Es ist: 14-07-2020, 17:41
Es ist: 14-07-2020, 17:41 Hallo, Gast! (Registrieren)


Zwischen Wänden
Beitrag #1 |

Zwischen Wänden
Zwischen Wänden

Eigentlich ist alles wie immer. Er redet viel - vom Studium, den Problemen beim Fachwechsel, der letzten Exkursion. Gestern zurückgekehrt, braun gebrannt, die Eindrücke frisch und gegenwärtig wie Muskelkater.
Ich höre ihm zu und betrachte ihn. Es ist nicht alles wie immer. Das tiefe dunkle Schimmern in seinen Augen, die einmal hell waren. Etwas oder jemand hat ein Loch hineingerissen, eine Lücke, die alle Worte verschluckt. Ich hatte es übersehen. Ein ganzes Jahr lang.
Er erzählt von den seltsamen Auswüchsen des BAföG-Amtes. Das BAföG-Amt hat mir die Augen geöffnet, oder besser gesagt: Der Brief des BAföG-Amtes. Zufall, dass dieser ausgerechnet während seiner Exkursion ankam. Zufall auch, dass ich seine Handynummer hatte, denn er war immer nur einer von zehn Mitbewohnern gewesen, jeder für sich hinter seinen eigenen Wänden. Am Telefon sagte er, ich solle den Brief öffnen. Es könnte wichtig sein.
Es war wichtig.

Ich höre ihm zu und betrachte ihn, nehme ihn wahr, sauge ihn auf. Ich sehe alles, jetzt sehe ich alles: Lächeln, ja, aber halbherzig wie der Schatten eines Flügelschlages. Er spricht mit meinem Freund, ja, aber hinter verschlossener Tür. Worte unter Vorbehalt. Lachen unter sanfter Spannung. Und diese verwunderte Bedachtsamkeit, mit der er den Tee umrührt. Nur nicht zu weit hinaus wagen. Unter jedem Schritt kann dir etwas oder jemand den Boden unter den Füßen wegziehen. Nein, nichts ist mehr sicher.
Vielleicht habe ich es ja doch gesehen. Ich erinnere mich, wie er oft mit zerzausten Haaren in der Küche stand und seinen Kaffee umrührte, mit genau dieser Bedachtsamkeit. Ein wenig zerzauster als sonst, kam es mir vor. Und bedachter, ein bisschen nur, einen Millimeter vielleicht. Aber er lächelte ja, er redete viel, so wie immer. Seine Worte füllten den Raum, kondensierten an der Decke, prasselten auf mich nieder, so belanglos, achtlos, hilflos. So ist das mit der Normalität, immer ist sie hilflos, zieht krampfhaft ihre stickige kratzige Decke über die Abgründe, aber die Decke bleibt zu kurz, Kälte nistet sich in meine Zehen, während ich lache ...
Ja, ich habe es gesehen. Aber ich habe es nie bemerkt. Nie etwas gesagt, etwas gefragt. Nicht tiefer gehört. Weil ja alles wie immer war, und er nur einer von zehn, und ich viel zu beschäftigt mit meinen eigenen kalten Füßen. Also habe ich gelacht und geredet. Belanglos, achtlos, und ein bisschen hilflos.
„Ja, dann, man sieht sich.“
Wir gingen auf unsere Zimmer, jeder für sich, wir zogen die Tür hinter uns zu und atmeten tief durch. Allein. Endlich allein. Wir seufzten leise, kaum hörbar, nicht deutlich genug, dass es durch die dicken Wände der Normalität dringen und der Nachbar etwas bemerken könnte.

Diese Bedachtsamkeit. Diese fragende, zerbrechliche Bedachtsamkeit, die sich über die sanfte Wärme des Tees wundert. Dass es etwas so köstliches gibt, das durch die schwarzen Ritzen sickert, in die Lücke tropft und bis in die Zehen wärmt. Weich. Und süß. Und tröstlich.
„Es tut mir leid, dass ich blind war. Es tut mir leid, dass ich dich nie umarmt habe, weich und süß und tröstlich. Es tut mir leid, dass ich nie mit dir geweint habe, es tut mir leid, dass du meinetwegen lächelnde Fratzen schneiden musstest.“
Ich sage es in mich hinein, sage es schweigend, hoffe, dass er es durch die Wand hört. Hoffe, dass seine Augen hell werden. Ich bitte dich, nicht dieser Blick, groß und glänzend. Der in mich hinein fällt und sinkt, sinkt, schwer wie Blei verbrennt er mich, nein: erinnert mich. Ich würde alles für dich tun, das weißt du? Ich koche Tee für dich, ich bin stark für dich, halte dich, ich kann, kann dich retten, aber bitte nicht dieser Blick. Ich öffne auch den Brief für dich, diesen Bogen Papier, glatt und makellos wie ein Schlag in den Magen, ich öffne ihn, wenn es wichtig ist. vielleicht ist es wichtig, dass das BAföG-Amt wissen will, ob du von deinem Vater Geld geerbt hast. Vielleicht ist es wichtig, dass er vor genau einem Jahr starb.
Aber das kann nicht sein. Das kann gar nicht sein, oh nein, da muss ein Fehler unterlaufen sein. Wie alt bist du? Zwanzig? Zweiundzwanzig? Das darf nicht geschehen. Ich verbiete es. Niemand darf mit zweiundzwanzig so schrecklich alleine sein, unter keinen Umständen. Es könnte mich erinnern.
Aber du sitzt hier, allein, zuckst die Schultern und erzählst von den seltsamen Auswüchsen des BAföG-Amtes. Es hat ein Jahr gebraucht, um diesen Brief zu schicken. Ein ganzes Jahr - viel zu kurz, um zu verbrennen.
Ich öffne den Brief für dich, kein Problem. Ich koche Tee, koche ihn mit aller Zärtlichkeit, die ich aufbringen kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich würde alles für dich tun, aber ich weiß: dieses alles ist so belanglos, so hilflos. Es tut mir Leid. Es tut mir Leid, dass du allein bist, obwohl ich doch hier bin und dich so sehr liebe, dass ich beinahe daran zerbreche. Es tut mir Leid, dass ich dich nicht retten kann, obwohl ich dich doch halten würde, falls du es willst, falls es noch wichtig ist.

