Es ist: 26-09-2022, 10:53
Es ist: 26-09-2022, 10:53 Hallo, Gast! (Registrieren)


VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #11 |

RE: VR: Blaues Blut
Arjuk erwachte, weil ihn jemand unsanft schüttelte. Sein verschwommener Blick fiel auf eine Plane hoch über ihm. Es dauerte einen Moment, bis er begriff, dass ihn niemand geweckt hatte, sondern dass er in einem schaukelnden ratternden Wagen lag. Kurz war er überrascht, festzustellen, dass seine Hände gefesselt waren, doch dann holte ihn seine Erinnerung wieder ein. Vorsichtig setzte er sich auf, was von seinem Körper mit einem stechenden Schmerz in seinem Hinterkopf beantwortet wurde.
„Na, ausgeschlafen?“ Milenas Kommentar war spöttisch wie immer, doch in ihrem Gesicht stand auch Sorge geschrieben, als sie fragte: „Wie geht es dir?“
„Alles in Ordnung“, murmelte Arjuk, obwohl er sich nicht gerade „in Ordnung“ fühlte. Benommen blickte er sich um. Sie saßen eingepfercht zwischen aufgestapelten Kisten und Säcken, als seien sie selbst ein Teil der transportierten Ware. In einigem Abstand kauerte, an den Rand des Karrens gelehnt, ein Junge, in dessen Händen Milenas Dolch blitzte. Er mochte wohl erst in Chavans Alter sein, war jedoch kräftig gebaut. Unter dem zerzausten dunklen Haarschopf fixierte er seine beiden Gefangenen mit finsterem Blick.
„Unser Bewacher“, stellte Milena ihn vor. „Ebenfalls Sprössling unseres Freundes vom Stadttor. Ich glaube, er ist sauer, weil ich seiner kleinen Schwester einen solchen Schrecken eingejagt habe.“
„Mir aber auch“, brummte Arjuk. Er warf Milena einen verstohlenen Blick zu. „Aber du hättest der Kleinen doch nicht wirklich etwas angetan, oder?“, fragte er.
Im nächsten Augenblick bereute er seine Äußerung, denn Milena blickte ihn voller Entrüstung an. „Natürlich nicht!“, sagte sie verärgert. „Wofür hältst du mich denn?“
Arjuk zuckte die Schultern. „Für niemanden, der einem Kind etwas zu Leide tut“, antwortete er. „Aber eigentlich auch für niemanden, der einen Dolch versteckt und dann damit eine Horde bewaffneter Männer austrickst.“
„Nun hör mal, ich bin die Tochter eines Schmiedes.“ Milena blickte ihn vielsagend an. „Ich hatte Zeit meines Lebens mit Waffen zu tun. Und diesen unorganisierten Haufen von Raufbolden auszutricksen, ist ja wohl ein Kinderspiel. Dass der Mann seine Tochter vergöttert, war mehr als nur deutlich. Er sollte aufhören, seine Kinder in solche Angelegenheiten zu verwickeln.“ Sie warf einen Seitenblick auf den Knaben.
„Wir helfen unserem Vater gerne“, ertönte von diesem entschiedener Protest. „Unsere Familie muss zusammen halten.“
„Ach so.“ Milena verzog säuerlich das Gesicht. „Wo du gerade redselig wirst, möchtest du mir vielleicht auch verraten, worum es bei dem ganzen Theater hier eigentlich geht?“
Erst jetzt fiel Arjuk auf, dass Milena all die Bemerkungen gänzlich entgangen waren, die ihre Angreifer untereinander auf Khami gewechselt hatten. Schnell fasste er für sie zusammen, was er heraushören hatte können.
„Es geht also um einen gewissen Seyjuk, von dem ich nicht das geringste weiß, geschweige denn ihn je getroffen habe“, schloss er.
„Ich glaube, dass du der echte Seyjuk bist“, ließ ihr junger Bewacher vernehmen.
Arjuk grinste. „Ach ja? Und warum?“
Der Knabe blickte Arjuk siegessicher an. „Mein Vater sagt, Seyjuk ist ein Feigling, der sich nicht wehren kann, und ein Heuchler, der keinen Stolz hat.“
Milenas lautes Lachen brachte Arjuk mehr in Verlegenheit, als es die Worte des Jungen sowie so bereits getan hätten. „Tatsächlich, dann gibt es wohl keine Zweifel mehr“, brummte er nur ironisch.
„Du hast dich aber auch wirklich dumm angestellt“, meinte Milena vorwurfsvoll. „Aus der Herberge zu rumpeln, dass dich selbst ein Blinder bemerken würde. Zugegebenermaßen, ich hätte diesen Chaoten auch nicht zugetraut, dass sie die Herberge so gründlich abriegeln würden, aber du hättest wenigstens ein bisschen unauffälliger sein können! Allmählich solltest du dich daran gewöhnen, dass du nicht mehr auf Schritt und Tritt eine Leibgarde hast, die für dich mitdenkt.“
Arjuk warf ihr einen warnenden Blick zu, doch sie hatte bereits gemerkt, dass ihre Worte gefährlich waren, und überging die Anspielung schnell. Der Junge ließ sich nichts anmerken, doch sicherlich prägte er sich im Stillen jedes ihrer Worte genau ein.
„Jedenfalls“, wechselte Arjuk das Thema, „wäre es nett von dir, Junge, wenn du Yerim und all den anderen ausrichten würdest, dass ich euch nicht weiterhelfen kann und einfach nur friedlich nach Caralmur reisen möchte.“
„Nach Caralmur?“ Der Junge blickte auf. „Aus Caralmur sind schon viele große Männer...“
„...hervorgegangen, ich weiß.“ Arjuk seufzte.
„Und wohin geht unser kleiner Ausflug jetzt?“, wollte Milena wissen.
„Natürlich zu Yerim, nach Kayro’har“, antwortete der Junge gelangweilt.
Kayro’har?
Ihr Bewacher blickte irritiert auf, als Arjuk und Milena ihn entgeistert anstarrten.
„Kayro’har“, bestätigte er unwillig. „Ist was damit?“
Arjuk und Milena wechselten einen Blick. Die Stadt, in der sein Onkel Vulun in seinem ausgedehnten Palast residierte, war der letzte Ort, an den sich Arjuk gewagt hätte! Nun aber spürte er den misstrauischen Blick ihres Bewachers auf sich ruhen und riss sich schnell zusammen.
„Kayro’har...“ Arjuk ließ sich den Namen auf der Zunge zergehen. „Das ist ja wundervoll! Ich wollte schon immer einmal nach Kayro’har.“
„Allerdings ohne einen Strick um die Hände und einen Dolch vor der Nase, nehme ich an“, kommentierte Milena.
Arjuk konnte nicht anders, als über die absurde Situation zu lachen. Da waren sie ja in einen schönen Schlamassel geraten! Und alles nur, weil sein Vater auf die grandiose Idee gekommen war, ihm den Namen eines anscheinend weit und breit bekannten Mannes zu verpassen. Oder, so korrigierte sich Arjuk, zumindest unter Ostländern schien er bekannt zu sein.
Arjuk lehnte sich zurück. Es war zu spät für Reue. „Kann ich eigentlich einen Schluck Wasser bekommen?“, fragte er. „Ich will auf keinen Fall verdursten und meine Audienz bei Yerim verpassen.“
Der Junge blickte ihn einen Moment ausdruckslos an. „Wasser kannst du haben, so viel du willst“, sagte er ernst. „Aber an deiner Stelle würde ich mir Sorgen machen. Die Gerüchte sagen, wenn es um Seyjuk geht, kenne Yerim keine Gnade.“


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Beitrag #12 |

RE: VR: Blaues Blut
Mittagslicht schimmerte durch das Laub und malte zerfließende Schattenrisse auf das Moos. Lautlos zertrat ein nackter Fuß die dunklen Muster, dann ein zweiter; kaum wahrnehmbares Rascheln, als ein Zweig zur Seite gebogen wurde.
Sirala blickte auf die Straße. Schon eine Weile war sie neben dem Weg durchs Unterholz geschlichen, ständig auf Deckung bedacht, doch nun konnte sie ihr Vorhaben nicht länger aufschieben. Nicht, wo nun endlich eine Raststätte in Sicht war.
Mit einem leisen Seufzen schlüpfte sie erneut in die beengenden Stiefel und die Handschuhe, fühlte wieder das weiche Leder auf der vernarbten Haut anstelle von Wind und Sonne. Warf sich den Mantel über und zog die Kapuze tief ins Gesicht. Nur die Maske legte sie nicht an; noch nicht ... zu sehr hatte sie die würzige Luft des Westens vermisst. Mit geöffneten Lippen atmete sie tief ein, schmeckte dem Geruch des Erdbodens nach, der gerade noch ihre Zehen liebkost hatte. Viel zu lang war es her, viel zu lang nur Sand zwischen den Zähnen und in jeder Kleiderfalte, viel zu lang nur flirrende Hitze, die die Sinne betäubt und wirre Bilder zeichnet ...
Du denkst wie ein Mensch, raunte es in ihr. Schlangen lieben die Wärme.
Mit einer abrupten Bewegung richtete sie sich auf und trat zwischen den Bäumen hervor.

In der Gaststätte war es laut und voll, es schien, als hätten sich all die Menschenkolonnen, die heute an ihr vorübergezogen waren, hier versammelt. Eigentümlich, wie viele zu reisen schienen in dieser Jahreszeit.
Unwillig drängte sie sich nach vorne, bis zur Theke. Ob der Zeitpunkt für ihre Erkundigungen wirklich so gut gewählt war? ... Doch sie wollte nicht länger warten, wollte nicht noch länger suchen. Eine leichte Handbewegung ließ den Wirt auf sie aufmerksam werden.
„Ihr wünscht?“
„Das Pilzgericht von Eurer Karte, Herr; ein wenig Bier und eine Auskunft – oder vielmehr zwei.“
„Bier und Pilze lassen sich beschaffen, mit Auskünften sieht’s anders aus. In diesen Zeiten sollte jeder seine Zunge hüten und die Nase auch, denn wer sie zu tief in fremder Leute Angelegenheiten steckt ...“
In diesen Zeiten? Sirala stutzte für einen Moment und hielt den Wirt auf, der sich wieder abwenden wollte.
„Ich bin weit gereist, Herr, und über diese Zeiten ist mir nichts bekannt. Sprecht ... was geht hier vor, dass ein ehrenwerter Wirt die Kundschaft so schroff behandelt?“
Der Mann musterte sie scharf: „So weit wollt Ihr gereist sein? Nichts von allem wissen? Krieg geht vor, Wanderer! Arjuk wurde ermordet, Heere ballen sich, die Menschen flüchten ...“
„Arjuk?“, unterbrach ihn Sirala. „Ihr meint ...“
„Oh, ich vergaß, Ihr kommt von weit“, spöttelte der Wirt, nun augenscheinlich in Fahrt. „Unseres Herrschers Sohn; jung und ein wenig ungestüm, aber man sagt, es hätte viel werden können aus ihm ...“
„Er ist tot?“
„Ermordet! Man erzählt sich viel, drei sollen es gewesen sein, meuchlings! Hinterrücks! Als er an den Klippen spazieren war, wie ein Unfall soll’s ausgesehen haben, aber jeder weiß ...“
Die Worte verschwammen zu konturlosem Redestrom, als sich Sirala abwandte, ein seltsam taubes Gefühl hinter den Rippen. Arjuk – tot? ... Bilder fluteten ihren Geist, das Plätschern der Nyltra, eine Hand, die ihr Schriftzeichen vormalte, ein braunes Augenpaar das erlischt ...
Mit einer raschen Bewegung packte sie den Wirt am Kragen und zog sein Gesicht an ihres. Ein Zischen. „Schweigt! Nur zwei Dinge will ich wissen. Kennt Ihr ...?“ Ein geflüsterter Name. Verständnislosigkeit im Gesicht des Mannes, dann Ärger, kurz davor, sich in Flüchen zu entladen; von einem Dolch an der Kehle erstickt.
„Ich sehe schon, Ihr kennt nicht, wen ich suche. Dann zeigt mir, welcher Weg nach Karyo’har führt.“

Wenig später war Sirala in der Menge untergetaucht und verschwunden.
Als sie im Schatten der Bäume die Handschuhe auszog, dachte sie mit leisem Bedauern an das Pilzgericht, das ihr nun wohl nicht mehr serviert werden würde.

