Es ist: 18-01-2021, 01:52
Es ist: 18-01-2021, 01:52 Hallo, Gast! (Registrieren)


verschlossen
Beitrag #1 |

verschlossen
Verschlossen

ich weiß
du sitzt dort hadernd
hinter deiner tür,
suchst dich im raum der welt,
ortest, ordnest und findest
keine stecknadel in deinem system
um anzudocken, anzuheften.

so haftest du an deiner leere,
suchst worte und schreibst nieder,
was du nötigenfalls gespeichert
aufzugreifen vermögen wirst,
diesen zu-stand abzustreifen.

in mir brodelt wieder dieses echo
gleich einem quälenden hilferuf,
den du nicht ausstößt;
ich laufe umher, rastlos,
den niederschlag aufzusaugen.

ich bemale den eingang zu dir
- passt hell auf schwarz? -
suche den ausweg für dich
- oder ist es der meine?
ich weiß nicht viel,
nur meinen fehler:
einst klopfte ich einfach an.

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©


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Beitrag #2 |

RE: verschlossen
Hallo Candida,

Also beim ersten Lesen erschien mir dein Gedicht sehr verwirrend. Als ich bei der letzten Strophe war, wusste ich nicht mehr ganz, worum es in der ersten ging. Mir persönlich sind kurze Gedichte deswegen lieber, aber das ist reine Geschmackssache.
Nun aber zu dem Inhalt:

Wie ich es verstanden habe geht es um jemanden, der sich um einen anderen sorgt. Während der Andere nur hadernd hinter seiner Tür sitzt versucht das Ich einen Ausweg für ihn zu finden, die Probleme des anderen irgendwie zu lösen. Nun ist das Ich schon so weit, den Menschen jemals kennen gelernt, sich für seine Sorgen interessiert zu haben. Jetzt kann es nicht mehr aufhören helfen zu wollen.

In der ersten Strophe beschreibt das Ich, wie das Du versucht sich im Raum der Welt zu finden. Wahrscheinlich weiß das Du nicht, was es mit sich und seinem Leben anfangen soll und es weiß nicht wo es hingehört. Die Idee mit der Stecknadel gefällt mir wirklich gut. Es beschreibt bildhaft, wie das Du versucht „sesshaft zu werden“, seinen Platz zu finden, es aber nichts gibt, das ihn halten kann.

Die zweite Strophe finde ich sehr verwirrend. Die erste Zeile gefällt mir noch sehr gut, weil sie ein toller Übergang ist, doch die weiteren Zeilen scheinen so was wie ein Schachtelsatz zu sein, den ich nicht ganz verstehe. Ich denke es geht darum, dass das Du nicht an sich selbst glaubt (alles aufschreibt, obwohl er es sich merken kann). Der Begriff „zu-stand“ gefällt mir auch sehr gut, nur kann ich da nicht wirklich einen Zusammenhang finden. Irgendwas müsstest du an der Satzstruktur verändern, um es verständlicher zu machen.

In der dritten Strophe zeigt sich endlich das Ich. Es zeigt sich auch, dass es mit dem Du mitfühlt. Das Du kann den Hilferuf nicht ausstoßen, als tut es das Ich. Die Metapher mit dem Niederschlag bedeutet, denke ich, dass das Ich versucht das Du zu schützen. Interessant finde ich noch, die Tatsache, dass das Du sitzend beschrieben wird – das Ich aber rastlos umherläuft. Daran sieht man auch, dass das Ich wesentlich mehr Energie darauf verwendet das Du aus seiner misslichen Lage zu befreien, als es selbst.

In der letzten Strophe spricht das Ich mit dem du. Es will den schwarzen Eingang zu dem Du hell bemalen – also etwas Optimismus schaffen. Dann fragt es sich, ob dem Du zu helfen, nicht auch eine Hilfe für sich selbst ist. Schließlich hat sich das Ich jetzt schon so in die Probleme des Du’s hineingesteigert, dass es sie lösen muss, um Ruhe zu finden. Denn nachdem es angeklopft hat, kommt es nicht mehr von dem Du los.

