Es ist: 15-08-2022, 03:54
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #21 |

RE: VR: Blaues Blut
Mittlerweile hatte die Morgensonne den Innenhof der Akademie mit gleißendem Licht geflutet. Geblendet schloss Geriyon sein freies Auge, während er weiter die simplen Bewegungen ausführte, die ihnen ein anderer Schüler vorführte.
Simpel, aber kraftraubend.
Meister Gavrakas schritt gemächlich zwischen den Reihen der übenden Novizen hindurch und versetzte hin und wieder einem Schüler einen Schlag mit seinem langen Magierstab, wenn er ihm zu langsam oder zu fahrig erschien.
Seine dunkle Robe bauschte sich im aufkommenden Wind, der auch über die bloße Haut von Geriyons Oberkörper strich. Ihm fröstelte, genau wie vermutlich allen seinen Leidensgenossen.
Der junge Magier seufzte leise, während er zeitgleich mit den anderen sein linkes Knie beugte, sich zur Seite wandte und den Arm streckte. Einen tieferen Sinn konnte er nicht in diesen Übungen erkennen, sie schienen nur darauf ausgerichtet zu sein, die Novizen abzuhärten. Aber das passte ja durchaus zu dem Bild von der schwarzen Gilde, das er sich bisher gemacht hatte. Körperliche Härte und unbeugsame Willenskraft formten zerstörerisches Feuer und unentrinnbare Beherrschungsmagie.
Am liebsten hätte Geriyon laut aufgelacht. Was wussten diese weichen Sprösslinge der Adelshäuser schon von Willenskraft? Von Durchhaltevermögen?
„Was ist denn so amüsant Novize – ?“ Erschrocken zuckte der junge Magier zusammen, als Meister Gavrakas wie aus dem Nichts neben Geriyon erschien und ihn mit erhobenen Augenbrauen ansah. „Wie war noch gleich der Name?“
Pflichtbewusst senkte Geriyon die Augen, während er das beklemmende Gefühl in seiner Magengrube nieder kämpfte. Er durfte nicht auffallen, auf keinen Fall!
Mit der Glatze und der großen Hackennase wirkte Meister Gavrakas allerdings mehr wie eine zu großgeratene Krähe, denn einem gefürchteten Magier der hoheitlichen Akademie. Der junge Magier konnte sich ein erleichtertes Lächeln nun doch nicht verkneifen.
Leider war er noch so unerfahren. Und Unerfahrenheit musste er mit mehr Konzentration wett machen. Wenn er nur nicht so müde wäre …
„Geriyon, Meister, Geriyon Raven.“
Abschätzend musterte der Lehrmeister seinen Schüler.
„Ah, du bist der Neue? Der mit dem Empfehlungsschreiben?“ Ein bösartiges Glitzern trat in seine Augen. „Schön, mir scheint du bist etwas unterfordert, kann das sein? Nun …“
Der Lehrmeister hob die Hand und winkte den Vorführenden heran. Der hochgewachsene, muskulöse Blondschopf sah ihn entschuldigend an.
„Dann wird dieser Novize hier, dir mal zeigen, was man auf der Hofakademie unter Leibesertüchtigung versteht.“
Blondschopf ließ seine Knöchel knacken, wieder dieser entschuldigende Blick, jetzt gepaart mit etwas Mitleid.
Die anderen Schüler wichen ein wenig zurück, bildeten einen Kreis, murmelten leise. Kurz huschte ein Erinnerungsfetzen durch Geriyons Geist.
Nebelhaft die Mauern seiner Akademie, der Meister fort. Und die anderen nicht nur murmelnd sondern schreiend, anfeuernd. Doch nur wenige ihn.
Geriyon schüttelte sich, als ein Schauer sein Rückrad hinabrann. Dann konzentrierte er sich ganz darauf, möglichst zerknirscht und schuldbewusst auszusehen.
Meister Gavrakas schien das ganze auch sichtlich zu genießen. So etwas wie ein warmes Lächeln umspielte seine Lippen.
Der junge Magier begann seinen Gegenüber zu beobachten.
Nahkampf war eigentlich einfach.
Es reichte aus, den Kampfstil seines Gegners zu durchschauen, seinen Angriffen auszuweichen und an den richtigen Stellen zuzuschlagen.
Und im Durchschauen war Geriyon gut.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #22 |

RE: VR: Blaues Blut
Kara traute ihren Augen kaum - und schon gar nicht ihren Ohren. Ein sprechender Rabe saß ihr gegenüber auf der staubigen Straße und bedachte sie mit einem so durchdringenden Blick, dass man glauben könnte nun versuche er auch noch ihre Gedanken zu lesen.
"Ähm...", Kara räusperte sich, "verzeih mir meine Überraschung, aber es ist mir noch nie passiert, dass ein Vogel mit mir gesprochen hat."
Erneut legte das dunkel gefiederte Tier den Kopf schief und ließ den Schnabel klacken.
Nicht? Dabei sollte man meinen du hast so etwas schon öfter erlebt.
"Wieso sollte man das meinen?", fragte sie verwundert, die Stirn misstrauisch in Falten gelegt.
Gespür, sagte der Rabe und begann seine Gefieder zu glätten, Hör zu, ich kann dich zu jemandem führen, der dir Antworten auf deine Fragen geben kann. Vor allem anderen aber, kann dir diese Person beibringen, wie du deine magischen Kräfte nutzen kannst.
"Was für eine Person soll das sein - und warum soll ich dir glauben, was du mir erzählst?"
Kara verschränkte die Arme und sah sich in der Gasse um, ob irgendetwas verdächtig war oder ob jemand ihr Gespräch mit dem Vogel beobachtete, doch niemand verirrte sich in die schmale Gasse.
Menschen. Immer so umständlich. Du bist eine wandelnde Gefahr, Mädchen, es ist auch durchaus in meinem Interesse, dass du nicht noch mehr Unsinn anstellst. Morgen nach Anbruch der Abenddämmerung. Ich werde dich finden, aber sieh zu, dass du alleine bist.
Noch bevor Kara irgendetwas erwidern konnte, hatte der Rabe sich auch schon flügelschlagend in die Lüfte geschwungen und verschwand über dem Häusergewirr.
Einige Minuten stand sie regungslos da und ließ sich durch den Kopf gehen, was soeben passiert war.
Ein sprechender Rabe. Jemand, der mir alle Fragen beantworten soll. Klingt irgendwie sehr schräg… Aber im Gegensatz dazu, dass ich in der ganzen Stadt gesucht werden soll und der unerlaubten Nutzung von Magie beschuldigt werde, ein seltsamer Magier mit spitzen Ohren und violetten Augen mich vor zwei Schwarzmagiern gerettet hat, und er mich deswegen in dunklen Kellern verstecken will… Im Gegensatz dazu, ist ein sprechender Vogel fast schon normal.
Laute Stimmen rissen Kara aus ihren Grübeleien heraus, und kurz entschlossen schlug sie den Weg zurück auf die Hauptstraße ein, von wo sie vorher gekommen war. Nachdem sie dem Zwischenfall mit den Wachen knapp entronnen war, schien es ihr auf einmal keine sehr gute Idee mehr zu sein, auf den Marktplatz zu spazieren und sich dort gemütlich umzusehen. Allerdings war es für sie auch kein angenehmer Gedanke nun wieder in den muffigen Keller zurückzukehren, noch dazu wenn der Magier womöglich schon von ihrem kleinen Ausflug erfahren hatte. Die Bilder von dem verstümmelten Angreifer tauchten wieder in ihrem Kopf auf.
Kurz spielte Kara mit dem Gedanken einfach irgendwo anders unterzutauchen - doch wo sollte sie hin in dieser unbekannten Stadt, in der die Wachen nach ihr suchten?
Seufzend musste sie zugeben, dass es wohl das Beste wäre, wieder in den bekannten Keller mit dem unheimlichen Magier zurückzukehren. Zumindest bis zum morgigen Abend…
Als sie schließlich wieder vor der verwitterten Kellertür stand, fuhr sie unvermittelt zusammen, als sie jemand an der Schulter packte.
„Hatte ich nicht gesagt du sollst im Versteck bleiben?“, zischte eine ihr bekannte Stimme, und als sie sich umdrehte, sah sie im Gesicht des arglosen Bettlers, der vor ihr stand, kurz einen violetten Schimmer in den Augen aufblitzen.


Den Zeitpunkt der Dämmerung herauszufinden, war für Kara kein Problem. Der Spalt unter der Kellertür war breit genug, um mit etwas Geschick einen Blick auf den Himmel erhaschen zu können.
Was Kara allerdings die ganze Nacht wach gehalten hatte und sie den Tag lang grübeln hatte lassen war, dass sie sobald sie durch die Tür schritt den Schutzwall durchbrechen würde. Das hatte ihr der Magier gestern ausdrücklich klar gemacht, als sie sich mit Müh und Not herausgeredet hatte, dass sie nur ‚frische Luft gebraucht‘ hätte.
Als es soweit war und draußen die Dämmerung einsetzte, der Magier war wie erwartet wieder fortgegangen und zu Karas Glück noch nicht wiedergekehrt, hatte sie immer noch keine Lösung gefunden, den Schutzwall zu umgehen.
Ihr einziger Plan war nun einfach hindurch zu spazieren und anschließend so schnell wie möglich an einen Ort zu gelangen, an dem sie nicht gefunden werden konnte.
Beherzt öffnete sie die Tür, schob alle Bedenken an ihren wagemutigen Plan beiseite und sah sich nach dem Raben um. Doch anscheinend hatte er nicht vor, sie von der Tür weg zu begleiten.
Auch gut. Er wird mich finden, hat er gesagt. Na dann mal los!
Kara schlug die erstbeste Seitenstraße ein, die ihren Kriterien entsprach: keine anderen Passanten, ausreichend Schlupfwinkel und die Richtung geradewegs weg von ihrem Kellerversteck.
Erst nach einer halben Ewigkeit, als sie schon längst die Orientierung verloren hatte, sah sie auf einem Mauervorsprung einen Raben sitzen.
Folge mir, sagte er, und erst jetzt fiel Kara auf, dass das Tier seinen Schnabel nicht bewegte, sondern dass die Worte auf seltsame Art und Weise direkt in ihrem Kopf Form annahmen.
„Wohin…?“, setzte sie an, wurde jedoch unterbrochen.
Das wirst du früh genug sehen. Wir müssen uns beeilen, jemand ist dir auf der Spur.“
Kara beschleunigte hastig ihre Schritte und folgte nun blindlings dem Raben, der manchmal an den Abzweigungen auf sie wartete, und ihr ab und zu auch nur die Richtungen ansagte, in die sie gehen sollte. Gerade als sie fragen wollte, wie lange es denn noch dauern würde, sah sie den Vogel über eine verfallene, hüfthohe Steinmauer fliegen, hinter der auf einer von Unkraut übersäten Wiese schiefe Grabsteine und verwitterte Gedenktafeln standen.
„Ein Friedhof. Wie geheimnisvoll und mystisch“, sagte Kara, nicht ohne einem gewissen sarkastischen Unterton in der Stimme.
Zweckmäßig wohl eher. Auf diesem Boden enden alle Spuren, hier bist du - zumindest eine Zeit lang - unauffindbar.
Ungeduldig fragte sie den Raben, der es sich auf einem Grabstein gemütlich gemacht hatte:
„Und, wo soll jetzt diese geheimnisvolle Person sein, die mir angeblich alle Fragen beantworten kann?“
"Alle Fragen – das wird etwas schwer, aber ich kann es zumindest versuchen.“

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #23 |

RE: VR: Blaues Blut
Vulun liebte den Ausblick aus dem hohen Fenster des Palastturmes. Von hier aus konnte er nicht nur die ganze Stadt, sondern auch weit darüber hinaus ins Land sehen. Im nahenden Abend war dies ein besonders schönes Bild. Die schmucken Häuser von Kayro'har unter ihm, die von der hohen Stadtmauer abgeschlossen wurden. Dahinter ein leicht hügeliges, grünes Land mit dunklen Nadelwäldern und hinter einigen Kuppen die schwarzen, schlanken Türme der nahen Akademie. Wie immer, wenn er sie bemerkte, runzelte der Fürst Kayro'kans die Stirn. Nicht nur die Schwarzen Magier störten das Bild. Zu viel Macht und Einfluss wollten sie ausüben, das spürte er. Und auch wenn Kayro'hars Häuser ihm malerisch in der Abendsonne glänzten, so verdeckten sie doch nur die verdreckten und elenden Slums, die auf der anderen Seite des Turms im Schatten lagen. Die Stadt, das ganze Land war zu arm und zu klein. Doch Vulun war angetreten, um das zu ändern. Und er würde Erfolg haben. Er würde nicht die Geißel für Gandal'kans machtpolitische Intrige sein. Ein energisches Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
Nach einem energischen „Ja!“ trat einer seiner Kammerdiener ein.
„Mein Fürst. Ich habe Nachricht von General Thakis erhalten, dass die Stadt Noato erfolgreich eingenommen und Fürst Kalil gefangen genommen wurde.“
Augenblicklich hob sich Vuluns Stimmung.
„Dann war Thakis also doch zu irgendetwas zu gebrauchen!“, murmelte er sich eher selbst zu. „Dann schick sofort eine Nachricht dorthin. Kalil ist unverzüglich hierher zu bringen. Das duldet nicht den geringsten Aufschub. Ich will hier ihn haben!“
„Jawohl, mein Fürst.“
Der Diener verschwand wieder.
Vulun wandte sich wieder zum Fenster. Seine Träume schienen in Erfüllung zu gehen. Schon bald würde er Kalil hier haben und Rache für seine tote Schwester nehmen können. Und dann würde er auch bald Arjuk in seinen Händen haben. Sein Blick fiel wieder auf die Türme der Akademie. Das wäre sein Triumph, sein alleiniger Triumph. Selbst die mächtigen Magier dieser Schule würden dann vor seiner Größe knien und ihn als Herrscher anerkennen, nicht nur über Kayo'har, sondern über weit mehr noch...
Bei diesem Gedanken musste er unwillkürlich lachen. Mit raschen Schritten ging er hinüber zu seinem Schreibtisch und zog einen Schlüssel unter seinem Gewand hervor und öffnete, seine Hände schon ganz zittrig und voller Schweiß, eine kunstvoll verzierte Schatulle. Darin lag ein kleiner, unscheinbarer Ring, doch Vuluns Augen glühten auf bei seinem Anblick. Er nahm ihn und hielt ihn verzückt ins Abendlicht. In das Kupfer des Ringes war kleine, geschwungene Linien eingeritzt, die sich an einer Stelle zu einer schmuckvollen, aber dennoch nicht übermäßig protzigen Fassung vereinigten. Darin war ein winziger, roter Edelstein angebracht, der nun wie die untergehende Sonne aufleuchtete. Voller Wonne blickte Vulun auf den Stein, von dem er das Gefühl hatte, sein ganzes Schicksal läge darin. Schon bald würde ihm der Ring mehr Macht als jedem Anderen in Athalem geben, er war sich sicher. Dann würden neue Zeiten anbrechen, auch neue Zeiten für die Khami. Vulun hielt es für Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet sie den Schlüssel zu seiner neuen Herrschaft besaßen. Er würde es ihnen verdanken. Die nun völlig hinterm Horizont verschwundene Sonne ließ das Licht des Steins erlischen und riss Vulun wieder aus seinen Gedanken. Rasch ließ er den Ring wieder in die Schatulle fallen, schloss ab und bettete beschützend seine Hand darauf.
Er durfte nichts überstürzen. Noch war nichts gewonnen. Ohne Arjuk war Ring nichts wert. Und dann war da noch etwas ... ein magischer Ausbruch auf dem Markt, so nah an seinem Palast. Wenn sein Verdacht richtig war, dann war er seinem Ziel näher als er vermutet hätte. Er musste sofort handeln, um sich sicher zu sein. Er riss die Tür zum Turmzimmer auf und eilte die Stufen hinab. Er würde Yerim sprechen müssen. Vulun hatte diesen einflussreichen Mann der Khami erst einmal gesehen, bei seiner Ernennung zum offiziellen Gesandten Aven'kans in Kayro'kan. Er wusste nicht viel über ihn, außer dass er Gandal'kan hasste ... das könnte sich als nützlich erweisen.
„Mein Fürst?“, kam ihm sein Diener wieder entgegen, als durch die große Halle am Fuß der Treppe eilte.
„Bestellt Yerim, dem Gesandten Aven'kans, dass ich ihn morgen empfange.“
„Jawohl, mein Fürst“, antwortete der Diener pflichtgemäß und rannte davon.