Ich streiche dir über das zerzauste Haar, kurz nur und sehr hilflos, und die Berührung ist wundervoll weich und süß und ... zerbrechlich. Und ich umarme dich zum Abschied, nicht länger oder kürzer als sonst - alles wie immer - nur fester.
„Ja, dann, man sieht sich.“
Wir gehen beide auf unsere Zimmer, ziehen die Tür hinter uns zu und atmen tief durch. Allein. Immer noch allein.
Warum warst du immer blind?
Woher kommen die Tränen auf dem Spiegelbild, seltsam, waren die schon immer da? Es war doch immer groß und stark, mein Spiegelbild, aber jetzt weint es, leise, kaum hörbar, nicht deutlich genug, dass es durch die dicken Wände der Normalität dringt, aber deutlich genug, dass ich es bemerke. Sieht er auch gerade in den Spiegel, nur fünf dicke Wände von mir entfernt? Sieht er auch die Augen seines Vaters im Spiegel, ewig auf uns ruhend? Hat er bemerkt, dass meine Lippen leicht zitterten, in sanfter Spannung aufeinander gepresst. Hört er die Stimme, die schweigend in mich hinein sagt:
Warum hast du mich nie umarmt? Warum durfte ich nicht weinen? Immer musste ich deinetwegen lächelnde Fratzen schneiden.
Ich betrachte das Gesicht und für einen Moment erkenne ich es, für einen kurzen Moment sehe ich alles: Die Stärke, so fragend, zerbrechlich. Die eiserne Fröhlichkeit. Das tiefe dunkle Schimmern in den Augen, die einmal hell waren. Etwas oder jemand hat ein Loch hineingerissen, eine Lücke, die alle Worte verschluckt. Ich hatte es übersehen. Jahrelang. Und vielleicht war es wichtig.
Er könnte mich trösten, er könnte es doch versuchen. Wir müssen doch zusammenhalten, irgendetwas zwischen uns müssen wir doch öffnen können, etwas Hilfloses vielleicht - einen Brief, oder einen Abgrund. Jemand muss uns doch halten, uns lieben, irgendjemand muss doch die Kinder weiterlieben, wenn ihre Eltern sterben?
Nein. Nein, antworte ich, das ist nicht wichtig, es kann, darf nicht wichtig sein, ich verbiete es. Das ist alles schon viel zu lange her, und ich will nicht verbrennen. Nichts Weiches, nichts Süßes darf hier sein, es könnte mich erinnern. Nicht weinen, unter keinen Umständen, ich könnte es bemerken.
Auch wenn etwas mit Grabesknirschen an der Innenseite meines Brustkorbes entlang schlurft, sich festkrallt wie Kreide auf der Tafel, mikroskopisch feine Widerhaken auf dem Millimeterrand von Papier: lautlos schlürft es Hautfetzen auf, plötzlich ist da der hellrote Schnitt in der Fingerspitze. Dann starrt man auf die eigenen Hände und wundert sich: wie fremd sie aussehen, und woher kommt der Schnitt, war der schon immer da? Aber das ist nur ein Schnitt, glatt und makellos wie ein Schlag in den Magen. Das ist nur ein Zufall, die Millimeter, die der Decke fehlen, die Widerhaken, das ist alles nur ein Zufall.
Wir sind jetzt zweiundzwanzig, wir sind erwachsen, niemanden brauchen wir mehr. Alles andere ist viel zu lange her, es kann nichts davon übrig sein; vielleicht ein Millimeter, nicht mehr.
Du, mit den tiefen Augen, sage ich durch die dicken Wände, ich könnte dich retten, natürlich könnte ich, denn ich bin zweiundzwanzig, ich bin groß und stark und kalte Füße kann man schnell überhören. Aber es ist zu gefährlich. Etwas oder jemanden könntest du wecken. Nein, ich lasse ich dich alleine hinter deinen Wänden seufzen.
Sicher, ich seufze auch alleine hinter meinen Wänden. Aber wenigstens weiß ich nicht mehr, warum.


