Es ist: 16-05-2021, 12:11
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Haare aus der Dose
Beitrag #1 |

Haare aus der Dose
„Und sie brauchen es nur über Ihr Haar zu verteilen. Das Mittel ...“, ein Seufzen entglitt der Frau. „ ... es wirkt sofort.“
Der Kunde vergrub Seine Hand in der Dose. Die braune Masse war schaumartig.
Nie im Leben würde er sich diesen Dreck in die Haare schmieren. Wie es sich schon anfühlte. Es zerbröselte sobald Er es mit den Fingern zerdrückte.
„Was bewirkt es denn?“
Er roch an seiner Handfläche und blickte die Verkäuferin fragend an.
„Sehen Sie ... stellen Sie sich das Pulver als Tausende mikroskopisch kleine Häkchen vor, d-die ineinander greifen k-können.“ Sie begann wieder zu stottern. Schließlich fing sie sich wieder. „Sie benötigen dazu nur einen Haaransatz und es bildet sich eine fortlaufende Kette. Äh…hier, schauen sie mal.“
Mit passenden Handgesten wollte die Aushilfskraft das gesagt hervorheben. Dann nahm Sie eine Prise des Pulvers und zerrieb es vorsichtig. Eine winzige Schnur bildete sich. Sie zerfiel daraufhin sofort. Mäßig beeindruckt hob er die Augenbrauen.
„Ein Haarimitat. Ganz nett. Aber noch ausbaufähig. Oder?“
„Nein. Nicht. Eigentlich nicht.“, antwortete sie. Mit dem Ärmel wischte sie sich die Feuchtigkeit aus den Augen. „Gegen kahle stellen funktioniert es hervorragend. Wenn Sie wollen, können Sie´s gleich ausprobieren.“
Sie deutete auf seine durch das braune Haar hervor scheinende Kopfhaut. Sie lächelte zum ersten Mal seit er angefangen hatte mit ihr zu reden. Er zwinkerte zurück. Das wollte er auf keinen Fall. Das Zeug jagte Ihm schon etwas Angst ein. Haare aus der Dose. Was käme als Nächstes?
„Manni!“
Manfred blickte einen Moment zu Zacharijah. Mit einem entschuldigenden Kopfnicken löste er sich vom Blick der Verkäuferin. Humpelnd machte er sich zu seinem Kollegen auf. Manfred war recht korpulent. Die Kniescheibenverletzung seit dem Einsatz vor zwei Jahren war außerdem noch immer nicht ganz verheilt. Er holte eine Schachtel Lucky Strike aus seiner Jackentasche und steckte sich den Stängel zwischen die Lippen. Der um einen Kopf größere Zacharijah hielt ihm bereits ein Feuerzeug hin, ohne überhaupt aufgeblickt zu haben. Ein Schwall Nikotin flutete aus der glimmenden Zigarette in seine Blutlaufbahn und befreite endlich seinen Kopf.
Sein Kollege steckte das Feuerzeug ein und deutete nun auf den am Boden liegenden Leichnam. Mitte vierzig, mit Smoking und aschfahlem Gesicht.
„Hm?“, fragte Manni und blies den Qualm zu Zachariah.
Dieser nickte und musste husten, ehe er zu Wort kam.
„Zusammengefasst: Der Kerl ist hier einfach zu Boden gegangen, hat aber weder äußere Gewalteinwirkungen noch Innere, die toxischer Natur sind. Sein Blut hat völlig normale Werte und er ist erst seit knapp einer dreiviertel Stunde Tod. Was fällt dir dazu Alles spontan ein und warum lässt du dich gerade jetzt in einem Kosmetikladen beraten?“
„Ja gut.“
Manni zuckte nur mit den Schultern.
„Ich meine die Kleine ist ja ganz sympathisch.“
Zacharijah blickte ihn zum ersten Mal an. Als keine ausführlichere Antwort folgte hob Er gelangweilt die Augenbrauen. Er hatte ein recht kantiges Gesicht und jede Menge Falten, sodass jede Mimik sofort hervorstach. Manni zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette und gab sich entwaffnet.
„Schon gut. Herzstillstand, Hirnschlag, was in der Art.“
„Ausgelöst durch was?“, fragte Zacharijah. „Ihm soll Schaum aus dem Mund getreten sein. Für mich ein eindeutiger Giftbeweis. Das dachte sich derjenige auch, als er uns gerufen hat.“
„Naja, Öhm. Diese Giftanalyse, oder was auch immer, die ist doch sicher, oder nicht?“
Sein Kollege schüttelte den Kopf. „Hier vor Ort? No way. Nur für die bekanntesten Gifte, wie Zyankali, Blausäure oder Tetrachlormethan. Die untersuchen das noch mal im Labor.“
Manni seufzte.
Ein Schlaganfall. Sie, die Mordkommission, ermittelten aufgrund eines Schlaganfalls.
Gelangweilt betrachtete Er die weitaufgerissenen Augen des Toten. Adern waren geplatzt und benetzten die Augäpfel mit roten Flecken. Sie schielten außerdem auf unnatürliche Weise in verschiedene Richtungen.
Als hätte er in die Steckdose gepackt, dachte sich Manni. Die Spurensicherung hatte bereits so viel Material gesammelt wie nötig war. Man begann nun damit, die Leiche einzupacken und weg zu transportieren. Zacharijah wandte sich zur Kassiererin dieser Abteilung, die gerade nervös an ihren Nägeln kaute.
„Entschuldigen sie noch mal. Herr Soest war also ein Stammkunde bei ihnen?“
Sie blickte ihn nicht an, sondern richtete leeren Augen auf den weggetragenen Leichnam, als sie antwortete.
„Ja. Ja, war er.“
Er setzte die Frage fort.
„Hatten sie womöglich bestimmte Anzeichen einer Drogenabhängigkeit bemerkt? Zitternde Hände, unruhige Augen…“
Zacharijah fing an zu gestikulieren. Es wirkte geradezu tuntig. Dass sein Arbeitskollege schwul war, wusste Manni lange Zeit nicht. Im Grunde war es ihm auch egal.
„Nein. Nein, nicht das ich wüsste.“, war die karge Antwort der Kassiererin.
„Nun“, begann Zacharijah wieder „er ist immerhin Chef eines großen Konzerns. Viel beschäftigt. Ausgelaugt. Ein Burnout. Kein Indiz dieser Art?“
Sie schüttelte nur den Kopf. Sie biss sich auf die Unterlippe, offenbar gegen die Tränen ankämpfend. Es machte keinen Sinn weitere Fragen zustellen, dachte Manni. Die Frau war noch zu sehr verstört. Verstört über den Tod selbst, oder über die Art, wie er eingetreten war? Was hatte sie wirklich gesehen?
Er bedeutete Zacharijah mit einer Kopfbewegung die Frau allein zu lassen. Dieser sprach noch beruhigend auf sie ein. Dann verließen sie den Laden.


