Es ist: 06-10-2022, 21:33
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VR: Blaues Blut (453 d.D)
Beitrag #51 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„Nun komm schon, wir haben keine Zeit zum Trödeln.“ Ungeduldig spähte Milena hinter die bunte Zeltwand am Wegesrand, hinter der sich Kara befand und zweifelnd an ihrer Kleidung herumzupfte. „Also ich weiß nicht Recht…“, murmelte sie und sah an sich herab. Statt der bunten Kleider, die sie vorher angehabt hatte, steckte sie nun in weitaus schlichteren Stoffen. Milena hatte darauf bestanden, dass Kara bei einem der vielen Händler, die vergebens darauf warteten eine Genehmigung für die Stadtmärkte zu bekommen und ihre Ware deswegen kurzentschlossen schon vor den Stadttoren feilboten, neue Kleidung anprobierte, da ihre bunte Kleidung einfach zu auffällig wäre. Nun trug Kara eine schlichte, blaue Leinenbluse über einem schwarz gefärbten Rock, der ihr bis knapp übers Schienbein reichte und so noch die abgetragenen braunen Lederstiefel offenbarte. An der Taille verdeckte ein dunkler, breiter Ledergürtel teilweise die feinen Stickereien an der Bluse. Milena verzog kritisch die Augenbrauen, rückte den Gürtel zurecht und schenkte Kara ein kurzes Lächeln. „Du siehst gut genug aus um bei den Wachen vorbeizukommen, also komm jetzt, wir haben nicht ewig Zeit. Ach, und binde dir die Haare etwas ordentlicher zusammen, hier.“ Milena reichte der Angesprochenen ein dunkles Stoffband. Etwas widerstrebend folgte Kara der Aufforderung und band ihr dunkles Haar geschwind zu einem lockeren Zopf. „Endlich zufrieden?“, fragte sie leicht mürrisch, doch ohne zu antworten hatte Milena sich schon auf der Stelle umgedreht und war in Richtung Stadttor davon gerauscht.

Mit einem unangenehmen Gefühl im Bauch schloss Kara schließlich zu ihrer Begleiterin auf, die vor den Wachen am Tor angehalten hatte und ein besänftigendes Lächeln zur Schau stellte. “Grund des Besuches und Aufenthaltsdauer”, herrschte der stämmige Soldat sie an und musterte beide Frauen gründlich von oben bis unten. Sichtlich gelangweilt stützte sich sein Kollege lässig an seiner Hellebarde ab und ließ sich noch mehr Zeit die beiden Besucher ausgiebig zu betrachten.
"Meine Schwester und ich möchten unsere Tante in Kayro'har besuchen", sagte Milena mit unschuldigem Augenaufschlag. "Wir werden nur ein paar Tage in der Stadt bleiben, unsere Eltern brauchen uns auf dem Hof." “Meine Töchter würde ich nicht ohne Begleitung in eine große Stadt schicken”, bemerkte der Soldat. “Vor allem nicht jetzt, wo die Schwarzmagier ihr Unwesen treiben. Warum müsst ihr ausgerechnet jetzt eure Tante besuchen?” “Nun ja…” Milena warf Kara einen Seitenblick zu und lächelte verlegen. “Meine Schwester soll einem jungen Mann vorgestellt werden. Meine Familie hat sehr lange gebraucht, um dieses Treffen zu arrangieren, also können wir es unmöglich absagen… Unsere Eltern werden natürlich bald selbst nachkommen, aber sie haben uns schon einmal vorgeschickt, damit wir mit unserer Tante zusammen alles vorbereiten können.” Kara widerstand dem Drang Milena entgeistert anzustarren und fühlte, wie sie rot wurde. Eine andere Ausrede war ihr wohl nicht eingefallen. Bemüht um ihrer neuen Rolle gerecht zu werden versuchte Kara ein schüchternes Lächeln, senkte den Blick und sagte an den Wachmann neben ihr gewandt: “Unsere Tante wartet sicher schon ungeduldig auf uns, und auch ich bin schon sehr aufgeregt deswegen, wie Ihr sicher versteht.” Der Soldat warf ihr einen leicht amüsierten Blick zu und sprach mit einem Augenzwinkern: “Aber natürlich, junges Fräulein, in Eurem Alter ist es wohl das Wichtigste einen Verlobten zu finden. Darf man fragen wie der Glückliche heißen wird?” Einen quälend langen Herzschlag lang rasten Karas Gedanken und sie spürte den warnenden Blick Milenas auf sich ruhen. Es gab keinen Weg an den Wachen vorbei und Geriyon hatte sie zu höchster Eile angetrieben.
“Ali. So heißt der Mann mit dem ich verlobt werden soll.” Aus irgendeinem Winkel ihres Bewusstseins war ihr der Name plötzlich und gerade zum richtigen Zeitpunkt eingefallen. Woher, das konnte sie sich später noch fragen. Erst einmal mussten die Wachen sie endlich in die Stadt hineinlassen. “Ein wirklich wunderbarer junger Mann”, begann Milena zu schwärmen und wollte zu weiteren Lobpreisungen an den erfundenen Verlobten ansetzen als der Wachmann sie mit einer Geste unterbrach. “Jaja, der Gute kann sich sicher auch glücklich schätzen. Ihr könnt passieren, aber passt auf, gerade abends sollten junge Frauen wie ihr nicht alleine auf den Straßen herumspazieren bei allen Vorkommnissen der letzten Zeit.”
Mit einem Knicks bedankte sich Milena, hakte sich auffordernd bei Kara ein und die beiden traten geschwind durchs Stadttor. Erst als sie außer Seh- und Hörweite waren ließ Milena von ihr ab und murmelte anerkennend: “Nett improvisiert, muss ich schon sagen. Wir sollten uns jetzt aber wirklich beeilen.” Kara folgte ihrem Blick, der sich nach oben gerichtet hatte. Knapp über den Dächern kreiste Silberschwinge ungeduldig, und als die beiden am Boden schnellen Schrittes davoneilten zeigte der Rabe ihnen die Richtung.

Kurz darauf, als die Gassen durch die sie sich bewegten immer breiter wurden und ein stetiger Strom an Passanten, die sich sichtlich auf dem Weg nach Hause befangen und noch in allerlei Arbeitskleidung unterwegs waren, Kara und ihrer Begleiterin das Weiterkommen erschwerte, ließ sich Silberschwinge auf Milenas Schulter nieder. Anscheinend gab Geriyon nun genauere Wegbeschreibungen weiter, denn Milena hielt kurz inne und schien zu lauschen.
„Er bewegt sich wieder,“ murmelte die Magierin mehr an sich selbst als an Kara gewandt. Wenn Kara sich nicht täuschte, hatte sich eine unterschwellige Anspannung auf dem Gesicht ihrer Begleiterin ausgebreitet.
“Wohin gehen wir denn jetzt?”, fragte Kara, als sie sich der nächsten Abzweigung zuwandten, die weiter ins Herz der Stadt führte. Sie hielten sich nach Möglichkeit in den Seitengassen, um den Passanten zu entkommen und skeptische Blicke auf Silberschwinge zu vermeiden.
„Mit Sicherheit kann uns das nicht einmal Geriyon vorhersagen,“ antwortete Milena. „Aber ich habe das Gefühl, dass...“
Plötzlich hielt sie wieder unvermittelt inne. Dieses Mal verriet ihr Gesicht eindeutig Nervosität.
„Was ist...“, setzte Kara zu einer Frage an, doch Milena unterbrach sie mit einer ungeduldigen Handbewegung. Sie schien in ihrem Geiste eine Nachricht zu empfangen, die ihr offenbar ganz und gar nicht gefiel. Ihr zierliches Näschen kräuselte sich missbilligend, während sie kurz zu überlegen schien. Dann blickte sie Kara an.
„Kara... ich habe eine wichtige Aufgabe für dich.“

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #52 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Es dämmerte schon, als Kara bei dem mächtigen Gebäude ankam, zu dem Silberschwinge sie geführt hatte. Mit dem mulmigen Gefühl beobachtet zu werden, sah sie sich vor dem riesigen Eingangstor um, jederzeit gewappnet einem bewaffneten Wachposten entgegen zu blicken - doch der gepflasterte Platz vor dem ehrwürdigen Fundament war menschenleer.
“Wie stellt sie sich das vor?!”, schimpfte Kara vor sich hin, “Soll ich einfach zur Tür hineinspazieren und nach einem gewissen Andamir fragen, den ich nicht einmal erkennen würde wenn er vor mir stünde? Dabei weiß ich nicht einmal was das für ein Haus ist.” Fragend blickte sie Silberschwinge an, doch der Rabe flatterte einmal mehr drängend mit den Flügeln und wirkte dabei sichtlich erschöpft.
Beeile dich, mein Meister kann die Verbindung nicht mehr lange aufrecht erhalten. Der Gesuchte befindet sich genau dort drinnen, finde ihn und danach werdet ihr beide in Sicherheit gebracht.
Widerstrebend folgte Kara der Aufforderung und bewegte sich auf das Tor zu. Bestimmt war zu dieser Uhrzeit alles versperrt, dann hatte sie keine Chance durch den Haupteingang zu gelangen. Missmutig griff sie nach der verzierten Klinke, voller Erwartung den Widerstand des Schlosses zu spüren. Doch überraschender Weise schwang das Tor nahezu lautlos nach Innen - und genau in dem Moment löste sich Silberschwinge abrupt und mit einem leisen Krächzen von ihrer Schulter.
Die Verbindung ist gebrochen! Ich muss zu meinem Meister. Von hier an bist du auf dich alleine gestellt...
Hastig drehte sich Kara auf der Stelle, um Silberschwinge zurückzuhalten, doch der Rabe war schon fast über den Dächern der Stadt außer Sichtweite, als seine Stimme noch laut und klar in ihrem Kopf nachhallte.
“Verdammt! Auch das noch. Das wird ja immer besser”, zischte Kara, zog vorsichtig das Tor hinter sich zu, und strich sich genervt das dunkle Haar aus dem Gesicht. Abgestandene Luft umfing sie, und im Halbdunkel der niedergebrannten Kerzen in den Laternen an den Wänden glänzten langsam dahinschwebende Staubpartikel. Der breite Gang führte an Marmorsäulen entlang und schien an einer Treppe zu enden, sowie etwa in der Mitte die Zugänge zu zwei größeren Räumen an der linken und rechten Seite zu beherbergen. Darauf bedacht zuerst einmal wenig Aufmerksamkeit zu erregen, schlich Kara bis zur Mitte des Ganges und wandte sich dann kurzerhand nach links. Als sie ein paar Schritte in den Raum tat, blieb sie überrascht stehen und sah sich beeindruckt um.
Die Wände waren ringsum mit Regalen besetzt, die bis zur schlecht ausgeleuchteten Decke reichten, und in ihnen befanden sich tausende von verstaubten, vergilbten und abgegriffenen Büchern. Kara bewegte sich vorsichtig zwischen einigen Lesetischen und Stühlen hindurch um die Regalwände näher zu betrachten, als plötzlich ein Geräusch die gedämpfte Stille durchbrach: das spitze Klirren von berstendem Glas.
Angespannt wartete sie einige Herzschläge lang ab. Sie war also doch nicht die einzige, die sich in der wahrscheinlich schon geschlossenen Bibliothek herumtrieb. Doch konnte sie sich sicher sein, dass es dieser Andamir war? Erneut legte sich die staubgetränkte Stille über den Lesesaal. Vorsichtig bewegte Kara sich wieder auf den Gang hinaus und lauschte. Eine Weile lang blieb es still, dann erklang ein dumpfes Rumpeln - und es kam eindeutig vom oberen Ende der Treppe.
“Auf was hab ich mich da bloß eingelassen...Katz und Maus Spiel in einer verwaisten Bibliothek mit einem Unbekannten”, dachte Kara leicht verstört, während sie sich zögernd der Treppe näherte. Wieder lauschte sie, doch es war nichts mehr zu hören.
Seufzend erklomm Kara die Treppe. Mit jeder Stufe schwand etwas mehr Licht aus dem Gang, wuchs ihr mulmiges Gefühl. Aber sie konnte jetzt keinen Rückzieher mehr machen. Sie musste Geriyons und Milenas Auftrag so schnell wie möglich hinter sich bringen, damit der Wahnsinn ein Ende hatte und sie endlich...
Kurz verliefen sich ihre Gedanken im Sand. Was wollte sie eigentlich von den Beiden? Natürlich! Sie wollte ihre unheimlichen Kräfte unter Kontrolle bringen und ihr Gedächtnis wiedererlangen. Oder vorerst nur Schutz vor der Stadtwache. Wie hatte sie sich überhaupt auf den Wahnwitz einlassen können, nur mit der Tarnung eines schlechten Vorwandes unter den Augen der Wachen durch das Stadttor zu spazieren? Einen Moment lang überlegte Kara irritiert, versuchte, die Ereignisse in eine logische Reihenfolge zu bringen, doch in ihrer Angespanntheit war sie zu keinem klaren Gedanken fähig und so verschob sie die Frage auf später.
Der Korridor im Obergeschoss lag in vollkommener Dunkelheit vor Kara. Er schien schmäler zu sein als der prächtige Gang im Erdgeschoss, aber Genaueres konnte Kara beim besten Willen nicht erkennen, denn die Lampen an den Wänden waren nicht angezündet. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel auf den Gang, anscheinend war die Tür zu einem der Zimmer rechterhand offen…
Unsicher machte Kara einige Schritte darauf zu. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Das ganze wurde allmählich wirklich unheimlich. War jemand gerade in dieses Zimmer hinein gegangen? Oder heraus gegangen? War es Andamir? Was trieb dieser Mensch überhaupt in der Dunkelheit einer Bibliothek? Kara öffnete den Mund, um zu rufen, aber sie wusste nicht, nach wem. Und wenn es nicht Milenas Freund war, was, wenn sich noch jemand herumtrieb, der Böses im Schilde führte? Kara beschloss, sich vorerst nicht zu erkennen zu geben.
Schüchtern lugte sie in das offene Zimmer. Eine kalte Brise schlug ihr entgegen. Pergamente lagen über den Boden zerstreut und führten bei jedem Windstoß einen unheimlichen Reigen auf. Seltsamerweise war eines der Fenster weit geöffnet und eingeschlagen. Der Wind fuhr in den Raum, bauschte die Vorhänge zu dunklen Schleiern vor dem Mond auf und entlockte der zerklüfteten Landschaft der Pergamente und Bücher auf den voll beladenen Pulten ein Rascheln und Wispern. Wer immer hier gewesen war und die Fensterscheibe zerbrochen hatte, er war nicht mehr zu sehen. Kara wollte sich gerade von dem spukhaften Zimmer abwenden und in das erleuchtete untere Stockwerk zurückkehren, als sie stockte. Auf dem Boden vor dem Fenster glitzerten Glasscherben.
Kara wich zurück. Das Fenster war von Außen eingeschlagen worden. Jemand hatte die Scheibe von außen zerbrochen, dann durch das Loch gegriffen und die Verriegelung von Innen gelöst. Wer verschaffte sich Zugang zu einem Gebäude durch ein Fenster im ersten Stock? Ein Magier? Ein Verrückter? Was ging hier vor sich? Und diese dunklen Flecken vor der Schwelle… war das etwas Blut?
Kara machte auf dem Absatz kehrt, doch in diesem Moment traf sie die Tür mit voller Wucht. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihren linken Arm. Kara schrie.