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Beitrag #2 |

RE: Zwischen Wänden
Servus Ichigo,

das erste, was mir zu deiner Geschichte einfällt, ist: faszinierend! Dieses Attribut erhält zunächst nicht der Inhalt, sondern die Erzählweise. Die Worte haben mich mitgenommen, ich hatte ein Bild vor Augen. Die Umgebung war zwar nicht plastisch, eher irgendwo in einem weißen oder grauen Nichts, aber das tut der Sache keinen Abbruch.

Da sind zwei Menschen, die seit längerer Zeit nebeneinander her leben, obwohl ein Miteinander doch so nahe liegt. Vor allem, weil der Erzähler (bleibt geschlechtslos, ist aber deswegen nicht weniger körperlich, ich nenne ihn mal Neutra) eigentlich die Nähe des anderen sucht, um dann wieder zu verschwinden, wie immer und sich in der "privaten" Stille nach ihm zu verzehren. Dann kommt die Nachricht, die Neutra öffnet und erkennt, welche Last, welche Trauer daraus für den Geliebten erwächst. Trotzdem zieht sich Neutra in ihre "Kemenate" zurück und erlegt sich selbst ein eisernes Schweigen auf, obwohl die äußere Hülle schon bröckelt.

Ich habe nicht auf Rechtschreib- und Grammatikfehler geachtet, aber viel können es nicht gewesen sein.

Fazit: Ein Lesegenuss ohne Reue. Vielen Dank.

Viele Grüße


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Beitrag #3 |

RE: Zwischen Wänden
Hallo Porter,

vielen Dank für deinen so positiven Kommentar Icon_smile
Dass der Schreibstil bei dir gut angekommen ist, freut mich sehr. Auch dass du trotz der fehlenden Beschreibungen etwas "bildhaftes" empfunden hast, das sich zwar nicht umbedingt im materiellen Raum äußert aber durchaus auf der emotionalen Ebene...
Was den Inhalt betrifft, hast du möglicherweise -- wie es eben meistens ist -- ein wenig anders interpretiert als von mir gedacht. Ich will jetzt aber erst mal nicht spoilern sondern abwarten, was andere Kommentatoren (ich hoffe es kommen noch welche...) so sagen. Umso schöner und interessanter jedenfalls, dass auch Leute, die andere Dinge in den Text lesen als gedacht, die Geschichte noch anregend finden!

Danke fürs Lesen =)
LG,

Ichigo


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Beitrag #4 |

RE: Zwischen Wänden
Hallo Ichigo,

Glückwunsch zum verdienten Sieg. Icon_smile Ich hatte dich für die Geschichte gar nicht auf dem Plan, wahrscheinlich weil du dich größtenteils in Athalem herumtreibst.

Zitat: Gestern zurückgekehrt, braun gebrannt, die Eindrücke frisch und gegenwärtig wie Muskelkater.

Das mit dem Muskelkater ist echt ein interessanter Vergleich, hab ich noch nie so gelesen. Das assoziiert bei mir aber etwas negatives, wenn du das so wolltest, ist dir das bei mir gelungen. Icon_wink

Zitat: Zufall, dass dieser ausgerechnet während seiner Exkursion ankam.

Ich persönlich würde ein „Es war …“ vor dem Zufall gut finden, für mich würde der Satz dann „runder“ klingen, aber das ist Geschmackssache.

Zitat: Ich sehe alles, jetzt sehe ich alles:

Ich finde das „jetzt“ verdient mehr Betonung. Vielleicht kursiv setzen?

Zitat: Kälte nistet sich in meine Zehen, während ich lache...

Da du das Wort nicht unterbrichst muss vor die drei Auslassungspunkte ein Leerzeichen. Wobei ich mich gerade frage, ob du die wirklich brauchst und ob es nicht ein einfacher Punkt auch tun würde, denn es fehlt ja nicht wirklich ein Wort in dem Satz.

Zitat: Diese Bedachtsamkeit. Diese fragende, zerbrechliche Bedachtsamkeit, die sich über die sanfte Wärme des Tees wundert.

Die beiden Sätze zusammen sind irgendwie toll, daher frag ich jetzt lieber mal nicht, wie sich den „Bedachtsamkeit“ wundern kann.

Zitat: Weich und süß und tröstlich.

Mal wieder Geschmackssache, aber ich hätte ein „und“ durch ein Komma ersetzt. Im Moment mag ich es aber auch hinter jedem einen Punkt zu machen, ich finde, dadurch wird die Betonung nochmal stärker. Mach’s halt wie du willst. Icon_smile

Zitat: Es tut mir Leid, dass ich dich nicht retten kann, obwohl ich dich doch halten würde, falls du es willst, falls es noch wichtig ist.

Gerade in diesem Absatz ist es mir ganz stark aufgefallen: Du hast es prima hingegriegt zu beschreiben, was man „das Kreisen der Gedanken“ nennt. Du fängt zu Beginn des Absatzes mit irgendetwas an und am Ende vom Absatz landest du wieder da mit leicht geändertem Zusammenhang. Gefällt mir wirklich gut.

Zitat: Nein, antworte ich, das ist nicht wichtig, es kann, darf nicht wichtig sein, ich verbiete es.

Hier würde ich das „darf“ irgendwie mehr betonen.