Arjuk hatte sich bereits gewundert, als ihr Wagen der großen Hauptstraße so weit nach Norden gefolgt war, während die Häuser zu ihren Seiten immer größer wurden und die Türme des Palastes immer näher rückten. Nun, da sie aus der Kutsche kletterten, konnte er sehen, dass ihre neue Unterkunft das Gegenteil der Gegend war, in der sie vor wenigen Tagen gefesselt an Yerim ausgeliefert worden waren. Die Straße war gepflastert und breit, das ausladende Grundstück wurde von einer hohen Mauer umgeben, in die ein herrliches Mosaik gelegt war. Als Arjuk den Blick nach oben schweifen ließ, blitzte hoch über ihm etwas auf der Mauer in der Mittagssonne auf: Klingen.
Auch Yerim selbst, der vor dem geöffneten Tor stand und seine Gäste erwartete, hatte feines Tuch angelegt. Seltsamerweise schien der türkisblaue Rock, der von einer einfachen Schärpe über Yerims Schmerbauch zusammen gehalten wurde, um einiges länger als üblich, und die bequemen, weich fallenden Hosen schienen Arjuk eher unter praktischen Gesichtspunkten ausgewählt worden zu sein.
„Das sind andere Verhältnisse als in Wanjas Herberge, was?“ Yerim grinste, nicht ohne Stolz. „Aber das ist erst der Anfang. Kommt herein.“
Mit einem letzten Blick auf die messerscharfen Metallspitzen, die über ihm die Mauerkrone zierten, ließ sich Arjuk hinter Milena durch das Tor in einen ausgedehnten Park führen, in dessen Mitte sich ein imposantes Anwesen erhob. Die Villa war natürlich wesentlich kleiner und bescheidener als das, was Arjuk in Noatos Palast gewohnt war, doch nach den Nächten in der armseligen Schenke fiel ihm dennoch regelrecht die Kinnlade herab.
„Gefällt euch mein Amtssitz?“
Amtssitz?“ Arjuk blickte Yerim ungläubig an. „Was für ein Amt ist das? Wer in aller Welt bist du eigentlich, Yerim?!“
Zufrieden mit der Verblüffung seiner Gäste lachte Yerim auf, während er seine Schritte durch die Grünanlage auf die Haupttür zu lenkte.
„Ich bin nur ein General aus Aven’kan, dem die Revolution zu einem kleinen Regierungsamt verholfen hat,“ schmunzelte er bescheiden. Aus der Nähe bemerkte Arjuk, dass sich um Yerims Rock- und Ärmelsaum verschlungene ostländische Muster wandten. Plötzlich begriff er, dass die Kleidung offenbar eine Anlehnung an die alte Kham-Tracht darstellen sollte.
„Anders gesagt,“ mischte sich Kin ein, „Yerim hat eine tragende Rolle bei der Revolution gespielt und hat jetzt die ehrenvolle Aufgabe übernommen, gute Beziehungen zu Fürst Vulun zu pflegen. - Alles in Ordnung?“
Kin klopft Arjuk, der sich in einem Hustenanfall krümmte, auf den Rücken.
„’Tschuldigung, geht schon wieder,“ krächzte Arjuk schnell. Fürst Vulun! Da war er auf der Flucht vor seinem Onkel und nun sollte er direkt im Schatten der Palastzinnen in Kayro’har mit diesem Mann unter einem Dach leben, der bei Vulun ein und aus ging?
„Das heißt... diese Rede...“
„...war nichts geringeres als die Rede zu meinem Amtsantritt, den ich gestern Abend mehr schlecht als recht hingelegt habe. Nun ja, wenigstens die Rede hat dank deinem pathetischen Gekrakel ordentlich Eindruck gemacht. Gute Arbeit.“ Yerim lächelte zufrieden. „Ich hätte da allerdings noch einige Fragen an dich.“
„Ich höre,“ murmelte Arjuk schwach. Sie waren vor der Villa angelangt und Kin hämmerte energisch gegen die Tür.
Yerim blickte Arjuk sehr ernst an. „Mit welcher Gabel sollte man normalerweise zuerst zu essen beginnen?“
Arjuk konnte nur mit Mühe sein Lachen unterdrücken. Er war heilfroh darum, dass just in diesem Moment das Tor geöffnet wurde und sich ein Diener hastig verneigte.
„Yerim! Gerade ist eine Nachricht aus dem Palast eingetroffen. Du wirst morgen bei Fürst Vulun erwartet.“
Yerim sagte nichts, aber seine Stirn legte sich in Sorgenfalten.
„Du wirst mir diese Gabelsache sehr genau erklären, hörst du?“, sagte er eindringlich an Arjuk gewand, bevor er seine beiden Gefangenen über die Schwelle schob.
Arjuk aber ließ den Blick nur noch halbherzig über den spiegelnden Marmor der Empfangshalle gleiten. Plötzlich schien es ihm nicht mehr all zu tragisch, dass hier jeder Fluchtversuch spätestens auf der Mauerkrone enden würde. Yerim würde ständig mit Vulun in Kontakt stehen, zugleich aber benötigte der General, dessen Schläfen bereits grau wurden, dringend jemanden, der mit den gehobenen Kreisen vertraut war. Wer immer ihm mit Rat beiseite stand, würde unvermeidlich auch alle Neuigkeiten direkt aus dem Palast erfahren...





„Bist du das, Kin?“ Yerims Stimme dröhnte hinter der Tür, als Kin an dem Gemach seines Herren klopfte. Der junge Diener öffnete die Tür einen Spalt breit, nicht ohne noch einmal einen missmutigen Blick auf Arjuk zu werfen. „Andamir ist hier. Willst du ihn jetzt sehen?“
„Her mit ihm.“
Kin schien einen Moment zu zögern. „Und du bist sicher, dass du das willst?“ fragte er leise.
„Weißt du eigentlich, wie lange ich schon warte? Ich sagte her mit ihm!
Kin verdrehte die Augen - wohlweislich erst, nachdem er Yerim den Rücken zugewandt hatte - und öffnete Arjuk die Tür. „Eine Audienz bei Yerim,“ sagte er säuerlich.
Reichlich verunsichert betrat Arjuk Yerims Gemach. Der große Raum war durchaus mit allerhand Bequemlichkeiten eingerichtet, weil aber der übliche pompöse Luxus vollkommen fehlte, wirkte es geradezu funktional. Yerim saß in einen Sessel gelehnt und musterte Arjuks Gestalt von oben bis unten. „Setz dich.“
Ungemütlich ließ sich Arjuk auf die Kante des Sessels sinken, der ihm gewiesen wurde.
„Deine Rede hat die hohen Herren ganz schön beeindruckt,“ sagte Yerim ohne Umschweife, beinahe etwas barsch. „Sie hat mich davon überzeugt, dich in ein paar hochvertrauliche Angelegenheiten einzuweihen.“ Er reichte Arjuk eine Pergamentrolle. „Das hier sind die Forderungen, die wir Vulun stellen werden.“
Forderungen? Etwas überrumpelt blickte Arjuk auf die Papierrolle in seinen Händen.
„Nun lies schon,“ brummte Yerim ungeduldig. „Versteh mich nicht falsch. Ich will in erster Linie testen, wie ein Westländer darauf reagiert, also halte dich nicht zurück mit deiner Meinung.“
Zutiefst verunsichert entrollte Arjuk das Papier. Die säuberlich in Kham geschriebene Liste umfasste sechs Punkte, die offenbar direkt an Vulun gerichtet waren. Unwillkürlich fühlte sich Arjuk an seine Lehrer erinnert, die ihm stundenlang perfide Verhandlungstricks erläuterten, und an seinen Vater, den er in den letzten Jahren des öfteren bei seinen Regierungsgeschäften hatte begleiten müssen. Arjuk selbst war meistens gescholten worden, er verhandle nicht aggressiv genug. Er hasste es, sein Gegenüber zu täuschen und zu hintergehen, nur um eine Münze weniger Zoll auf Wein aus Kayro’kan herauszuschlagen...
„Nun?“ Yerim blickte ihn ungeduldig an. „Du weigerst dich ja nach wie vor, unsere Sprache zu sprechen, aber lesen wirst du sie wohl können, oder?“
Arjuk warf noch einmal einen Blick auf das Pergament.
„Nun, in diesem Punkt, Zollfragen,“ er tippte auf die Zeile, „da habt ihr sicher Verhandlungsspielraum.“ Er legte das Papier weg und lehnte sich in den Sessel zurück. „Beim Rest sehe ich schwarz.“
Yerims Mine war wie in Stein gemeißelt. Beinahe musste Arjuk schmunzeln. Er hatte es etwas drastisch formuliert, aber keineswegs gelogen. Dem Dokument war anzusehen, dass bei seiner Verfassung kein Politiker, sondern ein General federführend war.
„Kannst du das genauer erläutern?“, fragte Yerim schließlich beherrscht.
In Arjuks Kopf tanzten die Zeilen bereits wie von alleine durcheinander, spalteten sich auf oder verschmolzen miteinander, wanderten auf die Liste der vordergründigen Worte oder auf die Liste der wirklichen Intentionen, ordneten sich zu falschen und echten Prioritäten. Es galt also, seinen Onkel über’s Ohr zu hauen? Plötzlich verspürte er keinerlei Skrupel mehr, all die Hinterlist anzuwenden, die er in Noato beobachtet hatte.

