollt. Schon wollten sie unverrichteter Dinge weitergehen, als der Riegel aufgeschoben wurde. Der Mann hatte zwei weitere Dorfbewohner mitgebracht, die nun alle misstrauisch die Ankömmlinge begutachteten. Sie wechselten untereinander einen Blick, dann nickten sie.
"Gut", sagte der Mann, der ihnen geöffnet hatte, "ihr könnt in der Scheune übernachten."
In der Scheune? Arjuk hätte um ein Haar aufgestöhnt. Aus der Traum von einer geruhsamen Nacht...
"Ich danke Euch für Eure Gastfreundschaft“, sagte er statt dessen und bemühte sich um einen freundlichen Ton. "Selbstverständlich werdet Ihr für Eure damit verbundene Mühe entlohnt werden."
Ihm entging nicht, dass der Älteste der drei Männer Antar mit schrägen und berechnenden Blicken beäugte. Nun schwenkten seine Augen langsam zu Sirala und seine buschigen Brauen zogen sich noch misstrauischer zusammen. Doch bevor er einen Einwand äußern konnte, setzte Arjuk schnell hinzu: "Guter Mann, könntet Ihr uns nun das besagte... Quartier zeigen? Wir sind müde und erschöpft von der Reise."
"Aber sicher doch, mein Herr", brummte der Mann mit einem mürrischen Grinsen. Er verschwand kurz in seiner Hütte, um gleich darauf mit einem schweren Eisenschlüssel wiederzukehren. Bevor er die Türe hinter sich schließen konnte, erklang das Trappeln kleiner Füße auf dem Boden und ein Kind steckte neugierig den Kopf zur Tür hinaus. Die Augen unter dem lockigen Haarschopf blitzten aufgeregt, als das kleine Mädchen die Ankömmlinge interessiert betrachtete. Der Mann jedoch scheuchte sie unsanft zurück ins Haus. Bevor er die Holztür hinter sich schloss, rief er hastig hinein: "Mara, sieh zu, dass die Kinder heute nicht mehr hinausgehen, ist das klar?"
Grummelnd wandte er sich den Reisenden zu. "Also dann, folgt mir", sagte er einsilbig.

Die Scheune, zu der der Mann die Gruppe der müden Wanderer schließlich führte, war eine kleine Hütte abseits des Dorfes. Als der mürrische Gastgeber das breite Scheunentor öffnete, schlug ihnen eine Welle wohlriechenden Duftes entgegen. Die Hütte war gut zur Hälfte mit Heuballen gefüllt, die ihren eindringlichen Geruch verströmten.
Seufzend holte Jo tief Luft und sog das herbe Aroma des getrockneten Heus ein. Sie war sich sicher, dass diese Nacht weitaus gemütlicher werden würde als die vorangegangenen - was freilich kein Kunststück war.
"Macht es euch einfach bequem, wo ihr wollt...", murmelte der Mann aus dem Dorf und drehte ihnen schon den Rücken zu, um zurück zu stapfen.
"Wartet! Ich hätte noch eine Frage", fiel Jo plötzlich ein. Mit einem Lächeln wandte sie sich ihrem Gastgeber zu. "Könnten wir bei einem der Bauernhöfe unsere Vorräte auffüllen? Und auch eine warme Mahlzeit wäre nicht schlecht. Ich für meinen Teil bin verdammt hungrig..."
Der Mann zögerte. Als Chaju die Stille mit einem ungeduldigen Gurren unterbrach, lächelte Jo. "Wie Ihr seht, spreche ich nicht nur für mich“, fügte sie hinzu, "sondern auch für meinen geflügelten Begleiter hier." Liebevoll strich sie dem Tier über das Gefieder.