Die Sonne verschwand langsam hinter den Bürogebäuden am Innenhafen. Die Bars und Restaurants wurden allmählich voller. Genauso wie die Leute deren Promillewert im fortlaufenden Abend anstieg. Zachariah und Manfred hatten es sich am Straßenrand in ihrem BMW mit Pizza und Bier bequem gemacht. Plötzlich zuckte Zacharijah zusammen, als eine Bierdose an ihrer Windschutzscheibe zerplatzte. Ein paar Jugendliche lachten.
Jemand fluchte: „Scheiße Mann! Die sin´ bewaffnet du Spast!“
Immer diese Saufköppe. Manni genehmigte sich wieder eine Zigarette. Zacharijah warf ihm einen missbilligenden Blick zu und zog eine Augenbraue hoch. Manni nahm nur gelassen einen Zug, bevor er das die Windschutzscheibe hinuntertriefende Bier kommentierte.
„Was weiß ich. Hatte ich hier auch noch nicht gehabt“, sagte er und nickte zu den Pizzaschachteln.
„Welche hattest du noch mal? Spinat?“
Sie beobachteten das übrige Treiben bis die Sonne und ihre Spiegelung ganz verschwunden war. Für Manni war das ein willkommener Moment. Ruhe. Wären da nicht diese Hooligans, aber selbst hier fand er mehr Frieden als Zuhause. Ein Zuhause. Nein, er war Heimatlos. Ein umherstreunender Köter, der ab und an die Herrin besuchte, weil er sich an Ihrem Geruch gewöhnt hatte. Eli, noch heute erinnerte ihn Ihr Duft an die schweißtreibenden Nächte.
„Sag mal“, riss ihn sein Sitznachbar aus seiner Träumerei. „Wie haben die uns eigentlich erkannt?“
Manni löste das Bier von seinem Mund. „Naja. Zwei Männer in einem BMW. Kein schwules Paar. Und sehen aus, als würden sie Jemanden beschatten.“
Zachariah blinzelte. Das machte er immer wenn er verärgert war. Manni grinste.
„Bist ne Ausnahme. Wie geht’s denn deinem Partner?“
„Ganz gut soweit. Und dir. Jagst du wieder mal einer Perle hinterher?“
Manni verzog das Gesicht.
„Für mich gibt es nur ein Schmuckstück, Zack. Das weißt du.“
Er stöhnte gelangweilt auf. Für ihn, das wusste Manni, war er ein engstirniger Sturkopf, der vor Veränderungen ängstlich davon lief. Doch das stimmte nicht. Seit der Trennung vor drei Jahren hatte er bei jeder neu angefangenen Beziehung diese Bindungsangst. Diese verfluchte Paranoia, sine Ex könnte davon erfahren. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, dass ihr das nach den dreizehn Jahren, in denen sie ihre Tochter großgezogen hatten, egal war.
„Weißt du was?“, lenkte ihn Zacharijah wieder ab, „Wir lassen dich zukippen, fahren in die jagdfreie Zone und machen dich zu einem rundum glücklichen Mann. Was sagst du dazu?“
Manni knirschte mit den Zähnen. Er hatte keinen Bock, mit schlechten Witzen zugemüllt zu werden. „Leck mich!“, grummelte er beleidigt zurück. Er hielt inne und warnte Zachariah ironisch mit dem Zeigefinger.
„Das war ein Witz, das weißt du, oder?“
Böse blinzelte Zacharijah Manni an. Er reagierte immer empfindlich über unreife Schwulenwitze.



„Ein bissel rammdösig heut, Herr Soest?“ Der Barkeeper grinste ihm verstohlen ins Gesicht.
Moritz brummte was in seinen Vollbart. Seine glasigen Augen brauchten etwas, um das Gegenüber erkennen zu können. Die Kneipe war muffig und dämmrig beleuchtet. Irgendwo spielte ein einschläferndes Saxophon „Still am Tresen“, ein Jazzstück von Bohren und der Club of Gore. Und alles drehte sich. Verflucht, was zum Teufel ging hier vor? Er hatte doch kaum drei Gläser intus. Er lehrte den Rest des Jägermeisters und stemmte sich mit voller Konzentration gegen die Holztheke, um überhaupt stehen zu können. Im war Speiübel, grässlich. Der Barkeeper schien nun nicht mehr zu grinsen. Die verschwommene Fratze starrte ihn nur an.
„Scho´ jetzt am kollabieren, oda watt is?“, fragte der Wirt unsicher.
Moritz blinzelte verwirrt in seine Richtung. War er besorgt um ihn? Es war doch nicht das erste Mal, dass er völlig die Kontrolle über seinen Körper verlor. Und gerade heute, wo sein Bruder verstorben war, musste er doch all diese verruchten Erinnerungen wegtrinken, die ihn nun einholten, wenn er an ihn dachte. Dieses verlogene Arschloch. Ließ einfach seine Familie im Dreck zurück. Selbst seinen eigenen Zwillingsbruder. Und jetzt war er tot. Sechs Jahre kein Wort mit ihm gesprochen und jetzt war er tot. Weg. Wo zuvor die noch kochende Wut auf ihn war, war nun zermürbende Leere. Und die Leere ließ sich nur mit Alkohol füllen. Gott, war Ihm schlecht.
Moritz torkelte die Theke entlang zur Tür. Draußen wurde er von einem Schwall Frischluft erfasst. Dann durchfuhr es ihn. Die Sinne setzten aus. Der Schmerz ließ seine Nerven bersten. Er übergab sich auf dem Asphalt der Straße und wurde gerade noch von hinten aufgefangen.
„Hab dich! Willst doch nicht auf der Straße ´nen Langen machen?“ Dieter, der ihm hinterhergelaufen war, schleifte ihn zurück und setzte ihn auf die Bordsteinkante. Moritz Fühlte sich, als wäre ein Güterzug durch seinen Schädel gedonnert. Was zum Teufel war mit Ihm los?
„Hat nen Absturz gehabt der Säufken?“
Er hörte nur die dumpfen Stimmen aus der Bar, um ihn herum umfing ihn Dunkelheit.
„Hat wohl. Ich fahr ihn mal wech.“
„Jo, machts Jut!“
Sein Gleichgewichtssinn war zwar morsch, dennoch merkte er es, als er von Dieter in einen Wagen gehievt wurde. Moritz war praktisch blind. Er hatte nur die panische Angst, von sich nähernden schwarzen Wänden zerquetscht zu werden. Er hörte gar nicht mehr wie der Motor angelassen wurde. Als er so ruhig auf dem Nebensitz saß, hatte er bereits aufgehört zu existieren.




