Es ist: 05-04-2020, 04:10
Es ist: 05-04-2020, 04:10 Hallo, Gast! (Registrieren)

Aktuell befinden wir uns im Umbau. Sollte also etwas seltsam aussehen, sind wir gerade bei der Arbeit und strukturieren die Foren neu :)

So grazil dein Schritt, mir brach er
Beitrag #1 |

So grazil dein Schritt, mir brach er
Ungeheuerliches um die Kugeln aus Petrol und Schnee. Er zerschnitt fersenwärts die Schnürseligkeit und nachher bestach er den Torf mit blühendem Saum.
Mich spiegelte Brachland – indes wuchernd Tee um deine Waden wie Opalgeschmeide den Stein, aus dem Erdinnern gespien. Ein warmer Baum entstand in deiner Hand und ein Himmel verbarg sich dem Sinn.

Noch bin ich, wer ich war, doch kaum war ich, was ich ist.

Dem Mondfall entliehn spritzt Geifer an Scheiben.
Dein Bleiben erinnert an Konsequenz.
Du, das ich vermisst.


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Beitrag #2 |

RE: So grazil dein Schritt, mir brach er
Hallo poLet,


ich weiß nicht, ob du dich noch erinnerst an einen - ich nenne es in Ermangelung einer besseren Bezeichnung "Zusammenstoß" -, bei dem du gefordert hast, nicht auf ein Podest gestellt zu werden. Das hat mich wohl ein bisschen zu sehr auf Distanz zu deinen Werken gehen lassen, ich wollte nicht als unkritisch begeisterte Bewunderin deiner Art zu schreiben wahrgenommen werden und hatte auch immer ein wenig Bedenken, mich falsch zu verhalten, falsch verstanden zu werden (war es damals doch ganz und gar nicht als blinde Wertung gemeint).
Aber sei es, wie es sei, genug Zeit ist verstrichen und ich muss sagen: Bei manchen deiner Stücke darf ich mir einfach nicht nehmen lassen, sie zu kommentieren.

Hier war das der Fall.
Heute habe ich mich schon durch einiges gestöbert, dabei auch einiges von dir gelesen, aber hier hat mich allein der Titel schon innehalten lassen: Die Wortwahl, der Kontrast zwischen "grazil" und "brach", die fragilen Konsonanten, beinah schwerelos. Schnee war es, den ich vor mir sah, eine schmale Spur im Weiß, Bruchstellen in der dünnen Eisdecke. Natürlich musste ich das Werk dazu zumindest anlesen - und dabei ist es nicht geblieben.

Darf ich etwas gestehen? Ich habe nicht den Ansatz einer Interpretation und das ist mir schon eine Weile nicht mehr passiert. Dabei habe ich aber gar nicht das Gefühl, nicht zu verstehen, ein Paradoxon, das mich den Surrealismus so schätzen lässt, das ich an deiner Art des Wortefindens generell mag, aber das hier ungewöhnlich ausgeprägt ist. Fast will ich fragen: Hat dieser kurze Text tatsächlich einen begreifbaren, erklärbaren Sinn? Denn einen ungreifbaren hat er, zumindest für mich. Beinah ist es, als würde er einer inneren, versteckten Logik folgen, wie ein Anagramm, eine verschlüsselte Botschaft, ein Rätsel, für Uneingeweihte nicht lösbar.

Und die Worte haben mich hineingezogen. Die Sätze pulsieren geradezu, klingen, strömen, helldunkel, man möchte die Hand hineinstrecken und sie fühlen können. Das sind Kostbarkeiten, die du darin versteckt hast - "Schnürseligkeit"! Was für ein Wort! Was für Bilder!

Was auch immer dich dazu bewogen hat, diesen Text zu schreiben, was du auch damit aussagen wolltest, ich fürchte, du musst dich von meiner Seite damit begnügen, dass ich ihn nicht interpretieren kann. Aber ich danke dir, dass ich ihn lesen durfte.

