Es ist: 18-09-2019, 15:21
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Endlosschleife
Beitrag #1 |

Endlosschleife
Das Grau des Asphaltes vermengt sich mit dem des Himmels. Oben und Unten vergeben ihre Bedeutung, weil sie an Trennschärfe verlieren bei all den ineinander laufenden Halbnuancen. Ein Mann sitzt auf einer Bank und hält seine Hand durch das Ballen seiner Faust in sich gefangen und schaut unentwegt auf sie. Die Zeit steht still. Er verharrt in einen einzigen Gedanken, der noch nicht einmal einer ist, sondern die Unausgereiftheit einer rohen Emotion hat, die sich noch nicht in das Zwangskorsett der Sprache einbündeln lässt. Seine Jacke ist braun und alt, aber nicht schmutzig. Seine Haare flattern in einer Komposition von Schwarzbraun und Graumeliert in die selbe Richtung, in die auch der Wind rennt. Die Menschen im Park ziehen ihre Füße unter einen Mantel der Unsichtbarkeit zurück. Das Hintergrundraunen ihrer Stimmen lässt sich mit einem einzigen Satz zusammen fassen. Es regnet bald, gehen wir Heim. Hektische Schritte verschwinden in eine geräuschlose Kulisse und lassen den Park und den Mann auf der Bank trostlos zurück. Er öffnet vorsichtig seine Faust. Seine Körperhaltung verspannt sich mehr als zuvor, und seine Kaumuskeln lassen seine Zähne knirschen. Er hat Angst vor der Emotion, die sich in einen Gedanken manifestiert und eine Wahrheit ausspricht, die er nicht wissen will. Seine Hand knackst, die Sehnen und Fingergelenke wehren sich gegen die Befehle des Kopfes, doch er gewinnt. Der zusammen gefaltete Zettel liegt noch immer darin. "Was hattest du erwartet? Dass er verschwindet, wenn du nur lange genug eine Faust machst?" Er faltet den Zettel auseinander und fokussiert das Geschriebene an: "Dich hat es nie gegeben. Du bist ein Fantasieprodukt einer Geschichtenerzählerin. Alles bisher Dagewesene ist nur eine erdachte Hintergrundgeschichte, damit du einen authentischen Charakter ergibst mit Sinn und Kohärenz. Du glaubst nicht? Schlag' das Buch auf, das du dir gekauft hast. Schlag' die erste Seite auf, und du wirst sehen."

So weit ist er vorhin schon gewesen, nur dass die Worte ihn nicht mehr treffen wie ein Schlag und seine Gedanken in abertausende kleine Splitter sprengen. Das Buch, das er sich vorhin gekauft hat, hatte nicht einmal einen Titel, der ihm in Erinnerung geblieben ist. Einzig das Cover war es, das ihn angesprochen hat. Die beige-braunen Herbstfarben, mit denen die undeutliche Silouhette eines Mannes ummantelt ist, der auf einer Bank im Park sitzt, kam ihm undefiniert vertraut vor, so dass er nicht umhin konnte, das Buch zu kaufen. Vorsichtig packt er das Buch aus. "Besonders dick ist es nicht, vielleicht dreihundert Seiten lang", denkt er zufrieden und wiegt es ab wie eine Melone und prüft, wie es in der Hand liegt, während er mit der anderen seine Zigarette qualmt. Bevor ihm auffällt, dass der schemenhafte Mann auf dem Cover eine gewisse Ähnlichkeit in Kontur und Körperhaltung zu ihm aufweist, schlägt er vorsichtig die erste Seite auf und liest den ersten Satz.

"Das Grau des Asphaltes vermengt sich mit dem des Himmels. Oben und Unten vergeben ihre Bedeutung, weil sie an Trennschärfe verlieren bei all den ineinander laufenden Halbnuancen. Ein Mann sitzt auf einer Bank und hält seine Hand durch das Ballen seiner Faust in sich gefangen und schaut unentwegt auf sie. Die Zeit steht still. Er verharrt in einen einzigen Gedanken, der noch nicht einmal einer ist, sondern die Unausgereiftheit einer rohen Emotion hat, die sich noch nicht in das Zwangskorsett der Sprache einbündeln lässt ..."