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #53 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Asrim hörte die schlurfenden Schritte des anderen Magiers die letzten Stufen nehmen. Worinan versuchte seinen Atem zu kontrollieren, doch der Erzmagister konnte seinen Schweiß bis hierher riechen. Sein Blick aber ging weiter starr gerade aus, über die Hügel und Felder, die die Akademie von Kayro'har trennten. Die Stadt war von hier aus, vom höchsten Turm der Akademie gut zu sehen, obwohl die Sonne schon untergegangen war. Doch die Lichter Häuser strahlten zu ihnen herüber, allen voran der große Palast Bovions im Stadzentrum.
"Sie sind uns entkommen.", sagte Worinan endlich leise, nach dem er entweder genug Luft gesammelt oder den Mut gefunden hatte, ihm ihr Scheitern zu übermitteln.
"Wie zu erwarten war", murmelte Asrim leise.
Er konnte Worinans verdutzten Gesichtsausdruck beinahe sehen, obwohl der Mann noch immer hinter ihm an der Tür zur Außenplattform des Turmes stehen musste. Überraschend schnell war er neben ihm und richtete seine Augen ebenfalls auf Kayro'har.
"Ich sage Euch, der Schlüssel zu diesen Geschehnissen liegt dort. Es ist kein Zufall, dass Vulun einen sinnlosen Krieg anzettelt, wir seine Beute vor ihm kriegen und zur gleichen Zeit mehrere Graumagier hier infiltriert sind. Es liegt doch auf der Hand, dass..."
Eine harsche Geste brachte ihm zum Schweigen. Seine geballte Faust schlug auf die steinernen Zinne ein, doch er sagte nichts mehr.
"Gavrakas?"
Der Novizenmeister hatte bisher keinen Ton gesagt, sondern lehnte weiterhin nur still an der Mauer des Turmes, die Augen geschlossen.
"Ich habe Vorbereitungen getroffen. Wir werden ein paar Leute in das Ratsgebäude schicken können, allerdings nicht allzu viele."
Asrim lächelte kalt. Er hatte nichts anderes von Gavrakas erwartet. Während Worinan noch seinen Ärger ablassen musste und sich nicht einmal seinen ekelerregenden Schweißfluss kontrollieren konnte, hatte der Novizenmeister in seinem kühlen Verstand bereits eine sehr viel klügeren Plan erdacht. Nur dieses Mal würde es mehr brauchen, das spürte Asrim.
"Wie gehen wir vor?", fragte er den glatzköpfigen Magier tonlos.
"Unsere besten Astralmagier arbeiten bereits an einem Portal. Die Greifer haben eine Magd in der Nähe aufgegriffen. Ihr Blut wird den Zauber lang genug aufrecht erhalten." Er musste bei dem Gedanken lächeln. "Der Astraltunnel wird direkt in die Sektion der Schwarzen im Gebäude gehen. Die Energie dort wird das Portal lang genug aufrecht erhalten können. Vielleicht acht von uns könnten wir so unbemerkt in die Stadt schicken."
Asrim nickte. Diese acht Auserwählten würde in Gavrakas Augen reichen, für das, was er im Sinn hatte. Doch der Erzmagister war es leid, Katz und Maus zu spielen. Er wollte eine klarere Entscheidung. Worinan hatte in einem Punkt Recht. Der Einbruch in ihre Bibliothek war eine Demütigung, die sie nicht mit einer geräuschlosen Aktion vergelten konnte. Die Schwarzmagier forderten Blut und sie würden Blut sehen. Als er sich zu seinen beiden Stellvertretern umblickte, waren seine blauen Augen kalt wie Eis. Genauso kalt und ohne Aufregung, aber dafür mit eiserner Entschlossenheit war seine Stimme.
"Du wirst die Gruppe anführen, Gavrakas. Ihr werdet den Graumagier finden und ihn hierher zurückbringen." Er hatte nicht den geringsten Zweifel an seinen Worten. "Ihr werdet jeden, der mit ihm verbündet ist, ebenfalls hier schleppen. Foltert sie, soweit ihr wollt, aber stellt sicher, dass wir hier noch Informationen aus ihnen herauspressen können."
Gavrakas nickte und wollte gehen, doch Asrim sprach weiter.
"Ihr, Worinan, nehmt 30 Magier und Novizen, außerdem Soldaten und Söldner und blockiert die Stadttore. Die Wachen tötet ihr. Jeden, der sich euch nicht bedingungslos ergibt, wird ebenfalls getötet. Ich will ihre Leichen auf Stäben vor der Stadt hängen sehen. Doch ihr werdet die Stadt selbst nich angreifen. Wir werden sie aushungern lassen, bis sie aus Hunger und Angst vor uns angekrochen kommen. Wir haben uns zu lang von Vulun vorführen lassen. Selbst wenn er nicht mit den Grauen in Verbindung steht, wird er ihn an uns ausliefern."
Worinan grinste böse, Gavrakas schwieg.
"Ihr werdet sofort aufbrechen. Noch in dieser Nacht wird in Kayro'har Blut fließen und sie werden büßen."
Nachdem die Beiden verschwunden waren, blickte Asrim wieder auf die hell leuchtende Stadt. Dieses Mal wird es keinen Entrinnen geben.

Es war noch nicht Mitternacht, als Asrim das helle Aufflammen von Magie am Südtor der Stadt sah. Es dauerte nicht lange, dann herrschte wieder Stille. Doch sie kam ihm angenehmer vor als noch vor ein paar Stunden. Nun war es die Stille des nahenden Todes, die über der Stadt schwebte. Die glitzernden Lichter würden ihren Glanz verlieren, wenn Vulun nicht bald reagierte. So oder so, die Schwarzen Magier hatten Kayro'har in der Hand.

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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Beitrag #54 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Arjuks Atem ging stoßweise, ihm war speiübel. Mit zusammengebissenen Zähnen kauerte er auf dem Boden und wartete darauf, dass der Schmerz in seiner rechten Hand abklang und sein Körper aufhörte, zu zittern. Ein Laut stieg aus seiner Kehle auf, von dem er selbst nicht sagen konnte, ob es Lachen oder Schluchzen war. An der Fassade hinab zu klettern war ein irrsinniger Gedanke gewesen, doch stattdessen war es ihm gelungen, sich zwei Fenster weiter zu hangeln. Im Geiste tausend Lobpreisungen an die Götter wiederholend, löste Arjuk vorsichtig das Hemd, mit dem er seinen rechten Arm schützend umwickelt hatte bevor er die Scheibe eingeschlagen und durch das Loch hindurch die Verriegelung des Fensters von innen gelöst hatte. Die Schnittwunden schmerzten unangenehm, waren aber nicht sehr tief und würden bald heilen. Mehr Sorgen bereitete ihm seine qualvoll pochende Hand. Vorsichtig bewegte Arjuk seine Finger und sog sogleich scharf die Luft ein. Seine Knöchel waren aufgeschürft, die Hand würde mit Sicherheit anschwellen.
Arjuk richtete sich auf und sah sich um. Der Raum, in den er gestiegen war, schien wieder ein Studierzimmer zu sein, dieses Mal aber ein benutztes. Bücherregale, nur als dunkle Schemen zu erkennen, bedeckten die Wände, und auf den vier Pulten stapelten sich Pergamentrollen. Durch das geöffnete Fenster fuhr der Wind in den Raum und lies Arjuk frösteln. Schnell schlüpfte er wieder in das Hemd, dessen feiner Stoff nun zerschlissen war. Wenn der Bibliothekar das Geräusch der zerbrechenden Fensterscheibe gehört hatte - und in der Stille der ausgestorbenen Bibliothek war das nicht unwahrscheinlich -, dann war er sicherlich bereits auf dem Weg, um nach dem Rechten zu sehen.
Der Bibliothekar… Arjuk unterdrückte den Reflex, seine verletzte Hand zur Faust zu ballen. Den Bibliothekar würde er sich vorknöpfen. Dieses Mal war er gewarnt - Greis oder nicht, der Alte hatte von ihm keine Gnade zu erwarten. Und dann würde Arjuk vielleicht endlich erfahren, warum er gesucht, verfolgt, gefangen genommen und nun sogar schon ermordet wurde...
Vielleicht war es gar nicht so dumm, wenn er den Bibliothekar nicht in einer nervenaufreibenden Suche durch die riesige Bibliothek aufspüren musste, sondern ihm stattdessen hier auflauern konnte. Arjuk trat gegen einen Stuhl, warf polternd ein Schreibpult zu Boden. Papiere flogen durch die Luft wie Federn. Dann öffnete er die Tür zum Studierzimmer auf den stockfinsteren Gang hinaus und verbarg sich hinter der Tür. Diesen Krach konnte niemand in der Bibliothek überhört haben, nun musste er nur noch darauf warten, dass der Alte die Treppe hinauf geschnauft kam.
Mechanisch griff Arjuk nach den Knöpfen seiner in Mitleidenschaft gezogenen Uniform, nur um mit einem stummen Fluch auf den Lippen seine rechte Hand gegen den Körper zu pressen. Statt einer Hand schien dort nur noch ein pochender, heißer, unförmiger Klumpen zu sein, der auf jeden Versuch, ihn zu gebrauchen, nur mit einem Schmerzsignal protestierte. Und in diesem Zustand sollte er einen Mann überwältigen, der ihn schon einmal überrumpelt hatte? So gut es ging, schloss Arjuk mit der linken Hand die Hemdsknöpfe, als von der Treppe her Schritte klangen. Mit klopfendem Herzen lauschte er auf die sich nähernden Schritte. Der Mann würde mit einem Hinterhalt rechnen. Arjuk würde ihn das Zimmer inspizieren lassen, feststellen lassen dass es leer war, der Gefangene scheinbar in die Tiefen der Bibliothek geflohen war…
Seltsam - die Schritte waren zwar zögernd, doch schienen sie nicht mühsam. War der alte Mann in Wirklichkeit gar nicht so alt, wie er sich gab - oder hatte er noch einen Gehilfen in der Bibliothek? Einen jüngeren, stärkeren Komplizen? Gab sich, wer immer dort gerade die Treppe hinauf kam, etwa keine Mühe, auf Zehenspitzen zu schleichen, oder stellte er sich nur besonders ungeschickt dabei an? Oder war es etwa Absicht, dass jedes Knarzen deutlich bis zu ihm drang? Eine Falle?
Arjuk biss die Zähne zusammen und versuchte, seinen Atem zu beruhigen. Quälend langsam kam der Mann näher, er schien zu zögern, dann trat er in den Türrahmen. Im Kopf zählte Arjuk die Sekunden.
Jetzt.
Mit aller Kraft stieß Arjuk die Tür gegen den Körper, dann stürzte er sich auf ihn. Ein Aufschrei gellte in seinen Ohren, seine Arme streiften langes Haar. Eine Frau? Für den Bruchteil einer Sekunde war Arjuk irritiert, doch dann packte er um so fester zu.
Es ist eine Falle. Welcher normale Mensch schleicht sich zu dieser Tageszeit durch dunkle Korridore? Sie suchen dich, fangen dich, bringen dich um. Du kannst hier niemandem vertrauen, Arjuk.
Er schlang den Arm um den Hals der Frau, um sie in den Schwitzkasten zu bringen, während seine rechte Hand unter dem Druck ein Feuerwerk von Schmerzsignalen durch seinen Körper jagte.
Vertrauen… vertrauen… vertrauen…
Verwirrt ließ er für einen Augenblick locker, als aus den Tiefen seines Bewusstseins irgendetwas danach drängte nach oben zu gelangen. Seine Gegnerin schien sein Zögern zu spüren, denn genau in diesem Moment versuchte sie, sich loszureißen. Arjuk strauchelte, verlor das Gleichgewicht und landete mitsamt der Fremden unsanft auf dem Boden.
Sofort begann die Frau, wie besessen um sich zu schlagen, doch Arjuk drückte sie mit seinem Körpergewicht zu Boden. Sein rechter Ellebogen bohrte sich in ihren Rücken, während er mit der Linken ihr Handgelenk umschloss.
“Was hast du hier zu suchen?”, zischte er in ihr Ohr.
Nach Luft ringend versuchte sich die Gestalt unter ihm sich zu befreien. Ihre Haare riechen nach…
“Ich suche nur einen Typen namens Andamir, sonst nichts”, keuchte sie angestrengt.
Arjuk lachte auf. Arjuk, Seyjuk, Andamir - die großen Gesuchten Athalems. Das war zu absurd! Bestimmt würde bald auch irgendjemand auf die Idee kommen, nach Tajan zu forschen.
“Kennst du ihn?", wollte die Frau verunsichert wissen.
Arjuk fasste sich wieder. Wenn sie von Andamir sprach, musste Yerim sie auf ihn angesetzt haben. Eine Kham also. Aber wie hatte sie ihn so präzise aufspüren können? Arjuk verschob die Frage auf später. Zuerst einmal musste er sie von diesem Korridor wegschaffen, wo jeden Moment der Bibliothekar mit seinem Stab und seinen Schlangen auftauchen konnte.
“Steh auf.” Arjuk packte ihre Arme, drehte sie auf den Rücken und wollte sie auf die Füße reißen, doch er war zu sehr damit beschäftigt, seinen rechten Arm einzusetzen, ohne die Hand zu gebrauchen. Ein Ellbogen traf hart seinen Brustkorb, leise erklang ein triumphierendes Knurren, und plötzlich befand sich seine Gegnerin nicht mehr hilflos unter ihm, sondern rappelte sich flugs vom Boden auf. Kaum war er selbst stolpernd auf die Beine gekommen, packte sie mit ganzer Kraft sein rechtes Handgelenk.
Arjuk schrie auf, als ein stechender Schmerz seine verletzte Hand durchzuckte. Dieses Miststück! War das Absicht gewesen oder ein Glücksgriff? Die Fremde drehte ihm den Arm auf den Rücken, umschloss nun auch seine Linke fest und stieß ihn gegen die Wand. Nun war er es, der keuchend in die Enge getrieben war, und sie, die sich zu ihm beugte.
"Hör zu. Ich weiß nicht wer du bist und was du hier mit deinem Überfall bezwecken wolltest. Ich für meinen Teil suche nur nach diesem verdammten Andamir, damit ich so schnell wie möglich von hier verschwinden kann. Ich habe keine Lust auf irgendwelche Scherereien mit denen ich nichts zu tun hab, klar?", sagte die Unbekannte, wartete einige Sekunden lang ab und der Griff an seinem Arm lockerte sich ein wenig.
Plötzlich war sich Arjuk sicher, sie schon einmal bei Yerim getroffen zu haben. Wahrscheinlich eines der Mädchen aus Kayro’har, die auf dem Fest getanzt hatten und nur schlechtes Kham sprachen. Das würde erklären, warum seine Erinnerung so vage war, ihm ihre Stimme aber dennoch eindeutig vertraut vorkam. Er musste sie los werden, bevor sie ihn auf dem dunklen Korridor ebenfalls erkannte.
"Andamir…”, stieß Arjuk hervor, “…ist geflohen. Er ist schon lange nicht mehr in Kayro’har."
“Was?” Die Frau schien irritiert. “Aber… das kann nicht sein.”
“Da hast du deinen Andamir, du kannst mich jetzt loslassen”, bemerkte Arjuk spöttisch.
Seine Gegnerin bestrafte seinen Hochmut unverzüglich und verstärkte ihren Griff. “Du lügst. Ich weiß, dass er hier ist. Irgendwo hier in der Bibliothek...“
Die Fremde schrie auf, als Arjuk ihr unvermittelt auf die Zehen trat. In ihrer Schocksekunde wirbelte er herum und rammte ihr die linke Faust in den Magen.
Die Frau schnappte nach Luft und taumelte zurück. Arjuk wartete nicht ab, bis sie sich erholt hatte, sondern setzte ihr nach. Eine Frau zu schlagen war nicht gerade die feine Art, aber er konnte kein Risiko eingehen. Nicht nach allem, was mit Milena geschehen war.
”Was mit Milena geschehen war"? Was... meinte er damit?
Arjuk keuchte auf, als ihn ein fester Tritt am Schienbein erwischte und ihn fast in die Knie sinken ließ.
"Verdammt noch mal, was soll dieser Unsinn?!", rief die Fremde mit gedämpfter Stimme. Sie war in Abwehrhaltung zurückgewichen und hielt sich den Bauch. “Ich habe nur eine Nachricht für Andamir, mehr nicht! Eine Nachricht von Milena! Ihr Zauber hat mir den Weg hierher gezeigt, ich weiß genau, dass er hier ist! Ich habe nichts mit all dem zu tun, ich bin nur ein Bote!”