Einige Herzschläge lang herrschte ein unangenehmes Schweigen. Plötzlich lachte der Mann leise auf. Die Gefährten blickten sich erstaunt an. Zwar war es kein herzliches, tiefgründiges Lachen, aber dennoch, er hatte etwas von seiner mürrischen Stimmung verloren. Etwas freundlicher antwortete er Jo: "Wenn Ihr Verpflegung für Euch und Eure... Begleiter braucht, dann kann ich Euch zu Haga führen. Er schenkt zwar für gewöhnlich nur unser selbstgebrautes Bier aus, aber ich bin mir sicher, dass sich auch etwas Essbares auftreiben lässt. Kommt mit!" Er wandte sich zum gehen, als ihm noch etwas einfiel. "Eure Ausrüstung könnt ihr ruhig hier lassen", sagte er, indem er seinen Blick über die dreckgesprenkelten Mäntel und Waffen wandern ließ. "Hier bei uns wird für gewöhnlich nichts gestohlen..."

Doronin war einige Schritte in die Scheune hinein gegangen. Beglückt blickte er sich um. Um ihn herum tanzten Spinnweben und Staubkörnchen in den letzten flachen Sonnenstrahlen um die Wette. Der herbe Duft von Heu erfüllte die Luft. Aus einer Ecke blinzelten eine Katze und ihre Jungen dem Neuankömmling entgegen, und Doronin war sich sicher, zwischen den Heuballen kurz das Rascheln von Mäusen gehört zu haben.
Freundlich grüßte er alle Bewohner der Scheune, die in dieser Nacht seine Nachbarn sein würden. Neben sich entdeckte er ein wundervoll filigranes Spinnennetz.
"Kommst du nicht mit, Doronin?"
Jos Stimme riss den Druiden aus seiner Betrachtung. Seine Gefährten blickten ihn befremdet an. Doronin konnte ihre Gedanken von ihren Augen ablesen:
Arjuk: Ihr bleibt doch nicht etwa freiwillig in diesem Drecknest?
Antar: Wenn Ihr nicht mitkommt, werde ich Euch nicht vermissen.
Jo: Sollen wir Euch etwas mitbringen?

Doronin schüttelte den Kopf. "Ich habe hier alles, was ich brauche," sagte er.
"Auch ich werde Eurem Mahl fern bleiben", erklang Siralas Stimme gedämpft hinter der Maske. "Ich habe keinen Hunger."
"Dann bis später, ihr beiden.“ Doronin hörte Jos Abschiedsgruß nicht mehr, ebenso wenig wie er bemerkte, dass sich seine Gefährten entfernten. Denn der Druide hatte die Spinne entdeckt, die das Netz gewebt hatte. Geduldig hatte sie Faden um Faden verknüpft. Nun wartete ihr Lohn. Eine Fliege war ihr ins Netz gegangen, je mehr sie zappelte, desto fester schlossen sich die Fäden um sie.
Ein Biss - die Bewegungen der Fliege erlahmten.
Doronin aber lächelte. Der Lauf aller Dinge..., flüsterte er leise.
Er spähte in seine Tasche und erblickte die Beeren, Wurzeln und Kräuter, die er gesammelt hatte. Die Natur nahm sich niemals mehr zurück, als sie gab.

"Was mich an den Druiden stört," sagte Antar zu Jo, nachdem sie die SCheune verlassen hatten, "ist ihre bedingungslose Liebe zur Natur."
Jo hatte ihn auf Doronin angesprochen und zog nun fragend die Brauen hoch. "Was ist daran so schlimm? Die Natur ist vielleicht unser wichtigstes Gut."
Antar nickte. "Das mag sein. Aber was würde der Druide tun, wenn er in den Bergen einem Panther gegenüberstünde, der keine andere Motivation hätte, als ihn zu töten um zu überleben? Würde er es zulassen?" Er schüttelte den Kopf und ließ Jo keine Zeit zu antworten. "Die Druiden denken ihre Ideologie nicht zu Ende. Es ist der Lauf der Natur, dass der Jäger seine Beute tötet, auch wenn man selbst diese Beute ist? Sind wir nicht auch Teil der Natur? Alles was wir tun dient dem Überleben, ob es die Jagd ist, oder der Bau einer Stadt, das Roden eines Waldes. Wieso lässt er zu, dass ein Wolf ein Reh erlegt, aber wenn wir eines töten, ist es für ihn Frevel an der Natur?"
