Es ist: 06-04-2020, 15:50
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(K)Ein Tag wie jeder andere (2)
Beitrag #1 |

(K)Ein Tag wie jeder andere (2)
Kayla stapfte wütend durch den Wald. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte, aber sie wollte auf gar keinen Fall in der Nähe des Schlosses bleiben. Sie stolperte plötzlich über einen Stein und fiel der Länge nach hin. Fluchend strich sie sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht und wollte sich gerade aufrappeln, als ein wohlbekanntes Knurren sie erstarren ließ. Sie drehte sich langsam um und ihre schlimmsten Befürchtungen bestätigten sich. Wölfe! Vier dieser Biester tauchten nach und nach hinter ihr auf und funkelten sie hungrig an.
Die Strapazen des Winters waren ihnen noch deutlich anzusehen. Jede einzelne Rippe zeichnete sich deutlich unter dem struppigen Fell ab. Die Wölfe schlichen langsam und lauernd näher. Kayla konnte die Gier in ihren Augen erkennen. Zögernd stand sie auf und versuchte, dabei keine hektischen Bewegungen zu machen, obwohl sie genau wusste, dass ihr das nichts nützen würde. Die Wölfe waren hungrig und würden sie mit Sicherheit nicht am Leben lassen. Jetzt half nur noch ein Täuschungsmanöver. Kayla machte einen schnellen Ausfallschritt nach links und rannte dann in entgegen gesetzter Richtung davon. Ihr Trick schien zu funktionieren, denn die Wölfe blieben einen Moment lang verwirrt stehen. Leider hielt diese Verwirrung nicht lange an und kaum das Kayla einen einigermaßen großen Abstand zwischen sich und die Wölfe gebracht hatte begannen diese, sie zu verfolgen. Kayla rannte so schnell sie konnte. Sie blieb kein einziges Mal stehen um zu sehen, wie nah ihre Verfolger schon waren, denn das wäre höchstwahrscheinlich ihr Tod gewesen. Sie keuchte und versuchte das Stechen in ihrer Hüfte zu ignorieren. Lange würde sie dieses Tempo nicht durchhalten.
Plötzlich kratzten die Zähne eines Wolfes über ihren Knöchel. Sie hörte deutlich seinen hechelnden Atem und versuchte noch schneller zu laufen.
Ein großer Fehler! Sie übersah einen Ast, der über dem Boden lag, blieb mit ihrem rechten Fuß daran hängen und stürzte zu Boden. Sie hörte ein grässliches Knacken und betete inständig, dass es nur der Ast und nicht ihr Knöchel war. Einer der Wölfe sprang knurrend auf sie zu. Kayla packte den Ast und schlug nach dem Raubtier, dann rappelte sie sich auf und rannte weiter. Ihr Fuß schmerzte und sie humpelte mehr, als das sie lief. Sie hatte den Blick starr auf den Boden gerichtet und konzentrierte sich nur noch aufs Laufen, als sie plötzlich gegen etwas Großes, Hartes prallte. Sie blickte auf.
Im ersten Moment sah sie nur ein hellbraunes Pferd, das sie verdutzt ansah und dann nervös zu tänzeln begann, als es die Wölfe bemerkte. Der Reiter war ein großer, dunkelhaariger Mann in edler Kleidung, der sie wütend ansah.