Das Telefon klingelte. Ein unerbitterlicher Lärm quälte Manfred in den Wachzustand. Zumindest sein Gehör wurde zurück aus der Traumwelt gerissen. Nun mussten auch noch alle anderen Körperfunktionen folgen. Verdammter Mist, waren die ersten Begriffe, die sein Gehirn zustande brachten. Seine Hand war unter dem Kopfkissen eingeschlafen. Mit der Übung, die er hatte, schaffte er es sich mit der tauben Hand die Nase zu kratzen. Das Telefon rumorte weiter neben ihm. Er ließ seine Hand gezielt auf den Hörer fallen, so dass dieser aus der Halterung auf den Boden fiel. Geschafft, triumphierte Manni innerlich. Eine ferne Stimme war dem Hörer zu entnehmen, die mehrmals seinen Namen rief und schließlich fluchend auflegte. Manni ließ die Stille herzlich willkommen. Es klingelte wieder. Er grummelte genervt. Wohl von der Arbeit, dachte er sich. Oder doch Eli, seit einem Monat hatte sie sich nicht gemeldet, vielleicht ... keimte in ihm die Hoffnung auf. Die Augenlieder waren wie zusammengeklebt. Er öffnete die Augen. Vor ihm auf dem lag der alte Hörer. Er gewann seine Motorik langsam zurück und nahm ab.
„Gröling“, brachte Manni mit seiner nüchternsten Stimme hervor.
„Grüß dich Manni! Ralf hier!“ Der Arbeitskollege schrie ihm förmlich entgegen. Manni gab ein genervtes Brummen von sich.
„Stör ich grad dem Herrn?“, erkundigte sich Ralf im sarkastischen Tonfall.
„Nein. Wollte sowieso grad aufstehen.“, Manni holte tief Luft und stieß sie in einem Mal aus. „was´n loooos?“
„Äh, ja. Zunächst mal meckert der Chef. Du sollst bei ihm aufkreuzen und sich anschnauzen lassen.“
Manni gab einen abwertenden Seufzer von sich.
„Außerdem wurde bei uns grad ein Tod gemeldet. Jetzt pass auf.“ Ralf redete hektisch, offenbar zum selben Zeitpunkt mit Papierkram beschäftigt.
„Ja?“, fragte Manni ungeduldig.
„Wieder ´n Soest! Der Zwillingsbruder vom Letzten! Krass oder?!“
In Manni´s Denkapparat begann es zu rattern. Er setzte sich nachdenklich hin und betrachtete das Karomuster auf seiner Couch. Das half ihm beim konzentrieren. „Was noch?“, fragte er weiter.
„Pff“, Ralf überlegte. „Genauso krepiert wie sein Bruder! Wir dachten, also einige dachten sofort an ein Komplott, eine Mafia oder sowas. Ich mein, das passt ja zur Mordkommission! Komm´se heut denn noch, oder watt?“
Manni gähnte ausgiebig. „Joa, wie spät isses denn?“
„Kurz vor zwölf!“ Ralf´s Hektik brachte sein gemütliches Tempo völlig durcheinander.
„Hm ... “ Manni rieb sich den Kopf.
„Mach hin!“, meckerte Ralf und legte auf.
Manni starrte den Hörer an, warf ihn polternd auf den Couchtisch und sammelte sich einige Minuten lang. Das Fenster vor ihm war einen Spaltbreit weit offen. Die Jalousien ließen nur schmale Streifen Sonnenlicht auf das Laminat fallen. Von draußen hörte man die dumpf vorbeirasenden Autos.
Zwei Brüder, die nacheinander auf dieselbe Art versterben.
Ein Hupen ertönte auf der Straße. Das Quietschen von Reifen folgte.
Wahrscheinlich war der Andere auch ein Unternehmer. Und das Familienimperium stand Jemandem im Weg.
Manni´s verworrene Gedanken wurden nun klarer.
Es war kein natürlicher Tod. Es war also doch Mord! Ein grandios inszenierter Mord!
Für Manni war dieser Umstand nun klar. Mit einem Mal floss eine Energie durch seine Nervenbahnen, nach der er sich lange gesehnt hatte. In diesem Fall durfte er endlich wieder sein Genie unter Beweis stellen. Er war der Kommissar.