Jo nickte vage. "Ich schätze", sagte sie, "es ist eine Frage der Perspektive. Doronin hat gelernt sich von dem zu ernähren, was die Natur ihm freiwillig gibt. Vielleicht ist es seine Gabe, aber was immer es ist, es reicht ihm aus."
"Das ist immer das Problem mit dem Glauben. Der Gläubige lässt keine Andersdenkerei zu." Vyrus hatte gesprochen und Antar und Jo wandten sich ihm überrascht zu.
Vyrus Gesicht zeigte einen eigenartigen Ausdruck, eine Mischung aus Wachsamkeit und Abneigung.
Vielleicht Furcht?
Antar hatte bemerkt, dass der Untote sich seltsam gab, seit sie diese traurige Ansammlung von Hütten erreicht hatten.
Auch er misstraute den Bewohnern dieser Katen und Scheunen, aber es waren nu unfomulierte Gedanken, ein klammes Gefühl nahe des Herzens.
Eine innere Stimme?
Vyrus aber schien etwas zu wissen.
Am liebsten hätte Antar ihn darauf angesprochen, aber stattdessen zuckte er nur mit den Schultern.
Die Bewohner dieses Lochs wären nicht so dumm, sich auf eine derart bewaffnete Gruppe zu stürzen, sollten sie denn feindliche Absichten hegen.
Vielleicht würden sie ein oder zwei von ihnen erwischen - Arjuk und Jo, vielleicht Doronin - aber Antar war sich sicher, dass er selbst, Vyrus und Sirala sich jedes Angriffs würden erwehren können.
Das hatten die Dorfbewohner sicher erkannt. Sie wären nicht so dumm.
Nein, das wären sie nicht.
Antar nickte. Und das hieß...
...wenn sie etwas vorhatten, dann haben sie irgendeinen hinterhältigen Plan.
Er war einen Blick zu Vyrus, der wieder damit begonnen hatte, die Umgebung aufmerksam zu beobachten.
Antar seufzte.
Er machte sich umsonst Sorgen. Diese Bauern und Fischer würden sie willkommen heißen, allein schon, weil sie Geld mitbrachten. Welchen Grund sollten sie auch haben, ihnen etwas anzutun?
Geld? flüsterte die innere Stimme...

Es hatte begonnen, als Antar an die Tür klopfte. Ein flaues Gefühl breitete sich in Vyrus’ Magen aus. Er konnte es nicht in Worte fassen, doch es wurde ständig stärker.
Bilder und verwirrende Gedanken kreisten in Vyrus’ Kopf.
Die Gesichter der Dorfbewohner. Dann die Scheune. Das Heu. Der Geruch. Dieser Geruch...
Vyrus Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Er zitterte leicht. Während er seinen Gefährten durch das Dorf folgte, spürte er Dutzende von Blicken auf sich ruhen. Aus den Augenwinkeln betrachtete er die einfachen Häuser, die im Licht der untergehenden Sonne lange Schatten warfen. Bald schon würden sie nur noch als Schemen in der Dunkelheit aufragen.
Ein düsterer Verdacht schlich sich in Vyrus’ Kopf und vergiftete seine Gedanken. Er versuchte, die Vorahnung zu ergreifen, doch im selben Augenblick entglitt sie ihm und hinterließ nichts als Schatten und graues Flackern. Oder war es eine Erinnerung?
Was ist bloß los mit mir?

Haga war ein untersetzter, bulliger Kerl mit schwarzem Vollbart und dunklen Augen, der aussah, als würde er den nächsten Winter mit nichts als seiner Körperfülle und einem Lächeln überstehen. Er stand gerade hinter der Theke und zapfte ein Bier, als die Neuankömmlinge eintraten.
Der Mann, der sie hergeführt hatte, wechselte ein paar geflüsterte Worte mit ihm. Antar blickte sich um. Haga hatte einen Teil seines Hauses in eine unspektakuläre kleine Schenke umgewandelt. Die beiden Tische boten Platz für bestenfalls acht Leute. Die provisorische Theke bestand aus zwei Fässern, über die ein Brett gelegt war, dessen Holz alt und spröde aussah. In den Ecken, in denen das ohnehin schummrige Licht zaghaft gegen das Dunkel ankämpfte, leuchteten Spinnweben.