Meeresrauschen.

Arjuk wartete darauf, dass der Schmerz in seinem Bein abklang und ihm erlaubte, die Worte der Fremden zu dechiffrieren. An irgendeiner Stelle musste er sich verhört haben, denn sie ergaben absolut keinen Sinn.

Meeresrauschen. Woher erklang hier, vor dem Osttor Noatos, das Meeresrauschen?

“Zauber”, wiederholte er langsam, und seine Lippen schienen das Wort nur unförmig und schwerfällig auszusprechen, als stamme es aus einer anderen, nie gehörten Sprache.

“Du vertraust mir doch, Arjuk?”
Vertrauen… vertrauen… vertrauen…


Arjuk taumelte zurück. Das Rauschen schwoll an, dröhnte in seinen Ohren. Seine Hand fuhr an seine Schläfe.

“Du magst mich doch, oder? Du magst mich doch?”
Milenas Augen waren eisblau.


Etwas krampfte sich in seinem Kopf zusammen, ein Gedankenknäuel… Fäden, zum Zerreißen gespannt… sirrend schnellte der Pfeil von der Sehne und dann…

“Du wirst mich mitnehmen. Wenn du fliehst, wirst du einen Weg finden, mich mitzunehmen. Hörst du? Du wirst einen Weg finden. Du würdest doch nicht ohne mich gehen, oder? Du würdest mich doch nicht verlassen?”
Verlassen… verlassen… verlassen…
Arjuk fror.

Das Knäuel fiel in die Tiefe. In einem Sekundenbruchteil rollte sich in aberwitziger Geschwindigkeit ein Faden von Gedanken und Erinnerungen davon ab. Er pendelte, zitterte leicht, dann lag alles klar und deutlich ausgebreitet: Milena war eine Magierin. Deshalb ihre klugen Bemerkungen, ihre scharfsinnige Beobachtung. Deshalb war Arjuk der eigentlich unsinnige Gedanke, sie auf seine Flucht mitzunehmen und damit in große Gefahr zu bringen, so logisch erschienen. Deshalb hatte Geriyon Raven seine Gedanken nicht lesen können. Deshalb hatte er einem Mädchen geholfen, ihren überfüllten Korb zu tragen, obwohl er dringend in den Palast zurück musste. Deshalb erinnerte er sich nicht daran, wo sie eigentlich wohnte. Deshalb hatte sie sich überhaupt mit ihm angefreundet.
Die Gedanken standen in einer so einfachen, eindeutigen Wahrheit vor Arjuk, als wären sie schon immer da gewesen. Trotzdem klang seine Stimme noch ungläubig, als er langsam, wie um sich selbst zu versichern, sagte: “Milena ist eine Magierin?”


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Beitrag #55 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Nervös fuhr sich Taniya über die Lippen. Während sie flink durch die nächtlichen Gassen huschte, fragte sie sich zum wiederholten Mal, wie sie so dumm hatte sein können. Dass die Gilde bald Kontakt aufnehmen würde, war ihr klar gewesen. Dass Meister Illiyas Katze ausgerechnet jetzt auftauchte, war Pech. Aber dass gleich eine Versammlung einberufen wurde ... irgendetwas musste im Gange sein.
Taniya hielt inne, als sie die schweren Schritte bewaffneter Männer hörte. Rasch drückte sie sich in eine Seitengasse, bis die Patrouille vorüber gezogen war. Auch wenn die Männer zu dieser Stunde nicht gerade übereifrig bei ihrem Dienst waren, ließ ihr Anblick Taniyas Beunruhigung ins Unermessliche steigen. Sie hätte Arjuk nie alleine zurück lassen dürfen! Aber was hätte sie tun sollen, als Silberschwinge mit der Nachricht von Geriyons Gefangennahme zu ihr kam? Jedenfalls nicht, ihn einfach im Stich lassen.
Taniya beschleunigte ihre Schritte, die dort Stille hinterließen, wo man Laute auf dem Kopfsteinpflaster erwarten mochte. Zum wiederholten Mal rechnete sie die Stunden nach, die sie nun schon von Arjuk getrennt war. Bislang hatte sie sich nie Sorgen um ihre Hypnose gemacht, wenn sie den Jungen tage- oder wochenlang nicht zu Gesicht bekam. Aber damals war es ja auch noch um ganz einfache Dinge gegangen. Nun standen die Dinge anders. Dass ein Junge ohne Freunde und Vertraute sein Herz an ein einfaches Mädchen hängen würde, war kein weltbewegender Gedanke. Dass aber die Tochter des Schmieds, ein einfaches Mädchen ohne Bildung, das sich immer hatte vorlesen lassen, auf einmal eine Bibliothek aufsuchte, stellte einen so eindeutigen Logikbruch dar, dass sie ihn nur mit einer starken Hypnose aus Arjuks Gedächtnis hatte löschen können.
Taniya seufzte und schloss einen Atemzug die Augen. Seit wann hatte sie derart wenig Vertrauen in ihre Verschleierungsfähigkeit? Die Hypnose war gründlich gewebt, sie würde vielleicht schwächer werden, aber nicht brechen. Wenn sich Arjuk aber wirklich in der Bibliothek aufhielt, wie Taniya vermutete, musste er dort mit extrem starken Reizen konfrontiert sein, die auf die Logiklücke hinwiesen ...
Und dann war da noch Kara. Wer immer das Mädchen war, sie stellte eine weitere unbekannte Variable in Taniyas gefährlichem Truk'baalspiel dar. Und je länger Taniya über sie nachdachte, desto unguter wurde ihr Gefühl.
Unwillig zog Taniya ihre Kapuze fester um den Kopf. Seit Silberschwinge mit der Nachricht von Geriyons Gefangennahme zu ihr gekommen war, hatte sie so viele dumme Fehler gemacht. Sie hatte sich beinahe verplappert und sich nur durch eine komplexe Hypnose retten können; hatte ihre Mission verlassen und nicht einmal mehr Arjuks neuen Unterschlupf lokalisiert, geschweige denn auf seine Sicherheit überprüft; sie hatte sich mit den Schwarzmagiern angelegt, die nun jeden weiteren Aufenthalt in Kayro’har zu einer höchst riskanten Angelegenheit machten; und jetzt schickte sie ein Mädchen zu Arjuk, von dem niemand wusste, wer sie eigentlich war. Genau genommen hatte ihr Unachtsamkeit bereits begonnen, als Geriyon plötzlich in Kayro’har aufgetaucht war und sie sich unnötigerweise aus Yerims Haus schlich, nur um einen guten Freund zu treffen … einen sehr guten allerdings. Privatleben von Aufgabe zu trennen, das wäre professionell gewesen. Die Mundwinkel der jungen Frau zuckten nach unten.
Und nun verzögerte sich ihre Rückkehr zu ihrer Mission um eine weitere Nacht. Vielleicht hätte sie den Ruf der Gilde doch abweisen und zuerst nach Arjuk suchen sollen. So früh in der Nacht wäre es mehr als nur glaubhaft gewesen, wenn sie ihren Kontaktmann gebeten hätte, noch ein wenig auf sie zu warten, mit dem Argument dass ihre Mission noch nicht schlief. Aber auch wenn sie der Gilde gegenüber eine Rechtfertigung hatte, wie sollte sie Arjuk, kaum dass sie ihn fand, schon wieder verlassen, ohne Verdacht zu erregen? Sie hatte noch nicht einmal eine hieb- und stichfeste Erklärung, warum sie nicht in der Bibliothek aufzufinden war. Nein, es war besser, die Zusammenkunft der Grauen Gilde so schnell wie möglich hinter sich zu bringen.
Taniya hatte den Tempel erreicht und klopfte an das Tor. Ein Priester in der typischen ockerfarbenen Kutte öffnete ihr und seine grauen Augen trafen ihre.
„Was erbittest du von Razz’kar, mein Kind?“
„Möge die goldene Zunge diesen Ort in Rätseln sprechen“, kam es von der Magierin ohne großes Zögern und er wies sie stumm an, ihm zu folgen.
Während Taniya unter Razz’kars wachsamer Fuchsmaske die halbdunkle Halle durchschritt, vorbei an den mit klingender Münze gefüllten Opferschalen und den glühenden Kohlebecken, die Schriftzeichen nachempfunden waren, versuchte sie sich zu sammeln. Sie würde berichten, dass der Junge ihr noch immer sein volles Vertrauen schenkte und nichts von ihrer Identität ahnte. Insofern verlief ihre Mission noch immer erfolgreich, auch wenn sie eine Reihe von unvorhergesehenen Wendungen erlebt hatte. Wendungen, für die Taniya in dieser Nacht vielleicht einige Erklärungen erhalten würde.
Ihr Führer hatte sie mittlerweile zur Rückseite des Gotteshauses geleitet, das vom ewigen Sprechgesang der Novizen zur Gänze ausgefüllt wurde – das Wort Razz’kars durfte nie verstummen.
Dort verbarg sich eine unscheinbare Tür hinter einer Statue, die einen Kanzleischreiber symbolisierte, eine der vielen Professionen, die auf Sprache angewiesen waren und zu denen, wenn man es genau nahm, auch die Zauberer gehörten.
Über diese verborgene Verbindung schmunzelnd schlüpfte Taniya durch die Pforte, nachdem sie einen sichernden Blick in die Runde geworfen hatte.
Dann, auf dem Weg die Wendeltreppe hinab, überprüfte die junge Magierin noch einmal den Sitz ihrer Kapuze – es galt als Zeichen der Höflichkeit, wenn der Gegenüber das Gesicht nicht zu sehen bekam, so fühlte er sich nicht gezwungen, das eigene zu zeigen.
Nun würde sich also erweisen, weshalb so plötzlich eine Versammlung einberufen wurde.