Ich würde das Verhalten des Ichs so erklären, dass es sich in das Du verliebt hat. Natürlich will man auch die Probleme eines Freundes lösen, aber ich habe trotzdem das Gefühl, dass es mehr ist – jedenfalls von der Seite des Ichs. Das Ich liebt das Du, doch das Du kann sich selbst nicht finden und die Liebe des Ichs somit nicht erwidern. Deswegen ist das Ich so versessen darauf, dem Du zu helfen, weil es, nachdem es zu sich selbst gefunden hat, auch den Kopf frei hat, um die Gefühle des Ichs zu erwidern. (Oh Mann, ich komme ganz durcheinander mit den ganzen Du’s und Ich’s.) So wäre auch der Ausweg aus dem Problem des Du’s auch der Ausweg aus den Problemen des Ich’s.
Ob das Ich erfolgreich sein wird? Ich weiß es nicht. Ich kenne solche Situationen. Man wünscht sich so sehr einem Menschen zu helfen, weil ich man sich sicher ist, dass es dann klappt mit der Liebe. Doch ich habe noch nie erlebt, dass so etwas funktioniert. Das Ich versucht nicht nur dem Du zu helfen, sondern will es auch verändern – und so was ist unmöglich. Solche Menschen beugen sich nicht dem Wünschen anderer. Und Menschen wie das Ich haben wirklich Pech gehabt, dass sie an so einer geklopft haben. Traurig, irgendwie.
Das Thema des Gedichts gefällt mir. Es stellt die auswegslose Lage da in der sich viele Menschen befinden.

Sprachlich ist das Gedicht nicht ganz nach meinem Geschmack, deswegen kann ich hier auch nicht viel sagen. Ich könnte kritisieren, was du meiner Meinung nach besser machen könntest, aber ich will dir keinen Stil aufdrängen. Mir fehlt der Rhythmus, der einen das Gedicht flüssig lesen lässt. An manchen Stellen ist da Rhythmus und es ließt sich leicht und dann wird er aber gebrochen. Ich fände es besser, wenn es einheitlich wäre – also etwas alle rhythmisch oder alles frei. Aber wie gesagt – Geschmackssache.

Der eigentliche Kritikpunkt bleibt die Verständlichkeit. Jetzt, da ich mich damit auseinandergesetzt habe denke ich es verstanden zu haben. Doch nach dem ersten Lesen konnte ich nicht viel damit anfangen und das hat mich auch davon abgebracht zu kommentieren. Da das Thema aber interessant ist finde ich es schade. Vielleicht könntest du einige Sachen kürzen? Mir würden bestimmt irgendwelche Vorschläge einfallen, wenn du es möchtest.
Und noch was zur Sprache: Du hat viele interessante Metaphern (die Stecknadel, der Eingang), doch es verliert sich in der Länge.

So das war’s dann von mir. Ich bin gespannt darauf zu erfahren, ob ich alles richtig verstanden habe.

Liebe Grüße,

Meluse


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Beitrag #3 |

RE: verschlossen
Hallo candida,

jetzt hab ich schon ein paar deiner Texte gelesen, aber nie weiß ich, was ich dazu schreiben soll. Ein schönes Gedicht... *kram kram
Zwar vernachlässigst du so gedichtstypische Sachen wie z.B ein Metrum oder Reime, aber das ist kein Grund kleinlich zu sein, glaube ich, weil du so viele Bilder schaffst und man den Inhalt nicht sofort entlarven kann. Ich versuche gerade, das Wort "Gedankenreichtum" in einen logisch klingenden Satz zu verpacken, aber irgendwie gelingt es mir nicht. Na ja, vielleicht genügt es auch, wenn du weißt, dass das Wort auf dich bezogen ist Icon_smile

Gruß, Blatt


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Beitrag #4 |

RE: verschlossen
Hej candida,


Ewigkeiten ist es her, dass ich überhaupt und noch länger, dass ich dich kommentiert habe (ein allgemein verständlicher Satz? Ich hoffe es), dem muss ab- und aufgeholfen werden, auf der Stelle. Und nachdem ich lang, lang gestöbert habe, bin ich schlussendlich hier hängen geblieben. Moment, vielleicht finde ich etwas anzumerken? ... *such* Jawohl:

=> ich weiß
Danach ein Komma.