Als absoluter Gegensatz zu der spartanischen Einrichtung stach das prächtige Geweih eines Hirsches hervor, das über den Fässern an der hinteren Wand hing.
"Gut, dass der Druide nicht hier ist", grunzte Antar abschätzig.
"Na, mit was kann ich euch dienen?", fragte der rundliche Wirt freundlich und musterte die Reisenden, die nun alle an einem der vorhandenen Tische saßen, "Es kommt wahrlich nicht sehr oft vor, dass wir hier Besucher haben. Also, was soll ich euch bringen?"
Es herrschte kurz überraschtes Schweigen, als Arjuk die Stille brach:
"Die Frage ist wohl eher, was Ihr uns anbieten könnt..."
Er sah sich skeptisch in dem winzigen Raum um, der sich Taverne nannte und verzog zweifelnd sein Gesicht, als er einen großen, zotteligen Hund unter dem Nachbartisch entdeckte, der gerade dabei war, den Boden zu besabbern. Bevor er jedoch seine Unbehaglichkeit noch mehr zum Ausdruck bringen konnte, stupste Jo ihn an und und bedeutete ihm, still zu sein.
"Ich denke wir sind mit allem zufrieden, was Ihr auf Vorrat habt. Wir haben eine lange Reise hinter und auch vor uns, da ist es nicht der richtige Zeitpunkt um wählerisch zu sein", sagte Jo höflich und warf Arjuk bei den letzten Worten einen schrägen Blick zu, der alles Mögliche bedeuten konnte.
Der Wirt ließ ein brummiges Lachen ertönen. Mit einem Pfiff rief er seinen Hund zu sich und schickte ihn dann zur Tür hinaus. "Es ist ja nicht so, dass wir im Zentrum der Zivilisation leben, aber unsere Küche ist auch nicht schlechter als in den meisten Städten", betonte er mit seiner tiefen Stimme und zwinkerte Arjuk zu, bevor er stolz fortfuhr: "Ihr habt meine Garantie: heute wird keiner von euch hungrig zu Bett gehen!" Und mit einem Lachen verschwand der bärtige Mann zur Tür hinaus.
Mit einem undefinierbaren Gesichtsausdruck wandte sich Arjuk an Jo: "Was sollte das eben? Deinetwegen hält mich dieser Mann nun für einen wählerischen, verzogenen Jungen! Er hat mich ausgelacht, falls du das nicht bemerkt hast..."
Antar unterdrückte nur mühsam sein Lachen, und auch Jo runzelte kurz die Stirn. Doch dann schien sie sich zusammen zu reißen.
"Es ist nicht selbstverständlich, dass wir freundlich aufgenommen werden“, meinte sie. „Also solltest auch du dankbar sein, dass du nicht wieder draußen übernachten und Doronins Wurzeln essen musst. Die Leute hier haben selbst wenig, also läuft alles ein bisschen anders." Mit einem aufmunternden Lächeln fügte sie hinzu: „Es ist für alle einfacher, wenn du dich daran gewöhnst.“
Zustimmend hüpfte Chaju auf Jo's Schulter auf und ab und bedachte Arjuk mit einem durchdringenden Blick.
"Shhh, ich weiß, das musst du mir nicht immer wieder sagen", murmelte Jo und strich ihrem Vogel über die schimmernden Federn.
Antar lächelte in sich hinein. Wieder einmal musste er daran denken, dass Jo und Arjuk keineswegs langjährige Freunde waren, wie es anfangs den Anschein machte. Jo war einfach da gewesen, als der Junge jemanden brauchte. Aber nun waren sie nicht mehr allein.
Jo erzählte dem auffällig schweigsamen Arjuk nun, wie sie sich einmal das Bein gebrochen hatte und von wildfremden Leuten gesund gepflegt worden war. Antar nahm einen tiefen Schluck aus seinem Kelch. Er hatte sich etwas Apfelsaft bestellt, der tatsächlich herrlich frisch schmeckte. Um diese Jahreszeit war das etwas Besonderes. Vielleicht nutzten die Bewohner dieses Kaffs den Fluss, um ihre Speisen und Getränke kühl zu halten.
