Es ist: 29-09-2022, 21:48
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Countdown
Beitrag #11 |

RE: Countdown
Rückschau: 11.11.1945

Präambel:

Im Zuge der friedlichen Stabilisierung Europas bis zum Abschluss eines Friedensvertrages zwischen der Union der sozialistischen Sowjetrepubliken, der Volksrepublik Polen, der Volksrepublik Rumänien, der Volksrepublik Slowakei, Volksrepublik Ungarn, der Volksrepublik Jugoslawien, der Volksrepublik Finnland und der Volksrepublik Bulgarien - im Folgenden Warschauer-Pakt-Staaten genannt -, sowie dem Vereinigten Königreich von Großbritannien und Nordirland, den Vereinigten Staaten von Amerika, der Französischen Republik, dem Deutschen Reich, dem Königreich Italien, sowie Nationalspanien, Portugal, Norwegen, der Republik Österreich, dem Königreich Belgien, dem Königreich der Niederlande, dem Fürstentum Luxemburg und der Republik Tschechien - im Folgenden NATO-Staaten genannt - gelten die nachfolgenden Bedingungen des Waffenstillstandsvertrages:

I.Abschnitt:
Artikel I:
Einstellung aller militärischen Operationen und sonstigen Truppenbewegungen auf den Territorien der gegnerischen Vertragsstaaten bis zum 11.11.1945, 23:59 Uhr mitteleuropäischer Zeit.

Artikel II:
Unter Truppen im Sinne dieses Vertrages sind sowohl Land-, als auch Luft- und Seestreitkräfte zu verstehen.

Artikel III:
Die Souveränität der NATO-Staaten sowie der Warschauer-Pakt-Staaten wird durch diesen Vertrag nicht berührt. Truppenneugliederungen, Truppenbewegungen im jeweiligen eigenen Gebiet der Vertragspartner nach dem in Artikel I genannten Datums sind nicht Gegenstand dieses Vertrages.

Artikel IV:
(1) Die Grenzen der Vertragspartner werden auf das Datum 31.12.1938 bezogen. Zu den Vertragspartnern zählt nicht die Deutsche Demokratische Republik, die rückwirkend zum 31.12.1941 als gegenstandslos betrachtet wird. Die Exilregierung, die in Moskau beheimatet ist, wird aufgelöst und der Vertretungsanspruch geht auf die Regierung des Deutschen Reichs über.
(2) Ausnahmen bezüglich der Grenzen sind im Folgenden: [...] c) die Demarkationslinie zwischen dem Deutschen Reich und Polen - im Folgenden Oder-Neiße-Linie genannt -, sowie d) zwischen der dem Deutschen Reich zugehörigen Sonderzone Ostpreußen, der UdSSR und der Volksrepublik Polen nach Anhang 4.


Artikel V:
Für Uranwaffen nach Anhang 3 gilt ein Betriebs- und Stationierungsverbot in einem fünfzig Kilometer breiten Streifen beiderseits der in Artikel IV festgelegte Grenzen zwischen den Warschauer-Pakt-Staaten und den NATO-Staaten.

Artikel VI:
Für die Sonderzone Ostpreußen, umfassend die Stadt Königsberg, die Kreise Braunsberg, Heiligenbeil, Preußisch-Eylau, Preußisch-Holland, Elbing und Samland, gelten nachfolgend zusätzliche Auflagen.
(1) Stationierung von mehr als drei Infanterieregimentern ist untersagt. Die Regierung des Deutschen Reichs legt diesbezüglich Stärke und Ausrüstung fest. Ferner obliegt es ihr, welcher Nation die Regimenter angehören.
(2) Stationierung von mehr als 50.000 Bruttoregistertonnen militärischen Schiffsraums ist untersagt. Ausnahmen sind kurzfristige Aufenthalte aufgrund von Ereignissen höherer Gewalt.
(3) Stationierung und Betrieb von Uranwaffen sind untersagt.
(4) Stationierung und Betrieb von militärischen Luftfahrzeugen gemäß Anhang 2 mitsamt des notwendigen Militärpersonals auf ostpreußischem Grund und Boden oder alternativ anderen Einrichtungen, die den Vertragspartnern unterstehen, sind untersagt. Zu militärischen Luftfahrzeugen im Sinne dieses Vertrages gelten insbesondere Bomber mit entsprechenden Vorrichtungen, welche Uranwaffen nach Anhang 3 transportieren können.


***

II. Akt: "Konter"

Dienstag, 11.07.1950
Königsberg-Mittelhufen, Medizinales Untersuchungsamt im ehemaligen Tiepolt'schen Waisenhaus


Ein weißes Zimmer, ein brauner Tisch. Auf der anderen Seite eine gläserner Schrank mit medizinischen Geräten, Flaschen, Spritzen.
Ein älterer Mann, fast 50, saß mit entblößtem Oberkörper auf einer ledernen Liege.
"Sind Sie sicher?", fragte er und seine Hände unruhig auf der Splittertarnhose. Daneben eine Jacke im gleichen Muster unter einem olivfarbenen Hemd.
"Natürlich bin ich mir sicher", meinte sie, verzog die Lippen und vergrub ihre rechte Hand in der Tasche der weißen Arztjacke. Über der rechten Brusttasche ein Namensschildchen mit dem Aufdruck 'Jäger'. "Warum sollte ich es nicht sein?"
Er schaute sie grimmig an, schwieg, als sie auf seinen Oberkörper zeigte.
"Sie müssten sich einmal im Spiegel anschauen", sagte sie. "Wissen Sie, wie oft Sie angeschossen wurden?"
"Das hat mich nicht zu interessieren."
"Ich kann es zählen." Sie schüttelte den Kopf. "Doch dafür bräuchte ich noch ein paar Finger mehr."
"Meine Güte, ein paar Narben, na und?"
"Die Röntgenergebnisse sind eindeutig."
"Neumodische Apparate ..."
Sie seufzte wieder und setzte sich halb auf die Tischkante. Der Kopf schaute erst auf die alten Fenster mit der verblichenen weißen Lackfarbe, dann wandte sie sich wieder an den Mann.
"Wie lange kennen wir uns jetzt?", fragte sie ihn.
"Neun Jahre."
"Und warum sind Sie hier?"
Er faltete die nervösen Hände und schwieg.
"Ich ... bin nicht gerne bei einem Arzt", murmelte er. "Aber Sie sind der einzige, dem ich vertraue."
"Gut. Sie vertrauen mir. Das können Sie auch, aber dann seien Sie in Gottes Namen nicht derart stur."
"Ich bin nicht stur!"
Sie griff hinter sich und zeigte ihm eine schwarz-weiße Röntgenaufnahme.
"Krieger, Lothar", sagte sie und tippte auf seinen Namen am oberen Rand. "Das sind Sie."
"Sehe ich."
Sie lächelte.
"Sehen Sie sonst noch was?"
Er rollte mit den Augen und ein 'Nein' lag ihm auf der Zunge - doch er schwieg, als sie mit dem Finger auf die Aufnahme tippte.
"Da wandern mindestens drei Metallsplitter durch ihren Körper, die wir hier zur Zeit nicht entfernen können!"
"Sie können doch gut mit Messern umge-"
"Ich rede von sehr scharfen Splittern, verdammt!"
Er winkte ab.
"Drei sind nicht die Welt."
"Wenn auch nur eine davon Ihr Herz zerfetzt", knurrte sie und beugte sich ein Stück vor, "werden Sie anders darüber denken."
Schweigend schauten sie sich an. Wie zwei Duellanten auf den wüsten Straßen einer Stadt im staubigen Westen Amerikas. Um kurz vor Zwölf.
"Wann kommt denn dieser ... Splitterentfernungsspezialist?", fragte er schließlich.
"Kommt darauf an, wann die Blockade aufgehoben wird."
Er nickte nur, zog sich das Hemd an und griff nach seiner Feldjacke, auf der die Schulterklappen eines Oberst zu sehen waren.
"Und bis dahin", knurrte sie, "bleiben Sie vom Status her 'Nicht verwendungsfähig'!"
Der Oberst hielt inne.
"Ich wiederhole mich nur ungern: Das können Sie nicht machen!" Der rechte Arm blieb im Ärmel stecken. "Ich bin schließlich Regimentskommandeur!"
Sie schüttelte demonstrativ den Kopf.
"Und wie ich das kann", sagte sie. "Als oberster Militärarzt des Wehrkreises I entbinde ich Sie von Ihrem Kommando und stelle Sie hiermit zur Verfügung. Alles weitere entscheidet dann der Admiral."
Die Stille blühte erneut auf, schwebte wie eine unsichtbare Wolke zwischen ihnen im Raum, während von draußen die Vögel den bewölkten Tag besangen.
"Lothar", sagte sie und in ihrem Ton schwang nun Wärme mit. "Ruhe und Schonung steht jetzt auf der Liste ganz oben."
Er antwortete nicht, knöpfte sich die Jacke zu und griff nach dem grünen Barrett mit dem goldenen Eichenlaub.
"Du bist nicht unverwundbar. Und es ist nicht für immer, versteh das doch."
Das Gesicht des Oberst nickte, dann erhob er sich.
"Danke", sagte er nur, ignorierte die ausgestreckte Hand und verließ das Arztzimmer.

***

Königsberg-Roßgarten, Kommandantur, Arbeitszimmer des Befehlshabers

"Ich habe hier die Auflistung der Verwaltung über die benötigten Mengen."
Pierre Davigon holte einen Stapel mit maschinengeschriebenen Blättern hervor, klopfte sie gerade und legte sie auf den Tisch. "Die Versorgungslage wird spätestens ab dem 13. kritisch. Kohle, Holz, Medikamente, Milch, Fleisch ..."
"Weiter!", drängte der Admiral, griff nach der Streichholzschachtel und zündete sich die Pfeife an, bevor er sich zur Wand umdrehte, an der die Karte der Provinz hing. "Sie haben sich alle infrage kommenden Plätze angeschaut?"
"Ja", sagte er und stellte sich neben den Admiral. "Leider ist das Ergebnis ernüchternd."
"Warum?"
Der Colonel nahm einen Kohlestift und zeichnete neben dem Wort Maraunenhof im Nordosten einen ovalen Kreis.
"Der alte Sportplatz des VfB", sagte er. "Bei den Rückzugsgefechten der Roten Armee erheblich in Mitleidenschaft gezogen."
"Planieren?"
"Non, der Platz ist abgesperrt. Es werden dort noch immer Minen und Fliegerbomben vermutet."
"Pierre, wir sind seit fünf Jahren hier. Wieso hat das noch niemand geräumt?"
Der Colonel zuckte mit den Achseln.
"Ich denke, da es den VfB sowieso nicht mehr gab ...", meinte er und ließ den Satz unvollendet.
"Gut - zum Nächsten."
Pierres Hand zeichnete einige Zentimeter tiefer einen weiteren Kreis.
"Der Fritz-Lange-Platz. Dort wurden die Autowracks und anderer militärischer Schrott abgestellt."
"Können wir nicht räumen - gut, weiter."
Ein dritter Kreis bei Rosenau tief im Süden der Stadt, unweit des Hauptbahnhofs entfernt.
"Aweider Allee beim Friedländer Tor", sagte der Colonel. "In den letzten Jahren versumpft."
"Verdammt nochmal", knurrte der Admiral und paffte kleine Kringel an die Decke. "Kurz und gut: die Sportplätze waren nicht meine beste Idee."
"Oui."
"Was ist mit den Freiflächen?", fragte der Admiral und zeigte auf die Universität 'Albertina' nahe des Paradeplatzes. "Die Bäume wurden in den letzten beiden Wintern verfeuert. Da wäre doch Platz?"
Pierre schüttelte den Kopf.
"Im Universitätsgebäude sind noch die Waisenkinder untergebracht - viel zu gefährlich."
"Die anderen Freiflächen in der Innenstadt?"
"Teilweise ebenfalls minenverseucht."
"Der Westen? Amalienau?" Der Admiral presste die Lippen zusammen. "Was ist mit den Hufen?"
"Diese Vororte wurden am wenigsten beschädigt, die Straßenzüge sind zu eng, desgleichen die möglichen Flächen."
"Das gibts doch nicht!", knurrte der Admiral. "Seit einer Woche bin ich hier - und schon so ein vertraktes Rätsel wie das der sieben Brücken!"
"Oui."
Schweigend senkte sich die Stille von der Decke. Dann starrte der Admiral auf die linke untere Ecke der Karte.
"Reichsstraße 1", las er. "Was ist damit?"
"Die Straßen sind zwar breit genug", antwortete der Colonel, "aber dort sind die Notunterkünfte der Flüchtlinge."
"Holsteiner Damm? Was ist damit?"
"Relativ gerade Strecke, käme für Punkt 2 in Betracht." Der Colonel tippte links darunter. "Eine bessere Alternative stellt das westliche Hafengebiet dar."
Der Admiral ließ die Pfeife im Mund und verschränkte die Arme.
"Meinen Sie?"
"Oui - dort ist die nötige Infrastruktur vorhanden", sagte der Colonel. "Eisenbahnschienen mit direkter Verbindung in die Innenstadt. Verladekräne, Gruppen- und Turmspeicher am Industriehafen. Allerdings ist dort auch ein Schuttgelände eingerichtet worden."
Der Admiral tippte nachdenklich auf einen Punkt neben den Hafenbecken.
"Gut. Dann eben Punkt 2. Wieviel brauchen wir?"
Der Colonel griff nach seiner Ledertasche und zog ein weiteres Blatt hervor.
"Ungefähr 2 bis 3.000", las er. "Wobei das schon knapp bemessen ist."
"Was hat Paris gefunkt?"
Davignon schüttelte den Kopf.
"90 Tage, mindestens."
"Fahren Sie nochmal zum Hafen. Fragen Sie von mir aus die Werftarbeiter von Schichau. Ich brauche genauere Informationen, Pierre."
Beide schauten sie schweigend auf die Karte, dann seufzte der Colonel.
"Das ist verrückt!"
Der Admiral nickte.
"Deshalb wird es funktionieren."

***

Königsberg-Mittelhufen, Medizinales Untersuchungsamt im ehemaligen Tiepolt'schen Waisenhaus

Die Wolken hatten sich am Himmel zusammengebraut und die Sonne ausgesperrt. Ein kühler Luftzug brauste heran, wurde stärker und fegte über ein unberührtes Villenviertel nahe Amalienau hinweg. Große Parzellen mit exquisiten Häusern im Schatten wuchtiger Bäume. Viele Villen waren unbeschädigt aus dem Krieg hervorgegangen, nur wenige fristeten ihr neues Dasein als ausgebrannte Ruine. Eines der unbeschädigten Anwesen war das alte backsteinfarbene Gebäude aus der Kaiserzeit, aus dessen Eingang der Oberst trat. Er setzte sich das grüne Barrett auf, bevor er mit missmutigem Blick die drei Stufen herunterschritt. Rings um das Gebäude herum war ein hoher alter Stahlzaun mit Spitzen, der die blühenden Bäume von der Straße mit dem Kopfsteinpflaster abgrenzte.
Er eilte durch das Tor zum wartenden Geländewagen. Die ersten zaghaften Regentropfen tropften von oben herab, zerplatzten und blieben fassungslos liegen.
"Nicht verwendungsfähig", murmelte er, öffnete die Beifahrertür und schwang sich in den Wagen.
Vom Fahrersitz schaute ihn ein dunkelhäutiges Gesicht aus einer Uniform mit dem Dienstgradabzeichen eines Majors fragend an.
"Zur Kommandantur", knurrte der Oberst und warf die Tür zu.
Der Fahrer zog eine Augenbraue fragend hoch und startete den Motor.
"War nicht gut?"
"Frag nicht, Joseph" Lothar seufzte. "Fahr einfach los."

Der Wagen bog auf die Luisenallee mit den typischen Bauten von Mittelhufen. Weniger ein Villenviertel wie Amalienau weiter westlich, eher für die Arbeiterschaft in den Jahren nach dem Großen Krieg erbaut. Langgezogene mehrstöckige Häuserreihen mit dunklen Steinfassaden, schmucklosen Türbögen, ehemals weißen Fensterrahmen. Abgesehen von einigen Löchern in manchen Dächern nahezu unbeschädigt geblieben. Fast ausnahmslos erstreckten sie sich von Nord nach Süd auf den geraden Alleen, die zwischen den geschwungenen alten Ausfallstraßen der Innenstadt erbaut worden waren. Die älteren Bauten aus den frühen 20er Jahren hatten noch den Hauch von Verzierungen über den Eingangstüren, oder kleinen Plattformen an den Ecken im ersten Stock, auf denen steinerne Schutzfiguren in Form von Engeln oder des Heiligen Michaels standen.
Die jüngeren Häuserreihen zeigten den nüchternen Stil der 30er Jahre. Schmucklose glatte Fassaden, farblos in grau gehalten.

Sie fuhren von der alten Straße auf die Hufenallee nach Osten. Breite Fahrbahnen, vor einigen Jahren erst glatt asphaltiert, doch der Krieg hatte hier deutlich seine Spuren hinterlassen - trotz Geländefähigkeit rumpelte der Wagen über die notdürftig geflickte Straßendecke. Neben den Bürgersteigen Schienen, auf denen sich eine alte ramponierte Straßenbahn ebenfalls ihren Weg nach Osten erkämpfte. Kleine Funken blitzten immer dann auf, wenn die eingerosteten Strombügel den Kontakt zu den Oberleitungen verloren. An den Seitenwänden der Bahn geisterhafte Umrisse eines roten Sterns, den man nur schwer entfernen konnte.
Der Geländewagen holperte weiter durch den Regentag über die marode Fahrbahn. Kleine und große Krater, Artillerie und Bomben aus dem Himmel - beides nur spärlich mit Schutt zugeschüttet. Zu beiden Seiten Ruinen alter Häuser aus den 20er Jahren, zerschossen, ausgebrannt, unter Schutt und Trümmern begraben. Dachstühle existierten nicht mehr, die Fassaden glichen löchrigen toten Gesichtern - und dort, wo einst Fenster waren, gähnte das Nichts hindurch. An den Häusern, die weniger Schaden genommen hatten, hingen zwischen verbretterten Fenstern Laken mit der Aufschrift:
Notunterkunft des Internationalen Roten Kreuzes.
Der Oberst schüttelte den Kopf und nickte zu den Hauseingängen, wo sich Menschen in alten bunt zusammen gewürfelten Kleidern tummelten, die vor nicht allzu langer Zeit einem anderen Standard entsprachen. Mehr Frauen als Männer.
"Nicht mehr lang und sie werden wieder mit schwerem Werkzeug und Schubkarren bewaffnet die Trümmer wegräumen", murmelte er. "Wie jeden Tag. Seit Jahren. Eine Sisyphusarbeit."
Leblose verregnete Straßen, nur ab und zu kamen ihnen Militärlaster der Italiener, die in Amalienau ihr Lager hatten. Man grüßte sich im Vorbeifahren, dann war man wieder allein mit sich. Und den ruinierten Straßenzügen.
"Wenn Du weiter schweigst, könnte man Dich für tot halten", sagte der Major und schmunzelte.
"Das ist nicht witzig, Joseph."
"Dir würde ein Anflug von Humor durchaus nicht schaden."
Der Mundwinkel des Oberst verzog sich unnatürlich nach oben.
"Ein toller Witz!" Das künstliche Lächeln erstarrte. "Ganz toll!", zischte er zwischen Zähnen hervor.
Der Major rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf.
"Meine Güte, was ist nur los?"
"Was los ist?", murmelte der Oberst und zeigte auf die ruinierten Reihenhäuser. "Die Stadt ist tot - und doch wird sie wieder aufgebaut." Er schnaufte. "Ich dagegen lebe - und werde totgeschrieben!"
Der Major schaute ihn überrascht von der Seite an.
"Wieso denn das?", fragte er. "Du wolltest doch unbedingt ins U-Amt, obwohl die dort nur für den Westen der Stadt zuständig sind."
"Ich wollte nicht - ich musste", schnaufte Lothar. "Nur dort sind diese neumodischen Röntgengeräte. Und Frau Jäger hat darauf bestanden."
"Und wieso 'totgeschrieben'?"
"Du hast mich wohl zu oft gerettet, Joseph."
"Ich verstehe Dich nicht." Der Major schaute verwirrt zum Beifahrer. "Wie kann man jemanden zu oft retten?"
"Kleine Metallsplitter", antwortete der Oberst, hielt Daumen und Zeigefinger hoch - nur wenige Zentimeter auseinander. "Ganz klein, für das menschliche Auge kaum sichtbar."
"Und?"
Der Oberst zuckte mit den Schultern.
"Ohne Dich wäre ich vielleicht zu oft gestorben", meinte er. "Aber dann hätte ich jetzt nicht das Problem."

***

Königsberg-Maraunenhof, Bismarck-Platz

Ein alter Mann saß in seinem Wohnzimmer, während der Regen unaufhörlich an die Scheibe tropfte. Daneben eine vernarbte Pendeluhr, die mit ihren gleichbleibenden Schlägen die Stille im Zaum hielt.
Die Beine unter einer karierten alten Decke verborgen, neben sich auf einem kleinen Tischchen eine dampfende Tasse Kaffee. Nachdenklich schaute er durch das Zimmer, während seine rechte Hand monoton mit dem Löffel die Milch verrührte.
Die Wände hatten größtenteils noch die alte Tapete behalten, nur an einigen Stellen neben dem Sofa konnte man die Zeitungen darunter erkennen. Dämmschutz für die Wärme, die der knisternde Kamin hinter ihm versprühte.
Geöffnete Kisten und Säcke tummelten sich auf dem ausgeblichenen Teppich. Gerahmte schwarz-weiße Bilder lagen neben Nägeln und einem Hammer quer verstreut auf dem wuchtigen Tisch. Alt, einige noch verstaubt, andere hatten einen Sprung im Glas. Mannschaftsbilder von Männern in dünnen Leibchen und kurzen Hosen. Nebeneinander beim Posieren vor dem Zeitungsphotographen, oder mit einem Ball auf ein Tor zu jagend.
Er schaute auf die Wand, an der erst ein Bild hang. Mittig, schwarz-weiß, mit dem Konterfei eines ebenfalls in die Jahre gekommenen Mannes.
"Hans", flüsterte er, suchte mit den müden Augen über den Tisch und fand ein dunkles Buch mit vergilbten Seiten und grünen Druckbuchstaben: '25jähriges Jubiläum des Vereins für Bewegungsspiele Königsberg'.
Jemand klopfte von draußen an die Haustür und riss ihn aus seinen Gedanken.
Er schlug die Decke zur Seite und erhob sich langsam. Die alten Dielenbretter knarrten unter seinen Schritten, als er in den Flur ging und sich der Tür näherte. Nur ein Schemen war durch das matte Glas zu erkennen.
Er entfernte die Sicherheitskette und öffnete die Tür.
Der Wind stürmte brüsk herein und brachte die ungewohnte Sommerkälte mit.
Eine junge Frau mit langem dunklen Haar. Ein Mantel über einem langen Kleid. Im Hintergrund wartete eine schwarze Limousine mit laufendem Motor. Breiter Kühlergrill, auf der Nase der Motorhaube die rot-weiße Windrose der Eisenacher Motorenwerke.
"Herr Erwin Amann?", fragte die Frau, während der Regen an ihrem Schirm herabtropfte.
"Ja?"
"Ich bin Liebtraud Ertiné. Ich komme von der Kommandantur."
Verwundert starrte der alte Mann die junge Frau an.
"Der Kommandantur?"
Sie nickte zum Wagen.
"Admiral Rheinhardt würde Sie gerne sprechen."

***


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Beitrag #12 |

RE: Countdown
Königsberg-Mittelhufen, Östliches Ende der Hufenallee

Der Regen nahm zu, kleine Pfützen bildeten sich, flossen über gebrochene Kanten der Bürgersteige in die Gossen und verschwanden in der Unterwelt.
Am Ende der Hufenallee auf einem freien Platz auf der rechten Seite reckte sich das in Sicherheit gebrachte Yorck-Denkmal in die Höhe, dahinter konnte man die Nordtribüne und den hohen Turm der überdachten Südtribüne des Walter-Simon-Stadions erkennen. Nasse Flaggen mit einem Fußball und der Aufschrift 'WM '50' hingen über den leeren Plätzen müde herab.
"Deswegen fahren wir zur Kommandantur?", fragte der Major. "Sie hat Dich also zur Verfügung gestellt?"
Der Oberst stöhnte.
"Ausrangiert trifft es besser."
"Und wie lange?"
Links im Regen sahen sie die angeschlagene Fassade des Neuen Schauspielhauses. Das eingestürzte Dach war provisorisch mit Holzbrettern abgedeckt worden, an der Front zur Straße waren noch Einschusslöcher aller Kleinkaliber zu sehen, die massiven Säulen am Eingang standen noch. Um das Gebäude herum standen hohe Handwerksgerüste und schwere Baugeräte. Eifrige Arbeiter eilten über das Gelände, ein Vorarbeiter hielt eine Karte in den Händen und besprach sich mit seinen Untergebenen. Der Wiederaufbau hatte begonnen.
"Bis dieser Quacksalber von Spezialist aus Heidelberg kommt."
Der Major machte große Augen und nickte bedächtig, als mit den Straßenbahnschienen nach links zum Nordbahnhof abbog.
"Das kann dauern", meinte er und zeigte auf die mit Flüchtlingen überfüllte Eingangshalle des Bahnhofs. "Hier kommt niemand mehr raus - oder rein."
Mehr Frauen, als Männer. Mehr Mädchen als Jungen. Mehr alte als junge Menschen.
Zusammengewürfelte Kleider, lange Sommerröcke, abgelaufene Halbschuhe, alte übergeworfene Heeresmäntel, die die Bediensteten der Reichsbahn verteilt hatten.
Die eingefallenen Gesichter blieben ausdruckslos, der Geist noch gefangen im entronnenen Alptraum. Die Haut von Wind und Wetter gegerbt, die Haare vom Leben ergraut, die Brillengläser durch die Flucht zersprungen. Die Mundwinkel nach unten gezogen, die Mienen apathisch, die Augen starrten auf verschiedene Punkte und bohrten sich in die nahe Vergangenheit zurück.
"Als ob Königsberg das gelobte Land wäre", fluchte der Oberst. "Dabei nagt die Stadt selbst am Hungertuch."
"Immer noch besser als drüben in den Gulags, Lothar."
Die letzten Habseligkeiten lagen ordentlich nebeneinander auf dem Boden. Gebrechliche alte Frauen saßen auf ihren verschnürten Körben, den Kopf in den Händen versunken. Trockene Tränen, die niemand sehen sollte.
Kleine Mädchen mit zu großen karierten Herrenhemden saßen im Schneidersitz zwischen zerschlissenen Reisekoffern und dicken Seesäcken auf dem kalten Boden und spielten gedankenverloren mit ihren Zöpfen. Daneben prall gefüllte Decken, an den Enden verschnürt. Dreckige Kleidersäcke, in Packpapier verschnürte Gemälde. Kinderwagen, in denen nicht nur die Kleinen lagen, sondern auch Fotoalben und gerahmte schwarz-weiße Familienbilder. Verstorben, verloren, vermisst.
Krankenschwestern gingen durch die Reihen, reichten Zellstofftücher, sprachen leisen Trost, berührten die Schultern und liehen jeder leidenden Seele ihr Ohr.
Der Oberst schaute am Elend des Bahnhofsgebäudes vorbei nach rechts, wo sich das Gelände der eingefallenen Ostmesse auf dem alten westlichen Festungsring anschloss.
"Die Stadt war eine Falle", sagte er und zeigte auf die Überreste der Messehallen, die sich nach Norden erstreckten. "Jetzt sitzen wir in einem Käfig und gehen langsam vor die Hunde."
"Anstatt nur die schlechten Seiten zu sehen, solltest Du es mal mit den besseren probieren", sagte der Major und nickte mit dem Kopf zur rechten Seite. Dort standen die intakten Gebäude der Stadtverwaltung und des Postscheckamtes. Geöffnete Fenster, Stimmengewirr. Und Menschen auf allen Stockwerken.
"Ich bin kein Optimist. Eher Realist."
"Du bist enttäuscht, das ist alles."
"Ich war noch nie ... nicht verwendungsfähig", knurrte der Oberst. "Meine Güte, ich bin noch nicht einmal 50!"
"Aber nur noch für ein paar Monate, Lothar."
"Vielen Dank auch."
Der Wallring kreuzte ihre Fahrbahn, am Straßenrand die alten schwarz-weißen Verkehrsschilder mit den jeweiligen Richtungen. Zwei hintereinander nach links abbiegende Pfeile, daneben stand in schwarzen Druckbuchstaben 'Maraunenhof', 'Rothenstein' und 'Devau'. Nach rechts führte ein Pfeil zur alten Reichsstraße 1 mit den Zusätzen 'Reichsbahnbrücke' und 'Hauptbahnhof'.
"Dafür wirst Du endlich ein bisschen Zeit für Annemarie und Hendrik haben." Der Major klopfte ihm auf die Schulter und zeigte auf die sich teilenden Straßenbahnschienen - die einen folgten dem Weg links nach Maraunenhof, die anderen führten direkt in die Altstadt hinein. "Das Leben geht nicht immer genau geradeaus - manchmal biegt es vorher ab."
"Eher das Schicksal, Joseph."
Die Ausläufer der Ruinen des Universitätsinstitutes schimmerten durch die trächtigen Bäume von der anderen Seite herüber, doch dreifach übereinander liegende Stacheldrahtrollen zogen sich quer über den beginnenden Steindamm mit den Straßenbahnschienen und sperrten den weiteren Verlauf. Dahinter hingen die Oberleitungen der Straßenbahn noch immer zerfetzt nach unten. Auf einem verblichenen Hinweisschild stand in großen Buchstaben:
'Achtung: Minenverseuchtes Gebiet. Lebensgefahr! Umleitung über Wrangelstraße, Tragheimer Kirchstraße!'
Der Oberst schüttelte den Kopf.
"Über die Hälfte der Stadt sind noch immer unzugänglich, selbst jetzt noch, wo die hochgejubelte Fußballweltmeisterschaft stattfindet."
"Das hattest Du schon auf dem Hinweg angemerkt, Lothar."
"Manchmal habe ich den Eindruck, ich wäre mehr mit Dir verheiratet, als mit Annemarie."
Der Major lachte.
"Ja, seit 1914."
"Witzbold."

