Es ist: 02-12-2020, 04:35
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Offener Lesezirkel: Faust I
Beitrag #11 |

RE: Offener Lesezirkel: Faust I
So Jungs, keine Rückmeldungen mehr?! Icon_aufsmaul

Also ich wäre fertig mit lesen, hab es mir auch noch als Hörbuch zu Gemüte geführt - wie sieht es bei euch aus?
Und falls einer von euch anderen schon was gelesen hat: Hab ich nur komische Vorstellungen (oder die Sache bisher nicht verstanden...), oder ist der Inhalt über weite Strecken ziemlich seicht?
Und wie habt ihr den allersten Teil, die Zueignung, interpretiert? Von wem spricht er da? Von seinen Figuren, von echten Menschen? Ich bin mir darüber noch nicht ganz schlüssig...

Geschreibselerinnerungshilfe
--- öffne die tür dem nein // sollen die vögel doch fliegen ---
--- Le Clézio ---


When I was 5 years old, my mother always told me that happiness was the key to life. When I went to school, they asked me what I wanted to be when I grew up. I wrote down ‘happy.’ They told me I didn’t understand the assignment, and I told them they didn’t understand life.
- John Lennon -

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Beitrag #12 |

RE: Offener Lesezirkel: Faust I
Oh weh, der Faust-Lesezirkel ... Ich wusste, dass ich damit etwas anstoße Icon_ugly
Ich muss gestehen: Ich habe dieses Wochenende über knapp 1000 Seiten zum Allgemeinen Schuldrecht, und in den anderen Wochen sah's nicht unbedingt besser aus. Gelegentlich mal etwas Jöten zwischenschieben ist sicher drin, aber ich werd' mich bei dem Lesezirkel leider etwas zurückhalten müssen ...

Gelesen habe ich den Faust - wie gesagt - im vergangenen Jahr, glaube ich. Oder vor zweien? Ob das "seicht" war, streckenweise, kann ich nicht mal sagen. So wie ich den alten Goethe einschätze, hatte der eine diebische Freude daran, einen Sumpf zu schreiben: Oben ein bisschen Wasser (sehr seicht), aber wenn man bohrt - nach festem Grund kann man lange suchen Icon_wink Ich habe mir sagen lassen, er baue teilweise versteckte Wortspiele ein, die für uns heute aufgrund des gewandelten Sprachgebrauchs nicht mehr unbedingt verständlich sind und die aufgrund gewandelter gesellschaftlicher Umstände auch nicht mehr die Sprengkraft haben wie seinerzeit.

Und zur Zueignung ... tja, hätte er im 19. Jhd. in Paris geschrieben, hätt' ich gemutmaßt, die Grüne Fee hätte ihm die Hand geführt, aber so? Mrgreen
Für mich klingt das nach einem Dialog des Dichters mit dem Publikum.
Zitat:Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten
Eine hübsche Beleidigung für den Anfang? Das dämliche Theaterpublikum, das kommt, weil man eben ins Theater geht, das aber keine Ahnung von der Kunst hat, verfettet ist und möglicherweise nicht mehr ganz allein?
Zitat:Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Oder schlaft ihr mir wieder ein? Bleibt wieder nichts hängen von meiner Geschichte?

Zitat:Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.
Geschnatter auf den Rängen? Klatsch und Tratsch? "Mensch, lang nicht gesehen!" - "Weißt du noch, als wir ..." - "Hast du schon gehört, Schulze ist gestorben!"

Zitat:Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
"Ich bin alt, schon lange im Geschäft" und/oder "ihr hört ja sowieso nicht zu"?

Zitat:Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.
Alles letzten Endes egal, der Dichter und sein Werk verschmelzen; der Dichter dichtet um des Dichtens Willen, das Publikum dient nur dem Broterwerb, für die Kunst ist es egal?

Nun denn, liebe Leute, bis die Tage!
Lehrling

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Beitrag #13 |

RE: Offener Lesezirkel: Faust I
Hey Lehrling =)

(10-09-2011, 09:25)Federlehrling schrieb: Ich habe mir sagen lassen, er baue teilweise versteckte Wortspiele ein, die für uns heute aufgrund des gewandelten Sprachgebrauchs nicht mehr unbedingt verständlich sind und die aufgrund gewandelter gesellschaftlicher Umstände auch nicht mehr die Sprengkraft haben wie seinerzeit.
Dafür habe ich eine kommentierte Ausgabe (auch wenn ich nicht alle Anmerkungen nachgeschlagen habe Icon_ugly Das stört so wahnsinnig beim Lesen...) - nicht mehr die Sprengkraft trifft es für mich allerdings eher, was auch daran liegen könnte, dass mir Glauben und Moralismus ziemlich fern liegen.

Für mich ist dieses Bild des tiefgläubigen, unschuldigen Mädchens, das dem Teufel wiedersteht, einfach ein bisschen schwach - da fehlt mir wohl auch noch der zweite Teil, das Ende von I ist einfach...unbefriedigend
Wahnsinnig toll fand ich allerdings die Prologe und auch Faust als Figur an sich, einige Szenen und Aussprüche haben nun wirklich "Kultstatus" und das zurecht.

Deine Überlegung zum Dialog Dichter/Publikum finde ich ziemlich interessant und in sich schlüssig. Das wäre mir so nicht eingefallen, ich hab von Anfang an in eine total andere Richtung gedacht...