Der Kellerraum war erfüllt von den wabernden Schwaden eines Rauchholzes, die aus einer Vielzahl kleiner Schälchen stiegen – die anderen fünf Magier schienen den Qualm um sich zu wickeln wie einen Mantel.
Sie alle waren, wie auch Taniya, in ihre weiten Gewänder gehüllt, bis auf Meister Illiyas, der an einem steinernen Bücherpult stand und versunken über seinen sauber gestutzten Kinnbart strich. Er hatte die Maskerade jedoch auch nicht nötig – als Vertreter der Grauen Gilde im Rat der Drei kannte jeder so oder so sein Gesicht und seine Anwesenheit war Voraussetzung für diese Zusammenkunft.
„Ah, Maga von Weißenfels! Dann können wir beginnen.“
Taniya musterte rasch die Gestalten, die sich meist mit unterschlagenen Beinen auf dem steingefliesten Boden niedergelassen hatten und im diffusen Licht kaum zu erkennen waren.
„Fehlt nicht Magus Raven noch?“
Ein leiser Stich Besorgnis.
Der Großmeister mit dem blanken Schädel bedeutete Taniya mit einer knappen Handbewegung sich zu setzen.
„Magus Raven hat uns über sein Vertrautentier davon unterrichtet, dass die Schwarzen sich mit einer halben Armee im Anmarsch befinden und gleichzeitig einen Astraltunnel ins Herz der Stadt geschlagen haben, wir haben daraufhin seine Pläne geändert und ihn zur Bibliothek geschickt.“
Die Augen der jungen Magierin wurden weit – waren die schwarzen Magier gerade tatsächlich dabei, den alten Pakt des Friedens offen aufzukündigen? Beklemmende Spannung bereitete sich in ihrer Brust aus, als sie an die Berichte über die Folgen des Kriegs der Magier dachte, die sie gelesen hatte.
„Haben die Weißen schon reagiert?“,
fragte einer der sitzenden, seine Stimme erinnerte an trockenes Herbstlaub.
„Die Frage ist doch eher: wissen die Weißen schon davon?“, kam es als Antwort von der anderen Seite des Raums, die Entgegnung wurde mit leisem Gelächter quittiert.
Taniya war dagegen eher beunruhigt – Geri mitten im Geschehen, an der Bibliothek, … an der Bibliothek?
Leise begann die Magierin zu fluchen. Es lief auch einfach alles schief, was schief laufen konnte.
„Meine Mission befindet sich momentan in der Bibliothek.“
Schweigen.
„Weiß Magus Raven davon?“
Meister Illiyas warf ihr einen ernsten Blick unter buschigen Augenbrauen zu.
Taniya senkte den Kopf zum angedeuteten Nicken.
„Dann müssen wir uns damit zufrieden geben. Zumal Eure Mission an Relevanz für das Gleichgewicht verloren hat, seit wir die Informationen aus dem Buch der schwarzen Akademie haben.“
Unwillkürlich glitt Taniyas Blick zu dem aufgeschlagenen Folianten, sie konnte die Zeichnung eines Amuletts und eines Rings erkennen.
Pass auf dich auf Geri … und auch auf Arjuk.

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Beitrag #56 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Ein großer Rabe saß auf einem Dachfirst, die Krallen fest zwischen den steinernen Schindeln versenkt. Sein dunkles Gefieder schimmerte im Licht des aufgehenden Mondes an den Spitzen ins Silberne hinein, während seine wachsamen Augen nicht von dem Trupp Stadtwächter wichen, die unter ihm im Eilschritt – geradezu hektisch – Richtung Tor strebten. Ein Ort, an dem Silberschwinge gerade sicherlich nicht sein wollte. Stattdessen vergewisserte sich der Vogel, dass die Gasse und der kleine Hof leer blieben. Dann schwang er sich elegant zu Boden und hüpfte weniger elegant zu einem verwitterten Brunnen, dessen ausgebessertes Holzdach und die geschmierte Winde verrieten, dass er recht häufig genutzt wurde. Heldenhaft stemmte der Rabe nur mit Hilfe seines Schnabels einen faustgroßen Pflasterstein in die Höhe und über den Rand des Brunnens, wo er im Bodenlosen verschwand. Einige Atemzüge geschah nichts, dann wurden Silberschwinges Augen plötzlich starr – fast schien es als würden andere Augen durch seine einen kurzen Blick in die Umgebung werfen, was der Rabe mit einem genervten Krächzen quittierte.
Geriyons Magierstab schoss über den steinernen Rand und setzte mit einem sanften „Tock“ auf, verharrte wider alle Naturgesetze in aufrechter Stellung, leise vibrierend. Dann schloss sich eine behandschuhte Hand um die Kante des Brunnens und Magus Raven zog sich schnaufend in das nächtliche Kayro'har.
Er nieste.
Mit einer unwirschen Handbewegung wurden durchnässte Haarsträhnen aus dem Gesicht gestrichen, die Rinnsale über Hals und Wange des jungen Magiers schickten.
„Silberschwinge, erinnere mich das nächste mal bitte daran, dass unterirdische Flüsse besonders kalt und besonders nass sind – und dass es irgendwelche anderen Wege in Städte geben muss.“
Geriyon schüttelte sich wie ein Hund, während Silberschwinge ein Geräusch ertönen ließ, das durchaus an ein Kichern erinnerte.
Kalt und nass ...“, murmelte der Magier leise, dann nieste er erneut. An seinem Auftritt musste er definitiv noch arbeiten.
Schließlich straffte er sich und griff nach seinem Stab. Eine Atemzüge lang genoss er das vertraute, warme Gefühl des Holzes, das er sogar durch seine Handschuhe spüren konnte, dann wandte er sich an sein Vertrautentier, das argwöhnisch eine Beule in der Tasche von Geriyons Mantel beobachtete, die aus unerfindlichen Gründen stark an die Form eines Frosches erinnerte.
„Such Dende, und berichtete ihm vom Astraltunnel – wenn er nicht sowieso davon weiß. Scheint so, als würde es langsam ernst werden.“
Der Rabe schien zu nicken, dann erhob er sich flatternd in die Luft. Der Magier hatte sich währenddessen in Bewegung gesetzt, hielt sich im Schatten der Häuserwände, lautlose Schritte auf die Bibliothek zu, die die übrigen Gebäude in der Umgebung überragte.
Es schien tatsächlich, dass die Schwarzen ernst machten – nun ja, sein Auftrag lautete zunächst 'Beobachten', wenn er sich also geschickt anstellte, dürfte er außerhalb der Schusslinie bleiben.
„Dann wollen wir mal sehen.“
Geriyon griff nach dem Siegel, das sein rechtes Auge verhüllte und schob es nach oben. Schlagartig erwachte seine Gabe zum Leben, aus zurückhaltendem Schimmern, wurde tiefblaues Glühen, das pulsierend Geriyons Schläfe überflutete.
Alles wurde anders – normalerweise kostete es ein großes Maß an Konzentration, Hellsichtzauber zu wirken, nun schienen die dem jungen Magier bekannten Sprüche knapp außerhalb des Gesichtsfeld zu stehen, um sich in die Wirklichkeit zu drängen. Er musste nur loslassen. Allerdings spürte der Seher auch, wie das Auge an seinem astralen Reservoir zehrte – der Sog setzte ein, ein unersättlicher Malstrom, der auch dann nicht Halt machen würde, wenn die magische Kraft des Zauberers verbraucht wäre.
Nervös schlossen sich Geriyons Finger um die leicht klebrige Oberfläche der kleinen Steinchen, die sich in einer seiner Taschen verbargen. Fünf hatte er noch, das musste reichen.
Ein einziges Wort veränderte das Sichtfeld. Die Realität wich zurück, während die unterschiedlichen Auren in den Vordergrund traten. Das sanfte Flackern einiger schlafender Menschen in ihren Häusern – und der Astraltunnel der Schwarzen, der einem Leuchtfeuer im Aether glich, oder eher dem absoluten Fehlen von Licht vor einer umfassenden Hintergrundstrahlung.
Der Zauberer drückte sich an eine Wand und spürte sie kühl in seinem Rücken. Dabei zog er sich seine Kapuze über den Kopf, tief ins Gesicht, so dass nur noch der Schein vom Auge zeugte. Noch immer tat er das ungern, aber nun drehte er die Gabe in der Höhle, blickte durch seinen Hinterkopf. Es war wichtig den Überblick zu behalten.
Zwischen dem schwachen Abglanz der Bücher des Ratsgebäudes musterte Geriyon jetzt den Ausgang des Tunnels, der fertig gestellt war. Er war nur sehr dünn in der Wirklichkeit verankert, nur der tote Körper eines Dienstmädchens – es wäre ein Leichtes gewesen, den Tunnel zum Einsturz zu bringen, hätte man die Zeit gehabt.
Der Anflug von Bedauer verschwand hinter leichter Anspannung.
Da zuckte eine von Geriyons Augenbrauen in die Höhe. Er hatte eine Aura entdeckt, die er kannte. Seine Lippen formten stumme Flüche – was tat Kara denn noch da drin?