Zitat: Auch wenn etwas mit Grabesknirschen an der Innenseite meines Brustkorbes entlang schlurft,

„Grabesknirschen“ hab ich noch nie gehört. Aber ich mag das Wort. Es ruft in mir sofort ein düsteres, kaltes, vielleicht sogar gruseliges Bild hervor.

Zitat: und kalte Füße kann man schnell überhören.

„überhören“ passt für mich nicht richtig ins Bild, kalte Füße machen ja keine Geräusche. Vielleicht eher „wärmen“ oder „ignorieren“.

So, deine Geschichte hat bei mir sofort eine düstere, kalte, melancholische Stimmung hervorgerufen, was natürlich gut zum Inhalt passt. Wir betrachten hier eine Wohngemeinschaft (ich nehme mal an Studenten), die eben mehr oder weniger anonym jeder in seinem Zimmer untergebracht sind.
Aber dein Prot empfindet sehr viel für den „Du“ aber scheint ihm das nie so gesagt zu haben, sondern hat das eher durch kleine Gesten angedeutet. Ich frag mich wie weit da diese „Liebe“ zu verstehen ist, es kann ja auch eine rein freundschafltiche Liebe sein. Auch weiss man nicht ob der Prot männlich oder weiblich ist. Aber ich find das nicht schlimm, dadurch kann man die Geschichte unterschiedlich interpretieren und anders betrachten. Icon_wink
Das Fassadenthema find ich übrigens sehr gut untergebracht, wie beide versuchen die Normalität aufrecht zu erhalten, obwohl der Tod seines Vaters zwischen ihnen steht.

Wie du merkst hab ich nur ein paar kleine formulierungstechnische Kleinigkeiten zum anmerken gefunden und bin ganz begeistert von der Geschichte. Man spürt sofort die Stimmung die rübergebracht werden soll und spürt auch ganz deutlich die Gefühle deines Prots die in ihm/ihr wühlen. Deshalb hast du verdient gewonnen. Icon_smile

Liebe Grüße,
Lady

Wer nicht kann, was er will, muss das wollen, was er kann. Denn das zu wollen, was er nicht kann, wäre töricht. -Leonardo da Vinci-
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Beitrag #5 |

RE: Zwischen Wänden
Hey Lady,

vielen Dank für deinen Kommentar Icon_smile

Ja, lustigerweise ist dieser Text der einzige von mir, der außerhalb von Athalem im Forum steht Icon_ugly ... ob sich daran was ändern wird, ist schwer zu sagen *lach*

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Gestern zurückgekehrt, braun gebrannt, die Eindrücke frisch und gegenwärtig wie Muskelkater.

Das mit dem Muskelkater ist echt ein interessanter Vergleich, hab ich noch nie so gelesen. Das assoziiert bei mir aber etwas negatives, wenn du das so wolltest, ist dir das bei mir gelungen. Icon_wink

Ich habe mich bei deinem Kommentar jedes Mal gefreut, wenn du geschrieben hast "Hey DIE Formulierung hab ich noch nie gehört ... ruft aber irgendwie so-und-so-ein Gefühl hervor / klingt trotzdem gut."^^
Ich kann die Bilder meistens nicht ganz begründen, aber im Fall von Muskelkater assoziiere ich Unmittelbarkeit. Man ist im Kopf noch in einer ganz anderen Welt, die Erinnerungen sind total präsent, so wie Muskelkater eben eine physisch ständig präsente Spur der anstrengenden Erlebnisse ist.... ich denke der "er" hat wahrscheinlich auch Muskelkater *lach* Wenn es ambivalente Gefühle weckt, ist das vielleicht sogar ganz gut... eine erste Irritation in der "bin aus'm Urlaub zurück und plaudere nett mit meinen Freunden" -Idylle, damit der Leser das ungute Gefühl bekommt, dass da noch was im Busch steckt.^^

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Zufall, dass dieser ausgerechnet während seiner Exkursion ankam.

Ich persönlich würde ein „Es war …“ vor dem Zufall gut finden, für mich würde der Satz dann „runder“ klingen, aber das ist Geschmackssache.

Ja.... hier sträubt sich was in mir ^^ Einerseits wohl, weil ich einfach kurze Sätze auch gerne mag (-> Geschmackssache), andererseits finde ich es irgendwie ganz passend hier: Sehr subjektive Gedankenfetzen. Die Situation wird eher stichpunktartig skizziert als dargelegt.

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Ich sehe alles, jetzt sehe ich alles:
Ich finde das „jetzt“ verdient mehr Betonung. Vielleicht kursiv setzen?

In der Tat eine gute Idee! Auch deinen Vorschlag das „darf“ in „es kann, darf nicht wichtig sein“ zu betonen werde ich annehmen. In meinem Kopf waren die Wörter ja auch immer betont... nur habe ich dann keinen Gedanken mehr daran verschwendet, die Betonung auf’s Papier zu bringen =) Danke für den Hinweis!

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Kälte nistet sich in meine Zehen, während ich lache...
Da du das Wort nicht unterbrichst muss vor die drei Auslassungspunkte ein Leerzeichen.

*seufz* Daran werde ich mich nie gewöhnen....

