Es ist: 23-10-2020, 22:57
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Das Ostseeheilbad (Sommer '11) (von ibi)
Beitrag #1 |

Das Ostseeheilbad (Sommer '11) (von ibi)
(Heilanstalt Kellenhusen)

Ein Schlüssel wurde in ein Schloss gesteckt.
Ein Knarren, ein Drehen - doch die Tür blieb regungslos. Nach einem kurzen Moment, indem hinter dem massiven alten Holz ein unterdrückter Fluch zu hören war, krachte es plötzlich und die Tür sprang auf.
"Muss leider immer Gewalt anwenden", meinte der stämmige dunkelhäutige Mann, der als erster die enge geschwungene Treppe betrat, die in den Keller der Heilanstalt führte.
"Ich hätte nicht damit gerechnet, dass jemand, der hier arbeitet Mitleid mit Türen hat", sagte die Frau, die ihm langsam mit ihrem Aktenkoffer die Stufen hinabfolgte. "Warum bauen sie nicht einfach eine neue ein, Herr Koper?"
"Kein Geld", meinte der Mann. "Chefs sagen: Hat schon zu Kaiserzeiten gehalten - hält weiter."
"Nette Logik."
"Joseph."
"Bitte?"
"Jo-seph. Mit ph", meinte der Mann, als er als erster unten ankam. "Nachnamen sind unpersönlich."
"Angenehm."
"Und Sie?"
"Agentin J."
"Nur ein J.?"
Die Frau schmunzelte.
"Jade", sagte Sie, und fügte räuspernd hinzu: "Agentin in der Ausbildung."
"Ah." Joseph zog erstaunt eine Augenbraue hoch. "Die Korif-, ... äh, Koriirgendwas?"
"Koryphäe - ja."
"Lange keiner mehr von euch hier gewesen", meinte Joseph. "Dachte schon, ihr hättet ihn vergessen."
"Wir vergessen niemanden."
Joseph nickte schweigend, während sie weiter durch den kalten Keller gingen. Nur spärlicher Schein der alten vergilbten Lampen an der gewölbten Decke. Ein Hüne in einer zu kurz geratenen Anstaltsuniform, daneben die kleine Agentin im dunklen Hosenanzug und den schwarzen Schuhen, die neben Josephs lautlosen Adidas-Sportschuhen die Stille verschreckt aufscheuchte.
Eine Gittertür tauchte vor ihnen auf. Dahinter ein Trakt im Zwielicht. Rechts nur die kahle Mauer, links die Zellen, von denen die meisten leblos und dunkel waren. Nur eine einzige am hinteren Ende des Ganges war erleuchtet.
"Müssen vorsichtig sein", flüsterte Joseph und holte einen Schlüsselbund aus seiner Hose. "Letzte Agentin fast wahnsinnig geworden."
Jade schwieg, ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen.
"Ich habe davon gehört, ja."
Erneutes Drehen, zerren, doch diesmal sprang die Tür ohne Tritt auf.
"Gefährlicher Mann." Joseph hielt Jade die Gittertür auf. "Sehr gefährlich."

Es roch muffig. Irgendwo über ihren Köpfen schnaufte ein versteckte Ventilator und versuchte die abgestandene Luft aus der dunklen Welt weit unterhalb der Erde abzusaugen - vergeblich.
Alte vergilbte Lampen, aus manchen zuckte das Licht, als würde es kurz vor dem Ableben stehen, während sie an den leeren Räumen vorbeigingen.
"Ist der Doktor der einzige Gefangene hier unten?", fragte Jade und blieb vor der Gittertür der ersten leeren Zelle stehen.
"Warten Sie." Joseph drehte sich für einen kurzen Moment von ihr weg, und nach einigen Sekunden blinzelte sich eine alte Deckenlampe wach.
"Ach Du ...", entfuhr es Jade, während Sie die Zelle betrachtete.
Ein altes Bett aus Stahl. Ein totgespültes Wachbecken. Ein angebissener Tisch, der sich nur noch auf drei Beinen hielt. Und eine graue Wand, auf der tiefe Kratzer zu sehen waren. Überall.
"Es sieht aus, als hätte jemand versucht, sich mit den Fingernägeln durch die Mauer zu graben."
"Alte Zelle, war noch nicht neu gemacht worden", flüsterte Joseph und zeigte nacheinander auf die Nachbarzellen. "Wurde nacheinander in die anderen Zellen gesteckt."
"Nacheinander?" Jade schüttelte den Kopf. "Warum?"
"Schauen sie."
Zelle Nummer 2.
Wieder ein altes Bett aus Stahl, diesmal kein Tisch. Aber die Wand war weiß gepolstert. Darauf erkannte Sie eine Zahl, in allen erdenklichen Formen und Schreibweisen geschrieben.
'IINullEINSI', '2-o-1-1', 'Zweitausendelf'.
"Ja", sagte Sie. "Er ist wirklich krank."
"Andere Zellen sehen auch so aus."

