Es ist: 24-09-2020, 22:52
Es ist: 24-09-2020, 22:52 Hallo, Gast! (Registrieren)


VI 08: Fieberglanz
Beitrag #11 |

RE: VI 08: Fieberglanz
Mhm, silbentechnisch wäre das kein Problem, aber mir gefällt die doch starke natürliche Betonung von "einst" an der Stelle nicht so ganz.

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #12 |

RE: VI 08: Fieberglanz
Terve Zack,

Fieberglanz – schon der Titel suggeriert etwas spiegelndes, krankes. Und genau den Eindruck bekommt man beim Lesen. Eine kranke Metropole - künstlich, kaputt, kalt und unpersönlich. Obwohl von tausenden Menschen umgeben fühlt man sich doch allein. Ein bewohnbarer Ort, doch noch lange kein Zuhause. Ein Machwerk, von Leuten mit dem Wahn, immer größer, höher und vor allem mehr zu erschaffen, und die dabei den wahren Wert aus den Augen verlieren.
So war jedenfalls mein Eindruck beim Lesen. Und je öfter man es liest, desto mehr Details fallen einem auf, die noch mehr Interpretationsmöglichkeiten zulassen.
Für mich ist das Gedicht eine Mischung aus Kritik und Melancholie, mit einer großen Prise Philosophie.

Sehr interessant. Pro

LG
Lilith


Schluss mit lustig

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Beitrag #13 |

RE: VI 08: Fieberglanz
Hallo Lilith,

danke für deinen Kommentar Icon_smile ... deine Gedanken decken sich auch ziemlich gut mit meiner Intention. Die Krankhaftigkeit der modernen Welt, das Ersticken unter bunt geschmückten Fassaden und die ewige Unruhe, immer mehr Stress, durch den man immer öfter vergisst, was wirklich wichtig ist.

Aber da ist auch ein Staunen über diese grelle Buntheit, die unechten Farben, die unendlichen Superlative, ein Staunen aus Faszination und Abscheu.

Schön, dass es dir gefallen hat! Icon_smile

Liebe Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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Beitrag #14 |

RE: VI 08: Fieberglanz
Hey Zack!

Die Versipuls-Zeile hast du echt gut eingebracht – sie ist mir beim Lesen gar nicht aufgefallen, hab sogar nachgucken müssen, welche davon nun vorgegeben war *lach*
Das Gedicht erzeugt wieder ein Bild, allerdings nicht so alleinstehend wie bei den Küstenpflanzen, sondern ein … hm … bewegtes Bild, ein gefühltes Bild. Von Emotionen umgeben.
Fieberglanz als Titel deutet die Hektik und das Unwohlsein, das Grelle und Wechselhafte innerhalb der Strophen schon sehr schön an. Wie im Fieber keine Ruhe finden – Fieberglanz ist zwar Glanz, aber doch ungesund, keine vor Freude glänzenden Augen, sondern Überlastung.
Ich sehe die flackernde, grellleuchtende Stadt vor mir, wie die Menschen neugierig hineinströmen, sich die ersten modernen Errungenschaften noch betrachten, wie sie tiefer sinken zwischen Neonlicht und Falschheit, bis sie im Fieber sind, nicht mehr das sehen, was wirklich ist, sondern nur, was die Zukunft ihnen vorgaukelt. Die Faszination von Neu, Fortschritt und Grellbunt lockt sie an und zieht sie in den Fieberwahn, aus dem sie sich nicht mehr befreien können / wollen. Düster, trotz der Lichtüberflutung – Cyberpunk geht als Bezeichnung vermutlich in die falsche Richtung, da kenne ich mich nicht so aus. Eine Illusion der nahen Zukunft, die mit ihrem Fortschritt die Vergangenheit und damit auch die Menschen selbst frisst.

Kunstlichterne Silhouetten,
zwischen ausgehöhlten Fassadenträumen,
fressen Schluchten ins Herz der Zeit,
wo in den fiebrigen Lichtern der Stadt
Dein Antlitz zum Staunen gefriert.

Kunstlicht, kalt und falsch; die Träume existieren nur noch als Fassaden, als Schatten ihrer selbst. Zeit verliert an Bedeutung – aber zunächst steht Du dem Ganzen staunend gegenüber. Klar, der Moloch aus Lichtern und Bewegung wirkt faszinierend, zieht bestimmt viele in seinen Bann. Tag und Nacht – natürliche Gegebenheiten verlieren an Bedeutung, der Mensch selbst bestimmt nun über die Zeit, bestimmt seinen eigenen Rhythmus. Aber bereits im Staunen wirken die Lichter fiebrig – ungesund und unnatürlich.