Der Beamer warf ein unscharfes Bild an die Wand des kleinen Saals. Immerhin der geräumigste im Polizeirevier. Drei Reihen von Klappstühlen waren von Beamten besetzt. Ein halbes Dutzend stand an der Wand und am Eingang. Jeder schien den Äußerungen des Vortragenden lauschten. Einige waren sichtlich interessiert. Ein Ventilator stand am Fenster. Eine erbärmliche Maßnahme gegen die sengende Hitze, die von vorn durch die runtergelassenen Rolladen flutete. Gegenüber war eine offene Doppeltür, durch die in diesem Moment Manni schritt und sich dagegen lehnte. Zack stand neben ihm an der Wand und nickte ihm gelangweilt zu. Manni wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als ihn der Vortragende bemerkte.
„Grüß Gott, Herr Gröling!“, begrüßte ihn der Kriminalmediziner Roland gewitzt. Einige Gesichter drehten sich zu Manni. Den Spott in ihren Augen hätte er am liebsten weggeklatscht, er beherrschte sich aber. Einfach ignorieren und das Rauchen auf nachher verschieben, beruhigte sich Manni.
Er winkte Roland murrend mit der Zigarettenschachtel zu und packte sie wieder weg
„Ausgeschlafen, was?“, fragte Roland, mehr ironisch als wirklich interessiert. Er fuhr fort. Die Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die Leinwand.
Zack kratzte sich an der Nase und gab Manni eine kurze Zusammenfassung. „Die Untersuchungsergebnisse aus dem Labor liegen vor. Keine Infektion oder Gifteinwirkung. Angeblich soll sein Körper sogar völlig frei von Bakterien gewesen sein.“ Mit diesen Worten schnippte er Richtung Leinwand und sah wieder nach vorn. Manni hatte versucht Alles zu behalten wurde aber vom verschwommenen Hirnscan auf der Leinwand abgelenkt. Der Kriminalmediziner Roland versuchte die Schärfe des Bildes einzustellen.
„Sie sehen hier ... moment ... sehen sie nicht, ist nämlich total verkorkst des Objektiv.“, meckerte Roland mit seinem ostdeutschen Dialekt. Endlich wurde das Bild scharf. Das heißt der Schädelknochen wurde erkennbar. Das, was sich nämlich darin befand, bekam keine Konturen. Manni kniff die Augen zu Schlitzen zusammen.
„Eine MRT-Aufnahme von Volker Soest´s Gehirn. Lassen sie das Bild auf sich wirken. Was denken sie dabei?“, fragte Roland schmunzelnd.
Marina sagte etwas schulterzuckend. „Ich würd sagen der Kerl muss einen Wasserkopf gehabt haben. Relevant wäre es in diesem Fall nicht!“
Roland schüttelte den Kopf. „Die Gehirnstrukturen von beiden sind im gesamten Schädelbereich homogen. Hätte dieser Zustand vor Eintritt des Todes bestanden, wären die Opfer überhaupt nicht lebensfähig gewesen.“
Jeder, der was erwidern wollte stockte plötzlich. Jemand hustete. Diese Tatsache verschlug allen den Atem. Was auch immer diesen Mann dahin gerafft hatte, es hatte anscheinend sein Gehirn vollständig aufgelöst. Manni war ebenso erstaunt darüber.
Eine Frau nutzte die Stille, um eine Frage zu stellen. „Entschuldigung. Vielleicht ist es mir entgangen. Um wen handelte es sich denn genaugenommen bei beiden. Jobs, Ruf, etc.?“
Roland reckte demonstrativ den Hals, um die Frage aus der hintersten Reihe zu erhaschen. Er stutzte. „Wie? Ach so. Der Eine ...“, er beugte sich zum Laptop und klickte sich durch, bis auf der Wand ein paar Dokumente erschienen. „... Volker Soest, 43, Chef der Internetfirma O.C. Corp. Der Andere Moritz Soest, gleichaltrich, als Schwarzarbeiter vermerkt, hat außerdem mal ´ne neue Leber bekommen. Sie sprechen vermutlich das vermeintliche Mordmotiv an, oder irre ich mich?“
„Richtig.“, bestätigte diejenige. „Das ist beim Letzteren nämlich eher fragwürdig.“ Roland nickte nachdenklich.
Das dachte sich Manni im selben Moment auch. Der Großunternehmer als Opfer eines Stillen Attentats. Aber, dass sein Bruder gleich genauso gekillt wird macht´s doch auffällig. Das ergibt doch keinen Sinn!
„Recht hat sie, nicht?“, fragte Manni an Zack gewandt, der darauf nur die Augenbrauen hob.
Das nächste Bild erschien. Die nächste Aufnahme zeigte die gewohnte Ansicht von graupenartigen Blutkörperchen. „Hier sehen sie eine Blutprobe von Moritz Soest. Kaum geronnen wie sie sehen. Offenbar konserviert in Ethanol. Kann nur bei hohen Pro-Mille-Werten vorkommen. Versteht sich.“
Einige lachten über den dürftigen Witz auf.
„Das besondere, wie auch immer“, fuhr Roland verlegen fort. „Sind jedoch diese kleinen schwarzen Punkte hier und dort.“ Mit einem Laserpointer zeigte er auf die besagten Stellen, zwischen den Erythrozyten. „Sie sind auffällig vielzählig. Um diesen Umstand zu klären haben die Jungs aus dem Labor die Probe gleich durch das Elektronenmikroskop gejagt.“ Roland ging zur nächsten Projektion.
Der Anblick stimmte die meisten nachdenklich. Die gewohnt geschwungene Form eines Blutkörperchen, die ungefähr ein Drittel der Aufnahme ausmachte, wurde sichtbar. Daneben der Anlass der Verwunderung. Ein Bruchstück war zu erkennen, welches im Gegensatz zu allem anderen eine glatte Oberfläche besaß. Es hatte Ähnlichkeiten mit einem kaputten Gehäuse. Und es war rund zwanzigmal kleiner als der Erythrozyt selbst, neben dem es zu schweben schien. Im Hintergrund waren unzählige ähnlicher Teile zu sehen, die immer mehr verschwammen. Es war unheimlich.
Roland gab seinem Publikum etwas Zeit, um das kuriose Bild zu verarbeiten. „Ich hatte bereits erwähnt, dass diesem Leichnam sämtliche Bakterien fehlten. Weiße Blutkörperchen konnten wir übrigens ebenso kaum ausfindig machen. Stattdessen trafen wir auf diese abstrusen Fremdkörper.“ Er zeigte wieder auf eines der Formen. „Was ist ihr erster Gedanke, wenn ich sie frage, um welches Material es sich handelt?“ Er blickte dabei Gustav aus der vorderen Reihe an.
Der angeblickte schob nachdenklich die Unterlippe vor. „Schuppen aus Horn vielleicht. Vielleicht aber auch ...“, dachte er weiter nach, aber er kam nicht weiter.
„Kunststoff! Ferner Polyester. Aber die optimal positionierten Hydratkomplexe innerhalb des Stoffes bewirken ein beschleunigtes Auflösen dieser Kunststoffteilchen. Der Zersetzungsprozess traf bei allen Teilchen interessanterweise gleichzeitig einige Stunden zuvor ein. Also kurz nach dem Ableben der Opfer.“ Roland erntete entgeisterte Blicke. Einige schüttelten fassungslos den Kopf. Manni tippte Zack auf die Schulter.
„Was gibt´s?“
„Was issen das für´n Mikroskop?“, flüsterte Manni.
„Nun ja“, entgegnete Zack irritiert. „Ist um einiges hochauflösender. Eine vollkommen andere Technik. Nicht durch Licht alleine sondern ... sondern durch Wechselwirkung mittels Elektronen.“
„Aha ...“
Es erschien ein weiteres Bild. Diesmal ein kugelförmiges Gebilde an dessen Seite sich eine Öffnung befand. Es besaß eine unnatürlich symmetrische Kontur, die Oberfläche war von einem Gewirr aus Furchen bedeckt. An der Öffnung befanden sich drei krallenartige Dornen. An der Spitze dieser Krallen hing etwas, das aussah wie ein verrunzelter TicTac.
„Was ist das?!“, entfuhr es Jemanden kopfschüttelnd.
„´ne Bakterie, oder wat?“, meinte ein Anderer.
„Wir wissen nicht genau worum es sich hierbei handelt.“, entgegnete Roland, den Gedanken der anderen antwortend. „Also, des ist ´ne Bakterie. Des Stimmt. Des weiteren befindet sie sich in den Fängen eines Objekts unbekannten Ursprungs, das sich wohl auch noch bescheuerterweise für einen Leukozyten hält. Wir konnten außerdem in Erfahrung bringen, dass dieses Objekt, in seiner ungeheuren Vielzahl, jede Art von Mikroorganismen angreift oder ums passender auszudrücken: zerschreddert. Sogar weiße Blutkörperchen gibt´s keine mehr. Also nicht nur, dass die Opfer womöglich Verdauungsprobleme hatten, allein der Mangel an Körpereigenen Mikroben hätte zum Tod führen müssen. Jetzt fragt sich ´türlich, wie dazu die Geschmolzenen grauen Zellen im Zusammenhang stehen, denn unseren Überlegungen zu Folge ist dieser Zustand das Resultat eines einzigen fatalen medizinischen Eingriffs. Das Eine müsste das Andere voraussetzen. Und nun, überlegen sie selbst. Diese Kunststoffleukozyten sind doch kein zufälliges Nebenprodukt. Schon weil sie gleichermaßen die Körper der beiden Ermordeten besudelt hatten. Sie wurden also als Erstes in den Organismus eingeschleust um den Tod der Opfer zu bewirken. So vermuten wir vorerst. Anschließend hatten sich diese Fremdkörper vollständig aufgelöst und hätten wir nicht schnell genug gehandelt hätten wir auch keine hübschen Bildchen. Die Frage ist nun: Warum wählte der Mörder eine solch umständliche Methode. Offensichtlich bediente man sich beim Attentat einer hochmodernen Technologie, deren Vorgehensweise sowie Wirkung jedoch absurd anmuten lässt. Absurd. Vollkommen hirnrissig. Niemand hätte im Labor schweres Geschütz aufgefahren, hätte es sich um einen Präzedenzfall gehandelt. Da wir aber ein Doppelpack mit identischen Diagnosen vorliegen hatten … nun jah … ein dummer Schachzug.“ Er spielte nachdenklich mit dem Laserpointer herum und blickte dabei auf die Projektion.
Manni boxte Zack in die Seite. „Kannst du mich heute bitte wieder rumkutschieren?“
Zack blies die Backen auf. „Wohin soll´s gehen?“
Manni starrte mit ernstem Gesicht auf die Leinwand. „Naja. Die Familie besuchen. Obwohl es bei uns so schieße lief ... weißt du. Ich will nur mit ihr reden und mit der verwömselten Vergangenheit klar Schiff machen. Meine Tochter fängt bald mit der Oberstufe an. Man ich hab sie zuletzt vor ´nem halben Jahr gesehen. Vielleicht sitz ich morgen Abend an ihrem Tisch und quatsch mir den Dreck vonner Seele. Muss doch auch mal, oder nicht?“
Zack kratzte sich am Kinn und antwortete salopp: „Nimm die Omi mit.“
Roland wurde aus seinen Gedanken gerissen, als sich Jemand räusperte. Er kratzte sich und brachte seinen Bericht fertig. „Ähm … jah. Um es zusammenzufassen: Die beiden Opfer haben ein Hirn aus Matsch und ein Immunsystem aus Plastik … so siehts aus.
Sonst noch fragen?“