Ich bin ein Fragezeichen
kein Punkt
- Rose Ausländer -

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Beitrag #13 |

RE: VR: Blaues Blut
Arjuk blinzelte. Das Mittagslicht brach sich auf den bunt glasierten Ziegeln, mit denen die Betuchteren unter Kayro’hars Bürgern ihre Dächer zu schmücken pflegten. Über den farbenfrohen Mosaiken erhoben sich die Zinnen des Palastes, und in der Ferne glitzerte die prächtige goldene Kuppel des Magierturmes. Kayro’har war wirklich eine wundervolle Stadt. Es war ihr Glück gewesen, dass sie erst nach den Magierkriegen zu einem bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Zentrum angewachsen war. So war sie während des langen Krieges verhältnismäßig unbehelligt geblieben und konnte sich nun einiger alter Schätze wie etwa des wundervollen Schlosses rühmen. Wäre der Magierturm ein halbes Jahrhundert früher gebaut worden, die Stadt wäre zweifelsohne dem alles verzehrenden Feuer der Schwarzmagier oder aber dem erbarmungslosen Eis der Weißmagier zum Opfer gefallen.
„Plane runter.“ Der junge Bewacher zog Arjuk die Plane aus den gefesselten Händen, die er zur Seite geschoben hatte, um hinaus schauen zu können.
„Wo wir schon nach Kayro’har verschleppt werden, kannst du uns ruhig einen Blick auf die Stadt gönnen“, beschwerte sich Milena. „Hey, was soll das?“
Der Knabe hatte damit begonnen, ihr die Augen zu verbinden.
„Ich habe nichts dagegen, dass ihr euch die Stadt anseht“, kommentierte er, während er gründlich den Knoten festzog. „Aber leider sollt ihr nicht wissen, wo wir euch hinbringen.“
Schon legte sich auch über Arjuks Augen ein dickes Tuch.
„Moment mal!“ Arjuk wollte protestieren, als er fühlte, wie sich etwas über seinen Mund legte, doch der Junge hatte ihn bereits geschickt geknebelt.
„Sag mal, du machst so was öfter, oder?“, bemerkte Milena. Es war das letzte, das Arjuk die nächsten Stunden von ihr hören sollte.
„Damit ihr auch niemanden auf euch aufmerksam macht“, erklärte ihr junger Bewacher. Er ahnte ja nicht, dass es Arjuk nicht im Traum eingefallen wäre, ausgerechnet in Kayro’har irgendjemanden auf sich aufmerksam zu machen...

Arjuk gab es schon bald auf, sich den Weg, den der Händler einschlug, merken zu wollen. Sie hatten unzählige Male die Richtung geändert, waren immer wieder in eine weitere Seitengasse eingebogen. Nun befanden sie sich auf einer Straße, die, dem Schaukeln des Wagens und dem Geräusch der Hufe nach zu urteilen, nicht mehr gepflastert war. Hin und wieder ertönte ein Platschen, als ihr Reittier durch eine Pfütze trabte. Stimmengewirr, Kinderlachen und das Gackern von Hühnern drang an Arjuks Ohr.
Als das Gefährt schließlich ruckelnd zum Stillstand kam, hatte Arjuk in der Tat nicht mehr die geringste Ahnung, wo in der großen Stadt sie sich wohl befanden, doch es musste einer der weniger reichen Teile sein. Als Arjuk der Sichtschutz abgenommen wurde, blinzelte er in eine schmale, staubige Gasse, gesäumt von baufälligen Hütten.
Wendig sprang der Junge vom Wagen. Er half Arjuk und Milena hinunter, deren Hände noch immer gefesselt waren, richtete dann jedoch sofort wieder drohend den Dolch auf seine Gefangenen. Nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Händler auf dem Kutschbock setzte sich das Gefährt schwerfällig wieder in Bewegung.
„Ist das nicht ein bisschen auffällig?“, meinte Milena mit einem Blick auf ihre Handfesseln und die Waffe.
„Keine Angst“, antwortete der Junge. „In diesem Viertel wird euch niemand zur Hilfe kommen. Hier lang.“
Ein durchdringendes Quietschen erklang, als der Junge die Tür des Hauses öffnete, vor dem sie Halt gemacht hatten. Es war ein kleiner, muffiger Schankraum. Der jugendliche Bewacher schob seine Gefangenen an die Theke.
„Wir sind mit Yerim verabredet.“ Arjuk horchte auf. Der Bursche hatte den Wirt auf Khami angesprochen.
Der magere Mann hinter der Theke nickte nur. „Er wird heute Abend hier sein,“ erwiderte er. Sein pockennarbiges Gesicht wurde von strähnigem dunklem Haar umrahmt. „Das Zimmer steht euch bis dahin zu Verfügung.“
„Gut. Lass uns etwas zu Essen bringen. Yerim wird es auf seine Rechnung nehmen.“ Der Junge machte eine Kopfbewegung zu seinen beiden Begleitern. „Der Herr hier sagt nicht einen Mucks auf Khami, aber vermutlich versteht er jedes Wort. Also keine unvorsichtigen Bemerkungen in seiner Gegenwart. Die junge Dame hier ist gerissener als sie aussieht, unterschätzt sie nicht.“
Der Bursche sah den Wirt bedeutungsvoll an. „Es handelt sich um Yerims Gefangene. Er wäre sehr verärgert, wenn sie entwischen würden.“
Kurz verharrten die Augen des Wirtes auf den beiden, dann senkte er schnell den Blick. Er mochte wohl erst dreißig Winter gesehen haben, doch aus irgendeinem Grund wirkte sein knochiges hageres Gesicht unendlich müde.
„Aus dieser Schenke entwischt niemand“, versprach er. „Wie geht es deinen Eltern?“
Arjuk lauschte dem Gespräch nur noch mit halbem Ohr. Er war erschöpft von der langen Fahrt und sehnte sich danach, seine Hände wieder frei bewegen zu können. Er warf einen Seitenblick auf die gesellige Runde, die sich um einen der massiven Tische scharte und in ein Kartenspiel vertieft war. Ab und an dröhnte ihr Lachen durch den dunklen Schankraum. Keiner der Männer, unter denen sich auch ein paar Ostländer befanden, wirkte besonders vertrauenswürdig. Erst auf den zweiten Blick bemerkte Arjuk, dass sich noch ein weiterer Gast in der Schenke befand. Er saß abseits von den Spielern in einem Winkel des Raumes, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.
Arjuk wäre beinahe erschrocken aufgefahren, als er spürte, wie Milena plötzlich dicht hinter ihn trat und sich zu ihm vorbeugte.
„Lass mich reden“, wisperte sie. „Wenn Yerim kommt, lass mich reden.“
Schon entfernte sich ihr warmer Atemzug wieder. Innerlich seufzte Arjuk auf. Was immer Milena im Schilde führte, sie würde diese Angelegenheit sicher eleganter lösen als er.


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Beitrag #14 |

RE: VR: Blaues Blut
Nachdenklich schlenderte Geriyon über das Kopfsteinpflaster des Marktplatzes. Die Dämmerung war bereits herein gebrochen und der größte Teil der Fläche lag schon im Schatten der umliegenden Häuser. Die meisten Stände waren längst abgebaut worden, nur noch vereinzelte Händler harrten aus und warteten, meist vergeblich, auf einen späten Kunden. Trotzdem konnte man dem Markt die Verwüstung immer noch ansehen. Die Stände die noch da waren, wirkten allesamt angegriffen und schienen, teilweise recht hastig, wieder zusammen gezimmert worden zu sein. Außerdem knirschte bei jedem Schritt Mehl unter seinen Füßen. Es hatte sich als dünne, staubige Schicht über den ganzen Markt gelegt.
Der junge Magier rieb sich das Kinn. Hier war etwas großes vorgefallen. Die Explosion musste gewaltig gewesen sein. Nichts, was ein ungeformtes Kind hervorbringen konnte. Allerdings war ihm zu Ohren gekommen, dass es sich um eine erwachsene Frau handeln sollte.
„Ungewöhnlich ...“
Geriyon ließ seinen Blick umherschweifen. Man hatte sie noch nicht gefunden, darüber war er sich recht sicher, denn immer noch schien die Stadt den Atem anzuhalten. Überall patrouillierte die Palastwache und stellte den Passanten Fragen. Die meisten Menschen blieben deshalb vorsichtshalber in ihren Häusern.
Abwesend tastete er nach dem Siegel über seinem Auge. Am liebsten hätte er sich die Aura genauer angeschaut, die diesem Ort noch Stunden anhaften würde, dafür hätte er sein Auge noch nicht mal enthüllen müssen. Doch als angeblicher Novize der schwarzen Akademie konnte er sich das an so einem öffentlichen Platz nicht erlauben. Es war sicherlich verdächtig, wenn ein Novize, der ja eigentlich noch in der Ausbildung stand, plötzlich komplexe Magie wirken würde. Er musste von jemanden erfragen, was genau vorgefallen war.
Der junge Magier entschied sich für eine Gruppe von drei Personen, die recht mittig an den Trümmern eines Marktstandes saßen. Die beiden Männer und der kleine Junge mussten sehr nah am Geschehen gewesen sein.
Misstrauisch sahen sie ihm entgegen, als er sich nun zielstrebig näherte.
„Seid gegrüßt!“
Geriyon deutete eine Verbeugung an. Als Antwort schlug ihm nur Schweigen entgegen. Seufzend sah der junge Magier an sich herab. Die lange, dunkle Robe die er trug, bauschte sich im Wind. Deutlich war das rötliche Pentagramm auf seiner Brust zu erkennen, das ihn als Mitglied der schwarzen Gilde auswies. Das würde nicht ganz einfach werden.
„Sagt, könntet Ihr mir vielleicht erzählen, was hier vorgefallen ist?“ Wie beiläufig erschien ein blinkende Münze in seiner Hand und tanzte zwischen seinen Fingern.
Der eine Mann, der den kleinen Jungen im Arm trug, musterte ihn nur feindselig, aber der andere, ein breitgebauter Ostländer antwortete ihm schließlich. „Wo kommt Ihr her, dass Ihr nicht wisst, was hier vorgefallen ist? Ganz Karyo’har weiß davon.“
Geriyon lächelte ihm an. „Ich habe gehört, was hier vorgefallen sein soll. Aber jetzt suche ich zu erfahren, was hier wirklich passiert ist.“ Der Mann mit dem Kind stieß dem Ostländer in die Seite, aber der sprach trotzdem weiter. „Wir wissen auch nichts genaues. Es gab plötzlich einen Lichtblitz und der ganze Markt wurde umgeweht, wie ihr unschwer an meinem Stand erkennen könnt.“ Geriyon nickte und versuchte seinem Gesicht einen gleichgültigen Ausdruck zu geben. „Und was ist mit der Frau geschehen, die das alles ausgelöst haben soll?“ Die beiden Männer tauschten einen Blick. „Das wissen wir nicht.“, antwortete diesmal der Mann mit dem Kind, das Geriyon müde anblickte. Es war also tatsächlich eine Erwachsene gewesen. Der Magier hatte noch nie von einem ähnlichen Vorfall gehört.
„Sie war ohnmächtig und alles wartete auf die Wache, doch die wurde plötzlich von einem unnatürlichen Wind erfasst, dann war auf ein mal alles voller Qualm.“ „Als der sich verzog, war die Frau verschwunden.“, ergänzte der Ostländer. Täuschte er sich, oder betonte der Händler das Wort „Frau“ irgendwie seltsam? Verwirrt runzelte er die Stirn, dann hob er die Schultern und ließ die Goldmünze hochschnellen. Der Ostländer fing sie gekonnt auf. Währendessen hatte sich Geriyon bereist umgewandt und eilte auf eine der Straßen zu, die vom Marktplatz wegführten. Das waren sehr interessante Informationen, viel interessanter als die beiden Männer vermutlich glaubten. Qualm und unnatürlicher Wind? Hatte er es hier möglicherweise noch mit einem unbekannten Magier zutun? Das ganze schien gefährlicher zu werden, als er angenommen hatte. In der Dunkelheit einer leeren Gasse angekommen, hielt der junge Magier erst einmal inne und schloss die Augen.
Silberschwinge.
Er entließ den Gedanken in die hereinbrechende Nacht. Dann wartete er.