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Beitrag #57 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
“Milena ist eine Magierin?”
Verdammt. Milena hatte ihr doch noch eingeschärft, nicht zu verraten dass sie zur Grauen Gilde gehörte. Nun hatte Kara diesen Teil des Auftrags gründlich vermasselt. Aber noch war es nicht zu spät. Der Verrückte, der gegen die Wand gesunken und geistesabwesend erstarrt war, schien Milena zwar zu kennen, aber genau genommen durfte ja nur Andamir nichts von ihrer wahren Identität wissen...
“Ja, zwar keine sonderlich sympathische Magierin, aber egal”, sagte Kara und behielt den verwirrten Angreifer fest im Blick, als sie hinter ihrem Rücken den schweren, bronzenen Kerzenleuchter zu fassen bekam. Ein siegreiches Lächeln blitzte auf ihrem Gesicht auf, sie tat einige Schritte in seine Richtung und als er immer noch keine Anzeichen machte aus seiner Verwirrung aufzuwachen, hob sie drohend den Kerzenleuchter.
“So. Und nun wirst du mir verraten wo Andamir steckt”, Kara erinnerte sich mit einem mulmigen Gefühl an die dunklen Flecken am Boden - Blut - und zögerlich fuhr sie fort, “Oder was du mit ihm angestellt hast...”.
Ihr Gegenüber schien von ihrer Drohung nicht besonders beeindruckt zu sein. „Ich bin Andamir,“ sagte er müde.
Kara schnappte nach Luft. Langsam ließ sie den Kerzenleuchter sinken und runzelte verwirrt die Stirn. Im blassen Mondlicht fiel durch die Türöffnung Licht auf das Gesicht ihres Gegenübers und zum ersten Mal erkannte sie vage das Aussehen ihres Angreifers. Er war jung, wahrscheinlich genauso jung wie sie selbst. Wenn sie selbst nur wüsste wie alt das war… Und irgendetwas schien ihr an ihm bekannt vorzukommen. Wie eine Kerzenflamme flackerte diese Gewissheit in ihrem Bewusstsein. Aber wenn sie sich kannten - warum zeigte er dann kein Zeichen der Erkennung, ja warum hatte er vor wenigen Augenblicken noch alles daran gesetzt sie gewaltsam niederzuringen? Aber woher kannte sie ihn? Irgendetwas an seiner ganzen Körperhaltung schien ihr schon einmal untergekommen zu sein. Und der dumpfe Ausdruck in seinen Augen.
Kara räusperte sich.
„Also schön, Andamir. Ich bin nur hier, weil Milena dich sucht ich dir ausrichten soll, wo wir sie wieder treffen werden. Waffenstillstand?“, fragte sie und hielt dem zusammengesunkenen Andamir versöhnlich die Hand hin, in der Linken immer noch vorsichtshalber ihre improvisierte Waffe. Für einen Moment blickte er sie nur verständnislos an und schien weiter seinen Gedanken nachzuhängen – doch ganz plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck, die Augen blitzten gefährlich. Blitzschnell packte er Kara am Arm, und bevor sie noch einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte er sie bereits schwungvoll zur Seite gestoßen. Kara setzte gerade zu einem lautstarken Protest an, als ihr im Augenwinkel eine Bewegung auffiel. Sie waren nicht mehr alleine im unbeleuchteten Gang der Bibliothek - still und heimlich hatte sich eine weitere Gestalt angeschlichen, und stand nun an dem Ort an dem vor wenigen Sekunden noch sie selbst gewesen war. Andamir war inzwischen wieder putzmunter und hatte sich vor dem Neuankömmling aufgebaut, bis zur letzten Faser angespannt, und Kara erwartete jeden Moment, dass er die unbekannte Gestalt anfallen würde. So wie vor ein paar Minuten noch sie selbst.
„Das hat ja gedauert“, sagte er und seine Stimme troff vor Hohn.
Konnte es sein, dass er die ganze Zeit auf diesen Unbekannten gelauert hatte? Das erklärte auch, warum er vorhin scheinbar grundlos auf sie losgegangen war. Doch immerhin hatte er seinen Angriff auch nicht gestoppt, als längst klar gewesen sein musste, dass sein eigentliches Ziel nicht in seine Falle getappt war...
„Die Götter sind Euch wahrhaftig hold“, sagte sein Gegenüber bedächtig. Erstaunt stellte Kara fest, dass es sich um eine alte Stimme handelte. Im Dämmerlicht fiel ihr nun auch auf, dass die Gestalt leicht gebeugt über einen Stock war. „Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns einmal wieder sehen, aber Eure kleine Komplizin ist offenbar im rechten Moment aufgetaucht.“
„Sie hat nichts damit zu tun“, erwiderte Andamir aggressiv und stellte sich vor Kara - etwa schützend? Nun war Kara endgültig verwirrt.
„Wie dem auch sei. Ich bin ein alter Mann. Gegen zwei junge Menschen habe ich keine Chance.“ Der Fremde ließ seinen Stab zu Boden fallen und versetzte ihm einen Fußtritt, dass er vor Andamirs Füße rollte. „Meine Aufgabe muss es jetzt also sein, Euch vor Dravar’kesh zu schützen.“
Andamir lachte verächtlich auf. „Soll das ein Witz sein?“
„Ich mache es nicht Euch zuliebe, genauso wenig wie ich aus einer Abneigung heraus gegen Euch gekämpft habe“, sagte der Fremde. „Ich mache es für...“
„...Athalem, natürlich“, ergänzte Andamir trocken. „Nur dass ich von diesem Teil der Geschichte nicht den blassesten Schimmer habe. Alles was ich weiß ist, dass Ihr versucht habt, mich zu töten.“
Kara riss die Augen auf. Das erklärte einiges. In was für eine verworrene Geschichte war sie da bloß wieder hineingeraten! Sie musste unbedingt ein ernstes Wort mit Geriyon und Milena reden, Probleme hatte sie alleine schon genug.
„Wir müssen ihn fesseln. Hol die Vorhänge aus dem Studierzimmer.“
Kara brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass Andamir mit ihr sprach und warf ihm einen fragenden Blick zu. Doch Andamirs Aufmerksamkeit galt voll und ganz dem Alten. Die beiden standen sich gegenüber, Andamir angespannt und der Alte – gebrechlich? Nein, irgendetwas stimmte nicht an der gebückten Haltung des zierlichen Mannes. Es schien Kara fast so als ob er bloß den Anschein von Gebrechlichkeit und Alter erwecken wollte… so schwungvoll wie er seinen Gehstock vorhin von sich getreten hatte.
Immer wieder zurückschauend huschte Kara an dem Unbekannten vorbei in das Zimmer. Während sie über die verteilten Papiere stieg, lauschte sie auf das Gespräch.
„Natürlich vertraut Ihr mir nicht“, sagte der Alte nun. „Nicht nach dem, was geschehen ist. Da aber nun die Götter Euer Leben gerettet haben, stehen die Dinge anders. Ich kann Euch Antworten geben. Ihr wollt doch Antworten?“
Kara stellte den Kerzenleuchter ab, den sie immer noch nervös umklammert hielt, und riss an den Vorhängen.
„Es ist immer schön, zu wissen, warum man eigentlich ermordet wird, ja,“ stimmte Andamir zu. Seine Stimme war noch immer voller inbrünstigem Sarkasmus, der jedoch nur eine wachsende Unsicherheit verbarg... Kara kannte diesen Ton. Andamir wurde unaufmerksam.
„Nun, es gibt für alles eine Erklärung, für all Eure Fragen eine Antwort.“
Kara stutzte. Was war das? Da draußen flackerte ein bläuliches Licht im Dunkeln... Kara überlief ein Schauer. Magier. Schon wieder Magier.
„Andamir, da draußen ist...“ Kara wandte sich um und unterbrach sich. Im Türrahmen sah sie die Gestalt des älteren Mannes. Seine Hand umschloss sich unmerklich um einen Gegenstand, der unauffällig aus seinem Ärmel auf seine Handfläche gefallen war. Kurz schimmerte etwas im Mondlicht. War das etwa ein Messer, das der Unbekannte zum Angriff bereit bei sich trug?
„Achtung!“, schrie Kara, als der Mann vorschnellte. „Er hat ein Messer!“
Mit wenigen Schritten war sie durch den Raum. Obwohl ihr bisheriges Zusammentreffen mit Andamir alles andere als erfreulich gewesen war, konnte sie nicht tatenlos zusehen, wie die Person, die sie suchen und zu Milena bringen sollte, blind in die Falle tappte.
Andamir war dem Hieb ausgewichen und versetzte dem Mann einen Tritt in die Kniekehle, dass er zu Boden ging. Mit einem schnellen Griff hatte Kara ihm das Messer entrissen und hielt es ihm nun an die Kehle.
„Das nennst du also <Schutz>“, zischte Andamir. Er schäumte vor Wut. Obwohl der Alte nun wehrlos war, versetzte er ihm einen Tritt in die Rippen, dass der Mann aufkeuchte und das Messer in Karas Hand seine Haut aufritzte.
„Krieg dich wieder ein“, sagte Kara. „Wir haben andere Probleme. Da draußen ist...“
Wir.“ Andamir hob die Brauen. „Fang besser erst gar nicht an, dich an dieses Wort zu gewöhnen. Richte mir deine Nachricht aus und dann verschwinde.“
„Würdest du mir vielleicht mal zuhören?“ Kara starrte ihn böse an. „Da draußen ist jemand, und wahrscheinlich sind es Magier!“
Das wirkte. Andamir verstummte und ging ans Fenster. Als er zurückkam, hatte er den Vorhangstoff dabei, den er schnell in Streifen riss.
„Was ist dort?“, wollte der Mann besorgt wissen.
„Gib mir das Messer und fessel du ihn“, sagte Andamir an Kara gewandt, den alten Mann ignorierend. „Zur Zeit machst du auf jeden Fall die stärkeren Knoten.“
„Draußen flackert ein bläuliches Licht,“ antwortete Kara dem Alten, während sie Andamirs Aufforderung nachkam. „Wisst Ihr, was das zu bedeuten hat? Sind es vielleicht Graumagier?“
„Aus welcher Richtung kommt das Licht?“, wollte der Alte besorgt wissen.
„Aus... ich weiß nicht genau, es scheint direkt neben der Bibliothek zu sein...“
„Es kommt von der südlichen Speiche des Ratsgebäudes“, mischte sich Andamir ein. „Das heißt aus der Sektion der Schwarzmagier. So ist es doch?“
Der Alte nickte im Halbdunkel.
Karas Nackenhaare stellten sich auf, und die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag ins Gesicht: Natürlich waren sie ihnen auf der Spur, nach der turbulenten Flucht aus der Akademie. Es war töricht gewesen zu glauben, dass sie ihnen so leicht entkommen sollten, und jetzt waren sie ihnen dicht auf den Fersen. Karas Gedanken rasten, und das Ausmaß ihrer Situation wurde ihr siedend heiß bewusst. Sie hatte sich unerlaubt mit Geriyon in die schwarze Akademie eingeschlichen, auf sein Geheiß hin ein magisches Buch aus der Bibliothek gestohlen, und bei ihrer spektakulären Flucht war vermutlich das halbe Kellergeschoss eingestürzt. Und nun war sie alleine, getrennt von den beiden Magiern, nur mit zwei verrückten Fremden mitten in Kayro’har - und die Schwarzen hatten die Witterung aufgenommen.


to be continued...

"Enttäuschungen kommen nur dann zustande wenn man Erwartungen hegt."