„Warum hängen wir der Alten noch immer im Nacken?“
„Du kapierst doch gar nichts!“
„Pff ... erklär´s mir du Klugscheißer!“
„Ne...“
Klaus schnaubte verächtlich. Rozwak wollte ihm nichts erklären. Was sollte er ihm auch erklären. Der Boss hatte was befohlen, basta.
„Der Kerl ist krepiert.“, fing Klaus wieder zu lamentieren an. „Mission erfolgreich, der Wirt kann weiter rumdümpeln.“
„Wer?“, fragte Rozwak irritiert.
„Der Wirt! Hier, die Schrulle, die diese Freaks infiziert hatten!“
Rozwak nahm seine Brille ab und vergrub entnervt sein Gesicht in seine Hände.
Klaus nippte aus seinem Red Bull und starrte auf den Einarmigen Banditen neben ihm. Rozwak nervte es, dass dieser Kerl mit einer Handvoll Hirnzellen den Ernst ihrer Lage nicht erkannte. In diesem Moment könnten sie abgehört werden.
Rozwak nahm sich zusammen. „Du ... Hirni ...“, ermahnte er ihn und atmete tief durch. „Sprich am besten noch lauter.“
„Wieso, was´n los mit dir Roswita?“, erwiderte Klaus arrogant.
„Sprich doch nicht meinen Namen aus.“
„Was? Roswita ist dein richtiger Name? Merk ich mir.“
Rozwak hätte ihm am liebsten eine gewischt. Dann trat zufällig die Person aus dem Schleckersupermarkt, die sie zu beschatten hatten. Er machte Klaus darauf aufmerksam. Der Seufzte nur.
Beide verließen die Dönerbude und versuchten der alten Dame unauffällig zu folgen. Klaus wollte noch immer nicht den Mund halten.
„Ey, sorry, dass ich ein Leben hab. Hab aber zuhause nette Gesellschaft. Die wartet da auf mich.“
„Du redest von Nutten.“, entgegnete Rozwak desinteressiert.
„Du bist verheiratet, noch schlimmer ...“, gab Klaus schwach zurück und stutzte. „Wat? Alter, was nennst du meine Miezen?“
„Inner Ehe braucht man nun mal Geld. Ich habe eine Perspektive. Du hingegen gammelst nur rum ...“
„Komm laber nicht! Erzähl mir mal lieber was der Boss gesagt hat.“
Rozwak zögerte. „Hab im Prinzip alles preisgegeben, was ich weiß. Die Bullen haben irgendwie Wind von bekommen und nun sollen wir weiter schauen ob die Alte uns nicht verpfeift.“
„Die Polente? Scheiße!“
„Psch, beruhig dich. Du hörst echt nicht zu? Oder?“, meckerte Rozwak.
„Ne … keine Ahnung. Ich dachte nur die würden den perfekten Mord nicht bemerken.“
„War wohl doch kein perfekter Mord. Und es ist verdammt ernst. Ist dir eigentlich klar wem der Anschlag galt?“
Klaus zuckte die Schultern. Rozwak redete weiter.
„Einem verflucht hohen Tier, dessen Rudel nach Rache sinnt. Sollten die Wölfe mit Kampfgeheul angreifen merkt das der Tierschutz und unser bis dahin lustiger Jagdverein ist pulverisiert.“
„Häh?“
„Hohlkopp.“
„Ne, ich hab dein Gequatsche schon gescheckt. Äh … also wir sind der Jagdverein? Achso … ahja. Da sind wir eben unseren Job los. Na und? Such dir eben ´nen anderen Job.“
„Das geht nicht. Wenn der Fall an die Öffentlichkeit gelangt, sind wir auch geliefert. Wir wissen zu viel! Lebend wären wir eine potentielle Gefahr.“
„Laber doch keinen Scheiß. Wir wissen gar nichts. Naja, der Boss sagte der Touri sollte hier ein Virus aussetzen und Jemanden zum Abkratzen bringen. Fertig. Mehr gibt´s nicht.“
Er erntete von Rozwak ein gequältes Gesicht.
„Wie soll ich´s dir Matschbirne näher bringen. Ein Virus kann so etwas nicht bewerkstelligen. Es musste irgendetwas sein, gegen das jeder Andere resistent ist, nur das Opfer selbst nicht. Wir sind Teil eines ultrageheimen Auftrags. Und diese wahnsinnigen Vögel aus China, oder was weiß ich woher, haben eine hochmoderne Biowaffe entworfen. Und die ist scheiß gefährlich, Fuck!“, fluchte Rozwak als ihn ein Student mit Headsets kurz mit verwirrtem Blick fixierte. Verflucht, selbst hier könnten sie belauscht werden. Paranoia ist widerwärtig. Besonders wenn sie gerechtfertigt ist. Er rotzte auf den Asphalt und riss sich zusammen. „Die Auftraggeber wollen uns nur für blöd verkaufen. Solange wir mitspielen hab ich mit der spärlichen Bezahlung im Gegenzug nichts gegen. Sei also vorsichtig verdammt noch mal.“
„Was?“, blaffte ihn Klaus an. Das klang nun wirklich zu unglaublich. Wollte Rozwak ihm eine Verschwörung auftischen? Wie in diesen billigen CSI-Miami Serien? Steckte etwa die Mafia mit drin? In seinem Kopf kreisten unzählige Gedanken. Endlich befreite er sich aus dem Gedankenstrudel. Er beruhigte sich und dachte gelassen nach. Er fühlte sich tatsächlich wie ein Spielzeug der Regierung, so sehr er es auch mit seiner Gelassenheit zu kaschieren versuchte. Diese Dreckssäcke von Auftraggeber könnten ihn jederzeit aus dem Weg schaffen. Scheiße, die Brillenschlange hatte recht. „Ja gut. Wie du meinst.“ Klaus kippte sein Redbull leer. „Dann folge ich eben weiter meinem Naturell.“
Rozwak blickte ihn stirnrunzelnd an. Es war wohl die Selbsterkenntnis, die Klaus brauchte um mit der Angelegenheit umzugehen. Oder er redete wieder Mist. Auch egal, dachte sich Rozwak. Wenn er den Mund hält kommen sie beide vielleicht doch lebend heraus.