Irgendwann regte sich etwas in den Schatten und ein kleiner Schemen kam auf Geriyon zu gehüpft. Überrascht ging der Magier in die Hocke und strich dem Raben zur Begrüßung über das seidige Gefieder. Dann zog er eine Augenbraue hoch. „Warum fliegst du nicht?“ Wie als Antwort hob der Vogel seinen Schnabel und Geriyon folgte dem Blick des Tieres. Der Himmel war zu größten Teil von düsteren Wolken bedeckt und gab nur an wenigen Stellen den Blick auf die noch blassen Sterne frei.
„Fledermäuse der Akademie? Kluger Vogel!“ Er ließ Silberschwinge auf seinen Arm klettern und richtete sich auf. „Was hast du gesehen?“ Die Blicke des Tieres und des Menschen trafen sich und Geriyons Auge wurde leer.
So verharrten die beiden einige Atemzüge. Dann nickte Geriyon und holte einige Brotkrumen aus einer Tasche seines Gewandes. Während der Rabe sie genüsslich aufpickte, setzte der Magier sich in Bewegung.
Es schien also tatsächlich noch einen Magier zu geben, der bisher nicht auf seinem Plan aufgetaucht war. Geriyon erhöhte sein Tempo, während Silberschwinge auf seiner Schulter saß und sich interessiert umsah. Aber sicher konnte er nicht sein.

Schließlich wichen die hohen, gut erhaltenen Häuser der Innenstadt, den verfalleneren, oft schäbig wirkenden des äußeren Rings. Geriyon tauchte nun immer mehr in die Schatten ein, versuchte so weit wie möglich unsichtbar zu bleiben. Ein weiterer Magier. Ein Magier den er noch nicht einschätzen konnte … was er mit der Ungeformten wohl vor hatte? Nun, jeden Falls würde dieses Ereignis die graue Gilde brennend interessieren. In diesem Augenblick fühlte er eine deutlich magische Schwingung. Sofort drückte er sich mit dem Rücken gegen die Wand und verharrte einige Augenblicke regungslos bevor er weiter schlich. Geriyon war ein Seher, kein Kampfmagier, offensive Magie hatte ihm nie gelegen. Er würde sehr vorsichtig vorgehen müssen. Aber im Ernstfall hatte auch er Mittel um sich zu verteidigen.
Letztendlich erreichte er das Haus, das Silberschwinge ihm gezeigt hatte und näherte sich diesem vorsichtig, bis er sich schließlich erleichtert gegen eine Seitenwand sinken ließ. Er hielt sich möglichst weit vom Eingang fern. Dann wartete der junge Magier kurz, lauschte mit schief gehaltenem Kopf, wandte sich danach zur Wand um. In der Seitengasse, in der er sich befand hoffte er unentdeckt zu bleiben. Noch einmal holte Geriyon tief Luft, bevor er sich die Kapuze ins Gesicht zog und dann das Band, das sein rechtes Auge bedeckte, hoch schob. Mehr als ein schwaches bläuliches Glühen war nicht zu sehen.
Er würde einen Blick durch die Wand wagen und dann weiter sehen. Fast schon automatisch begann seine Lippen Worte zu formen.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #15 |

RE: VR: Blaues Blut
Dende wusste nicht, wie lange er nun schon an der Mauer saß. Die Nacht musste hereingebrochen sein, aber hatte der Mond schon seine Bahn über den Himmel beendet? War es vielleicht bereits wieder Morgen? Unwichtig in ihrer jetzigen Situation. Sie hatten kein Wort mehr gesprochen, seit dem Dende die beiden Schwarzmagier gefesselt hatte und, zu erschöpft um noch mehr Magie zu verwenden, sich mit gesenktem Kopf und hängenden Schultern an die Wand gekauert hatte. Das Mädchen hatte ihn noch eine Weile angestarrt und war dann ebenfalls zusammengesunken, als wäre plötzlich jedes Leben aus ihren Beinen gewichen. Obwohl es wahrscheinlich eher umgekehrt war. Es war vielmehr die Last, die auf ihren Schultern lag, die zu schwer geworden war. Sie hatte sich auf ihrem spärlichen Lager zusammengerollt und schlief unruhig. Er selbst war in eine Art Halbschlaf gefallen, seine Gedanken wirbelten wild in seinem Kopf, unfähig zur Ruhe zu kommen. Meistens dachte er an Vulun. Zu wenig wusste Dende über diesen Herrscher, der meinte, sein Neffe würde ihm zur Macht verhelfen. Sicherlich nicht zur Macht über Naoto, die bekäme er sowieso. Vulun sprach von mehr Macht, große Macht. Das Problem war, dass Dende weder Vulun noch seinen Neffen Arjuk kannte. Dieser war offensichtlich der größte Pfand, um Vulun derzeit irgendwie zu beeinflussen. Aber wenn der Fürst Kayro'hars machtbesessen war, dann würde ihn auch das Mädchen interessieren ... oder das Medaillon, fügte Dende in Gedanken hinzu. Er ärgerte sich innerlich. Er wusste praktisch gar nichts, was diese Angelegenheit etwas aufklarte und das war immer ein schlechtes Zeichen, wenn er irgendwie Nutzen aus diesem Krieg ziehen wollte. Sein Kopf sackte schwer zur Seite. Er würde morgen versuchen, mehr über dieses Schmuckstück herauszufinden. Hatte er Glück, dann war die magische Kraft des Mädchens nur gering und das Medaillon verantwortlich für die Explosion. Dann könnte er sie einfach wegschicken, so dass sie trainiert würde in einer der unfähigen Gilden in der Umgebung ... das war ein eher beruhigender Gedanke, fand Dende. Der Schlaf übermannte ihn schließlich doch und schon wollte er sich ihm endgültig hingeben, als sein ganzer Körper plötzlich wie von einem Blitz getroffen zusammenzuckte. So schnell wie das Gefühl gekommen war, war es wieder weg, doch nun war Dende hellwach. Jemand hatte Magie gewirkt, dessen war er sich sicher. Stirnrunzelnd blickte er zu seinen beiden Gefangenen, doch die lagen noch immer leblos und gefesselt da. Dieses Gefühl ... es war keine schwarze Magie, die da gewirkt wurde, sondern die Aura eines grauen Magiers. Seinen ganzen Körper angespannt, aber dennoch völlig lautlos erhob sich Dende. Das Mädchen hatte nichts mitbekommen, sie schlief weiter. Dende wusste, dass er nun auf keinen Fall selber Magie weben durfte. Wenn er die Aura des Anderen spürte, würde der Magier, sollte er erfahren genug sein, auch Seine spüren können. Die Füße vorsichtig auf die einzelnen Stufen setzend stieg er, in fast elfenhafter Leichtfüßigkeit die Treppe hinauf, ohne dass sie knarrte. Sekunden später stand er auf der Straße vor ihrem Unterschlupf. Es war stockfinster. Die ärmlichen Häuser um ihn herum waren verbarrikadiert. Er hörte leises Schnarchen und ab und zu eine Katze miauen, doch ansonsten herrschte Totenstille in diesem Teil der Stadt. Langsam spähte er in eine der dunklen Seitengassen. Niemand war zu sehen. Dende schlich um die umliegenden Häuser und spähte in die Straßen, doch alles schien ruhig und völlig normal. Wer immer sie auch beobachtet hatte, er war nicht mehr hier. Aber er oder sie wusste, dass sie hier waren. Schnell lief Dende zurück zu ihrem Versteck um das Mädchen zu wecken.

„Warum müssen wir jetzt von Keller zu Keller ziehen?“, fragte sie zum wiederholten Male noch eine Spur ärgerlicher.
„Ich sagte doch schon, du bist in Gefahr.“, erwiderte Dende lakonisch. „Wir werden in Bewegung bleiben müssen, sonst finden sie dich und was dann passiert, hast du ja bei unserem letzten Besuch erfahren.“
Sie befanden sich wieder in einem dunklen, völlig unbewohnten Keller in den Slums der Stadt. Er glich ihrem ersten Unterschlupf bis aufs Haar, nur dass sie die beiden Schwarzmagier dort gelassen hatten. Wenigstens die hatten sie für den Moment los.
„Und jetzt?“, fragte das Mädchen provokant.
Dende blickte sie unwirsch an.
„Jetzt wirst du versuchen, weiter zu schlafen. Ich werde einen Schutzwall um den Keller ziehen, der uns zumindest vor ... zu neugierigen Augen schützt.“ Und mir eventuell verraten wird, wer der unbekannte Graumagier ist, sollte er noch einmal kommen, fügte er in Gedanken hinzu. „Die Sonne wird bald aufgehen. Ich werde in Verkleidung in die Stadt gehen und sehen, ob ich etwas neues herausfinden kann über deine Verfolger oder ob sich das Chaos in der Stadt schon gelegt hat. Du bleibst auf jeden Fall hier unten!“
Er erwartete keinen Widerspruch und ließ sie auf ihrem Lager stehen.
Eine Stunde später machte er sich wieder in Verkleidung des alten Bettlers auf den Weg zum Marktplatz von Kayro'har.