„Was ist los?“ Milena lachte, als sie Arjuks Gesicht sah. „Bist du zum Prinz von Aven’har gekrönt worden oder warum grinst du so zufrieden vor dich hin?“
Arjuk lachte. „Prinz von Aven’har - naja, viel ändern würde es ja nicht. Dann wäre ich jetzt eben nicht auf der Flucht vor Kayro’kans Soldaten, sondern auf der Flucht vor Aven’kans Nationalisten. Die ziehen die Säbel, wenn sie nur den Hauch von blauem Blut wittern.“
Erschöpft fuhr er sich über die Augen und fragte sich, wie viele Stunden lang er sich konzentriert mit Yerim besprochen hatte. Mit einem Blick über die Schulter stellte er fest, dass Kin bei Yerim zurück geblieben war, anstatt ihm wie gewöhnlich dicht auf den Fersen zu folgen. Kurzerhand schob Arjuk Milena aus dem Zimmer. „Lass uns irgendwo hingehen, wo Kin uns nicht so schnell findet und wir reden können,“ raunte er.
„Das trifft sich gut, ich hätte auch ein Wörtchen mit dir zu wechseln. Und ich habe auch schon eine Idee, wie wir unseren lästigen Wachhund abschütteln.“ Milena schmunzelte in sich hinein, während sie die Stufen hinab und in Richtung der Tür ging.
„Nach draußen? In den Park?“ Arjuk runzelte die Stirn. „Der ist doch von jedem Fenster aus gut zu überblicken.“
„Genau deshalb gehen wir dorthin. Und jetzt leg mal den Arm um mich.“
„Was?“ Unwillkürlich war Arjuk wie angewurzelt stehen geblieben, aber Milena lachte nur.
„Nun zier dich nicht wie ein schüchternes Mädchen, Andamir,“ grinste sie verschmitzt. „Jede Wette, dass Kin uns eine Weile ungestört lässt, wenn er uns so sieht!“
Arjuk blinzelte. Warum fiel ihm ausgerechnet jetzt, trotz des trüben Dämmerlichts in dem schlecht ausgeleuchteten Gang, auf, wie hübsch Milena war? Als sie sich kennen gelernt hatten, hatte ihm das ebenmäßige Gesicht mit den schräg gestellten Augen, umrahmt von langem seidigem Haar tatsächlich so manche schlaflose Nacht bereitet. Die schlagfertige und selbstbewusste Milena jedoch hatte nie ein anderes Interesse gezeigt, als sich von Arjuk ihren Korb tragen zu lassen und ihn bei ihren Ausritten zu waghalsigen Wettstreiten anzustacheln. Letztendlich war es Arjuk ganz recht gewesen, den all zu vermessenen Gedanken an die Tochter des Schmiedes aufgeben zu müssen.
Nun war ihm Milenas Idee nicht ganz geheuer, aber schließlich legte er etwas linkisch einen Arm um ihre Schultern. Mit einem unterdrückten Kichern drückte das Mädchen die Tür auf; als scheinbar trautes Paar schlenderten sie in die Grünanlage hinaus.
Milena steuerte eine der Bänke an, die zwar außer Hörweite der Villa sein mochte, aber gut von ihr aus zu sehen war. Wieder zögerte Arjuk, aber auf Milenas auffordernden Blick hin positionierte er gehorsam einen Arm auf der Lehne hinter ihrem Rücken.
„Mal sehen, was passiert,“ schmunzelte Milena mit einem verstohlenen Blick zurück auf die Villa. „Aber jetzt lass uns die Zeit nutzen. Hast du irgendeine Ahnung, warum Vulun so scharf darauf ist, dich in die Finger zu bekommen? Gibt es irgendetwas Besonderes an dir? Hat dein Vater denn gar keine Andeutung gemacht, als er deine Flucht vorbereitete?“
„Du kennst mich doch.“ Arjuk zuckte die Schultern. „Was soll schon besonderes an mir sein? Laut Katrina ein besonderer Dickkopf, aber auf den hat es Vulun wohl kaum abgesehen. Wenn du mich fragst, will Vulun nur eine Geisel und dieser Typ, dieser Händler von gestern übertreibt einfach maßlos.“
Milena schüttelte den Kopf. „Nimm das nicht auf die leichte Schulter,“ sagte sie düster. Geistesabwesend biss sie sich auf die Lippe. Hinter ihrer Stirn schien ihr messerscharfer Verstand auf Hochtouren zu arbeiten, aber Arjuk konnte mit der Frage nicht an sich halten.
„Woher hast du diese Samir-in-Noato-Geschichte?“, platzte er heraus. „Und woher wusstest du, dass Yerim darauf reinfallen wird?“
Milena lächelte. „Katrina hat mir alles erzählt,“ erwiderte sie leicht. „Ich hatte keine Ahnung, ob Yerim daraus einen Hinweis auf Seyjuk ziehen kann oder nicht. Offenbar aber schon.“
„Dann war das die Wahrheit?“ Arjuk fasste sich an die Stirn. „Warum weißt du eigentlich alles und ich nichts?! Katrina sagte mir, sie hat keine Ahnung!“
Milena zuckte nur die Schultern und nickte dann zur Villa hinüber. „Schau mal.“ An einem Fenster war Kins Gestalt erschienen. Er schien sie zu beobachten, machte aber noch keine Anstalten, sie zu stören. „Dachte ich’s mir doch,“ schmunzelte Milena zufrieden. „Aber,“ fügte sie hinzu, indem sie die Stimme senkte, „wer weiß, wie lange wir noch unsere Ruhe haben. Hör zu, wir müssen weg von hier.“
Überrascht blickte Arjuk auf. Dass Milena an einem Ausweg arbeitete, hatte er sich gedacht, aber er war überrascht, so schnell eine Strategie präsentiert zu bekommen.
„Ich muss die Wachposten noch ein wenig beobachten, aber bald habe ich meinen Plan fertig,“ begann sie. „Ich werde dir ein Zeichen geben. An diesem Abend wirst du etwas trödeln, wenn die Männer zum waschen gehen, und irgendetwas in den Zimmern liegen lassen. Am besten lässt du dir das erst dann einfallen, wenn schon alle fleißig am planschen sind, denn dann wird Kin sicherlich zu faul sein, sich noch einmal anzukleiden und dich nach oben zu begleiten. Du kannst also alleine zurück kommen, aber nicht in die Zimmer, sondern schnurstracks zum Hauptausgang.“
„Wir brechen zum Haupttor aus?“ Arjuk runzelte ungläubig die Stirn. „Ich kann mich an jemanden erinnern, der mich genau dafür einen Dummkopf nannte...“
„Vertrau mir.“ Milena blinzelte ihm verschwörerisch zu. „Es wird alles gut gehen. An dem Tag, an dem ich sage, Ich frage mich, ob Samir überhaupt noch in Noato ist, verschwinden wir von hier.“
Arjuk hob die Brauen. „So einfach ist das?“ Er war zwar erleichtert, dass Milena einen Ausweg gefunden zu haben schien, andererseits spürte er beinahe etwas wie Enttäuschung. „Dabei dachte ich schon, ich könnte über Yerim ein paar Dinge herausfinden,“ seufzte er. „Schon die Vorstellung, untätig in Caralmur zu sitzen, macht mich ganz krank...“
Milena unterbrach ihn scharf. „Du willst nicht im Ernst sagen, dass du hier bleiben willst, oder?“
Arjuk schwieg. „Natürlich nicht,“ murmelte er schließlich etwas halbherzig. „Aber Yerim scheint mir wirklich viel anzuvertrauen, weiß der Himmel warum. Und wenigstens, ob Jo in der Stadt ist, hätte ich noch gerne herausgefunden. Ich habe das Gefühl, sie steckt vielleicht in Schwierigkeiten.“
„Jo?“ Verwundert blickte Milena auf. „Du meinst dieses Straßenmädchen, das dir vor zwei Jahren geholfen hat, die Heilpflanze für deine Mutter zu suchen?“
„Und diese Kette trug, die der Händler Yerim gezeigt hat,“ ergänzte Arjuk. „Ich bin mir sicher, dass es genau das Medaillon ist, das ich damals in den Blauen Bergen gefunden und Jo gegeben habe. Die Frage ist, wie es dann von ihr in die Hände des Händlers gelangt ist.“
„Ach, deshalb kanntest du das Medaillon also.“ Milena schwieg einen Moment. „Aber du würdest ihr doch eher Schwierigkeiten machen, als ihr zu helfen,“ meinte sie schließlich. „Jeder, der weiß, dass du noch am Leben bist, ist in Gefahr.“
Arjuk seufzte tief auf. Manchmal war es doch zum verrückt werden, dass Milena einfach immer Recht hatte! Alles, was sich für ihn so falsch anfühlte, klang in Milenas Mund plötzlich so logisch...
Er straffte sich. „Du bist dir also sicher, dass dein Fluchtplan aufgeht?“, versicherte er sich.
Auf Milenas Gesicht erschien ein kleines, aber siegessicheres Lächeln. „Todsicher.“


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Beitrag #24 |

RE: VR: Blaues Blut
„Mein Fürst! Yerim ist soeben im Palast angekommen.“
Vulun nickte zufrieden.
„Sehr gut. Führt ihn sofort herein!“
Vulun blickte noch einmal an sich herab und ordnete seinen langen Brokatmantel. Der dunkelblaue, beinah schwarze Stoff war mit reichlich Goldfäden durchzogen, die Doppelreihe von Knöpfen war mit winzigen Saphiren besetzt. An seinen Fingern schimmerten weitere Edelsteine. Er strahlte Reichtum und Macht aus - so wie er von Yerim gesehen werden wollte.
Die großen Flügeltüren des Audienzsaales wurden aufgestoßen, der Diener trat zur Seite und ein Mann kam schnellen Schrittes herein. Vulun schmunzelte, als er Yerims schlichten Aufzug sah. Etwas anderes hatte er kaum erwartet von einem Gesandten Aven’kans, wo in dem Putsch vor fünf Jahren die Reste einer gebildeten Elite ausgemerzt worden waren und seitdem nur noch Bauerntölpel die Geschicke der Provinz lenkten.
Der Fürst erhob sich grazil, doch nicht zu schnell von seinem Thron und streckte die Arme zur Begrüßung aus. Yerims Verbeugung war eher ein Kopfnicken, doch Vulun verzog keine Miene.
« Mein Fürst! », sagte der Ostländer knapp.
« Willkommen! », antwortete Vulun freundlich, « ich bin erfreut, Euch so bald hier wieder begrüßen zu dürfen. Ich beglückwünsche Euch nochmals zu eurer Ernennung, Botschafter. »
« Sehr freundlich, Fürst. » antwortete Yerim ruhig, ohne das Lächeln zu erwidern. Wieder einmal empfand Vulun unwillkürlich Abscheu, als Yerims harscher Akzent an sein Ohr drang. Aven’kan war wahrlich tief gesunken - bis in die Schichten, die nicht mit Meir aufwuchsen.
« Lasst uns eine Kleinigkeit essen! » Vulun deutete auf den reich gedeckten Tisch und ließ sich auf den größeren der beiden Stühle nieder. « Eure Ernennungsrede ... sehr mitreißend, sehr gut formuliert! Wenn auch etwas ungewöhnlich. Nun, ich war beeindruckt. »
« Vielen Dank, Fürst. »
Yerim schien sich durch Komplimente nicht bestechen zu lassen, aber Vulun würde im Notfall andere Geschütze auffahren - dank Yerims gesprächigem Vorgänger, der so einiges über den neuen Gesandten ausgeplaudert hatte, wusste er schließlich bereits um die größte Schwachstelle des Mannes...
« In Eurer Rede habt Ihr die entscheidenden Punkte für eine engere Zusammenarbeit unserer beiden Länder genannt,“ sagte Vulun nun. „In der Tat sollten die Länder des Nordens die alte Bande mit Aven'kan wieder knüpfen, um endlich die Vorherrschaft Gandal'kans zu brechen, die uns bald jegliche Luft zum Atmen nehmen wird. Es war klug von Euch, Botschafter in meiner Stadt zu werden, denn Kayro'har wird als Sieger aus diesem Konflikt hervorgehen.»
Yerim teilte bedächtig einen Pfirsich.
„In dem Krieg gegen Nomae’kan gewiss,“ antwortete ruhig. „Wie aber steht es um die Konfrontation mit Gandal’kan?“
„Gandal’kan.“ Vulun lächelte schmal. „Gandal’kan hat sich zu viele Feinde gemacht. Wenn wir ein festes Bündnis schmieden, wird Gandal’kan schon bald nichts anderes als die Kapitulation bleiben.“
Zufrieden bemerkte Vulun, wie Yerim einen Moment stutzte. „Versteht mich nicht falsch, mein Fürst,“ erwiderte der Ostländer vorsichtig. „Niemand wünscht sich das Ende der Vorherrschaft Gandal’kans mehr als ich. Aber meine Provinz ist klein und kann es sich nicht leisten, sich auf Himmelfahrtskommandos einzulassen. Ich sehe nur wenig Aussichten, Gandal’kan militärisch zu bezwingen.“ Geschickt trennte er den Kern vom Fruchtfleisch. „Ich muss annehmen, dass Ihr noch einen Trumpf in der Hinterhand habt.“
Vulun runzelte die Stirn. Im Vergleich zu seinem einfältigen Vorgänger, der sich so leicht von stupiden Parolen gegen Gandal’kan hatte begeistern lassen, schien Yerim geradezu umsichtig zu sein.
„Einen Trumpf,“ wiederholte er. „Ja, so könnte man es nennen.“
Einmal mehr verfluchte sich Vulun, dass er ausgerechnet auf die Hilfe Aven’kans angewiesen war. Wie sollte er Yerim von der Aussicht auf den Sieg überzeugen, ohne ihm all zu viel über die Mittel dazu zu verraten? Er nahm einen Schluck Wein, um Zeit zu gewinnen, dann beugte er sich vor.
„Sprechen wir offen miteinander. Wir wissen beide, dass Aven’kan - verzeiht, wenn ich es so brüsk sage - militärisch nicht viel anzubieten hat.“
Zufrieden bemerkte er, wie sich Yerims Miene verhärtete. Dachte ich’s mir doch, dass auch du deinen Stolz hast!
„Dennoch hege ich Hochachtung für Aven’kan und sein Volk, das eine so große Vergangenheit vorzuweisen hat. Nur wegen dieser großen Sympathie für Euer Volk, aus dem auch meine Vorfahren stammen, biete ich Euch einen Handel an, dem ich nicht jedem unterbreiten würde.“ Er machte eine Pause. „In Anbetracht der... Umstände in Aven’kan erwarte ich keine militärische Beteiligung Eurer Provinz. Wenn Euch mein Wort auf den Sieg nicht genügt, muss sich Aven’kan nicht einmal offiziell als Bündnispartner Kayro’kans bekennen - im Falle einer Niederlage steht es damit nicht auf der Seite der Besiegten, im Fall des Sieges aber dennoch auf der Seite der Sieger. Das einzige, das ich mir wünsche, ist gewisse... logistische Unterstützung in meiner Sache.“ Vulun machte eine vage Handbewegung. „Sicherlich habt Ihr in einigen Regionen Verbindungen, zu denen meine Männer derzeit nur schwer Zugang haben. Ich denke an die Kham-Minderheiten in ganz Athalem, besonders aber an Kohn’kan, wo Ihr vor vielen Jahren an der Niederschlagung einer Rebellion beteiligt wart. Mir kam zu Ohren, dass Ihr Euch noch immer regelmäßig dort aufhaltet.“ Vulun nippte an seinem Wein, und fügte beiläufig hinzu: „Wie Ihr wisst, ist auch mein geliebter Neffe Arjuk spurlos verschwunden.“ Er blickte den Ostländer bedeutungsvoll an. „Wer immer ihn mir bringt, wird ewig in meiner Gunst stehen.“
„In diesen Fragen können wir Euch sicherlich behilflich sein,“ bestätigte Yerim. „Nun frage ich mich jedoch noch: Lohnt es sich, Euch gegen Gandal’kan zu verhelfen? Was können wir uns davon erhoffen?“
Vulun versuchte zu lächeln, doch innerlich war er höchst wachsam. „Ich bin sicher, dass ich einige Eurer Wünsche erfüllen kann,“ antwortete er eilig. „Denn mit Wünschen seid Ihr doch sicherlich zu mir gekommen?“
„Ihr wisst, was der innigste Wunsch meiner Provinz ist,“ sagte Yerim langsam. Über die Tafel hinweg blickte er Vulun ins Gesicht. „Die Rückgabe der Kham-Gebiete, die sich Kayro’kan und Gandal’kan einverleibt haben und die Rückgabe aller Mienen, die von Kayro’kan und Gandal’kan geführt werden, obwohl sie sich auf unserem Territorium befinden. Dies ist langfristig unser größtes Ziel.“
Einen Moment lang war Vulun wie vor den Kopf geschlagen angesichts der dreisten Forderung, dann aber schmunzelte er. Er hatte sich in seiner Einschätzung nicht geirrt, dass kein einziger fähiger Mann mehr in Aven’kans Verwaltung saß. Jeder mit nur etwas gesundem Menschenverstand begriff, dass die Rückgabe von Gebieten, die seit Hunderten von Jahren zu Vuluns Provinz gehörten, ausgeschlossen war.
Vulun zwang sich zu einem Lachen. „Sehr amüsant,“ lächelte er. Beinahe gelangweilt zupfte er einige Trauben ab und schob sie sich in den Mund. „Eine solche Forderung mag wohl zuletzt vor hundert Jahren gestellt worden sein. Hat Aven’kan die alten Zankäpfel noch immer nicht vergessen? Für so rückständig hatte ich die Provinz nicht gehalten.“
Zu Vuluns Überraschung lächelte der Ostländer. „Verzeiht, mein Fürst, aber ich bin ein einfacher Mann,“ sagte er beinahe treuselig. „Ich bin stolz darauf, in einem Nomadenzelt geboren worden zu sein. Die unrechtmäßige Aufteilung der Kham-Gebiete, möge sie sich noch so lange etabliert haben, lässt sich nicht mit diesem Stolz in Einklang bringen.“
Vulun lehnte sich zurück. Der störrische Revisionismus Aven’kans brachte ihn in Bedrängnis. „Nun, ich bin sicher, dass Ihr noch weitere Interessen hegt, außer dieser... schwierigen Angelegenheit,“ meinte er. „Vielleicht sollten wir die verbleibenden Detailfragen auf einen anderen Tag verschieben, meint Ihr nicht auch? Lasst uns über angenehmere Dinge sprechen. Ich wollte Euch noch etwas zeigen. Ein interessantes Schmuckstück, das ich kürzlich in meinem Familienbesitz entdeckte.“
Mit einer schnellen Handbewegung zog er sich einen Ring vom Finger und hielt ihn Yerim direkt unter seine Augen.
« Erkennt Ihr das? », fragte er, etwas schärfer als beabsichtigt.
Langsam nahm der Kham den Ring und betrachtete ihn genauer. Vulun runzelte die Stirn. Ihm schien, als zuckte es kurz in Yerims Gesicht, bevor sich seine Miene verschloss.
« Nun, das ist ein Schmuckstück aus Aven'Kan », sagte Yerim lakonisch, während seine Augen über das Rot des Kristalls und die feinen Linien im Kupfer wanderten.
„Zweifellos ja. Habt Ihr schon einmal etwas Vergleichbares gesehen?“
« Nein. Ich glaube kaum. » Gelangweilt reichte Yerim den Ring an Vulun zurück.
Wütend biss Vulun die Kiefer aufeinander. Zu steinern war die Miene des Kham, zu beherrscht.
« Zu schade. » Vulun nahm den Ring zwischen seine Finger und musterte ihn. „Es gibt ein Gegenstück dazu. Seht.“ Er reichte Yerim ein Stück Pergament. „Es ist eine alberne Liebhaberei von mir, aber Sammlungen möchte ich komplett besitzen. Ich hatte gehofft, Ihr könntet mir in dieser Angelegenheit behilflich sein.“
Einen Moment lang betrachtete der Kham ausdruckslos das Pergament, auf dem in feinen Linien ein Ring und ein Amulett abgebildet waren. „Fürst Vulun.“ In Yerims Stimme lag ein seltsamer Unterton. „Ihr befindet Euch im Krieg. Sollten sich Eure Gedanken nicht um andere Dinge drehen als um einen Ring?“
Fasziniert beobachtete Vulun das unstete Flackern, die unterdrückte Verachtung in den dunklen Augen des Ostländers. Dieser Mann hat während den Aufständen Dutzende Adeliger über die Klinge springen lassen, rief er sich in Erinnerung. Er war geradezu angewidert, mit einem solchen Mann verhandeln zu müssen, aber er in diesem Fall war es geschäftlich unumgänglich...
„Es mag nicht so scheinen, aber meine volle Aufmerksamkeit gilt dem Krieg. Das kann ich Euch versichern.“ Vulun lächelte. „Da fällt mir ein - in einem Handel können wir uns vielleicht schon heute einig werden. Eine persönliche Angelegenheit.“ Er machte eine wirkungsvolle Pause. „Mir kam zu Ohren, Ihr seid auf der Suche nach Eurem Sohn, der sich angeblich in Kayro’har aufhalten soll.“
Urplötzlich versteinerte sich die Miene des Ostländers. „Ihr wisst viel über mich, Fürst Vulun,“ sagte er hart. „Aber offenbar noch nicht genug: Auf der Suche bin ich, doch schon lange nicht mehr auf der Suche nach einem Sohn. Ich nehme an, Ihr wollt mir Eure Zusammenarbeit anbieten, um Seyjuk aufzuspüren?“
Vulun unterdrückte ein zufriedenes Schmunzeln. Der Kham verlor offenbar die Beherrschung.
„Nun, Seyjuks Spur endet möglicherweise nicht in Kayro’har,“ fuhr Yerim fort, „sondern in Noato. Könnt Ihr mir auch dort behilflich sein?“
„Noato.“ Vulun hob die Brauen. „Interessant. Da habe ich gute Nachrichten für Euch. Vor wenigen Stunden wurde mir die Botschaft übermittelt, dass Noato eingenommen ist. Eurer Bitte werde ich mit Freuden nachkommen.“
Bedachtsam steckte sich Vulun den Ring wieder an den Finger. „Im Gegenzug möchte ich alles über diesen Ring wissen, was Ihr herausfinden könnt - und über das Gegenstück.“ Er konnte einen süffisanten Unterton nicht ganz unterdrücken, als er mit schmalen Lächeln hinzufügte: „Ich habe mich schon immer sehr für die wunderbare Kunstfertigkeit Eures Volkes interessiert.“