~ Haruki Murakami, Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt

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Beitrag #58 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
„Gehen wir. Gehen wir schnell“, flüsterte Arjuk und wollte den gefesselten Bibliothekar vor sich zur Treppe schieben, als die junge Frau ihn am Arm packte.
"Was soll das?”, zischte sie leise. “Sollen wir diesen Verbrecher einfach mitschleppen? Für so etwas ist keine Zeit! Wir müssen auf der Stelle hier raus!" Ihre Stimme bebte und klang fast schon panisch.
“Dann geh doch alleine vor, wenn du <keine Zeit> hast.” Unwirsch riss sich Arjuk los. “Diese hinterlistige Schlange hier ist vielleicht der einzige Mensch, der mir diesen ganzen verdammten Krieg erklären kann. Ich werde ihn nicht zurück lassen.”
„Auf der Südseite des Ratsgebäudes gibt es eine Pforte“, ließ der Bibliothekar im Flüsterton vernehmen. „Von der schwarzen Sektion aus ist sie nicht zu sehen.“
„Wie schön.“ Arjuk versetzte ihm einen Stoß in den Rücken, so dass er sich in Bewegung setzte. Während sie die Treppe so leise und schnell wie möglich hinab gingen, zischte er: „Ich hoffe, es ist Euch bewusst, dass Euer heißgeliebter Friede in Athalem auf’s Höchste gefährdet wäre, wenn die Schwarzmagier <den Erben einer mächtigen Waffe> in die Hände bekommen.“
Auch wenn ich gar keine Waffe besitze, geschweige denn mit ihr umgehen könnte, fügte Arjuk in Gedanken hinzu.
„Natürlich ist mir das bewusst“, keuchte der Bibliothekar. „Glaubt Ihr etwa, ich locke Euch in eine Falle?“
„Das scheint zumindest so eine Art Freizeitbeschäftigung von Euch zu sein“, gab Arjuk zurück. Sie hatten den Fuß der Treppe erreicht und hasteten durch den Korridor. Arjuk hielt das Messer griffbereit und prüfte immer wieder die Fesseln seines Gefangenen. Hinter sich hörte er die Schritte der Frau. Ihre Präsenz bereitete ihm Unbehagen. Er hasste es, jemandem im Rücken zu haben, und Gefährten, denen er nicht trauen konnte, waren ohnehin das letzte, das er jetzt gebrauchen konnte. Doch so wie es aussah, ging ihm auf, konnte er ohnehin niemandem mehr vertrauen.
„Wie heißt du eigentlich?“, fragte er leise.
„Dhanas“, antwortete der Bibliothekar vor ihm.
„Ich rede nicht mit dir, Idiot“, zischte Arjuk und versetzte dem Alten einen unsanften Stoß. Im nächsten Augenblick rief er sich selbst zu Beherrschung auf. Auch wenn ihn die bloße Anwesenheit dieses Mannes innerlich zum kochen brachte, vorerst musste der Bibliothekar noch bei Kräften bleiben. Vorerst.
"Kara", kam die einsilbige Antwort, "Still jetzt, kein Wort mehr." Arjuk schluckte seine Erwiderung nur mit Mühe hinunter. Und Dhanas - Arjuk versuchte, den Namen des Bibliothekars in den hintersten Winkel seines Bewusstseins zu verbannen. Es war ihm lieber, wenn der Mann ein namenloser Mörder blieb.
Als sie nach einer gefühlten Ewigkeit die Pforte erreichten, war Arjuk beinahe schon erleichtert, dass der versprochene Ausgang tatsächlich existierte.
„Warte!“ flüsterte Kara, als Arjuk die Klinke hinunter drückte. Selbst im Halbdunkel noch war der Vorwurf in ihrem Blick deutlich zu erkennen. „Du bist so unvorsichtig! Lass mich erst einmal nachsehen, ob die Luft rein ist.“
Noch bevor Arjuk seine Sprache wiedergefunden hatte, hatte sich Kara an ihm vorbei geschoben und war durch den Türspalt nach draußen gehuscht.
Arjuk blieb verwirrt und angespannt zurück. Kara nahm Milenas Auftrag offenbar sehr ernst. Sobald sie es aus der Höhle des Löwen geschafft hatten, musste er sie abschütteln.
„Was ist?“, fauchte Arjuk, als er bemerkte dass ihn der Bibliothekar von der Seite ansah. „Lust, mich umzubringen?“
„Ihr tragt viel Wut in Euch, Prinz Nystrad,“ flüsterte der Mann. „Aber diese Wut steht Euch im Weg. Ihr braucht jetzt einen kühlen Kopf.“
In diesem Augenblick bewegte sich die Pforte wieder und eine schmale Gestalt lugte hinein. „Schnell“, raunte Kara außer Atem.
Arjuk war erleichtert, in die kühle Nacht hinaus zu treten, sonst hätte er dem Bibliothekar am Ende doch noch den Hals umgedreht. Die Nacht war sternklar. Im Schatten des mächtigen Gebäudes rannten sie in Richtung des Tores. Kara hatte Recht gehabt - als sie die Frontseite der Bibliothek erreicht hatten und der Ausgang auf die Straße in Sicht kam, waren noch immer keine Schwarzmagier zu sehen. Aber das letzte Stück von den schützenden Mauern bis zum Torbogen mussten sie über freies Feld...
Die drei wechselten noch einmal einen stummen Blick, dann rannten sie los.
Keine Stimme erklang, keine eiligen Schritte, kein Blitz zuckte von Magierhänden auf sie zu.
Der Weg schien lang, viel zu lang, und Dhanas blieb zurück. Arjuk drehte sich um und packte den alten Mann beim Arm.
Noch immer keine Schwarzmagier ...
Kara, die voraus gerannt war, hatte nun das Tor erreicht. Sie wandte sich um und bedeutete Arjuk, sich zu beeilen, als sich ein Schatten von dem Torbogen löste... Arjuk konnte noch nicht einmal eine Warnung ausrufen, da hatte die Gestalt das Mädchen schon gepackt und presste ihr die Hand auf den Mund.
Im Halbdunkel erkannte Arjuk den Gedankenleser.
Als Kara jedoch sein Gesicht sah, wirkte sie alles andere als erschrocken. „Geriyon“, flüsterte sie, und fiel ihm um den Hals. „Du bist hier!“
Wie romantisch. Arjuk verzog das Gesicht. Kara steckte also nicht nur mit Milena, sondern auch noch mit dem Gedankenleser unter einer Decke. Freund oder Feind?
Seit wann hast du Freunde, Arjuk y Nystrad?
„Schnell weg hier“, flüsterte Geriyon, doch beinahe im gleichen Moment schnitt eine kalte Stimme durch die Stille.
„Guten Abend, die Herrschaften. So spät noch unterwegs?“
Ein eiskalter Schauer überlief Arjuk. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt war wie aus dem Nichts ein Mann in einer schwarzen Kutte aufgetaucht. Sein Gesicht war hager und von einer knochigen Hakennase dominiert; als er die Kapuze zurückschlug, kam ein Glatzkopf zum Vorschein. Im Mondlicht schimmerten rötliche Linien auf seiner Brust, die sich zu einem Stern zusammenfügten: das Symbol der Schwarzen Gilde.
„Oh, Geriyon.“ Der Schwarzmagier verzog seine schmalen Lippen zu etwas, das nur mit viel Fantasie als ein Lächeln zu deuten war. „Ich hatte gehofft, dass wir uns wiedersehen, aber so schnell?“ Seine hellen, tiefliegenden Augen richteten sich auf Kara. „Deine kleine Freundin hast du auch mitgebracht – und nicht nur sie, wie ich sehe.“
„Wir haben nichts mit diesen Magiern zu schaffen“, sagte Dhanas schnell, als der Schwarzmagier ihn ansah. „Ich habe sie noch nie zuvor gesehen, ich und … mein Neffe“, - Arjuk zuckte zusammen, als Dhanas seinen Arm nahm, aber er beherrschte sich - „wir arbeiten in der Bibliothek, wir wollten nur...“
„...die Stadtwache verständigen?“ Der Schwarzmagier schüttelte den Kopf. „Alter Mann, ich habe eine bessere Aufgabe für dich und deinen lieben Neffen. Wir werden eine Botschaft übermitteln.“
Der zufriedene Gesichtsausdruck des Schwarzmagiers gefiel Arjuk ganz und gar nicht. Und hinter ihm näherten sich weitere Magier...
„Ihr kümmert euch um Raven“, krächzte der Schwarzmagier seinen Brüdern zu. „Ich werde dem Herzog unsere kleine Nachricht überbringen.“
Dem Herzog? Unwillkürlich wollte Arjuk Dhanas einen Blick zuwerfen, doch – er konnte nicht. Sein Kopf bewegte sich keinen Millimeter, seine Muskeln waren wie blockiert... doch etwas begann, in sie hineinzusickern. Etwas Fremdes. Arjuk wollte sich dagegen auflehnen, doch wie sirupzähe Fäden drängte es sich durch kleine, verräterische Risse im Wall seines Bewusstseins, spinnennetzartig griff es um sich, verdichtete sich und … bewegte seine Beine. Sein Körper schien von seinem Willen abgetrennt worden zu sein. Hilflos musste Arjuk zulassen, dass ihn seine eigenen Beine auf die Hauptstraße hinaus führten. Als er zur Seite schielte, sah er aus den Augenwinkeln, dass es Dhanas und Kara nicht besser erging.
„Was soll das?“, hörte er Kara rufen. „Geri, was...“
Das Kichern des Schwarzmagiers übertönte ihre Frage. „Schön weiterlaufen, meine Schäfchen“, lachte er. „Wir überbringen eine Botschaft. Eine blutige Botschaft.“
Plötzlich wünschte sich Arjuk in das Zimmer mit den Schlangen zurück. Was für harmlose Angreifer waren sie doch gewesen im Vergleich zu diesem! Der Schwarzmagier lenkte sie die Hauptstraße entlang und brabbelte in ihrem Rücken ohne Unterlass davon, was für einen grauenvollen Tod sie sterben würden. Unterwegs trafen sie auf eine kleine Patrouille. Ausnahmsweise freute sich Arjuk, die Bewaffneten zu sehen, doch nicht lange – der Schwarzmagier brachte auch die Soldaten unter seine Kontrolle, noch bevor auch nur einer einen Hieb gegen ihn führen konnte. Einen von ihnen schickte der Magier zu Vulun voraus, um seine Ankunft anzukündigen, die anderen drei ließ er mitmarschieren.
„Prinz Nystrad“, hörte Arjuk den Bibliothekar raunen, während sie dem Palast immer näher kamen. „Prinz Nystrad! Habt Ihr Kinder?“
„Was zur...“ Arjuk biss sich auf die Zunge. Der Alte war wahnsinnig!
„Es ist wichtig“, flüsterte Dhanas. „Habt Ihr Kinder?“
„Bei den Göttern, nein, woher denn“, krächzte Arjuk.
„Auch keine Bastarde?“
„Nein.“
„Könnt Ihr Euch sicher sein?“
Arjuk verdrehte die Augen. Ganz sicher, dachte er. - „Soweit ich weiß“, sagte er.
„Gut. Das ist sehr gut“, hörte er den alten Mann raunen. „Dann seid Ihr möglicherweise tatsächlich der Letzte in der Blutslinie. Euer Onkel hat Eure Waffe. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit...“
„Schluss jetzt mit dem Getuschel, oder ich töte euch auf der Stelle!“, rief der Schwarzmagier erbost. Dhanas schrie schmerzerfüllt auf, doch Arjuk konnte seinen Kopf nicht wenden, um zu sehen, was mit ihm geschah.
„Dhanas?“, flüsterte Arjuk beunruhigt. „Dhanas?“
Der Bibliothekar antwortete nicht, doch Arjuk konnte seine Schritte neben sich hören – der alte Mann war noch bei ihnen.

Arjuk war mehr als nur mulmig zumute, als die Türme des Palasts in Sicht kamen.
Der Junge ist der Schlüssel zu Vuluns Krieg...
Das äußere Tor des Palastes war hell von Fackeln erleuchtet. Das Fallgitter war geschlossen, auf den Zinnen wimmelte es von Bogenschützen und Bewaffneten; Befehle, eilige Schritte, das Klirren von Waffen erklang. Über dem Tor hing das Banner mit der roten Schlange, die zischend ihre Zunge zeigte. Einen Moment lang war der Anblick beruhigend... dann rief sich Arjuk in Erinnerung, dass die Bewohner dieses Schlosses nicht mehr sein lustiger Cousin und der Onkel, der Mutter immer zum Lachen brachte, waren, sondern Feinde.
„Vulun!“, rief der Schwarzmagier. „Zeige dich! Ich habe eine Botschaft!“
Einen Augenblick lang blieb es still, dann hob sich zu Arjuks großem Überraschen das Fallgitter und eine Gruppe Berittener kam aus der Burg. Erst, als die Ritter in weniger Entfernung ihre Pferde zügelte, erkannte Arjuk seinen Onkel. Er war nicht mehr der Riese, als den Arjuk ihn in Erinnerung hatte. Sein Gesicht war noch immer markant, doch von Falten durchzogen. Er sah streng aus, und majestätisch... Scheinbar furchtlos blickte er den Schwarzmagier an. Arjuk wusste nicht genau, ob er es dumm oder bewundernswert fand, dass der Herzog sich selbst in Gefahr begab, statt einen Boten zu senden. So hätte es jedenfalls Kalil gemacht.
„Was soll das bedeuten?“, herrschte der Herzog den Magier grußlos an. „Ihr seid ebenso sehr auf unsere Abmachung angewiesen wie ich, warum also dieser Aufmarsch?“
Sein Blick streifte über die Gefangenen und schien etwas länger auf Arjuk zu verweilen, doch dieser konnte beim besten Willen nicht sagen, ob sein Onkel ihn erkannt hatte.
„Wie schön, dass Ihr die Abmachung erwähnt“, antwortete der Schwarzmagier. „Wir fürchteten bereits, Ihr hättet sie vergessen. Warum sonst sollten Graumagier unbehelligt durch die Stadt schleichen, wenn nicht unter Herzog Vuluns Schutz?“
„Ich habe mit keiner der Gilden etwas zu schaffen“, erwiderte Vulun eisig. „Im Gegensatz zu anderen gewissen Parteien werde ich für meinen Teil keinen zweiten Magierkrieg riskieren.“
Noch nicht“, antwortete der Magier. „Noch begnügt Ihr Euch mit einem Menschenkrieg. Es gibt Stimmen in der Akademie, die kurzen Prozess mit Euch fordern, Herzog, und es werden mehr. Aber für heute habe ich nur eine Botschaft für Euch.“
Auf dem Platz bildete sich eine grünliche Wolke, die sich zu einem Gesicht verdichtete.
„Dies ist die letzte Geste unseres guten Willens für eine weitere gute Nachbarschaft zwischen der Schwarzen Akademie und dem Haus Dravar'kesh“, sprach das Bild mit tiefer, blecherner Stimme. „Gebt Noato auf. Zerstört Eure Experimente. Sorgt dafür, dass die Graumagier aus der Stadt verschwinden. Schwört, dass Ihr die Nystrads nie treffen werdet, und wenn Ihr sehr glaubhaft schwört, werden wir sie vielleicht in Noato am Leben lassen, nur behelligt durch einen kleinen Bannkreis. Anderenfalls werden wir auch gegen Euren Willen alles notwendige veranlassen, um Euer finsteres Projekt zu verhindern. Nur können wir in diesem Fall nicht dafür garantieren, dass Eure Familie und Eure Stadt unbeschadet bleibt. Lasst Euch unser Friedensangebot durch den Kopf gehen, aber nicht zu lange... denn Kalil y Nystrad wird uns schon bald alles über Euer kleines Projekt erzählen, was er weiß.“
Kalil. Sie haben Kalil. Arjuk sah auf, und seine Augen trafen die des Herzogs. Unmerklich schüttelte Vulun den Kopf. Nicht, sagte sein Blick.
„Vielleicht sogar das, was er nicht weiß. Wir haben Mittel und Wege.“
Das Gesicht löste sich auf, während der Schwarzmagier zufrieden in sich hinein lachte. Sie haben meinen Vater. Arjuk wusste, dass er etwas empfinden sollte, doch alles, was er spürte, war ein bleierner Geschmack im Mund. Schwarzer Samt deckte ihn zu, kühl, weich, taub.
„Diese Unglücklichen hier sollen mir für eine kleine Demonstration dienen, was mit Nystrad und jedem, der sich uns in den Weg stellt, geschieht.“
Hinter sich hörte er den Magier lachen, hörte Husten und Röcheln. Arjuk wandte sich um. Die Soldaten, Dhanas und Kara krümmten sich und fassten sich an die Kehle, wie von einer unsichtbaren Hand gewürgt. Aber nicht Arjuk. Er konnte die Magie spüren, die ihn zu packen versuchte, doch aus irgendeinem Grund glitt sie an ihm ab, nein – durch ihn hindurch. Vielleicht war sein Körper zu kalt, zu ...leer.
„Arjuk“, hörte er jemanden raunen. Sein Onkel war neben ihn geritten. „Spring auf.“
In diesem Moment erblickte ihn der Schwarzmagier, und erstarrte. „Du widersetzt dich meiner Magie.“ Mit einer Handbewegung ließ er seine Opfer los, die röchelnd zu Boden sanken. „Aber du bist kein Magier, das würde ich spüren. Ist es ein magischer Schutzspruch, ja? Er wird dir nicht helfen, Junge.“
„Eure Hoheit, zurück! Zurück in die Burg!“ - Hufe trommelten auf den Boden.
„Andamir! Lauf!“ - Eine Frauenstimme. Irgendwann einmal hatte er sie gekannt...
Arjuk sah zu, wie grüne Flammen aus den Fingerspitzen des Magiers zu lodern schienen. Den Funken von Furcht in sich registrierte er nur noch mit dem höflichen Interesse eines Beobachters.
„Eure Hoheit!!“
„Arjuk“, hörte er die Stimme seines Onkels. Hastige Finger drückten ihm etwas kühles in die Hand. Arjuk musste seine Faust nicht öffnen, um zu wissen, dass es ein Ring war. In den Händen des Magiers verdichteten sich die Flammen in Sekundenschnelle zu einem glühenden Ball.
„Du bist der Letzte der Blutslinie. Nataliyas Sohn. Sie konnte den Ring nutzen, du kannst es auch, ich sehe es...“
Nataliya. Der Name hinterließ eine brennende Spur in ihm, heiß und vertraut, die sofort wieder erlosch. Es war alles viel zu dumpf für Schmerz. Zu kalt für Furcht. Zu leer für ein Lebewesen. Eher wie... ein Gefäß.
In dem Moment, als sich die Flammen von den Fingern des Magiers lösten, hob Arjuk seine Faust vor die Stirn. Das Feuer fiel als gewöhnliche Flammen zu Boden, Ascheflocken aufstiebend, und dennoch taumelte Arjuk wie getroffen zurück – getroffen von etwas anderem, das beißend und ätzend in seiner Faust pulsierte und brannte, tobte. Bis es sich verlangsamte, zischend erkaltete, sanft und kühl und geschmeidig wurde wie die Haut einer Schlange.
Der Magier blickte ihn prüfend an. „Du hast keine Magie, und wirkst doch Magie. Komm her, Junge.“ Er streckte die Hand aus. Langsam ging er auf Arjuk zu. „Dir wird nichts geschehen, ich verspreche es. Komm mit mir in die Akademie und erforsche deine Gabe, wir werden einen mächtigen Mann aus dir machen.“
Arjuk sah dem Magier entgegen. Die Welt um ihn herum verschwamm – er war leer, durchsichtig und brüchig wie ein zerfallendes Herbstblatt... Undeutlich spürte er, wie der Magier sein Handgelenk umgriff. Das letzte, das er wahrnahm, war ein markerschütternder Schrei, als die Haut des Magiers von den Fingern bis zur Schulter in Sekundenschnelle aufplatzte, Gewebe zerfiel, Fleisch starb.
Es war einfach zu kalt für ein Lebewesen... selbst für einen Magier.