Ihm wird schwarz vor dem Geiste. Angstdurchfahren schlägt er das Buch fest zu, spuckt seine Zigarette aus und atmet schwer die kühle Herbstluft ein. Da sitzt er, gefangen in seiner halsumschlingenden Panik und ist es nicht einmal würdig, als existent betrachtet zu werden. Wenn die Geschichtenerzählerin will, kann sie ihn hundertzwanzig Jahre alt werden lassen. Hundertzwangzig Jahre lang ohne die geringste Möglichkeit, zu entfliehen, weil er ist und tut, was sie schreibt. Der Druck in seiner Brust fasst ihn enger, die Bedrängnis aus dem Bauch flaut sich hoch in seine Lunge, in seine Kehle, umschlingt seinen Kopf, bis er aufstöhnt und doch keinen Ton herausbringt.

Die ersten Menschen kommen aus ihrem Regenschutz hinaus. Er rennt auf sie zu, auf irgendeinen, dann auf den nächsten und übernächsten und bittet wortlos um Hilfe - bis ihm einfällt, dass das alles Statisten sind, namenlose Gesichter, die da stehen wie zierende Bäume einer toten Szenerie, damit die belanglose Geschichte - seine belanglose Geschichte - beim Lesen auch echt wirkt. Sein Überlebenswille verlässt ihn. Er lässt sich auf den Boden sacken und wartet, was nun das nächste Kommando seiner Erschafferin sein wird. "Los, schreib' weiter", fleht er die Geschichtenerzählerin an. Ahnungslos darüber, dass genau diese Szene das Ende der Geschichte war. Es gibt kein Weiter. Das ist der Punkt, in dem er immer stecken bleiben wird, in dem die Geschichte in einer Endlosschleife verharren und ihn in jedem Augenblick von neuem erschlagen wird. Wenn es eine Hölle gab, dann sah sie genau so aus - und nicht anders.


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Beitrag #2 |

RE: Endlosschleife
Hi Sherry,

Wollte mich noch revanchieren für deinen netten Kommentar zu meiner Geschichte vor ungefähr einem Jahr ^^
Ich hoffe, du liest das einmal noch.

Zitat:Ein Mann sitzt auf einer Bank und hält seine Hand durch das Ballen seiner Faust in sich gefangen und schaut unentwegt auf sie.

zweimal kurz nacheinander und. Ist nicht schlimm, würde aber auch nicht schaden, wenn man es irgendwie umgehen würde.

Zitat:Er faltet den Zettel auseinander und fokussiert das Geschriebene an

fokussiert passt hier meiner Meinung nicht wirklich. Fokussieren finde ich verleit dem ganzen etwas mechanisches.


Zitat:Die beige-braunen Herbstfarben, mit denen die undeutliche Silouhette eines Mannes ummantelt ist, der auf einer Bank im Park sitzt, kam ihm undefiniert vertraut vor, so dass er nicht umhin konnte, das Buch zu kaufen.

finde den Satz etwas zu lange. Vielleicht könntest du hier zwei Sätze draus machen.

Zitat:Besonders dick ist es nicht, vielleicht dreihundert Seiten lang", denkt er zufrieden und wiegt es ab

zufrieden finde ich hier unpassen. Die Geschichte ist bis hierhin ja eher düster und auch dein Protagonist zeichnest du bis hierhin sehr angsterfüllt, da passt zufrieden nicht wirklich. ich würde es durch "verwundert" ersetzen.


Zitat:die Bedrängnis aus dem Bauch flaut sich hoch in seine Lunge

kann man das echt so schreiben? "flauen" ist glaube ich kein Verb, kann mich aber auch täuschen. Ich hätte entweder "schleicht" oder "kreicht" benutz.

Zitat:bis er aufstöhnt und doch keinen Ton herausbringt.

mhh, Aufstöhnen ist ja eigentlich ein Ton.