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Beitrag #25 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
Die junge Frau vor ihm zuckte zusammen und fuhr mit aufgerissenen Augen herum. Geriyon lächelte freundlich und hoffte, dass sie dieses Lächeln auch sah. Dann erhob er sich von der kühlen Grabplatte, auf der er mit untereinander geschlagen Beinen gesessen hatte und hob die Hand zum Gruß.
Ein kühler Luftzug strich über die Gräber und bauschte seinen langen, dunkeln Reisemantel, der vorne aber von einem ledernen Gürtel zusammen gehalten wurde. Es war ihm zweckmäßig erschienen, hier nicht in der Robe eines schwarzen Magiers aufzutreten, denen man meistens nicht viel Vertrauen entgegenbrachte. Zurecht, wie Geriyon fand. Allerdings hätte er sich wohl besser für etwas helleres entscheiden sollen, wenn er den Gesichtsausdruck der Ungeformten richtig deutete. Er schüttelte die Kapuze vom Kopf und entschied, das Lächeln einzustellen, es mochte an einem Ort wie diesem etwas grotesk erscheinen.
„Seid gegrüßt!“ sagte er freundlich und strich sich widerspenstiges Haar aus dem Gesicht. „Mein Name ist Geriyon, Geriyon Raven. Silberschwinge kennt Ihr ja schon!“ Der Rabe erhob sich vom Grabstein und setzte sich flatternd auf die Schulter des jungen Magiers, der in eine Tasche seines Mantel griff und ihm einige Brotkrumen hinhielt.
„Und wie ist euer Name, wenn ich fragen darf?“
„Äh … Kara. Meine Name ist Kara.“, kam die zögerliche Antwort, während die junge Frau ihn misstrauisch musterte. „Seid ihr auch ein Magier?“ Vorsichtig trat sie etwas näher. „Ich hatte in letzter Zeit einige … seltsame Begegnungen mit Magiern.“
Geriyon hob seine Augenbrauen. „Wirklich? Nun, dann wird es wohl Zeit, dass Ihr eine etwas weniger seltsame Begegnung habt.“
Belustigt sah die Ungeformte sich um. „Auf dem Friedhof in Gesellschaft eines sprechenden Vogels – ich sehe schon, was ihr meint“
Er hob die Schultern. „Nun ja, es ist ziemlich zweckmäßig.“ Kurz warf Geriyon einen Blick zum Eingang des Platzes, dann ergriff er Kara am Arm und zog sie mit sich tiefer zwischen die alten Gräber. „Ich hoffe das Euer Freund uns hier nicht aufspüren kann.“
Sein Gegenüber schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ach, mein sogenannter Freund sollte wohl eher ‚selbsternannter Beschützer’ heißen. Wenn ich noch länger in einem Keller verbracht hätte, dann hätte ich wohl Schimmel angesetzt.“ Sie schloss die Augen und seufzte. „Sagt, könnt Ihr mir wirklich helfen? Könnt ihr mir sagen, was passiert ist?“, fragte sie schließlich unsicher.
„Das hoffe ich doch.“ Nachdenklich betrachtete er ihre Gestalt, die sich nur schwach im Mondlicht abzeichnete. Wenn man von ihrem abgerissenen Äußeren absah, wirkte sie völlig normal. Nichts wies auf die Gabe hin, die tief in ihr schlummerte. Am liebsten würde er ihre Aura hier und jetzt lesen, doch das konnte sich auf der geweihten Erde des Friedhofes als schwierig erweisen. Außerdem hatten sie nicht ewig Zeit.
Schweigend ließen die beiden sich auf einer der Grabplatten nieder. Außer dem gelegentlichen Zirpen einer Grille durchbracht nichts die schwere Stille, die über diesem Ort lag. Abwesend lehnte sich die junge Frau zurück, dann holte sie tief Luft.
„Ich kann mich an nichts erinnern, das früher als vor zwei Tagen geschehen ist. Ich hatte einen Unfall am Marktplatz und weiß nicht was passiert ist, und vor allem nicht warum. Die halbe Stadt ist auf der Suche nach mir, und die Schwarzmagier beschuldigen mich, dass ich unerlaubt Magie angewendet habe.“ Zornig funkelte sie ihn an. „Ich habe keine Ahnung, was ich getan habe!“
Beschwichtigend hob Geriyon die Händen. Sie musste ziemlich durcheinander sein, nach allem, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte. Viele Bürger Athalems bekamen Magie niemals zu Gesicht, außer man hielt die Tinkturen verschrobener Kräuterweiber dafür. Er runzelte die Stirn.
„Du konntest mit Silberschwinge sprechen, oder?“ Sie nickte und blickte Geriyon erwartungsvoll an.
„Nun, wie war es in deiner Kindheit? Hast du da schon mit Vögeln gesprochen?“ Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die Gabe sich nicht geäußert haben sollte … aber in dieser Form wäre sie jedenfalls nicht besonders auffällig gewesen. Vielleicht -
„Ich sagte doch ich kann mich an nichts erinnern!“
„Ja stimmt, das erwähntet Ihr. Verzeiht …“ Geriyons Gedanken begannen um den Vorfall auf den Marktplatz zu kreisen.
„Hm …, ein Gedächtnisschwund könnte von der besonderen Stresssituation durchaus ausgelöst worden sein, in der Euer Geist in dem Moment gestanden haben muss. Wenn man von einer arkanen Rückkopplung ausgeht - schließlich ist das Trägermedium für Magie nun mal der menschliche Geist – dann könnte sich eine etwaige Beherrschungsmatrix in der Eruption natürlich -“
Sie unterbrach seinen Gedankenstrom mit einer energischen Handbewegung und er schob etwas verärgert die Augenbrauen zusammen.
„Aber was soll das gewesen sein, diese Situation, die mein Gedächtnis ausgelöscht hat?“
Geriyon hob die Schultern.
„Nun, wie du vielleicht schon weißt, hattest du auf dem Markt einen Unfall. Einen Unfall der den halben Platz in die Luft gejagt hat.“ Das war vielleicht etwas drastisch formuliert, aber er hielt es für sinnvoller, sie direkt mit der Wahrheit zu konfrontieren. Sie würde die Ungeformte sicher empfänglicher für seine Vorschläge machen.
„Was … was genau ist passiert?“ Ihre Stimme zitterte etwas.
„Ich denke dafür muss ich etwas weiter ausholen.“ Geriyon gab Silberschwinge mit einer Kopfbewegung zu verstehen, zum Eingang zu fliegen. Eine unliebsame Überraschung konnte er sich jetzt nicht leisten.
Dann wandte er sich wieder an Kara. „Unter tausend Menschen gibt es vielleicht einen, der mit einer besonderen Gabe geboren wird.“ Wie immer, wenn er sich das wieder vor Augen führte, ließ so etwas wie Stolz seine Brust anschwellen. Ja, auch Geriyon, ein einfacher Bauernjunge ohne Hoffnung darauf, jemals aus dem engen Heimatdorf fort zu kommen, zu entkommen, hatte diese Gabe, war etwas besonderes. Hatte doch eine Zukunft.
„Diese Gabe wird, meistens, in jungen Jahren entdeckt und gefördert sowie geschult. Wenn das allerdings nicht geschieht, dann kann es sein, dass sie sich irgendwann gewaltsam Bahn bricht.“ Kurz hielt der junge Magier inne, doch Kara schwieg nur, den Kopf etwas schräg gelegt und lauschte gebannt. „Diese Gabe nennt man den arkanen Funken – oder auch einfach: Magie.“
Kara schien kurz nachzudenken.
„Und das – diesen Funken – den habe ich?“ So beugte sich näher zu ihm hin, als wollte sie nur ja kein Wort verpassen. „Ja. Ihr seid eine Ungeformte. Eine Halbmagierin. Und dieser Funken ist aus Euch herausgebrochen. Durch irgendetwas ausgelöst. Was genau müssen wir noch heraus finden.“ Der junge Magier erhob sich. „Jedenfalls ist es gefährlich Euch jetzt im Unwissen zu lassen, Ihr müsst geschult werden, sonst könnte es Euch irgendwann einfach zerreißen.“
Und die Menschen in ihrer Umgebung mit ihr.
„Und deshalb bin ich hier!“ Kurz fragte Geriyon sich, ob das vielleicht etwas zu dick aufgetragen war, aber Kara schwieg nur. Ob nachdenklich, oder sprachlos, konnte er nicht sagen.
„Habe ich jemanden verletzt?“, fragte sie schließlich besorgt.
„Naja, nicht besonders schwer“
Schockiert blickte sie ihn an. „Kann so etwas noch einmal passieren?“
Geriyon nickte langsam. „Wie ich Euch gerade erklärt habe, kann der Funken, vor allem jetzt, wo er erst einmal geweckt wurde, immer wieder hervor brechen. Ihr müsst geschult werden.“
Verzweifelt zog die Ungeformte die Knie an und stützte sich darauf. „Und … wo? Die Magier sind auf der Suche nach mir und wollen mich verurteilen!“
Perfekt! Er hatte sie genau da, wo er sie haben wollte. Es lief deutlich besser, als er erwartet hatte.
„Die schwarzen Magier sind auf der Suche nach dir! Nicht die grauen.“
Er ließ sich wieder neben sie auf die Grabplatte sinken und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter.
„Und Ihr seid einer von welchen?“
Entsetzt blickte Geriyon an seinem dunkeln Gewand herab. „Sehe ich etwas aus wie ein schwarzer?“
„Wir treffen uns auf einem Friedhof.“
„Ja?“
Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. „Na ja, woher soll ich wissen, was für eine Gesinnung Ihr habt?“
Etwas verwirrt mustere Geriyon sie. „Nun … hm … Jedenfalls … bin ich kein schwarzer Magier, sonder einer der grauen Gilde.“
Sie hob die Schultern. „Gut. Und was soll ich jetzt tun?“
Geriyon entspannte sich. Sie kamen wieder auf sicheres Terrain. „Das ist natürlich allein Eure Entscheidung. Ihr könntet versuchen Euch alleine durch zuschlagen, um an der nächsten Straßenecke von den Häschern der Schwarzen erwischt zu werden, oder Ihr vertraut mir.“
„Das klingt nicht so, als hätte ich eine Wahl“, seufzte sie und verdrehte die Augen.
„Man hat immer eine Wahl.“ Geriyon lächelte fröhlich. „Ob die Alternativen sinnvoll sind, ist eine andere Frage.“ Abwartend verschränkte er die Arme. Sie kamen in die entscheidende Phase.
„Wohin führt mich denn Eure Alternative, wenn ich fragen darf? Hoffentlich nicht in einen muffigen Keller.“
Innerlich jubelte Geriyon. „Ich nehme an ihr wollt nicht zurück zu eurem ‚Beschützer’? Es wäre interessant etwas mehr über ihn zu erfahren, aber darum können wir uns kümmern, wenn wir Euch in Sicherheit gebracht haben. Wo glaubt Ihr wird man euch in einer Stadt, in der alle Magier nach euch suchen, am wenigsten vermuten?“ Kara zog eine Augenbraue hoch.