***

Königsberg-Roßgarten, Kommandantur, Arbeitszimmer des Befehlshabers

"Ich teile Ihnen hiermit mit", sagte der sowjetische Botschafter und setzte sich mit einem Ächzen, "dass sich die Mannschaft der UdSSR morgen an der Grenzübergangsstelle Taubenwalde nach Chrabovas begeben, und von dort über Moskau nach Berlin fliegen wird."
Der Admiral lehnte sich in seinem Sessel zurück und paffte kleine Kringel zur Decke.
"Chabrovas? Sie meinen Powunden."
"Diesen Namen gibt es nicht mehr, Herr Admiral."
"Bei mir schon, Herr Borodinow", brummte er und nickte zur Wandkarte. "Und warum wollen Sie überhaupt abreisen?"
"Warum wir ...?" Der Botschafter lächelte. "Sehen Sie hier eine deutsche Nationalmannschaft, die gegen die Mannschaft der UdSSR antreten könnte?"
"Sie könnten sie aber auf dem umgekehrten Wege hierher bringen, Herr Botschafter."
"Das wird Moskau definitiv nicht zulassen, Herr Admiral. Von daher denke ich, wird es das Beste sein, wenn die sowjetische Mannschaft sich aus der Stadt verabschiedet."
"Dann mache ich Sie darauf aufmerksam, dass das Spiel definitiv stattfinden wird", knurrte der Admiral und nahm die Pfeife aus dem Mund. "Tee? Kaffee?"
"Was?"
"Meine Sekretärin ist zur Zeit nicht da", meinte der Admiral und machte eine entschuldigende Geste. "Ohne Sie vergesse ich manchmal die höflichen Gepflogenheiten."
Der Botschafter runzelte verblüfft die Stirn.
"Danke, aber nein", sagte er, dann beugte er sich ein Stück vor. "Sie wollen das Spiel nicht absagen?"
"Warum sollten wir?", fragte der Admiral. "Damit der UdSSR der Sieg durch Nichtteilnahme zugesprochen werden könnte?"
"Die Stadt ist abgeriegelt!"
"Das ist mir bekannt."
"Wie soll denn Ihre Nationalmannschaft bitte schön hierher kommen?"
Der Admiral griff wieder nach seiner Pfeife und lehnte sich zurück.
"Der Kader der Nationalmannschaft besteht aus mehr, als nur den elf Feldspielern auf dem Platz."
"Aber auch der restliche Kader ist nicht hier!"
Der Admiral öffnete eine der Schubladen unter dem Tisch und holte ein maschinengeschriebenes Blatt heraus.
"Gestern Abend habe ich vom Reichspräsidenten persönlich die Anweisung bekommen, eine zweite Mannschaft für den 13.Juli aufzustellen", sagte er und hielt dem Botschafter das Blatt hin. "Hier - schauen Sie."
"Nicht nötig", meinte Borodinow und winkte ab. "Eine zweite Mannschaft? Mit welchen Leuten, wenn ich fragen darf? Die einzigen Fußballspieler hier gehören zur Mannschaft der UdSSR!"
"Lassen Sie das meine Sorge sein."
Die beiden Männer schwiegen, während der ewige Regen weiterhin gegen die Fenster prasselte.
"Es müssen deutsche Spieler sein", meinte Borodinow schließlich, "die auch einem deutschen Verein angehören!"
"Ich sagte doch schon, lassen Sie das meine Sorge sein."
"Hier gibt es keinen Fußballverein!"
Der Admiral kniff das Auge zusammen.
"Haben Sie etwa Angst?"
"Angst? Ich?"
"Ja, Sie!"
"Wieso sollte ich?"
Weitere Kringel wurden schmatzend in die Luft geboren.
"Weil selbst die Prawda nur Hohn und Spott für Sie übrig haben wird, wenn die Mannschaft mit einem derart leicht errungenen Sieg zum Finale nach Berlin kommt."

***

Königsberg-Altstadt, Steindamm Ecke Wrangelstraße

Sie bogen vor dem Institut erst nach links ab, dann bei der nächsten Gelegenheit rechts auf die Tragheimer Kirchstraße. Die Ruinen des Physikalischen Institutes auf der rechten Seite reckten ihre toten Gerippe gen Himmel, die Trümmer lagen noch immer verstreut zwischen den Bäumen. Leblos, ausgestorben und stellenweise überwuchert. Doch je näher sie der Innenstadt kamen, desto mehr schwand der Anblick. Die einst geschlossene altstädtische Fassade mit ihren Verzierungen wies vielerorts Lücken durch bereits abgetragene Gebäude auf. Manche Häuser waren teilweise nur notdürftig repariert worden - doch boten in der Stadt, in der Wohnungsnot herrschte, vielen Obchachlosen ein Zuhause.
"Sie haben es noch gut getroffen", meinte der Major mit Blick auf die belebten Häuser. "Hier teilen sich selbst Flüchtlingsfamilien eine kleine Wohnung - auch wenn die Betten nicht kalt werden."
Sie fuhren an freien Flächen vorbei, auf denen der Schutt aufgeschüttet worden war. Auf einem der kleineren Sportplätze lagerten die größeren Betonbrocken, wo sie von schwitzende Männer und Frauen bearbeitet wurden.
"Gut?" Der Oberst hob seine rechte Augenbraue. "Eine fragile Normalität, trotzdem müssen sich die Leute jeden Tag erneut durchs Leben kämpfen."
"Du solltest wirklich mehr die anderen Seiten sehen."
"Abgefüllte Milchkannen, abgezähltes Brot - nur mit Lebensmittelkarten zu ergattern, streng rationiert."
"Solange sie etwas tun ..."
"Außer der ständigen Suche nach der Antwort auf den hungrigen Magen?"
"Ich meinte die Beseitigung der Schäden", knurrte der Major und hielt nacheinander die Finger seiner rechten Hand hoch. "Zweitens die Sprengung wohnuntauglicher Gebäude, drittens der Neubau von Hochhäusern oder viertens die Urbarmachung der Lomse - reicht das?"
"Drainagen, Entwässerungskanäle!" Der Oberst lachte. "Selbst unser Lager ist dort fehl am Platze, Joseph."
Stille senkte sich von oben herab, als das Schloss aus dem Schatten der Altstädtischen Kirche auftauchte, der Platz davor gehörte den alten Straßenbahnen und ihren Passagieren. Das Denkmal des Reichsgründers war verschwunden, während der Besatzungszeit stand dort das Abbild von Ernst Thälmann - das nach Waffenstillstand durch die Alliierten entfernt worden war.
"Wann hatten wir in den letzten Jahren einen Moment zum Durchatmen?", fragte der Major schließlich.
Der Oberst kratzte sich am Kinn und überlegte.
"Hm", meinte er. "Vor der Landung in diesem verwüsteten Land?"
Der Major nickte, während Lothar im Kopf die letzten Jahre durchschaute.
"1943 verdeckte Operationen von England aus in Norwegen, Dänemark, den Niederlanden. Danach waren wir ab 1944 mit den Jägern unterwegs, ungefähr bis Januar '45 ..., und dann wurden wir abgestellt für die Landung in Pillau." Der Oberst seufzte. "Ja, und seitdem sind wir hier. Fünf Jahre!"
"Merkst Du was?"
"Nein, ich fühle mich hervorragend."
Der Major rollte mit den Augen, als sie an der Nordseite des Schlosses vorbeifuhren. Die Wehrmauern wirkten unversehrt, doch der Schein trog. Die flankierenden Rundtürme an der Westseite hatten ihre spitzen Dächer eingebüßt, der hohe kantige Glockenturm mit der Uhr wies große Einschusslöcher auf.
"Du bist wie das Schloss", knurrte der Major. "Ramponiert und gezeichnet - aber intakt."
"Nur wer bereits im Innenhof gewesen war, weiß, dass das Phosphor der letzten sowjetischen Bombardierungen sich durch das Innere des Schlosses gefressen und nichts übrig gelassen hat."
"Lothar, verdammt!"
"Ich bin ja schon ruhig."
Links lag der Schlossteich mit der nach Norden hinziehenden Strandpromenade.
Im Sommer ein Ort der Ruhe, im Winter eigentlich hervorragend geeignet für begeisterte Schlittschuhläufer, dachte der Oberst. Ich habe nur noch nie welche gesehen!
"Was hast Du gesagt?"
"Vielleicht hast Du Recht", flüsterte Lothar schließlich. "Ich könnte den angesammelten Urlaub endlich in Angriff nehmen."
Sie fuhren weiter auf dem Vorderroßgarten am Schlossteich entlang nach Norden, auf der linken Seite die ausgebrannte Stadthalle, danach das Krankenhaus der Barmherzigkeit, welches als eines der ersten Krankenhäuser wieder instand gesetzt worden war.
"Annemarie und Hendrik werden es Dir danken, glaub mir." Der Major wirkte erleichtert. "Vielleicht kann Sie ja auch ein paar Tage freinehmen."
Ein dunkelbrauner Block tauchte vor ihnen auf. Ein altes Gebäude mit einem Flachdach, die beiden Eingänge links und rechts an der Straßenseite standen hervor, wie halb herausgezogene Bücher in einem Regal.
"Wie auch immer", sagte der Oberst und schmunzelte. "Wenn ich im Erholungsurlaub bin, kann mich wenigstens niemand 'nicht verwendungsfähig' schreiben!"

***

Königsberg-Roßgarten, Kommandantur, Arbeitszimmer des Befehlshabers

"Auch ein geschenkter Sieg ist ein Sieg", meinte Borodinow,
"Ich hatte heute morgen ein erstaunliches Gespräch", sagte der Admiral und ignorierte den letzten Satz, "mit dem schweizer Botschafter, der hier für die FIFA zuständig ist."
Borodinow zog eine Augenbraue fragend hoch.
"Inwiefern erstaunlich?"
"Er meinte, dass die FIFA den Fall durchaus auch anders sehen könnte."
"Anders?"
Der Admiral nickte.
"Eine Mannschaft könnte spielberechtigt bleiben, wenn sie durch ein höheres Ereignis an der Spielteilnahme verhindert ist - dieser Fall liegt hier vor", sagte Rheinhardt und legte die Pfeife auf den Tisch. "Nicht spielberechtigt wäre eine Mannschaft, die den Spielbeginn verweigert - obwohl sie vor Ort ist und teilnehmen könnte. Somit würde das Spiel für die deutsche Nationalmannschaft gewertet werden."
"Das klingt arg konstruiert!"
"Nein - die Mannschaft der UdSSR würde damit als disqualifiziert gelten, auch im Hinblick auf die kommende WM in der Schweiz."
Borodinows Gesicht wurde erst kreidebleich, dann zornig rot.
"Und mit diesem Ergebnis", fragte der Admiral, "wollen Sie dem Genossen Beria unter die Augen treten?"
Der Botschafter beugte sich ein Stück vor.
"Wissen Sie was, Genosse Admiral?", zischte er. "Im Grunde ist mir das Bild, das sie hier alle abgeben mehr wert, als eine negative Schlagzeile in der Prawda."
"Was meinen Sie?"
"Der kapitalistische Westen muss tatenlos zusehen, wie die Bevölkerung verhungert. Soviele Soldaten in und um Königsberg. Italiener, Deutsche und Namibier. Am Ende wird es sich bewahrheiten, dass man Waffen nicht essen kann, Admiral Rheinhardt!"
"War das ein Angebot, uns zu helfen?"
"Beileibe nicht."
"Dachte ich mir. Denn sie würden es sowieso nicht schaffen, Hilfe zu leisten."
Der Botschafter sprang vom Stuhl hoch.
"Wie kommen Sie auf diesen absurden Gedanken?", rief er. "Das sowjetische Volk ist das leistungsfähigste der Welt!"
Der Admiral drehte die Pfeife um und klopfte den verbrannten Tabakrest im Ascheneimer aus.
"Im Führen von Kriegen vielleicht", meinte er. "Aber schauen Sie sich doch die Flüchtlinge am Nordbahnhof an, die illegal über die Demarkationslinie kommen. Das machen sie bestimmt nicht, weil sie der paradiesischen Zustände überdrüssig geworden sind."
"Was-erlauben-sie-sich?" Die Finger des Botschafters zielten drohend auf Rheinhardts Kopf. "Die armen verwirrten Menschen sind aufgrund ihrer Propaganda fehlgeleitet worden. Als ob der Westen das gelobte Land wäre!"
"Hier sind die Menschen frei, Botschafter."
Borodinow lachte.
"Frei. Sie müssten sich hören, Admiral. Ja, seien Sie so frei und versuchen sie doch mal in ihre zerstörte Heimat zu kommen! Das können Sie nicht. Der klägliche Rest von Ostpreußen ist abgeriegelt. Und sie hier - allesamt - nur Waisen, die gerade ihre Eltern verloren haben."
Borodinow stützte sich mit den Armen auf dem Tisch ab und funkelte den Admiral an.
"Spätestens nach dem Abpfiff des Spiels werden Sie uns anflehen, dass das sowjetische Volk eine Hungerkatastrophe abwenden möge."
Der Admiral legte die Pfeife seelenruhig wieder auf den Tisch und lehnte sich entspannt zurück.
"Das werde ich bestimmt nicht tun."
"Ich gebe Ihnen Recht, Admiral. Sie werden es nicht tun, weil Sie noch damit beschäftigt sein werden, Ihre Tränen aufgrund der Niederlage gegen die Mannschaft des großen Volkes der Sowjetunion zu trocknen."
"Wir werden auch nicht verlieren, Botschafter. Todsicher."
Borodinow erhob sich und winkte ab.
"Und selbst wenn Sie gewinnen, würden sie doch verhungern."
"Lassen Sie das meine Sorge sein."
Der Botschafter griff nach seinem Hut an der Garderobe.
"Sie brauchen auch noch einen Trainer, Admiral."
"Das ist das kleinste Problem, Botschafter."
"Finden Sie?"
Admiral Rheinhardt nickte und zeigte zur Tür.
"Ich könnte den Erstbesten nehmen, der hier reinkommt."

***


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Beitrag #13 |

RE: Countdown
Königsberg-Roßgarten, Kommandantur Wehrkreis I, Hinterroßgartenstraße

Der Major hatte den Wagen auf der gegenüberliegenden Seite geparkt.
"Vielleicht sollte ich meinen Urlaub dann auch abbauen", meinte er, drehte den Zündschlüssel in die Ausgangsposition zurück und der Motor erstarb. "Schließlich bringt es nicht viel, wenn derjenige, den ich beschützen soll, nicht in meiner Nähe ist."
Der Oberst öffnete die Beifahrertür und stieg aus.
"Beschützen", äffte er den Tonfall des Majors nach. "Du solltest endlich Dein eigenes Leben leben."
Sie überquerten die leblose Straße und näherten sich dem linken Eingang der Kommandantur, vor dem ein Wachposten stand. Olivgrüne Uniform, am den Oberärmeln eine Miniaturausgabe der italienischen Farben Grün, Weiß und Rot. Der Blick mürrisch, die Arme hinter dem Rücken verschränkt, während die Pistole friedlich im Holster an der Koppel steckte.
"So gesehen bist Du mein Leben!", flüsterte der Major. Die beiden Offiziere hielten dem Wachposten ihre Truppenausweise hin. Schwarz-weißes Lichtbild, Name, Dienstgrad - er nickte und ließ sie passieren.
"Joseph", flüsterte der Oberst, während sie am kleinen Fenster des wachhabenden Unteroffiziers vorbeigingen, "Hast Du keine Sehnsucht nach Hause?"
"Ich bin schon zu lange hier, ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie ein heißer Sommer sich in Gideon anfühlt. Oder der Wind des Meeres in Lüderitz."
"Dann frisch Deine Erinnerungen auf, verdammt. Oder besuche Deinen Bruder, der freut sich bestimmt. Außerdem ist der Krieg lange vorbei - was soll mir jetzt noch Großartiges passieren?"
"Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben."
"Du suchst nur nach Ausreden!"
"Ohne mich wärst Du nicht hier - hast Du vorhin selbst gesagt."
"Ja - und was hast Du dafür verpasst? Anstelle von Leid und Elend hättest Du eine Familie gründen können, hättest sehen können, wie Deine Kinder aufwachsen und die Erinnerung an Dich hinaus in die Zukunft tragen - und so bleibt ..." Er ließ den Satz unvollendet, als sie am Ende des Ganges vor einer schweren Holztür stehen blieben.
Er klopfte, doch nichts war zu hören. Eine Sekunde, zwei, drei - dann öffnete er die Tür und trat ins Vorzimmer des Kommandanten ein.
Links die Fenster zur Straße, vor Kopf der Schreibtisch der Sekretärin.
"Hallo?" Er trat verwundert ein. "Frau Ertiné?"
Ein dicker Teppich. Auf dem Tisch stapelten sich diverse Akten, auseinander gebaute Radios, technische Pläne und mehrere Pläne, auf denen häuptsächlich ein großes X zu sehen war. Daneben der Telephonhörer, der nur halb auf der Gabel lag, dahinter ein lederner Drehstuhl - zur Seite geschwungen, als wäre die Sekretärin aufgesprungen und davon gerannt. An der Garderobe neben dem Fenster hing kein Mantel, kein Hut, kein Schal.
"Na gut", meinte der Oberst. "Keine Sekretärin, keine Anmeldung, keine Meldung beim Admiral."
Er drehte sich erleichtert um und wollte das Vorzimmer wieder verlassen, doch der Major drückte ihn zurück.
"Nichts da", meinte er. "Die Jäger hat bestimmt schon angerufen!"
Er näherte sich der Tür zum Arbeitszimmer und horchte einen Moment. Eine gedämpfte Stimme war zu hören. Mal aufgewühlt und aggressiv, mal ruhiger. Erst Stille, dann donnerte ein 'Herein!' durch die Tür.
"Dann mal los", meinte der Major und drückte die Klinke herunter.

Der Admiral war nicht allein. Vor dem Schreibtisch stand ein etwas fülligerer Mann, den Stuhl zur Seite geschoben. In der Hand einen Hut, der Kopf noch zornig rot angelaufen. Er drehte sich verwundert zu den beiden Neuankömmlingen um und musterte sie von oben bis unten.
"Da bin ich ja mal gespannt", sagte er zum Admiral, griff nach seinem Hut und drängte sich mit einem 'Do svidaniya' an den beiden Offizieren vorbei.

"Oberst Krieger und Major Koper", rief der Admiral. "Sie kommen mir gerade recht" Er schaute Lothar scharf an. "Frau Oberstarzt Jäger vom Medizinalen Untersuchungsamt in Mittelhufen hatte mich vorhin angerufen."
Die Miene des Oberst versteinerte sich, als der Admiral fortfuhr.
"So, wie es aussieht, sind Sie bis auf weiteres nicht länger diensttauglich."
"Ich bitte darum, meinen angesammelten Erholungsurlaub der letzten Jahre abbauen zu dürfen."
Der Major nickte.
"Ich schließe mich dem an", meinte er.
Der Admiral musterte mit seinem Auge die beiden Offiziere nacheinander. Ein Finger tippte nachdenklich auf dem Tisch. Schließlich schüttelte er den Kopf.
"Nun meine Herren, sie werden es sicherlich verstehen, dass ich nicht sowohl den Kommandeur eines Regiments, als auch dessen Stellvertreter zusammen beurlauben kann - oder?"
"Bei allem Respekt, Admiral", rief Oberst Krieger. "Das wäre der erste Urlaub seit 1944!"
"Das kann ich sie ja gleich pensionieren. Nein, das geht nicht."
Der Major trat einen Schritt vor.
"Aber Herr Admiral, ..."
"Ich weiß um Ihre Befehle, Major", sagte der Admiral und erhob sich. "Oberst Lothar Krieger, ich entbinde Sie hiermit bis auf Weiteres von Ihrem Kommando als Kommandeur des Jägerregiments 54."
Schweigen.
"Gleichzeitig ernenne ich Major Joseph Koper bis auf Weiteres zum Regimentskommandeur."
"Ich bin aber namibischer Offizier", warf dieser ein. "Kein deutscher."
"Und ich bin Befehlshaber aller alliierten Streitkräfte im Wehrkreis I. Haben Sie damit ein Problem?"
"Nein, Admiral."
"Gut, darf ich dann fortfahren meine Herren?"
Die beiden Offiziere nickten gequält.
"Oberst Krieger, ich erteile Ihnen hiermit folgenden Auftrag: Suchen und finden Sie geeignetes Personal, um eine Fußballmannschaft aufzubauen, die am 13. des Monats stellvertretend für die deutsche Nationalmannschaft das Halbfinalspiel gegen die UdSSR austrägt."
Lothar und Joseph schauten den Admiral fragend an.
"Bitte was?", meinte der Oberst, doch bevor der Admiral antworten konnte, öffnete sich die Tür zum Vorzimmer und die Sekretärin schaute herein.
"Herr Amann ist da, Admiral", sagte Frau Ertiné und machte einem alten Mann Platz, der langsam auf seinem Gehstock gestützt eintrat. Der Major reichte ihm eine helfende Hand, doch der Mann winkte ab.
"Herr Amann! Schön, dass Sie kommen konnten." Der Admiral deutete auf den leeren Stuhl. "Bitte - setzen Sie sich."
Amann schüttelte den Kopf und blieb stehen.
"Warum holen Sie mich aus meinem Haus?" Ein mürrischer Unterton lag in seiner Stimme. "Was wollen Sie von mir?"
"Meine Herren", sagte der Admiral. "Das ist Erwin Amann, der Vorsitzende des VfB Königsberg."
"Ich bin nicht der Vorsitzende", knurrte der alte Mann. "Nur der einzige Überlebende. Außerdem gibt es den Verein nicht mehr."
Der Admiral schmunzelte.
"Sie irren, Herr Amann."
Der alte Mann runzelte die Stirn.
"Ich bin jetzt 85 Jahre alt", knurrte er. "Aber mein Gedächtnis ist noch vorzüglich."
"Deswegen sind Sie auch hier."
Der Oberst schüttelte verwirrt den Kopf und hob die Hand.
"Bei allem Respekt. Was wird hier gespielt?"
Für einen Moment war nur die Sekretärin zu hören, die sich im Vorzimmer durch den Aktenstapel arbeitete und die Radios wieder zusammen schraubte. Und das Ticken der Uhr.
"Die Feldspieler der Zweitmannschaft müssen Mitglieder in einem eingetragenen Verein sein, Herr Oberst. Und der VfB ist der einzige Verein hier in der Stadt."
Von draußen trommelte der ewige Regen nur noch schwach gegen das Fenster.
"Der Verein ist Geschichte", entgegnete Amann. "Der Vorstand, die Spieler, alle tot."
"Lassen Sie das meine Sorge sein."
"Wollen Sie die Zeit zurückdrehen?"
Der Admiral grinste und sein Auge funkelte den alten Mann an.
"Wenn es sein muss."

***

Königsberg-Kneiphof, auf der Honigbrücke in Richtung Lomse

Die Wolken flogen beinahe dicht über der Stadt in Richtung Norden. Ein unablässiges Bombardement aus schweren Regentropfen, begleitet von donnernden Blitzen, die ihren Unmut jedermann ins Ohr brüllten. Der Alte Pregel unter der Brücke aufgewühlt, während die am Kai festgezurrten Boote unruhig vor sich hin schaukelten. Die Bäume ließen ihre blühenden Äste geknickt hängen und die weite Sommerlandschaft aus Grün und Braun versank in den Sturzbächen des Himmels.
"Trainer", murmelte Joseph. "Und das, obwohl Du Dich schonen sollst?"
Der Oberst starrte schweigend hinaus.
"Ärztliche Schweigepflicht", meinte er und beugte sich zum Fahrer hin. "Und es wäre schön, wenn Du trotz allem den Grund für Dich behalten würdest."
Joseph blickte skeptisch zum Beifahrer.
"Das kann sehr unglücklich enden."
Die Scheibenwischer wedelten permanent hin und her, während sie mit dem Geländewagen über die Brücke fuhren.
"Erinnere mich nicht daran, Joseph." Der Oberst seufzte. "Nur Herausforderungen am fernen Horizont."
Rechts die Kneiphofinsel mit dem eingefallenen Dom - umgeben von Ruinen, die anklagend ihre Gerippe gen Himmel streckten. Die alte Synagoge mit den verkohlten Dachbalken ausgebrannt, leblos, seit Jahren brachliegend. Das Fischdörfchen rechts neben ihnen im Schatten des Unwetters versunken, nur ab und zu rissen die taghellen Blitze die alten Fachwerkhäuser aus der Dunkelheit. Ursprünglich nahtlos aneinander gebaut, doch durch die Bomben des Himmels waren die übriggebliebenen Reste scheinbar auseinander gedriftet.
"Eine Mannschaft", murmelte der Oberst. "Ich soll mir elf Feldspieler aus den Rippen schneiden."
"Als Reserve wären sogar zwölf zu empfehlen."
Schweigen starrten sie durch die verregnete Windschutzscheibe nach draußen, als der Major den Wagen nach links in Richtung des Festungsdamms lenkte. Ein alter Kornspeicher huschte am Beifahrerfenster vorbei und die ersten Ausläufer des Lagers schälten sich aus der Regenwand.
"Das ist eine wahnwitzige Idee, Joseph", meinte der Oberst und schüttelte den Kopf.
Ein Drahtzaun tauchte auf, der sich mit den vorgelagerten Stacheldrahtrollen zu beiden Seiten ins Nichts verlor.
Der Oberst blickte nachdenklich zum einzigen Haus rechts hinter der Wache, dass sich verträumt durchs Unwetter schlief.
"Wieviele unlösbare Aufgaben haben wir schon gelöst, Joseph?", murmelte er. "Wenn das vorbei ist, ist es vielleicht wirklich an der Zeit, kürzer zu treten."
In der Mitte die Durchfahrt, eine Schranke und ein Wachhäuschen, aus dem ein Soldat mit einem Regenmantel in Splittertarn in den stürmischen Regen trat. Eine Maschinenpistole hing mit der Mündung nach unten über seiner Schulter, als er sich vor der Schranke aufbaute und abwehrend die Hand hob.
"Warte mal ...", sagte der Major. Er hielt den Wagen an und kurbelte die Scheibe herunter, als der Wachsoldat sich der Fahrertür näherte.
"Ausweise!", rief er durch das Heulen des Windes, erschrak sich aber, als er in den Wagen hinein schaute. "Herr ... Oberst?"
"Ohne Meldung", rief der Major, während ihm die Regentropfen ins Gesicht schlugen. "Feldwebel, die vierte Kompanie stellt ab heute Nacht den Wachzug, richtig?"
"Jawohl, Herr Major."
"Wo sind sie?"
Der Feldwebel zeigte auf einen Punkt im Osten jenseits der Baracken, die aussahen wie halb eingebuddelte Konservendosen.
"Noch auf dem Sportplatz, Herr Major."