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb: Wobei ich mich gerade frage, ob du die wirklich brauchst und ob es nicht ein einfacher Punkt auch tun würde, denn es fehlt ja nicht wirklich ein Wort in dem Satz.

Für mich war es hier eher eine Frage der Betonung... Aber ich werde noch mal drüber schlafen!

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Diese Bedachtsamkeit. Diese fragende, zerbrechliche Bedachtsamkeit, die sich über die sanfte Wärme des Tees wundert.
Die beiden Sätze zusammen sind irgendwie toll, daher frag ich jetzt lieber mal nicht, wie sich den „Bedachtsamkeit“ wundern kann.

Gar nicht ^^

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Weich und süß und tröstlich.
Mal wieder Geschmackssache, aber ich hätte ein „und“ durch ein Komma ersetzt. Im Moment mag ich es aber auch hinter jedem einen Punkt zu machen, ich finde, dadurch wird die Betonung nochmal stärker. Mach’s halt wie du willst. Icon_smile

Das doppelte „und“ ist wohl dem Sprachrhythmus geschuldet... ich mag’s wenn ein gewisses Metrum im Text ist...
Ist das dein Vorschlag: „Weich. (Und) Süß. Und tröstlich.“ Das finde ich auch ganz cool, denn in meinem Kopf (wieder mal) sind die Wörter auch sehr betont... Ich überleg mir das mal, vielleicht mache ich tatsächlich die Variante mit den Punkten!

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: Es tut mir Leid, dass ich dich nicht retten kann, obwohl ich dich doch halten würde, falls du es willst, falls es noch wichtig ist.
Gerade in diesem Absatz ist es mir ganz stark aufgefallen: Du hast es prima hingegriegt zu beschreiben, was man „das Kreisen der Gedanken“ nennt. Du fängt zu Beginn des Absatzes mit irgendetwas an und am Ende vom Absatz landest du wieder da mit leicht geändertem Zusammenhang. Gefällt mir wirklich gut.

Wobei sich die Gedanken eigentlich ziemlich verändert haben ^^ (von „ich kann dich retten“ zu „ich kann dich nicht retten“) Generell ist der Text so von wiederkehrenden Elementen durchzogen, dass ich mich schon frage, ob der Leser überhaupt noch mitkommt. Aber in diesem Absatz ist die Wiederholung recht zeitnah.

(12-01-2011, 10:08)LadydesBlauenMondes schrieb:
Zitat: und kalte Füße kann man schnell überhören.

„überhören“ passt für mich nicht richtig ins Bild, kalte Füße machen ja keine Geräusche. Vielleicht eher „wärmen“ oder „ignorieren“.

„überhören“ ist natürlich nicht das logisch „korrekte“ Wort, aber darum geht’s ja nicht. Die Frage ist eher: Sagt dir die Formulierung etwas, fühlst du etwas? Wenn es mehr irritiert als Gefühle vermittelt, dann ist es nicht gut... irgendwie hatte ich tatsächlich ein bisschen das Bild im Kopf, wie die Füße das Signal ans Gehirn senden: „Mir ist kalt! Mir ist kalt!“ Und immer überhört werden.
„wärmen“ ist für mich inhaltlich ausgeschlossen (das ist viel zu einfach. Du kannst die Millimeter nicht einfach annähen), „ignorieren“ passt inhaltlich, ich müsste da noch ein schönes Synonym finden... mal schauen! Wahrscheinlich lasse ich die Stelle erst mal so stehen, markiere es mir aber mal.

Auch was du über den Inhalt sagst, gefällt mir gut... Aber immer noch fehlt mir ein entscheidendes Detail... Meiner Meinung nach ist es überexplizit, aber wenn mir der Rest der Welt dabei nicht zustimmt, werde ich wohl noch mal dran arbeiten müssen. *lach*
Cool ist, dass du mit der Unsicherheit so gut klar kommst: Du weißt das Geschlecht des Protas nicht, du weißt nicht mal genau, wie du diese „Liebe“ verstehen sollst. Eine Liebe, die vielleicht nur freundschaftlich ist... aber dennoch so intensiv empfunden wird, dass der Prot „beinahe daran zerbricht“? Ist das nicht seltsam? Warum ist das so? ^^

Vielen Dank für die Anregungen und für das Lob =) Schon enorm, dass dieser doch manchmal kryptische Text dennoch eine „Stimmung“ und „wühlende Gefühle“ rüberbringt, freut mich wirklich, dass das funktioniert...

LG,

ichigo


PS: Hast du eigentlich nicht teilgenommen? Ich glaube, ich habe im Skriptorium keinen Wettbewerbsbeitrag von dir gesehen.


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Beitrag #6 |

RE: Zwischen Wänden
Hi Ichigo,

nochmal ne kurze Rückmeldung:

Zitat:ich denke der "er" hat wahrscheinlich auch Muskelkater *lach* Wenn es ambivalente Gefühle weckt, ist das vielleicht sogar ganz gut... eine erste Irritation in der "bin aus'm Urlaub zurück und plaudere nett mit meinen Freunden" -Idylle, damit der Leser das ungute Gefühl bekommt, dass da noch was im Busch steckt.^^

Die erste Irritation kam bei mir schon allein dadruch, dass ich die Formulierung so noch nicht kannte.