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Beitrag #16 |

RE: VR: Blaues Blut
Erschrocken fuhr Arjuk aus dem Schlaf auf, als er unsanft gerüttelt wurde. Er blinzelte in das Gesicht eines jungen Mannes.
„Aufwachen, Schlafmütze! Yerim ist hier und hat ein paar Fragen an dich.“
Yerim.
Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Satz. Bevor er recht wusste, wie ihm geschah, fühlte er sich schon vom Bett auf den blanken Boden gestoßen.
Neben ihm protestierte auch Milena gegen die unsanfte Behandlung. „Finger weg! Ich kann selbst aufstehen! Geht man so mit wertvollen Gefangenen um?“
Arjuk aber blickte mit großen Augen auf den Mann, der sich auf eines der zahlreichen ausladenden Kissen am Boden fallen ließ und sich streckte, dass die Knochen knackten. Er fuhr sich über das wettergegerbte Gesicht, das bereits von Falten durchzogen wurde.
„Was für ein Spießrutenlauf.“
Arjuk war fast enttäuscht. Nach allem, was er über den furchteinflößenden Yerim gehört hatte, hatte er etwas anderes erwartet als sein Gegenüber, nicht übermäßig hoch gewachsen und ausgestattet mit einem leichten Schmerbauch. Kaum hatte ein zweiter Diener das Silbertablett vor ihm abgestellt, griff Yerim auch schon nach den angerichteten Speisen.
„Hmmm.“ Genüßlich schmatzend machte er sich über einen Fleischspieß her. Nach dem spärlichen Reiseproviant der letzten Tage lief Arjuk das Wasser im Mund zusammen, als ihm der Duft der Fleischspieße und der ausladenden Gemüseplatte in die Nase stieg. Selbst der zähflüssige Hirsebrei erschien ihm plötzlich wie ein Festbankett.
„Und?“ Immer noch kauend blickte Yerim in die Runde. „Was führt euch zu mir?“
„Herr.“ Der Junge, der sie die ganze Zeit lang sorgfältig bewacht hatte, verneigte sich ehrerbietig. „Ich bringe euch einen Mann, den wir für Seyjuk halten.“
Yerim, der sich gerade ein Stück Brot abbrach, hielt inmitten in der Bewegung inne. Die dunklen Augen flohen zu Arjuk und fixierten ihn einige Sekunden lang, dann schienen sich seine breiten Schultern in einem kaum merklichen Seufzer zu heben.
„Wieder einer“, brummte er. Einen Moment lang verharrte er wie in Gedanken, dann gab er sich einen Ruck. Sein breites Lächeln entblößte eine Reihe Zähne, die zum Teil schon etwas angegriffen aussahen. Überrascht stellte Arjuk fest, dass es ein gutmütiges, offenes Lächeln war. Er strich das Brot durch den fettigen Saft, der von dem Fleisch auf die Platte getropft war.
„Ich fürchte, du hast dich geirrt“, sagte er mit vollem Mund an den Burschen gewand. „Das hier ist nicht Seyjuk.“
Als er sich auf Meir an Milena und Arjuk wandte, sprach er mit einem harschen Akzent. „Entschuldigt die Unannehmlichkeiten. Sieht ganz so aus, als hätte wieder einmal jemand die Suche nach Seyjuk etwas übereifrig betrieben. Nun gut. Vergessen wir das ganze. Lasst uns essen! Kommt schon, greift zu! Du auch, Junge.“
Mit einer der fettverschmierten Hände winkte er seine Gäste heran. Der Bursche jedoch, der nach dem weiten Weg nach Kayro’har offenbar einen anderen Empfang erwartet hatte, erhob zögernd Einspruch.
„Herr, er trägt Seyjuks Papiere bei sich.“
Abermals ließ Yerim den Spieß, von dem er gerade mit den Zähnen ein Stück Fleisch hatte ziehen wollen, sinken.
„Seyjuks Papiere.“ Interessiert musterte er Arjuk. „Das ist mir noch nicht untergekommen. Her damit.“
Yerim leckte sich die Finger ab, um das Pergament von dem Burschen entgegen zu nehmen. Mit einem mulmigen Gefühl beobachtete Arjuk, wie sich seine Miene plötzlich verdüsterte, als er das Papier für eine lange Zeit eingehend musterte. Als er aufblickte glitzerten seine Augen in einem Ausdruck, den Arjuk nicht ganz deuten konnte.
„Woher hast du das?“, fragte er harsch.
Arjuk öffnete den Mund, um irgendeine Lüge hervor zu bringen, doch dann fuhren ihm wieder Milenas Worte durch den Kopf. Lass mich sprechen.
Woher hast du das? Muss ich deinem Gedächtnis nachhelfen?“ Yerim beugte sich drohend vor. Seine Schultern hoben und senkten sich schneller. Von dem Mann, der einen Moment zuvor noch fröhlich geschlemmt hatte, schien nichts mehr übrig geblieben zu sein. Hilfesuchend floh Arjuks Blick zu Milena hinüber.
„Das Mädchen?“ Yerim war Arjuks Augen gefolgt und musterte die junge Frau, die ohne das geringste Zeichen von Furcht aufrecht saß und ihm direkt ins Gesicht sah. „Hat sie dir etwa diesen Wisch gegeben?“
Arjuk wusste nicht, was er antworten sollte. Jedes falsche Wort von ihm konnte die Geschichte, die sich Milena zurecht gelegt hatte, unglaubwürdig machen!
„Verstehe.“ Yerim lehnte sich zurück. „Du willst sie nicht in die Sache verwickeln, was? Sehr ehrenvoll. Aber Schweigen wird euch nicht weiterhelfen.“
„Ich erzähle Euch gerne alles, was ich weiß, wenn Ihr uns dann frei lasst,“ sagte Milena ruhig.
Yerim musterte sie einen Moment, dann brachte er ein schmales Lächeln zustande. „Das finde ich begrüßenswert. Ich höre.“
„Andamirs Vater ist ein hoher Beamter am Hof von Noato,“ begann Milena. Andamir. Arjuk starrte angestrengt zu Boden, um sich nicht zu verraten, während Milena seelenruhig fortfuhr. „Er ist dem Grafen von Noato treu ergeben und weigerte sich, zu fliehen, solange der Graf noch in der Stadt weilt. Andamir und ich dagegen dachten gar nicht daran, unser Leben für den Graf auf’s Spiel zu setzen, und bereiteten heimlich unsere Flucht vor. Wir sorgten uns allerdings, behelligt zu werden, weil Andamirs Familie ja bekannt für ihre Loyalität zum Graf ist. Als mir das Gerücht zu Ohren kam, auf dem Markt treibe sich eine zwielichtige Gestalt herum, die falsche Papiere verkaufe, hielt ich das für eine gute Möglichkeit für uns. Ich dachte, wir könnten Andamirs Familie hinter uns lassen und irgendwo ganz neu anfangen.“
„Und du, Mädchen?“ Yerim unterbrach sie. „Wer Umgang mit jungen Männern aus den höchsten Kreisen Noatos hat, stammt doch sicherlich auch aus gutem Hause.“
Milena senkte den Blick. „Ich bin nur die Tochter des Schmieds,“ sagte sie. „Unsere Eltern haben nie zugestimmt, dass...“
„Verstehe.“ Arjuk fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg, während sich auf Yerims Gesicht ein Grinsen ausbreitete. „So gesehen war der Krieg wohl keine schlechte Gelegenheit für euch, zusammen durchzubrennen. Aber wie dem auch sei. Erzähl weiter.“
Milena zuckte die Schultern. „Da gibt es nicht mehr viel zu erzählen. Unter normalen Umständen hätten wir uns wohl kaum Gedanken um Papiere gemacht, aber die Gerüchte beunruhigten uns. Es hieß, die Kontrollen seien sehr aufdringlich, weil die Nachbarprovinzen möglichst wenige Flüchtlinge aufnehmen wollen. Schon gar keine politischen Flüchtlinge, unter die Andamir wohl fallen würde. Naja, weil es ziemlich schwierig ist, an gute Fälschungen heran zu kommen, zögerte ich nicht lange, das Angebot anzunehmen. Ich ahnte ja nicht, dass es in Wirklichkeit gar keine Fälschung, sondern ein echtes Dokument ist. Das erklärt natürlich, warum es so echt aussieht.“
Zu ihrer Überraschung lachte Yerim laut auf. Auch seine Diener stimmten in das Gelächter mit ein.
„Das hier, meine Lieben“, Yerim wedelte mit dem Pergament, „ist eine Fälschung.“
Milena runzelte die Stirn. „Aber dann ist es gar kein Hinweis auf den echten Seyjuk“, stellte sie irritiert fest.
„Oh doch“, schmunzelte Yerim. „Hättet ihr auch nur einen blassen Schimmer von Aven’kan, hättet ihr euren Fehler vielleicht nicht begangen.“
„Ach so!“ Arjuk blickte auf. „Ich hätte früher darauf kommen sollen! Der Boykott!“
Yerim blickte ihn überrascht an. „Du hast davon gehört?“
„Ein wenig“, murmelte Arjuk bescheiden. „Weil wir ja Verwandte in Caralmur haben.“
„Tatsächlich?“ Yerim blickte interessiert. „Caralmur ist auch meine Geburtsstadt. Was hast du von dem Boykott gehört?“
Arjuk hätte sich am liebsten die Zunge abgebissen. Da hatte er den Salat! Arjuk zog es vor, so nah wie möglich an der Wahrheit zu bleiben. Es war die Strategie, die für einen schlechten Lügner wie ihn am vielversprechendsten schien.
„Ich glaube“, antwortete er, „ich habe etwas darüber gelesen, dass sich Großteil der Bevölkerung in Aven’kan nirgends registrieren lässt, um sich den Steuereintreibern zu entziehen. Aber vor allem hat sich mein... meine Mutter, die aus Caralmur stammt, oft Sorgen gemacht, ihre Fälschung könnte auffliegen.“
Ungemütlich rutschte Arjuk unter Yerims prüfenden Blick hin und her, als dieser ihn interessiert musterte. „Und, hat jemand die Fälschungen deiner Mutter erkannt?“, fragte er schließlich. Auf Arjuks Kopfschütteln hin grinste Yerim zufrieden.
„Das hätte mich auch gewundert“, sagte er. „Aven’kan hat nicht viele hochwertige Produkte, aber unsere Fälschungen sind ihr Geld wert.“
„Ihr seid auch noch stolz auf diese Gaunerei?“, entfuhr es Arjuk. Die Blicke der beiden Männer trafen sich. Im Stillen verfluchte sich Arjuk bereits für seine unnötige Bemerkung, doch mit gerade zu kindischem Trotz beharrte etwas in ihm darauf, im Recht zu sein, und hinderte ihn daran, Yerims Blick auszuweichen.
Arjuk stutzte. Glitzerten die Augen des Ostländers wie im Zorn? Wie im Wahn? Oder wie von Tränen?
„Du sprichst tatsächlich fast schon wie Seyjuk.“ In Yerims Stimme schwang ein seltsamer Unterton mit - weich und samten wie eine Katzenpfote, aus der jederzeit die Krallen herausfahren konnten. „Was uns wieder zum Thema zurückbringt. Junge Dame, mich wundert es sehr,“ Yerims Blick schien Milena förmlich zu durchbohren, „dass irgendein dahergelaufener Gauner auf dem Marktplatz eine unserer Fälschungen erkannt hat. Wer solche Fähigkeiten besitzt, könnte bei den mächtigsten Männern Athalems viel Geld verdienen. Ich fürchte, du belügst mich. Kein einfacher Westländer wäre zu so etwas fähig.“
Arjuk hielt den Atem an, doch Milena schien in keinster Weise erschrocken zu sein.
„Aber es war ein Ostländer“, erwiderte sie unschuldig.
„Tatsächlich?“ Yerim schien noch nicht ganz überzeugt zu sein. „Ich hoffe, du verrätst mir auch, wo ich diese zwielichtige Gestalt, wie du es nennst, finden kann und unter welchem Namen dieser Mensch bekannt ist?“
„Nun ja, ich weiß nicht, ob das, was er mir erzählt hat, stimmt“, antwortete Milena. „Aber es hieß, er treibe sich stets auf dem Markt in der Nähe der Wahrsager herum. Er nennt sich Samir.“
Yerims Miene versteinerte. Auch seine Diener wechselten einen alarmierten Blick. Der Raum, über den sich so plötzlich ein angespanntes Schweigen gelegt hatte, schien den Atem anzuhalten.
„Samir“, murmelte Yerim. „Beschreib ihn mir.“
„Er... er hatte sich eine Kapuze ins Gesicht gezogen“, sagte Milena mit belegter Stimme. Selbst sie war offenbar von dieser Reaktion überrumpelt. „Er hat... langes dunkles Haar, ziemlich ungepflegt. Eingefallenes Gesicht, zumindest soweit ich das sehen konnte.“ Sie zuckte die Schultern. „Er wollte sich nicht zu erkennen geben, und ich habe nicht darauf gedrängt,“ erklärte sie hilflos.
Gespannt wartete Arjuk, während sich Yerim in düsteres Schweigen hüllte und vor sich hin brütete. Milena klang so überzeugend, dass sich Arjuk zu fragen begann, ob sie am Ende nicht gar die Wahrheit wusste. Aber das war vollkommen ausgeschlossen. Sein Vater hatte all das sicherlich unter höchster Geheimhaltung in die Wege geleitet.
Yerim blickte auf. „Ich verstehe zwar nicht,“ sagte er auf Khami an seine Diener gewand, „warum Seyjuk seine eigene Identität verkaufen sollte. Aber den Namen Samir anzunehmen würde ihm mehr als nur ähnlich sehen.“
„Vielleicht brauchte er tatsächlich einfach nur Geld, wenn die Geschichte von dem verwahrlosten Mann stimmt,“ warf der Jüngere der beiden Diener ein.
„Oder er wollte uns nur verwirren,“ fügte der andere hinzu.
Yerim nickte, die Stirn umwölkt. „Kümmert euch um unsere beiden Gäste“, sagte er mit einem müden Kopfnicken zu Arjuk und Milena. „Sie werden so lange hier bleiben, bis wir ihre Geschichte direkt in Noato überprüft haben.“
Arjuk fiel aus allen Wolken. Hier bleiben? In Kayro’har? Und wer mochte wissen, wie viel Zeit Yerims Männer dafür benötigen würden, in das Kriegsgebiet einzudringen und nach einer Person zu forschen, die es gar nicht gab?
„Was ist, Bursche.“ Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Sprung, als er bemerkte, dass Yerim sein entsetztes Gesicht aufmerksam musterte. „Sag jetzt nicht, deine Mutter mit den gefälschten Papieren hat dir Khami beigebracht.“
„Er versteht jedes Wort,“ mischte sich der Junge aus Lumnar ein, der sich die ganze Zeit über im Hintergrund gehalten hatte.
„Tatsächlich?“ Mit einem unguten Gefühl bemerkte Arjuk, dass sich Yerims Miene aufhellte, als sei ihm eine famose Idee gekommen. Er nickte seinen Dienern zu.
„Leir, du schickst sofort ein paar Leute nach Noato. Kin, die Schriftrolle. Und Feder und Tinte.“
Während der Jüngere der beiden Diener ein großes Pergament auf dem Boden ausbreitete, das über und über mit den feinen Linien des Khami bedeckt war, wandte sich Yerim wieder an Arjuk.
„Du hast mich bereits davon überzeugt, dass du den Luxus einer guten Bildung genossen hast. Ich nehme an, du hast auch gründlich gelernt, dich auf Meir gewählt auszudrücken.“ Yerim wies auf das Papier. „Übersetz das. Übersetz es sehr elegant, so dass es reiche verwöhnte Westländer beeindrucken wird, ja?“
„Ich bin kein Übersetzer, ich bin ein Gefangener!“, protestierte Arjuk. „Und ich habe noch nie irgendetwas übersetzt!“
„Glaub mir, von allen hier bist du am besten geeignet für diese ehrenvolle Aufgabe.“ In Yerims Augen funkelte der Schalk, doch Arjuk erahnte eine Entschlossenheit dahinter, die sehr ernst gemeint war. „Glaub bloß nicht, während du hier bist, wirst du hier nur Däumchen drehen und dir auf meine Kosten den Bauch voll schlagen. Und nun fang an. Es eilt ein wenig.“


