Es ist: 06-06-2020, 09:11
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Verdrehte Grüße (Sommer '09) (von coco)
Beitrag #1 |

Verdrehte Grüße (Sommer '09) (von coco)
I/III

(Freitag, ungefähr 20:00 Uhr, circa 1999)

"NEIN!"
Ein ohrenbetäubender Knall dröhnte an seinen Ohren vorbei.
Vor ihm wurde alles weiß, alles verdampfte in der Glut des atomaren Feuers. Das Haus explodierte und begrub sich selbst unter seinen Trümmern, Bäume wurden mit der Druckwelle fortgerissen und zersprangen in kleine Partikel, die mit dem Wind in alle Himmelsrichtungen verstreut wurden. Überall Flammen – unnachgiebig fraßen sie sich durch die Landschaft vor seinen Augen …
„Hey, das war nicht fair!“, brummte Dread und schlug mit der Faust auf den Tisch.
Hinter einem weiteren Monitor ihm gegenüber erschien ein grinsendes Gesicht und zuckte mit den Schultern.
„Ich hab noch eine Atombombe ...“
Dread knurrte.
„Ich hatte nur noch einen einzigen GI – alles andere hast Du ja schon platt gemacht!“
„Mit einem Männeken hinter einem Haus – das war fies!“
„Notwendig – irgendwann hätte ich eine Kiste gefunden mit einem neuen Baufahrzeug drin.“
„Du hättest besser aufgeben sollen – übrigens seit drei Stunden schon!“
„Höm – wie lange haben wir jetzt gezockt?“
„Insgesamt … warte mal“, sagte Markus und schaute auf sein Handy. „Nä – das waren jetzt zehn Stunden!“
Dread stand ungläubig auf, trat an die Jalousette und lugte durch die Lamellen.
Draußen war es finstere Nacht.
„Ich glaubs nicht – das war doch gerade noch hell?“
„Wir haben kurz vor Acht!“
„Scheiße. Wir hatten uns doch im Assipark verabredet!“
„Ja, vor einer Stunde!“
„Kacke! Oh Mann!“
„Micha wird uns vierteilen!“, fluchte Dread.
„Und Tom danach – zumindest, was von uns dann noch übrig ist.“
Die Haustür klingelte.
Sie sahen sich beide mit großen Augen an.
„Die kommen uns jetzt nicht holen – oder?“, flüsterte Markus.
Dread presste die Lippen zusammen.
„Pass auf, fahr die Rechner runter, dann ab ins Bad, Frauenkurzwäsche, danach sofort anziehen“, kommandierte er und fuchtelte dabei wild mit den Armen durch den Raum.
„Ja – SIR!“, rief Markus, wich den vor seinem Gesicht schwingenden Händen aus und drückte ihn zur Haustür der großen WG. „Und Du beschäftigst sie solange!“
„Ich? Neinneinnein ...“
„Kannst ja ein Ständchen für sie singen.“
„Singen?“
„Mal sehen, wie lange sie das durchhalten.“
Markus klopfte ihm lachend auf die Schulter, grinste und verschwand wieder im Wohnzimmer. Dread hörte nur noch, wie Bierflaschen über das Parkett rollten, Tassen klirrten und die Schranktür geöffnet wurde.
Ich seh mich schon auf einer Folterbank, alle Viere weit von mir gestreckt …
Er holte tief Luft und starrte die Tür an.
Wenn ich einfach nur still bleibe, verschwinden sie vielleicht w-
Es klingelte abermals.
Dread seufzte und bemerkte im Augenwinkel, wie sein Mitbewohner mit Jeans, Hemd, Deo, Aftershave, Unterwäsche und Fön ins Bad stolperte.
Scheiße.
Seine Hand näherte sich zaghaft der Tür, sein Herz klopfte wild hinter seinen Rippen während sein Pulsschlag scheinbar einen neuen Guinnessrekord aufstellen wollte.
Reicht es, wenn ich sage, wir haben uns verzockt?
Er griff nach der Klinke, drückte sie herunter und öffnete einen Spalt breit das letzte Hindernis zwischen ihm und dem jüngsten Gericht.
Ihre gemeinsame Wohnung befand sich im vierten Stock eines alten Hauses mit sehr hellhörigen Wänden und Türen. Doch dafür war es gerade unbehaglich still. Zu still.
Sie lauern bestimmt schon auf mich!
Als der Spalt groß genug war, sah er … Niemanden. Nur der fahle Schein des Mondes erhellte durch ein kleines Fenster im Dach die Kulisse. Erst als sein Blick der Treppe nach unten folgte, bemerkte er vor der Tür einen Brief auf dem Boden.
Er runzelte die Stirn, bückte sich und hob ihn auf.
Hä?
Eine Allerweltsbriefmarke mit dem Stempel des Briefzentrums 30, links daneben die Stadtkulisse von Hannover. Ganz links am Rand stand mit kleiner Schrift geschrieben: http://www.literatopia.de.
Dread öffnete den Umschlag und holte eine kleine weiche und glänzende Karte heraus. Vorne war ein Storch abgebildet, hinten stand nochmal seine Adresse und ein aufgedruckter Hinweis.
„Limitierte Sonderedition – NABU“, las er, schüttelte den Kopf und klappte die Karte auf.