***

Die engen Gassen der Stadt lagen im düsteren Schatten der Häuser ringsum. Nur gelegentlich wurden sie vom schwachen Licht des Mondes etwas erhellt. Viel zu laut schallten ihre Schritte über das Kopfsteinpflaster, während Geriyon und seine Begleiterin durch die Nacht eilten.
„Ernsthaft? Ihr wollt mich in die Magierakademie bringen?“, fragte Kara ungläubig. Er spürte ihren zweifelnden Blick in seinem Rücken.
„Dort wird Euch niemand vermuten, weder die Schwarzen, noch dieser Dende!“ Dende … dieser Name klang seltsam vertraut, rührte an irgendeiner Erinnerung tief in seinem Unterbewusstsein. Woher kannte er nur diesen Namen? Kopfschüttelnd schob er den Gedanken bei Seite, er hat jetzt wichtigeres zu tun.
„Der Plan ist einfach perfekt!“ Geriyon hätte sich am liebsten selbst auf die Schulter geklopft.
„Ja, und wenn mich jemand erkennt, was dann? Diesen Teil finde ich noch nicht so perfekt.“ Er verdrehte die Augen. Warum musste sie nur so skeptisch sein? Andererseits ging es ja um ihr Leben … schlagartig wurde Geriyon bewusst, dass er nun die Verantwortung für ihre Sicherheit übernommen hatte. Eine schwere Last hatte er sich da aufgebürdet. Aber er wusste, dass er Kara beschützen konnte.
„Dafür werden wir gewiss eine Lösung finden. Immerhin liegt dort das geballte Wissen einer Akademie der Magie direkt in unserer Reichweite. Wir müssen es uns nur holen!“ Es wurde sowieso langsam Zeit, sich die Katakomben der Schwarzen etwas näher an zusehen. „Außerdem meint Silberschwinge, dass sich Eure Verkleidungskünste durchaus sehen lassen können.“ Der junge Magier konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dann warf er einen prüfenden Blick zum Himmel. Viel Zeit hatten sie nicht mehr. Er legte noch einmal einen Schritt zu.
„Meine Verkleidungskünste? Nun ja, wenn einige Lumpen und etwas Asche ausreichen um Magier zu täuschen, dann muss ich mir wirklich keine Sorgen machen.“ Geriyon konnte Kara hinter sich immer schwerer atmen hören. Unwillkürlich fragte er sich, wann sie wohl zum letzten Mal etwas vernünftiges zu Essen bekommen hatte.
„Aber wozu bringt Ihr mich überhaupt auf die Akademie? Ich glaube nicht, dass ich mich so gut verkleiden kann, dass ich einfach am Unterricht teilnehmen kann.“
Der junge Magier schüttelte den Kopf. „Ich hatte auch nicht vor, mich ausschließlich auf weltliche Kostümierungen zu verlassen. Ihr seid dort vorerst sicher und ihr werdet euch bald frei bewegen können. Und etwas beibringen kann ich euch auch!“
„Oh, na dann.“
Irgendwie war sie verdammt dickköpfig. Aber andererseits war er froh –
Etwas streifte seine Wahrnehmung. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl, vielleicht durch ein leises Geräusch ausgelöst, vielleicht durch ein huschenden Schatten. Schlagartig blieb Geriyon stehen und wirbelte herum. Die überraschte Kara lief fast gegen ihn.
„Irgendetwas stimmt nicht.“, murmelte er. Verwundert sah Kara an ihn an.
„Was ist?“
Der junge Magier versuchte die Dunkelheit hinter ihnen zu durchdringen. Irgendetwas war falsch, jemand war in der Nähe. Auch Silberschwinge fühlte es, der Rabe bewegte sich unruhig auf Geriyons Schulter und plusterte das Gefieder. „Kann er uns so schnell gefunden haben?“ Doch selbst wenn, so einfach würde er die Ungeformte nicht zurück bekommen. Kara hatte sich gegen Dende entschieden und Geriyon würde dafür sorgen, dass sie dieser Entscheidung auch folgen konnte.
„Schnell, Ihr müsst weiter! Silberschwinge wird euch führen“ Sie waren schon so nah an der Akademie … wie ärgerlich! Eilig zog der Magier eine zusammengelegte Robe aus einer der weiten Taschen seines Mantels.
„Hier, zieht das an, wenn Ihr in die Nähe der Türme kommt“
Zögerlich nahm Kara das Kleidungsstück entgegen.
„Aber-“
Mit einen Kopfschütteln unterbrach er sie. „Jetzt ist keine Zeit für Diskussionen, oder wollt Ihr wieder in muffigen Kellern landen?“
Kara schwieg verdattert und folgte dem zu Boden geflatterten Raben, der voraus hüpfte.
Gut, sie war erst einmal aus der Gefahrenzone. Und jetzt würde er nachprüfen, was hier vor sich ging. Er hatte durchaus Mittel und Wege, um zu einem ernstzunehmenden Hindernis zu werden. Der junge Magier langte nach dem Siegel, das sein rechtes Auge bedeckte, um es hoch zu schieben – und erstarrte Mitten in der Bewegung. Plötzlich fühlte er kalten Stahl an seiner Kehle. „Keine Bewegung, Meir“, knurrte es unangenehm nah an seinem rechten Ohr. Jemand hatten seinen toten Winkel ausgenutzt. Er war zu langsam gewesen. Aber er hatte sein Auge doch nicht vor Kara enthüllen können!
„Ist er das?“, tönte es neben ihm.
„Hm … Magierkluft, bandagiertes Auge. Wer soll es sonst sein?“ Eine Gestalt schälte sich vor ihm aus den Schatten. „Verzeihung, seid ihr zufällig ein Hellseher?“ Geriyon schwieg nur und funkelte seinen Gegenüber an. Konnte es sein, dass die beiden gar nicht hinter Kara, sondern hinter ihm her waren? Er konzentrierte sich und leitete Macht in sein linkes Auge. Augenblicklich wurde alle Konturen schärfer und er nahm die Aura des Sprechers als Abglanz wahr. Ohne sein arkanes Auge, kostete es ihn weit mehr Konzentration, den Hellsichtzauber aufrecht zu erhalten. Aber wehrlos war er jedenfalls nicht.
„Schweigen ist auch eine Antwort, oder?“ Seine geschärften Sinne verrieten Geriyon, dass er es mit einem Ostländer zu tun hatte. Die bronzefarbene Haut und das feine, pechschwarze Haar, waren auffällig genug. Der Mann zu seiner linken, der ihm immer noch eine leicht gekrümmte Klinge an den Hals hielt, befand sich leider auch weiterhin in seinem toten Winkel, aber er konnte ihn ruhig atmen hören.
„Ich darf euch besondere Grüße von Yerim, dem Botschafter Aven’kans ausrichten.“ Der Ostländer begann in einer ledernen Umhängetasche zu kramen, die halb von seinem Umhang verborgen wurde. Währenddessen rasten Geriyons Gedanken. Zunächst würde er dem Kerl an seiner Seite Herr werden müssen. Aber bewegen konnte er sich dabei nicht. Eine Illusion vielleicht? Er konnte den beiden vorgaukeln, plötzlich doppelt da zu sein, oder sich in ihren Augen in ein Raubtier verwandeln. Für derartige Manipulationen war der menschliche Geist sehr empfänglich, er musste nur - in diesem Augenblick zog sein Gegenüber eine versiegelte Schriftrolle aus seiner Tasche und hielt sie ihm hin.
Überrascht sah Geriyon auf das zusammen gerollte Schriftstück hinab. „Lest schon!“ Etwas Druck der Klinge bekräftigten den Befehl von der Seite. Vorsichtig griff Geriyon nach der Schriftrolle und rollte sie auseinander.
„Worauf wartet ihr? Wir sollen Eure Antwort direkt zurück bringen“
Immer noch perplex blickte er auf die flache Handschrift hinab. Kaum mehr als eine kurze Notiz.

Seid gegrüßt,
Ich erwarte Euch morgen im Verlaufe des Tages in meinem Anwese. Sollet Ihr nicht erscheinen, erfährt die Akademie von Eurer Zugehörigkeit zur grauen Gilde.
Yerim


Geriyons Gesichtszüge entgleisten. Es war wie ein Schlag in die Magengrube. Vielleicht hätte er sich wirklich zusammen gekrümmt, wenn das Messer vor seiner Kehle nicht gewesen wäre. Wie konnte das nur sein? Wer hatte das heraus finden können? Er hatte doch nicht den geringsten Fehler gemacht, oder doch? Angst schwappte über ihm zusammen wie dunkle Wogen und schnürte ihm die Luft ab. Er musste erst mal Ruhe bewaren. Ruhe bewaren! Seine Hände begannen unmerklich zu zittern. Wenn das rauskam, würde die graue Gilde sich von ihm abwenden müssen, um andere Operationen zu decken, er wäre ein Einzeltäter und stände unter Gerichtsbarkeit der schwarzen Gilde. Und Geriyon konnte sich weit schlimmeres vorstellen als den Tod …
„Nun was ist? Was dürfen wir Yerim ausrichten?“
Geriyons Herz hämmerte wie wild gegen seinen Brustkorb. Er war so stolz gewesen, als man ihm diese anspruchsvolle Aufgabe übertrug, er hatte gedacht, er könnte es jetzt allen beweisen. Aber er hatte auf ganzer Linie versagt. Er konnte schon ihre Stimmen hören, ihr Gelächter. Er war eben doch nur ein Bauer. Geboren um Untertan zu sein, um – Nein! Geriyon atmete tief durch und versuchte Ruhe in seine Gedanken zu bringen. Panik nützte ihm jetzt überhaupt nichts.
„Bleibt mir etwas anderes übrig?“, knurrte er schließlich. „Richtet eurem Herrn aus, dass ich kommen werde“ Seine Stimme klang ruhig und beherrscht, doch innerlich war er immer noch völlig aufgewühlt. Noch war nichts verloren. Bestechung war schon immer ein adäquates Mittel der grauen Gilde gewesen.
„Sehr gut! Es wird Yerim freuen, das zu hören.“ Der Ostländer gab dem anderen einen Wink mit dem Kopf und dieser verabschiedete sich durch einem weiteren Druck mit der Klinge, bevor beide in der Finsternis der Gassen verschwanden.
Geriyon ging in die Knie und begann schwer zu atmen. Seine erste Operation und direkt solch eine Bewährungsprobe! Doch Geriyon drängte die Angst immer weiter zurück, ersetzte sie durch rationale Überlegungen. Nur in seiner Magengegend blieb ein flaues Gefühl zurück. Schließlich richtete sich der junge Magier auf und sah auf seine Hände. Als letzter Ausweg blieb immer noch, diesen Yerim zu töten. Sein Blick wurde hart. Aber dann schüttelte er den Kopf und entspannte sich wieder. Soweit war es noch lange nicht. Kurz verharrte er noch nachdenklich, dann wandte er sich um und eilte, immer schneller werdend, Kara und Silberschwinge hinterher. Zuerst musste er sich dieser Aufgabe widmen, musste Kara sicher in die Akademie bringen. Und morgen würde er sich mit Yerim auseinander setzen.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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Beitrag #26 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
Als sie vor dem großen, dunklen Tor der Akademie standen wurde das mulmige Gefühl in Karas Magengegend noch einmal stärker. Bei jedem Schritt, den sie dem riesigen Gebäude mit seinen Zinnen und Türmen näher gekommen waren, hatte sie mehr und mehr an dem Entschluss gezweifelt sich in die Höhle des Löwen zu wagen – in den Hort der Schwarzmagier. Und nun stand sie mit ihrem Begleiter, in dessen Robe sie gehüllt war, vor dem Eingang, Silberschwinge auf der rechten Schulter. Wenn Kara nach oben blickte, konnte sie das Mondlicht schwach auf den Kuppeln der Türme glänzen sehen.
Geriyon deutete wortlos auf eine kleine Pforte neben dem Tor und lächelte aufmunternd.