Der Geländewagen fuhr langsam unter den wankenden Laternen zwischen den Baracken hindurch durch das Lager. Hinter den grünen Vorhängen der spärlichen Fenster gedämpftes Licht, manchmal bewegte sich ein Schatten, ab und zu erklang eine Gitarre mit begleitendem Gesang - aber niemand tauchte auf der Straße auf. Nur abgestellte Lastwagen standen dort, in Reih und Glied.
"Was hast Du vor?", fragte der Oberst, während sie sich den letzten Gebäuden näherten. Dahinter erstreckte sich ein weites baumloses Land ins Nichts, nur befleckt mit Gras und Matsch. Vier Pfosten, die einen rechteckigen Platz absteckten. Die selbstgebauten Tore aus Holzbalken und Fischernetzen waren im Dunkeln nur schwer zu erkennen.
"Da, schau mal!", sagte Joseph und hielt den Wagen an. Vor ihnen mehrere durchnässte Gestalten, die in den Lichtkegeln der Scheinwerfer auftauchten und quer über den Platz liefen.
"Himmel, Du hast Recht!" Der Oberst pfiff durch die Zähne. "Die Dortmunder Kompanie!"
Der Major lachte.
"Ja, die Verrückten, die einen Fußball als Maskottchen haben!"

Ein Ball flog durch die stürmische Luft, wurde von einem Kopf getroffen und segelte weiter, bis ihn ein Stiefel traf und in die andere Richtung trat. Lachende Gestalten, die den Regen nicht beachteten, rannten begeistert durch den Matsch dem Ball hinterher, fielen hin, rappelten sich wieder auf, hechteten weiter und droschen ihn von einem Punkt des 'Sportplatzes' zum anderen - bis er schließlich auf die Motorhaube eines Geländewagen prallte und vor der Stoßstange landete.
Die Beifahrertür öffnete sich, eine Person schob sich am Lichtkegel des Scheinwerfers vorbei und hob den Ball auf. Nachdenklich hielt er ihn in den Händen, als die Gestalten schnaufend näherkamen. Das Lachen verstummte allmählich, jemand schrie 'Achtung!' und sie sprangen ins Stillgestanden, während der Oberst nacheinander auf die nassen Köpfe schaute und schließlich ein bekanntes Gesicht entdeckte.
Eine kleine drahtige Person mit kurzem braunen Haarschnitt im selben Sportanzug, wie die anderen auch. Graue Hose, graue Jacke mit dem Reichsadler auf der Vorderseite. Am Ärmel ein horizontal aufgenähter weißer Querbalken - sonst nichts.
"Frau Hauptfeldwebel Wolkowa!", schrie der Oberst gegen das Heulen des Windes an. "Fußball scheint wohl die heimliche Leidenschaft Ihres Zuges zu sein, nicht wahr?"
Sie bewegte sich nicht - stumm und still stand sie den Urgewalten ausgesetzt.
"Ich wiederhole mich nur ungerne!"
Dann räusperte sich die Hauptfeldwebel.
"Jawohl, Herr Oberst!", antwortete sie.
Lothar grinste.
"Das ist gut so!", rief er und warf den Ball zu den Gestalten der Nacht zurück.

***

Weit nach Mitternacht ...
Militärpatrouille, Streifenweg Charlie, nahe des Nordbahnhofs


Der Geländewagen fuhr durch die leblose Stadt nach Westen, während die Wolken vom nächtlichen Himmel fielen. Sintflutartig verschwanden die letzten Reste der Ruinen hinter einer dichten Regenwand und der Wind heulte durch die verlorenen Gassen.
"Verdammtes Mistwetter!", zischte der Fahrer und stellte die Scheibenwischer auf eine höhere Stufe. "Es ist doch Sommer, oder nicht?"
"Willkommen in Königsberg, Heinz", meinte die Beifahrerin und starrte angestrengt am kleinen kastaniengroßen Miniaturfußball vorbei, der an einem Faden unter dem Rückspiegel baumelte.
Vor ihnen tauchte auf der rechten Seite der Nordbahnhof auf.
"Ich frage mich immer noch, warum sich morgen früh elf Kameraden beim Alten melden sollen", murmelte Heinz.
Der große Platz vor den massiven Säulen des Eingangs verlassen, nur die Straßenbahnen standen dicht hintereinander auf den Gleisen und würden erst in einigen Stunden wieder den Betrieb aufnehmen.
"Was heißt hier 'morgen'? Eher in ein paar Sunden." Sie griff nach dem Funkgerät und drückte die Sprechtaste.
"Adlerhorst hier Kant", sagte sie und drehte am Regler des Lautsprechers. "Kommen."
"Kant hier Adlerhorst - kommen."
"Hier Kant. Mike Papa eins erreicht. Keine Vorkommnisse."
"Hier Adlerhorst. Verstanden - Ende."
Heinz lachte leise.
"Eine historische Persönlichkeit als Deckname", murmelte er und schüttelte den Kopf. "Kant würde sich im Grabe umdrehen, wenn ihm jemand das erzählt."
"Wir können ja darum bitten, dass zukünftig Deiner genommen wird", knurrte sie und hielt sich die Nasenflügel zu. "Schirmschok an Adlerhorst ..."
"Du bist ein Witzbold, Wolkowa."
"Schön vorsichtig sein, Unteroffizier!", knurrte sie und ballte ihre linke Hand zur Faust. "Ich kann Deinen Tod auch wie einen Unfall aussehen lassen!"
"Jawohl, Frau Hauptfeldwebel."
"Kant hier Adlerhorst - kommen."
Sie runzelte die Stirn und griff wieder nach dem Funkgerät.
"Adlerhorst hier Kant - kommen."
"Hier Adlerhorst. Verdächtige Personen, zwei, nahe Psychologische Klinik."
"Hier Kant. Verstanden. Ende."

Der Geländewagen beschleunigte und jagte über die holprige Straße und flog über die Kreuzung auf die Alte Pillauer Landstraße.
"Die Klinik?", fragte Heinz.
"Ja, die Roten wurden doch da untergebracht."
Heinz lachte.
"Die Sowjets in der Klapse", lachte er während die dunklen Seitenstraßen an ihnen vorbeiflogen. "Es gibt noch Gerechtigkeit!"
Sie zuckte mit den Achseln.
"Die wollten da unbedingt hin, damit sie im Park trainieren können."
"Und wir haben ihn auch noch geräumt!" Heinz schüttelte den Kopf. "Bei mir hätten die jeden Morgen Minenlaufen als Frühsport gemacht!"
Durch eine der Seitengassen war ein anderes Fahrzeug zu erkennen, das abgedunkelt auf der Parallelstraße in Richtung Norden fuhr.
"HALT!", rief sie, tippte ihm an den Arm und zeigte nach links. "Hinterher!"
Heinz zog abrupt die Handbremse, kurbelte am Lenkrad und der Wagen drehte sich in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Dann beschleunigte er wieder und mit quietschenden Reifen bogen sie in die Seitenstraße und folgte dem unbekannten Wagen, während Wolkowa nach dem Funkgerät griff.
"Adlerhorst hier Kant", meldete sie. "Verfolgen abgedunkeltes Fahrzeug auf Landstraße, Höhe Landesfinanzamt Richtung Nordbahnhof."
"Ich hab ihn gleich!", sagte Heinz und schaltete das Blaulicht ein.
"Hier Adlerhorst. Verstanden. Glücksritter unterwegs."
"Das wäre doch mal ein feiner Deckname gewes-"
"Heinz, nicht jetzt!", zischte Wolkowa und schaltete den Lautsprecher auf dem Dach ein.
"Achtung! Halten Sie am Straßenrand und stellen Sie den Motor ab!"
Der flüchtende Wagen raste unbeeindruckt weiter durch die Straßen. Aus der Beifahrerscheibe tauchte ein Arm auf, eine Hand, die einen dunklen Gegenstand hielt.
"Was zum ..."
Nacheinander blitzte und knallte es. Ein Schuss traf den Lautsprecher, die anderen sausten am Geländewagen vorbei.
"So ein Schweinehund!", fluchte Wolkowa, kurbelte das Fenster herunter und zog ihre Pistole.
Heinz ließ den Wagen schlingern, während die Regentropfen auf sie herein prasselten.
Der andere Wagen wich ebenfalls mal nach links, mal nach rechts aus und mit stillen Flüchen auf den Lippen versuchte sie zu zielen, doch es gelang nicht. Sie wischte sich den Regen aus dem Gesicht, als sie sich wieder dem Vorplatz des Nordbahnhofs näherten.
"Heinz, langsamer!", rief sie, als der Wagen zu rutschen begann. "Ruhig halten!"
"Ich versuchs ja."
Sie zielte auf den rechten hinteren Reifen, hielt ihre Atmung ruhig und drückte den Abzugsbügel durch, als der andere Beifahrer gleichzeitig durch die Heckscheibe des flüchtenden Wagens schoss.
Etwas Schnelles brach durch die Windschutzscheibe, zerfetzte den kleinen Fußball und sauste zwischen den beiden Soldaten hindurch.
Heinz schrie das zersprungene Glas an und riss abrupt das Lenkrad herum. Der Geländewagen kippte zur Seite, überschlug sich und rutschte mit dem Dach über den Platz, bevor er gegen eine der Straßenbahnen krachte.

Ihr Schädel brummte, als sie zitternd versuchte, sich im umgekippten Wagen aufzurichten. Ein Blick rundum. In der Windschutzscheibe ein kleines Loch. Heinz stöhnte und versuchte seine Beine aus dem Fußraum wegzuziehen.
"Alles noch dran?", fragte sie und er nickte. Dann griff sie nach dem Türöffner und stemmte sich ächzend gegen die Innenraumverschalung. Mit einem Knacken gab die Tür nach, schwang auf und sie fiel aus dem Wagen.
Der Regen trommelte auf ihren Kopf, tropften an ihrer Nase ab. Sie hatte einige Mühe, als sie sich erhob. Mit wackligen Beinen auf einer rotierenden Erde, dann registrierte sie, dass ihre rechte Hand noch immer die Pistole fest umschlossen hielt.
Sie wischte sich die nasskalten Perlen aus dem Gesicht. Einige Meter weiter jenseits der Kreuzung lag der flüchtige Wagen mit der Seite in den Stacheldrahtrollen. Zwei schemenhafte Gestalten schälten sich aus offenen Türen. Die Hinweisschilder mit der Aufschrift:
'Achtung: Minenverseuchtes Gebiet. Lebensgefahr! Umleitung über Wrangelstraße, Tragheimer Kirchstraße!'

ignorierten sie, als sie in den Schutz der dahinterliegenden Ruinen des Universitätsinstitutes flüchteten.
"Geh ruhig", rief Heinz aus dem Geländewagen.
Sie nickte schwerfällig. Obwohl sie mit der Pistole auf die Ruinen des alten Universitätsinstitutes zielte, schienen die Überreste von ihr nach links auszubrechen, Der erste Schritt, der Boden begann sich zu drehen, eine Karussellfahrt begann, und sie konnte nur schwer gegensteuern.
Mühsam setzte sie langsam einen Stiefel vor den anderen, neigte sich mit dem Oberkörper nach rechts - trotzdem wirkte ihr Gang wie der eines Betrunkenen, während sie sich langsam durch den himmlischen Wasserfall nach vorn kämpfte.
Der Wagen schälte sich aus der Ferne heraus, die nach oben geöffnete Fahrertür war wieder ins Schloss gefallen. Ein lebloser Klumpen Stahl, der auf den Stacheldrahtrollen lag.
Sie schaute auf die Warnschilder, dann stieg sie auf den Wagen und rutschte über das Dach auf die andere Seite hinunter. Mit wackligen Beinen landete sie hinter der Absperrung, zielte auf die Überreste der Fensteröffnungen, auf die Risse und Löcher in den alten Mauern und atmete tief ein. Die linke Hand legte sich hinter das Ohr und vergrößerte die Hörmuschel. Der Kopf schwenkte schwerfällig von links nach rechts und horchte. Eine Geräusch, Geröll, das nachgab und zu Boden rieselte. Direkt vor ihr, hinter dem Gerippe des Institutes.
Wolkowa erhob sich, schwankte, hielt sich noch für einen Moment am Wagen fest, bevor sie sich entschlossen der Ruine näherte. Vorsichtige Schritte über den alten Asphaltbelag, über die Bordsteinkante mit dem Unkraut in den Ritzen. Die Pistole zielte abwechselnd auf die Fensteröffnungen, als sie die Ruinen betrat. Unheimliche Schatten, groteske Finger, die sich mahnend gen Himmel richteten. Links und rechts konnte sie alte zersplitterte Schreibtische sehen, umgeworfene Regale, zerfetzte Türen, die nur noch zur Hälfte in den Angeln hingen. Vorsichtig stieg sie über kleine und große Trümmerstücke, arbeitete sich zur anderen Seite vor, als sich einige Meter vor ihr ein Schemen aus den Schatten löste.
"HALT!", rief Wolkowa, hob die Pistole und schoss - traf aber nur altes Mauerwerk.
Die Gestalt ignorierte sie, sprang über die hinteren Mauerreste und landete auf die Hinterseite der Ruine.
Sie rutschte über den Schutt, lief hinterher, sprang ebenfalls auf die andere Seite und sah den Schatten, der über den verwilderten Institutspark flüchtete. Doch bevor sie die Pistole erneut auf ihn richten konnte, schlug ein orangefarbener Blitz aus dem Boden. Die Nacht verglühte für einen Moment. Ein ohrenbetäubender Knall hallte durch ihren Kopf, eine Druckwelle warf Wolkowa zurück und schleuderte sie mit dem Rücken gegen die Mauerreste.

Benommen schüttelte sie den dröhnenden Schädel, doch die Welt blieb still.
Sie erhob sich, stand schließlich auf wackligen Beinen und suchte auf dem Boden nach ihrer Pistole, als jemand ihr in den Rücken trat.
In einem hohen Bogen flog sie nach vorn und landete im nassen Gras. Sie drehte sich auf den Rücken, wischte sich den Regen aus den Augen.
Eine zweite Gestalt stand über ihr. Eine runde Brille, ein männliches Gesicht. Eine Pistole in den Händen, deren Lauf drohend auf ihren Kopf gerichtet blieb.
Die stille Welt wurde langsamer, Sekunden glichen Ewigkeiten. Der Mund bewegte sich, doch sie konnte nichts verstehen.
Der Abzugsbügel knirschte, der Hahn richtete sich nach hinten. Dann zog sie ruckartig ihre Beine an und trat ihm in den Schritt.
Noch bevor er stöhnend zusammensackte, löste sich ein Schuss aus der Pistole.
Der helle Blitz, der ihre Augen blendete, war das Letzte, was sie sah.




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Beitrag #14 |

RE: Countdown
Rückschau: 10./11.07.1950

"Erna! Wie geht es Dir?", rief der Mann in der Uniform eines Majors erstaunt, quetschte sich durch die halbvolle Stuhlreihe und setzte sich neben ihr auf den freien Platz.
"Wie soll es mir gehen, Paul?"
"Vielleicht gut?"
"Warum?"
"Meine Güte, Erna!", sagte er und deutete auf ihre dunkelblaue Jacke mit den vielen Orden- und Ehrenzeichen unter der linken Brusttasche. "Weil Du in ein paar Tagen endlich diese Uniform ausziehen kannst?"
Sie pustete sich verärgert eine braune Strähne aus ihrem elfenbeinfarbigen Gesicht.
"Ich wüsste nicht, dass mich jemand gefragt hätte, ob ich das auch will."
Paul hob erstaunt eine Augenbraue hoch.
"Du willst nicht?"
"Darum geht es doch nicht."
"Worum denn dann?"
"Wirst Du entlassen?"
"Ich?"
"Ja, Du: Major Paul Müller."
Er schaute sie fragend von der Seite an.
"Nein."
"Und er da?", fragte sie und zeigte auf einen Offizier in der vorderen Reihe. "Major Dieter Samsorski. Wird er entlassen?"
Paul folgte ihrem Finger und schüttelte schließlich den Kopf.
"Dieter? Ich glaube nicht. Worauf willst Du hinaus?"
Erna verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
"Ist Dir aufgefallen, dass vorwiegend weibliche Soldaten demobilisiert werden?"
"Ich, ..., also ..."
"Es ist Dir also aufgefallen."
"Ja. Schon." Er spielte nervös am Daumen. "Und?"
"Hast Du die Antrittsrede des neuen Reichskanzlers verfolgt?"
"Nein", sagte er und hob abwehrend die Hände. "Die Politiker reden sowieso immer so geschwollen. Wieso? Ist mir was entgangen?"
Erna seufzte, während sich die letzten leeren Plätze langsam füllten.
"Er redete von der guten alten Zeit, dem familiären Zusammenhalt und geißelte den Krieg als das, was alles zerstört hat."
"Da hat er Recht."
"Er sprach aber nicht von der Vorkriegszeit, er sprach von der Kaiserzeit."
"Na und?"
"Er will, dass Frauen wieder die mütterliche Rolle übernehmen sollen - und nicht länger in Herrenkleidern bewaffnet fürs Vaterland kämpfen."
"Sei doch froh."
Sie drehte sich verärgert zu ihm um.
"Ich soll froh darüber sein?"
Paul nickte.
"Ja, es ist schon schlimm genug, dass wir im Krieg Frauen einer solch hohen Gefährdung ausgesetzt haben", meinte er. "Fehlten nur noch Kinder mit Gewehren in den Händen." Er klopfte ihr auf die Schulter. "Jetzt kannst Du endlich in Ruhe Dein Leben leben und genießen."
Sie richtete sich auf und funkelte ihn zornig an.
"Du bist doch nicht bei Trost!"
"Bitte?"
"Ich fliege seit Jahren mit einer Me 323 durch den Himmel!", zischte sie. "Und jetzt soll ich ein ruhiges zahmes Muttchen sein?"
Paul zuckte mit den Schultern, als einige Offiziere vor ihnen sich fragend umdrehten.
"Das war eine aufgebürdete Ausnahme", sagte er. "Trotzdem haben Frauen im Krieg nichts verloren."
Jemand rief 'ACHTUNG!' und die Diskussion erstarb. Sie erhoben sich von ihren Plätzen und drehten sich zur Tür, als ein opulenter Mann eintrat. Die Offiziersmütze unter dem linken Arm geklemmt, die rechte Hand tippte nur kurz zum Gruß an die Schläfe. Auf seinen Schultern ruhten die Dienstgradabzeichen eines Oberst.
"Ohne Meldung!", rief der Geschwaderkommodore und nickte. "Setzen sie sich, meine Damen und Herren!"
Während sich die stillstehenden Offiziere wieder Platz nahmen, trat er hinter das Rednerpult.
"Ich bin - wie sie alle wissen - kein Freund epischer Worte", sagte er und hängte demonstrativ seine Mütze an den Garderobenständer neben dem Pult. "Ich bevorzuge lieber Bilder."
Er wandte sich an seine schweigenden Untergebenen. Dann legte er seine Hände auf die Seiten des Pultes und schmunzelte.
"Jemand eine Idee, was ich damit sagen möchte?", meinte er und nickte zur hängenden Mütze.
Niemand sagte etwas, auf den Gesichtern mehr Frage- als Ausrufezeichen.
"Nun gut, ich löse es auf", sagte der Kommodore schließlich. "Sie sind die besten Flugzeugführer des Geschwaders." Er legte eine Pause ein und schmunzelte. "Und sie sind ab sofort alle entlassen!"

***

III. Akt: Halbzeit


Mittwoch, 12.07.1950
Königsberg-Lomse, Lager des Jägerregiments 54


Das Haus des Kommandeurs in der Nähe des Wachgebäudes war Anfang des Jahrhunderts quadratisch erbaut worden und hatte ein spitzes Dach mit alten backsteinroten Pfannen, das sah aus wie ein flacher vierkantiger Zipfel. Von außen waren in den Zwanzigern die Fassaden einfach nur grau verputzt worden. Im Mauerwerk auf den jeweiligen Etagen weiße Holzrahmen mit dazu passenden Fensterläden.
Der Eingang befand sich an der Seite zur Straße und führt über fünf Stufen hinauf zur robust wirkenden alten Holztür. Dahinter zierten sechskantige handtellergroße Fliesen in dunkelrot den Boden und eine Treppe neben der Tür führte über einen Zwischenabsatz nach oben.
Es befanden sich nur zwei Türen im Eingangsbereich. Die eine, etwas kleinere, führte unter der Treppe hinab in den Keller. Die andere in die untere Wohnung, durch die man zuerst in den querverlaufenden Flur gelangte. Links befand sich die Küche, rechts daneben der erste Schlafraum. Ging man durch den Flur rechts am Kaminschacht vorbei, gelangte man über das Wohnzimmer in das angrenzende zweite Schlafzimmer.
Auf der Etage darüber war die Fläche anders geschnitten worden. Auch hier verlief der Flur quer hinter der Eingangstür, nur teilten sich Küche und Wohnzimmer die Fläche des daruntergelegenen ersten Schlafzimmers. Zudem war der Kaminschacht nicht so mehr so breit, so dass das Schlafzimmer vom Flur aus zu erreichen war.
Über eine steile Stiege gelangte man schließlich auf den Dachboden. Dort stand auf den alten Dielen eine Liege, daneben ein Nachttischchen, ein lädierter Kleiderschrank sowie ein Schemel mit einem Wassertrog für die Morgentoilette.
Die Wände im Haus waren allesamt repariert worden. Unter den Tapeten alte Zeitungen als Isolierung, die mancherorts noch durchschienen. Die einstige weiße Farbe war in den letzten Jahren derart nachgedunkelt, dass sie eher wie ein blasses Grau aussah.
Joseph lag unter unter einer leichten Decke auf seiner kargen Liege und starrte nachdenklich auf die Querbalken des Dachgeschosses. Neben der ordentlich über einen alten Stuhl zusammengelegten Uniform stand auf dem kleinen Nachttischchen ein beinahe abgebranntes Hindenburglicht, deren Schein über der Unterseite der alten rotbraunen Ziegel tanzte.
Im Erdgeschoss klingelte es.
Schlafendes Gemurmel, dann erhob sich unten jemand und hob den Hörer ab. Leise Stimme, ab und zu ein 'Verdammt' - zum Schluss 'Einen Moment'. Die schlurfenden Schritte knarrten die Treppe hinauf und Lothars Kopf tauchte zwischen den alten Dielenbrettern auf.
"Joseph?", flüsterte er.
"Was gibt es?"
"Ein dringender Anruf."
"Für mich?"
Lothar nickte und schmunzelte.
"Du bist der Kommandeur, Joseph."
Er schlug die dünne Decke zur Seite und schwang seine Beine seufzend aus dem alten Bett.
Für einen Moment stützte er die Arme auf die Oberschenkel und betrachtete nachdenklich das Kerzenlicht, das über seinen muskulösen Oberkörper tanzte.
"Worum gehts?"
"Du glaubst nicht, wer heute Nacht festgenommen worden ist."
Er schaute Lothar fragend an, dann stand er auf und griff nach seiner Hose.
"Ich komme."

***

Königsberg Lomse, Lager des Jägerregiments 54, Haus des Kommandeurs

Am Frühstückstisch in der engen Küche. Die Vögel im Garten jenseits des Fensters saßen in den Bäumen und begrüßten den wolkenverhangenen Tag, während die Regentropfen der vergangenen Nacht noch im Gras lagen.
Lothar saß am Kopfende, ihm gegenüber stand seine Frau Annemarie, die sich erst die Hände an der Schürze abwischte und dann ihre langen braunen Haare zusammenknotete, bevor sie sich setzte. Rechts von ihm sein Sohn Hendrik - nur der Platz links an der Wand blieb leer.
"Ca va bien, Hendrik?", fragte Lothar und griff nach der Hartungschen-Zeitung.
"Oui, et tu?", antwortete sein Sohn und hielt ihm den Brotkorb hin. "Quelle que chose a manger, papa?"
"Merci." Lothar griff mit der rechten Hand nach einer Schnitte Brot und legte sie sich aufs Brettchen. "Deine Aussprache wird immer besser, mein Sohn."
"Danke. Ich würde aber viel lieber bei den Leibesertüchtigungen teilnehmen."
"Französisch ist wichtiger, Hendrik."
"Aber Vater!"
"Das ist hier kein Wunschkonzert, mein Sohn."
Hendrik seufzte, während sich Lothar Marmelade aufs Brot strich.
"Die französischen Kinder lernen dafür im Gegenzug unsere Sprache." Er schlug die Zeitung auf. "Und wenn Du in drei Jahren volljährig bist, möchte ich, dass Du Dich bei der Albertina einschreibst und Literatur studierst. Haben wir uns verstanden?"
"Hm."
"Widerworte, mein Sohn?"
Hendrik presste die Lippen zusammen.
"Mutter hat gesagt, dass wir bis dahin wieder Zuhause in Sachsen sein werden."
"Sieh an." Lothar schaute Annemarie über den Rand der Zeitung an. "Du weißt schon, dass noch keine Zuzugsgenehmigung aus Meerane vorliegt?"
"Ich weiß, aber es ist immer noch unser Haus."
"Rein rechtlich betrachtet wurden wir von der DDR enteignet, holde Gattin."
"Es-ist-aber-unser-Heim."
Lothar starrte von der Zeitung in seine Tasse mit Kaffeeersatz.
"Ich weiß", meinte er und griff mit der rechten Hand nach der Milchkanne am Fuße des Tisches, "aber zur Zeit sind dort vier Familien untergebracht. Und Platz ist rar, wie Du weißt."
"Ich will hier nur endlich weg, Lothar. Dieses furchtbare Land, die Roten so nah vor der eigenen Haustür ..." Sie legte das Messer hin und schaute auf den leeren Stuhl. "Wo ist eigentlich Joseph hin?"
Lothar schlug die Beine übereinander und versteckte sich hinter der ausgebreiteten Zeitung.
"Er hat eine Anhörung durchzuführen."
"Eine Anhörung?"
"Ja."
"Seit wann muss er so etwas durchführen?"
Die Zeitung hing schief, als er mit einer Hand nach der Kaffeekanne griff und sich das dunkle Gebräu in die Tasse schüttete.
"Lothar,", rief Annemarie. "Lass Dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!"
"Wenn sich jemand der Personenüberprüfung durch Flucht entzieht und verhaftet wird", murmelte die Zeitung, "hat der zuständige Regimentskommandeur eine Anhörung durchzuführen."
Annemarie funkelte Lothar zornig an.
"Der Regimentskommandeur sitzt hier vor mir und frühstückt, teurer Gemahl."
Lothar legte die Zeitung beiseite, schmierte sich bedächtig ein Brot und legte eine Scheibe Käse drauf.
"Nein." Er schüttelte den Kopf und biss nebenbei in das Brot. "Joseph ist zur Zeit der Kommandeur."
Annemarie hob erstaunt eine Augenbraue.
"Und Du?", fragte sie. "Was ist mit Dir?"
Er griff schweigend nach dem Brotkorb.
"Lothar!", knurrte Annemarie. "Möchtest Du nicht antworten?"
Stille.
"Ich wurde für nicht diensttauglich befunden", murmelte er schließlich.
"Wieso denn das?"
Er schüttelte den Kopf.
"Das ist unwichtig."
"Ist es nicht!"
Lothar schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Es-ist-unwichtig!"
Stille.
"Und?" Sie lehnte sich zurück. "Wurdest Du wenigstens beurlaubt?"
"Nein."
Sie warf ihr Messer wütend auf das Brettchen.
"Ist das wieder ein militärisches Geheimnis?"
Annemarie und Hendrik schauten Lothar fragend an.
"Ich bin zur besonderen Verwendung des Befehlshabers abgestellt."
"Dem einäugigen Admiral, ... wie heißt er noch? Rheinhardt?"
"Ja."
"Und was ist Deine Aufgabe?"
"Das glaubst Du mir sowieso nicht."
"Versuch es doch."
Er warf ihr die Zeitung hin.
"Titelseite!", brummte er.
Oben stand in dicken schwarzen Buchstaben:

Schweizer Botschafter bestätigt: Polnisch-Sowjetische Verhandlungen beim Völkerbund in Genf ohne Ergebnis abgebrochen. Blockade Ostpreußens hält weiter an. Dramatische Versorgungslage.