„Keine Träume ferner Lande
kriegst Du heute mit der Post,
keinen Kitsch von buntem Stande,
auch kein Foto aus Fernost.

Dennoch darf ich Dich nicht langweilen,
darum geb ich Dir zu tun:
Zähl die Punkte in der Strophe,
nur den letzten lass in Ruh'.

Zähle das sovielte Zeichen
aus dem Alphabet heraus.
Schau, es ist das Gleiche
wie beim ersten Punkt auch stand.

Darum soll'n die roten Zeichen
all zuerst gelesen sein.
Darauf folgen dann die Blauen
und dann sollst Du fertig sein.

Siehst Du, was ich machen müsste,
ehe ich Dir schicken dürfte,
bunten Kitsch von weißem Stande
oder Fotos aus Fernost?

Verdrehte Grüße
aus dem
Literatopia schickt
… also … Du weisst schon wer.“

„Was hast Du da?“, fragte Markus und schaute frisch geduscht und nach Hugo Boss aus seinem Seidenhemd duftend von der Seite auf die Karte.
Dread rümpfte die Nase.
„Du brauchst nicht die ganze Flasche nehmen!“
„Die weibliche Welt ist ganz begierig auf diese unwiderstehliche Kombination von mir und diesem Duft." Markus räusperte sich.
"Öhm, also, was ist das?“
„Keine Ahnung“, meinte Dread. „Da sind rote und blaue Punkte. Wenn ich die Punkte ohne den letzten zähle, dann sind das 11. Und der elfte Buchstabe ist das 'K' – aber unter dem ersten Punkt ist ein 'U'.“
„Hm.“
„Wenn ich alles zusammensetze, ergibt es das Wort 'Urlaubsreise'.“
„Das 'Hm' bezog sich darauf, warum Du überhaupt eine Karte gekriegt hast ...“
„... und vor allem, von wem?“
„Ja, sehr merkwürdig, da Du ja auch nur 3 Freunde hast – zwei werden Dich heute noch lynchen und der Rest steht hier.“
Markus strahlte den seufzenden Dread mit seinen weißen Zähnen liebevoll an.
„Na, vielen Dank auch.“

Mrgreen
Ich hab echt grad keine Ahnung. Icon_confused

II/III

(Edit: Nach langem Überlegen bin ich nun der Auffassung, dass diese Karte von Coco stammen könnte. D.)