Während er sie durch dunkle Gänge und auf überdachten Wegen im Innenhof durch das ehrfurchtgebietende alte Gemäuer führte, blickte Kara immer wieder staunend auf die gewaltigen goldenen Türme, sobald sich der Blick darauf bot.
Ein unheimlicher Schauer lief ihr über den Rücken und sie hatte das unangenehme Gefühl von irgendwo beobachtet zu werden. Bei dem Gedanken an das, was die Schwarzmagier mit ihr wohl anstellen würden, wenn sie erkannt wurde, übertraf sich ihre Fantasie minütlich selbst, und schön langsam schien ihr ein muffiger Keller nicht mehr sehr unbequem zu sein.
Kara folgte Geriyon gedankenverloren und bemerkte kaum die Statuen und Büsten von finster blickenden Magiern, die die Gänge schmückten. Erst als sie fast in einen steinernen Mann mit Rauschebart gelaufen wäre, riss sie sich von den unangenehmen Vorstellungen los, und folgte Geriyon, der eine Tür zu ihrer Linken aufhielt.
Sie waren in einem spärlich erleuchteten Gang angekommen, der auf beiden Seiten von Türen gesäumt war. Schweigend schloss er eine von ihnen auf, öffnete sie lautlos, deutete Kara rasch hineinzugehen, und sah sich gründlich auf dem Gang um, bevor er ebenfalls eintrat.
Kara musterte den spärlich ausgestatteten Raum, während Geriyon sorgsam die Tür verschloss.
"Willkommen in meinem bescheidenen Heim", sagte er und machte sich daran eine Kerze anzuzünden, während Kara sein Zimmer begutachtete.
„Wohnt Ihr schon lange hier?“
Er schüttelte den Kopf.
"Ich bin erst vor wenigen Tagen angekommen"
„Und schon einen unerlaubten Besucher ins Zimmer schmuggeln…“, meinte Kara scherzhaft und ließ sich auf den Stuhl fallen, der am Schreibtisch beim Fenster stand.
"Ich war schon immer sehr rebellisch", erklärte er, machte ein paar Schritte und blieb dann unschlüssig stehen.
Einen kurzen Moment lang machte sich eine unangenehme Stille breit.
„Ich denke heute können wir nichts mehr erreichen, Ihr werdet den morgigen Tag wohl hier verbringen müssen ... aber morgen Abend kümmern wir uns dann um eine vernünftige Verkleidung."
„Nun ja, wenigstens bin ich nicht mehr in einem Keller eingesperrt, sondern in einem Zimmer“, murmelte Kara resigniert.
"Ihr seid nicht eingesperrt, Ihr könnt, das Zimmer jederzeit verlassen. Es ist nur nicht unbedingt ratsam", entgegnete er diplomatisch.
Kara seufzte und runzelte die Stirn.
„Kommt auf das Selbe hinaus.“
Erneut wurde es unangenehm still.
„Wir werden uns doch wohl nicht ein Bett teilen müssen, oder?“, fragte sie skeptisch mit einem Blick auf das immer gemütlicher aussehende Bett, und rieb sich die Augen.
"Nein natürlich nicht", antwortete er rasch mit einem betretenen Blick und ihr kam es so vor als ob er etwas rot würde.
„Ihr dürft natürlich im Bett schlafen ...“
"Fein, danke." Kara grinste zufrieden und machte sich daran ihre verdreckten Stiefel auszuziehen. "Ich bin seit ich mich erinnern kann nicht in einem Bett gelegen."
"Machs dir bequem", meinte Geriyon und ließ sich lächelnd im Schneidersitz auf dem Boden nieder.
"Du auch", lachte sie und als ihr Blick auf sein verhülltes Auge fiel zögerte sie einen Moment lang, bevor sie fragte: „Was ist mit deinem Auge?"
Verwirrt schaute er sie an und tastete nach seinem linken, normalen Auge.
"Was soll mit meinem Auge sein?"
„Ähm ich meinte das andere…“, murmelte Kara leicht verlegen.
"Oh. Nun ... Ich hatte einen Unfall. Magie ist eine gefährliche Angelegenheit“, erzählte er zurückhaltend.
„Oh ja, das habe ich auch schon gelernt… wie ist das passiert?“
"Ich denke die langweiligen Details erspare ich dir lieber", erwiderte er harsch und wirkte auf einmal viel verschlossener als noch wenige Minuten zuvor.
Kara entschied sich dazu nicht weiter nachzufragen, die Aufforderung dazu war deutlich genug angekommen.
"Gute Nacht...", murmelte sie verlegen, und versuchte es sich in dem fremden Bett gemütlich zu machen.
"Schlaf gut!", erklang seine unsichere Antwort. Dann blies er die Kerze aus und es wurde schlagartig dunkel.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #27 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
„Und?“
Yerim schmunzelte, als Andamir mit erwartungsvollem Blick aufsprang.
„Nun ja...“ Yerim streckte sich und lockerte seine verkrampften Schultern, bevor er sich in einen Sessel fallen ließ. „Ich habe keine Ahnung, was hinter der Stirn dieses Mannes vorgeht, aber es kann nicht all zu schlecht gelaufen sein.“
„Hast du meinen Rat befolgt?“
Yerim grinste. „Das habe ich. Du hättest sehen sollen, wie Vulun in all seinem Glanz die Kinnlade herunterfiel, als ich die umstrittenen Gebiete am Caral zurück forderte.“
Bei der Vorstellung brachen die beiden in schallendes Gelächter aus. Im Stillen aber rief sich Yerim zur Zurückhaltung auf. Es war klüger, dem Jungen nicht all zu viel Lob auszusprechen und ihm damit zu zeigen, wie wichtig er war. Ob er sich bewusst war, dass er, ein dahergelaufener Meir, innerhalb von drei Stunden all das umgekrempelt hatte, was viele Männer in Aven’har mühsam ausdiskutiert hatten?
„Jetzt hast du eine Menge Spielraum, um dich auf realistische Anliegen herunter handeln zu lassen,“ stellte Andamir zufrieden fest. „Vulun wird sich noch für einen glücklichen Mann halten, dir andere Anliegen zu erfüllen, wenn du nur aufhörst von den Feldern am Caral zu sprechen. Allerdings darfst du nicht übertreiben, sonst platzen womöglich noch die ganzen Verhandlungen. Fragt sich dabei nur, wie wichtig Vulun die Verbindung mit Aven’kan wirklich ist. Hat er etwas durchblicken lassen?“
Yerim blickte zur Seite. Dies war ein Punkt, der ihm Rätsel aufgab. Vulun schien ein überwältigendes Interesse an dieser Ringgeschichte zu haben - so groß, dass er ihm sogar ein geheimes Bündnis ohne militärische Beteiligung Aven’kans anbot...
„Nein, nicht wirklich,“ antwortete Yerim. Andamir brauchte nicht alles zu wissen, schon gar nicht, in welchen Ausmaßen Vulun seine Vorherrschaft auszudehnen gedachte. „Nun ja, er sprach wieder von der Suche nach Arjuk, aber um den zu finden ist er ja nicht auf Aven’kan angewiesen.“
„Arjuk.“ Andamir schüttelte den Kopf. „Möchte wissen, was Vulun mit ihm vorhat.“
„Vulun liebt seinen Neffen,“ antwortete Yerim. „Ist das so verwunderlich? Immerhin ist Arjuk das einzige Kind von Vuluns Schwester, die vor drei Jahren starb.“
„Zwei.“
„Was?“ Yerim merkte auf.
„Sie starb vor zwei Jahren. Und sie hätte diesen Krieg niemals gebilligt.“
Yerim zog die Brauen hoch. Auf Andamirs Gesicht spiegelten sich aufgewühlte Gefühle. Wieder einmal rief er sich in Erinnerung, dass der Junge der Fürstenfamilie im Herzen immer noch in Loyalität verbunden war.
„Und Arjuk?“, fragte Yerim, einer plötzlichen Eingebung folgend. „Wie ist er so?“
Urplötzlich verschloss sich das Gesicht des Jungen. Er zögerte einen Moment, dann zuckte er desinteressiert die Schultern. „Stolziert herum und spielt sich als jemand besseres auf, dabei hat er von nichts eine Ahnung. Ich gehe jede Wette ein, dass ich sogar ich ihn in Grund und Boden diskutieren könnte... Aber jetzt ist er ja wohl auch tot...“
Yerim erriet, dass die beiden jungen Männer nicht gerade Sympathie verbunden hatte. Unwillkürlich fragte er sich, ob zwischen ihnen etwas Bestimmtes vorgefallen war.
„Vulun ist felsenfest davon überzeugt, dass sein Neffe lebt“ gab Yerim zu bedenken. „Wohin, glaubst du, würde Arjuk fliehen? Nach Gandal’har?“
Andamir schwieg. Als er Yerim anblickte, lag ein undeutbarer Ausdruck in seinen Augen. „Hör mal zu, Yerim,“ sagte der Junge düster, „es ist Verrat genug, dass ich überhaupt hier bin. Solange ich damit für Aven’kan arbeite, kann ich das noch irgendwie vor mir rechtfertigen, aber lass mich um Himmels Willen nicht gegen Nomae’kan arbeiten!“
Er schien zu bereuen, bereits so viel Preis gegeben zu haben. Erst jetzt wurde Yerim klar, dass sich Andamir die ganze Zeit über bemüht hatte, den politischen Graben zwischen ihnen nicht aufbrechen zu lassen. Für einen kurzen Moment fühlte er sich beinahe schäbig, den Jungen auszunutzen.
„Obwohl du den Prinzen nicht leiden kannst, willst du ihm nicht schaden,“ stellte Yerim fest. „Du beweist, dass du Anstand im Leibe hast. Ich werde dich nicht mehr zu ihm befragen.“ Schon einen Augenblick später war ihm bereits klar, dass er dieses Versprechen nur schwerlich würde halten können. Vieles, was Aven’kan nutzte, konnte Nomae’kan nur schaden - dieser Graben ließ sich nicht umgehen.
Beim Gedanken an die Provinz fiel Yerim plötzlich ein, dass der Junge noch gar nichts vom Fall Noatos wusste. Einen Moment lang überlegte er, wie er ihm die Nachricht übermitteln sollte, entschloss sich dann aber, zu schweigen. Andamir würde es noch früh genug erfahren - bis dahin brauchte Yerim den Jungen bei voller Kraft.
„Ich habe noch eine Aufgabe für dich,“ wechselte er das Thema. „Du bist doch unser großer Pinselschwinger. Kannst du diese Zeichnungen kopieren, so exakt wie nur möglich?“
Er reichte Andamir zwei Pergamente - und stutzte. Der Junge war blass geworden. Leichenblass...
Gespannt beobachtete Yerim, wie Andamir die beiden Papiere musterte, auf die die Skizzen zweier Schmuckstücke gebannt waren: ein Ring und ein Medaillon.
Schließlich zuckte Andamir die Schultern. „Klar kann ich das,“ sagte er vage.
Yerim war sich sicher, dass der Junge etwas Wichtiges verbarg, doch er schwieg. Wenn Vanderkeyn ihm nicht einen Bären aufgebunden hatte, würde die Wahrheit schon bald an’s Licht kommen - und das nicht nur in dieser Frage...

Arjuk rieb sich die Augen. Er hatte schon zu lange auf das Pergament gestarrt. Unwillig bemerkte er, dass seine Finger, die den Kohlestift hielten, zitterten. Das Gespräch mit Yerim hatte Arjuk nur all zu klar gezeigt, auf welchem schmalen Grat er wanderte - ein schmaler Grat zum Verrat. Und nun tauchte auch noch dieses Papier auf - ein Papier, das Arjuk nur all zu gut kannte...
„Na, wie geht es unserem Schöngeist.“ Kin blickte ihm über die Schulter. „Dein Pech, dass Athalem nicht mit dem Pinsel regiert wird, sonst könntest du es sicher weit bringen.“
„Du hast doch nicht etwa gerade versucht, ein Kompliment zu machen,“ brummte Arjuk.
Kin lachte. „Wo denkst du hin! Dazu müsstest du noch etwas schneller werden. Du bist ja kaum vorangekommen.“
Tatsächlich war der Ring, den Arjuk schon seit einer Stunde halbherzig abzuzeichnen versuchte, erst in Grundzügen zu erkennen, doch Arjuk hätte sich eher die Zunge abgebissen, als dem gleichaltrigen Diener Recht zu geben. Stattdessen legte er nun den Stift beiseite und fuhr sich erschöpft über das Gesicht.
„Ich kann nicht mehr. Gute Nacht.“
Er erhob sich, doch Kin protestierte: „Moment! Yerim will die Kopie!“
„So dringend kann es nicht sein,“ sagte Arjuk spitz. „Schließlich wird Athalem nicht mit dem Pinsel regiert, nicht wahr?“
„Schon gut.“ Die beiden blickten auf, als Yerims Stimme ertönte. Er war unbemerkt in die Tür getreten. „Es ist tatsächlich schon spät. Denkst du, du kannst morgen damit fertig werden? Ich muss die Papiere zurück bringen.“
Erst im allerletzten Moment schluckte Arjuk die Frage hinunter, ob das Papier von dem seltsamen Besuch gestern stammte. Unwillig biss er sich auf die Lippe. Er durfte jetzt nicht unvorsichtig werden. Gerade jetzt nicht...
Arjuk nahm einen tiefen Atemzug. „Wem zurückbringen?“, fragte er.
„Einem leidenschaftlichen Sammler,“ brummte Yerim missmutig. „Der sich an diesem Plunder erfreut, während er mitten im Krieg steckt und...“
Vulun?!
Irritiert blickte Yerim auf. Er bemaß Arjuk, dessen Stimme sich beinahe überschlagen hätte, mit einem prüfenden Blick. „Ja, Vulun,“ bestätigte er. „Wieso?“
Yerims fragendes Gesicht verschwamm. Schwindel erfasste Arjuk, einen Moment lang schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete und sich der misstrauischen Blicke seiner Gegenüber gewahr wurde, riss er sich zusammen.
„Über so etwas spricht er also in seinem eleganten Palast,“ murmelte er schwach. „Als gäbe es nichts Wichtigeres zu tun. Das Schicksal tausender Menschen in Nomae’kan ist ihm gleichgültig, aber dieses nette Anhängerchen ist ihm eine Audienz wert...“ Erleichtert bemerkte Arjuk, dass seine Abscheu wohl überzeugend wirken würde, denn er war ehrlich empört.
„Hm, sie sehen vollkommen unterschiedlich aus,“ stellte Kin fest, der die beiden Zeichnungen musterte: Ein Medaillon und ein Ring. Tatsächlich war der Ring als eine übergenaue Studie in feinen, exakten Linien auf das Papier gebannt. Das Amulett dagegen war auf einer Handfläche liegend abgebildet. Die Hälfte war im Halbschatten nur schemenhaft zu erkennen; die Verzierungen schlängelten sich über die Einfassung wie lebendige Wesen, geheimnisvoll glänzte der Stein.
„Es sind zwei verschiedene Zeichner,“ antwortete Arjuk geistesabwesend.
„Ein guter und ein schlechter,“ ergänzte Kin schmunzelnd.
„Ein gelehrsamer und ein eigenwilliger...,“ brummte Yerim in sich hinein.
„Was?“ Arjuk blickte auf.
„Das hat der Fürst über die beiden Zeichner gesagt,“ erklärte Yerim. Er fuhr sich müde über die Augen. „Mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht. Ich hätte nicht gedacht, dass...“
Arjuk hörte nicht mehr hin. Einen Moment lang schien sein Herzschlag auszusetzen. „Wie dem auch sei,“ murmelte er schließlich, indem er sich zum Gehen wandte. „Ich bin müde. Das große Werk wird morgen seine Vollendung finden.“
„Möge der Meister Ruhe und Kraft sammeln, um diese ungeheuerliche Herausforderung zu bestehen,“ gab Kin mit innbrünstigem Sarkasmus zurück.
Arjuk stimmte nicht in Yerims Lachen mit ein. Als er die Tür hinter sich zugezogen hatte, lehnte er sich einen Moment lang erschöpft gegen die Wand. Der Stein schmiegte sich kühl an seine brennenden Wangen, und sein dumpfes Desinteresse an den Menschen und ihrem Schicksal erschien Arjuk seltsam tröstlich. Zu viele interessierten sich bereits für ihn.
Zwei Zeichner, ein gelehrsamer und ein eigenwilliger.
Arjuk atmete tief ein. In dieser Art hatte seine Mutter über ihn zu sprechen gepflegt. Er war sich nun sicher, dass Vulun wusste, wer das Medaillon einst auf Papier gebannt hatte: Sein Neffe - der Schlüssel zu Vuluns Krieg. Es war wohl unwahrscheinlich, dass Vulun nur nach dem Medaillon forschte, um Arjuk zu finden. Aber vielleicht forschte er nach Arjuk, um das Medaillon zu finden...