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Beitrag #2 |

RE: Haare aus der Dose
Hallo Hixbosone,

bei deiner letzten Geschichte haben wir ja schon festgestellt, dass die Geschmäcker sehr unterschiedlich sein können.
Mir persönlich hat der zerhackte Schreibstil gerade gefallen, Drakir war eher abgeneigt. Letztendlich musst du deinen eigenen Weg finden, vermutlich einen Mittelweg. Icon_wink

Nun ja, schauen wir mal, was es mit dieser Dose aufsichhat.
(Kleine Anmerkung: die Geschichte ist sehr lang, das schreckt Kommentatoren ab. Du könntest sie halbieren und in zwei Teilen bei den Fortsetzungen einstellen.)

Zitat:Das Mittel ...“, ein Seufzen entglitt der Frau.
Scheint ein schwieriger Kunde zu sein.

Zitat:Wie es sich schon anfühlte. Es zerbröselte sobald Er es mit den Fingern zerdrückte.
„Was bewirkt es denn?“
Diese Wiederholungen lesen sich nicht schön. Nicht zu letzt deshalb, weil sich "es" generell nicht so gut liest. Finde Synonyme - dann kannst du die Chance direkt nutzen, um uns weitere Details zu verraten ("Wie dieser ... Schlamm sich schon anfühle"; "Das lauwarme Zeug zerbröselte ..." usw.)

Zitat:Sie begann wieder zu stottern.
Äh ... aha? So einfach ohne Grund? Ich nehme an, dass sich irgendwann ein Grund ergibt?

Zitat:Mit passenden Handgesten wollte die Aushilfskraft das gesagt hervorheben. Dann nahm Sie eine Prise des Pulvers und zerrieb es vorsichtig.
Das Gesagte. Warum beschreibst du uns nicht, wie diese Handgesten aussehen? Gerade Gesten sind gute Ansatzpunkte für Beschreibungen und soche Beschreibungen, die sich ja aus dem Verlauf der Geschichte ergeben und daher dem Leser kaum bewusst werden, fördern Tiefe in der Szene.
Ich bin außerdem nicht sicher, ob "dann" der richtige Konnektor ist. Nicht eher ein "als das nicht gelang" oder etwas ähnliches?

Zitat:Eine winzige Schnur bildete sich.
Muss es nicht eher ein "dünner Faden" sein. Eine Schnur hat nichts feines für mich. Icon_wink

Zitat:Mäßig beeindruckt hob er die Augenbrauen.
Ein bisschen zu oft "er". Auch hier hättest du Chancen den Leser mit Eindrücken zu versorgen. Z. B. "Mäßig beeindruckt hob der untersetzte Grauhaarige die Augenbrauen." Oder Ähnliches?

Zitat:„Nein. Nicht. Eigentlich nicht.“, antwortete sie. Mit dem Ärmel wischte sie sich die Feuchtigkeit aus den Augen.
Die Unsicherheit der Aushilfskraft bringst du gut rüber. Auch wenn man sich als Leser bisher fragt, ob es einen Grund für die Nervosität gibt, oder es nur in der Tatsache liegt, dass sie Aushilfskraft ist.

Zitat:Manfred war recht korpulent.
Das hättest du uns z.B. schon oben beim "er" verraten können. Dann hättest du hier platz für was anderes.

Zitat:Manfred blickte einen Moment zu Zacharijah. Mit einem entschuldigenden Kopfnicken löste er sich vom Blick der Verkäuferin. Humpelnd machte er sich zu seinem Kollegen auf. Manfred war recht korpulent. Die Kniescheibenverletzung seit dem Einsatz vor zwei Jahren war außerdem noch immer nicht ganz verheilt. Er holte eine Schachtel Lucky Strike aus seiner Jackentasche und steckte sich den Stängel zwischen die Lippen. Der um einen Kopf größere Zacharijah hielt ihm bereits ein Feuerzeug hin, ohne überhaupt aufgeblickt zu haben. Ein Schwall Nikotin flutete aus der glimmenden Zigarette in seine Blutlaufbahn und befreite endlich seinen Kopf.
Grundsätzlich sind das gute, beschreibende Handlungen, die uns z.B. auf unaufdringliche Weise verraten, dass wir ein eingespieltes Duo vor uns habe. Aber: das sind 7 zusammenhangslos nebeneinander stehende Sätze. Da fehlen Konnektoren (die einfachsten währen z.B. einfach "dann" und "währenddessen" - aber es geht bestimmt besser). So wie es jetzt da steht, kommt kein Lesefluss auf, der Leser muss quasi bei jedem Satz neu ansetzen und kann sich nicht so recht auf den Inhalt konzentrieren. Da müsstest du meiner Meinung nach nochmal schauen.

Zitat:Sein Kollege steckte das Feuerzeug ein und deutete nun auf den am Boden liegenden Leichnam. Mitte vierzig, mit Smoking und aschfahlem Gesicht.
Wir haben es also mit einer Art SciFi-Krimi zu tun?

Zitat:Zusammengefasst: Der Kerl ist hier einfach zu Boden gegangen, hat aber weder äußere Gewalteinwirkungen noch Innere, die toxischer Natur sind. Sein Blut hat völlig normale Werte und er ist erst seit knapp einer dreiviertel Stunde Tod. Was fällt dir dazu Alles spontan ein und warum lässt du dich gerade jetzt in einem Kosmetikladen beraten?
Erfahren wir noch, wie er das so schnell herausgefunden hat?