Darunter stand:

Das Halbfinalspiel des Deutsches Reichs gegen die UdSSR wird trotzdem wie geplant am 13. Juli um 09 Uhr im Walter-Simon-Stadion stattfinden.

"Und?", fragte sie und senkte die Zeitung. "Was ist daran denkwürdig?"
Er trank seine Tasse leer.
"Annemarie, die deutsche Nationalmannschaft sitzt immer noch im Reich fest."
"Oh", meinte sie erstaunt. "Und wer soll dann gegen die Roten spielen?"
"Eine Zweitmannschaft, die von der vierten Kompanie gestellt wird."
"Das sind doch die Kerls aus Dortmund - oder nicht?"
Er nickte.
"Fein", sagte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. "Und was hat das mit Dir zu tun?"
"Ich bin der Trainer."

***

Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne, nahe der Demarkationslinie

Die Nacht hielt noch den Tag gefangen, während die tiefhängenden Wolken wieder von Westen kommend über das verwaiste Land zogen und ihren Unmut hinabregneten. Am östlichen Rand der Stadt, auf den letzten Metern freien Bodens, befand sich die Kronprinzkaserne.
Von oben sah das große Gebäude aus, wie ein großes D. Vor dessen Wölbung nach Osten verlief die alte Tapiauer Landstraße, die nun hermetisch abgeriegelt worden war. Stacheldrahtrollen und Panzersperren. Hinter den Bürgersteigen auf dem Gelände der abgerissenen Ruinen Wachtürme vor einer dicken hohen Mauer, die sich auf der gesamten Länge der alten Ringstraße von Norden bis zum Alten Pregel zog.
Im Rücken des großen Ds befand sich in der Mitte eine gewölbte Tordurchfahrt. An den Seiten italienische Soldaten, die den näherkommenden Geländewagen mit erhobener Hand zum Anhalten aufforderten.
Einer der Wachsoldaten mit dem Dienstgrad eines Gefreiten trat an die Fahrertür, als sich die Fensterscheibe senkte. Ein kurzer Blick hinein: Ein dunkler Mann in deutscher Splittertarnuniform, aber mit einer namibischen Fahne am Oberärmel.
"Maggiore Koper?", fragte der Wachsoldat.
"Ja", antwortete der Mann und nickte.
"Capitano Breda vi aspetta."
Der Major seufzte.
"Er erwartet mich nicht ohne Grund, Carporale."

Der italienische Hauptmann Breda war ein mittelgroßer Mann von durchtrainierter Statur. Man sah es ihm in seiner Uniform nicht an, als er durch den Haupteingang in den großen Innenhof trat - bemerkte es aber, wenn man ihm die Hand gab.
"Maggiore!", rief er, drückte und schüttelte Josephs Finger derart, dass dieser den Eindruck hatte, sie würde zerquetscht werden.
"Capitano", sagte er und verzog das Gesicht. "Wie ich höre, haben Sie einen prominenten Gast im Haus."
"Si", rief Breda und nickte. "Loro gente potrebbe arrestare uno degli uomini più pericolosi!"
Der Major schüttelte den Kopf.
"Bei allem Respekt, Capitano. Mein Italienisch ist etwas eingerostet."
Breda stutzte, dann nickte er ergeben.
"Si", sagte er dann. "Ich meinte: Ihre Leute konnten einen der gefährlichsten Männer festnehmen."
"Gut, wie geht es meinen Soldaten?"
"Wolkowa und Schirmschok liegen noch im Krankenhaus, Maggiore." Breda klopfte dem Major aufmunternd auf die Schulter. "Nur zur Kontrolle. Nichts Ernstes. Werden im Laufe des Tages ausgeschleust."
Stille.
Joseph starrte stumm zur die Hand auf seiner Schulter, die Breda schließlich verlegen wegnahm.
"Mi Scusi."
"Wo ist der 'Gast'?"

***

Königsberg-Lomse, vor dem Haus des Kommandeurs

Es klingelte.
Lothar stand auf, trat an die Haustür und öffnete. Davor stand ein Mann im Sportanzug, hinter ihm acht weitere Soldaten mit der gleichen Kleidung und kleinen grauen Sportbeuteln unter den Armen. Blaue Trainingsanzüge, weiße Unterhemden mit dem Reichsadler auf der Brust. Vier Männer hatten einen weißen Balken am Ärmel, der sie als Unteroffiziere kennzeichnete. Einer von ihnen stand vor der Tür.
"Stabsunteroffizier Hugo Gotthold, Herr Oberst", sagte der Mann, als an der Lagereinfahrt ein Omnibus hielt und vom Wachhabenden kontrolliert wurde. "Melde befohlene Soldaten in Stärke null drei sechs neun."
Der Oberst hob eine Augenbraue.
"Wolkowa und Schirmschok noch immer im Krankenhaus?"
Gotthold nickte, während der Oberst sich ans Kinn fasste.
"Wie geht es den Beiden?"
"Streifschuss und Knalltrauma. Aber sie sollen bald ausgeschleust werden."
Lothar schaute zum Bus, der die Einfahrt passierte, und dann über die Köpfe der Angetretenen.
"Stabsgefreiter Kleinhans, Hauptgefreiter Overbeck", sagte er und ging die ersten Stufen hinab. "Die Obergefreiten Neuhaus und Stiebig, die Gefreiten Trowe und Ströker."
Als er unten stand nickte er zufrieden.
"Und die Unteroffiziere Kretschmer und Goltz."
Die Soldaten standen still und warteten.
"Meine Herren, ab jetzt ist es mir völlig egal, wer welchen Dienstgrad inne hat", rief er. "Ab jetzt ist nur noch wichtig, dass sie Fußballleidenschaft im Blut haben. Nur das ist wichtig."
Der Bus hielt an der Straßenseite des Hauses und die Türen schwangen auf.
"Herr Gotthold!"
"Jawohl Herr Oberst."
"Lassen Sie aufsitzen. Wir fahren ins Stadion zur ersten Trainingsstunde."
"Ins Stadion?"
Der Oberst winkte ab.
"Alles Weitere im Bus, Herr Gotthold."
"Jawohl."

***


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Beitrag #15 |

RE: Countdown
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit

"Ehefrau!", schimpfte Annemarie in der Küche des Krankenhauses, die noch immer mehr nach Verbranntem roch, als nach Essbarem. "Mutter, Gehilfe, Seelsorger, Arztersatz. Und nebenbei auch noch Putzfrau!" Sie kniete vor der Spüle, schüttelte den Kopf und warf den Wischkodder resigniert wieder in den dreckigen Eimer zurück. "Heiliger Strohsack."
"Was ist Mutter?", fragte Hendrik, der am Fenster stand und die matten Scheiben wischte.
"Es ist zwecklos, mein Sohn", meinte sie und nickte zum verrosteten Wasserrohr unter der Spüle. "Das Krankenhaus wird nicht durch Unterbesetzung Zugrunde gehen. Es fällt auseinander - und es ist nur eine Frage der Zeit."
"Was für eine Frage denn?"
Annemarie erhob sich und wischte sich die Hände am grauen Kittel ab.
"Ob wir zuerst verhungern, uns die Medikamente ausgehen - oder ob zuerst das Krankenhaus auseinanderfällt."
Hendrik legte seinen Feudel beiseite, beugte sich mit dem Kopf herab und machte große Augen.
"Das sieht wahrlich nicht gut aus."
Von draußen war die Straßenbahn zu hören, die sich bimmelnd näherte. Dann erklangen quietschende Reifen, auf- und zuschlagende Wagentüren und dringliche Rufe.
"Was ist denn dort los?", murmelte Annemarie und schaute aus dem Fenster. Ein dunkelgrüner Geländewagen stand halb auf dem Bürgersteig zum Krankenhaus. Ein taktisches Zeichen in Form eines rechteckigen Kastens mit einem Kreuz im Inneren und einer 8 am Rand befand sich auf der Motorhaube. Der dunkelhäutige Fahrer in der oliven Uniform Namibias schaute zu ihnen herauf und winkte hektisch mit den Armen.
Sie tippte Hendrik an die Schulter.
"Kundschaft", rief sie. "Hol Martha her!"

Sie lief die alten Holztreppen so schnell es ging hinunter zum Haupteingang, wo der junge Fahrer und ein älterer Mann vor dem Guckloch des leeren Pförtnerzimmers standen.
"Hallo", rief sie. "Was ist geschehen?"
Der Fahrer deutete auf den älteren Mann, dessen Uniform an einigen Stellen aufgerissen war, selbst von den Schulterklappen mit dem Dienstgrad eines Oberst steckte nur das rechte noch auf der Schlaufe. Auf seinem ebenfalls dunkelhäutigen Kopf zogen sich blutige Schrammen durchs Gesicht - selbst seine Nase war geschwollen.
"Oberst Koper hatte ein-", begann der Fahrer, doch der ältere Mann unterbrach ihn.
"Es ist nicht Ernstes", knurrte er. "Leutnant Ndinga, Sie können wieder zurück zum Lager fahren. Bis ich mich zurückmelde, soll Hauptmann Gerin meine Dienstgeschäfte wahrnehmen - verstanden."
Der Leutnant nickte ergeben, dann wandte er sich um und verließ kopfschüttelnd das Krankenhaus.
"So so." Annemarie musterte verblüfft den namibischen Oberst. "Koper heißen Sie?"
Der Mann nickte.
"Jakob Koper", antwortete er.
Sie kniff die Augen zusammen.
"Sie sind nicht zufällig der große Bruder von Joseph Koper?"
"Doch, wieso?"
"Da schau her." Sie starrte in sein Gesicht. "Endlich lerne ich Sie einmal persönlich kennen."
"Als Kommandeur kommt man auch nicht unbedingt viel herum", meinte Jakob und
seufzte. "Meistens bin ich auch nur ein Schreibtischtäter."
"Meistens?", fragte sie und deutete auf seine zerrissene Jacke. "Was genau ist denn mit Ihnen passiert?"
Der Oberst grinste.
"Nur ein kleiner mehrfacher Salto mit einem Geländewagen."
"Himmel ...", rief sie und zog an seinem Ärmel. "Und da lachen Sie noch - kommen Sie mit!"
"Ich sagte doch: nicht weiter schlimm."

Hendrik rannte durch den menschenleeren Schwesterntrakt.
"Frau Poppert?", schrie er, als er schwer nach Luft schnappend vor einer Tür hielt und klopfte. "Frau P-o-p-p-e-r-t!"
Nichts. Er drückte die Klinke herunter und zog an der Tür, doch sie war verschlossen.
Seufzend schaute er sich um. Das Klopfen bei den anderen Zimmern konnte er sich getrost sparen. Die wenigen Bediensteten des Krankenhauses waren um diese Zeit in den anderen Gebäuden unterwegs und betreuten dort die jeweiligen Stationen.
Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte zurück zur Treppe, hechtete hinab, bis er schließlich im Eingangsbereich stand. Aus dem linken Gang waren Stimmen zu hören, eine Tür öffnete sich und seine Mutter trat hinaus.
"Ich konnte sie nicht finden", rief er, doch sie winkte müde ab.
"Schon gut, mein Sohn", murmelte sie. "Doktor Deichmann war zufällig im Gebäude."
"Alles in Ordnung?"
Sie schüttelte lachend den Kopf.
"Du glaubst nicht, wer das war."

***

Königsberg-Altstadt, Kaiser-Wilhelm-Platz

Als das ruinierte Schloss an den Fenstern vorbeiglitt, drehte sich der Oberst um und ließ seinen Blick durch den Omnibus gleiten. In der hinteren Reihe saßen die jüngeren Mannschafter nebeneinander und unterhielten sich lebhaft.
Links die blonden Trowe und Ströker, die beinahe aussahen wie Zwillinge. Blaue Augen, helle Gesichtsfarbe. Sie wirkten aus der Ferne wie Zwillinge, allerdings hatte ein Granatsplitter in den letzten Tagen des Krieges seine tiefen Narben in Strökers rechter Wange hinterlassen.
Neuhaus und Stiebig rechts daneben wirkten dagegen unversehrt. Ihr Äußeres mit den braunen Haaren und den hageren Gesichtern schien den Krieg unbeschadet überstanden zu haben. Im Gegensatz zu ihrem Inneren, der zuviel heißen Schabernack produzierte, als dass sie ihn durch ihre Poren heraus schwitzen konnten.
Vor den jüngeren die beiden älteren Mannschafter, die jeder für sich auf einem Zweiersitz saßen. Der braungebrannte Kleinhans und der etwas fülligere Overbeck. Das K.-O.-Gespann der vierten Kompanie. Unterschiedlicher konnten die Beiden kaum sein, die stets als altes grantiges Ehepaar verschrien wurden.
Etwas in der Mitte, nicht weit von seinem vordersten Platz entfernt: die Unteroffiziere.
Kretschmer, der im Norden seiner Heimatstadt eine Mühle betrieben hatte. Ein stiller Mann, der ohne Frau und Kinder in dieser Welt weiter leben musste. Meistens starrte er nachdenklich durch seine Celluloid-Brille aus dem Fenster des Omnibusses.
Goltz dagegen erinnerte Lothar an einen alten Kameraden. Hansen - genau wie dieser groß, breit und muskulös. Genauso kurz angebunden, genauso trockener Humor. Nur nicht vermisst, sondern höchst lebendig.
Lothar seufzte und lenkte seinen Blick auf den Mann zwei Sitze vor ihm.
Gotthold. Markantes Merkmal waren seine unterschiedlichen Augenfarben, links braun, rechts blau. Ein Theologiestudent, der den Glauben trotz der Bomben nicht verloren hatte. Noch immer predigte er die Gebote Gottes. Nur hatte er in den letzten Jahren die Worte als Mittel gegen schlagkräftigere Waffen eingetauscht.
Der Fahrer räusperte sich und wandte sich an den Oberst.
"Wir sind gleich da", meinte er und zeigte auf den Eingang zum Park, in dem das Stadion im Hintergrund aufragte.

***

Königsberg-Mittelhufen, Medizinales Untersuchungsamt im ehemaligen Tiepolt'schen Waisenhaus

"Haben Sie was an den Ohren, oder ich?", zischte Jelena Wolkowa den Mann im abgestumpften weißen Kittel an, der beschwichtigend vor ihr stand. "Ich sagte: wir müssen zu unserer Einheit zurück."
"Ich bin hier der Arzt", sagte er. "Und wenn Sie ein Problem damit haben, bauen Sie den nächsten Unfall bitte im Zuständigkeitsbereich der Barmherzigkeit!"
Wolkowa baute sich drohend vor ihm auf und hielt die geballte Hand hoch.
"Meine Faust spielt gleich Zahnfee!"
"Was erlauben Sie sich?" "Sie sollten froh sein, dass Sie Ihren Kopf nicht unterm Arm tragen!"
"Mir geht es blendend!", knurrte sie. "Verstehen Sie denn kein Deutsch?"
"Ich sage Ihnen, wann Sie sich blendend fühlen können!"
Die Tür hinter dem Rücken des Arztes öffnete sich und eine Frau in der Uniform eines Oberstarztes trat herein.
"Und ich sage Ihnen, was Sie sagen dürfen!", donnerte sie durch den Raum und das angesteckte Namensschild mit dem Namen 'Jäger' vibrierte über der Brusttasche. "Oder muss ich Ihnen erst noch die ortsübliche Hierarchie erläutern?"
Der Arzt drehte sich um und funkelte die Frau an.
"Sie haben hier bald sowieso nichts mehr zu sagen!", meinte er und grinste. "Dann sieht die Hierarchie wieder anders aus."
Sie trat einen Schritt auf ihn zu.
"Raus!", zischte sie. "Und zwar sofort."
Sie starrten sich gegenseitig in die Augen, bis der Mann schließlich den Blick abwandte und verächtlich schnaubte.
"Ich freue mich auf Ihre Entlassung", knurrte er, verließ den Raum und schlug die Tür zu.

"Wenn ich mit dem fertig bin, kann er mit gebrochenen Fingern seine Nase auf dem Boden suchen!"
"Ruhig, Jelena."
"Kann ich jetzt gehen? Ich bin nicht mehr gerne in Krankenhäusern!"
"Das nur ist das Medizinale U-Amt." Oberstarzt Jäger seufzte. "Ja, Du kannst gehen, aber ich muss Dich trotzdem krankschreiben."
"Ich bin nicht krank!"
"Du schreist fast, Jelena", meinte Jäger und deutete auf Wolkowas Ohren. "Solange Du auf dem einen Ohr nur wenig, und auf dem anderen gar nichts hörst, kann ich Dich nicht als verwendungsfähig gehen lassen."
Es klopfte, die Tür öffnete sich wieder und der Befehlshaber des Wehrkreises trat herein.
"Guten Morgen!", sagte er. "Frau Oberstarzt?"
"Admiral Rheinhardt!", rief Jäger erschrocken. "Das ist aber eine Überraschung! Was kann ich für Sie tun?"
Er deutete lächelnd auf Jelena. "Ich werde Ihnen Hauptfeldwebel Wolkowa und Stabsunteroffizier Schirmschok abnehmen!"
"Die beiden sind nicht verwendungsfähig", knurrte sie. "Und die Betonung liegt auf 'nicht'."
"Ist hiermit zur Kenntnis genommen." Er schaute mit seinem Auge zu Jelena. "Holen Sie Ihren Kameraden, wir fahren sofort ab."
Jäger stemmte die Arme in die Hüften.
"Irgendwie habe ich den Eindruck, dass es in letzter Zeit völlig egal ist, was ein Arzt anordnet."
"Sie werden dieses Gefühl wahrscheinlich noch öfter spüren müssen, Frau Oberstarzt", entgegnete der Admiral. "Aber um Sie zu beruhigen: es bleibt letzten Endes sowieso alles an mir hängen."
Sie schüttelte den Kopf
"Nun gut. Auf Ihre eigene Verantwortung."

***

Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne, am östlichen Stadtrand nahe der Demarkationslinie

Licht fiel von der Decke und beleuchtete einen kargen Tisch, während der Rest des kleinen Raumes im dunklen Hintergrund versunken blieb. Zwei Stühle. Einer leer - auf dem anderen ein Mann in Handschellen. Kreisrunde Gläser in einem dünnen Brillengestell. Den Scheitel der lichter werdenden Haare ordentlich zur Seite gekämmt.
Eine Tür öffnete sich. Schritte von Stiefeln, dann trat ein dunkelhäutiger Mann in Splittertarnuniform in den Lichtkegel. Er verharrte für einen Augenblick, dann warf er eine dicke Akte auf den Tisch und setzte sich.

"Wer sind Sie?"
"Major Koper. Zuständig für Ihre Anhörung."
"Sie?"
Der Major schlug die Akte auf und fing an zu blättern.
"Alois Heinrich, geboren 20.04.1900 in München", las er vom ersten Blatt vor. "Verwitwet, ein Sohn namens Georg." Er schaute fragend hoch. "Korrekt?"
"Er ist tot."
"Ihr Sohn?"
"Sie haben ihn mitgenommen."
"Wer 'sie'?"
"Die Bolschewisten." Alois Heinrich holte tief Luft. "Seit neun Jahren habe ich nichts mehr von ihm gehört."
Die Augen des Majors weiteten sich.
"Seit ... neun Jahren?", fragte er.
Alois Heinrich nickte.
"Angeblich haben sie ihn hier nach Königsberg verschl-" Er unterbrach sich. "Tut mir leid: Kaliningrad", zischte er. "Die sozialistische Vorzeigestadt!"
Der Major schwieg und starrte den Gefangenen eine Weile an, bevor er sich wieder über die Akte beugte.
"1920 Eintritt in die NSDAP, Mitgliedsnummer 557. Im gleichen Jahr Überführung in die Sturmabteilung der Partei, Beförderung bis zum Scharführer. 1923 Festnahme und Verurteilung aufgrund des nationalsozialistischen Putschversuches in München zu einer Haftstrafe von zwei Jahren in der Festung Landsberg am Lech."
"Ich wünsche einen Rechtsbeistand."
Der dunkelhäutige Major schaute ihn fragend an.
"Wieso?"
"Weil Sie Ihre Zeit verschwenden."
"Was stört Sie an mir?"
Alois Heinrich starrte ihn mit einem kalten Blick an.
"Sie sind nicht dafür geboren, mich zu verhören."

***

Königsberg-Mittelhufen, Eingang zum Park vor dem Walter-Simon-Stadion, in der Nähe des Nordbahnhofs

Hinter dem Yorck-Denkmal konnte man die Nordtribüne und den hohen Turm der überdachten Südtribüne des Walter-Simon-Stadions erkennen. Nasse Flaggen mit einem Fußball und der Aufschrift 'WM '50', die immer noch müde über den leeren Plätzen herunter hingen.
Lothar stand vor einem etwas größeren Mann mit wettergegerbtem Gesicht, während hinter ihm die Mannschaft aus dem Bus stieg.
"Es tut mir Leid, Genosse Oberst", sagte der Mann. "Aber Sie können das Stadion nicht betreten."
Lothar starrte ihn ungläubig an.
"Wer sind Sie überhaupt?"
"Mein Name ist Mychailowitsch, ich bin der Trainer."
Gotthold trat an Lothars Seite.
"Und wieso können wir nicht hinein?", fragte er. "Schließlich müssen wir uns doch auch vorbereiten."
"Der Anschlag auf unsere Unterkunft spricht doch eine deutliche Sprache, oder etwa nicht?"
"Sehen wir etwa aus wie Attentäter?", fragte Lothar und verschränkte die Arme vor der Brust.
"Man kann nie wissen, Genosse Oberst. Oder würden Sie sich für jeden Ihrer Spieler verbürgen?
Lothar presste die Lippen zusammen.
"Das tue ich in der Tat", knurrte er. "Und zwar blind."
Mychailowitsch lächelte.
"Ihr Wort ehrt Sie, aber das genügt uns nicht", meinte er. "Sie werden sich wohl nach einer anderen Trainingsstätte umsehen müssen."
Neben Gotthold tauchten die anderen Feldspieler auf.
"Es gibt aber keine andere Spielstätte!", rief Overbeck und schob sich durch die anderen nach vorn.. "Oder sollen wir etwa in den minenverseuchten Parks und Ruinen trainieren?"
Mychailowitsch hob abwehrend die Hände.
"Die Fifa hat dem Wunsch des Genossen Borodinow entsprochen", antwortete er. "Der Rest ist nicht unser Problem."
"Es sind Ihre Minen und Bomben und sonstige Sprengfallen!", brummte Kleinhans, doch Mychailowitsch schüttelte den Kopf.
"Für die sie bereits fünf Jahre Zeit hatten, sie wegzuräumen."
"Selbst wenn jeder Soldat ausgebildeter Sprengmeister wäre", zischte Lothar, "und wir das nötige Gerät dafür hätten, bräuchten wir noch immer JAHRE dafür."
"Dann fangen sie schon mal an ..., anstatt hier herum zu stehen, versteht sich."
"Sie können von Glück sprechen, dass der Krieg vorbei ist", knurrte Lothar und ballte wütend die Hände zu Fäusten.
"Ach ja? Was würden Sie denn sonst tun?"
Ein EMW tauchte neben dem Bus auf und hielt mit quietschenden Reifen. Die Türen schwang auf und Colonel Pierre Davignon stieg in Begleitung des alten Herrn Amann aus.
"Ich würde Sie und Ihre ach so feinen Genossen in die sibirische Wüste jagen", rief Lothar und trat einen Schritt auf Mychailowitsch zu. "Wo sie definitiv hingehören!"
Der Kopf der Oberst erhoben, der vom Mychailowitsch nach unten gesenkt - die bebenden Nasenspitzen berührten sich fast.
"Warum nehmen sie nicht gleich eine Uranbombe?", zischte der sowjetische Trainer.
"So wie sie?"
"Das Volk der UdSSR hat sich dieser Waffe nur in höchster Not bedient." Er schnaufte. "Als Leningrad vom Antlitz der Welt getilgt wurde."
"Leningrad wurde aber 'danach' bombardiert. Von Not kann ..."
Der Colonel kämpfte sich durch Lothars Männer.
"Das reicht meine Herren!", befahl er. "Und zwar endgültig!"
Stille, dann schmunzelte der sowjetische Trainer.
"Endlich jemand, der die Sache im Griff hat, wie sie doch so schön sagen - oder?"
"Sie!", rief Davignon und zeigte auf Mychailowitsch. "Sie haben das Stadion als Trainingsstätte."
"Bitte was?", rief Lothar und wandte sich erstaunt zum Colonel. "Das k-"
"Schweigen Sie!"
"Und wo sollen wir denn bitte schön trainieren?"
"Das zeige ich Ihnen schon noch, Herr Krieger", knurrte Davignon und zeigte auf den Bus. "Und jetzt: aufsitzen." Er klatschte in die Hände. "Los los los!"

***


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Beitrag #16 |

RE: Countdown
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit

Die alte Frau stand in der Toilette und schaute sich ihren Zwilling im Spiegel genau an. Auge in Auge. Die weißen Haare, lockig, reichten ihr nur noch bis zum Nacken. Auf ihrem Kopf einige lichte Stellen, an denen sich die Haare zurückgezogen hatten.
Die Stirn bestand aus mehr Falten, als ihr lieb war. Die Haut selbst pergamentartig, trocken, rau. Die Nase stand seit fünf Jahren schief, als sie in Panik auf einer Eisscholle ausgerutscht war. Selbst die Lippen wirkten nur noch wie Striche in der Landschaft ihres Gesichtes. Nur ihre Augen hatten den Glanz früherer Tage nicht verloren. Schwarze Planeten in einem kleinen Universum aus blauen Funkelsternen. Umgeben von einem reinen Weiß, das für ihr Alter ungewöhnlich war.
Sie löste sich von ihrem Zwilling, griff nach dem Handtuch und trocknete ihre Hände. Dann drehte sie sich um, öffnete die alte Holztür und fand sich im Treppenhaus wieder. Braune Stufen, in der Mitte abgewetzt. Selbst das Geländer verblätterte allmählich. Von unten stieg ihr der Geruch von Infektionsmitteln, frischer Farbe und Reinigungszeug in die Nase.
Sie griff nach dem Handlauf des Geländers und stieg die tiefen Stufen hinauf. Langsam, Schritt für Schritt.
Auf der nächsten Etage links und rechts weiße verglaste Türen. Weiß, dominierend im Haus. Manchmal abgebröckelt und verschämt neu gestrichen, verputzt, oder durch Schränke und Bilder aus den Blicken verbannt. Über den Türen hingen Schilder: Pflegestation und Kinderstation.
Links die alten Großmütter und -väter, rechts die überlebenden Enkel. Links die Alpträume, rechts die zerstörten Kinderträume. Dazwischen lag nur der Treppenabsatz zum nächsten Stockwerk, und unsichtbar die verlorenen Jahre.
Sie wandte sich mit ihren Gedanken ab, wollte die nächsten Stufen erklimmen, die für eine alte Frau wie sie Berge darstellten, als sich die Tür der Kinderstation öffnete.
"Martha!", rief die Frau im weißen Kittel. "Willst Du wieder aufs Dach hinauf?"
Die Angesprochene verharrte, drehte sich um und erkannte Annemarie, die die Hände in die Hüften stützte und sie kopfschüttelnd anschaute.
"Ich habe Mittagspause", antwortete Martha. "Willst Du mit?"
Annemarie schaute auf die große Wanduhr, dann nickte sie.
"Warum nicht?", meinte sie und hakte sich erschöpft bei Martha ein. "Ein bisschen frische Luft tut gut."