Zitat:Ist das dein Vorschlag: „Weich. (Und) Süß. Und tröstlich.“ Das finde ich auch ganz cool, denn in meinem Kopf (wieder mal) sind die Wörter auch sehr betont

Vielleicht sogar: "Weich. Süß. Tröstlich." Wobei ich das sogar schon fast zu stark betont finde. Icon_wink Und: Ja, dass kenne ich, da hat man sich so ne schöne Betonung im Kopf zurecht gelegt und weiss gar nicht, welches Satzzeichen, dass nun am Besten ausdrückt. Icon_wink

Zitat:„überhören“ ist natürlich nicht das logisch „korrekte“ Wort, aber darum geht’s ja nicht. Die Frage ist eher: Sagt dir die Formulierung etwas, fühlst du etwas? Wenn es mehr irritiert als Gefühle vermittelt, dann ist es nicht gut...

Soo, schlimm hat mich das "überhören" nicht irritiert. Es ist schon klar geworden was du meinst. Meine Vorschläge haben mir auch nicht so gut gefallen, ich wollte dich nur drauf aufmerksam machen, dass es eben ein bisschen "aus dem Bild" fällt.

Zitat:PS: Hast du eigentlich nicht teilgenommen? Ich glaube, ich habe im Skriptorium keinen Wettbewerbsbeitrag von dir gesehen.

Nee, ich habe nicht teilgenommen.

Liebe Grüße,
Lady

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Beitrag #7 |

RE: Zwischen Wänden
Hey Ichigo...

Ich bin begeistert von den Worten und der Stimmung, die du schaffst. es ist unglaublich traurig, drückend, melancholisch. Genau diese Art Text, die ich so sehr mag.
Du hast mich gefesselt, auch wenn einige Sätze doppelt vorkamen und sich doch alles irgendwie ähnelte. Aber dennoch war es ein wirkliches Erlebnis deine Geschichte zu lesen. Ich bin wirklich immer noch in dieser Stimmung drin und fühle sie richtig. Ich möchte es nicht fühlen, es ist kein gutes Gefühl. Aber es lässt sich nicht unterdrücken.
Ehrlich, ich hab nie so etwas gelesen, dass mich derartig einnimmt.

Liebe Grüße, Sarah.

Das Schreiben ist für mich die Zuflucht in eine Welt, in der ich meine Gefühle nicht verstecken muss,
sondern zeigen kann, wer ich wirklich bin.
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Beitrag #8 |

RE: Zwischen Wänden
Hallo Ichigo...

Da mir sprachlich nicht besonders viel aufgefallen ist und das wenige dann Lady schon aufgeführt hat, kann ich dazu nicht mehr viel sagen. Dein Satzbau ist in meinen Augen nahezuperfekt.
& Die Formulierung mit dem Muskelkater war ein Geniestreich. Dieser Satz war es, der mich dazu gebracht hat, weiterzulesen, tiefer zu versinken in diese Geschichte. Er hat mich irgendwie zum Lächeln gebracht, innerlich, äusserlich.

Ach, doch noch etwas zu deiner Sprache: Mir ist aufgefallen, dass du sehr oft ähnliche oder gleiche Wörter verwendest, die Sätze ähneln sich manchmal sehr, ist das gewollt?

Nun aber zum "Feeling":
Ich liebe deinen Stil. Echt. Es ist genau der Stil, den ich so mag, ein wenig verträumt, diffus, vielleicht sogar ein bisschen kompliziert und doch so leicht, fliesst wie Honig, alles in einem Fluss... Wunderbar zu lesen, tolle, neue Formulierungen, die in mir eben dieses innerlich-wie-äusserliche-Lächeln hervorrufen.
- Die Idee, die Idee von dieser Geschichte, ebenfalls nur lobenswert, wer von uns hat das noch nie erlebt?
Dieses können-ja, wollen-ja, tun-nein. Diese Feigheit, die einen manchmal überfällt, wenn man genau weiss, was man jetzt tun oder sagen sollte, und es dann doch nicht tut. Diese Menschen, die einsam leben und gemeinsam viel glücklicher wären. Diese Traurigkeit, Melancholie, Einsamkeit, Bedrückheit - super rübergebracht.

Grosses, grosses Kompliment. Hat mich echt bewegt, deine Geschichte.



Man findet mich jetzt auch hier: budsandashes.blogspot.com

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Beitrag #9 |

RE: Zwischen Wänden
Hallo liebe Leute,

ich freue mich sehr über jeden einzelnen Kommentar und jeden Leser =)
@Diamantenstaub, freut mich, dass dich der Text gepackt hat =)
@Carmenzita, die Wiederholungen sind natürlich schon mit Absicht reingesetzt, allerdings sind die Wiederholungen oft ein kleines bisschen verändert oder in einem anderen Kontext, so dass sie doch eine andere Bedeutung erhalten... aber die Worte werden wiederholt, ja...^^
Der angesprochene „Fluss“ könnte daran liegen, dass ich früher viel Lyrik geschrieben habe und auch Prosa anscheinend gern nach einem Metrum verfasse ^^