Sie betrachtete die Nachbarräume, während sie sich langsam dem Ende des Ganges näherten. Überall unveränderte Ausstattung, manchmal war der Holztisch in der Mitte durchgeschlagen, manchmal wieder angebissen. Erst in der vorletzten Zelle stand kein Tisch mehr.
Ausnahmslos überall waren die gepolsterten Wände vollgeschrieben.
'Wir sind viele!', 'Der Countdown hat begonnen!', 'Fuck Anglicism!' und 'Königsberg forever!', oder 'Lang lebe Daniel Defoe!'.
"Weiß nicht, woher er jedes Mal die Stifte hatte", flüsterte Joseph, als sie die letzte Zelle erreichten. "Unheimlich."

Die letzten Schritte ihrer Schuhe hallten noch durch ihre Ohren. Der Blick wanderte nur mühsam nach links zur Zelle, die keine Gittertür mehr aufwies. Stattdessen eine dicke Glaswand, von der Decke bis zum Boden, durchsetzt von kleinen Luftlöchern. Dahinter wieder eine helle Deckenlampe, die ein krankes Licht hinunter warf. Ein Bett, ein kleines Kopfkissen, eine dünne Bettdecke. Ein Tisch in Stahl, ein Spülbecken an der Wand. Neu, noch glänzend.
Und in der Mitte auf einem Hocker ein Mann, weiße Hose, keine Schuhe oder Socken, aber in einer weißen Zwangsjacke, die die Arme auf seinem Rücken festhielten. Eingefallenes Gesicht, Koteletten an den Backen und eine alte Brille aus den Siebzigern auf der Nase. An einigen Stellen fraßen sich bereits die ersten Anzeichen einer Glatze durch das graue Haar. Braune Augen, die die dicke Scheibe vor ihm zu durchbohren schienen.
Joseph rieb sich nervös die kalten Finger. Kleine Schweißperlen tummelten sich auf seiner Stirn.
"Hatte letztes Jahr einen Wärter namens Johann in seiner Zelle gefangen gehalten", sagte er. "Seitdem muss Doktor bei Essenszeiten fixiert werden."
Jades Gesicht blieb ausdruckslos, während der Kopf nur bestätigend nickte. Dann näherte Sie sich der Scheibe.
"Vorsichtig sein!", warnte Joseph. "Unheimlich - nicht vergessen!"
Sie setzte ein charmantes Lächeln auf, während Sie versuchte, seinen bohrenden Blicken standzuhalten.
"Doktor Hannibal Noughts?"
Keine Reaktion.
Sie hob ihren Aktenkoffer leicht an.
"Wir müssen reden."
Stille, nur Josephs Herz war zu hören, das ihm fast durch den Brustkorb sprang. Dann endlich zuckten die Lippen des Doktors, ein Lächeln umspielte seinen Mund.
"Reden?" Es klang wie ein Zischen. "R-e-d-e-n?"
Jade nickte, öffnete ihren Koffer und griff hinein.
"Wir brauchen Ihre Hil-"
"Ich rede mit niemanden, der keinen Namen hat!"
Sie erschrak, ihre Hand verharrte im Koffer, als der Doktor sich langsam vom Hocker erhob und bedrohlich vor der dicken Scheibe aufbaute.
"Ganz ruhig!", rief Joseph und fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. "Sonst keine Zigarren mehr!"
Der Doktor schnaufte.
"Und kein Kaffee!", rief der Hüne.
Noughts presste die Lippen zusammen. Sein Gesicht bebte, als seine Augen Joseph fixierten und ihn bereits im Kopf zum Abendessen verschlangen.
Stille. Niemand bewegte sich vor oder zurück.
"Jade", antwortete die Agentin endlich. "Das sollte reichen - oder?"
Der Doktor lächelte süffisant.
"Billiger Hosenanzug, billige Schuhe", zischte er, während seine Augen vom farbigen Hünen abließen und die kleine Agentin musterten. "Billiger Aktenkoffer, billiges Parfum - aber der Name ist in Ordnung."
"Sonst noch was?"
"Sie sind genau wie alle anderen. MIB-Anzug, neutrale Miene, immer schön objektiv bleiben, ne?"
"Nein."
"Oh, Widerworte?"
"Nicht auf ihn einlassen!", warnte Joseph. "Letzte Agentin, nicht vergessen!"
Noughts lachte.
"Sie war eine Anfängerin, Joseph." Das Lachen verharrte in seinem Gesicht. "Eine blutige Anfängerin."
Jade ließ sich nichts anmerken.
"Tut mir Leid, Doktor. Ich bin eher ein eiskaltes Miststück ohne rechte Begeisterung für Menschen, die versuchen, es über seine Äußerlichkeiten zu analysieren."
Noughts Lächeln lebte wieder auf.
"Touché!"
"Im Übrigen vergeude ich wirklich nur ungerne meine Zeit mit Ihnen", sagte Sie und zog schließlich ihre Hand aus dem Aktenkoffer. Mit einer Postkarte in ihren kalten Fingern. "Aber wir brauchen ihre Hilfe, Doktor."
Noughts Gesichtszüge entspannten sich und der Hauch eines Fragezeichens schlich über seine Stirn, als Jade die Karte vor die Scheibe hielt.
Auf der Vorderseite Strand- und Meeresaufnahmen, mittig in roter Schrift 'Ostseeheilbad Kellenhusen'.
"Was ist das?", fauchte er. "Ein neuer Trick?"
Jade drehte die Karte um.
"Lesen sie!"
Auf der Rückseite stand in handschriflichen Blockbuchstaben:
'Werter Dr. Noughts
mit Trauer und tiefem Entsetzen haben wir, die Postboten Literatopias, erneut zur Kenntnis genommen, dass Sie sich wieder einmal mit fadenscheinigen Ausreden von der Postkartenaktion distanziert haben. Wir, die Postboten Literatopias, sind jedoch der Meinung, dass wir auf Ihre geistreichen Schlussfolgerungen und erheiternden Mutmaßungen bei keiner weiteren Postkartenaktion verzichten können. Sehen Sie diese Karte daher als Petition der unzähligen Postboten Literatopias zur Teilnahme an den folgenden Aktionen.
Hochachtungsvoll
Ihr Postbotenteam.'