Zitat:Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten
Nun, der erste Satz hat mich direkt in Richtung "Charaktere" gedrängt, weil ich so stark im Hinterkopf habe, wie lange Goethe mit dem Faust gekämpft hat, immer wieder umgeschrieben und verändert hat... Es war das Werk seines Lebens, hat ihn wohl nie losgelassen.
Dazu passt dann auch der nächste Ausspruch:

Zitat:Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
Ich könnte dieses Gefühl wohl irgendwie nachvollziehen, gerade die am engsten verbundenen Ideen und Figuren scheinen einem teilweise wie Rauch durch die Finger zu gleiten. ( Icon_panik Mrgreen )

Zitat:Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage,
Und manche liebe Schatten steigen auf;
Gleich einer alten, halbverklungnen Sage
Kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf;
Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,
Und nennt die Guten, die, um schöne Stunden
Vom Glück getäuscht, vor mir hinweggeschwunden.
Hier sehe ich eine ganz starke Verbindung zu Goethes Leben, dazu, dass Faust das Werk seines Lebens ist (/sein soll). Mich erinnert das daran, wie gerade Goethe in seinen Werken immer nur verwurstet hat, was er selbst erlebt oder gesehen hat (Erlebnislyrik *hust*). Gerade Gretchen soll ein sehr eindrucksvolles reales Vorbild gehabt haben - hier ginge es also darum, wie Faust die Erinnerung an sehr viele Dinge in ihm weckt, wodurch klar wird, dass die schwankenden Gestalten und seine Figuren an sich immer die Doppelfunktion Figuren/zumindest teilweise Realvorbild/Erinnerungen einnehmen.

Zitat:Sie hören nicht die folgenden Gesänge,
Die Seelen, denen ich die ersten sang;
Zerstoben ist das freundliche Gedränge,
Verklungen, ach! der erste Widerklang.
Mein Lied ertönt der unbekannten Menge,
Ihr Beifall selbst macht meinem Herzen bang,
Und was sich sonst an meinem Lied erfreuet,
Wenn es noch lebt, irrt in der Welt zerstreuet.
Nun, als der Faust endlich abgeschlossen war, gehörte Goethe wirklich schon zum alten Eisen... Für mich ist das hier die Widmung des Stückes an seine Freunde, seine Geliebten, alle, die sich wohl ohnehin irgendwie im Stück wiederfinden, und die zum größten Teil schon tot oder zumindest außer Reichweite sind, als Goethe das schreibt. (Hierzu wäre es sehr interessant, zu wissen, wann genau Goethe die Zueignung geschrieben hat, in jedem Fall enthält der Urfaust sie noch nicht).
Zudem ist es wohl ein leiser Anklang daran, dass Goethe die "unbekannte Menge" wohl nicht nur positiv sieht, ihm sein Erfolg oder zumindest die Reaktionen des Publikums vielleicht sogar ein wenig unheimlich sind?

Zitat:Und mich ergreift ein längst entwöhntes Sehnen
Nach jenem stillen, ernsten Geisterreich,
Es schwebet nun in unbestimmten Tönen
Mein lispelnd Lied, der Äolsharfe gleich,
Ein Schauer faßt mich, Träne folgt den Tränen,
Das strenge Herz, es fühlt sich mild und weich;
Was ich besitze, seh ich wie im Weiten,
Und was verschwand, wird mir zu Wirklichkeiten.
Hier wieder für mich die Anspielung auf den Tod, auf all die Menschen, die er im Leben verloren hat und die in seinem Stück wieder "zu Wirklichkeiten" werden. Ich finde diese Passage wunderschön, wenn man sie in dem Licht sieht, es ist traurig, irgendwie auch die Kapitulation eines alten Mannes.

Alles in allem erscheint mir das auch ganz sinnvoll, weil dann alle drei eingefügten Vorspiele (Zueignung, Vorspiel auf dem Theater, Prolog im Himmel) eine sehr breite Basis an Grundlage für das Stück abdecken. Die Zueignung die persönliche Grundlage Goethes, das Vorspiel auf dem Theater das, was du irgendwie schon in die Zueignung impliziert hast, nämlich die Dreiecksbeziehung Dichter/Publikum/die Leute, die mit der Kunst Geld verdienen wollen und somit auc Goethes Verhältnis zum Publikum und der kommerziellen Theaterschreiberei an sich, und zuletzt die Basis der Gottvorstellung/Teufelsvorstellung im Himmel.
Natürlich kann man das auch vollkommen anders sehen, und die Interpretierbarkeit ist wohl eine der größten Stärken von dem Stück - für mich gibt es da keine absolute Wahrheit.

Na, Weltichen, auch eine Interpretation auf Lager? Mrgreen (Oder hast du das Vorspiel etwa noch nicht gelesen?! Icon_aufsmaul =) )

LG,
Jade
[/quote]


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Beitrag #14 |

RE: Offener Lesezirkel: Faust I
Das Vorspiel auf dem Theater widerspricht natürlich meiner Deutung, da das schließlich genau den Frust sehr deutlich ausdrückt, den ich in der Zueignung noch "verdeckt" lese. Warum sollte er sich so viel Arbeit machen, um die Leute dann doch direkt anzupöbeln?

Ich bin aber nicht ganz sicher, ob, wie du es schilderst, der Faust Goethes Lebenswerk werden sollte. Dafür war der Stoff, denke ich, nicht neu genug, oder? Es gibt schließlich einen "historischen" Faust, der im 15. Jahrhundert gelebt haben und als Astronom, Alchimist etc. täg gewesen sein soll. Um diese Person haben sich Sagen und Legenden gewoben, letzten Endes hat Goethe diesen Stoff wieder aufgegriffen.
Und allein das Vorspiel im Himmel, die Wette: Ich bin jetzt ganz und gar nicht bibelfest, aber das passiert bei Hiob auch, oder? Die Wette von Gott und Satan über die Gottesfürchtigkeit (und Treue) des "Knechts"?

Liebe Grüße!

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