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Beitrag #17 |

RE: VR: Blaues Blut
Die Trümmer waren vom Marktplatz größtenteils beseitigt worden, doch der Schaden an einigen Gebäuden war immer noch deutlich zu sehen. Einige Händler hatten bereits begonnen, ihre Stände aufzubauen und Waren anzupreisen, so als wolle man das Geschehen vom Vortag einfach vergessen machen. Es waren die zahlreichen Soldaten und die großen Trauben von Menschen, die oft heftig diskutierend den Räumungsarbeiten zusehend, die diesem Eindruck widersprachen. Dende war in der Verkleidung eines wohlhabenden Händlers auf den Marktplatz gekommen. Ein Bettler wäre unauffälliger gewesen, doch wer würde sich nicht wundern, wenn ein alter Bettler Auskünfte über ein Medaillon einholte? Zumindest hatte er das langweiligste Gesicht gezaubert, was ihm eingefallen war, so dass sich niemand an ihn erinnern würde. Langsam schlenderte er über den Marktplatz und hörte den Gesprächen zu. Das Thema war immer das Gleiche, aber nichts, was ihn wirklich weiterbringen würde. Nach einigen Auskünften hatte er allerdings die Adresse eines Edelsteinexperten bekommen, der sich angeblich bestens mit dem Schätzen und der Abstammung von Schmuck und Juwelen auskannte. Dende fand den kleinen Laden unweit des Marktes auf Anhieb und trat ein. Er befand sich in einem kleinen, vollständig mit dunklem Holz ausgekleideten Raum. Einige Kassetten zu beiden Seiten enthielten Schmuckstücke und Edelsteine, denen Dende gleich ansah, dass sie aus Glas waren. Er musste unwirklich lächeln. Offensichtlich war der Besitzer kein Dummkopf. Unwissende Kunden oder Diebe würden wahrscheinlich das nutzlose Zeug nehmen, ohne nach mehr zu fragen.
« Kann ich euch helfen? »
Die Frage ließ Dende aufschauen. Ein breitschultriger Mann hatte durch eine Seitentür den Raum betraten und blickte Dende fragend an. Er hatte Meir gesprochen, doch Dende erkannte sowohl an Aussehen als auch an Dialekt seine Khamiabstammung.
« Ich hoffe ja », antwortete der Magier ebenfalls in Meir, « Mir wurde gesagt, man kenne sich hier bestens mit dem Schätzen von Schmuck aus. Ich habe ein Stück erworben und würde gern wissen, woher es kommt und was es wert ist. »
« Mein Meister wird sich darum kümmern. », antwortete der Ostländer und verschwand, um nach Minuten, angeführt von einem alten Mann mit langen, wallenden Haaren und purpurnen Umhang zurückzukommen. Er ließ sich in einen Stuhl hinter einem Schreibtisch fallen und blickte Dende freundlich an.
« Mein Herr, mein Gehilfe sagte mir, ihr habt ein Stück für mich zur Untersuchung? »
« So ist es. » Er fischte das Medaillon aus seiner Tasche. « Ich habe es hier erworben, allerdings noch nie etwas Vergleichbares in Athalem gesehen. Und ich bin auf meinen Reisen weit herumgekommen. »
Der alte Mann hatte das Medaillon gierig gepackt und untersuchte es mit einer Lupe, die er vor sein Auge kniff genauer. Nach einer Weile nickte er eifrig.
« Dann seid ihr bei euren Reisen wahrscheinlich nie so weit nach Osten vorgedrungen », antworte er Dende trimuphierend. « Dieses Medaillon ist eine Arbeit der Khami. »
« Tatsächlich? », sagte Dende überrascht.
« Eindeutig. Seht hier, diese feine Bearbeitung des Metalls um den Edelstein herum. » Er zeigte auf elegant geschwungene, in das KUPFER des Medaillons geritzte Linien. « Solche Arbeiten brachten nur die Khami fertig ... Zwergenarbeiten mal ausgenommen. Und selbst dort werden solch feine Arbeiten heute nicht mehr angefertigt. Das Stück ist also mindestens 200 Jahre alt. »
Er hielt das Medaillon seinem Gehilfen hin, der es neugierig beäugte.
« Ihr habt wie immer Recht. Es muss sich um eine Arbeit der Khami handeln, allerdings nicht aus meiner Heimatregion. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so etwas noch einmal sehe. »
« Das ist sehr interessant », pflichtete Dende bei. « Kein Wunder, dass ich es nicht erkannt habe. » Er dachte einige Minuten nach und fragte dann, wieder an den alten Händler gerichtet. « Wer könnte mir in Kayro'har mehr Auskunft über die Khami geben und wo genau solche Stücke gefertigt werden? »
Es war der Gehilfe der antwortete: « Yerim ist der Chef der Khami hier in Kayro'har. Er ist sehr einflussreich. Er wird euch sicher helfen können, wenn ihr ihm etwas dafür geben könnt. Er hält sich oft in einem Gasthaus nicht weit von hier entfernt auf, dass ihm praktisch gehört.»
« Da habt ihr eure Auskunft », fügte der Alte lächelnd hinzu, « Bron ist selber Khami, wie euch aufgefallen sein dürfte. Er hat seine Wurzeln nicht vergessen. Allerdings wäre es Schande, wenn ich selbst euch keinen guten Kaufpreis für dieses Stück anbiete? »
Dende erhob abwehrend die Hände.
« Bemüht euch nicht, guter Mann. Das Stück wurde für mich selbst erst vor wenigen Tagen hier in Kayro'har erstanden, als ich noch in Gandal'har war. Nun bin ich zurück und sehe, dass der Marktplatz völlig verwüstet ist? »
Die Beiden nickten mit düsteren Mienen.
« Keiner weiß, was wirklich passiert ist. Und nun schwirren die Soldaten überall herum und durchsuchen jedes Haus », sagte der Alte unwirsch. « Als ob wir nicht schon genug Probleme mit dem Krieg hätten. »
« Und zudem sind die Schwarzen Magier wieder in der Stadt », fügte Bron düster hinzu. « Erst gestern hat mich Einer auf dem Markt ausgefragt. »
« Ach wirklich? Wie sah er aus? », fragte Dende leise.
...
Er verließ den Laden wenig später, nachdem er den Beiden einige Münzen dagelassen hatten. Sie konnten nicht ahnen, dass sie ihm viel mehr Informationen gegeben hatten, als er gehofft hatte.