Zitat:Ungeheuerliches um die Kugeln aus Petrol und Schnee. Er zerschnitt fersenwärts die Schnürseligkeit und nachher bestach er den Torf mit blühendem Saum.
Mich spiegelte Brachland – indes wuchernd Tee um deine Waden wie Opalgeschmeide den Stein, aus dem Erdinnern gespien. Ein warmer Baum entstand in deiner Hand und ein Himmel verbarg sich dem Sinn.

Noch bin ich, wer ich war, doch kaum war ich, was ich ist.

Dem Mondfall entliehn spritzt Geifer an Scheiben.
Dein Bleiben erinnert an Konsequenz.
Du, das ich vermisst.
Prädikat: Uneingeschränkt genießenswert!


Mira

Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt
- Rose Ausländer -

Avatar von Zwielichtstochter

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Beitrag #3 |

RE: So grazil dein Schritt, mir brach er
Okay Mira -

ich erinnere mich etwas schattig, aber ich tu's!
Also fernab von jeder koketterie:

ich überlegte, schreibe ich eine PN oder eine antwort;
nun, ich habe mich entschieden.
Mein ego unterhalb des scheitels freut sich immer, wenn ein text/gedicht
aus meinen fingern (hoch-)gelobt wird;
es mag an mir selbst liegen, wenn ich uneingeschränktes lob in frage
stelle - & in aller bescheidenheit - es mag dem/r kommentator/in
gegenüber ungerecht sein, das ich es tue.
Es scheint mir ein reflex zu sein, & eine ambivalenz, die am ende nur ich lösen kann.
Denn natürlich lechze ich nach guten kritiken, nach lob, nach beifall.
Es ist ein kreuz!
Und außerdem ist es natürlich auch so, dass ich (zumeist) von den
eingestellten gedichten/texten überzeugt bin.
Am ende bleibt es eine frage des vertrauens...in den leser, den text, sich selbst.

Es tut mir leid, sollte Dich meine art der antwort vor den kopf gestoßen haben. - Solltest Du treue leserin meiner sachen bleiben,
wäre es für mich lob genug!

Ja.
Dass Dir dieses stück so sehr zusagt, freut mich wirklich!

Bis demnächst,
poLet


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Beitrag #4 |

RE: So grazil dein Schritt, mir brach er
Hallo poLet.

Nur ein Kommentar. Und dieser auch noch vor Urzeiten. als es noch eine Mira hier gab.

Tja, dann muss ich mal schauen, ob das Haltbarkeitsdatum noch in Ordnung ist.

Zitat:Ungeheuerliches um die Kugeln aus Petrol und Schnee. Er zerschnitt fersenwärts die Schnürseligkeit und nachher bestach er den Torf mit blühendem Saum.
Mich spiegelte Brachland – indes wuchernd Tee um deine Waden wie Opalgeschmeide den Stein, aus dem Erdinnern gespien. Ein warmer Baum entstand in deiner Hand und ein Himmel verbarg sich dem Sinn.
Nur ein Weihnachtsgeschenk. Bleiernde Folie aus dem Aldi, garniert mit halbherzigem Schneeaufdruck.
Nur das er hier so sitzen musste wie ein kleiner Junge aus einer anderen Zeit, gefiel ihm gar nicht.
Er wendete das Päckchen, schüttelte es vorsichtig, während er am Fuße des Weihnachtsbaums saß. Beine überkreuzt, ein fragender Blick wanderte von den Waden zu seiner alten Frau Mutter hoch droben im Ohrensessel, die eine Tasse Tee in ihren Händen hielt.
Kinderfotos, dachte er. Oder die peinlichsten Aufnahmen seiner Kindheit - wer weiß das schon?
Sie lächelte, während der warme Hauch der Tasse emporstieg und sich zu einem Baum formte. Verstecktes Gesicht hinter Schlierenhimmel aus Tee. Ein Pusten, zerstäubtes Blätterwerk. Kronenlos geboren, dahingegangen.
Vielleicht der Wind, Bob. Hm.
Sein Blick wanderte zurück zum Geschenk.
Seinem Geschenk.
Was Sie ihm unbedingt schenken wollte. Seit er ein kleiner Junge war.
Auf Renntiere kann man sich eben nie verlassen, dachte er.