Dass er keinen Alkohol trank, hatte einen einfachen Grund: Sein Misstrauen war noch nicht beruhigt worden, irgendetwas pochte weiterhin warnend an die Tür seiner Wahrnehmung.
Der Schankraum war leer und dunkel, nur auf ihrem Tisch brannten zwei einsame Kerzen, aus der Tür zur Küche flackerte ebenfalls ein ruhiger Schein. Das war tatsächlich seltsam; man sollte meinen, dass in einem so kleinen Dorf die einzige Taverne ein Ort der Zusammenkunft sei, an dem man auch noch spät nachts speiste, trank und redete.
Aber hier war niemand...
Der Söldner warf einen Seitenblick zu Vyrus. Seit sie das Dorf betreten hatten, schien er in Gedanken zu sein. Spürte auch er etwas? Nachdenklich nahm Antar einen weiteren Schluck.
Ohnehin... waren die Menschen hier Fremden gegenüber einfach nur besonders misstrauisch? So nahe am Fluss hatte das Dorf an sich keine schlechte Lage, aber andererseits gab es östlich von hier nur wenig, das zur Reise einlud. Wer würde diese Straße schon entlangkommen?
Antar konnte nicht verhindern, dass ein Gähnen seine Kehle hochkroch. Seltsames Verhalten der Dörfler hin oder her, er war froh diese Nacht in einem Gebäude verbringen zu können, auch wenn es nur eine Scheune war.
Wirklich lange waren sie ja noch nicht unterwegs, aber die Reise war auch nicht so gut verlaufen, wie sie erwartet hatten.
Nimm dir jeden Schlaf, den du kriegen kannst, dachte er, und so bequem, wie du ihn kriegen kannst...
Er nahm einen weiteren Schluck und das warnende Klopfen wurde leiser.
...bevor die Schreie dich wecken.
Er schüttelte den Kopf.
Antar war erleichtert, als Haga das Essen auftischte. Der Duft von frischem Brot und der dampfenden Kartoffelsuppe schien selbst Vyrus wieder in die Gegenwart zurück zu bringen. Ausgehungert machten sich die Gefährten über das Essen her. Arjuk hatte zuerst skeptisch auf seinen Teller geblickt, doch als er vorsichtig einen Löffel von der dickflüssigen Suppe probierte, leuchteten seine Augen auf.
„Was ist das?“, wollte er wissen.
Antar griff sich an die Stirn, während Jo laut auflachte. Selbst Vyrus gab ein unterdrücktes Geräusch von sich.
„Das ist eine stinknormale Kartoffelsuppe“, sagte Antar, etwas unhöflicher als er eigentlich wollte.
„Kartoffeln?“ Arjuk blickte zweifelnd. „In den Büchern sahen die ganz anders aus.“
Der Söldner blinzelte irritiert. Sirala verpasst etwas. Dieser Anblick hätte wohl selbst der schroffen Maskierten ein Lachen entlockt. Wer hätte gedacht, dass in diesem Dorf doch noch so etwas wie Heiterkeit aufkommen würde...
Arjuks Bemerkung und das warme Essen hatten die Stimmung etwas entspannt. Nur Vyrus’ Schweigen machte Antar nervös.
„Das war gut“, seufzte Jo schließlich, als sie fertig war, und lehnte sich zufrieden zurück. "Sag mal, Antar, woher stammt diese Narbe? Sieht ganz schön... wild aus."
Antar blickte Jo einen langen Moment an und strich sich geistesabwesend über den schmalen Streifen, der sich von seiner Stirn über sein rechtes Auge bis kurz über die Oberlippe erstreckte. Nachdem die Gefährten ihr Mahl beendet hatten, schien die Gauklerin auf ein geselliges Gespräch aus zu sein. Dieses Mädchen mag Schweigen nicht.
"Ihr seid ziemlich direkt," meinte er und grinste schief und ein wenig grimmig.
„Ich bin eben neugierig“, sagte Jo lächelnd.
Mit einem weitern säuerlichen Grinsen fuhr Antar fort: "Sie ist schon alt. Stammt aus einem lange vergangenen Kampf. Ich bemerke sie schon gar nicht mehr."