***

Königsberg-Altstadt, Kantstraße

Der Regen hatte sich zwar zurückgezogen, aber die Wolken standen immer noch dicht gedrängt vor dem Himmel und sperrten den Tag aus. Keine warmen Sonnenstrahlen, es blieb für die Jahreszeit sehr kalt. Trotzdem musste sich der Bus durch die Menschen auf den Straßen kämpfen, die vor den leeren Geschäften standen und wütend protestierten.
Rechts neben dem Fahrer saß Lothar und schaute seufzend auf die Menschenmassen, als der alte Amann neben ihm auftauchte und sich krampfhaft festhielt.
"Darf ich?", fragte er und deutete auf den freien Platz neben Lothar.
"Natürlich." Lothar rutschte nach rechts weiter. "Setzen Sie sich."
Der alte Mann ließ sich langsam in das Polster sinken.
"Danke", sagte er und zeigte nach draußen. "Es wird schlimmer, nicht?"
Lothar nickte.
"Nicht mehr lange", flüsterte er, "und sie werden sich nicht mehr durch die Waffen zur Besinnung bringen lassen."
"Glauben Sie, dass das Spiel etwas daran ändern wird?"
"Nein, wieso fragen Sie?"
"Weil der Admiral daran glaubt."
Lothar winkte ab.
"Fußball ist ein Spiel", meinte er. "Und wie im alten Rom dient es nur dazu, die Bevölkerung ruhig zu stellen."
Der alte Mann schmunzelte und zeigte mit dem Daumen nach hinten.
"Das sehen die Dortmunder Kerls garantiert anders."
"Ich kann es ihnen auch nicht verübeln." Lothar seufzte. "Sie haben keine Heimat mehr, kein Zuhause. Sie sind Waisen in einem fremden Land."
Amann nickte schwer.
"Haben Sie Familie?"
"Ich bin verheiratet", sagte Lothar und drehte an seinem goldenen Ring. "Wir haben einen Sohn, achtzehn Jahre."
"Und sonst?"
Lothar lachte.
"Und den Major, den Sie kennen gelernt haben: Joseph, der mich schon seit Jahren begleitet."
"Sonst niemanden?"
Lothar schüttelte den Kopf, als der Bus den Platz vor dem Busbahnhof erreichte.
"Nein, wir kamen 1918 aus Namibia nach Deutschland. Mein Vater ist im Großen Krieg gestorben. Meine Mutter habe ich nie kennen gelernt. Wieso fragen Sie?"
Amann nickte gedankenverloren.
"Krieger, der Name ist zwar imposant, aber dennoch spärlich vertreten."
Lothar schaute den alten Mann verwundert an.
"Spärlich?", fragte er und schmunzelte. "Ich bin vor dem Krieg viel durchs Reich gekommen, habe aber niemanden sonst gefunden."
"Hier in der Stadt lebte eine Familie mit ihrem Namen ..."
Lothars Kopf drehte sich abrupt zum alten Mann.
"Sind Sie sicher?"
Amann lachte und tippte sich an die Schläfe.
"Ich bin zwar alt, aber mein Hinterstübchen funktioniert noch tadellos."
"Sie sagten: eine Familie. Erzählen Sie!"
Amann nickte.
"Albert und Edeltraud Krieger, wohnten oben im vornehmen Maraunenhof. Sie hatten eine Tochter. Anna."
Seine Augen verloren sich ins Gestern. "Ja. Die Anna. Konnte besser französisch sprechen, als die Franzosen ..."
"Herr Amann!"
"Ein wundersames Fräulein. Sie hatte eine besondere Art, ein einfühlsames Wesen. Ein unglaublich starker Wille das zu bekommen, was sie sich von Herzen wünschte."
Schweigen, dann hellte sich Amanns Miene ein letztes Mal auf.
"Und Geschichten konnte Sie erzählen, mit fabelhaften Wesen in magischen Welten. Ich glaube, Sie wäre eine begnadete Schriftstellerin geworden."
Der Bus ruckelte auf der maroden Fahrbahn der Tragheimer Kirchstraße an den Ruinen des Universitätsinstitutes vorbei weiter in Richtung Süden.
"Gut, dass Joseph nichts davon weiß", murmelte Lothar vor sich hin.
"Wie bitte?"
"Nichts", antwortete der Oberst, als aus der Ferne bereits der Fluss zu sehen war. "Was ist mit ihnen passiert?"
Amann schluckte schwer und fuhr sich mit der Hand über den Mund.
"Die Russen", sagte er nur. "Die Russen ..."

***

Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne, am östlichen Stadtrand nahe der Demarkationslinie

Der Major schaute kalt zurück.
"Ich bin nicht dazu geboren, Sie zu verhören?"
"Schau Sie sich doch an, Ihre Haut ist schwarz, meine weiß."
Stille.
"Ist das ein Problem?"
"Natürlich", antwortete Heinrich. "Ich weiß, Sie sind nicht hier geboren worden und hatten demnach keine Wahl, was die Farbe Ihrer Haut betrifft."
"Ganz richtig."
"Allerdings halte ich Ihnen Zugute, dass Sie scheinbar zivilisiert worden sind."
Der Major hob eine Augenbraue und presste die Lippen zusammen.
"Zivilisiert." Joseph spuckte das Wort aus, wie schales Bier. "So so."
"Auch wenn ich nicht verstehe, warum."
"Für Sie bin ich wohl nur ein Neger, der nicht in dieser Uniform stecken dürfte."
"Dafür können Sie nichts." Heinrich zuckte mit den Schultern. "Es ist ein Fluch der heutigen Zeit, dass alle Rassen aufbegehren und sich gleichermaßen als Krone der Schöpfung ansehen. Das Gleichgewicht gerät dadurch außer Kontrolle."
"Das ... Gleichgewicht?"
Heinrich nickte.
"Sehen Sie, selbst die zivilisierteste Rasse kann sich nicht so hoch entwickeln, wenn sie nicht andere Hilfsvölker unter sich hat, die ihr dabei helfen."
Schweigen. Dann richtete sich der Major auf.
"Ich nenne das Unterdrückung."
"Das mag so aussehen, ja."
"Das sieht nicht nur so aus, Herr Heinrich. Es. Ist. So."
"Nein. Sie verstehen das nicht. Die edelsten und talentiertesten Menschen können sich nur deswegen derart weiterentwickeln, weil ihnen die primäre Arbeit abgenommen wird", sagte der Gefangene. "Und wieso Unterdrückung? Im Gegenteil - diese Hilfsvölker brauchen dafür grundlegendes Wissen."
"Grundlegend." Die Augen des Majors verengten sich zu Schlitzen. "Aber nicht mehr."
Heinrich zuckte mit den Schultern.
"Ich wüsste nicht, wofür beispielsweise ein Studium, oder ..." Er unterbrach sich und nickte zur Uniform des Majors. "... eine Offiziersausbildung dienlich sein könnten. Für eine landwirtschaftliche Betätigung braucht man dies nicht."
Der Major schüttelte den Kopf.
"Ich denke, das reicht", sagte er. "Rechtsbeistand ist nicht möglich."
"Ich habe aber einen Anspruch darauf!"
"Aufgrund des besonderen Lage der Sonderzone Ostpreußen fällt die Anhörung unter geltendes Militärrecht."
"Sie verstehen es wirklich nicht", murmelte der Gefangene, während der Major sich wieder über die Akte beugte.

***

Königsberg-Kneiphof, Krämerbrücke

Der Bus fuhr über die Brücke auf die zerstörte Insel, die von den beiden Pregelflüssen eingeschlossen war. Außer der ausgebrannten Hülle des Doms, die nur noch der Schatten seiner selbst war, fristeten einige Häuser ihr Dasein als eingestürzte Ruine weiter, während die anderen Gebäude bereits abgetragen waren.
Die Silhouetten rauschten stumm an den Fenstern vorbei, als sie über die Grüne Brücke wieder von der Insel fuhren und bogen nach rechts auf die Friedrichsburgerstraße in Richtung Hafen.
"Wo zum Teufel fahren wir hin?", fragte Lothar den Colonel, der auf dem Sitz hinter dem Fahrer Platz genommen hatte.
"Warten Sie es doch ab", murmelte Davignon, als der Bus in einem Halbbogen unter den Eisenbahnschienen fuhr, die links vom Hauptbahnhof kamen und rechts über die Reichsbahnbrücke weiter nach Norden führten. Die Straße machte schließlich einen Schwenk direkt nach Süden und trug fortan den Namen Hafenstraße.
"Hier ist aber nichts!", murrte Lothar und nickte zu den Schienen, die links vom Bus parallel zur Fahrbahn verliefen. "Hier geht es nur zum Hafen, Davignon."
"Das ist korrekt, Herr Oberst", sagte der Colonel und schmunzelte, während sie am Freihafen vorbeifuhren. "Sehr abgeschieden, nicht wahr?"
Die einst glatte Asphaltdecke hörte abrupt auf und schlagartig fing der Bus unter dem alten Kopfsteinpflaster an zu schaukeln.
"Meine Güte!", entfuhr es Lothar. "Und ich dachte schon, die Lomse wäre schlimm."
Amann neben ihm lachte und zeigte auf die wenigen intakt gebliebenen Häuser, deren Dächer sich fast ausnahmslos nach dem Erdgeschoss in die Höhe erstreckten.
"Was meinen Sie wohl, warum dieser Teil den Namen 'Nasser Garten' trägt", sagte der alte Mann. "Dagegen ist die Lomse so trocken wie eine Wüste."
Nacheinander rauschten die einzelnen Stichstraßen zwischen den Hafenbecken vorbei. Hamburger, Bremer und die Wilhelmhavener Straße. Schließlich ein altes Schild, das mit einem Pfeil nach 'Contienen' wies.
Kurz danach passierten sie die Einfahrt zur Schichauwerft, wurden langsamer und holperten über Schienengleise und notdürftig geteerten Asphalt zum Flussufer. Erst tauchte ein Schwimmkran auf, dann schälte sich ein massiver Rumpf mit einem Flugdeck und einem hohen Kommandostand vor dem Schornstein aus den Schatten der langen Hallen heraus.
"Du lieber Himmel!", rief Lothar. "Was ist das?"
Colonel Davignon blieb unbeeindruckt und winkte stattdessen einigen Werftarbeitern zu, während das Gemurmel der Feldspieler hinter ihnen verstummte. Alle hingen sie mit den Nasen an den Fenstern und starrten staunend hinaus auf den nicht endenwollenden Rumpf.
Der Bug reckte sich gebieterisch in die Höhe, als der Bus neben dem Flugzeugträger hielt. Über dem Namensschild Graf Zeppelin hatten die Werftarbeiter ein weiteres Schild angebracht:
Offizielles Fifa-Trainingsgelände des VfB Königsberg.
"Das ist nicht ihr Ernst", murmelte Lothar und drehte sich kopfschüttelnd zu Davignon um. Doch der Colonel stand auf und klatschte wieder in die Hände.
"Aussteigen!", rief er. "Der Tag ist kurz genug und muss ausgiebig genutzt werden."

Sie standen vor der Steuerbordseite, schauten etliche Meter nach links und rechts. Eine hohe Wand aus Stahl, über der Wasserlinie, die einige Meter über dem Wasser lag, eine Wulst, die sich mittig über die Seite erstreckte. Buchten, die für Rettungsboote bestimmt waren, standen leer. Die Erker der geplanten Geschütze waren mit Stoffplanen und Holzbrettern dichtgesetzt.
Lothar, Amann und die Feldspieler hatten den Kopf in den Nacken gelegt und starrten am Rumpf hinauf zum Kommandostand und dem Schornstein, die die hohen Hallen der Schichauwerft um ein Vielfaches überragten und beinahe den Himmel zu berühren schienen.
"Hier werden sie sich auf das morgige Spiel vorbereiten", sagte der Colonel und zeigte auf den Steg, der vom Kai steil hinauf zu einem Schott knapp über die Wulst der Steuerbordseite führte. "Alles Weitere unter Deck. Auf gehts!"

Sie rannten den Steg hinauf, traten durch die Luke ins Innere ein. Ein Geruch aus Metall und Öl schlug ihnen entgegen. Die Wände weiß gestrichen, ein Wegweiser neben einer steilen Stiege. Flugdeck mit dem Pfeil nach oben, Hangar I nach rechts und Mannschaftsunterkünfte nach unten.
Sie hechteten den niedrigen Gang nach rechts, liefen durch mehrere Schotts, bis sie schließlich den mehrere Meter hohen Hangar betraten, der sich über die gesamte Schiffsbreite erstreckte.
Doch anstelle von Flugzeugen waren weiße Striche auf dem Boden zu sehen. Ein aufgemaltes Fußballfeld. Mittellinie, Abstoßpunkt, Strafraum. Neben dem Feld hinter einem dichten Netz Bänke, mehrere Liegen mit Schlafsäcken, daneben Seesäcke mit ordentlich gefalteten Sportanzügen oben drauf.

Die Männer flüsterten leise untereinander, schauten sich beeindruckt, aber unsicher um. Schließlich trat der Oberst vor und wandte sich an den Colonel.
"Das Feld ist zu klein", sagte er. "Aber ich nehme an, dass Ihnen dies wohl bekannt ist."
Davignon nickte.
"Ich weiß, aber so können sie mit zwei Gruppen trainieren", meinte er und zeigte nach oben. "Und dadurch, das die beiden Zwischendecks noch fehlen, können sie sogar hoch schießen."
"Aber nicht weit!", rief Overbeck von hinten und Kleinhans neben ihm nickte. "Der Oberst hat ganz Recht!"
Bevor Davignon etwas entgegnen konnte, betrat der Admiral das Hangardeck.
"Achtung!", befahl der Colonel, doch Rheinhardt winkte ab.
"Ganz ruhig", rief er und winkte ab. "Ohne Meldung!" Er schaute nacheinander jeden der Männer an und blieb schließlich bei Lothar hängen. "Ich hab Ihre beiden Untergebenen aus der ärztlichen Fürsorgepflicht retten können, Oberst Krieger." Er deutete schmunzelnd mit dem Daumen auf die beiden Gestalten, die hinter ihm durch das Schott stiegen und von einem Dritten begleitet wurden. "Und mit dem Obergefreiten Manuel Bednarz wäre die Mannschaft jetzt wohl vollzählig - oder?"
Lothar nickte, als er Jelena Wolkowa und Heinz Schirmschok neben dem Neuen erkannte.
"Und bevor ich es vergesse", sagte Rheinhardt und zeigte auf den Hauptfeldwebel. "Da dies eine Männermannschaft sein soll, wir aber personell dünn besetzt sind, wird Frau Hauptfeldwebel bis auf Weiteres mit 'Herr Jelen Wolkow' angesprochen. Habe ich mich klar ausgedrückt?"
Niemand entgegnete etwas. Alle nickten nur. Dann breitete der Admiral seine Arme aus und schaute erwartungsvoll in die immer noch überraschten Mienen.
"Und, meine Herren?", fragte er. "Zufrieden mit dem Trainingsgelände?"
Der Oberst starrte den Admiral kopfschüttelnd an.
"Mit Verlaub: Das ist ein Scherz, oder?"
Stille durchzog den Hangar, als die Frage des Oberst verklungen war. Der Befehlshaber der Wehrkreises und der ehemalige Regimentskommandeur schauten sich nur stumm an. Drei Augen, zwei Duellanten. Schließlich stieg eine weitere Person durch das Schott und betrat das Deck. Strubbeliges Haar, eine Celluloid-Brille auf dem Nasenrücken und eine schwarze Aktentasche unterm Arm geklemmt. Verwundert blickte er sich um.
"Meditieren sie im Stehen?", fragte er. "Oder ist die Zeit erstarrt?"
Einige der Männer schmunzelten, während der Colonel nur mühsam ein Lachen herunterschlucken konnte.
Der Admiral ignorierte die beiden Fragen.
"Ich möchte, dass sie mir alle ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit widmen", rief er und zeigte auf den jungen Mann mit der Brille. "Das hier ist Wilhelm Wiedemann. In seiner Tasche befinden sich die Dossiers der sowjetischen Spieler. Zur Information: Alle, die hier in Königsberg sind, haben auch an den Spielen davor teilgenommen."
Er schaute mit seinem Auge von Lothar zu Gotthold, Kretschmer und Golz, dann zu Kleinhans, Overbeck und den jungen Gefreiten Trowe, Stiebig, Neuhaus und Ströker.
"Sie werden die Dossiers studieren, auswerten und als Grundlage für ihre Taktik verwenden." Er verschränkte die Arme vor der Brust. "Desweiteren steht ihnen das gesamte Schiff zur Verfügung, um sich ausgiebig vorzubereiten. Spielbeginn ist morgen um Null Neun Hundert." Er holte tief Luft. "Und bis dahin will ich, dass sie fit genug sind, um die Russen gehörig in den Arsch zu treten - habe ich mich klar genug ausgedrückt?
"Jawohl, Herr Admiral!"
Er nickte zufrieden.
"Sorgen, Nöte, Ängste?"
Eine Hand hob sich.
"Ja, Stiebig?"
"Bei allem Respekt - warum ist dieses Spiel so wichtig?"
"Es geht hier nicht nur darum zu beweisen, dass der Kommunismus nichts kann." Der Blick des Admirals wurde kalt. "Morgen um 9 Uhr werden sich die Augen der Welt auf das Stadion richten und uns dabei zusehen, wie wir - trotz Hungers, trotz Blockade, trotz fehlender Nationalmannschaft - das Spiel bestreiten können."
"Die Russen sind stark, Admiral", meinte Trowe. "Sie stehen nicht grundlos im Halbfinale."
Wiedemann räusperte sich.
"Sie sind schlagbar." Er klopfte nickend auf seine Tasche. "Definitiv."
"Aber selbst wenn wir gewinnen - einen Sieg kann man nicht essen!"
Der Admiral winkte ab.
"Lassen sie das meine Sorge sein. Noch Fragen?"
Niemand meldete sich.
"Gut meine Herren. Vergessen sie eine Sache niemals: Sie kommen aus Dortmund. Sie haben von Geburt an Fußballfieber im Blut - und morgen zeigen sie es auf dem Platz, verstanden?"

***


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Beitrag #17 |

RE: Countdown
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit

Auf dem Dach des Krankenhauses saßen Martha und Annemarie auf einer alten Holzbank, die bereits bessere Tage gesehen hatte und schauten über den länglichen Schlossteich, der sich unweit des Krankenhauses nach links und rechts erstreckte.
Die Wolken hingen abermals tief über der Stadt, doch sie schienen ihre Tränen bereits verregnet zu haben. Es blieb seit Tagesanbruch trocken, nur der Wind pfeifte unverändert um ihre Ohren und wisperte ein wortloses Lied.
Links die Kommandantur, im Hintergrund die Ruine des Schlosses. Neben dem ausgebrannten Turm reckte sich die Spitze des Doms auf der Kneiphofinsel in die Höhe. Weiter nach rechts konnte man die beiden Pregelarme erkennen, die sich im Hundegatt trafen. Die Boote lagen vertäut am Kai, die Frachtschiffe verlassen daneben. Stauer waren als kleine Punkte zu erkennen, die seelenruhig auf den Poldern saßen. Der Tag schien eher an einen Sonntag zu erinnern, denn an Mittwoch.
Rechts neben den Überresten des Schlosses konnte man weit bis nach Amalienau schauen. Das Dach des backsteinroten Medizinalen Untersuchungsamtes schimmerte zwischen den Baumkronen hervor, davor das Stadion. Im Park davor wehten von den Fahnenmasten die schwarz-rot-goldene Nationalflagge, umgeben von den roten Fahnen der Schweiz und der UdSSR.
Der Eingang zum Park wurde verdeckt vom Postgebäude, indem auch die Stadtverwaltung untergebracht worden war. Anschließend eine abgerissene Ruine, die letzten Trümmerstücke lagen verwaist auf dem Platz. Dahinter der Vorplatz zum Nordbahnhof, rechts daneben die eingefallenen Hallen der alten Ostmesse. Die intakten Gebäude im Hintergrund wurden von Flüchtlingen bewohnt, die auf einen Transport zur Küste warteten, um von dort ins Reichsgebiet gebracht zu werden.
"Die Stadt sieht noch immer übel aus."
"Sie sieht besser aus, als vor fünf Jahren, Annemarie."
"Ich weiß." Sie seufzte. "Als ich das erste Mal hier oben saß, wehte mir Leichengeruch entgegen. Aufgedunsene Körper trieben halbversunken im Schlossteich und Kinder fischten mit Handgranaten. Schrecklich."
"Das ist vorbei."
"Ja. Aber wie lange braucht ihr noch, bis die Stadt ihren alten Glanz wieder bekommt?"
"Wieso wir?", fragte Martha erstaunt. "Du bist doch genauso gut ein Teil der Stadt, wie alle anderen auch."
"Ich komme aber nicht von hier."
"Na und? Hier leben soviele emigrierte Russen und Litauer, Namibier, Italiener - da ist für Dich auch ein Platz dabei."
Annemarie schwieg.
"Außerdem ist es unerheblich, sie wird wieder stehen", meinte Martha nach einer Weile. "Sie ist noch nie untergegangen."
"Aber sie wird keine Zukunft haben." Annemarie schaute auf die Narben in den Straßen, die gesperrte Stadtteile. Minen- und Bombenwarnschilder. Und Krater - nur teilweise zugeschüttet. "Ich glaube, das ganze Land hier hat keine Zukunft."
"Das Reichsgebiet hat es schlimmer getroffen. Da stehen die meisten Städte nur noch dem Namen nach." Die alte Dame seufzte. "Und in den Herzen der Menschen dort sieht es nicht besser aus. Niemand will bei der Stasi gewesen sein. Niemand hat Ulbricht begeistert bejubelt. Verleugnung, gepaart mit den Schrecken eines nicht zuende gefochtenen Krieges."
"Glaubst Du, hier ist es anders?"
"Ich kann auch nur schwer die Vergangenheit ausblenden - vor allem nachts." Die alte Dame rieb sich gedankenverloren die nervösen Hände, dann schaute sie nach Südosten. "Da hinten haben meine Eltern und ich gewohnt, da habe ich mit meinem Bruder Verstecken gespielt ..., und dort beim Sägewerk auf der Lomse war Albert am arbeiten."
Annemarie folgte dem Blick.
"Da wohnen wir", sagte sie und zeigte auf das Haus. "In einem Haus mit hohen Decken."
"Die städtische Badeanstalt."
Annemarie wandte sich erstaunt zu ihrer älteren Kollegin.
"Bitte?"
Martha schmunzelte.
"Damals war Waschen und Duschen noch nicht so ausgeprägt, wie heute. Und irgendwann hat die Stadtverwaltung für die Werksangehörigen das Haus gebaut."
"Ich wohne in einer Badeanstalt?"
"Ja. Ist eines der Häuser, die so fest und stark gebaut worden sind, damit sie auch das Ende der Welt überleben." Die alte Frau rollte mit den Augen. "Und darüber hinaus."
"Hattet ihr eigentlich Kinder?"
Martha schwieg und ihr Gesicht entspannte sich.
"Verzeih, ich ..." Annemarie hob entschuldigend ihre Hände. "Tut mir Leid."
"Sie sind alle von dieser Welt gegangen." Die alte Frau senkte den Kopf. "Ich hoffe immer, dass sie es nun besser haben, als wir hier."
"Ach Martha ..., verzeih mir." Annemarie schluckte schwer. "Die versteckten Narben der letzten Jahre sind einfach überall!"
Die alte Dame seufzte.
"Zwei Regeln habe ich für mich festgelegt", meinte sie. "Verzeihen und vergessen, frei nach Kants kategorischem Imperativ: Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
"Und die andere?"
"Manchmal muss man den eigenen Standort verändern, sich drehen, damit man auch die schönen Seiten wieder sieht."
Annemarie schaute sie erstaunt an.
"Den eigenen Standort verändern?" Sie stand auf und drehte sich zur Ostseite der Stadt um. Der Hansaring war gesperrt. Überall Warnschilder, Stacheldrahtrollen, Panzersperren. In den ehemaligen Festungsbunkern saßen Soldaten und hielten Wache.
"Da drüben sieht es aber nicht besser aus", meinte sie und lächelte spitzbübisch. "Soweit zur zweiten Reg-" Ihre Augen weiteten sich und ihre Gesichtszüge schienen zu vereisen.
Martha tauchte an ihrer Seite auf und schaute mit ihr auf die Kronprinzkaserne, die von oben aussah, wie ein großes D.
"Was ist los?"
Die jüngere Frau schwieg und ihr Mund begann zu zucken.
"Hast Du Deine Sprache verloren?"
Annemaries Augen entrückten sich.
"Verdrängte Narben", murmelte sie und starrte durch die Kronprinzkaserne hindurch, während sie im Wind standen.