Zitat:Noch bin ich, wer ich war, doch kaum war ich, was ich ist.
"Junge, nu pack es doch endlich aus", murrte Sie.
Er verzog das Gesicht.
"Mutter, das Geschenk ist jetzt wieviele Jahre alt?"
"Du wolltest es doch unbedingt haben?"
"Ich?"
"Ja Du", sagte Sie und blies wieder den Teehimmel zur Seite. "Warst doch ganz versessen darauf, mein Junge."
"Vielleicht, aber das ist Jahrzehnte her, Mutter!"
Sie lächelte. Zeitversetzte Jahre, die nun endlich zum Vorschein kamen.
"Ich weiß doch, was Du Dir so sehr wünschst."
Ich? Mir? Er seufzte. Groteske, live im Wohnzimmer unterm Wünsch-mich-Baum!
"Noch bin ich, wer ich war", murmelte er, "doch kaum war ich, was ich ist."
"Was?"
Er entschnürte die Flaschenpost, die keine war.
"Nichts."

Zitat:Dem Mondfall entliehn spritzt Geifer an Scheiben.
Dein Bleiben erinnert an Konsequenz.
Du, das ich vermisst.
Der Geschenkkarton verwahrlost, liegend zu seinen Füßen. Zerschnittenes Aldi-Papier, Schnürsenkel, die keine waren.
Und das gusseisernes Modell der Landefähre von Apollo 11 in seinen Händen.
"Das wolltest Du schon damals haben", flüsterte sie durch die Schwaden aus Tee hinunter. "Du warst ganz verrückt danach."
Seine Finger näherten sich vorsichtig einem der Fenster des Modells. Neben der amerikanischen Fahne am Rumpf. Vorsichtig, nur vorsichtig.
"Es ist damals verschwunden und ich habe es erst vor Kurzem auf dem Dachboden wiedergefunden, mein Junge." Sie beugte sich hinab. "Frohe Weihnachten nachträglich."

(Ich denke, ich brauch es nicht zu sagen, oder? Pro )

LGD.


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Beitrag #5 |

RE: So grazil dein Schritt, mir brach er
Heja Dread' -

Zitat:Nur ein Kommentar.
...man will mir nicht wehtun! Mrgreen
Ok.
Dir ist aber schon bewusst, dass der titel gleichzeitig 1.zeile ist, oder?
Also
Zitat:So grazil dein Schritt, mir brach er
Ungeheuerliches um die Kugeln aus Petrol und Schnee. Er zerschnitt fersenwärts die Schnürseligkeit und nachher bestach er den Torf mit blühendem Saum.
Mich spiegelte Brachland – indes wuchernd Tee um deine Waden wie Opalgeschmeide den Stein, aus dem Erdinnern gespien. Ein warmer Baum entstand in deiner Hand und ein Himmel verbarg sich dem Sinn.

Noch bin ich, wer ich war, doch kaum war ich, was ich ist.

Dem Mondfall entliehn spritzt Geifer an Scheiben.
Dein Bleiben erinnert an Konsequenz.
Du, das ich vermisst.

Weißt Du, es hat etwas mathematisches oder spielerisches, solche sachen zu schreiben.
Man nimmt verschiedene worte und versucht sie, so harmonisch wie möglich zusammenzusetzen...naja, zumindest so, wie ich 'harmonisch' verstehe.
Das ist dann im ergebnis zweifellos keine geschichte in ihrem eigentlichen sinn,
das ist dann -wie es nenne- lyrische prosa. Ich würde mir ja dafür eine rubrik wünschen,
die günstiger wäre...PROSAISCHE LYRIK...Mrgreen
...
"Apollo 11"? In schwarzweiß...- äh, ich schweife ab.
...
Schön. Jetzt hat dieses kleine ding also zwei kommentare, zwei wunderbare kommentare.
Möge es die auch verdienen!

Danke Dir für Deine empathie...-"Apollo 11"!
Bestes für Dich,
poLet


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