Er ließ den Zeigefinger vor dem Gesicht hinab gleiten. "Die Klinge hat mich nur gestreift. Hätte ich ein bisschen näher gestanden, wäre ich wohl heute nicht hier." Sein Blick glitt ins Leere...

Es bewegte sich, schlug nach ihm. Ein dunkler Schemen hackte mit etwas gleißendem nach ihm und Antar spürte den Luftzug, als er sich nach hinten fallen ließ. Dann war es über ihm, ein weiterer Schlag, Schmerz. Eine rosenrote Linie zog sich über sein Gesicht und er schrie.
Es weidete sich an seinem Schmerz....
...Und erkannte, dass es einen Fehler gemacht hat, als Antars Schrei zu einem Ausruf des Triumphes wurde. Die Klinge schnitt in den Schatten und Es schrie.


Antar verscheuchte das Bild. "Seid euch gewiss," sagte er mit erhobenem Zeigefinger und einem sardonischen Lächeln, "dass der andere schlimmer aussieht als ich."
Jo musterte Antars gezeichnetes Gesicht nachdenklich und fragte dann: "Und Ihr seid Euch sicher, dass unsere Expedition hier das Richtige für einen Mann wie Euch ist? Ich meine, immerhin geht es hier darum, ein winziges Kraut zu finden, und nicht Abenteuer zu bestehen, die in Schwertkämpfen enden." Über ihre eigenen Worte verlegen grinsend biss sie sich auf ihre Unterlippe und fügte hinzu: "Verzeiht, ich wollte nur damit fragen: Was macht ein Abenteurer wie Ihr auf der Jagd nach einer Blume?"
Antar schüttelte den Kopf. "Ich bin kein ... Abenteurer. Das trifft eher auf unseren Freund hier zu," fügte er hinzu und deutete auf den immer noch geistesabwesend dreinschauenden Vyrus, der unachtsam mit dem zinnernen Becher vor ihm spielte.
"Ich mache das, weil ich bezahlt werde. Ihr braucht Schutz - ihr wollt in die Blauen Berge, also braucht ihr welchen - und ich werde von euch bezahlt, euch diesen zu liefern." Er zuckte mit den Schultern, dann trank er einen weiteren Schluck aus seinem Kelch. "Oh, gut! Also falls wir nicht gerade wieder von Wassermassen verschlungen werden, dann verlass ich mich ganz auf Euch und Euer bezahltes Schwert", lachte Jo und lehnte sich auf der knarrenden Holzbank gemütlich zurück.

Vyrus´ Becher enthielt einen Wein, der für seinen Geschmack etwas zu säuerlich war. Aber das konnte auch an der Stimmung liegen, die sich in ihm langsam ausbreitete. Mit einem Ohr hörte er den spärlichen Gesprächsfetzen seiner Gefährten zu.
Das andere empfing ein Wispern. Ein leichtes Säuseln, das viel mehr in seinem Kopf, in seinen Gedanken erklang und keine wirkliche Quelle zu haben schien.
Es war bloß die Ahnung eines Geräusches und doch machte es ihm Angst - weil er es kannte.
Grübelnd starrte er die roten Wellen an, die er mit seinen Bewegungen im Becher erzeugte.
Er knirschte laut hörbar mit den Zähnen und leerte den Krug in einem Zug, um ihn lautstark auf den Tisch zu knallen.
"Spar dir deine schlechte Laune", murmelte der Söldner.
Haga schaute kurz hinter seinem Tresen hervor, aber der Halbtote schüttelte den Kopf.
"Findet ihr es nicht seltsam, dass wir hier allein sind?" fragte Vyrus misstrauisch.
Antar murmelte etwas Unverständliches und Jo blickte sich interessiert um.
"Schon seltsam", meinte sie und kraulte das Gefieder ihres Vogels. „Umso netter ist es von Haga, dass er nur für uns etwas zu essen gemacht hat.“
"Seid nicht so leichtgläubig, Gauklerin", sagte Vyrus leise. Er lehnte sich zurück und blickte Jo direkt in die Augen.