Das Gasthaus, dass ihm Bron beschrieben hatte, war ebenfalls leicht zu finden. Dende betrat den kleinen Vorsaal zum Schankraum und wurde sofort von einem Diener Yerims aufgehalten. Doch nachdem sein Anliegen vorgetragen und ihm ein Goldstück in die Hand gedrückt hatte , wurde er umso freundlicher gebeten zu warten. Yerim würde ihn sobald wie möglich empfangen.


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Beitrag #18 |

RE: VR: Blaues Blut
Geriyon lehnte, in den Schatten der Gassen verborgen, an einer Hauswand, deren Steine er feucht und kalt in seinem Rücken spüren konnte.
Sein linkes, normales, Auge war fest geschlossen, doch sein rechtes dafür umso weiter geöffnet. Ununterbrochen beobachtete der junge Magier ein äußerlich unscheinbares Gebäude, das sich in eine der gegenüberliegenden Gassen duckte.
Er konnte die Magie sehen.
Ein geordnetes Muster aus kristallinen, glühenden Fäden spannte sich wie eine Kuppel über dem Haus. Ein magischer Schutzwall, ein Bannkreis, wie er unschwer erkennen konnte. Und auch die Falle die der fremde Magier darin eingewoben hatte, hatte er rasch entdeckt. Ein kleineres, blasseres Gespinst, das sich hinter dem großen Übermuster verbarg.
Geriyon verlagerte sein Gewicht von einem Bein aufs andere und seufzte leise.
Aber das half ihm nicht weiter. Dass er es mit einem erfahrenen Magier zu tun hatte, war ihm spätestens klar geworden, als dieser seinen Durchsichtzauber vor mehreren Stunden, sofort registriert hatte. Geriyon hatte sich gerade noch rechtzeitig zurückziehen können.
Aber das Bild, das sich bei seinem flüchtigen Blick durch die Mauer in den Keller geboten hatte, war mehr als überraschend gewesen.
Der Fremde hatte anscheinend bereits zwei Magier der schwarzen Akademie ausgeschaltet.
Nachdenklich runzelte der junge Magier die Stirn. Und jetzt dieser Zauber! Er war unglaublich kunstfertig gewirkt. Die meisten Schwachstellen, die künstliche Magie zwangläufig in sich trug, waren ausgemerzt. Dass er es mit einem so erfahrenen Magier zutun bekommen würde, hätte er nicht gedacht. Geriyon würde, trotz seiner besonderen Fähigkeiten, wohl noch Stunden brauchen, um einen Weg durch den Bannkreis hindurch zu finden. Und diese Zeit hatte er nicht.
Prüfend warf er einen Blick auf die langsam aufgehende Sonne. Mit seinem Auge nahm er sie als eine immens kraftvolle Aura wahr, die deutlich vom Element Feuer geprägt wurde.
Sie würde bald auch die letzen Schatten aus den Gassen vertreiben und erinnerte ihn auch daran, dass er rechtzeitig zur Akademie zurück kehren musste, seine Ausbildung würde bald beginnen. Und zwar, wie eigentlich unterschiedslos in jeder Schule, ob schwarz, grau oder weiß, mit der Leibesertüchtigung. Der junge Magier fluchte innerlich. Wie sollte er das durch stehen, ohne eine Stunde Schlaf? Außerdem war der fremde Magier gerade ausgeflogen, jetzt wäre also eigentlich der perfekte Zeitpunkt um sich den Schutzwall vorzunehmen.
Resignierend schüttelte Geriyon den Kopf und stieß sich von der Wand ab. Dann schob er das Siegel langsam wieder über sein rechtes Auge und streckte sich. Er würde die immense Belastung sowie so nicht mehr lange ertragen können … seine gesamte rechte Gesichtshälfte war bereits taub und ein schmerzhaftes Prickeln zog sich bis in seinen rechten Arm hinab.
Er strich Silberschwinge sanft übers seidige Gefieder. Der Rabe hatte die letzten Stunden besser genutzt und sie mit eingezogenem Kopf schlummernd auf Geriyons Schulter zugebracht. Jetzt regte sich der Vogel wieder, sah den jungen Magier aus klugen Augen an.
„Silberschwinge, du bleibst hier und behälst die beiden im Auge. Halte dich von dem Magier fern, er könnte dich bemerken …“ Geriyon ging in die Knie und ließ den Raben zu boden hüpfen.
„Aber sollte die Ungeformte heraus kommen, dann verfolg sie!“ Wie als Antwort breite Silberschwinge seine Flügel aus, hob ab und umkreiste Geriyons Kopf, bevor er sich in den Morgenhimmel schraubte.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #19 |

RE: VR: Blaues Blut
„Was soll das heißen, du bist fertig. Machst du Witze?“
Schnell überflog Yerim das Pergament, das Andamir ihm reichte. Anerkennend schnalzte er mit der Zunge. Der Junge schien tatsächlich in den wenigen Stunden, die er gestern und am heutigen Morgen konzentriert über das Papier gebeugt geschrieben hatte, den ganzen Text fein säuberlich übertragen zu haben. Gespannt begann Yerim zu lesen, doch schon nach wenigen Sätzen ließ er es sinken.
„Was ist denn das? Das steht nirgends im Original.“
„Ich habe es etwas... umformuliert.“ Andamir blickte verlegen drein. „Ihr sagtet, Ihr wollt “reiche, verwöhnte Westländer“ beeindrucken. Also dachte ich...“
Yerim blickte den Jungen, der vor ihm saß und nervös die Finger verschränkte, schmunzelnd an. Sollte er ihn nun schelten, dass er die Rede eigenmächtig geändert hatte? Oder sollte er ihn dafür loben? Denn was immer ihn geritten hatte, als er die Vorlage, die er hätte übersetzen sollen, vollkommen verdrehe - sein dramatischen Worte war wesentlich beeindruckender als das, was Yerim und seine Berater sich mit Müh und Not aus den Fingern gesaugt hatten.
Wieder einmal befielen Yerim Zweifel, ob er in seiner jetzigen Position am richtigen Platz war, ob er sie würde ausfüllen können. Zumindest vorerst konnte es nicht schaden, einen Schreiber um sich zu haben, der aus gutem Hause stammte. Zweifel. Wie er sie hasste!
„Yerim, da ist jemand, der dich sprechen will.“ Kins rundes Gesicht lugte vorsichtig zur Tür hinein.
„Was gibt’s?“ Yerim war überrascht. Er konnte sich nicht daran erinnern, heute einen Gast geladen zu haben.
„Keine Ahnung. Der Typ sagt, er brauche eine Information und würde gut dafür bezahlen.“ Kin grinste. „Und er sieht aus, als könne er ziemlich gut bezahlen.“
Yerim zögerte einen Moment, doch er fühlte sich ohnehin nicht in der Verfassung, sich mit der Rede zu befassen. Nicht, weil sein Gefangener eigenwillig war - damit würde er, Yerim, mit links fertig werden. Aber irgendetwas an dem Jungen irritierte ihn.
Unwillig schüttelte er den Kopf. „Hol ihn rauf,“ wies er Kin an, indem er sich erhob. „Ich warte nebenan.“

Wie von Kin angekündigt sah man es dem Fremden sofort an, dass er aus gutem Hause kam. Der Mann, dessen heller Haarschopf über dem feisten Gesicht mit den blassen, glasigen Augen bereits schütter wurde, hatte sich offenbar bemüht, dezente Kleidung zu tragen, doch der weich fallende Stoff war von feinster Qualität.
„Mein Name ist Yerim,“ stellte sich Yerim knapp vor und deutete auf einen Stuhl. „Darf ich mich nach dem Eurigen erkundigen?“
„Aber sicherlich.“ Der Fremde lächelte freundlich. „Mein Name ist Kelim Vanderkeyn. Ich bin Händler und deshalb von Beruf aus in Kayro'har. Die meisten Geschäfte allerdings tätige ich in Lumnar.“
„Ich verstehe,“ sagte Yerim. „Doch sagt, was ist der Anlass für Euren Besuch? Wie ich hörte, kommt Ihr mit einem Anliegen zu mir.“
„In der Tat.“ Kelim verspeiste langsam und mit Bedacht, sich nicht schmutzig zu machen, eine der Erdbeeren, die Yerim ihm, gemäß den Regeln der ostländischen Gastfreundschaft, angeboten hatte, bevor er eine reich verzierte Schatulle zum Vorschein brachte.
„Einer meiner untergebenen Händler hat dieses Medaillon vor einigen Tagen hier auf dem Markt erworben. Es stammt aus Aven'kan, nicht wahr?“
Yerim nahm die Schatulle entgegen und öffnete sie. Das Schmuckstück war in der Tat eine Arbeit der Khami, aber es schien nichts besonderes daran, bis auf den kleinen Edelstein vielleicht, doch warum das Gespräch noch unnötig in die Länge ziehen? Yerim klappte die Schatulle zu. „In meiner Heimat habe ich Schmuckstücke mit ähnlichen Mustern schon tausendfach gesehen.“
Schon überlegte er, wie er sich am schnellsten von dem Mann verabschieden könnte, ohne ihn vor den Kopf zu stoßen. Doch Kelim hob beschwichtigend die Hände.
„Einen Moment. Ich würde gerne etwas mehr darüber erfahren. Könnt Ihr schätzen, in welcher Region diese Art von Medaillons hergestellt wird? Wer trägt sie? Gibt es noch einen anderen Zweck als reiner Schmuck?“
Yerim hob die Brauen. Wenn das Muttersöhnchen glaubte, er könne sich mit jemandem, der in einem Nomadenzelt geboren war, über Schmuck unterhalten, dann hatte er sich geirrt.
„Wie bereits gesagt,“ erklärte Yerim und konnte nicht verhindern, dass Ungeduld in seiner Stimme schwang, „ähnlichen Schmuck gibt es vielfach. Es ist nichts weiter Besonderes daran.“
„Reden wir offen miteinander.“ Der Ausdruck des Händlers hatte sich plötzlich verändert. Yerim hatte das Gefühl, dass Kelim ihn genau beobachtete, während er sehr sachlich sagte: „Eure Mühe soll nicht vergeblich sein. Jede Information, die mir hilft, den Ursprung dieses Medaillons zurück zu verfolgen, wird Euch in Gold aufgewogen werden. Ich bin sicher, dass wir hierbei einen Handel schlagen können, der für uns beide von Vorteil sein wird.“
„Gold.“ Yerim ließ sich das Wort auf der Zunge zergehen. „Ich mag für Euresgleichen nicht so aussehen, aber ich habe bereits genug davon. Für die Aufgaben, vor denen ich stehe, brauche ich kein Gold. Vielmehr Weitsicht, Redegewandtheit und Menschenkenntnis. Und wo wir gerade dabei sind auch einen Adler, der über alle Hindernisse hinweg fliegt und von oben jede Bewegung der Stadt übersieht, und einen Gedankenleser, der noch die kleinste Lüge enttarnt. Leider sind all das Dinge, die ich mir von Gold nicht kaufen kann.“
Zu Yerims Überraschung schien der Händler keineswegs entmutigt. Im Gegenteil, er hatte das Gefühl, mit dem Mann sei eine unsichtbare Verwandlung vorgegangen. Das Gesicht war immer noch das Gleiche, doch diese violett schimmernden Augen und das kalte Lächeln waren ihm vorher nicht aufgefallen.
„Ihr seid ein interessanter Mann, Yerim.“, sagte der Mann leise. „Euer Anspruch ist nicht niedrig, doch vielleicht kann ich euch mehr zum Tausch anbieten als Gold. Wie es der Zufall will, kenne ich einen Gedankenleser, der euch helfen wird.“
Yerim verschlug es einen Moment lang die Sprache, dann lachte er verächtlich auf. „Einen Gedankenleser? Wie soll das vor sich gehen? Erzählt mir nicht, Ihr gebt Euch mit dem Magierpack ab, das in Kayro’har herumstreunt.“
„Ah ja, ich vergaß, die Khami geben nicht viel auf Magie.“, antwortete Kelim falsch lächelnd. „Es gibt in Kayro'har einen Gedankenleser, keine Angst, er ist kein Magier der Schwarzen. Er wird euch helfen, wenn nicht freiwillig, gibt es einen einfachen Weg, ihn ....“ Er hielt kurz inne und das Lächeln verbreiterte sich. „... zu überzeugen! Er ist ein guter Mann, glaubt mir. Nur wenige meistern die Kunst des Gedankenlesens. Eure Gegenleistung wird sein, mir alles über dieses Medaillon herauszufinden, was möglich ist.“
Yerim schwieg. Ganz offenbar hatte er sein Gegenüber unterschätzt. Nun galt es, schnell abzuwägen. Ein Gedankenleser... Unwillkürlich schauderte er. Er hatte an der Grenze von Aven’kan die skrupellosesten Wüstenbanditen zur Strecke gebracht, hatte sich weder vor ihren zermürbenden Versteckspielen noch vor wahnwitzigen Verfolgungsjagden gescheut, hatte jeden Hinterhalt überlebt. Er hatte als Söldner geholfen, eine Revolte in Kohn’kan niederzuschlagen, nur um dann in Aven’kan selbst eine zu initiieren; ein Unterfangen, das ihm seine Frau und seinen ältesten Sohn genommen hatte und ihn, wäre es fehlgeschlagen, noch viel mehr hätte kosten können.
Nein, man konnte ihm nicht vorwerfen, er sei ein Feigling, aber wenn Magie ins Spiel kam, war ihm die Sache nicht geheuer. Was ihm seine Leute von ihrem Gang über den Marktplatz erzählt hatten, der offenbar erst gestern von einem Magier verwüstet worden war, trug nicht gerade zu seinem Vertrauen gegenüber den unheimlichen Robenträgern bei. Andererseits, blieb ihm eine große Wahl? Er misstraute auch Milena, die so unschuldig aussah, die ihn aber aus furchtlosen Augen anblickte. Und er misstraute der Geschichte, die sie ihm so freigiebig erzählt hatte.
Yerim gab sich einen Ruck. „Auf Euren Seher bin ich gespannt,“ sagte er. „Ich werde Euch gerne erzählen, was ich weiß.“
Im Stillen jedoch fragte er sich, was in aller Welt wohl an der Kette so bemerkenswert war.