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Beitrag #59 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Die flackerenden Lichter, die sich in allen Richtungen auf die Stadt zubewegten konnten nur eines bedeuten: Die Schwarzen kamen. Kurz blitzten in Dendes Gedächtnis Geschehnisse der Magierkriege auf. Mehr als einmal hatte er den Schwarzen gegenüber gestanden, war in ihren Festungen gewesen. Ein Meer von Gräuel und Blut. Sie hatten kein Erbarmen gekannt, damals vielleicht noch weniger als heute. Und dennoch hatte es auch Gelegenheiten gegeben, als er an ihrer Seite gekämpft. Das Gleichgewicht erforderte es, oder seine eigene Ambition... er schob den Gedanken ärgerlich beiseite. Fokus auf das Hier und Jetzt würde entscheidend sein.
Leichtfüßig kletterte er von der Mauer wieder herunter und verschwand genauso ungesehen im Schatten der Häuser. Glücklicherweise waren die Soldaten auf der Stadtmauer ebenfalls nur fixiert auf das herannahende Übel. Er würde handeln müssen ... aber wie? Dende konnte es schlecht mit einer ganzen Armee von Schwarzmagiern aufnehmen, noch verspürte er den Drang mehr als nötig ihren Weg zu kreuzen. Allerdings würde es nun noch schwerer, Arjuks Sicherheit zu garantieren. Wenn er nur wüsste, warum der Junge so wichtig war ... Er hörte den Vogel, bevor er sich auf Dendes Schulter setzte und leise krächzte, dennoch war der Magier überrascht. Silberschwinge war Gerions Vertrauter. Dass er nun ausgerechnet ihn ausuchte, konnte nichts Gutes heißen. Der Rabe hüpfte aufgeregt auf seiner Schulter herum, als habe er es sehr eilig.
Er strich dem Raben über sein glänzendes Gefieder, er war ohne Zweifel ein guter Begleiter für seinen Gebieter. Während der Vogel in seinem Kopf zu sprechen begann, kam Dende der Gedanke, dass Geriyon durchaus ein beträchtliches Talent als Magier besaß, auch wenn seine Hingebung zur Gilde lächerlich war. Er versetzte diesem letzten Gedanken mental mehrere Ausrufezeichen, als Silberschwinge geendet hatte. Nachdem der Junge mehr als Glück hatte, aus der Akademie zu entkommen, ließ er sich nun auch noch bereitwillig wieder in ihre Fänge schicken. Manchmal kam es Dende so vor, als würden die meisten Magier heute einfach Spaß am Sterben haben. Silberschwinge wollte wieder zum Abflug ansetzen, doch blitzschnell hatte Dende sein Hand zu einer Art Klaue geformt und hielt den Vogel in seinem magischen Käfig fest. Silberschwinge schlug wild seine Flügel, als ob er mit genügend Kraft entkommen könnte, krächzte dazu böse und blickte Dende durchdringend an.
"Keine Angst, mein kleiner Freund", murmelte der Graumagier leise, "ich werde dir nichts tun. Aber du musst mir helfen, jemanden zu finden. Deinen Herren werden wir beide kaum allein retten können."


"War es ratsam, ausgerechnet Magus Raven zur Bibliothek zu schicken?", brachte Taniya Gedanken vorsichtig zum Ausdruck, ohne offen den Meister zu kritisieren. "Die Schwarzen kennen bedauerlicherweise sein Gesicht. Sie werden nun besonders nach ihm suchen."
"Dies ist uns bewusst, Maga von Weißenfels.", antworte eine Stimme zu ihrer Linken, so als ob ihre Anmerkung völlig überflüssig war. "Dennoch ist Magus Raven mit seinem ... Talent der beste Spion, der uns zur Verfügung steht."
"Und das ist ein Grund, ihn in seinen sicheren Tod gehen zu lassen?", kam eine kalte Stimme vom Eingang des Kellerraums.
Taniya schnellte herum. Wem war es gelungen, hier einzudringen? Aus dem wabernden Nebel tauchte eine hochgewachsene Gestalt mit spitzen Ohren, die aus seinem langen weißen Haar hervorlugten, einem langen grauen Gewand und durchdringend violett schimmernden Augen auf. Das konnte nur der fremde Graumagier sein, von dem Geri berichtet hatte. Auf seiner Schulter saß still ein großer Rabe - Geris Silberschwinge. Taniya blickte wieder zu Meister Illiyas. War der Fremde ein Gast hier? Der Blick des Großmeisters ließ sie erschauern. Sie las Überraschung und Wut darin, aber auch so etwas wie Angst?!
"Wieso bist du hier?", fragte Meister Illiyas gepresst.
"Weil ich tatsächlich bemüht bin, Geriyon Raven zu helfen, im Gegensatz zu euch, Illiyas. Wie schön, das ihr es geschafft habt, euch zum Großmeister aufzuschwingen. Leider hat es dem Ansehen unseres Standes nicht geholfen. Aber vielleicht wird man bald euren Nachfolger suchen müssen, denn ohne Zweifel werden die Schwarzen dieses Versteck finden und sich einen Spaß daraus machen, Euch und eure vier Kapuzenfreunde hier zu lynchen."
"Es war ein Fehler von dir, dich hier zu zeigen.", zischte einer der Magier. "Du wirst diesen Keller nicht mehr ohne uns verlassen können."
Die Augen des Graumagiers wanderten zu der Gestalt des Magiers, der gesprochen hatte. Taniya überlegte kurz, ob er wie sie Magie mit diesen seltsamen Augen wirken konnte.
"Ich spreche nicht mit dir, Athon!", sagte Dende kalt. Ein ärgerliches Raunen der Anderen war die Antwort. Offensichtlich kannte er ihre Identität trotz der Verhüllung.
"Illiyas, Ihr wisst, dass es sinnlos ist, mir zu drohen. Ich kann euch nicht besiegen, aber ihr mich auch nicht. Zudem bringt das keinen von uns weiter. Haltet eure lächerliche Justiz über mich später ab, wenn ihr müsst. Die Zeit des Nachdenkens ist vorbei, denn was immer ihr auch geplant habt, es ging daneben! Oder war es eure Absicht, eine Armee von Schwarzmagiern vor der Stadt, eine Handvoll in der Stadt, einen kriegsfreudigen Herzog, seinen verängstigten Neffen, eine Ungeformte und ein paar explosive magische Gegenstände an einen Ort zu bringen und dies dann als Wahrung des Gleichgewichts zu interpretieren?"
Schweigen.
"Dein Gespött ist überflüssig", antwortete Illiyas, wiederum Ruhe bemüht.
"Vielleicht. Aber noch einmal: Könnt ihr mir versichern, dass ihr die Lage noch unter Kontrolle habt? Dass Magus Raven nicht in seinen sicheren Tod rennt?
Schweigen.
Taniyas Augen weiteten sich mehr und mehr, je länger die Stille andauerte.
Dende blickte wieder Illiyas an.
"Die Magie, die in dieser Stadt gewoben wird, wird uns noch alle vernichten", fuhr Dende eindringlich fort. "Wir müssen endlich eingreifen ... gemeinsam! Geriyon Raven und der junge Arjuk dürfen weder den Schwarzen noch dem Herzog in die Hände fallen."
Taniya blickte unruhig von einem zum anderen. Dann fällte sie eine Entscheidung.
"Ich gehe mit ihm, Meister. Ich vertraue ihm nicht und ich stehe loyal zur Gilde und zu Euch. Doch er hat Recht. Meine Mission ist gescheitert. Wir dürfen nicht zulassen, dass wir nun alle scheitern."
Illiyas blickte sie einige Minuten durchdringend an, dann fiel sein Blick auf den Folianten vor ihm. Langsam klappte er ihn zu und ließ ihn in einer Tasche seines großen Mantels verschwinden. Schließlich nickte er langsam.
"Nun gut. Wir werden uns um diese Schwarzmagier kümmern. Der alte Pakt des Gleichgewichts darf nicht noch weiter aufgebrochen werden. Maga von Weißenfels, ihr werdet mit Dende versuchen, Magus Raven zu holen, bevor die Schwarzen es tun. Mit ihm wird es euch auch möglich sein, eure Mission wiederzufinden."
Noch während Taniya aufsprang, fiel ihr wieder eine Geschichte ein, die sie während ihrer Ausbildung gehört hatte. Die Geschichte eines verstoßenen grauen Magiers. Dende - das war sein Name gewesen. Dende do Avorion.

-Was wiegt 180 Gramm, sitzt auf einem Baum und ist sehr gefährlich?
-Ein Spatz, der eine Pistole trägt.
-Richtig, das ist die einzig mögliche Lösung!

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Beitrag #60 |

RE: VR: Blaues Blut (453 d.D)
Verdammt, verdammt, verdammt.
Geriyon wich langsam zurück, bis er den kühlen Stein der Mauer im Rücken spürte, die den Hof des Ratsgebäudes vom Rest der Stadt trennte.
Die Schwarzmagier folgten ihm bedächtig, fächerten aus, schnitten Geriyon den Fluchtweg ab. Ihre Bewegungen wirkten eingespielt, jeder von ihnen wusste offenbar genau, was er zu tun hatte.
Wie hatte das nur passieren können? Die Schwarzen waren wie aus dem Nichts aufgetaucht – warum hatte er sie nicht kommen sehen?
Die Szene schien zu gefrieren als beide Seiten sich belauerten, während weit über ihnen der halbvolle Mond Wolken fraß.
Seine Kontrahenten gingen genau so vor, wie Geriyon es wohl auch getan hätte. Sie ließen sich Zeit, planten jeden ihrer Schritte kühl voraus. Offenbar hatten sie Muße – so als gingen sie davon aus, dass der Graumagier so schnell keine Hilfe zu erwarten hatte. Nun, woher hätte diese Hilfe auch kommen sollen? Ein rascher Seitenblick hinüber zur Sektion der Weißen, deren Fenster dunkel blieben, verriet: jedenfalls nicht von dort. Vermutlich schliefen die fetten, blaublütigen, ach so ehrbaren Weißmagier gerade den Schlaf der Gerechten.
Ein leises Knurren entrang sich Geriyons Kehle. Doch selbst in seinen Ohren klang es eher verzweifelt als zornig.
Verdammt.
Kara und Andamir waren schon fast in Sicherheit gewesen. Und dann war schlagartig einfach alles falsch gelaufen. Als hätten die Schwarzen genau gewusst, dass sie da waren, als hätte ihnen jemand gesagt, welchen Fluchtweg sie nehmen würden …
Geriyons linke Hand öffnete und schloss sich ruckartig, während sich eine sehr ungute Spannung in seiner Magengegend breit machte.
Nun saß er also in der Falle. Er hatte versagt.
„Sieht nicht gut aus für dich“, brummte einer der Schwarzmagier und blickte demonstrativ in die Runde. Im Silberzwielicht des Hofes war vor allem sein buschiger Backenbart zu erkennen.
„Ich würde vorschlagen, dass du dich einfach ergibst, Novize. Das würde dir und mir einiges an Ärger ersparen.“
Als Antwort spuckte Geriyon zu Boden.
„Da ihr mich offensichtlich lebend fangen sollt, dürfte das vor allem euch Ärger ersparen – wüsste nicht, warum ich meinen Vorteil aufgeben sollte.“
Seltsam. Trotz allem versuchte er Zeit zu gewinnen.
Der Sprecher der Schwarzen beugte sich vor und funkelte den Graumagier aus zusammengekniffenen Augen an.
Lebend ist das falsche Wort. Wir sollen dich in einem Zustand zur Akademie bringen, in dem man noch Informationen aus dir herauspressen kann – um die Worte zu gebrauchen, die an mich weitergegeben wurden. Ich kann dir versichern, dass dafür Extremitäten nicht erforderlich sind. Eigentlich brauchen wir dafür nur deinen Kopf.“
Backenbart schnipste mit einer Hand und einer seiner Brüder stellte eine abgerundete, runenverkrustete Truhe auf die Pflastersteine des Hofs, dann machte er sich daran, die drei schweren Klappschlösser zu öffnen.