Ein paar Anregungen von Lady habe ich jetzt eingearbeitet, noch mal danke dafür! Größere Überarbeitungen wird es aber wahrscheinlich nicht mehr geben, deshalb sage ich jetzt noch ein paar Dinge zum Inhalt. Ihr alle habt die Fassade wahrgenommen, die so schmerzlich zwischen dem/der Protagonist/In und dem Er steht. Allerdings, und das wundert mich, hat niemand die Fassade angesprochen, die das "ich" vor sich selbst hoch zieht. Natürlich gibt es immer unterschiedlichste Interpretationen für ein und den gleichen Text, das ist klar. Aber das Zwiegespräch vor dem Spiegel sollte schon aufhorchen lassen, als "ich" sich kaum wieder erkennt und nur „für einen Moment“ etwas wahrnimmt:

Zitat:Ich betrachte das Gesicht und für einen Moment erkenne ich es, für einen kurzen Moment sehe ich alles: Die Stärke, so fragend, zerbrechlich. Die eiserne Fröhlichkeit. Das tiefe dunkle Schimmern in den Augen, die einmal hell waren. Etwas oder jemand hat ein Loch hineingerissen, eine Lücke, die alle Worte verschluckt. Ich hatte es übersehen. Jahrelang. Und vielleicht war es wichtig.
Er könnte mich trösten, er könnte es doch versuchen. Wir müssen doch zusammenhalten, irgendetwas zwischen uns müssen wir doch öffnen können, etwas Hilfloses vielleicht - einen Brief, oder einen Abgrund. Jemand muss uns doch halten, uns lieben, irgendjemand muss doch die Kinder weiterlieben, wenn ihre Eltern sterben?

Hier sollte klar sein, dass auch das "ich" Eltern verloren hat.
Es ist auch ein Beispiel für die „Wiederholungen“, die nicht ganz identisch wiederkehren. Früher im Text sagt "ich" über die Trauer des Er: „Ich hatte es übersehen. Ein ganzes Jahr lang.“ Wenn hier „Ich hatte es übersehen. Jahrelang.“ steht, dann steht das in einem vollkommen anderen Kontext, nämlich der Situation des "Ich".
Der Verlust des Protagonisten ist meiner Meinung nach auch die einzige Erklärung für seine z.T. vollkommen widersprüchlichen und hochemotionalen Gedanken: Obwohl der Er „immer nur einer von zehn“ war, wird das "ich" wahnsinnig emotional, fühlt mit ihm und äußert Liebeserklärungen (die manche von euch zu Recht irritiert haben). Über weite Strecken des Textes bietet "Ich" dem "Er" großzügig Hilfe an, will ihn retten, nur um dann plötzlich umzuschwenken in „Ich lasse dich allein hinter deinen Wänden seufzen". Einerseits sieht "Ich" ein, dass es nicht in seiner Macht steht den Er zu „retten“ und andererseits behauptet es dann plötzlich wieder, das sei überhaupt kein Problem. In dem Zwiegespräch am Spiegel steht das „Ich“ dann plötzlich selbst als hilfsbedürftiges Wesen da („Er könnte mich trösten“) und als ein verletztes Wesen („ein Loch hineingerissen“). Diesen Anblick erträgt „ich“ anscheinend nicht, denn es folgt die 180-Grad-Wende:

Zitat:Nein. Nein, antworte ich, das ist nicht wichtig, es kann, darf nicht wichtig sein, ich verbiete es. Das ist alles schon viel zu lange her, und ich will nicht verbrennen. Nichts Weiches, nichts Süßes darf hier sein, es könnte mich erinnern. Nicht weinen, unter keinen Umständen, ich könnte es bemerken.
(...)
Du, mit den tiefen Augen, sage ich durch die dicken Wände, ich könnte dich retten, natürlich könnte ich, denn ich bin zweiundzwanzig, ich bin groß und stark und kalte Füße kann man schnell überhören. Aber es ist zu gefährlich. Etwas oder jemanden könntest du wecken. Nein, ich lasse ich dich alleine hinter deinen Wänden seufzen.
Sicher, ich seufze auch alleine hinter meinen Wänden. Aber wenigstens weiß ich nicht mehr, warum.

Eigentlich kommt schon ungefähr in der Mitte des Textes zum ersten Mal „Es könnte mich erinnern“, was den Leser irritieren sollte. Aber vielleicht ist der Text generell schon so kryptisch, dass eine kryptische Zeile mehr gar nicht auffällt? Vielleicht scheint die Fassade zwischen "Ich" und "Er" so eindeutig das Hauptthema darzustellen, dass man nicht weitersucht? Vielleicht äußert sich das Ich selbst vor dem Spiegel noch so zögernd und diffus über die eigene Position, versteckt sich vor sich selbst so gut, dass auch der Leser auf das Versteckspiel herein fällt? Oder vielleicht wurden all diese Hinweise zwar gesehen, aber nicht zusammengesetzt oder gar ausgesprochen... genau so wie der Protagonist zwar irgendwie sah, dass der Er „etwas zerzauster als sonst“ schien, „etwas bedachter“, aber der Protagonist forscht nicht weiter, so lange bis der Brief kommt und es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen fällt. Im Grunde genommen will hier niemand den eigenen Schmerz zeigen, niemand will den Schmerz des anderen sehen / sichtbar machen, alle sind überfordert und sprachlos. Intuitiv würde ich sagen, das ist ein sehr typisches Muster, das sich auf alle Tabu-Themen übertragen lässt: Tod, häusliche Gewalt, Alkoholismus, Vergewaltigung...