„Ich habe aber jetzt Hunger.“ Herausfordernd blickte Milena Kin an. „Was ist so schwierig daran, uns eine Kleinigkeit zu bringen, hm? Hast du Angst, wir könnten entwischen? Wozu hast du einen Schlüssel, um uns einzuschließen?“
„Ihr wollt mich doch nur durch die Gegend kommandieren,“ beschwerte sich Kin. „Dass das mal klar ist: Ich bin nicht euer Leibsklave!“
„Gut, dann gehe ich selbst in die Küche und lasse mir eine Suppe geben,“ gab Milena gereizt zurück. „Liebend gerne. Ein bisschen Bewegung wäre jetzt genau das Richtige.“
Mit einem theatralischen Seufzer verdrehte Kin die Augen. „Also gut,“ lenkte er ein. „Ich geh ja schon. Aber nur, weil Andamir bei Yerim einen Stein im Brett hast.“
„Einen Stein im Brett?“ Arjuk horchte auf. „Warum sollte ich. Ich fürchte eher, ich habe ihn ziemlich verärgert. Erst bezeichne ich das beste Produkt aus Aven’kan als Gaunerei und dann ändere ich auch noch seine Rede auf eigene Faust.“
„Genau - und du hast dir dennoch keinen Ärger eingehandelt.“ Kin blickte ihn bedeutungsvoll an. „Jedem anderen wäre Hören und Sehen vergangen, glaub mir. An deiner Stelle würde ich ihn nicht zu sehr reizen. Yerim ist ein umgänglicher Herr, aber im Herzen ist er auch immer noch ein General, der erwartet, dass seine Befehle ausgeführt werden.“
Mit diesen Worten ließ Kin die Tür hinter sich zufallen. Kaum war das Geräusch des Schlüssels, der sich scheppernd im Schloss drehte, verklungen, drückte Milena auch schon das Ohr gegen die Wand zum Nebenzimmer.
„Ach, deshalb dein plötzlicher Hunger. Sehr listig.“ Arjuk grinste und lehnte sich ebenfalls gegen die Wand. Yerims Stimme klang nur gedämpft herüber, aber bei genauerem Hinhören war sie deutlich verständlich.
„An Medaillons wie diesem ist an nichts Ungewöhnliches,“ erklärte Yerim gerade. „Außer vielleicht dieser rote Edelstein. Der dürfte ziemlich wertvoll sein.“
Arjuk hätte beinahe aufgelacht. Das waren die geheimen Informationen, aus denen Milena ihren Fluchtplan schmieden wollte? Belustigt spitzte er die Ohren.
„Es ist also wahrscheinlicher, dass der Besitzer aus dem Adel stammt,“ mischte sich der Fremde ein. Seine Stimme war weich und sehr bedacht.
„Ja und nein,“ antwortete Yerim. „Für die längste Zeit wäre dieses Amulett viel zu volkstümlich für adelige Stände gewesen, die sich ja sehr an der Mode Gandal’hars orientierten. Seit der Revolution allerdings könnte ich mir vorstellen, dass eine Dame in gehobenen Kreisen diesen traditionellen Schmuck verwendet und den Stein nachträglich einsetzen ließ.“
„Sehr interessant.“ Der Fremde schien zufrieden. „Vielleicht war es ein Magier...“
Ein Magier? Arjuk horchte auf. Magie hatte er erst ein Mal in seinem Leben direkt gesehen - keine sehr angenehme Erinnerung -, und in der Tat hatte sich damals auch eine Kette mit auf der Bühne befunden. Eine Kette, so ging ihm plötzlich auf, mit einem winzigen roten Stein in der Mitte...
„Magie?“ Auch Yerim schien überrascht zu sein. Er zögerte einen Moment. „Habt Ihr schon einmal einen Ostländer in Magierrobe gesehen? Ich bezweifle es! Sicherlich wisst Ihr, dass wir den Untergang unseres Königreiches im Wesentlichen den Magiern unserer Feinde zu verdanken haben, denen wir nichts entgegen zu setzen hatten. An dieser, nennen wir es, magischen Schwachstelle hat sich bis heute nichts geändert. Bis auf eine Ausnahme: Die Bergbewohner.“
Arjuks Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Konnte das ein Zufall sein? Ein Amulett mit einem roten Stein in der Mitte, möglicherweise mit magischen Kräften, möglicherweise gar aus den Bergen fern im Osten - es passte alles so genau! Stellte sich nur die Frage, wie die Kette von jenem Mädchen, das sie damals getragen hatte, in die Hände von Yerims mysteriösen Gast gewandert waren. Ob sie sie verkauft hatte? Denkbar wäre es, schließlich hätte sie das Geld sicherlich dringend gebraucht.
„Aber wie kommt Ihr auf diese Vermutung?“, fragte Yerim misstrauisch. „Ihr interessiert Euch sehr für Magie, scheint es. Doch diese Spur in die Berge ist eine gänzlich andere als die Spur in die Oberschicht Aven’kans, die wir gerade entwickelt haben.“
„Sicher. Dennoch sollte beiden Möglichkeiten nachgegangen werden,“ erwiderte der Fremde hart. „Wisst Ihr, von welchem Tier das ist? Der Vorbesitzer hatte es offenbar an dem Medaillon befestigt.“
„Die Feder.“ Unwillkürlich hatte Arjuk die Worte geflüstert.
„Was?“ Milena blickte auf, doch Arjuk legte eindringlich einen Finger auf die Lippen.
„Eine Feder?“, erklang da Yerims Stimme. Milena blickte Arjuk überrascht an. „Nun, mir kommt diese Farbgebung nicht bekannt vor, aber es lässt sich sicherlich herausfinden, von welchem Vogel diese Feder stammen muss und wo man ihn findet. Das bedeutet, ich müsste Nachforschungen in die Oberschicht und in der Region, aus der diese Feder stammt, anstellen. Zu den politischen Zentren, Aven’har und Caralmur, habe ich Verbindungen. Falls uns die Feder aber tatsächlich in die Berge führen sollte, so müsst Ihr wissen, dass kaum jemand für einen Westländer auch nur einen Schritt in die Berge wagen würden.“
Yerim legte eine dramatische Pause ein. „Um ehrlich zu sein, viele sehen die Bergbewohner nicht als ein Teil unseres Volkes an. Wenige gehen zu ihnen, und wenige von ihnen kommen zu uns. - Meine Mutter hat es getan. Sie ist in den Bergen geboren und aufgewachsen, und noch immer kennt sie jedes Gesicht, ja, jeden Stein dort. Einen besseren Mann als mich werdet Ihr für Eure Nachforschungen nicht finden.“
Arjuk schielte nervös in Richtung der Tür. Noch schien sich Kin mit dem Essen Zeit zu lassen. Sicherlich beschwerte er sich gerade bei dem pockennarbigen Herbergsvater über seine unleidlichen Gefangenen. Wenn die beiden dort drüben nur noch etwas mehr über dieses Medaillon verraten würden!
„Allerdings wäre das doch ein recht ungleicher Austausch. Ihr erwartet, dass ich größere Nachforschungen anstelle, dass ich Leute ausschicke. Die Frage ist, warum tut Ihr es nicht selbst? Ich nehme an, Ihr seid im Osten Athalems noch nicht all zu sehr herum gekommen. Sehr Ihr, mir geht es ganz genau so. Ich brauche jedes Stückchen Informationen über drei Personen, die sich lange Zeit in Noato aufgehalten haben. Aber ich habe keinerlei Verbindungen nach Noato. Meine Leute kennen sich dort nicht aus und werden sofort auffallen, und der Krieg macht die Sache nicht einfacher.“
Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann erklang wieder die Stimme des Fremden.
„Aus Noato Informationen zu bekommen, ist zur Zeit für jedermann schwer, fürchte ich“, sagte der Mann langsam, „allerdings wüsste ich einen Weg, einen Weg, der Euch mehr einbringen könnte, als Ihr denkt.“
„Was meint Ihr damit?“, fragte Yerim nun misstrauisch.
„Da Ihr Euch hier nicht für Gold interessiert, interessiert Ihr Euch vielleicht für Macht,“ erklärte der Fremde in sachlichem Ton. „In diesem Krieg führt Macht über keinen anderen als Fürst Vulun.“
Arjuk riss unwillkürlich die Augen auf, als er den Namen seines Onkels fallen hörte.
„Das dachte ich mir,“ antwortete Yerim trocken. „Aber was hat das mit meinem Problem zu tun?“
„Ich kenne einen Weg, Vuluns Gunst zu gewinnen und über ihn werdet Ihr jede Information über Noato bekommen, die Ihr braucht. Im Grunde werdet Ihr alles von Vulun bekommen, wenn Ihr ihm seinen Neffen Arjuk bringt.“
Arjuk wollte aufschreien, doch Milena drückte ihm die Hand vor den Mund und deutete ihm zu schweigen.
„Dieser Junge ist der Schlüssel zu Vuluns Krieg. Er sucht ihn wie von Sinnen. Wer immer ihm Arjuk bringt, wird für immer in des Fürsten Gunst stehen. Lasst Euch nicht von den Geschichten abschrecken, der Junge sei tot. Ich bin sicher, er ist untergetaucht und aus Noato geflohen. Für Eure Spione sollte es kein Problem sein, ihn zu finden.“
Arjuk schreckte auf, als die Türklinke hinunter gedrückt wurde. Schnell rückte er von der Wand ab, während Milena sich einfach mit dem Rücken an ebendiese lehnte, als wolle sie es sich nur gemütlich machen.
„Da hast du Suppe für die nächsten hundert Jahre.“ Kin, der einen großen Topf in den Händen hielt, stutzte einen Moment, als er Arjuks entsetztes Gesicht sah, doch Milena lenkte ihn ab.
„Bleibt zu hoffen, dass wir nicht die nächsten hundert Jahre hier fest sitzen,“ murrte sie.
„Das wäre allerdings fatal,“ stimmte Kin sofort zu. „Zwei Tage genügen mir bereits vollkommen.“
Arjuk aber dachte mit klopfendem Herzen an die Worte des Fremden: Der Junge ist der Schlüssel zu Vuluns Krieg...