Mehr eigentlich nicht. Höchstens, dass "was du nötigenfalls gespeichert / aufzugreifen vermögen wirst" eine Konstruktion ist, die ich wiederholt lesen musste, um sie zu begreifen, aber es ist spät und ich bin ich, heute ein wenig wirr uns sehr faselig. Icon_wink
Also auf zum Gedicht an sich:

verschlossen

Der Titel ... sagt viel, ohne zu konkretisieren, ist für sich genommen kein außergewöhnliches, nichtsdestotrotz ein starkes Wort. Allein vom Klang her stimmt es schon so mit seiner Bedeutung überein für mich - ich höre darin immer den Schlüssel, der sich umdreht, ein metallisches Klicken, leise, aber sehr endgültig. Nicht so sehr, weil sich der Vorgang nicht wieder rückgängig machen ließe - denn in den meisten Fällen ist das ja möglich -, sondern weil das Verschließen ein bewusster Akt ist. Ein Aus- und ein Einsperren, Schutz und Gefahr in einem.
Aussagekräftig und doch so vielverwendet, dass du mit diesem Titel nichts preisgibst.

ich weiß
du sitzt dort hadernd
hinter deiner tür,
suchst dich im raum der welt,
ortest, ordnest und findest
keine stecknadel in deinem system
um anzudocken, anzuheften.

Und hier haben wir es gleich, das Du, das diesen bewussten Akt des Schließens vollzogen hat, denn es sitzt hinter seiner Tür und verhindert so, dass die geöffnet werden kann - scheint aber damit zugleich noch irgendwie Nähe zum Außen zu suchen (es sei denn, ich überinterpretiere und "hinter deiner tür" heißt nur "irgendwo im Raum dahinter", nicht "direkt dahinter auf dem Boden", wie ich es vor Augen habe). Hadernd - womit? Vielleicht mit allem, der Welt, dem Außen, sich selbst, vielleicht vor allem letzteres, denn wer mit sich selbst hadert, kann mit der Welt schwer im Reinen sein. Und so ist es auch: Das Du sucht sich selbst, sucht seine Position im "Großen Ganzen", doch alle Versuche schlagen fehl, alles verzweifelte Klammern an einen Ordnungsrahmen schenkt dem Du noch lange keinen Platz im Bild. Kein Anschluss möglich.
Die Strophe ist unglaublich stark, das muss ich einfach hervorheben, gerade die Stecknadelmetaphorik ist ... Wahnsinn. Wunderbar gelungen! Sie hat sich in meinem Kopf festgesetzt und hat mich daran gehindert, dieses Gedicht einfach nur zu überfliegen oder unkommentiert stehenzulassen.

so haftest du an deiner leere,
suchst worte und schreibst nieder,
was du nötigenfalls gespeichert
aufzugreifen vermögen wirst,
diesen zu-stand abzustreifen.

Diese Strophe ist "verkopfter", nicht so bildlich erfassbar, aber ich merke schon, dass vielleicht gerade das ihren Inhalt wiederspiegelt.
Das Du haftet also an seiner Leere ... wieder die Angst, etwas hereinzulassen, das sie füllen könnte? Angst vor der Körperlichkeit, dem sinnlich Erfassbaren, Unkontrollierbaren, stattdessen Abstraktion: Alles in Worte fassen, niederschreiben. Was könnte mehr Distanz zur Welt erzeugen als sie in schwarzweiße Zeichenkäfige zu bannen? Notfalls abrufbar, notfalls aufgreifbar, aber nicht (mehr) unmittelbar. Hier wird alles verkopft.
Aber immer mit dem Gedanken an die Möglichkeit, dass dieser Zu-Stand, diese Verschlossenheit vielleicht eines Tages abgestreift werden kann? ... Zumindest ich muss das beinahe so interpretieren, lenkt deine Wortteilung den Fokus doch für ich auf "zu", verschlossen. Sicher bin ich mir dabei nicht und mir ist, als würde ich gerade eine sehr offensichtliche Interpretationsmöglichkeit nicht fassen können.

in mir brodelt wieder dieses echo
gleich einem quälenden hilferuf,
den du nicht ausstößt;
ich laufe umher, rastlos,
den niederschlag aufzusaugen.

"brodelt wieder", das hat etwas von Wiederspiegeln, Reflexion - ein Eindruck, der durch das Echo verstärkt wird: Hier ist das Ich, in dem der Zustand des Du wiederhallt, das in fühlt, quälend, beinah ist es, als würde es am liebsten selbst schreien, weil es das Du nicht kann. Ohne zu wissen, was es tun kann, ist da doch das Bedürfnis, zu helfen, das es treibt, rastlos, sinnlos. Den Niederschlag aufsaugen: Das Bild verstehe ich nicht ganz. Ich habe dabei jemanden vor Augen, der im Regen auf und ab läuft im aussichtslosen Versuch, den Boden trocken zu halten ... Aber ist es tatsächlich so gemeint?
Sicher ist jedenfalls - das Ich will das Du schützen, ohne dazu jedoch tatsächlich im Stande zu sein. Zu sehr ist es selbst außen vor. Ausgesperrt.

ich bemale den eingang zu dir
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einst klopfte ich einfach an.