Äußerlich bemühte Geriyon sich darum, einen gelassenen Eindruck zu vermitteln – innerlich rauschte ihm das Blut in den Ohren.
Mehr als ein halbes Dutzend Schwarze … wie sollte er alleine gegen ein halbes Dutzend Schwarze bestehen? Er war kein Kampfmagier. Einen hätte er vielleicht schlagen können – und das wäre nicht einfach geworden.
Er hatte Kara enttäuscht. Er hatte Taniya enttäuscht.
Der Sprecher legte sich die Hände ins Kreuz und drückte ächzend den Rücken durch, dann musterte er Geriyon seltsam betrübt. Und der junge Magier fragte sich unwillkürlich, ob er Backenbart zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort sogar hätte sympathisch finden können.
Jedenfalls nicht in dieser Robe und diesen Farben.
„Junge, ich halte nicht viel von sinnloser Gewalt. Aber ich bin auch nicht zimperlich, sonst wäre ich nicht so weit gekommen, das kannst du mir glauben. Trotzdem überlasse ich dir die Wahl: wenn du dich ergibst, wird dein Tod deutlich kürzer und schmerzfreier, als wenn du störrisch bleibst.“
Er hob die Schultern.
„Du entscheidest.“
In Geriyons Magengegend presste sich etwas fast schmerzhaft zusammen. Zumindest die Gilde hatte er nicht enttäuscht. Solange das Auge den Schwarzen nicht in die Hände fiel, würden sie zufrieden mit ihm sein. Ja, das war ein Ausweg. Geriyon würde drauf gehen – er fletschte grimmig die Zähne – aber er würde ein paar Feinde mitnehmen.
Backenbart seufzte gespielt, so als wäre er ganz und gar nicht überrascht von der ausbleibenden Reaktion des Graumagiers.
„Ich verstehe nicht, warum alle immer die harte Tour wollen. Na ja …“ Er deutete auf die Truhe und umschloss dann den Trupp seiner Brüder mit einer ausladenden Armbewegung.
„... wir haben alle Karten auf den Tisch gelegt. Es wird Zeit, dass du uns deine Trumpfkarte da zeigst – und dann bringen wir es hinter uns.“
Er erntete belustigte Reaktionen aus dem Kreis seiner Mitstreiter, während Geriyon bedächtig nach dem Siegel über dem arkanen Auge griff.
Vor allem bei der halsbrecherischen Flucht aus der Akademie, die seltsamerweise schon eine halbe Ewigkeit her zu sein schien, hatte er seine Gabe stark beansprucht. Er war sicher, dass es nicht mehr viel Anstoßes bedurfte … nein, es durfte den Schwarzen nicht in die Hände fallen, noch weniger vielleicht, als die Informationen in seinem Kopf. Sie würden gar nichts von beidem bekommen.
Nahezu gelassen zog er sich das breite Lederband über die Stirn und verstaute es in der Tasche seines Reisemantels – er würde das Siegel wohl nicht mehr brauchen. Das Auge erwachte und blaues Licht floss über seine rechte Gesichtshälfte, während Geriyon kurz zusammenzuckte, als es an seine Manareserven ankoppelte und einen stechenden Schmerz durch seinen Kopf sandte.
Dann ging er in Kampfhaltung, den langen Magierstab quer hinter dem Rücken gehalten, eine Hand voraus gehoben. Gleichzeitig brachen die Auren der Zauberer aus der Finsternis der gewöhnlichen Wahrnehmung hervor und wabernde Fäden der Magie zeichneten sich mit einem Mal klar vor der Hintergrundstrahlung des Äthers ab.

Backenbart verschränkte die Arme vor der Brust und nickte dem Schwarzmagier zu seiner rechten zu, den eine sehr breite und sehr rote Nase auszeichnete.
„Und los.“
Der angesprochene Schwarzmagier würgte kurz und spie dann einen Schwall schwarzglänzender Käfer auf den Boden, die mit knisternden Mandibeln sofort auf Geriyon zu krabbelten. Doch der Graumagier ließ seine Hand vorstoßen und sandte ihnen eine Welle arkaner Kraft entgegen, die wie eine scharfe Klinge die Verankerung der Daimoniden in der Realität durchtrennten.
„Feuerbälle.“
Von zwei Seiten kamen flammende Kugeln herangeschossen, doch ihre Matrizen lagen vor Geriyon wie aufgeschlagene Bücher. Kampfmagie – gerade aus dem elementaren Kreis des Feuers – war oft einfach gestrickt: kostensparend, effektiv, leicht auszuschalten.
Der Graumagier drehte sich um sich selbst während er tragende Fäden der Flammenstöße mit Präzision durchtrennte. Sie stieben in einer Wolke ungefährlicher Funken auseinander.
„Schneller.“
Backenbart klang immer noch gelassen, während weitere Geschosse aus allen Richtungen abgefeuert wurden und ein weiterer Hellsichtzauber wurde aktiviert, malte die Flugbahnen der Feuerbälle um Geriyon wie ein rotes Netz und der Graumagier duckte und wand sich um die todbringende Magie herum. Er hätte um ein Haar begonnen zu lachen, denn es war fast wie ein Tanz und fast schien es, als wäre er unverwundbar – doch in den Tiefen seines Geistes fraß ein unerbittlicher Mahlstrom seine magische Kraft.
„Flammenteppich.“
Zwei Magier bliesen Feuermeere auf den Boden, die sich ausbreiteten wie brennendes Öl, aber Geriyon löste mit einem schwachen astralen Impuls Sperren in den Muskeln seiner Beine, die diese normalerweise davor bewahrten sich selbst auseinander zu reißen. Bevor die Flammen ihn erreichen konnten, katapultiere der Graumagier sich in die Höhe und nutzte so eine Dimension, in die ihm der beschränkte Zauber nicht folgen konnte.
An Backenbarts schmalen Lächeln erkannte Geriyon zuerst, dass er damit den entscheidenden Fehler begangen hatte – der Schwarzmagier versuchte noch nicht einmal, seine Gedanken vor Geriyons forschendem Blick zu verbergen.
Eine seltsame Leichtigkeit durchströmte den Brustkorb des jungen Hellsehers – vielleicht hatte ein kleiner Teil von ihm doch noch daran geglaubt, entkommen zu können. Nun wurde er eines besseren belehrt.
„Truhe.“
Jemand riss das Gefäß auf und ein unmöglich langer, fettig glänzender Leib wuchs in rasender Geschwindigkeit daraus in die Höhe, um dann auf den Graumagier zuzuschießen, der immernoch von der eigenen Sprungkraft mit wehendem Mantel in die Höhe getrieben wurde.
Während Geriyons Hand sich so fest um seinen nutzlosen Magierstab schloss, dass die Knöchel weiß hervortraten, tastete sein zweites Gesicht in hastiger Eile über die Fäden der Monstrosität, um einen Schwachpunkt zu finden. Doch seine Sinne kamen zu einem abrupten Halt, als sie auf die aufstrahlenden Runen der Truhe trafen.
Er hatte geglaubt, dass die antimagischen Zeichen dazu dienten, die Magie der Gefangenen darin zu halten – nun wurde klar, dass seine Magie draußen gehalten werden sollte. Seine Meister hätten sicherlich viel für diese Information gegeben.
„Diesmal also verbleibst du auf dieser Ebene, Dämon“, flüsterte Geriyon und suchte die Augen seines Todes, doch er fand sie nicht, bis das Schlangenwesen das Maul öffnete und er erkannte, dass eines im Inneren auf ihn wartete.
Das Ende war keinen Atemzug mehr entfernt, doch die Zeit verlangsamte sich immer weiter, denn der Graumagier leitete immer mehr seiner arkanen Kraft in die Gabe und den Fluch, der seine rechte Augenhöhle bewohnte, als wäre er ein Teil von ihm. Geriyon öffnete die letzten Schleusen, die zwischen seinem Geist und dem allsehenden Etwas standen – so lange hatte er sie sorgfältig verschlossen gehalten.
Und alles wurde unwirklich.
Mit einem Mal war er wieder zuhause in den Katakomben seiner Heimatakademie – es war fast das selbe Gefühl der Hilflosigkeit wie damals, trotz der vielen Erfahrungen die Geriyon seitdem gemacht hatte.
Er dachte an Taniya und an all das, was er ihr nie gesagt hatte und was sie vermutlich doch nur zu gut wusste.
Währenddessen hatten seine Sinne ein Niveau erreicht, das Geriyon den Atem rauben würde, hätte er noch welchen gehabt.
Er sah.
Die magischen Matrizen, die man sonst als feste Gebilde wahrnahm – sie waren Muster fließender Kraft. Bewegung! Oder sogar eine Vielzahl kleiner Funken? Staubteilchen? Fast glaubte der Graumagier den Fluss der Zeit selbst als Fluktuation vor dem allgegenwärtigen Äther erkennen zu können. Beinahe erschien es ihm, als könnte er durch einen dünnen Schleier der Realität einfach hindurch schauen.
Doch im Hier und Jetzt schlossen sich armlange Fangzähne um Geriyon.
Selbst die überragendste Wahrnehmung half nicht, wenn der Körper nicht schnell genug war um zu folgen, um auszuweichen.
Inzwischen hatte sein arkanes Auge den Punkt ohne Wiederkehr nahezu erreicht, es begann aggressiv zu pulsieren.
Geriyon rief sich Karas Ausbruch auf den Markplatz ins Gedächtnis und hoffte, dass er etwas Ähnliches erzeugen würde.
Es erschien fast bedauerlich, dass er den Effekt nicht mehr würde miterleben können.
In diesem Augenblick erreichten die klingenartigen Fangzähne des Daimoniden Geriyons Aura und der Hellseher wusste, dass sie hindurch gleiten würden, wie auch durch seinen stofflichen Körper – seine Seele, sein Wesen war es, auf die die Schwarzmagier es abgesehen hatten.
Und dann …

gefror die Szenerie endgültig. Aber diesmal hatte Geriyons überlastetes zweites Gesicht nichts damit zu tun. Da waren Runen. Sie breiteten sich über den Hof des Ratsgebäudes aus, bildete Kreise und Schleifen. Er erkannte die abgerundeten Zeichen der weißen, die verschlungenen Symbole der grauen und sogar die kantigen Runen der schwarzen Magie. Sie glühten überall, bildeten ineinander drehende Bannkreise, Schleifen.
Und in diesem Augenblick erkannte Geriyon auch, was er da sah. Den Gildenpackt, den Packt des Friedens und des Ausgleichs.
Hier an diesem Ort war er mehr als nur ein Vertrag, an den sich niemand hielt.
Er fühlte die Magie des Gildenpackts in ihm anschwellen und aus ihm herausbrechen und die Dämonenschlange wurde zurückgeworfen, zurück geschmettert, bis ihre Truhe in Einzelteile zerbarst. Glühendes Schrapnell sandte Schwarzmagier in den Staub, während Geriyon so hart auf dem Boden aufprallte, dass ihm die verbliebene Luft aus den Lungen gepresst wurde. Aber er hielt sich nicht mit Abrollen auf, sondern drückte mit aller Gewalt sein Siegel gegen das Auge. Das Metall brannte wie Feuer und Eis auf seiner Haut und er musste sich fast körperlich anstrengen, damit das Auge nicht einfach herausplatzte. Alles in ihm war mit einem mal so taub, so leer.
Die Welt drehte sich um den jungen Hellseher, bis die Pflastersteine des Untergrundes in sein Sichtfeld gelangten, während eine warme Flüssigkeit über seine Hand rann, zu Boden tropfte, Klatschmohnblüten malte.
War das sein eigenes Blut?
Verwirrt runzelte Geriyon die Stirn, aber ein Teil von ihm bemühte sich um Rationalität und trieb ihm zum Handeln an.
Er tunkte seine Finger in die roten Blumen und beschwor den Nebelgeist, um die vorübergehende Desorientierung der Schwarzmagier auszunutzen, die ihn in diesem Augenblick nicht würden stoppen können. Doch während die Luft über dem Schlachtfeld sich in wenigen Atemzügen zu undurchdringlichem Nebel verdichtete, während drüben bei den Weißen endlich, endlich, Lichter aufflackerten, war der einzige Gedanke der Platz in Geriyons dröhnendem Schädel fand: hätten Kara und er damals in den goldenen Türmen den Lehrpackt geschlossen, hätte also Karas Aura die Signatur einer der Gilden eingeflochten erhalten – vielleicht hätte der Gildenpackt sie vor Gavrakas Magie bewahrt.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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