"Es gibt Menschen, die...."
Er stockte mitten im Satz und starrte das Hirschgeweih an der Wand an. Wieder durchfluteten ihn Gedanken und Bilder, die er nicht einzuordnen vermochte....ein Gefühl.....er kannte es, aber es hatte vor langer Zeit seine Bedeutung verloren....es war....
"Jemand zuhause?" fragte der Söldner von der Seite und stieß den Halbtoten leicht an. Vyrus schüttelte paradoxerweise den Kopf und rieb sich die Schläfen. Auch Jos schelmischer Blick wich der Verwunderung.
Bevor die Situation noch absurder werden konnte, kam der Wirt, um das Geschirr weg zu räumen.
„Hat’s auch geschmeckt?“, erkundigte er sich. Er lachte, als ausgerechnet Arjuk begeistert nickte.
Vyrus atmete durch und stand abrupt auf.
"Ich sehe nach den beiden anderen", sagte Vyrus tonlos, "außerdem brauche ich frische Luft."
Er nickte dem Wirt noch einmal zu und verließ das Gebäude, um einen tiefen Atemzug der kühlen Abendluft zu nehmen.

Antar saß noch einen Moment einfach da, dann trank er seinen Kelch in einem Zug aus und erhob sich.
"Wohin geht Ihr?" fragte Jo.
"Zur Scheune zurück. Ich werde versuchen, soviel Schlaf zu bekommen, wie ich kann."
...bevor die Schreie...
Mit einem Knurren unterdrückte er den Gedanken und Jo sah ihn kurz überrascht an.
Innerlich schalt er sich einen Idioten. Das Knurren war nicht notwendig gewesen. "Nichts," beschwichtigte er die junge Frau, "nur eine ... ich habe mich nur an etwas erinnert. Das an einem ähnlichen Ort geschehen ist, wie diesem." Er schüttelte den Kopf.
"Ich möchte euch raten, ebenfalls so schnell wie möglich in die Scheune zu kommen. Wir alle brauchen Schlaf." Er sah Arjuk auffordernd an, der ganz unadelig mit den Schultern zuckte.
Eine abschließende Antwort wartete Antar nicht mehr ab, er ging einfach zur Tür und verließ das Gebäude. Draußen sah er sich kurz um, während sein Atem weiße Wolken in der kalten Luft bildete. Vyrus war nicht dort. Nun, vielleicht war er bereits zur Scheune unterwegs...
...oder er trinkt gerade das Blut Unschuldiger. Sofern es soetwas hier gibt - Unschuldige...
Antar musste bei dem Gedanken kurz auflachen. Trotz seiner Abneigung Vyrus gegenüber, musste er zugeben, dass er sich beeindruckend gut in der Gewalt zu haben schien. Sicher, ganz klar konnte er immer noch nicht sagen, was genau Vyrus eigentlich war. Begegnet war er noch keinem Vampir in seiner Zeit, aber er hatte Geschichten gehört....
Wieder schüttelte er den Kopf, dann rieb er sich die frierenden Hände.
Er brauchte Schlaf. Noch nie hatte er viel auf Gerede gegeben, und auch wenn das, was man sich über Vampire erzählte, plausibel klang, war es nicht mehr, als ... nun ja, Gerede.
Mit forschem Schritt stapfte er in Richtung Scheune.
Er hoffte nur, dass auch die anderen bald kämen. Sein Gefahrensinn summte noch immer leise vor sich hin, und das hatte nie etwas Gutes bedeutet. Vielleicht übertrieb er, aber er hatte seine ...
Schützlinge?
lieber bei sich, ohne das etwas passierte, als dass etwas passierte und seine
Schäfchen
- Jetzt reichte es aber.
Er wollte wissen, wo die Leute waren, die ihn zum Schutz angeheuert hatten, damit er ihnen ebendiesen bieten konnte.
Mit einem weiteren Gähnen setzte er seinen Weg fort. Ja, er würde schlafen.
Sollte doch die menschliche Fledermaus Wache halten, wenn sie wiederkam. Er für seinen Teil würde die Nacht nutzen und die Augen so fest zutun, wie er nur konnte.


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