"Und was ist das da?", fragte Noughts und zeigte auf den unteren Kartenabschnitt.
"Ein Link, der zu einem Video auf der Internetseite 'youtube' führt", antwortete Jade. "Auf dem fraglichen Video sind Ausschnitte aus der Fernsehserie 'Columbo' zu sehen."
"Video?" Joseph lachte. "Hier kein Computer, armer Doktor."
"Irgendwann, lieber Joseph ...", zischte Noughts und ließ den Satz unvollendet.
"Lesen Sie Bücher, Doktor?", fragte Jade, doch bevor der Gefangene antworten konnte, meldete sich Joseph wieder.
"Dexter-Morgan-Romane haben wir ihm letztens unter Zwang abgenommen!" Der farbige Hüne stöhnte. "Keine Ahnung, woher. Unheimlich!"
Die Agentin griff wieder in ihren Koffer und holte ein Lesezeichen hervor. Darauf stand 'Literatopia'.
"Das lag ebenfalls im Briefumschlag."
Der Doktor lachte.
"Eine herrliche Karte - geben Sie mir die Sachen!"
Jade schüttelte den Kopf.
"Nein."
"Das ist aber an mich adressiert!"
"Doktor, es wurden noch mehr dieser Karten registriert."
"Na und?"
"Wir gehen davon aus, dass ein Trittbrettfahrer versucht, in ihre Fußstapfen zu treten."
"Wundervoll - na dann werden sie ja bald alle Hände voll zu tun haben."
"Wenn Sie uns helfen, könnten Sie aber unter Umständen in eine andere Haftanstalt verlegt werden." Jade legte in ihr Lächeln Charme und Wärme. "Wie wär das? Ein Fenster mit Ausblick zum Meer beispielsweise?"
Noughts überlegte.
"Ich will hier raus", sagte er schließlich. "Sonst gibt es keine Vereinbarung."
Ein unangenehmes Schweigen breitete sich im Keller aus.
"Ist das Ihr letztes Wort?", fragte Jade.
Der Doktor nickte.
"Niemand kommt hier raus!" Joseph begann zu grinsen, verharrte aber, als die Agentin wieder in ihren Aktenkoffer griff. Und ein sorgfältig gefaltetes Papier hervorholte.
"Der Gefangene ist in meine Obhut zu übergeben, Herr Koper", sagte Jade und hielt dem farbigen Hünen den Wisch hin. "Mit sofortiger Wirkung."
"Was?"
Jade zuckte mit den Schultern.
"Wir brauchen ihn. Unbedingt."
Josephs Gesichtszüge fielen in sich zusammen.
"Gnade uns Gott!"
Und der Doktor lächelte.
"Wir sollten wirklich mal zusammen essen gehen", zischte er und funkelte den farbigen Hünen an. "Nicht wahr, Joseph?"