Im Spiegelglas erblühen ewig
kalte Morgensonnenstrahlen –
dahinter schneiden Puppenkinder
ein Neonlächeln, durchspielt von
Nachtschattengedanken.

Die kalten Morgensonnenstrahlen – der Mensch als Herr über Sonnenauf- und untergang. Die echte Sonne spielt keine Rolle, künstliches Licht ersetzt sie. Nicht nur tags, auch nachts – allgegenwärtig. Puppenkinder mit Neonlächeln – vielleicht ein Hinweis, dass die Menschen selbst sich in künstliche Fassaden verwandeln? Dass sie nur noch funktionieren, im Lichterrausch, aber nicht mehr Leben – dass sie alles Echte abstreifen, um volle Kontrolle zu erlangen.
Und doch sind da noch Nachtschattengedanken – ein Erinnern an Früher, an Dunkelheit und Stille?
Im Kontext wirken für mich tatsächlich die Morgensonnenstrahlen eher negativ, während die Nachtschattengedanken ein letzter Zufluchtsort zu sein scheinen, ein letztes Versteck vor dem ewigen Hell.

Du kehrst Deinen Dornenblick
ins Innere, lässt den Funkenregen
das Bild vom Gestern verbrennen –
denn das Blut bleibt still,
wo der Wahn die Zukunft küsst.

In dem Trubel taucht das Du wieder auf – verloren, überwältigt, hilflos? Es scheint, als würde das Du aufgeben, rekapitulieren vor der Zukunft und ihrem Wahn. Der Dornenblick … vielleicht ein sehr kritischer Blick, zustoßend, Seifenschaumfassaden platzen lassend … aber das Du kehrt diesen Blick jetzt in sich selbst – es gibt auf, all die Illusionen durchschauen zu wollen, gibt sich ihnen hin. Es wird Teil der fieberglänzenden Masse, tauscht Erinnerungen und Vergangenheit – Persönlichkeit! - gegen Zukunftsstreben, und wird vermutlich in der Masse wie alle anderen auch untergehen.

Für mich steckt da eine sehr kritische, düstere Zukunftsvision drin. Viel Hektik, Fassade, Lüge, Selbsttäuschung, Druck. Wobei ich nicht sicher sagen kann, ob das wirklich noch Zukunft ist, oder ob es nicht schon Heute so zugeht. Ich bin selbst eher ein Landmensch, auch wenn ich gern alle wichtigen Geschäfte um mich habe. Aber wenn ich mir Bilder von japanischen Städten ansehe, die Lichterfluten in Tokio, das Blinken und Funkeln überall – so fern ist dieses Fieberglanzbild vielleicht gar nicht.

[FanGirl-Modus]
Ich beneide dich!
[/FanGirl-Modus]

Liebe Grüße
Lanna

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

»You can be anything you want on the internet.
What's funny is how many people choose to be stupid.«
(Zack Finfrock)

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Beitrag #15 |

RE: VI 08: Fieberglanz
Hallo Lanna,

so ein klein wenig Cyberpunk ist da sicher mit drin Icon_wink ... wenn auch eher das Bild eines pulsierenden Stadtkerns statt von den düsteren Außenbezirken der riesigen Städte. Aber genauso passt das Gedicht in unsere Zeit, wenn man sich, wie du auch erwähnst, Städte wie Tokyo anschaut.

Und so weit vorbei bist du mit deiner Interpretation gar nicht. Es ist eben eine zweischneidige Sache - einerseits faszinierend, berauschend, total bunt und lebendig, aber gleichzeitig hohl, nur Blendwerk und alles verzehrend, was einmal echt und wichtig war. Gewissermaßen ein Tod in Überstreibung. Da Du verfällt den Lichtern ebenso, hält sich zwar teilweise noch an seiner eigenen Innenwelt und seinen echten Gedanken fest, wird aber letztlich fortgerissen ...

Vielen Dank auch für diesen Kommentar! Icon_smile

Viele Grüße

- Zack

“Die Farben sind der Ort, wo unser Gehirn und das Universum sich begegnen.” (Paul Cézanne)

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