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Beitrag #28 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
„Neun... Zwölf... Fünfzehn... Achtzehn...“
Arjuk ließ sich neben Milena auf den Rasen fallen.
„Da hast du ja ganze Arbeit geleistet,“ sagte Milena.
„Ach was, Arbeit,“ murmelte Arjuk bescheiden. „Ich hab nur ein Spiel etwas... umfunktioniert.“
Zufrieden legte er sich ins Gras zurück. Er musste nicht mehr hinhören, um zu wissen, dass die drei Kinder von Yerims Bediensteten Leir ohne zu Zögern das Dreimaldrei auf- und abhüpften. Sie hüpften, weil Arjuk ihnen die Zahlenreihe in einer großen Spirale auf die Steinplatten des Hofes gemalt hatte, um den sich die drei bescheidenen Häuschen der Bediensteten drückten. Zuerst hatten die Geschwister - zwei Jungen und ein Mädchen - noch zögerlich zwei Felder abgezählt, bevor sie ihre nächste Zahl riefen, doch schon bald hatten sie das Gefühl für den nächsten Schritt erlangt.
„Siebenundzwanzig... Dreißig... Dreiunddreißig...“
„Hoffentlich hilft es auch,“ murmelte Arjuk. „Sie müssen das ganze irgendwann ohne eine Zahlenreihe vor Augen aufsagen. Und dann auch noch im Angesicht dieses Esels von Lehrer, der anscheinend glaubt, man könne ihnen durch Schläge was beibringen. Mir tun sie leid.“
„Das kann nur jemand sagen, für den es immer selbstverständlich war, etwas lernen zu können.“ Milena schüttelte den Kopf. „Man kann von Yerim denken, was man will, aber dass er den Kindern seines Untergebenen Unterricht ermöglicht, ist wirklich bemerkenswert.“
Natürlich hatte sie Recht, wie immer, aber Arjuk schwieg. Aus einem offenen Fenster mischte sich der Gesang von Leirs Frau Misa in die Kinderstimmen. Während er dem Lied lauschte - so alt, dass er es kaum verstand - stand Arjuk plötzlich wieder die Gravur des Medaillons vor Augen. Seit er gestern Abend so lange darauf gestarrt hatte, geisterten die gewundenen Linien ständig in seinem Kopf herum, verfolgten ihn regelrecht. Er hatte sogar davon geträumt, wirre, fiebrige Träume, die keinen Sinn ergaben, wie die Worte von Misas Volkslied...
„Ich frage mich,“ sagte Milena plötzlich langsam, „ich frage mich, ob dieser Samir überhaupt noch in Noato ist.“
Arjuk schwieg. Sein Herz begann wie wild zu klopfen.
„Tja,“ meinte er schließlich vage. „Ich frage mich so einiges, weißt du.“
Milena... du bist unglaublich! Mit etwas Glück würde ihr Fluchtplan gelingen. Nachdem die Zeichnung aufgetaucht war, erschien Arjuk Caralmur plötzlich wie das Paradies auf Erden. Er schloss die Augen und folgte den Linien, die sich über das Papier ergossen wie Blumenranken, Gravuren, die sich in Kupfer schnitten... sich formten zu Schnörkeln, sich wanden zu...
Hier seid ihr also.“
Arjuk fuhr auf, als Leirs ruhige, etwas leise Stimme plötzlich in seiner unmittelbaren Nähe erklang. Der Mann warf einen verwunderten Blick auf seine Kinder, die im Hof im Kreis hüpften, dann stahl sich ein Lächeln auf sein schmales Gesicht. „Weißt du, Andamir, vielleicht solltest du deine eigene Schule eröffnen. Aber jetzt solltet ihr euch beeilen, Yerim lässt euch dringend ins Empfangszimmer rufen.“
„Ins Empfangszimmer?“, wunderte sich Arjuk. „Uns beide?“
Er wechselte einen Blick mit Milena. Irgendetwas war im Gange...

Als Milena und Arjuk Yerims Empfangszimmer betraten, war dieser in eine Diskussion mit einem elegant gekleideten Fremden vertieft. Grimmig blickte er auf. „Wo zum Teufel habt ihr gesteckt? Den ganzen Tag steht ihr im Weg herum, nur wenn ich euch rufe, seid ihr wie von diesem vermaledeiten Erdboden verschluckt.“ Wie immer wenn er fluchte, rutschte er ins Khami ab. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich wieder dem Fremden zu, ein etwas untersetzter Mann mit ausgedehnten Geheimratsecken und Doppelkinn. „So leid es mir tut, aber diese Sache geht Euch nichts an. Ich werde gerne...“
Arjuk verdrehte die Augen. Der vielsagende Blick, den er Milena zuwarf, wurde nicht erwidert - das Mädchen sah ausdruckslos zu einem jungen Mann, der bewegungslos am Ende des großen Empfangszimmers neben dem Fenster gelehnt stand. Arjuk konnte sein Gesicht im Gegenlicht kaum erkennen, doch auf der Brust schimmerte ein rotes Pentagramm auf dem nachtschwarzen Stoff. Plötzlich fröstelte Arjuk. Er hatte noch nie einen Schwarzmagier gesehen. Doch mehr noch als die dunkle Robe verstörte ihn Milenas Miene, starr wie in Eis gehauen...
„Bedauerlich, aber wenn Ihr darauf besteht, werde ich mich fügen müssen.“ Arjuk schreckte auf, als Yerims schwieriger Gast die Stimme erhob. Es war der Mann, der das Medaillon mitgebracht hatte! Mit plötzlich erwachtem Interesse versuchte Arjuk sich schnell, seine Gesichtszüge einzuprägen. „Ich hoffe, Ihr habt nichts dagegen, wenn ich hier warte? Ich würde gerne noch ein paar Worte mit Euch wechseln.“
Nachdem Kin den Mann hinaus geleitet hatte, atmete Yerim auf. „Der hatte mir noch gefehlt,“ brummte er. Dann wandte er sich an den Fremden.
„Nun zu dir - Geriyon Raven. Setz dich, mein Freund.“ Er klopfte auf einen Sessel. Als der Fremde bedacht vortrat konnte Arjuk endlich das schmale, von kastanienbraunen Haarsträhnen umrahmte Gesicht erkennen. Der Magier war jung; er konnte kaum älter sein als Arjuk selbst. Obwohl er ernst und etwas verschlossen dreinblickte, hätte er doch recht unauffällig wirken können, wäre da nicht das breite Band, das sein rechtes Auge bedeckte und das ihm etwas düsteres, ja etwas bedrohliches gab.
„Ich bitte die unangenehme Unterbrechung zu entschuldigen. Kommen wir zum Geschäft.“ Yerim beugte sich etwas vor, schien den Zauberer zu belauern. „Ich denke, ich habe Euch deutlich genug gemacht, dass Ihr keine große Wahl habt.“
Raven zog die Brauen zusammen, dann schloss er die Augen und schien sich kurz zu sammeln. Verwirrt blickte Arjuk zwischen den beiden Männern hin und her. Was in aller Welt war zwischen den beiden vor gefallen - und noch wichtiger: Was hatten Milena und er damit zu tun...?
„Nun, ganz so einfach ist das nicht,“ sagte der Magier schließlich kalt. „Ich würde durchaus eine Gegenleistung für meine Dienste erwarten, eine ganz bestimmte Information.“
Yerim fiel förmlich die Kinnlade hinab. Sein Gesicht nahm eine beängstigend rote Farbe an. „Eine Gegenleistung? Es sollte Euch Gegenleistung genug sein, dass ich nicht...“ Mit einem Seitenblick zu Arjuk und Milena verstummte er. Seine Hände ballten sich immer wieder zu Fäusten, während die beiden Männer sich gegenseitig taxierten.
„Nun gut - wir werden sehen, ob Eure Dienste einer Gegenleitung wert sind, Meir! Zunächst möchte ich wissen, wozu Ihr überhaupt fähig seid!“ Es gelang Yerim langsam, seine Hände wieder unter Kontrolle zu bekommen. „Kelim rühmt Euch als einen brillianten Gedankenleser, erzählt mir mehr davon.“
Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz. Ein Gedankenleser? Jedes Kind wusste, dass Gedankenleser nur irgendwelche Scharlatane auf den Marktplätzen und Jahrmärkten waren, aber dieser Geriyon mit seiner Schwarzmagierkutte sah nicht aus wie ein Scharlatan...
„Gedanken lesen kostet eine Menge Kraft.“ Die Stimme des Magiers - Geriyon Raven - war ruhig und beherrscht. „Allerdings könnte ich für Euch herausfinden, ob Eure... Gäste Euch die Wahrheit sagen oder nicht. Erst wenn Sie lügen, wird das Gedanken lesen notwendig, nicht wahr?“
Arjuk schluckte. Ein dumpfer Geschmack lag ihm auf der Zunge. Plötzlich machte es einen Sinn, dass Yerim sie gerufen hatte. Er wollte herausfinden, was an der Lügengeschichte um Seyjuk dran war - und wenn die von schwarzem Stoff umhüllte Bohnenstange tatsächlich Gedanken lesen konnte, würde Yerim noch so einiges mehr herausfinden... Panisch floh sein Blick zu Milena, doch zu seiner Überraschung verfolgte sie das Geschehen interessiert und ohne Anzeichen von Beunruhigung. Schauspielerte sie nur so gut oder machte sie sich wirklich keine Sorgen? Hatte sie gar eine Idee, wie sie ihn hier heil herausbringen konnte?! Wenn irgendjemand dazu fähig war, dann nur Milena...
„Erst einmal möchte ich einen Beweis für Eure Fähigkeiten.“ Yerims Blick richtete sich auf Arjuk. „Wie lange bist du schon in diesem Haus?“
„Seit gestern,“ stotterte Arjuk verwirrt.
Erst als der Magier sich erhob und auf ihn zutrat, verstand er den Sinn der Frage. Unwillkürlich wich er einen Schritt zurück. Geriyons unverhülltes graues Augen schienen durch ihn hindurch zu blicken als sähe es ihn gar nicht.
„Er sagt die Wahrheit.“
„Milena, du warst so freundlich und hast Misa bei den Einkäufen geholfen. Wie oft?“
„Nur ein Mal.“
„Stimmt nicht.“ Die Antwort des Magiers kam schnell und sicher.
Yerim schien noch nicht ganz überzeugt. „Eine Stufe höher,“ kündigte er an. „Wie lautet der Name dieses Jungen?“
Arjuk sank das Herz wie ein Stein im Wasser. Ihm war, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen.
„Dazu müsste ich Gedanken lesen,“ wandte Geriyon ein.
„Ganz genau,“ bestätigte Yerim. „Ich will sehen, wozu du fähig bist.“
Verdammt! Das durfte einfach nicht wahr sein! Sein Vater hatte die Flucht in die Wege geleitet, war in Noato zurück geblieben, in der Hoffnung, seinem Sohn einen Vorsprung zu verschaffen... Er, Arjuk, hatte sich mühsam Yerims Vertrauen erlangt... All das würde in einem einzigen Augenblick hinweggefegt werden!
Kaum nahm er wahr, wie Geriyon seine Hand hob, als wolle er nach seinem Augenband greifen. Doch der Magier schien sich anders zu entscheiden und führte nun beide Hände vor seinem Gesicht, um ein Dreieck aus Daumen und Zeigefingern zu bilden. Seine Lippen begannen unhörbare Worte zu formen.
Arjuk schloss die Augen. Das war’s. Verzeih mir, Vater. Dein Sohn hat schnell und gründlich versagt... Er wusste, dass er sich nach einem Fluchtweg hätte umsehen sollen, dass er irgendetwas tun müsste, aber sein Geist gehorchte ihm nicht mehr. Er wirbelte um einen einzigen Gedanken: Vulun... Bei der Vorstellung an das Bevorstehende wurde Arjuk speiübel.
„Andamir.“
Arjuk stand starr wie eine Statue. Hatte er richtig gehört? Nein, der Magier hatte nicht gerade Andamir gesagt. Das war nur eine Wunschvorstellung, ein Traum...
Auf Geriyons Gesicht lag ein undeutbarer Ausdruck, als er sich an Yerim wandte. „Er heißt Andamir.“
Beinahe hätte Arjuk laut aufgelacht. Das konnte nicht wahr sein. Irgendjemand spielte ihm hier einen Streich, einen höchst absonderlichen Streich! Eine unendliche Erleichterung durchströmte ihn. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Knie weich wie Butter waren, bemerkte den süßlichen Geschmack in seinem Mund. Er hatte sich die Lippe aufgebissen.
„Woher hast du diese Papiere, Andamir?“, fragte Yerim und wedelte mit Seyjuks Dokumenten.
„Milena hat sie mir gegeben,“ antwortete Arjuk zögernd. Er blickte zu dem Mädchen hinüber und bemerkte überrascht, dass sie ihm aufmunternd zulächelte. Da wusste Arjuk, was der Magier sagen würde, noch bevor er die Worte sprach:
„Er sagt die Wahrheit.“
Arjuk fiel ein zentnerschwerer Stein vom Herzen. Milena lächelt. Wenn Milena lächelt, wird alles gut werden... Wie im Traum verfolgte er, wie Yerim nun Milena aufforderte, ihre Geschichte zu erzählen. Er hatte zwar nicht den geringsten Schimmer, wie dieses Wunder zustande gekommen war, doch vorerst akzeptierte er sein Glück...