Zitat:Ahnungslos darüber, dass genau diese Szene das Ende der Geschichte war. Es gibt kein Weiter. Das ist der Punkt, in dem er immer stecken bleiben wird, in dem die Geschichte in einer Endlosschleife verharren und ihn in jedem Augenblick von neuem erschlagen wird

Du schreibst zum einen, dass dies das Ende der Geschichte sei, aber gleich danach heisst es, dass sie in einer Endlosschleife verharrt.
Das finde ich etwas unlogisch, da eine Endlosschleife ja genau kein Ende hat, das ist ja der "Horror" daran :-)


So, abgesehen von den oben genannten Punkten hat mir deine Geschichte richtig gefallen. Vom Schreibstil her gut und vor allem die Idee ist spannend. Man könnte ja theoretisch auch so argumentieren, dass nur weil etwas im "Kopf" eines Autors entsteht, es noch lange nicht heissen muss, dass es auch nicht wirklich existiert. Es existiert halt einfach nicht in unser materialistischen Welt.
Also die Idee wirklich superu und du hast es auch gut umgesetzt.

Elia























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Beitrag #3 |

RE: Endlosschleife
Hallo,

dein Titel hat mich neugirig gemacht, ich bin gespannt.

Zitat:Er verharrt in einen einzigen Gedanken, der noch nicht einmal einer ist,

Er verharrt in eineM einzigen Gedanken,

Zitat:Die beige-braunen Herbstfarben, mit denen die undeutliche Silouhette eines Mannes ummantelt ist, der auf einer Bank im Park sitzt, kam ihm undefiniert vertraut vor

Ich finde undefiniert passt hier nicht besonders. Eine Definition bezieht sich meiner Meinung nach eher auf einen festen Begriff und nicht auf ein Vertrautheitsgefuehl. "kam ihm unerklaerlich/seltsam bekannt vor" wuerde mir hier besser gefallen Icon_smile

Zitat:Bevor ihm auffällt, dass der schemenhafte Mann auf dem Cover eine gewisse Ähnlichkeit in Kontur und Körperhaltung zu ihm aufweist, schlägt er vorsichtig die erste Seite auf und liest den ersten Satz.

Den Satz finde ich etwas ueberfluessig, da du einige Zeilen vorher schon das Cover beschrieben hast und man die Aehnlichkeit zu dem Mann auf der Bank bereits bemerkt hat. Stattdessen wuerde ich einfach beschreiben wie er nervoes die erste Seite aufschlaegt.

Zitat:Es gibt kein Weiter. Das ist der Punkt, in dem er immer stecken bleiben wird, in dem die Geschichte in einer Endlosschleife verharren und ihn in jedem Augenblick von neuem erschlagen wird

Bei dem Ende kann ich mich meinem Vorgaenger anschliessen. Eine Endlosschleife beudeutet ja dass es auf ewig weiter geht und kein Ende hat. Daher passt es nicht wenn du schreibst es gibt kein Weiter. Ich denke am besten waere es wenn du ein anderes Wort fuer "Endlosschleife" ueberlegst (obwohl mir momentan auch kein besseres einfaellt um diesen ewigen nicht-existenten Zustand zu beschreiben, gar nicht so leicht Mrgreen )

Sonst kann ich aber nichts weiter bemaengeln, deine Geschichte ist spannend geschrieben und beschaeftigt sich mit einem sehr interessantes Thema. Weiter so! Icon_smile

Snowlock


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Beitrag #4 |

RE: Endlosschleife
Hay Sherry,

Wooow, deine Geschichte ist wirklich sehr gut geschrieben und ich finde sie auch vom Inhalt her sehr spannend und irgendwie ergreifend. So realitätsnah, aber trotzdem total phantastisch.

Kleine Anmerkung:
Ganz am Anfang verwendest du 2x hintereinander und Icon_smile

Aber sonst wirklich sehr gut Icon_wink

LG Leyla

© by Leyla Blue

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