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Beitrag #2 |

RE: Verdrehte Grüße (Sommer '09)
Nach deinem umwerfenden Intro liest sich die Karte fast langweilig. Icon_wink
Trotzdem ... ich kann es nicht lassen ...
Erst als sein Blick der Treppe nach unten folgte, bemerkte er vor der Tür einen Brief auf dem Boden. Er runzelte die Stirn, bückte sich und hob ihn auf.
Hat Dread so lange Arme, dass er die Karte am unteren Ende der Treppe von der Wohnungstür aus allein durch Bücken aufheben kann? Cool, ich muss dich mal besuchen und mir das ansehen! Mrgreen

Ob das mit dem 11. Buchstaben etwas zu sagen hat? Hmm... vielleicht hat der Absender den Anfang später nochmal geändert, wollte aber nicht das ganze Gedicht umschreiben. Oder er/sie wollte dir bloß mehr zu tun geben, damit du dich noch länger mit der Karte beschäftigen kannst.


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Beitrag #3 |

RE: Verdrehte Grüße (Sommer '09)
*lol* Nee, prosaischer Murks. Mrgreen Änder ich ... *hust*

Aber die Karte war cool. Danke.


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Beitrag #4 |

RE: Verdrehte Grüße (Sommer '09) (von coco)
Der Monitor war ein jämmerliches Versteck. Zwar bot es Blickschutz, schützte aber nicht vor der Stimme. Dieser lässigen Stimme, die doch zuschlug wie ein Vorschlaghammer. Dabei war sie nicht einmal hörbar, sondern sickerte Buchstabe für Buchstabe durch die Augen in Cocos Verstand. "Du bist aus Plastik. Transparent und billig." Auf dem Schreibtisch lag eine noch unbeschriebene Postkarte. Ob sie einfach ein Bild krakeln sollte? Oder etwas Neutrales aus einem gekauften Buch abschreiben? Bloß keine eigenen Ideen mehr. Der gläserne Bürger - musste das ausgerechnet sie sein? Nervös fuhren ihre Fingerspitzen über die Ränder der Karte, bis die dünne Pappe weich wurde. Was auch immer sie schrieb, man würde sofort wissen, dass es von ihr war, sofern es denn von ihr war. Es war also umsonst - aber die Karte war wirklich hübsch. Zumindest das Motiv in der Mitte fand sie zu schön zum Wegwerfen. Ausschneiden, an die Wand hängen? Ja, dort könnte es wenigstens die Stimmung im Zimmer aufhellen. Toll! Eine Briefmarke gespart und dabei neue Deko bekommen! Und so billig, wie ihr Stil durchsichtig war. Eigentlich konnte sie gleich der lautlosen Stimme antworten. Die da draußen wussten es ja eh alle.

"Jau, die Karte war von mir. Freut mich, dass sie dir gefällt!"

Was der Zocker mit "langem Überlegen" meinte, war ihr noch nicht ganz klar. Ein gehässiger Scherz? Ein höfliches Zugeständnis an den anonymen Absender? Hmm... vielleicht dachten die Leute auch so selten an sie, dass alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen werden mussten, bevor ihr Name überhaupt jemandem einfiel.


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Beitrag #5 |

RE: Verdrehte Grüße (Sommer '09) (von coco)
Moin.

Ich bedanke mich für Deine Gedanken.

Zitat:Der gläserne Bürger - musste das ausgerechnet sie sein?
Ja, wir hatten das Thema bereits. Der gläserne verbotene Bürger. Nichts darf so sein, wie es ist. Nichts darf anders sein, als das, was diejenigen in den Zentren der Macht (oder Pseudomacht) wollen. Der Bürger hat nur das zu denken, sagen, wählen, was unterschwellig befohlen wird- oder von unabhängigen Medien provoziert und eingeimpft wird.

Bloß alles vergessen und verleugnen - die Vergangenheit ist egal.

*husterl* Icon_wink

Zitat:Was der Zocker mit "langem Überlegen" meinte, war ihr noch nicht ganz klar. Ein gehässiger Scherz?
Dea Zocka sacht es ma ganz deutlich, wa? Mrgreen
Eine durch eine Karte inspirierte Geschichte ist meine allerhöchste Wertschätzung - genau wie die Großschreibung der Majoritäten, liebe coco. Ich danke Dir.

LGD.


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