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Beitrag #29 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
„Ah, ihr seid mein ... Bewacher?“, sagte Dende amüsiert, als er den jungen Mann die Tür hinter sich schließen sah. Er hatte sich in seiner Verkleidung als leicht übergewichtiger und reicher Händler Kelim Vanderkeyn im schönsten Sessel des Raumes ächzend niedergelassen, wie es von einem solchen Schnösel erwartet worden wäre. Nun blickte er halb belustigt, halb ärgerlich Yerims Diener an, da er von dessen Herrn so eben hinaus komplimentiert worden war.
„So ist es“, antwortete dieser säuerlich. „Die Wände haben hier Ohren und Yerim möchte lieber ungestört sein.“
Dende kicherte albern.
„Glaubt mir, mein junger Freund, die Informationen, die ich brauche, bekomme ich selten durch Lauschen an Wänden.“
Sein Gegenüber blickte ihn noch säuerlicher an und sagte dann langsam: „Ja, ein Mann wie Ihr würde sich dabei die Finger schmutzig machen. Andererseits tut ihr Meir doch für Geld alles...“
„Ah, und wie alle Kham habt ihr eine besonders hohe Meinung von den Menschen des Westens, ganz besonders, wenn es sich um reiche Händler und Adelige handelt.“
Die Wangen des jungen Mannes färbten sich leicht rot, doch er schwieg. Sichtlich entnervt lehnte er sich gegen die Tür und spielte mit einem kleinen Stück Holz.
„Sagt mir, junger Freund“, begann Dende wieder nach eine Weile im Plauderton, „wie ist Euer Name?“
„Kin. Und ich bin nicht Euer junger Freund.“
„Hihi, nein natürlich nicht. Ihr seid nur ein Diener Yerims. Und Euer werter Herr befragt gerade einen Graumagier, den ich ihm ... naja sagen wir geliefert habe. Ich hoffe doch, das war die Mühe wert.“
„Das hoffe ich auch. Denn sonst könnt Ihr hier wieder abziehen. Bildet Euch ja nicht zu viel auf Euer Wissen ein. Yerim kann sehr gut ohne Magier überleben.“
„Habt Ihr denn schon viele Magier kennen gelernt, Kin?“, fragte Dende mit einem neugierigen Unterton.
„Ist das nötig? Sie sind alle aufgeblasen und bilden sich der Himmel was auf ihre Fähigkeiten ein. Dabei haben die Kham gezeigt, dass ein Volk ohne Magier eine höhere Kultur erschaffen kann, als es ihr Meir jemals geglaubt habt.“
„Ihr kennt also keine Magier,“ antwortete Dende leise und ignorierte Kins Lobreden, „sie sind gefährlich, wisst Ihr? Dieser Geriyon ist ein Graumagier, die verschlagene Sorte. Man kann ihnen niemals trauen. Ich hoffe, Euer Herr weiß mit ihm umzugehen.“
„Yerim ist bisher noch mit dem jedem fertig geworden. Da stellen weder Magier noch übergewichtige Händler ein Problem da.“
Dende verzog für einen Moment das Gesicht. Er wollte nicht zu überheblich wirken, als mache ihm Kins Beleidigung überhaupt nichts aus. Auch wenn er sie nachvollziehen konnte.
Dende: „Stellt sich die Frage, warum er sich dann einen Magier gewünscht hat.“
Kin winkte ab. „Keine besonders dringende Angelegenheit. Meiner Meinung nach ist dieser Magier hier vollkommen fehl am Platz. Dass die beiden das Blaue vom Himmel hinunter lügen liegt ja wohl auf der Hand.“
„Ach, um die dreht es sich also. Sie wirken ganz... harmlos auf mich. Wer sind sie?“
„Ihr steckt Eure erlauchte Nase in fremde Angelegenheiten. Yerims Gefangene gehen Euch nichts an.“
Dendes Augenbrauen fuhren in echtem Erstaunen hoch.
„Yerim hält in einem fremden Land Gefangene? Dann wird der ja kaum aus Kayro'Kan kommen?“
Kin schwieg unter Dendes forschendem Blick.
„Nein?“,rief der Magier nun wieder sein Erstaunen spielend. „Yerim beteiligt sich also auch an diesem Krieg des Herzogs und nimmt Gefangene aus Noato? Ist ja interessant...“
Kin schüttelte energisch den Kopf. „Ihr habt keine Ahnung! Andamir ist aus Nomae'kan, aber er ist kein politischer Gefangene. Er ist ... eben ein Gefangener, basta.“
Dende nickte leicht.
„Soso, einfache Gefangene also? Dabei sehen die beiden eigentlich ganz unschuldig aus.“
Kin: „Na und? Die schmutzigsten Geheimnisse verstecken sich doch immer hinter den tadellosen Fassaden. Und jeder, der irgendwie mit Politikern zu tun hat, hat doch Geheimnisse.“
Dende: „Nun, da mag etwas Wahres dran sein, aber die beiden sehen nicht aus, als hätten sie viel mit Politik am Hut.“
„Ein weiterer Beweis für Eure Leichtgläubigkeit. Andamirs Familie hatte offenbar eine hohe Stellung in Noato inne. Andamir kennt sogar die Herrscherfamilie persönlich!“
Dende dachte wieder einen Moment nach und murmelte dann: „Andamir. Den Namen werde ich mir merken.“
„Wenn Ihr es nicht lassen könnt“, fuhr Kin ihn an, wahrscheinlich wütend über sich selbst, dass ihm der Name rausgerutscht war.
Dende lächelte unschuldig.
„Dieser Andamir kennt also Graf Kalil und seinen Sohn Arjuk? Das ist ja reizend. Ich kenne sie auch, wisst ihr? Wahrscheinlich nicht so gut wie die adelige Oberschicht Nomaes, aber immerhin...“
„Und?“, antwortete Kin immer noch patzig. „Noato ist dem Untergang geweiht, wenn es nicht schon besiegt ist. Ich nehme an, dann ist Kalil bald hier und ihr könnt euch mit ihm unterhalten“
„Mich würde eher ein Gespräch mit Arjuk reizen, ehrlich gesagt“, antwortete Dende leise.
„Der ist doch tot, habe ich gehört.“
Verträumt lächelte Dende.
„Habt ihr gehört, ja? Unglücklicherweise haben Kriege die Eigenschaft, Informationen zu verwischen und zu vertauschen. So werden aus kleinen Schlachten manchmal Gemetzel, aus Siegen knappe Niederlagen, oder sogar aus Lebenden Tote.“
Kin schnaufte verächtlich.
„Was wisst ihr schon vom Krieg, Händler?“
„Mehr als Ihr auf jeden Fall“, kam die schnelle Antwort. „Doch sagt mir: An einem Gespräch mit Herrn Andamir wäre mir viel gelegen? Ich wette, er könnte mir mehr über die Situation in Noato schildern. Meine Handelskarawanen kommen dorthin nicht mehr durch...“
„Ich sagte doch schon, dass Andamir Yerims Gefangener ist!“, erklärte Kin schneidend, als ob Dendes Anfrage ganz und gar absurd sei.
Bevor der Magier zu einer Erwiderung ansetzen konnte, drang ein gedämpftes „Kin?“ zu ihnen herüber. Offensichtlich war Yerim fertig.
Ohne ein weiteres Wort ließ der junge Mann den Raum.

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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Beitrag #30 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.E)
„Hm.“ Yerim blickte nachdenklich drein. Innerlich frohlockte Arjuk. Sie hatten es überstanden. Der Schwarzmagier hatte alle ihre Aussagen bestätigt, gefügig wie ein Lamm...
„Einige letzte Fragen.“ Alarmiert blickte Arjuk auf. Was kam jetzt noch? Er zuckte zusammen, als Yerim ihm in einer schnellen Bewegung die Zeichnungen unter die Nase hielt.
„Hast du das hier schon einmal gesehen?“
„Aber natürlich, du hast es mir doch gestern gezeigt,“ wich Arjuk aus, doch Yerim kannte keine Gnade.
Davor. Kommt dir diese Zeichnung oder dieser Schmuck bekannt vor?“
„Nein,“ antwortete Arjuk und schickte ein Stoßgebet an Razz’kar, den Gott der Lügner und des Gesindels. Razz’kar hatte zwar noch nie eine besondere Fürsorge für Arjuk gezeigt, doch er hoffte inständig, dass Razz’kars Maskengesicht dieses Mal, nur dieses eine Mal, mit Wohlwollen auf ihn blicken würde...
„Wahr.“
Arjuk hielt die Luft an, um nicht vor Freude laut aufzulachen. Er war sich wirklich nicht sicher, ob es Razz’kar oder dieser Raven war, der so gnädig gestimmt war, doch vorsichtshalber dankte er beiden.
„Nun gut.“ Yerim rollte das Pergament zusammen. „Glaubst du, dass der Prinz tot ist, Andamir?“
Arjuk fuhr auf. „Was soll das, Yerim?“, rief er aufgebracht. „Noch gestern hast du den großen Ehrenhaften gespielt und versprochen, das Thema nicht mehr aufzugreifen.“
Yerims markantes Profil schien wie in Stein gemeißelt. Im Licht der Mittagssonne gruben sich die Falten um Augen und Mund als tiefe Schatten in sein wettergegerbtes Gesicht; silberne Strähnen leuchteten in seinem Haar auf. Keine Regung verriet, was in ihm vorging, als er Arjuk gleichgültig anblickte. „Wir stehen in dieser Angelegenheit auf verschiedenen Seiten, du und ich - und keiner von uns kann daran etwas ändern.“
„Ach, tatsächlich.“ Wütend biss Arjuk die Zähne zusammen. Er war zornig nicht nur auf Yerim, sondern vor allem auf seine eigene Naivität. Wie hatte er sich nur der Illusion hingeben können, bei dem altgedienten General auf etwas wie Verständnis und Wille zur Zusammenarbeit zu stoßen! „Komisch, dass ich es konnte,“ gab er zurück. „Ich hätte nicht so mit dir reden müssen, wie ich es getan habe, Yerim. Jede einzelne deiner Fragen hätte ich ungenau, sogar falsch beantworten können. Stattdessen nahm ich mich einer kleinen, verarmten, nutzlosen Provinz an, regiert von Leuten wie dir, die den lieben langen Tag nichts tun als sich aufzublasen vor Stolz und...“
Arjuk verstummte jäh, als Yerim mit wenigen Schritten bei ihm war und ihn grob am Kragen packte. „Schweig.“ Yerims Augen blitzten gefährlich, zwei schwarze, blank polierte Steinscheiben auf dem Weiß. „Ich bin nicht hier, um in Mitleid mit einem dahergelaufenen Meir zu zergehen, sondern um meiner Heimat zu dienen. Wenn du so dumm bist, das nicht zu verstehen, ist das nicht mein Problem.“
„Wenn du so dumm bist, mein Vertrauen auszunutzen, ist es ebenfalls nicht mein Problem,“ erwiderte Arjuk. Mit einem Ruck riss er sich los. Innerlich verfluchte er sein unbedachtes Mundwerk. Auch wenn es im Kern doch seine Sicht der Dinge war - eine solche Debatte benötigte andere Worte und definitiv einen anderen Zeitpunkt...
„Du wirst jetzt meine Frage beantworten.“ Yerims Stimme war kalt wie Stahl. Mit verschränkten Armen fixierte er seinen Gefangenen. „Glaubst du, dass Arjuk noch lebt?“
Arjuk ballte die Fäuste, dann senkte den Kopf. „Nein,“ antwortete er.
Stille. Dann die Stimme des Magiers: „Er lügt.“
Arjuk biss die Kiefer zusammen, dass seine Zähne knirschten. Yerims erdrückende Präsenz ließ ihn innerlich kochen.
„Wohin, glaubst du, würde Arjuk fliehen?“
„Nach Gandal’kan.“
„Er lügt.“ Die Worte trafen Arjuk wie ein Schlag in die Magengrube.
Yerim lachte trocken auf. „Netter Versuch. Noch mal.“
„Geh vor die Hunde,“ zischte Arjuk. Tränen des Zorns vernebelten seinen Blick. Erst als Yerim in dröhnendes Lachen ausbrach, wurde er sich bewusst, dass er gerade Kins Lieblingsfluch auf Khami kopiert hatte.
„Sieh an. Wenn es hart auf hart kommt, vergisst du sogar, dass du dir eigentlich viel zu fein bist für unsere Sprache.“ Yerims Hohn trieb Arjuk fast zur Weißglut. „Du kommst nicht daran vorbei, Junge: Wohin würde Arjuk fliehen?“
„Nach Endrome,“ sagte Arjuk auf’s Geradewohl.
„Er sagt die Wahrheit.“
„Endrome?“ Yerim blickte auf. „So weit weg? Das ist seltsam. Warum?“
Arjuk schwieg verwirrt. Allmählich fragte er sich, ob dieser Schwarzmagier nicht einen gigantischen Bluff veranstaltete! „Es heißt, Fürst Kalil habe dort einen langjährigen Freund,“ gab er schließlich zurück. Er verspürte keine Furcht mehr davor, das Blaue vom Himmel hinunter zu lügen - der Gedankenleser las ohnehin, was er wollte...
„Na also, das ist doch eine Antwort.“ Yerim klopfte ihm versöhnlich auf die Schulter, doch Arjuk blickte zu Boden. „Sag mal, was ist zwischen dir und Arjuk vorgefallen?“
Allmählich wurde es Arjuk zu bunt. „Hat das was mit Politik zu tun?“, gab er ungehalten zurück. „Kannst du nicht endlich Arjuk jagen gehen und mich in Frieden lassen?“
„Ich folge Spuren, die mir vielversprechend erscheinen.“ Yerim zuckte die Schultern. „Und wenn es nichts mit Politik zu tun hat, sollte es dir nicht schwer fallen, darüber zu sprechen, oder?“
Arjuk seufzte tief auf. Ja, was war vorgefallen? Er hatte diesen Arjuk zu abertausenden Gelegenheiten verflucht, aber keine schien ihm für diesen Anlass geeignet. Ratlos blickte er von Yerim zu Milena, von Milena zu Geriyon. Schließlich zuckte er die Schultern. „Wir haben uns für das gleiche Mädchen interessiert.“
Arjuk hatte das Gefühl, das ganze Zimmer erbebe unter Yerims dröhnendem Lachen. Auch Milena stimmte mit ein.
Geriyon musterte Arjuk für einen Moment. Seine Brauen hoben sich merklich, doch schließlich urteilte er: „Stimmt.“
„Sehr interessant,“ bemerkte Yerim amüsiert. „Und wer hat sie bekommen? Hat sich Arjuk nicht kürzlich verlobt?“
„Können wir wenigstens dieses Gespräch vertagen?“, brummte Arjuk, der rote Ohren bekommen hatte, und angestrengt auf seine Zehen starrte. Gelogen oder nicht, es war kein Thema, bei dem er vor einem selbst noch so zweifelhaften Gedankenleser stehen wollte. Und erst jetzt, da Yerim seine Verlobte nannte, wurde ihm bewusst, dass er an sie als allerletztes gedacht hatte...
Lachend klopfte Yerim ihm auf die Schulter. „Da es nichts Politisches ist,“ lenkte er gnädig ein. Wieder einmal war Arjuk verblüfft darüber, wie schnell er vorangegangenen Streit und Provokationen vergessen konnte. „Damit hätten wir also diese Dinge endgültig geklärt. Freut euch, ihr zwei - ihr seid schon bald wieder freie Leute. Wenn ihr noch einen Moment warten könntet, ich habe noch eine kleine Unterredung mit Adept Raven und meinem hochverehrten Gast Vanderkeyn anstehen. Danach feiern wir euren Abschied! Mit oder ohne euch, das ist mir gleich - gibt ja sonst keine Gelegenheit hier, sich den Bauch voll zu schlagen. Kin!“
Der Diener steckte den Kopf zur Tür hinein.
„Kelim rein, die beiden raus,“ kommandierte Yerim. Er ließ sich zufrieden in einen Sessel fallen. „Sag in der Küche, dass es heute Abend gesellig wird und lade ein, wen immer du für gesellig hältst.“
Arjuk blinzelte ungläubig. Frei?! Das alles ging viel zu glatt, als dass es wahr sein konnte! Er warf Milena einen Blick zu. Sie würde ihm das alles sehr genau erklären müssen. Wie im Traum schritt er über die Schwelle - überschritt sie als freier Mann - während Vanderkeyn an seiner Statt in Yerims Empfangszimmer trat.
„Ich entschuldige mich nochmals, dass ich Euch habe warten lassen,“ hörte er Yerims Stimme hinter sich. „Nun habe ich noch einige Fragen an Euch...“
Arjuk schmunzelte. Armer Yerim! In der Anwesenheit dieses Gedankenlesers hatte er mehr Lügen aufgetischt bekommen als in allen anderen Gesprächen zusammen! Arjuk bezweifelte, dass es ihm mit diesem Vanderkeyn besser ergehen würde...


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