Als sich Kelim endlich verabschiedet hatte und der Handel zwischen beiden abgeschlossen war, seufzte Yerim erleichtert auf. Seine Hände, die noch immer das Papier hielten, zitterten. Yerim musste schlucken, als er auf die Zeichnung hinab sah.
Natürlich gab es äußerlich einige Unterschiede zwischen Seyjuk und Andamir. Andamirs Haarschopf fiel ihm in wirren Locken in die Stirne, während Seyjuks Gesicht von aalglatten dunklen Strähnen umrahmt wurde. Während Andamir oftmals eher schüchtern aus seinen großen fragenden Augen in die Welt blickte, hatte Seyjuk die verwegen geschwungenen Brauen und dieselben schmalen Augen wie Yerim selbst. Und selbstverständlich sah man ihnen den Standesunterschied geradezu an der Nasenspitze an, denn Andamir hatte die helle Haut eines reichen Westländers, der nie unter der Sonne schuften musste.
Und dennoch... Yerim fühlte sich durch Andamir so lebhaft an Seyjuk erinnert, dass er sich wunderte, warum es ihm bis jetzt nicht bewusst geworden war. Vielleicht bestand die Ähnlichkeit der jungen Männer einfach nur darin, dass sie beide dieselben eleganten Worte fanden, mit denen man in gebildeten Kreisen um Aufmerksamkeit heischte. Sicherlich jedoch darin, wie die beiden ihn, Yerim, in gleicher Weise voller Vorwurf und Entrüstung anblickten, wenn sie nicht seiner Meinung waren, und wie sie ihn, Yerim, in gleicher Weise voller Misstrauen beobachteten.


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RE: VR: Blaues Blut
Ich bin Kara, komme aus einem kleinen Bauerndorf außerhalb der Stadt und bin auf der Suche nach meiner Schwester Ine, die gestern auf den Marktplatz wollte und nicht mehr zurückgekommen ist.

Noch einmal vergewisserte sie sich, dass die Lumpen, die sie trug, ihre auffällige Kleidung verdeckten und hoffte, dass ihr mit Ruß geschwärztes Haar halbwegs normal aussah.
„Kara – mein Name ist Kara“, sagte sie zu sich selbst, stieg vorsichtig die schmale Holztreppe hinauf und hielt an der Tür inne, um zu lauschen. Als sie auch nach einer Weile keine Geräusche wahrgenommen hatte, die aus der unmittelbaren Umgebung zu kommen schienen, atmete sie tief durch und öffnete die Tür. Hoffentlich wirkt sich dieser Schutzkreis, den mein fragwürdiger Beschützer gezaubert hat, nicht auf mich aus... Vorsichtig streckte sie einen Arm aus der Kellertür und hielt den Atem an. Als nichts geschah, weder ein Lichtblitz, noch ein unheimliches Kribbeln, schlüpfte sie grinsend aus dem muffigen Keller und schloss die Tür hinter sich. Blinzelnd trat sie ins Sonnenlicht der unbelebten Seitenstraße. Außer einer Wäscheleine, auf der ein Rabe saß, und einer mageren Straßenkatze befand sich nicht viel zwischen den hohen, baufälligen Hausmauern. Nachdem sie sich in einer Sackgasse befand, blieb Kara die Wahl eines Weges vorerst erspart, und so fand sie sich nach kurzer Zeit auf einer breiteren, gepflasterten Straße wieder. Es war zwar keine Hauptstraße, doch geschäftig eilten Handwerker, Händler und sonstige Bürger auf und ab. Das Viertel in dem sich Kara befand war sichtlich kein reiches, doch je weiter sie der Pflasterstraße folgte, desto hübsche und neuer sahen die Häuser links und rechts aus. Und nun waren auch immer mehr Menschen unterwegs, die Kara vereinzelt flüchtige Blicke zuwarfen.
Kara zögerte kurz und fragte sich, ob sie nicht doch lieber im Schutz der Dämmerung auf die Straße gehen sollte. Doch dann meldete sich ihre innere Stimme; Das ist alles nur Einbildung, warum sollte dich jemand verdächtig finden? Dieser Magier hat zwar gemeint du seist in Gefahr, und dass die ganze Stadt nach dir suchen würde, aber hast du auch nur eine einzige Wache gesehen? Nein.
Es dauerte dennoch eine ganze Weile, bis Kara sich traute, jemanden nach dem Weg zu fragen:
„Guter Mann, wärt Ihr so freundlich mir den Weg zum Marktplatz zu beschreiben? Ich bin auf der Suche nach meiner Schwester.“
Der Angesprochene zögerte einen kurzen Augenblick lang, Karas Herz schlug schnell gegen ihre Brust, und fing dann schallend an zu lachen.
„Du bist wohl nicht von hier, was? Ich kann dir sehr wohl den Weg beschreiben, aber du musst mir schon sagen welchen Marktplatz du meinst! Immerhin gibt es in Kayro’har nicht nur einen. Dies ist eine Stadt, und kein Kuhdorf.“
Kara lachte höflich mit, während ihr Herz noch einmal an Tempo zulegte.
„Ich suche den Marktplatz auf dem gestern dieser… Unfall passiert sein soll.“
Schlagartig veränderte sich die Miene des Mannes, und der freundliche Blick war einem abschätzenden gewichen.
„Dort wirst du wohl kaum deine Schwester finden. Seit die Wachen gestern dort alles untersucht haben, meidet jeder diesen Platz. Wie heißt deine Schwester nochmal?“
„Ine“, antwortete Kara ohne zu zögern. Sei vorsichtig! Dieser Mann ist nicht so einfältig, wie er aussieht. Spiel die Unschuldige, spiel die besorgte Schwester!
„Wir haben uns gestern getrennt und sie wollte zum Markt, aber als sie am Abend nicht zurück war, da dachte ich es könnte ihr etwas passiert sein. Und dann habe ich von diesem schrecklichen Unfall gehört! Hoffentlich ist sie nicht verletzt, das könnte ich mir nie verzeihen!“
Karas Gegenüber ließ ein unstimmiges Brummen ertönen.
„Falls sie verletzt ist, dann findest du sie bestimmt nicht dort am Platz, sondern bei einem Heiler – und falls sie nicht verletzt ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sie zur Befragung ins Amtshaus gebracht wurde.“
„Bitte, könnt Ihr mir den Weg zum Marktplatz und zum Amtshaus beschreiben? Vielleicht kann mir jemand am Markt sagen, wo genau meine Schwester ist.“
„Also gut. Du folgst dieser Straße, bis du auf eine größere stößt, und dann --- “

Zehn Minuten später hatte Kara eine breite, belebte Straße betreten, die laut der Wegbeschreibung des Fremden nicht mehr weit vom Marktplatz entfernt war. Inzwischen war ihre Angst vor Passanten etwas gesunken, denn immerhin wurde sie kaum beachtet. Jeder strebte hastig seinen eigenen Zielen zu und in dem Gedrängel fiel sie keineswegs auf.
Als sie schon eine Zeit lang die Straße entlangwanderte, war es Kara, als ob alle Farben vor ihren Augen blasser würden, und die Szenerie der belebten Straße verschwamm deutlich. Alarmiert blickte sie um sich, fand eine schmale Seitengasse, und war gerade in diese gestolpert, als ihre Knie drohten nachzugeben und sie sich gegen eine Hausmauer lehnen musste, um nicht umzufallen. Was passiert mit mir?! Blinzelnd blickte sie die Gasse entlang, doch ihre Sicht verbesserte sich nicht.
Doch plötzlich sah sie am Ende der Gasse einen hölzernen Wagen, gezogen von einem Ochsen, der, begleitet durch helles Kinderlachen, vorbeirumpelte. Unverzerrt und in keinster Weise verschwommen, nahm Kara darin zwei Gestalten wahr. Einen kleinen Jungen, vielleicht gerade einmal 2 Jahre alt, und eine junge Frau, die lachend in ihre Richtung deutete.
Das…das bin ich… ich sitze in diesem Wagen und halte ein kleines Kind auf dem Arm! – meinen Sohn?
Kara wollte den Gestalten etwas zurufen, doch in diesem Moment war der Wagen hinter einer Hausecke verschwunden, und ihr wurde schwarz vor Augen.

Ein Krächzen was das Erste, das sie wieder wahrnahm bevor sie die Augen öffnete. Mit einem leicht schwummrigen Gefühl im Magen kam Kara auf die Beine und sah einen Raben ganz in ihrer Nähe in einem Hauseingang sitzen. Seine glänzenden Augen blickten sie intelligent an, und sein Krächzen wurde drängender, als er etwas am Ende der Gasse erblickte.
Wachen!
So schnell sie konnte, sprang sie auf den Hauseingang zu, in dem der Rabe saß, und kam keine Sekunde zu früh in den schützenden Schatten an, als auch schon die Wachen aufmerksam in die Gasse blickten.
Bitte, nicht in diese Gasse! BITTE --- verschwindet!
Sekunden und Minuten verstrichen quälend langsam und Kara glaubte jeden Moment lang, die zwei Wachen würden sie auf die Straße zerren --- doch es geschah nichts.
Erst nach guten fünf Minuten traute sie sich, den Kopf aus dem Schatten zu strecken und die Gasse entlang zu sehen. Doch sie war leer.
Erleichtert und erschöpft zugleich ließ sie sich erneut auf den Boden sinken. Als Karas Herzschlag sich wieder annähernd beruhigt hatte, wandte sich sie an den Raben, der immer noch neben ihr saß und den Kopf schief gelegt hatte, als würde er nachdenken.
„Danke, du hast mich rechtzeitig vor den Wachen gewarnt…“, murmelte sie verlegen und überlegte kurz, ob sie die Hand ausstrecken sollte um den Vogel zu streicheln.

Keine Ursache. Verjagt hast du sie schließlich…

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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