***

Königsberg-Contienen, Schichauwerft

"Das geht auch schneller!", rief der Oberst, während er und seine Männer hinter ihm durch den niedrigen Schiffsgang an den offenen Schotts vorbei liefen. "Noch langsamer und sie reisen in die Zeit zurück!"
Dämmrig, nur jede dritte Leuchte war intakt. Mannschaftskojen mit sechs Betten, jeweils zwei übereinander. Unbenutzt, kein Laken lag auf den Matratzen. Die Bullaugen matt und milchig. An den Seiten dicke und kleinere Rohre, flankiert von alten Feuerlöscheimern. Es roch nach Rost und Schimmel, doch je näher sie der Schiffsmitte kamen, desto mehr schlich sich der Geruch von Maschinenöl ein.
Die Köpfe ein wenig eingezogen, die Beine steckten in den kurzen Sporthosen, während sie weiter liefen.
"Arme und Beine ergeben eine rotierende Scheibe!"
Neun Mann hinter dem Oberst hinterher. Niemand antwortete, nur ein mehrkehliges Hecheln war zu hören. Am Ende des Niedergangs eine steile Stiege, die nach oben und unten führte. Daneben ein Schild. Neben dem Pfeil auf das obere Deck stand in verwitterten Buchstaben: Mannschaftsmesse, auf dem Pfeil nach unten Maschinenraum.
Ohne zu zögern griff er nach dem Handlauf und stieg die kurzen Stufen hinauf. Die Zwischendecks schossen an seinem Kopf vorbei, während seine Sportschuhe in schneller Folge auf das alte Metall traten. Schwer atmend stützte er sich mit den Armen auf dem nächsten Deck ab und schaute für den Bruchteil einer Sekunde nach unten. Seine Männer folgten ihm, doch der nächste befand sich erst in der Mitte der steilen Stiege.
"BEWEGUNG!", brüllte er, sprang auf das Deck und lief weiter. Das nächste offene Seitenschott tauchte aus der Dunkelheit auf. Ein kurzer Blick hinein, als er daran vorbei lief. Die Mannschaftsmesse war nur ein großer leerer Raum. Im Hintergrund die Theke mit der Verpflegungsausgabe, ansonsten keine Tische, weder Bänke noch Stühle. Der Boden mit den unlackierten Metallplatten wirkte, wie das ganze Schiff, unfertig. Mitten im Bau abgebrochen.
Langsam zählte er im Kopf seine Schritte. Nach zweien immer ein Meter. Ein Blick nach oben. Unter der Decke befanden sich alle paar Meter eine Querstrebe mit den aktuellen Standorten. Steuerbordseite, Spantnummer und die jeweilige Abteilungszahl.
Spant 181, Abteilung III, dachte er. Ziemlich weit vorne.
Von vorne glühten Funken auf. Als er näherkam schälten sich zwei Gestalten aus der Dunkelheit heraus, die mit einem Schweißgerät an der Schiffswand arbeiteten.
Er tippte kurz zum Gruß mit der Hand an den Kopf und lief weiter auf die nächste Stiege zu. Er hielt sich mit den Armen fest, schwang die Beine auf die Handläufe und rutschte einfach hinunter. Mit einem Ächzend landete er auf dem unteren Deck, drehte seinen Kopf nach oben, als sein Hintermann sich ebenfalls anschickte, die Stiege herunterzurutschen.
"VORWÄRTS, BIS DIE LUNGE PLATZT!", schrie er, drehte sich um lief weiter. Hinter den offenen Luken auf dem Deck waren keine Kojen, nur nackte Metallregale, zwischen denen sich Spinnweben ausgebreitet hatten.
Vor ihm tauchte das breite Doppelschott auf, das den Niedergang vom Hangar trennte. Zwischen dem Spalt wand sich helles Licht hindurch. Schwer nach Atem ringend drückte er die beiden Türhälften zur Seite und trat ein. Das Herz klopfte und pumpte das Blut rasend schnell durch den Körper. Sein Rücken schmerzte und ein spitzer kleiner Stich pochte irgendwo unterhalb des linken Lungenflügels - doch er ignorierte es.
Während er sich für einen Moment mit den Händen auf den Oberschenkeln abstützte, bemerkte er Wiedemann, wie er abseits des aufgemalten Fußballfeldes auf der Bank saß und sich über seine Dossiers beugte.
Nachdenklich tippte er mit einem Stift gegen seine Lippen und bemerkte Lothar erst, als dieser bereits neben ihm stand.
"Ah, Herr Oberst", sagte er und richtete sich auf. "Übrigens einen schönen Gruß von den Werftarbeitern."
"Danke, wieso?"
"Sie haben hier irgendwo über uns ..." Er drehte sich um, schaute nachdenklich zur Decke des Hangars hoch und zeigte wankend nach oben. "Ich glaube, ... hm."
"Herr Wiedemann?"
"Ja?"
"Was haben die Werftarbeiter ...?"
"Oh, ja. Sie haben die Waschräume im Mannschaftsbereich der Flugzeugwartung hergerichtet. Fließendes Wasser!"
"Ist ja fast wie im Hotel Adlon."
"Und die Unterkünfte sind auch nutzbar."
"Das sind Kojen, Wiedemann. Kojen in Kammern."
Der junge Mann zuckte mit den Schultern.
"Schiffe sind nicht mein Leben - ich bin froh, wenn ich hier wieder raus kann."
"Morgen", meinte der Oberst und nickte zu den Dossiers. "Und? Schon einen Plan?"
Wiedemann nickte zögernd.
"Grob, aber ja", sagte er. "Einen großen Vorteil habe ich bereits herausarbeiten können."
"Und der wäre?"
Wiedemann schmunzelte.
"Entweder sind die Tore in den zurückliegenden Spielen durch Standardsituationen entstanden, oder durch reine Fehler der gegnerischen Abwehr."
"Gut. Und?"
"Sie spielen mehr für sich selbst, als zusammen."
"Ich kann Ihnen gerade nicht folgen", meinte Lothar, als seine Männer nacheinander durchs Schott in den Hangar kamen, sich schnaufend an die Wand lehnten oder auf den Boden sanken.
"Nun, sie spielen eher wie Einzelkämpfer, aber nicht wie eine Mannschaft. Es sind einfach nur elf Spieler, die das gleiche Leibchen tragen."
"Was schlagen Sie vor?"
Wiedemann lachte.
"Wir spielen so, wie ein Kollektiv spielen sollte. Zusammen."

***

Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne, am östlichen Stadtrand nahe der Demarkationslinie

"Nach Kriegsbeginn haben Sie im besetzten Reichsgebiet mit ihren paramilitärischen Verbänden einen verdeckten Kleinkrieg unter anderem gegen die Rotfrontkämpfer und später gegen die Nationale Volksarmee geführt."
Heinrich nickte.
"Das ist korrekt. Und es wäre schön, wenn das offiziell endlich einmal honoriert werden würde."
"Ich glaube, darauf können Sie lange warten", sagte der Major und blätterte langsam weiter.
"Wissen Sie eigentlich, wie schwer es war, aus den übriggebliebenen Sturmabteilungen die schlagkräftigen Werwölfe zu bilden?" Er starrte durch den Major hindurch und in seiner Stimme schwang Stolz mit. "Gefürchtet, gejagt, verfolgt - und doch nie gestellt."
"Gefürchtet trifft es nicht ganz." Der Major nahm ein Photo aus der Akte und schob es zu Heinrich. "Franz Oppenhoff. Oberbürgermeister von Aachen."
Der Gefangene blickte abfällig auf das Photo.
"Was ist mit mit ihm?"
"Er wurde am 25. März 1945 vor seinem Haus erschossen."
"Und warum zeigen Sie mir das?"
"Die Ermittlungen ergaben, dass Werwolfeinheiten in deutscher Uniform diesen Mord begangen haben."
"Mord?" Der Gefangene schüttelte den Kopf. "Das können Sie nicht beweisen."
"Muss ich auch nicht - das wird die Oberreichsanwaltschaft übernehmen."
"Ich werde mich dazu nicht mehr äußern."
"Aber vielleicht hierzu?"
Das nächste Photo landete vor Heinrichs Gesicht. Das Bild einer Scheune, vor der unzählige verbrannte Leichen lagen.
"Gardelegen, 13. April '45", sagte der Major und tippte auf das Photo. "24 Stunden vor der Befreiung durch die 102. US-Division. Eine Kompanie Soldaten in deutscher Uniform marschierte in die Stadt ein, wurde zuerst überschwänglich begrüßt und gefeiert, bevor sie mehrere hundert Menschen verhaftete und in diese Feldscheune einsperrte. Kurz darauf wurden die Personen erschossen und schließlich verbrannt."
"Ich wiederhole mich", sagte der Gefangene. "Was hat das mit mir zu tun?"
"Laut dem Bericht der 102. US-Division, die einige der 'deutschen' Soldaten verhaften konnte, sind diese allesamt Mitglieder Ihrer verbotenen NSFP."
"Sie können mich doch nicht für jede Kleinigkeit belangen."
Der Major beugte sich vor und schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Herr Heinrich", knurrte er. "Als Vorsitzender der Partei und sogenannter Befehlshaber der Werwölfe haben Sie auch die Konsequenzen für diese Taten zu tragen!"
"Ich war am 13. April nicht einmal in der Nähe des Geschehens."
Stille.
"Da gebe ich Ihnen ausnahmsweise Recht." Der Major lehnte sich wieder zurück. "Sie befanden sich seit Januar '45 mit ihren engsten Getreuen hier in Ostpreußen."
"An vorderster Front, im Kampf gegen die bolschewistischen Barbaren", zischte er und lächelte. "Wir haben sie zuerst von hier vertrieben, lange bevor die desolate Reichswehr mit ihren Alliierten hier landeten."
"Sind Sie stolz auf diesen Kampf?" Ein weiteres Photo, auf dem ein Küstenabschnitt voller Leichen zu sehen war, landete auf dem Tisch. "Das ist am Badestrand von Palmnicken, Herr Heinrich. So, wie wir ihn bei der Einnahme der Stadt August '45 vorgefunden haben."
Heinrich schaute auf die Toten.
"Leichen", sagte er gleichgültig. "Na und?" Dann lachte er. "Meine Güte, der ganze Kontinent war damals voller Leichen."

***

Königsberg-Contienen, Schichauwerft

Im Hangar jagten zwei Gruppen dem runden Leder hinterher. Trowe, Ströker, Neuhaus und Stiebig mit Wolkowa im linken Tor, sowie auf der Gegenseite Kretschmer, Overbeck, Kleinhans und Gotthold mit dem breiten Golz als Schlussmann. Er stand in der Hocke, die Hände über den Oberschenkeln abwehrend nach vorn gerichtet, als der gegnerische Tröwe rechtsaußen zur anderen Seite flankte. Er folgte dem Ball durch die Luft, als plötzlich Neuhaus vor ihm auftauchte, den Ball mit dem Schädel in der Luft abfing und ihn unhaltbar ins Tor köpfte.
"JA!", rief Neuhaus begeistert, während Golz den Ball verärgert aus dem Netz fischte.

Auf der Bank hinter Golz' Tor saß der Oberst und machte sich auf einem Klemmbrett Notizen, während neben ihm Wiedemann aufmerksam das Übungsspiel verfolgte.
"Gut, die Halle ist definitiv zu klein", murmelte er und schaute zur sechs Meter hohen Hangardecke.
"Es ist besser, als auf dem Matschfeld im Lager."
"Vielleicht sollten wir aufs Flugdeck rauf? Da ist es doppelt so breit wie hier."
Der Oberst brummte unverständlich und legte seine Notizen beiseite.
"Was haben Sie gesagt?", fragte Wiedemann.
"Schirmschok und Bednarz sind gerade oben und schauen sich um."
Schweigend beobachteten sie, wie der große Torwart den Ball mit den Händen zurück ins Spiel warf.
"Golz!", rief der Oberst. "Nicht einfach hinein - Spiel von hinten aufbauen!"
Poppert warf den Ball zurück und Golz nickte nur. Dann ließ er ihn über den Boden zu Gotthold rollen.
"Besser", murmelte Lothar, setzte sich wieder und beugte sich zu Wiedemann. "Also, welches System?"
Der junge Mann überlegte, dann nahm er dem Oberst das Klemmbrett aus der Hand.
"Die Roten spielen ein 1-4-5-System", sagte er und malte fünf angreifende Kreise auf die obere Hälfte, vier darunter und einen einzigen als Abwehrposition. "Obwohl sie nicht wirklich gemeinsam spielen, sind die fünf Angreifer eine Gefahr. Demnach sollten wir mit einem 5-4-1-System kontern."
"Also genau das Gegenteil?"
"Wir könnten natürlich auch mit einem 3-4-3-System spielen", meinte Wiedemann. "Solange die Roten allerdings mit fünf Angreifern spielen, sollten wir nicht übermütig werden."
"So gewinnen wir aber keinen Blumentopf."
"Zugegeben", meinte Wiedemann. "Dadurch sinken unsere Möglichkeiten ein Tor zu erzielen, aber wenn wir uns mit einem Unentschieden bis zum Ende der Verlängerung retten, dann haben wir im Elfmeterschießen bessere Karten."
"Hm", machte der Oberst und drehte sich um, als Schirmschok und Bednarz durch das Schott hinter ihm das Deck betraten. "Wie sieht es aus?"
Schirmschok nickte.
"Zur Zeit windstill", sagte er. "Und die Werftarbeiter haben für uns ein 30-mal-70-Meter-Feld mit einem hohen Netz umspannt."
Der Oberst grinste zufrieden und stand auf.
"Unterbrechung!", rief er den Spielern zu. "Fünf Minuten Pause, dann sammeln!" Er beugte sich zu Wiedemann. "Gut, dann geht es gleich ab nach oben."

***

Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne, am östlichen Stadtrand nahe der Demarkationslinie

Nacheinander legte der Major weitere Photos auf den Tisch. Das tote Gesicht eines jungen Mannes in sowjetischer Uniform. Eine leblose Frau, die noch ihr Kind im Arm hielt. Ein alter Mann mit einem hässlichen Loch über der zersprungenen Brille.
"Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Königsberg, gefangengenommene sowjetische Soldaten, sogar Mitglieder der SED. Aber vorwiegend unbeteiligte Frauen und Kinder."
"Wollen Sie mir das auch anhängen?"
"Das brauche ich nicht, dafür gibt es eine Zeugin."
"Wie bitte?" Heinrich richtete sich auf. "Es hat jemand überlebt?"
Der Major nickte.
"Ja."
"Und soll mich - zweifelsfrei - erkannt haben?"
"Genau wie heute morgen gegen 3 Uhr während des Ausgehverbots, als Sie sich der Militärpolizei durch Flucht entzogen." Der Major klappte die Akte zu. "Im Keller der Psychologischen Klinik wurden verschiedene Sprengsätze sichergestellt. Zum Glück für Sie sind diese nicht explodiert."
"Glück?" Der Gefangene schüttelte den Kopf. "Besser wäre es gewesen, wenn sie gezündet hätten."
"Dann wären jetzt die Spieler der sowjetischen Nationalmannschaft entweder schwer verletzt oder tot!"
"Sie verstehen es wirklich nicht - oder?"
"Bedaure, nein."
"Die Bolschewisten sind wieder da." Die Zeigefinger seiner gefesselten Hände zeigten nach unten. "Hier, auf deutschem Boden."
"Wir sind nicht mehr im Krieg, Herr Heinrich!"
"Sie sollten sich mal hören, Sie schwarzer Teufel. Sie sind blind, Sie sehen es nicht!" Heinrich beugte sich vor. "Die-Bestien-sind-wieder-in-der-Stadt!"
"Ich verstehe Sie nicht", meinte der Major. "Und wenn ich nicht hier sitzen müsste, würde ich es auch gar nicht verstehen wollen."
Heinrich lehnte sich wieder zurück.
"Wir erweisen dem deutschen Volk einen unschätzbaren Dienst", sagte er und seine Stimme wurde leiser. "Wir säubern das Land von den unnützen Untermenschen, den Bestien, die noch nicht einmal zu Hilfsvölkern diszipliniert werden können. Den Juden, den Bolschewisten, den Zigeunern. Und den Lebensunfähigen, die das Reich vergiften. Wir nehmen die schwere Bürde auf uns, um die deutsche Rasse zu beschützen - verstehen Sie es jetzt endlich?"
"Das sind also alles Bestien - richtig?"
"Ja!"
"Nun, die einzige Bestie, die ich sehe, sitzt vor mir. Herr. Heinrich."
Der Gefangene schoss auf seinem Stuhl hoch.
"ICH BIN KEINE BESTIE!", schrie er und hob beschwörend seine gefesselten Hände. "Eine Bestie ist jemand, der einen anderen Menschen tötet. Ich habe keine Menschen getötet - auch wenn sie wie solche aussahen. Wissen Sie eigentlich, wie schwer das ist?"
Der Hall der letzten Worte flüchtete durch den Raum und versteckte sich hinter dem Licht.
Der Major rückte den Stuhl nach hinten, erhob sich und griff nach der Akte.
"Ich denke, ich habe für heute genug gehört, Herr Heinrich", zischte er und verließ den Verhörraum.

***

Königsberg-Contienen, Schichauwerft

Auf dem Flugdeck unter dem beginnenden Nachthimmel. Die Werftarbeiter von Schichau hatten ein kleines Fußballfeld mittig des Flugdecks mit weißer Farbe aufgemalt. An drei Seiten fünf Meter hohe Netze, an der vierten Seite grenzten die Aufbauten des Trägers mit dem Schornstein und dem Kommandoturm das Feld ab. Noch relativ unfertig, an der Brückennock schweißten die Werftarbeiter gerade eine Reling an. Genau in der Mitte des aufgemalten Feldes befand sich der mittlere Aufzug, der - so wurde es versichert - zur Zeit fest arretiert worden war.
"Aus der Halle aufs Flugdeck", murmelte Wiedemann. "Vielleicht sollten wir nach der Weltmeisterschaft eine neue Disziplin einführen."
Der Oberst schaute ihn überrascht an.
"Und woran hatten Sie gedacht?", fragte er und warf Gotthold den Ball zu.
Wiedemann lächelte.
"Hallenfußball", antwortete er. "Kleines Feld, weniger Spieler."
Der Oberst wartete bis Gotthold den Ball auf den aufgemalten Punkt in der Mitte der Aufzugsplattform legte und pfiff dann das Spiel an.
"Also hier oben ist es für das Leder zu windig", meinte er. "Und ich glaube nicht, dass der Generalsstab in Wunstorf darüber begeistert wäre, jährlich einen Flugzeugträger für ein Spiel abzustellen."
"Fußball verändert die Welt, Herr Oberst", antwortete Wiedemann. "Mehr noch, als es Waffen vermögen."
"Hm." Der Oberst schaute nach oben. "Es wird langsam dunkel."
Als hätte ihn jemand gehört, erschienen Werftarbeiter auf der Plattform, die um den Schornstein herum führte. Sie werkelten, fluchten - dann blitzten zwei Scheinwerfer auf und beleuchteten mit ihren beiden Kegeln das endlos lange Flugdeck.
"Die Kerls können scheinbar Gedanken lesen", meinte Wiedemann und nickte anerkennend.
"Ja, unheimlich." Der Oberst brummte etwas unverständliches, während er abwechselnd vom Spielfeld zu den nächtlichen Gestalten blickte, die geschäftig in der Brücke hantierten oder über abseits des Spiels das Deck überquerten.
"Was haben Sie gesagt?", fragte Wiedemann.
"Ich sagte: Es ist schon merkwürdig, wieviele Schichaurianer hier herum laufen."
"Wieso denn das?"
Der Oberst zeigte nach oben zur Brücke auf der Steuerbordseite, die allmählich hinter den Scheinwerferstrahlen im Dunkeln verschwand.
"Wir brauchen keine Brücke, und auch sonst nichts", antwortete er. "Unser Training würde auch ohne sie funktionieren."

***

Kurz vor Mitternacht ...
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit


Martha stand im Türrahmen und schaute in das Zimmer des Pförtners, in dem Annemarie am Tisch unter dem kleinen Fenster zum erleuchteten Eingangsbereich saß und in der Nachtausgabe der Hartungschen Zeitung las.
"Was macht ihr denn noch hier?", fragte die alte Dame und nickte zum Bett, auf dem Hendrik lag und friedlich neben einem aufgeschlagenen Büchlein vor sich hin schnarchte.
Annemarie schaute von der Zeitung auf.
"Doktor Deichmann hat mich gefragt, ob ich heute Nacht aushelfen könnte."
"Schon wieder?"
"Du kannst es Dir ja aussuchen", meinte Annemarie. "Entweder ist die Barmherzigkeit größer, oder die Zahl der Schwestern ist kleiner geworden."
"Wohl eher letzteres."
Schweigend schauten sie sich an. In ihren Gesichtern spiegelte sich die Müdigkeit wieder, während aus den dunklen Fluren im Erdgeschoss die knackenden Rohre der Heizung zu hören waren. In irgendeinem Abort schien der Wasserhahn undicht zu sein und tropfte sich durch das hellhörige Gebäude.
"Du darfst trotzden nicht zu oft hier sein", flüsterte Martha. "Der Geist kann auch durch das Bild leidender Menschen krank werden."
"Wo soll ich denn hin?", fragte sie. "Unser Zuhause ist uns fortgenommen worden."
"Ich konnte Dich auf dem Dach vorhin nicht überzeugen oder?"
"Verzeih, aber das ist nicht Sachsen. Das hier ist ..." Annemarie hob hilflos die Arme. "... immer noch ein furchtbares Land."
Die alte Dame schaute sie tadelnd an, dann lächelte sie.
"Es ist nicht furchtbar", flüsterte sie. "Du glaubst gar nicht wie schön es hier sein kann. Der strenge Winter, wenn der Pregel zugefroren ist und die Schiffe eisern in seinem Griff hält. Dann kommen die Schlittschuhe zum Vorschein. Und Jung und Alt fahren in dicken Mänteln auf dem Fluss vom Kneiphof bis zur Schichauwerft nach Contienen."
Annemarie lächelte müde.
"Lass gut sein."
Martha schüttelte den Kopf.
"Du hast es nie gesehen, wenn im Sommer - nicht so wie jetzt - die Menschen zur Schlossteichpromenade pilgern und die Kinder ins behagliche Nass stürzen." Sie trat einen Schritt ins Zimmer. "Und warte bis das Schloss wieder fertig ist, dann wirst Du das Blutgericht kennen lernen. Vertrau mir, da lernt man zu feiern."
Annemarie schüttelte den Kopf.
"Wie auch immer", meinte sie. "Lothar ist sowieso nicht da."
Martha runzelte die Stirn.
"Wo ist er denn?"
"Geheimsache." Sie ließ die Hände in den Schoß fallen. "Ich wäre sehr froh, wenn in ein paar Jahren seine Pensionierung erfolgt. Dann hätten wir endlich mal wieder Zeit für uns."
"Ihr werdet noch viele Jahre miteinander verbringen, ganz sicher."
Annemarie seufzte.
"Obwohl ich manchmal tatsächlich den Eindruck habe, dass er eher mit der Reichswehr verheiratet ist, als mit mir."
"Was ist mit Joseph?"
"Der ist auch in der Weltgeschichte unterwegs." Annemarie blickte müde zur alten Dame. "Und was machst Du eigentlich hier?"
Martha seufzte.
"Ich will nicht schlafen."
"Du willst nicht?" Sie schüttelte den Kopf. "Du solltest es aber versuchen, Martha."
"Lieber nicht."

Die Eingangstür schwang auf und ein sichtlich angeschlagener Joseph betrat den Vorraum.
"Wenn man vom Teufel spricht ...", murmelte Annemarie, stand auf und ging mit Martha um die Ecke.
Joseph stand im Eingangsbereich und schüttelte den Kopf, als er die beiden Frauen sah.
"Habt ihr noch ein Bett für einen primitiven Untermenschen frei?", fragte er, ignorierte die fragenden Blicke, gähnte und rieb sich die Augen. "Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich mir heute anhören musste."
"Wohl allerlei Unsinn", meinte Martha, während Annemarie an Josephs Ärmel zupfte.
"Es ist noch ein Bett frei", sagte sie und schmunzelte. "Im Zimmer Deines Bruders."
Joseph starrte sie erstaunt an.
"Was um Himmelswillen hat er jetzt schon wieder angestellt?"

***

Kurz nach Mitternacht ...
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit


Eine Klinke wurde leise heruntergedrückt und mit knarrenden Geräuschen öffnete sich die Tür. Mit dem dämmrigen Flurlicht des Erdgeschosses fiel der Schatten eines Mannes mit Bettzeug in das dunkle Zimmer hinein.
"Gute Nacht, Joseph", flüsterte Annemarie hinter ihm. "Wecken ist um sieben Uhr. Frühstück halb acht."
"Wecken?", murmelte der Major. "Das ist doch ein Krankenhaus ..."
"Keine Widerrede!", zischte Annemarie. "Das ist mein Revier."
Sie schob ihn ins schmale Zimmer und schloss die Tür.

Stille, wenn man vom Gluckern der Heizung absah. Die Vorhänge am einzigen Fenster nicht zugezogen, sodass das matte Licht der Innenhoflaternen ungehindert hinein gelangen konnte.
Zwei Betten senkrecht vor dem Fenster, dazwischen ein gemeinsamer Nachttisch, auf dem eine Jacke und eine Hose nebst Trägern lag. Der rechte Bett war frei, im linken lag eine Gestalt unter der Decke verborgen.
"Wenn ich mich täusche, dann ist das wohl mein kleiner Bruder", murmelte die Gestalt.
Joseph schmunzelte.
"Ich hätte nicht erwartet, Dich hier wiederzufinden, Jakob", sagte er und legte sein Zeug auf das freie Bett. "Ich dachte, Du magst keine Krankenhäuser. Was war es diesmal?"
"Meine Güte", murmelte Jakob unter der Decke. "Ein klitzekleiner Unfall bei einer Überprüfungsfahrt. Kann jedem passieren."
"Hast Du wieder versucht zu beweisen, dass ein Geländewagen auch fliegen kann?"
"Spotte Du nur!"
Joseph lachte leise, als Jakobs Kopf unter der Decke hervorkam.
"Ich komme sonst kaum aus dem Lager raus - lass mich doch."
"Du kommst nicht raus?"
"Nein." Jakob seufzte. "Blöder Papierkram. Im Krieg brauchten wir sowas auch nicht."
"Ich weiß."
Josephs Bruder richtete sich im Bett auf und rieb sich müde die Augen.
"Ist außerdem nichts Ernstes, muss nur diese Nacht zur Kontrolle hier bleiben", sagte Jakob und kratzte sich am muskulösen Oberkörper, auf dem unzählige Pflaster aller Größen neben Blutergüssen und blauen Flecken zu sehen waren. "Und was machst Du hier? Hast Du kein Zuhause?"
"Witzbold." Joseph fing an, das Bett zu beziehen. "Im Kommandeurshaus ist sowieso keiner, da kann ich mir den Weg auch sparen."
Jakob schaute zu seinem Bruder herüber.
"Ich dachte, Du wärst der Kommandeur?"
"Bin ich auch, jedenfalls vorübergehend, bis Lothar wieder verwendungsfähig geschrieben wird."
"Und was machst Du dann hier?"
Joseph warf das bezogene Kopfkissen aufs Bett.
"Ich musste eine Anhörung durchführen", antwortete er, knöpfte sich seine Feldjacke auf und legte sie ordentlich auf die Fensterbank. "Glaub mir, soviel Unsinn habe ich selten gehört."
"Unsinn?"
"Ich leite die Ermittlungen gegen einen Mann namens Heinrich."
Jakobs Augen wurden größer.
"Doch nicht der Heinrich?"
Joseph nickte.
"Ein sehr unangenehmer Zeitgenosse."
Jakob lehnte sich mit dem Rücken an die Wand.
"Genosse trifft es nicht ganz", brummte er. "Eher Bestie."
Joseph nickte, streifte sich die Träger ab und legte die Feldhose ebenfalls ordentlich neben die Jacke.
"Wie auch immer", meinte er. "Witzig, dass zwei der drei Kommandeure gleichzeitig im Krankenhaus liegen."
"Wäre gut, wenn das keiner dem Admiral erzählt", meinte Jakob. "Sonst würde ihm vor Ärger noch das andere Auge herausspringen."
Sie lachten laut auf - und kurz darauf klopfte es erst an der Tür, bevor eine alte weibliche Stimme ein 'Es ist Nachtruhe!' zischte.
Stille, dann räusperte sich Jakob leise.
"Es ist schön, Dich mal wieder zu sehen, Joseph. Bist schon viel zu lange bei den Deutschen."
"Ich habe einen Auftrag, das weißt Du doch."
"Einen Auftrag, den Du selbst zu ernst nimmst." Jakob schaute Joseph von der anderen Seite an. "Was ist mit den wirklich wichtigen Sachen, kleiner Bruder? Familie? Nachwuchs? Wer soll von Dir künden, wenn Du schon lange zu Staub zerfallen bist?"
"Jakob, es wird sich schon ergeben."
"Ich weiß nicht so Recht."
Joseph setzte sich auf die Bettkante und starrte durch die Fensterscheibe in den nächtlichen Innenhof.
"Du warst nicht dabei, als der Präsident alle Kapteine versammelte." Er rieb nachdenklich mit den Daumen an den Fingern. "Der alte Hendrik Wittbooi hatte seine Entscheidung bereits getroffen, als er kurz nach der Ansprache auf mich zukam und mich an der Schulter berührte."
Jakob schwieg und wartete, bis sein Bruder fortfuhr.
"Ich kann seine Worte noch hören, als wäre es erst gerade gewesen", flüsterte Joseph. "Du, Joseph Koper, Du bist ab jetzt der Beschützer aller Krieger. Und seine Augen funkelten mich an. Lass Dich niemals vom Weg abbringen, die Zukunft ist zu wichtig."
"Die Zukunft?"
"Ja."
"Auf seine letzten Tage ist der erste Präsident etwas merkwürdig geworden, wie mir scheint", sagte Jakob, als plötzlich wieder die Tür geöffnet wurde.
Diesmal stand im dämmrigen Flurlicht eine alte Dame und warf ihren Schatten bedrohlich ins Zimmer.
"Meine Herren", knurrte Martha und tippte auf das Glas ihrer Armbanduhr. "Es. Ist. Nachruhe! Verstanden?"