Ob das jetzt überraschend kommt? ^^ Ich bin gespannt!
LG & vielen Dank für die vielen lieben Kommentare,

Ichigo


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Beitrag #10 |

RE: Zwischen Wänden
Moin Ichigo.

Ja, wie fange ich das Ganze am Besten an? Nun, ich kann mich mit dieser Geschichte in Teilen sehr gut identifizieren. Oder sollte ich sagen, das letzte Jahr meines Lebens kann das?
Es waren keine Wände, aber Entfernungen. manche seelisch, manche zwischen dem Dies- und dem Jenseits, irgendwo verloren inmitten dem Hier und dem Dort.

Als ich die Geschichte das erste Mal gelesen hatte, lag sie mir quer im magen. Nein, kein BAFöG-Brief kam per Post. Nichts kam per Post. Manches trugen geflohenen Wortes Schall durch die Münder in meine Ohren. (Ode an poLet! Sorry, der Mann ist immer noch in meinem Kopf.)

Ich habe mich geweigert, es nochmal zu lesen, aber irgendwann musste ja die Abstimmung erfolgen - also nochmal 'Augen zu und durch'.
Heute sehe ich es als 'wirklich' Deine Geschichte an, die ein paar Zufälligkeiten enthält. So will ich es mal nennen.
Und ich mache es jetzt nicht wie mit dem Rambo-Spieß:
Einpacken und mitnehmen - nein, ich schreib Dir jetzt was dazu.

Zitat:Etwas oder jemand hat ein Loch hineingerissen, eine Lücke, die alle Worte verschluckt. Ich hatte es übersehen. Ein ganzes Jahr lang.
Ich habe Gesichter gesehen, die versuchten den Glanz des Gesterns festzuhalten. Bei vielen erstarrten die Muskulaturen, andere konnten lange dagegen ankämpfen, das 'Heute' zu akzeptieren - schlussendlich reinigen Tränen die Seele von Innen und waschen die Trauer aus dem Herzen.
Doch der einstige Glanz in den Augen wird matter. Langsam. Und ein klein wenig 'Wissen' schleicht sich durch die Iriden. Begleitet von Erkenntnis.

Zitat:Seine Worte füllten den Raum, kondensierten an der Decke, prasselten auf mich nieder, so belanglos, achtlos, hilflos.
Sehr schön formuliert.

Zitat:Ich öffne den Brief für dich, kein Problem. Ich koche Tee, koche ihn mit aller Zärtlichkeit, die ich aufbringen kann, ohne daran zu zerbrechen. Ich würde alles für dich tun, aber ich weiß: dieses alles ist so belanglos, so hilflos. Es tut mir Leid.
Wir Menschen sind manchmal ein Lästervolk, regen uns über Sachen auf, die im Grunde völlig belanglos sind und bei einem warmen Kerzenlicht und ein wenig ruhiger Logik ihren abscheulichen Geschmack verlieren. Nur in solchen Momenten ... sind einige schweigsam. Viel zu sehr - dafür können diese Menschen wahrscheinlich besser 'in den Arm nehmen' und Wärme zeigen.
Vielleicht ist es das, was aus grauer Urzeit übrig geblieben ist. Diese non-verbalen Gesten. Keine großen Worte. Nähe. Wärme. Berührung.
Man ist niemals allein ...

Zitat:Woher kommen die Tränen auf dem Spiegelbild, seltsam, waren die schon immer da? Es war doch immer groß und stark, mein Spiegelbild, aber jetzt weint es, leise, kaum hörbar, nicht deutlich genug, dass es durch die dicken Wände der Normalität dringt, aber deutlich genug, dass ich es bemerke. Sieht er auch gerade in den Spiegel, nur fünf dicke Wände von mir entfernt? Sieht er auch die Augen seines Vaters im Spiegel, ewig auf uns ruhend? Hat er bemerkt, dass meine Lippen leicht zitterten, in sanfter Spannung aufeinander gepresst. Hört er die Stimme, die schweigend in mich hinein sagt:
Sehr ausdrucksstark. Nichts hinzuzufügen außer einem Pro

Zitat:Sicher, ich seufze auch alleine hinter meinen Wänden. Aber wenigstens weiß ich nicht mehr, warum.
Ein sehr runder Abschluss.

Fazit:
Du triffst genau die richtigen Töne und zeigst auch die kleinen Nebensächlichkeiten, die plötzlich immens wichtig werden. Auch wenn es nur Nuancen sind wie beispielsweise die Stelle mit dem Kaffee.

Technisch sind (vom Gefühl her) die Absätze gut aufgeteilt, die Sätze selbst sind flüssig hintereinander zu lesen. Es soll nicht negativ klingen, aber es passt so gut alles, dass ich fast davon sprechen würde:
Wie aus einem Guss.

Liebe Grüße
D.


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