( Icon_fies )

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Vor Abgabe eines Tipps muss ich mich erstmal in die Thematik einlesen. D.
Und meinen ausdrücklichen herzlichen Dank an jadeaugen, die sich bereitwillig zur Verfügung stellte.
LGD.

In Ordnung, in Anbetracht der Tatsache, dass ich Jade zwar durchaus eine Kartenfolgegeschichte zutraue, denke ich trotzdem eher, dass es wahrscheinlich (mindestens) 2 Personen sein müssten. (Obwohl, letztes Mal waren es auch 2, wäre ja langweilig - warum nicht 3? Ha, wieder Münster. Oder 4? Münster? Nee, hm.)

poLet? Nein, Prosa - keine Lyrik. (Obwohl ich dem Mann jedes Genre/jeden Stil/jede Richtung zutraue.)
Bianca? Ja, ... nochmal nachdenken, ... fühlt sich gut an.
Quantensprung? Ehrlich gesagt mein Hauptverdächtiger. Schon etwas länger dabei. Irgendwie. Vom Bauch und so. Ja, warum nicht? Quantensprung! Aber wen hat Sie dann mit dabei? (Wenn 'die Postboten' keine so genannte Nebelkerze sind?)

Gibs zu, Q! Mrgreen
(Tante Google! Ha, 'Q' - doch ein Star Trek Fan!!!)

LGD.


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Beitrag #2 |

RE: Das Ostseeheilbad (Sommer '11)
Du bist genial, Hannibal!
Icon_wink
Aber: nee. Ich glaube, diese sache ist für Quantensprung alleine zu groß,
und ich glaube auch, dass sie bestimmt alleine unterwegs ist!
Vielleicht die letztens aufgetretene button-sache?
Aber die 'lesezeichen'-aktion haben mehrere verbockt.
Kann Adsartha die finger irgendwie mit drinnenhaben?


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Beitrag #3 |

RE: Das Ostseeheilbad (Sommer '11)
Hm, vielleicht. Quantensprung hat sich noch nicht gemeldet.

Aber ja, ich glaube auch, dass die Youtube-Lesezeichen-Karten aus einer Gruppe von Händen stammt. Icon_aufsmaul

Adsartha? Nun, unmöglich ist nichts.

LGD.


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Beitrag #4 |

RE: Das Ostseeheilbad (Sommer '11)
Hi,
Zitat:Aber ja, ich glaube auch, dass die Youtube-Lesezeichen-Karten aus einer Gruppe von Händen stammt.

Und Zitronenfalter falten Zitronen MrgreenMrgreenMrgreen

* ichbinich freut sich seit Wochen im stillen Kämmerlein, dass der D. ihr das nicht zugetraut hat.

Schade das ich keine Kamera für den Gesichtsausdruck griffbereit hatte.
Icon_bussi

LG
ibi


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Beitrag #5 |

RE: Das Ostseeheilbad (Sommer '11)
Icon_rolleyes


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