Unfähig, zum Du hineinzugelangen, bemalt das Ich dessen Tür, versucht, zumindest äußerlich positiven Anschein herzustellen, während es sich fragt, ob das überhaupt angemessen ist, angemessen sein kann. Passen Innen und Außen dann überhaupt noch zusammen? Vergrößert das die Kluft nicht vielleicht noch? Oder ist es doch eine Art "Licht am Ende des Tunnels", ein Orientierungspunkt, ein wenig Hoffnung für das Du?
Zu sehr ist das Ich involviert, zu sehr hineingezogen, schon verschwimmt die Grenze, schon weiß es selbst den Weg hinaus nicht mehr, ist unfähig, ihn objektiv und mit ein bisschen Distanz vielleicht zu finden. Die Sicherheiten verschwinden, "ich weiß nicht viel" - nur eins: Den Fehler. Denn es scheint, als hätte das Ich selbst eine Selbstverständlichkeit zwischen sich und dem Du verloren. Früher konnte es anklopfen, jetzt ist das unmöglich geworden. Warum? Das erfährt der Leser nicht. Vielleicht ist es auch nicht wichtig. Du und Ich stehen vor dem Resultat: Sie haben sich beide ein- und einander ausgeschlossen.

Zugegeben, die zweite Strophe ist sehr abstrakt verkopft, die dritte bildlich in meinen Augen ein wenig wackelig, aber die erste und die letzte Strophe wirken um so stärker. Sie haben mich mit einer Stecknadel festgepinnt bis zum letzten Satz, der in seiner Schlichtheit ein Abschluss ist, der an Intensität kaum zu überbieten ist: So viel verzweifelte Resignation, so viel Ausweglosigkeit, unentwirrbar scheint das Netz, in dem sich Ich und Du gefangen haben und dass das Ich daran hindert, anzuklopfen - aber auch daran, einfach zu flüchten. Stark, wirklich stark. Man könnte auch sagen: Starker Tobak. Das wünscht man niemandem.
Da kann ich gar nicht anders, die Kritikpunkte wirken belanglos, nachdem mich deine Worte gepackt haben.

Ich hoffe, du kannst dem nächtlichen Gelaber irgend etwas sinnvolles entnehmen - auf jeden Fall verbleibe ich mit dem Fazit: Wirklich gelungen.


Mira

Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt
- Rose Ausländer -

Avatar von Zwielichtstochter

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Beitrag #5 |

RE: verschlossen
Hallo Meluse, Blatt und Mira,
Euch vielen lieben Dank für die Beschäftigung mit dem Text, vor allem geht mein Dank an die beiden ganz fleißigen und ausgesprochen genauen und intensiven Moderatoren-Gedanken, an Meluse und Mira. Beide habt Ihr Recht, und Euer beider Kommentare zusammengenommen eröffnen selbst mir als Autorin noch Wahrheiten über meinen Text, die ich darin gar nicht so bewusst zum Ausdruck bringen wollte. Allen Respekt zolle ich Euch, und ich danke Euch ganz besonders.
So - ja, kann sein, es ist nicht rhythmisch, darauf hab ich auch nicht geachtet, manchmal passiert's, dass ich rhythmisch schreibe, an anderer Stelle nicht, und ich vermute, das hängt mit dem Inhalt zusammen, will aber keineswegs sagen 'das ist wohl bedacht und "extra so" '. Nein, das ist nicht bedacht, ich glaube, das passiert intuitiv.
Ich habe mich so lange nicht an Literatopia beteiligt und so schludrig auf Kommis geantwortet - oft auch gar nicht (was ich wohl nachholen muss!) - und so war ich buff, als ich sah, dass Texte von mir echt noch kommentiert werden. Jetzt hab ich ein noch größeres schlechtes Gewissen - und ich glaube, ich sollte nach meinem neuerlichen Streifzug durchs Netz doch Literatopia wieder als Haupt-Zuhause den Vorzug geben, schon allein wegen dieser Freude ...
Lieben Gruß
C.

Es gibt nichts, was es nicht gibt, und nichts ist weniger ergründbar als die Komplexität und der Facettenreichtum zwischenmenschlicher Beziehungen, und seien es Liebesbeziehungen. 'Ich' ©


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