***


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Beitrag #18 |

RE: Countdown
Rückschau: 10./11.07.1950


"Noch Fragen?"
Niemand antwortete. Betroffene Gesichter, manche mehr niedergeschlagen, als andere.
"Gut, sie haben alles. Mit bleibt ihnen nur viel Glück zu wünschen."
Er nahm seine Mütze vom Garderobenständer, klemmte sie sich wieder unter den linken Arm und marschierte mit einem 'Ohne Meldung!' zur Tür und entschwand in der Nacht.
Fragende, ratlose Mienen. Dann erhoben sich die meisten Piloten des Geschwaders und verließen ebenfalls die Baracke.
"Bist Du jetzt jetzt zufrieden?", fragte Paul, schüttelte den Kopf und stand auf. "Das ist doch absoluter Wahnsinn!"
Erna starrte noch immer auf das Rednerpult.
"Du bist mit der Great Artiste nach Leningrad geflogen", murmelte sie. "Das hier steht dem in nichts nach."
Paul zuckte zusammen.
"Das war keine Glanzleistung, Erna", zischte er und seine Hände wurden kalt. "Und ..., ach."
"Was?"
Er verzog den Mund und beugte sich zu ihr hinunter.
"Gleiches mit Gleichem vergelten. Einige hätte es trotzdem getroffen, egal wer was entschieden hätte. Und was bleibt? Wäre ich nur drei Tage - drei verfluchte Tage, Erna - früher geflogen, dann hätten die Roten eher einem Waffenstillstand zugestimmt." Er schluckte schwer. "Dann würde zumindest meine Heimatstadt noch stehen."
Sie hob den Kopf und schaute ihn an.
"Euer Stadtrat hat sich dafür entschieden, Dortmund aufzugeben, Paul."
Er starrte mit einem bitteren Blick zurück.
"Was hätten sie denn machen sollen?", zischte er. "Die Stadt ist nur noch eine Wüste, Erna."
Sie presste die Lippen zusammen.
"Das hier ist etwas anderes. Etwas ganz anderes."
"Ja - es ist noch wahnsinniger!"
"Du bist aber einer der besten Piloten ..."
"... mit verstrahlten Alpträumen im Kopf."
Sie schwiegen, während der Wind an der stillen Baracke rüttelte. Dann erhob sie sich, stand unsicher vor ihm und wollte ihm nur aufmunternd auf die Schulter klopfen - doch sein kalter Blick erstickte die Bewegung im Keim.
"Lass gut sein", sagte Paul. "Wir sitzen in einem Boot - und ich sitze neben Dir. Ganz gleich, was ich davon halte."

***

IV. Akt: Finale

Donnerstag, 13.07.1950
Königsberg-Roßgarten, Kronprinzkaserne


Die Tür öffnete sich und fiel nach einem Moment wieder scheppernd ins Schloss. Dann trat ein großer Mann an den Tisch mit dem unangetasteten Abendessen auf dem Tablett und der Gefangene schreckte aus seinen Armen hoch. Verwundert rieb er sich mit den gefesselten Händen die Augen und schaute den unbekannten Besucher in der italienischen Uniform eines Capitanos fragend an.
"Wer sind Sie?"
"Breda", antwortete der Mann. "Aber das ist uninteressant. Sie haben einen Schutzengel, Herr Heinrich - nur das ist wichtig."
"Bitte was?" Heinrich starrte ihn an. "Wovon sprechen Sie?"
"Davon, dass Sie auf die Rettung durch Ihre polnischen Auftraggeber lange warten können."
Stille.
"Die polnische Rasse ist nicht annähernd so kultiviert, wie die deutsche", meinte der Gefangene. "Warum sollte ich etwas mit denen zu schaffen haben?
"Sie spielen auf Zeit. Das sollten Sie lassen." Breda zog den Stuhl zurück und setzte sich. "Sie sollten für die Polen einen Anschlag auf die sowjetische Nationalmannschaft verüben, im Gegenzug sicherte man Ihnen eine großzügige finanzielle Entschädigung, Straffreiheit und eine neue Identität zu."
"Woher wollen Sie das wissen?"
"Wir wissen alles."
Eisiges Schweigen.
"Ihr toter Komplize: Reiner Schüdelmann. Hat sich Ihnen als glühender Anhänger Ihres Buches 'Sein Kampf' vorgestellt. Hat sich in Ihrer Organisation bis ganz nach oben gearbeitet - bis zum Hauptsturmführer, nicht wahr?"
Heinrich schwieg.
"Sein richtiger Name war Werner Jabst", sagte Breda, knöpfte seine Jacke auf und holte darunter eine schmale Akte hervor. "Einer der ersten Agenten der Staatssicherheit der DDR, Herr Heinrich."
Er warf die Akte neben das kalte Abendmahl. "Gratulation."
Der Gefangene schlug mit der Faust auf den Tisch.
"Ich glaube Ihnen kein Wort!"
Breda beugte sich vor.
"Das sollten Sie aber", zischte er. "Werner Jabst hat die Zünder der beiden Sprengsätze besorgt. Die Bauart der Zünder selbst ist wie eine Signatur, Herr Heinrich. Eine Signatur, die nur von Agenten der Stasi benutzt wurde."
Schweigen.
"Sie behaupten also allen Ernstes, dass ich mich mit primitiven Hilfsvölkern abgebe, damit ich für die die Bolschewisten bekämpfe?", fragte Heinrich. "Und das einer meiner engsten und treuesten Gefolgsleute selbst ein Bolschewist war?"
"Ich behaupte es nicht - wir wissen es!"
"Wenn Sie das glauben, bitte schön. Aber warum sitzen Sie dann hier?"
Breda tippte mit den Fingern nachdenklich auf dem Tisch, dann räusperte er sich. "Kurz vor der sowjetischen Sommeroffensive '45, als unsere Truppen aus Kroation zurückgeworfen wurden, gelang es uns ein Kinderlager in der Nähe von Spalato zu befreien."
"Und was hat das mit mir zu tun?"
Breda griff in seine Innentasche seiner Jacke, holte ein schwarz-weißes Photo hervor und legte es auf die Akte.
"Erkennen Sie ihn?"
Ein junger Mann in italienischer Uniform. Blonde Haare, blaue Iriden. Ein Muttermal am rechten Auge und eine Narbe, die sich über die Stirn zog.
"Arische Gesichtszüge, gute Gene", murmelte Heinrich und verharrte plötzlich. "Das ..., " Er griff mit zitternden Händen nach dem Photo. "Das ist doch ...!"
Breda nickte.
"Schön, dass Sie Ihren Sohn noch erkennen", sagte er und lehnte sich zurück. "Als Anfang '48 die Antifaschisten einen Mordanschlag auf Mussolini verübten, war es Carporale Giorgio Heinrici, der ihm das Leben rettete."
Heinrich schaute ihn verwirrt an.
"Aus Sicherheitsgründen mussten wir seinen Namen italienisieren", antwortete Breda auf die unausgesprochene Frage. "Und im Übrigen hat der Duce seit diesem Vorfall einen Narren an Ihrem Sohn gefressen - so sagt man das doch, oder?" Er beugte sich wieder vor. "Herr Heinrich, um es kurz zu machen: Ihr Sohn hat sich an den Duce gewandt und dieser hat angeordnet, dass Sie die italienische Staatsbürgerschaft bekommen um der Strafverfolgung durch die deutschen Behörden zu entgehen - allerdings zu zwei Bedingungen."
"Nur zwei?", rief Heinrich. "Sie sind ein Witzbold."
Breda schüttelte den Kopf.
"Sie werden das italienische Staatsgebiet nicht verlassen. Jegliche politische oder militärische Agitation ist verboten. Haben Sie das verstanden?"
"Die ganze Stadt ist abgeschnitten", sagte Heinrich plötzlich und lachte. "Woher soll ich wissen, dass dies kein Trick von diesem schwarzen Teufel ist?"
Das Gesicht des Capitanos blieb ausdruckslos.
"Sie können natürlich auch gerne hier in diesem Waisenland bleiben und warten, bis die Todesstrafe verhängt wird."
Heinrich starrte Breda misstrauisch an.
"Und wenn schon!", knurrte er. "Wie wollen Sie mich denn hier herausbekommen?"
"Vertrauen Sie uns."

***

Königsberg-Contienen, Schichauwerft

Das Wasser des Pregels klatschte leise gegen die Bordwand und schlich sich in sein Bewusstsein. Der Geruch von Maschinenöl, Farbe und verbrannten Kabeln drang in seine Nase. Er blinzelte sich langsam wach und starrte abwechselnd an die niedrige Stahldecke und das Bullauge neben ihm. Für einen Moment war er irritiert, dann klopfte es und das Schott schwang auf.
"Herr Oberst?", fragte eine Gestalt. "Aufstehen!"
Lothar drehte den Kopf zum Schott.
"Sie hören sich schon an wie meine Frau, Wiedemann!"
"Verzeihung." Wiedemann tippte auf seine Amrbanduhr. "Aber Sie wollten geweckt werden."
Er schlug die Decke zur Seite und schwang sich murrend aus dem Bett.
"Schon gut. Wecken Sie die Mannschaft, ich komme gleich."
Wiedemann tippte sich grinsend zum Gruß an die Schläfe.
"Aye!", sagte er und verließ die Kabine, während Lothar aufstand und sich die Sporthose anzog.
Ein Blick durchs Bullauge und er sah auf der anderen Seite die alte Zellstofffabrik, die eigentlich seit Jahren verlassen und vergessen worden war. Trotzdem konnte er dort Arbeiter erkennen, die auf dem gesamten Gelände geschäftig hin und her eilten.
Er zuckte mit den Schultern und griff nach dem Beutel, trat auf den Gang und ging ein paar Schritte hinunter, bis er schließlich alleine im Waschraum stand. Mehrere Reihen Spülbecken mit Apparaturen, die allesamt in silbernem Stahl gehalten waren.
Er schaute in das Spiegelbild seiner Bernsteinaugen, sein in die Jahre gekommenes Gesicht und seinen nackten Oberkörper, auf dem nicht eine Stelle existierte, die nicht mit Narben versehen war.
"Hundertmal klopfte der Tod an die Tür", murmelte er. "Und es werden doch nur kleine Splitter sein."
Er seufzte, fühlte vorsichtig mit den Fingern am Oberarm, am Bauch, an den Rippen.
"Ein weiteres nutzlos gewordenes altes Wrack, das sich aus dem Krieg ins Leben gerettet hat."
Wrack, alter Mann? Hör' auf zu spinnen. Du bist ein Krieger!
Sein Doppelgänger im Spiegel grinste plötzlich und schüttelte den Kopf, während er und Lothar gemeinsam nach der Zahnbürste griffen.

Als er das Hangardeck betrat, war die Mannschaft bereits angetreten.
Er ließ seinen Blick über die Gesichter schweifen. Von Trowe links bis zu Wiedemann rechts. Locker, angespannt, nervös - aber niemand schien unausgeschlafen zu sein.
"Guten Morgen, meine Herren", sagte er. "Mir ist klar, dass die Zeit nicht ausreichen konnte, um aus ihnen allen eine deutsche Nationalmannschaft zusammen zu schweißen. Aber das, was ihnen noch fehlt, tragen sie im Herzen, meine Herren. Leidenschaft. Denken sie daran, erinnern sie sich an ihre Kinderzeit, als sie auf den Bolzplätzen herumtobten. Seien sie wieder Kinder und wecken sie ihre Leidenschaft aus der Starre." Er unterbrach sich. Von oben waren Schritte zu hören, die durch die Gänge eilten. Unter ihnen brummte der Boden. Werftarbeiter tauchten am hinteren Ende des Hangardecks auf, sahen herüber und warteten.
"Fragen?"
Niemand antwortete und Lothar nickte zufrieden.
"Herr Gotthold?"
"Hier."
"Lassen sie uns die Roten in Grund und Boden spielen!"
"Jawohl."

***

Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit

Draußen vor dem Fenster zur Straße bimmelte sich eine Straßenbahn durch den trüben Tagesanbruch und verscheuchte die müden Menschen von den Schienen.
Die alte Dame saß mit einem Pott frischen Kaffees im Zimmer des Pförtners, als der Postbote im Eingangsbereich erschien und müde durch das Fenster hereinschaute.
"Guten Morgen Frau Poppert", sagte er. "Scheußliches Wetter, nicht wahr?"
Martha zuckte mit den Schultern.
"Das ist doch harmlos, Franz", meinte sie und winkte ab. "Wenn ich meiner seligen Frau Mutter Glauben schenken darf, hat es hier bei meiner Geburt am 01.06.1871 geschneit."
Franz schaute sie erstaunt an.
"Was Sie nicht sagen", meinte er und reichte ihr die Morgenausgabe der Hartungschen Zeitung. "Schnee im Juni, in der Tat sehr bedenkenswert."
Martha schmunzelte.
"Und meine Großmutter hat einmal davon erzählt, dass - ich glaube, es war 1832 - der Sommer so kalt war, dass sich in den Julinächten Reif und Eis gebildet hatten."
Franz lachte.
"Sie haben gewonnen, Frau Poppert", rief er, tippte sich zum Gruß an die Schläfe und wandte sich zum Gehen. "Ich glaube, ich sehe das Wetter besser mit anderen Augen. Bis heute Abend."
"Wiedersehen, Franz!"
Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf, schob das Telephon mitsamt Hendriks Buch und ihren Pott zur Seite und breitete die Zeitung aus.
Auf der Titelseite war die Meldung über die sowjetisch-polnischen Verhandlungen nach unten gerutscht, genauso wie das anstehende Halbfinalspiel im Stadion. Sie griff nach ihrem Kaffee, als der ewige Regen leise gegen die Fensterscheibe zu klopfen begann und las die große Schlagzeile:

D a s , w a s w i r v e r g e s s e n h a b e n !


Darunter stand:
Seit Kriegsende hadern wir alle mit der Vergangenheit, werte Leserschaft.
Die Überbleibsel des kommunistischen Regimes lasten wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Menschen, die sich nicht nur verschämt und schweigend in sich selbst zurückziehen, sondern auch noch aufeinander in wilden Kundgebungen und ausartenden Demonstrationen einprügeln. Noch nie seit Ende des Großen Krieges vor 32 Jahren war die deutsche Seele derart gespalten und so in ihrem Selbstwertgefühl herabgesetzt worden, wie in den heutigen Tagen, besonders nachdem die KPD sich Anfang des Jahres öffentlich von den Untaten der SED distanziert hatte und das Reichsverfassungsgericht seitdem prüft, ob die Partei zu Wahlen zugelassen werden soll.
Werte Leserschaft.
Wie tief auch immer die Narben sein mögen, welche die letzten Jahre in die Herzen der Menschen gebrannt haben, ein wunder Punkt - ein vergessener Schandfleck - harrte lange Zeit im Schatten der Vergangenheit.

Der Regen wurde stärker und polterte wie in den letzten Tagen auch ohne Unterlass an die Scheibe. Sie hob den Pott und trank noch einen Schluck Kaffee, während ihre alten Augen sich durch die Zeilen lasen.
Wie unsere Zeitung erfahren hat, wurde bereits gestern in den frühen Morgenstunden während der nächtlichen Ausgangssperre der flüchtige Alois Heinrich durch eine Militärstreife ...
Als ihre Augen den Namen lasen, blitzte es irgendwo tief in ihrem Kopf und ein Gefühl, kälter als Stahl, schlug sich seinen Weg durch ihren Körper.
... verhaftet, der mit seinen abtrünnigen Gefolgsleuten während des Krieges dem Terror der Staatssicherheit nicht nur in Nichts nachstand, sondern diesen mancherorts auch noch übertraf.
Heinrich.
Ihm werden sowohl der hinterhältige Mord am Aachener Oberbürgermeister Opphoff, als auch die Massenmorde in Gardelegen und Palmnicken ...
Palmnicken.
Der Regen wurde lauter, klopfender, drängender. Eiseskälte zog sich über ihre Haut und ließ die Häarchen unter ihrer Schwesterntracht steil nach oben stehen.
... zur Last gelegt.
Palmnicken.
Kein Regen mehr, obwohl das Trommeln blieb. Knatternde Schüsse, blitzendes Mündungsfeuer im Morgengrauen. Am Strand. Auf einer Eisscholle.
Obwohl die Reichsanwaltschaft bereits Klage erhoben hat, bleibt es aufgrund der Blockade erst einmal bei seiner Inhaftierung in der alten Kronprinzkaserne.
Sie stellte den Pott auf den Tisch und starrte durch das kleine Fenster in den leeren Eingangsbereich des Krankenhauses. Ihr Herz pochte, schlug wild und wollte sich mit einem Hammer den Weg durch die Rippen freischlagen.
Palmnicken!
Sie versuchte sich zu beruhigen, schlug die Zeitung mit zittrigen Fingern zusammen und legte sie weit weg zur Seite.
Ganz ruhig, Martha.
Der Blick blieb an Hendriks kleinem Büchlein hängen.
Einatmen und Ausatmen.
Auf der Vorderseite stand: Miyamoto Musashi. Das Buch der fünf Ringe.
Einatmen.
Sie schlug das Büchlein auf und sah eine handschriftliche Widmung auf dem Schmutzblatt.
'Zur Geburt lieber Hendrik alles Gute. Von einem Krieger zum anderen. Viktoria.'
Ausatmen!

***

Königsberg-Altstadt, Kaiser-Wilhelm-Platz

Der Bus fuhr über die Krämerbrücke von der zerstörten Kneiphofinsel herunter, auf der nur noch der Dom halbwegs stand und näherte sich dem großen Platz vor dem ausgebrannten Schloss.
"Halt!", rief der Oberst, als er den alten Amann mit mehreren schweren Koffern am Bismarckdenkmal erkannte. "Anhalten!"
Der Bus wurde langsamer und hielt rechts. Die hintere Tür schwang zur Seite. Golz, Kretschmer und Neuhaus eilten hinaus und halfen dem alten Mann mit den schweren Koffern, die im hinteren Abschnitt des Gangs landeten.
"Danke", brummte Amann, als der Bus wieder anfuhr und er sich neben Lothar hinsetzte. "Wir habens zum Glück noch geschafft."
"Was geschafft?"
Amann drehte sich zu um und schnippste mit den Fingern. Ruhe kehrte ein und er stand auf.
"Meine Herren", sagte er und zuckte entschuldigend mit den Schultern, als er Wolkowa erblickte, "in den Koffern befinden sich ihre Spieleruniformen."
Ein Raunen ging durch den Bus, dann wurden die Koffer geöffnet und neugierige Hände förderten weiße kurzärmelige Leibchen, schwarze kurze Hosen sowie leichte Fußballschuhe hervor. An den kurzen Ärmeln ein kleine aufgenähte Fahnen mit den Farben Schwarz, Rot und Gold. Auf der linken Hosenhälfte ein gelber kreisrunder Aufnäher. Die Fußballschuhe hatten Schraubstollen, weiche Vorderkappen und wiesen einen niedrigen Schaftschnitt auf.
Stiebig und Bednarz verteilten die Kleidungsstücke nach Augenmaß, doch so sehr die Männer auch feilten - zum Schluss hielten Wolkowa und Stiebig kurze und enge Leibchen in den Händen.
"Na prima", murmelte sie.
"Und ich sehe darin aus wie eine Presswurst", murrte Stiebig, klopfte aber Jelena aufmunternd auf die Schulter. "Sei froh, dass Du nicht so viel ..., Du-weißt-schon hast."
"Darin sehe ich aber aus, als wäre ich überfallen worden", brummte sie. "Oder als würde ich im Zirkus auftreten."
"Ich weiß", rief Amann von vorne, als er die Blicke bemerkte und hob beschwichtigend die Hände. "Das sind die letzten Stücke der Mannschaft von '40, für komplett neue Uniformen war die Zeit leider zu kurz." Der alte Mann deutete auf die Schuhe. "Und seien sie bitte vorsichtig mit den
Puma-Schuhen."
"Wieso denn das?", fragte Kleinhans von hinten.
"Das ist der Bestand der Ersatzschuhe der Mannschaft, die bereits vor der Blockade mit einem der letzten Schiffe eintrafen." Der alte Mann grinste. "Eine Art Geheimwaffe."
Die Spieler nahmen sich ihre Schuhe und schauten sie sich genauer an.
"Es ist wiedereinmal Fritz-Walter-Wetter vorausgesagt worden", erklärte Amann. "Und wenn es tatsächlich so bleibt, dann sind die Puma-Schuhe leichter, als die der Sowjets." Er blickte in die Runde. "Wir reden hier von einer Spanne zwischen 700 und 1500 Gramm. Und im Gegensatz zu den genagelten Lederstollen der Roten bieten die Nylonstollen einen besseren Halt."
Staunendes Schweigen, dann beugte sich der Oberst zum alten Mann.
"Und wofür steht der gelbe Fleck da auf der Hose?", fragte Lothar.
"Für die Motivation, Herr Krieger."

***


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Beitrag #19 |

RE: Countdown
Königsberg-Roßgarten, Krankenhaus der Barmherzigkeit

Jakob und Joseph standen mit einem Tablett bewaffnet im großen Speisesaal im Erdgeschoss - in einer langen Reihe mit denen, die noch gehen konnten, oder sich mühsam an den Geländern der langgezogenen Essensausgabe festhielten. Links von ihnen mehrere Tischreihen mit einfachen Holzbänken dazwischen. Einige Fenster der langen Front gegenüber der Essensausgabe waren geöffnet, durch die sich der angebrannte Geruch in den Innenhof flüchten konnte. Was dieser nur spärlich tat, wie einige sich rümpfende Nasen bemerkten.
Rechts von ihnen Brotlaibe, ordentlich in Körben gestapelt. Daneben kleinere Tassen neben größeren Pötten, alle mit hässlichen Rissen versehen. Karaffen mit angehängten Schildchen an den Henkeln, auf denen Kaffee, Tee und Wasser stand. Einige Schritte weiter standen ein paar kleine Portionen Butter und Marmelade. Noch einige Meter weiter frisch gekochte Eier, in Lappen eingewickelt.
Vor und hinter der langen Schlange standen Schwestern und achteten peinlich genau darauf, dass jeder nur das nahm, was ihm laut den Tafeln, die an den vier Säulen im Saal angeschlagen waren, auch zustand.

"Erinnert mich an Marienthal", meinte Jakob und musterte die Kranken in der Warteschlange vor ihnen. Männer und Frauen, die in notdürftig geflickten grauen Kitteln steckten und in ihren Hausschuhen Schritt um Schritt über die zersprungenen und abgelaufenen Fliesen
schlurften. "Verlorene Seelen in toten Leibern."
"Marienthal?", fragte Joseph, kniff die Augen zusammen und überlegte.
"Das ist aber schon sehr lange her", sagte er. "Das war doch vor ... warte mal."
"Fünfunddreißig Jahre." Jakob schaute vorsichtig zu Annemarie, die mit Argusaugen die Kranken anstarrte, und nahm bedächtig ein Laib Brot aus den Körben. "1915. Dort sollte ein Infanteriezug liegen, doch als wir ankamen, war alles leer und verlassen."
Josephs Augen leuchteten auf.
"Ja, ich erinnere mich", sagte er und nickte langsam. "Ich dachte immer, die Südafrikaner hätten sie gefangengenommen."
"Nein, sie waren weg - und sind es bis heute noch." Jakob griff nach der Karaffe mit dem Kaffee-Schildchen, hob den Deckel und schaute fragend hinein. "Verdammt nochmal!", knurrte er, als er den Boden sehen konnte. "Schon leer."
"Du könntest ja mal Tee probieren", schmunzelte Joseph und goss sich aus der anderen Karaffe den dampfenden Inhalt in seinen Pott. "Die Deutschen sind eher Teetrinker."
Der Mann vor ihnen drehte sich abrupt zu ihnen um und schüttelte verärgert den Kopf.
"Das haben wir ja gerne, was?", brummte er. "Neger, die was von Kultur verstehen wollen."
Die Frau vor ihm zog an seinem Ärmel.
"Hans, ist gut", sagte sie und schaute entschuldigend zu den beiden Offizieren in ihren Uniformen. Eine davon mehr als zerschlissen und löchrig. "Verzeihen sie, er ist zuweilen etwas grantig."
"Das macht doch nichts", meinte Joseph, während Hans sich drohend vor Jakob aufbaute.
"Kulturbanausen!", knurrte er. "Aber was soll man auch von euch primitiven Nichtsnutzen erwarten?"
"Hans, untersteh' Dich!", rief die Frau verärgert.
Jakob lächelte.
"Sie müssen wissen", sagte er zu Hans, "dass wir namibischen Kulturbanausen sehr auf Traditionspflege bedacht sind - außerdem ist heute Donnerstag."
Stirnrunzeln auf den Gesichtern von Hans und der Frau.
"Ich versteh' Sie nicht!", murrte der Mann. "Was ist heute so besonderes?"
Die beiden Offiziere lachten.
"Donnerstag ist Fleischtag!", meinte Joseph, als er sich erst ein Ei besah, und dieses dann wieder übertrieben kopfschüttelnd weglegte.
Stille im Saal, einige der Menschen vor ihnen drehten sich mit großen Augen um, als Jakob erst nachdenklich sein Messer auf dem Tablett betrachtete - und dann Hans.
"Das ist nicht ihr Ernst!", schrie der Mann und trat einen Schritt zurück.
"Ernst?", fragte Jakob, dann streichelte er sich lachend über seinen Bauch und seine Worte hallten durch den Saal. "Der war letzte Woche!"

***

Königsberg-Mittelhufen, Hufenallee, Eingang zum Walter-Simon-Park

Vor dem Eingang zum Park waren bereits einige Menschen aufgelaufen, als der Bus vor dem Yorck-Denkmal hielt und die Türen öffnete.
"Antreten!", rief Lothar und half dem alten Mann hoch. "Kommen Sie, Herr Amann."
"Erwin", meinte er. "Erwin reicht völlig."
"Lothar."
"Angenehm", brummte Amann und trat vorsichtig durch die vordere Tür hinaus.
Draußen standen bereits ein Dutzend Reporter mit ihren Kameras und den Stativen, die einzigen Berichterstatter, die es noch vor der Blockade in die Stadt geschafft hatten. Aufgeregt hielten sie dem alten Mann Mikrophone entgegen, während im Hintergrund bewaffnete Soldaten eine wütende Menschenmenge vom Park fernhielt.
'Herr Amann, wie fühlen Sie sich heute?', 'Glauben Sie, dass diese Mannschaft gewinnen kann?' 'Was werden Sie mit dem Schiff machen, wenn dies hier vorbei ist?', 'Stimmt es, dass Sie es für eine obligatorische Reichsmark erstanden haben?', 'Glauben Sie, dass die Zeit der großen Spielfelder vorbei ist?'
"Meine Güte!", rief Amann und nahm dankend seinen Gehstock entgegen, den Lothar ihm reichte. "Sie überschütten mich hier mit Fragen, auf die ich noch keine Antwort weiß."
'Gut, dann mögen Sie vielleicht nur eine einzige beantworten?'
"Dann stellen Sie sie!", rief der alte Mann einer Frau zu, die etwas weiter hinten stand und flüsterte zu Lothar: "Gehen Sie schon vor."
Die Frau quetschte sich entschuldigend durch ihre männlichen Kollegen hindurch, während Lothar vor die Mannschaft trat.
"Rechts um - ohne Tritt marsch!"
Die Frau blieb einige Meter vor Amann stehen, wartete bis die Mannschaft durch den Parkeingang verschwand und wandte sich dann an den alten Mann.
"Herr Amann, hat diese Zweitmannschaft überhaupt irgendeine Möglichkeit, die Auswahl der UdSSR zu schlagen?"
Der alte Mann seufzte erst, dann nickte er.
"Ich halte es wie Reichstrainer Herberger", meinte er. "Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten."