Zitat:Er hatte ein recht kantiges Gesicht und jede Menge Falten, sodass jede Mimik sofort hervorstach. Manni zog noch einmal kräftig an seiner Zigarette und gab sich entwaffnet.
Die Beschreibung zu Zachs Gesicht finde ich gelungen, aber der nächste Satz steht schon wieder so lose daneben. Da fehlt so etwas wie "Dennoch nahm Manni sich die Zeit ... bevor er sich entwaffnet gab" - so bekommst du Verflechtungen hinein.

Zitat:Das dachte sich derjenige auch, als er uns gerufen hat.
Klingt komisch - vermutlich sollte es "derjenige, der uns gerufen hat" heißen?

Zitat:Als hätte er in die Steckdose gepackt, dachte sich Manni.
Nu ja, ein Stromschlag könnte auch zu Herzstillstand führen. Nur würde man dann vermutlich Brandspuren am Körper finden.

Zitat:Zacharijah wandte sich zur Kassiererin dieser Abteilung, die gerade nervös an ihren Nägeln kaute.
*lacht* So wird natürlich klar, warum die Aushilfskraft so nervös war, immerhin liegt da gerade eine Leiche zu ihren Füßen. Ein gelungener Twist.

Zitat:Zacharijah fing an zu gestikulieren. Es wirkte geradezu tuntig.
Da musst du dem Leser schon mehr liefern. Warum wirkt er tuntig, durch seine Gesten? "Seine immer einen Tick zu weiten Armbewegungen ließen ihn irgendwie tuntig erscheinen" oder etwas in der Richtung. (Das sind natürlich alles nur Vorschläge.)

Zitat:Es machte keinen Sinn weitere Fragen zustellen, dachte Manni. Die Frau war noch zu sehr verstört. Verstört über den Tod selbst, oder über die Art, wie er eingetreten war? Was hatte sie wirklich gesehen?
Ah, jetzt beginnt Mannis Geistesmaschinerie doch noch anzuspringen? Ich dachte er würde von einem Schlaganfall ausgehen - reicht so ein Gedanke aus um seinen Verdacht zu wecken?

Zitat:Plötzlich zuckte Zacharijah zusammen, als eine Bierdose an ihrer Windschutzscheibe zerplatzte.
Das liest sich in der Reihenfolge falsch - immerhin zerplatz zunächst die Bierdose und dann zuckt Zach zusammen. Ich würde das auch sorum schreiben, da der Leser nunmal auch chronologisch liest. Das "plötzlich" sollte am Anfang bleiben.

Zitat:„Was weiß ich. Hatte ich hier auch noch nicht gehabt“, sagte er und nickte zu den Pizzaschachteln.
Dieser Satz ist mir völlig unverständlich. :icon:confused:

Zitat:„Sag mal“, riss ihn sein Sitznachbar aus seiner Träumerei. „Wie haben die uns eigentlich erkannt?“
Die Bemerkung legst du Zach bestimmt nicht ohne Grund in den Mund.

Zitat:„Ein bissel rammdösig heut, Herr Soest?“ Der Barkeeper grinste ihm verstohlen ins Gesicht.
Hieß so nicht auch der Tote?

Zitat:Und gerade heute, wo sein Bruder verstorben war, musste er doch all diese verruchten Erinnerungen wegtrinken, die ihn nun einholten, wenn er an ihn dachte.
Hm, hm - der Bruder also. Stirbt jetzt auf die selbe Weise? Ein Rachefeldzug?

Zitat:Als er so ruhig auf dem Nebensitz saß, hatte er bereits aufgehört zu existieren.
Ich habs geahnt.

Zitat:Das Telefon klingelte. Ein unerbitterlicher Lärm quälte Manfred in den Wachzustand.
Warum nicht zumindest "Sein unerbittlicher Lärm"?

Zitat:Das Telefon klingelte. Ein unerbitterlicher Lärm quälte Manfred in den Wachzustand. Zumindest sein Gehör wurde zurück aus der Traumwelt gerissen. Nun mussten auch noch alle anderen Körperfunktionen folgen. Verdammter Mist, waren die ersten Begriffe, die sein Gehirn zustande brachten. Seine Hand war unter dem Kopfkissen eingeschlafen. Mit der Übung, die er hatte, schaffte er es sich mit der tauben Hand die Nase zu kratzen. Das Telefon rumorte weiter neben ihm. Er ließ seine Hand gezielt auf den Hörer fallen, so dass dieser aus der Halterung auf den Boden fiel. Geschafft, triumphierte Manni innerlich. Eine ferne Stimme war dem Hörer zu entnehmen, die mehrmals seinen Namen rief und schließlich fluchend auflegte. Manni ließ die Stille herzlich willkommen. Es klingelte wieder. Er grummelte genervt. Wohl von der Arbeit, dachte er sich. Oder doch Eli, seit einem Monat hatte sie sich nicht gemeldet, vielleicht ... keimte in ihm die Hoffnung auf. Die Augenlieder waren wie zusammengeklebt. Er öffnete die Augen. Vor ihm auf dem lag der alte Hörer. Er gewann seine Motorik langsam zurück und nahm ab.
*räusper* Wir sprachen über Konnektoren oder? (Ich hab dir den einen vorhandenen makiert Icon_wink)


Zitat:Der Beamer warf ein unscharfes Bild an die Wand des kleinen Saals. Immerhin der geräumigste im Polizeirevier. Drei Reihen von Klappstühlen waren von Beamten besetzt. Ein halbes Dutzend stand an der Wand und am Eingang. Jeder schien den Äußerungen des Vortragenden lauschten. Einige waren sichtlich interessiert. Ein Ventilator stand am Fenster. Eine erbärmliche Maßnahme gegen die sengende Hitze, die von vorn durch die runtergelassenen Rolladen flutete. Gegenüber war eine offene Doppeltür, durch die in diesem Moment Manni schritt und sich dagegen lehnte. Zack stand neben ihm an der Wand und nickte ihm gelangweilt zu. Manni wollte sich gerade eine Zigarette anzünden, als ihn der Vortragende bemerkte.
(...)

Zitat:„Grüß Gott, Herr Gröling!“, begrüßte ihn der Kriminalmediziner Roland gewitzt.
Wie begrüßt man jemanden gewitzt? Ein bisschen mehr Beschreibung?

Zitat:Angeblich soll sein Körper sogar völlig frei von Bakterien gewesen sein.
Was ungewöhnlich wäre, da der Darmtrackt z.B. auch gutartige, lebensnotwendige Bakterien enthält. Icon_slash

Zitat:Die Gehirnstrukturen von beiden sind im gesamten Schädelbereich homogen.
Wieso ist das was Schlechtes? *am Kopf kratzt* Musst du den Nichtbiologen unter deinen Lesern erklären, vielleicht fragt einer der Polizisten, sich das selbe? Oder wenn sich das aus dem Bild ergibt, dann beschreib es vielleicht direkter?

