Es ist: 25-01-2020, 12:42
Es ist: 25-01-2020, 12:42 Hallo, Gast! (Registrieren)


Der Protagonist
Beitrag #11 |

RE: Der Protagonist
Interessante Frage, wirklich - vielen Dank fürs Stellen, Meluse.

Grunsätzlich kann ich zu meinen Hauptfiguren sagen, dass ich sie jedes Mal in zwei Ausgaben ausarbeite: die Figur, die am Anfang steht und die Figur, die sie am Ende in groben Zügen etwa werden soll. Dieses Konzept dient in erster Linie der Durchführbarkeit des Plots, denn es wäre eine absulute Katastrophe, wenn beispielsweise ein Protagonist die Welt retten soll und dann habe ich am Ende eigentlich ein Charaker, der sie gerne zerstören würde Icon_ugly
Es ist allerdings nur ein grobes Konzept und ich hatte auch schon eine Figur, bei der ich feststellen musste, dass das, was ich ursprünglich für sie geplant hatte, einfach nicht durchführbar war. Teilweise musste ich da auch den Plot für umschreiben.
Das klingt jetzt alles vielleicht sehr konstruiert, weil ich meine Figuren eben nicht frei wie Wildwuchs wachsen lasse - ist allerdings enorm hilfreich. Und zwingend notwendig, wenn ich eine Figur habe, die als Nebencharakter in einer Geschichte vorkommt und über die ich dann in einer anderen Geschichte schreibe, die zeitlich vorher spielt. Dann bin ich zwar sehr flexiebel darin, wie die Figur anfängt, aber das Ende der Charakterentwicklung steht ja schon unverrückbar fest.
Und schließlich wird die Figur in Wechselwirkung mit der Welt und den Aufgaben, die ich ihr stelle, zu dem geschliffen, als was ich sie haben will - allerdings nie so, wie ich es erwartet hätte. Hier ist eindeutig der Weg das Ziel.
Auf jeden Fall steht immer die Frage im Hintergrund: Warum ist meine Figur so, wie sie nunmal ist?

Eine meiner Figuren ist eine ehemalige Lustsklavin, die ganz extreme Probleme mit Männern hat und die grundsätzlich die Leute erheblich weiter werfen kann, als sie ihnen über den Weg traut. Dennoch ergreift sie später kurioserweise den Beruf der Heilerin (was ich anfangs niemals von ihr gedacht hätte). Sie ist eine unausstehliche Kratzbürste, die alles und jeden vor den Kopf stößt, der ihr versucht zu helfen - meine ersten Probeleser konnten sie absolut nicht leiden. Trotzdem hat sie einen ausgeprägten Gererechtigkeitssinn, scheitert jedoch daran, ein angemessenes Strafmaß festzulegen. Hin und wieder hat sie ihre Momente, wo sie sich einfach mal selbst vollkommen im Weg steht und dann Dinge tut, die sie eindeutig nicht getan hätte, wenn sie noch einmal nachdenken würde.
Eine andere Figur ist anfangs ein hochtalentierter Lebemann, dem einfach zu viel in den Schoß fällt und der jedes Mädel besteigt, mit der er mal ein Lächeln ausgetauscht hat. Er ist oberflächlich und wirkt dadurch hin und wieder etwas beschränkt. Er willigt ein, seinen Freund auf einer Reise zu begleiten, an deren Sinn und zweck er selbst allerdings überhaupt nicht glaubt - dafür ist sein Weltbild zu festgefahren. Dabei hat er in seiner Vergenagenheit eigentlich schon bewiesen dass er durchaus für seine Intressen einstehen und kämpfen kann und vielleicht ist sein Lebensstil einfach seine Methode zu verdrängen, dass er seine Familie niemals wird wiedersehen können. Irgendwann im Laufe der Geschichte lernt er umdenken, allerdings nur durch ziemlich heftige Denkanstöße, denn sein Freund wird sterben, weil er sich nicht beherrschen konnte. Und sein Zusammentreffen mit meiner zuvor beschriebenen Kratzbürste fasziniert ihn weit genung, um seinen Umgang mit Partnerschaften mal zu überarbeiten.
Ein weiterer Charakter ist ein Assassine, der sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat und der hin und wieder aufgrund seines ehemaligen Berufes dazu gezwungen ist, Dinge zu tun, die er eigentlich nicht tun will. Aber einer muss schließlich die Drecksarbeit machen, wenn sie anfällt. Bei dem Kerl wirkt es auf dem ersten Blick so, als hätte er seine Kämpfe und Konflikte schon gelöst, aber hin und wieder kommen da noch ein paar Dreckecken zum Vorschein. Er wird eine eigene Geschichte bekommen, die beleuchten wird, warum er der ist, der er ist und wenn ich von dem grünen Jungen ausgehe, der er angangs sein wird, dann macht er eine enorme Wandlung durch.
Dann ist da ein undurchsichtiger Windbeutel von Magier, den nichtmal ich auch nur im Ansatz durchschauen kann - was er im Übrigen ganz freimütig zugibt. Der Mann steht einfach auf seiner eigenen Seite und veheimlicht es nicht einmal, er spielt damit, dass ihm scheinbar niemand das Wasser reichen kann, aber in Wahrheit sind ihm die Hände gebunden. Er hat viele Bewunderer und keine Freunde - ob er sich daran stört, kann nicht einmal ich sagen. Obwohl seine Motive nicht die schlechtesten sind, betrachtet er alle Anderen mehr als Schachfiguren, denn als Menschen. Hin und wieder, wenn sozusagen keiner hinschaut, ist er allerdings auch zu echter Größe fähig. Er ist mit Abstand die Gegensätzlichste Figur, die ich jemals geschaffen habe und genau deswegen mag ich ihn.
Ein Sonderfall ist eine Figur, die tatsächlich am Ende ihrer Charakterentwicklung steht, die eine in sich ruhende Persönlichkeit ist und ihre Konflikte eigentlich schon alle ausgetragen hat. Zu ihr kann ich nur sagen, ich mag sie, aber ich schreibe sie nicht gerne - sie birgt einfach keine Geheimnisse mehr in sich. Vielleicht komme ich irgendwann mal hinter ihre Geschichte, denn sie wird ganz sicher nicht immer so gewesen sein.

(Keiner der eben beschriebenen Figuren findet sich hier im Forum.)

Ich könnte die Liste noch eine Weile weiterführen und nicht alle sind unbedingt Hauptcharantere. Früher oder später gebe ich mir Mühe allen wichtigen Figuren Ecken und Kanten zu geben, obwohl sich einige sehr hartnäkig weigern, sich in die Karten gucken zu lassen. Wieder andere Figuren sind ständigen Überarbeitungen unterworfen, weil sie bisher einfach noch nicht die Tiefe gefunden haben, die sie haben könnten. In wie weit mir das gelingt, kann ich selbst immer nur schwer beurteilen.

Würden meine Figuren mich leiden können? Viele würden mir liebend gerne in den Arsch treten; andere könnten gut damit leben, dass ich ihnen alles Mögliche antue. Und wieder andere würden darüber lachen.
Bei den meisten ist es aber so wie bei Sniffu und einigen anderen: sie würden mich für das, was ich ihnen antue, je nach ihren individuellen Charakterzügen, mich in verschiedensten Variationen am liebsten ebenso leiden lassen.
Hin und wieder gelingt es ihnen sogar.

"Ganz besonders Ihr, [...], werdet irgendwann erkennen, dass eine Welt, die mit dem Begriffsvermögen eines einzigen Menschen zu erfassen ist, keine Welt wäre, in der es sich lohnen würde zu leben."

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