***

Königsberg-Roßgarten, Kommandantur, Arbeitszimmer des Befehlshabers

"Das kann unmöglich Ihr Ernst sein!", rief der Admiral in den Hörer. "Ich pfeife auf die diplomatischen Gepflogenheiten, Botschafter!" Er presste die Lippen zusammen und starrte auf einen Punkt an der Wand. "Und ich ..., es ist mir egal, was das polnische Volk will."
Die Tür zum Arbeitszimmer öffnete sich und Colonel Davignon trat mit einer Zeitung unter dem Arm herein. Der Admiral hielt sich einen Finger senkrecht vor den Mund, als er Pierre sah und zeigte auf den leeren Stuhl.
"Hören Sie mir zu, Kraiewski! ... Ich kann doch nicht die ganze Übertragung über Schweden laufen lassen! Wissen Sie eigentlich, wie lange es dann dauert, bis auch nur ein Ton ankommt? ... Wie, das ist mein Problem? Hallo?"
Er schmiss den Hörer auf die Gabel und wandte sich an den Colonel, der gerade Platz genommen hatte.
"Verdammter Mist!", rief er laut. "Wir sind völlig am Ende, Pierre! Der Westen wird hier in dieser Stadt vor die Hunde gehen!"
Der Colonel warf die Morgenausgabe schweigend auf den Tisch, tippte auf die oberste Schlagzeile und lehnte sich entspannt zurück.
Rheinhardt schaute auf die großen Buchstaben, die da lauteten:

D a s , w a s w i r v e r g e s s e n h a b e n !

"Ich meine mich daran zu erinnern, dass ich absolute Geheimhaltung angeordnet hatte", knurrte er, nahm ein Blatt Papier und einen Stift zur Hand. Leise schrieb er mehrere Zeilen, dann schob er das Blatt zum Colonel und zeigte unter den Tisch. "Verdammt Pierre, wie kam das nach draußen?"
Auf dem Zettel stand in der typisch kantigen Kurrentschrift: Werden abgehört! K. hat es geschluckt. Zu Heinr.: Versch. Bewachung, Oberreichsanw. will ihn zwing. lebend. Status Op.?
"Ich weiß es nicht", sagte der Colonel, schaute kurz unter den Tisch und sah einen kleinen schwarzen Punkt. Dann langte er nach dem Stift, den ihm der Admiral entgegen hielt. "Wie auch immer, lange hätten wir es vor den Sowjets sowieso nicht verheimlichen können."
"Und nicht nur die", seufzte der Admiral theatralisch, als Pierre eine Antwort schrieb. "Herr Heinrich hat sich sehr viele Freunde gemacht. Eigentlich zuviele."
"Oui", meinte Davignon und schob das Blatt zurück. "In seiner Haut möchte ich nicht stecken."
S und GZ in Position. Op. W. verläuft planmäßig. 8. US-Flotte hat jap. Stützpunkt verlassen, wird jetzt doch n. Europa verlegt.
"Ach ..." Im Tonfall des Admirals schwang Hoffnungslosigkeit mit, als er das Blatt nahm und Zu 1 und 2: sehr gut. Zu 3: Warum? Kommen sow. zu spät! drauf schrieb. "Im Grunde können wir ihn gleich sofort überstellen. Die Roten sind sowieso bald hier."
Die Farbe wich langsam aus dem Gesicht des Colonels.
"Warum denn das?"
"Der Reichspräsident hat dem Generalsstab in Wunstorf bereits den Auftrag erteilt, einen Evakuierungsplan zu erstellen", antwortete Rheinhardt und grinste schelmisch. "Die Stadt ist einfach nicht zu halten!"
Davignons Augen weiteten sich erschrocken.
"Das kann er doch nicht anordnen!", rief er, aber der Admiral schüttelte den Kopf und zwinkerte.
"Es geht einfach nicht anders!", sagte Rheinhardt, dann griff er nach dem Blatt und dem Stift und schrieb Nicht soviel Dramatik, Pierre. Sie kriegen noch einen Herzanfall! drauf.
Davignons Gesichtszüge entspannten sich wieder, als die Tür geöffnet wurde und Frau Ertiné mit dem Kopf hereinschaute.
"Admiral?", fragte sie. "Major Koper ist da."
"Soll reinkommen!", rief Rheinhardt.
Als der namibische Offizier ins Arbeitszimmer trat, hielten der Admiral und der Colonel beide einen Finger horizontal vor ihre Lippen, bevor Joseph überhaupt etwas sagen konnte.
"Sie sind hier wegen der durchgeführten Anhörung, richtig?", rief Davignon schnell und winkte den Major zu sich heran. Der Colonel drehte das Blatt wieder herum und tippte auf Werden abgehört!
"Ja." Joseph nickte verwirrt. "Obwohl ich mir Schöneres vorstellen konnte, als ..."
Der Admiral unterbrach ihn mit einer Handbewegung und zeigte auf die Uhr.
"Wir müssen zum Stadion", sagte er und wandte sich an den Major. "Das können wir unterwegs besprechen."

***

Königsberg-Mittelhufen, Walter-Simon-Stadion

Italienische Soldaten hatten eine Gasse durch den Park gebildet und hielt die Menschenmenge zurück. Ab und zu drang ein unschönes Wort an die Ohren der Mannschaft, doch anstelle der wüsten Tiraden am Eingang standen die Menschen mehr schweigend und beobachtend hinter den Italienern und musterten sie mit einem Ausdruck von Verwunderung, Überraschung und wohlwollendem Nicken.
Die Spieler liefen hintereinander rechts neben Lothar auf das Stadion zu. Die Sitzplätze beim Tribünenturm waren bereits besetzt und an den Fahnenmasten flatterten die Flaggen der Schweiz, des Deutschen Reichs und der UdSSR. Köpfe erhoben sich aus den Kurven und schauten neugierig zu ihnen herüber.
"Mein Gott, sind wir Aussätzige?", flüsterte Trowe zu Ströker.
"Da ist Ruhe drin!", bellte Lothar und zeigte nach rechts an der Westkurve vorbei. "Da lang!"
Sie marschierten weiter, umrundeten den Halbbogen, aus denen sich mehr und mehr Köpfe erhoben und über den Rand auf sie herabschauten. Schließlich erreichten sie den Haupteingang, vor dem bereits ein stattlich gekleideter Mann mit einem Klemmbrett in der Hand stand.
"Grüezi, meine Herren. Mein Name ist Walther von Winkelried und ich bin Beauftragter der Fifa", stellte sich der Mann vor und wandte sich an Lothar. "Herr Krieger, nehme ich an?"
Lothar nickte.
"Gut, Herr Krieger", sagte er und hielt das Klemmbrett hoch. "Ich brauche alle Spielernamen, ferner eine Unterschrift unter die eidesstattliche Erklärung, dass Sie die gültigen Fifa-Regeln verstanden haben."
"In Ordnung", sagte Lothar, drehte sich zur Mannschaft um und sah absichtlich an Wolkowa vorbei. "Gotthold?"
"Hier."
"Sie sind ab jetzt der Kapitän. Übernehmen sie die Mannschaft und lassen Sie sie in die Kabinen wegtreten."
Gotthold trat aus der Formation heraus.
"Jawohl."

Sie ließen den Oberst mit dem Schweizer zurück, marschierten durch den Haupteingang hinein und stiegen die Treppen zu den Kabinen im Keller hinab. Unten stand ein zweiter Mann in stattlicher Kleidung.
"Hier", sagte er und zeigte auf die Tür rechts von ihnen. "Warten sie da drin, sie werden rechtzeitig herausgerufen."
Gotthold nickte, öffnete die Tür und betrat den Raum.
Lange Bänke, die auf einem alten Fließenboden vor den grauen Wänden standen, darüber Haken. Hinter ihm kamen Trowe, Ströker, Neuhaus und Poppert herein, die die schweren Koffer in der Mitte des Raums absetzten.
"Und nun?", fragte Golz, während Kleinhans und Overbeck sich auf die Bank setzten.
Gotthold nickte zu den Koffern, die Kretschmer und Schirmschok bereits öffneten.
"Wir ziehen uns um." Er schaute zu Wolkowa. "Wir können uns auch umdre-"
"Quatsch!", fauchte sie und zog ihre Jacke aus. Unter ihrem Hemd zeichneten sich weder ein Büstenhalter noch die dafür notwenigen Formen ab. "Ich bin ein Mann - schon vergessen?"
Neuhaus und Poppert schmunzelten, während Schirmschok und Kretschmer die Trikots und Hosen auspackten.
"Wer soll eigentlich welche Rückennummer tragen?",fragte Tröwe zu Gotthold.
Kleinhans und Overbeck stöhnten hörbar auf, doch bevor sie ihm antworten konnten, öffnete sich wieder die Tür und Admiral Rheinhardt betrat den Raum. Hinter ihm eine Frau Oberstarzt mit einem Erste-Hilfe-Koffer in den Händen.
Die Männer und Wolkowa sprangen von den Bänken hoch, aber der Admiral hob die Hände.
"Ganz ruhig, meine Herren", sagte er, dann schaute er zu Trowe. "Die Nummer werden aufgrund der Spielposition vergeben, wussten Sie das nicht?"
Trowe schüttelte den Kopf.
"Gut", meinte er Admiral. "Wer spielt in der Abwehr?"
Trowe, Ströker, Neuhaus, Poppert und Wolkowa hoben die Arme.
"Von linker Position nach rechts: Drei, sechs, fünf, vier, zwo."
Kretschmer suchte die passenden Trikots heraus und warf sie den betreffenden Spielern zu.
"Mittelfeld?"
Kretschmer, Kleinhans, Overbeck und Schirmschok hoben den Arm.
"Sehr gut - und wer bleibt übrig?"
Golz und Gotthold hoben einen Finger.
"Der Torwart bekommt natürlich die Eins, der Stürmer die Neun." Der Admiral grinste. "Aber bevor sie sich weiter der Umkleidung widmen, wird Frau Oberstarzt Jäger sie medizinisch behandeln, damit sie die 90 Minuten auch kräftemäßg durchhalten."
Er nickte der Ärztin zu, die ihn mit einem strafenden Blick bedachte, dann hob sie ihren Medizinkoffer und trat aus dem Schatten des Admirals.
"Es dauert nicht lange."

***

Frisches Haff, BBG-02 Scharnhorst, Admiralsbrücke

Das lagunenartige Gewässer war ruhig, nur ab und zu schlug das Wasser gegen die Bordwand.
Kapitän Keyner stand auf der Nock der Admiralsbrücke und schaute zum fernen Seekanal hinüber, der die Ostsee vom Haff trennte. Links die unbewohnte Landzunge, auf der noch die Überreste des alten Flugplatzes der Reichsluftwaffe zu erkennen war. Rechts die Stadt Pillau, der es seit der Befreiung vor fünf Jahren nicht viel besser ging, als dem Rest der Sonderzone. Manche Häuser waren noch immer ohne Dach und die Trümmer der Stadt hatte man ins Hinterland geschafft. Anders als in Königsberg allerdings hatte man dies nur mit menschlicher Kraft geschafft.
Sein Blick löste sich von Pillau und er schaute nach unten auf das zum Bug hin schlanker werdende Vorschiff der Scharnhorst, wo geschäftige Seeleute back- und steuerbords an den Aufbauten vorbei eilten. An den Seiten des Rumpfes hingen noch Seemannstühle an dicken Tauen herab und einige Matrosen waren wiedereinmal damit beschäftigt, die provisorischen Stahlplatten nahe der Wasserlinie fest an die Außenhaut zu schweißen.
Wenigstens arbeiten die Lenzpumpen tadellos, dachte er, tippte nachdenklich mit den Fingern auf die Reling und fixierte die beiden vorderen Drillingsgeschütztürme mit seinem Blick. Nicht mehr lange, und ihr werdet zum alten Eisen gehören.
"Herr Kapitän?", fragte plötzlich eine piepsende Stimme hinter seinem Rücken. Er drehte sich um und sah sich einem jungen Leutnant gegenüber, der unsicher vor ihm stand.
"Eine anständige Meldung kriegt man als Offizier heutzutage wohl nicht mehr hin", knurrte der Kapitän. "In Flensburg ist man wohl immer noch beim Einräumen, was?"
Der junge Mann stellte sich gerade hin.
"Leutnant Brand, melde mich in einer dienstlichen Angelegenheit."
Der Kapitän nickte.
"Wenigstens wissen Sie noch, wie Sie heißen", brummte er zufrieden. "Haben Sie sich mit den Handbücher, Technischen Dienstvorschriften und Besonderen Anweisungen vertraut gemacht."
"Ja, obwohl sie schon seit geraumer Zeit veraltet sind."
"Das macht nichts, Brand. Sagen Sie mir lieber warum Sie dann hier stehen, und nicht in der Operationszentrale?"
"Ich denke, ich bin nicht der Richtige für diese Aufgabe."
"Sie denken?"
"Ähm, ..., ja."
"Ich habe Ihnen einen Befehl gegeben, Leutnant. Einen Befehl, der weder eine Ordnungswidrigkeit noch eine Straftat beinhaltet. Zudem hat er einen dienstlichen Zweck." Der Kapitän zog eine Augenbraue fragend hoch. "Wo ist also das Problem?"
Der junge Leutnant druckste herum und rieb nervös die Finger an den Daumen.
"Ich ..., nun, ich habe das noch nie gemacht", antwortete er schließlich.
Stille, dann lehnte sich der Kapitän mit dem Rücken an die Reling.
"Brand, es ist immer das erste Mal", meinte er und nickte mit dem Kopf zur anderen Seite, wo der Königsberger Hafen lag. "Oder glauben Sie etwa, dem IO ergeht es gerade besser, als Sie?"
Der Leutnant schaute zu Boden.
"Nein, Herr Kapitän", murmelte er.
"Fein, nachdem wir das geklärt haben - wie sieht es mit einer Lagemeldung aus?"
Brand nickte langsam.
"Die Polen blockieren weiterhin mit leistungsstarken Störsendern jede unserer Funksendung über ihrem Gebiet."
"Aber wir können nach Schweden senden?"
Brand nickte, als der Kapitän auf seine Uhr schaute.
"Gut, Brand. Dann halten Sie sich mal bereit für die große Galavorstellung."

***


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Beitrag #20 |

RE: Countdown
Königsberg-Mittelhufen, Walter-Simon-Stadion

Sie traten zeitgleich mit den sowjetischen Spielern in ihren roten Leibchen und weißen Hosen aus den gegenüberliegenden Kabinen. Beide Seiten schauten sich böse an, bevor sie friedlich nebeneinander durch den niedrigen Gang auf das Spielfeld hinaustraten. Jede Seiten hintereinander, mit den Kapitänen voran. Die sowjetischen Spieler links, die deutsche rechts.
Die dunklen Wolken flogen noch immer dicht über ihren Köpfen dahin und sperrten weiterhin das Antlitz der Sonne vom Spiel aus.
"Meiner Treu", murmelte Neuhaus und schaute verwundert auf das vollbesetzte Stadion. "Wieviele das wohl sind?"
Die Tribüne gegenüber, die Kurven links und rechts waren nicht nur bis auf den letzten Platz besetzt - die Bewohner der Stadt standen sogar dichtgedrängt auf den Treppen und reckten die Hälse in die Höhe. Einige wenige hatten sich auch auf den Rand der Tribünen gesetzt, manch ein Vater trug seinen Sohn auf seinen Schultern.
"Alle", flüsterte Gotthold zurück, als sie in der Spielfeldmitte ankamen. Dort standen drei Männer in schwarzer kurzer Sportkleidung.
"Guten Tag", rief der Mann in der Mitte und begrüßte die beiden Kapitäne mit einem Handschlag. "Mein Name ist Gunnar Jansson. Das sind", er zeigte nach links und rechts, "meine beiden Linienrichter."
Die beiden Kapitäne und die drei Richter nickten sich zu, während die Mannschaften hinter ihnen sich in zwei gegenüberstehende Reihen aufbauten.
"Die Regeln sind ihnen bekannt?", fragte Jansson.
Der sowjetische Kapitän nickte, genauso wie Gotthold.
"Gut", sagte der Schiedsrichter, schaute zu Gotthold, griff in seine Hosentasche und holte eine Zwei-Kronen-Münze hervor. "Kopf oder Wappen?"
"Wappen."
Der Schiedsrichter warf die Münze in die Luft, fing sie und ließ sie auf seinem Handrücken landen.
"Tut mir leid", sagte er und hielt sichtbar die Seite mit dem Kopf hoch. "Die Gastmannschaft entscheidet."
"Na, das fängt ja gut an", murmelte Gotthold.

***

Königsberg-Contienen, CVG-01 Graf Zeppelin, Kommandobrücke

Der Mann in der Uniform eines Fregattenkapitäns schaute vorsichtig vom Nock der Brücke herunter auf den Kai und beobachtete den Omnibus, der mit Schrittgeschwindigkeit an den Schuppen und Hallen der belebten Schichau-Werft vorbeifuhr und durch das offene Tor auf die Hafenstraße einbog.
"Haben sie uns bemerkt?", fragte Jansen über die Schulter.
"Nein, Herr Kapt'än."
Der Blick wanderte zurück zum langen Flugdeck. Vorne waren die eingebauten Startkatapulte im Boden zu erkennen, und ebenfalls die drei Aufzüge für die Flugzeuge, die sich vorn, mittig und achtern befanden.
"Gut", meinte der Erste Offizier und zeigte auf das kleine Fußballfeld zwischen dem vorderen und dem Hangaraufzug in der Mitte des Decks. "Die Netze, die Markierungen - das muss alles verschwinden."
"Aye."
"Haben Sie sich mit den alten Handbüchern und den Besonderen Anweisungen vertraut gemacht?"
"Jawohl."
"Ist die Sende- und Empfangsanlage betriebsbereit?"
"Aye."
Der Erste Offizier drehte sich kopfschüttelnd um und musterte den Mann, der in der Uniform eines Oberleutnants vor ihm stand.
"Muss ich Ihnen alles aus der Nase ziehen, Gerling?" Jansen verschränkte die Arme vor der Brust, während auf der Brücke hinter Gerling Werftarbeiter zusammen mit Seeleuten verschiedene Geräte mit Kabeln verbanden. "Oder sind Sie einfach nur nervös?"
"Ist es verwunderlich?"
Der Kap'tän lächelte.
"Knifflige Probleme erfordern besondere Lösungen."
"Das ist leichter gesagt, als getan." Gerling schüttelte den Kopf. "Das ist, gelinde gesagt, Wahnsinn. Die Winde von der See sind unberechenbar, gerade hier im Hafengebiet."
"Ist das Ihr einziges Problem?"
Der Oberleutnant schüttelte den Kopf.
"Wir tanzen gleich auf zwei Hochzeiten gleichzeitig, Herr Kap'tän. Und das Schiff ist eine einzige Katastrophe. Nur einen halben Meter Wasser unter dem Kiel. Und nichts funktioniert hier so, wie es sollte. Die Aufzüge stocken mehrmals während der Fahrt. Von den Katapulten funktioniert zur Zeit nur eines. Und die Schläuche der Brandbekämpfung haben mehr Löcher, als die Socken eines Infanteristen."
"Ist das alles?"
"Noch lange nicht", meinte Gerling. "Die Pumpen der Leckwehr achtern sind neun Jahre alt, und sehen dementsprechend aus. Von den Betankungsstutzen fehlt die Hälfte - von den mangelnden Unterbringungsmöglichkeiten inklusive den Einrichtungen für die Mannschaftsmesse ganz zu schweigen."
Der Kap'tän lächelte.
"Gut Gerling, dann wissen Sie ja, was noch zu tun ist."
Der Oberleutnant schaute ihn entsetzt an, während sich im Hintergrund auf dem Pregel zwei Schlepper näherten.
"Ob ich hier jetzt den Ersten Offizier spielen soll, oder nicht", meinte er. "Aber wissen Sie eigentlich, wie lange ich dafür brauchen werde?"
Der Kap'tän schaute auf die Uhr und nickte.
"Eine knappe Stunde, Herr Oberleutnant. Sonst noch was?"
Gerling verharrte, dann griff er in seine Hosentasche und hielt dem Kap'tän einen Zettel hin.
"Die Kameraden vom MAD haben dies hier heute morgen abhören können. Noch nicht ganz entschlüsselt."
"Von wem?", fragte Jansen und nahm den Zettel entgegen. "Polen? Russen?"
Gerling schüttelte den Kopf.
"Gesendet weit draußen vor dem Minengürtel, Kap'tän", antwortete er und nickte zum Zettel. "Wahrscheinlich ein italienisches U-Boot, adressiert an die Botschaft."
"Das sind unsere Alliierten, was ist daran so ungewöhnlich?"
Der Oberleutnant tippte auf den Zettel.
"Es geht um diesen Heinrich aus der Morgenausgabe. Er soll in die italienische Botschaft überführt werden."
Jansen schüttelte verwirrt den Kopf.
"Ist nicht unsere Angelegenheit", meinte er schließlich. "Verständigen Sie besser den Admiral."
"Schon versucht. Dort ist niemand zu erreichen."
Der Kap'tän seufzte.
"Dann auf die altmodische Art", brummte Jansen. "Schicken Sie einen Melder zur Kommandantur, irgendjemand muss doch dort sein."

***

Königsberg-Mittelhufen, Walter-Simon-Stadion

Im Turm des Stadions saß Wiedemann in einem kleinen Raum. Vor sich das Mikrophon, daneben etliche Geräte, Schalter, Knöpfe. Stecker mit den Auschriften 'Mikro Tribüne', 'Mikro Kurve I und II' sowie 'Mikro Bühne II' steckten in einem Verteiler zu seiner rechten, die dazugehörenden Kabel versanken im wüsten Durcheinander, das durch die Tür hinaus verschwanden.
"Herr Wiedemann?", fragte Liebtraud Ertiné. "Hallo?"
"Sie können es auch abkürzen - WW reicht völlig."
Sie schmunzelte.
"Gut, dann noch einmal die Frage", sagte sie. "Haben Sie alles verstanden?"
Er schüttelte den Kopf und hob hilflos die Arme.
"Wenn ich ehrlich bin, habe ich den Überblick verloren", meinte er. "Ich bin eigentlich nur Radiomoderator"
Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.
"Ganz einfach gesagt", meinte sie, "müssen Sie einfach nur reden. Ohne Unterlass. Keine Pause, kein Toilettengang, einfach nichts."
Er nickte erleichtert.
"Das kriege ich hin."
"Gut." Sie klopfte ihm aufmunternd auf die Schultern. "Den Rest mache ich."
Im Türrahmen erschien der einäugige Admiral, der schnellen Schrittes eintrat.
"Alles bereit?", fragte er und nickte zum Schallplattenspieler neben dem Verteiler.
Wiedemann nickte hielt eine Platte hoch und zeigte auf das Abspielgerät.
"Die sowjetische Hymne ist drauf."
Der Admiral trat hinter Wiedemann und schaute vom Mikrophon auf dem Tisch zum Fenster.
Unten auf dem Spielfeld standen sich die beiden Mannschaften von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Rote Leibchen und weiße Hosen gegen weiße Leibchen und schwarze Hosen.
Starre monotone Blicke der Sowjets, die ihre Gegenüber zu Tode fixieren wollten.
"Man hört ja gar nichts", sagte Wiedemann und beugte sich ein Stück über den Tisch.
Es war still im Stadion, die Zuschauer in den Kurven und Tribünen verstummt, die Reporter unten hinter den abgesperrten Bereichen der Trainer senkten ihre Kameras, während die italienischen Soldaten starr und leblos auf der Laufbahn standen- nur das Schlagen der Flaggen am Fahnenmast störte die Ruhe vor dem Sturm.
"Dann wollen wir mal", sagte der Admiral, nachdem er auf seine Uhr geschaut hatte und griff nach dem großen Mikrophon.
Aus den Lautsprechern links und rechts des Tribünenturms war zuerst nur ein Knacken zu hören, dann ein Rauschen - und zum Schluss donnerte die röhrende Stimme des Admirals über den Platz.
"Meine Damen und Herren, in meiner Funktion als Befehlshaber des Wehrkreises I begrüße ich sie alle zum Halbfinalspiel Deutsches Reich gegen die UdSSR", rief er und gab Frau Ertiné ein Zeichen. "Als Erstes wird die Nationalhymne der UdSSR gespielt, danach die deutsche. Bitte erheben sie sich."
Der Tonarm legte sich auf die Platte, die Nadel senkte sich in die Tonspur.
Niemand auf den Plätzen erhob sich, als die Hymne der Gäste in den Lautsprechern erklang. Zuerst ein Tusch, dann kernige Stimmen eines Chors, die Sojuz nerušimyj respublik svobodnych sangen.
Wiedemann zuckte zusammen, als die sowjetischen Feldspieler in das Lied einstimmten.
Splotila naveki velikaja Rus’.
"Alles in Ordnung?", fragte Ertiné.
"Ja, schon", antwortete er und funkelte den Plattenspieler an. "Ich ..., es ist nur wie ein Alptraum, dies zu hören."
Sojuz nerušimyj respublik svobodnych.
"Das ist nur ein Spiel, Herr Wiedemann", brummte der Admiral. "Die Alpträume sind Vergangenheit!"
'Splotila naveki velikaja Rus’.
Die sowjetischen Spieler brüllten die Strophen regelrecht über den Platz.

Nachdem die letzten fremden Töne in der Luft versiegt waren, kehrte für einen Moment wieder Stille ein.
"Los, los, los!", rief der Admiral. "Beeilung!"
Ertiné schwang den Tonarm zur Seite und tauschte die Platten aus. Es kratzte erneut, als die Nadel in die Tonspur gelegt wurde. Erst ein Rauschen, dann ganz langsam erklang Deutschland, Deutschland über alles - über alles in der Welt aus den Lautsprechern beiderseits des Turms.
Die drei im Turm hatten vor dem Fenster Haltung angenommen. Sie konnten sehen, wie die deutschen Spieler unten auf dem Feld erst summten, dann langsam und leise in den Gesang mit einstimmten.
Wenn es stets zu Schutz und Trutze - brüderlich zusammenhält.
"Wenn das hier vorbei ist", zischte der Admiral, "dann werde ich eine Gesangsweiterbildung ansetzen - unglaublich das ein deutscher Soldat das wichtigste Lied nur leise singt!"
Die sowjetischen Gegenüber grinsten und sprachen erst leise, dann lauter werdend in den Gesang der Mannschaft hinein und brachten sie mancherorts aus dem Takt.
Deutsche Frauen, deutsche Treue ...
"Was soll das denn?", entfuhr es Wiedemann. "Die durften doch auch in Ruhe singen!"
Auf den Rängen der Turmtribüne unter ihnen erhoben sich allmählich die Reporter, legten ihre Kameras zur Seite und stimmten ebenfalls in das Lied ein.
Uns zu edler Tat begeistern - unser ganzes Leben lang.
Die Sowjets lachten schließlich, was sogar bis hinauf in den Turm zu hören war.
"Eine Unverschämtheit!", knurrte der Admiral, als die Sowjets schließlich damit begannen, ihr eigenes Lied wieder über den Platz zu schmettern.
Sojuz nerušimyj respublik svobodnych ...
Doch als die dritte Strophe anbrach, standen überall auf den Plätzen die Zuschauer auf. Die Stimmen der Männer und Frauen im Stadion: Ob hoch oder tief, brummig oder piepsig - sie sangen alle mit denen der Mannschaft und der Reportern gemeinsam:
Einigkeit und Recht und Freiheit - für das deutsche Vaterland.

***


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