(Haben bestimmt beide diese Haare-aus-der-Dose benutzt. *g*)

Zitat:an Zack gewandt, der darauf nur die Augenbrauen hob.
Hat der auch mehr Mimik im Repertoire? (Es wirkt einfach recht eindimensional - selbst wenn er eher zu den mürrischen unbewegten Typen gehören sollte, was nicht zu seiner tuntigen Gestik passen würde, könnte immernoch die Mundwinkel oder Ähnliches mit einbezogen werden, damit der Leser abwechslung hat.

Zitat:Es hatte Ähnlichkeiten mit einem kaputten Gehäuse. Und es war rund zwanzigmal kleiner als der Erythrozyt selbst, neben dem es zu schweben schien. Im Hintergrund waren unzählige ähnlicher Teile zu sehen, die immer mehr verschwammen. Es war unheimlich.
Oder: interessant.

Zitat:Der Zersetzungsprozess traf bei allen Teilchen interessanterweise gleichzeitig einige Stunden zuvor ein. Also kurz nach dem Ableben der Opfer
Quasi eine Waffe, die sich nach gebrauch selbst aus dem wegräumt. Interessant.

Zitat:„Der Wirt! Hier, die Schrulle, die diese Freaks infiziert hatten!“
Die Wirtin von Plastikparasiten?

Zitat:Einem verflucht hohen Tier, dessen Rudel nach Rache sinnt. Sollten die Wölfe mit Kampfgeheul angreifen merkt das der Tierschutz und unser bis dahin lustiger Jagdverein ist pulverisiert.
*lacht* Eine gute Metapher. Aber sicher nichts für Klaus.

Zitat:„Häh?“
Icon_lol

So, so - jetzt bekommen wir eine ausgewachsene Verschwörungstheorie vorgesetzt.

Nun denn, ich bin durch. Wie gesagt, ein bisschen zu lang für einen einzelnen Teil - hinzu kommt, dass die Geschichte doch damit nicht abgeschlossen ist? (Wenn, wäre es recht unbefriedigend.) Gehört also meiner Meinung nach in die SciFi-Fortsetzungsrubrik.

Ich stehe deiner Geschichte mit gemischten Gefühlen gegenüber. Inhaltlich eine nicht untypische Konstellation - ein Ermittlerduo gegen die großen Verschwörer im Hintergrund, natürlich mit familiären Problemen (welches Ermittlerduo kommt noch ohne sozialen Probleme aus?), die allerdings durchaus zur Tiefe des Charakters beitragen. Der Dialekt ist Geschmackssache ich find ihm aber in Ordnung. Punkten kann deine Geschichte mit der Grundidee: ein Hirn aus Matsch und ein Immunsystem aus Plastik. *lacht* Die medizinischen Beschreibungen waren für mich deshalb auch das Spannendste, über diesen Plastikparasiten würd ich gern mehr lesen.
Deine Charaktere dagegen bleiben mir zu eindimensional. Du versuchst Manni Tiefe zu verleihen und das gelingt ein Stück weit. Aber die Gedankengänge, die du uns vorsetzt wirken irgendwo dumpf (ich weiß nicht wie ich es besser beschreiben soll) - er wirkt nicht besonders helle, irgendwie unreif und eher schmierig. Nicht gerade ein Sympathieträger. Aber was noch nicht ist, kann ja noch werden. Icon_wink Jedenfalls könnte er eine positive Seite vertragen. Alle anderen Personen, gerade auch Zack, bleiben leblos. Dabei bietet besonders der Partner Potential, die du mit ewig eintönigen Augenbrauenheben für meinen Geschmack zu nichte machst. (Seine Homosexualität wirkt vielleicht gerade wegen dem restlichen Verhalten nur wie ein Aufsatz, damit Zack mehr Tiefe bekommt.)

Handwerklich hatte ich diesmal Einiges zu kritisieren. Die Dialoge waren in Ordnung, teilweise sogar zum Schmunzeln, aber zum einen sind mir beim Lesen viele Rechtschreibfehler aufgefallen (da solltest du unbedingt nochmal drüberlesen, das waren teilweise ganz simple Wortverwechslungen) - und wenn die sogar mir auffallen, will das was heißen Icon_wink - zum anderen bin ich beim Lesen eigentlich immer ins Stolpern geraten, wenn es mal in längere Beschreibungen/Handlungen ging. Da habe ich dir ja oben schon etwas zu geschrieben: wenn du den Leser in die Szenerie hinein ziehen willst (und nur so wird er wirklich gepackt) musst du Lesefluss erzeugen. Dafür muss der Text zu einem Gewebe werden. Man braucht eben ... Konnektoren. Meinetwegen auch sprachliche Spielerrei. Ich würde dir erstmal raten, dir die Stellen nochmal durchzulesen, vielleicht fällt dir selbst auf was noch fehlt. (Wenn man eine Geschichte gerade geschrieben hat, dann ist man oft blind für die eigenen Fehler, zumindest geht das mir so, deshalb stellen wir die Geschichten ja auch ein.)

Fazit: die Idee deiner Geschichte hat noch viel Arbeit am Text verdient.

Ich hoffe meine Anmerkungen helfen dir weiter. Das ist natürlich alles meine subjektive Meinung und ich würde mir niemals anmaßen das Patentrezept für gute Geschichten gefunden zu haben. Icon_wink

Viele Grüße vom Wanderer

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

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Beitrag #3 |

RE: Haare aus der Dose
Hallo Weltenwanderer,

Freut mich wieder einmal deiner erbarmungsvollen Kritik ausgesetzt zu werden. Das Geschmäcker sich unterscheiden mach ich mir mit meiner Art zu schreiben zu Nutze. Einige wenige werden es wohl zum Schmunzeln finden oder sogar originell finden. Ob´s funktioniert oder nicht sei dahingestellt, denn falls ich mir in naher Zukunft das Talent Geschichten zu erfinden aneignen werde, dann werde ich es auch weiter darauf ansetzen zB. Charaktere wie Manni unsympatisch darzustellen. Auch Hauptpersonen dürfen soziopathische Züge tragen, ich meine immerhin ist er potentiell depressiv. Vielleicht aber auch nur kurzweilig. ^^

Über die Plastikparasiten wird allerdings noch mehr kommen, darauf kannst du dich verlassen. Allerdings weniger durch Medizinische Berichte sondern mehr durch einige merkwürdige Vorkommnisse, deren Ursprung sich der Leser selbst rekonstruieren muss. Da sind Kunststoffluekozhyten ein Witz gegen das, was sich nun in meinem Kopf aufbaut. Also bildlich gesprochen... auch ich rede jetzt nicht von Matsch oder ähnlichen Schlampereien.^^
Ich lasse beim Fortschreiten der Story meiner Fantasie freien Lauf und will meinen, dass die als Science Fiction versteckte Parody bzw. Satire Einigen gefallen wird.


das Boson lässt grüßen


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