*

Valerian blickte ärgerlich auf das Bild, dass sich im bot. Nicht nur, dass diese kleine Bauerngöre aus dem Palast, ihren Namen hatte er bereits wieder vergessen, eine Rudel Wölfe hinter sich herschleppte, nein, jetzt erwartete sie auch noch, dass er sie rettete. Sie sah ihn flehentlich an und griff nach seinem Arm.
"Bitte bringt mich hier weg", rief sie.
Valerian stieß sie weg. "Wie kannst du es wagen, mich zu berühren?! Weißt du eigentlich, wer ich bin?"
Er starrte das Mädchen wütend an, doch sie dachte gar nicht daran aufzugeben. Anstatt ihn weiter zu bedrängen, visierte sie plötzlich sein Schwert an.
"Auf gar keinen Fall", sagte er, wohl wissend, was sie vorhatte. Doch dann musste er zugeben, dass außer Flucht oder Verteidigung keine große Auswahl blieb. Die Wölfe umkreisten ihn und das zerlumpte Mädchen und Soltan begann nervös zu tänzeln. Valerian riss die Zügel herum und wollte davon reiten, doch Kayla hielt sich an seinem Sattel fest.
"Ihr könnt mich doch nicht einfach hier lassen!"
Valerian lachte. "Das siehst du doch, dass ich das kann. Und jetzt geh mir aus den Augen!" Sollte sie doch von den Wölfen gefressen werden. Einen von diesen nichtsnutzigen Bauern mehr oder weniger, was machte das schon? Hier ging es darum seine eigene Haut zu retten und die war ihm im Moment am wichtigsten.
Doch er hatte die Rechnung nicht ohne das Mädchen gemacht, dass gar nicht daran dachte ihr Leben aufzugeben. Ehe er sich's versah saß sie plötzlich hinter ihm auf dem Pferd.
"Habt Ihr schon mal was von Nächstenliebe gehört?", zischte sie wütend.
Valerian wollte gerade erwidern, dass er das niedere Volk nicht unbedingt als Nächste bezeichnen würde, doch dazu kam er nicht mehr. Ein Wolf schnappte nach Soltans Bein und das Pferd hatte jetzt endgültig genug. Ganz egal, was die beiden da auf seinem Rücken vorhatten, es würde sich nicht noch länger der Gefahr aussetzten gefressen zu werden.
Valerian riss erschrocken an den Zügeln, als Soltan sich plötzlich aufbäumte, um dann panisch in den Wald zu rasen. Äste schlugen ihm ins Gesicht und er wünschte sich zum ersten Mal an diesem Tage im Schloss zu sein. Er versuchte nicht Soltan zum Anhalten zu bewegen, denn er befürchtete, dass die Wölfe ihre Beute nicht so einfach laufen lassen würden.
Nach einer Ewigkeit, wie es ihm erschien machte das Pferd plötzlich so ruckartig Halt, dass Kayla den Halt verlor und herunterfiel. Sie stieß einen Fluch aus, den Valerian nur aus den übelsten Seitengassen hörte. Doch anstatt dem Benehmen des Mädchens Beachtung zu schenken, war er voll und ganz damit beschäftigt sein Pferd unter Kontrolle zu bringen. Ohne Erfolg. Soltan warf seinen Reiter ab und ruderte mit den Vorderhufen in der Luft herum. Valerian hatte alle Mühe den mächtigen Hufen auszuweichen, denn das Pferd wollte sich einfach nicht beruhigen. Valerian stolperte rückwärts über eine Wurzel und fiel zu Boden. Sein aufgebrachter Hengst ließ seine Hufe haarscharf an seinem Kopf vorbei auf die Erde krachen und erhob sich dann wieder auf die Hinterbeine. Schaum tropfte aus dem Maul des Pferdes und das Weiße aus den Augen trat hervor.
Valerian versuchte auszuweichen, doch Soltan stampfte immer genau dorthin, wo er sich zu retten versuchte. Das Pferd war vollkommen in Rage und erkannte seinen eigenen Herrn nicht wieder. Soltan bäumte sich erneut auf, doch diesmal blieb Valerian verschont. Kayla hatte sich aus dem Gebüsch, in das sie gefallen war, gekämpft und ergriff Soltans herunterhängende Zügel. Sie riss das Pferd herum und lenkte damit dessen Wut auf sich.

*

Kayla hielt eisern die Zügel fest und versuchte den Hufen des Pferdes auszuweichen. So war das nicht geplant gewesen. Sie hatte gehofft, den Hengst beruhigen zu können, doch jetzt sah sie, dass dazu keine Chance bestand. Also zog sie erneut an den Zügeln und drehte so das Pferd von sich weg.
Ein Huf traf sie dicht über der Augenbraue, doch Kayla reagierte schnell genug um dem Schlag auszuweichen, sodass sie nicht allzu schwer getroffen wurde. Sie ließ die Zügel los und schlug dem Pferd gleichzeitig auf die Flanken. Der Hengst wieherte schrill und wich der Quelle des Schmerzes aus. Kayla ruderte mit den Armen in der Luft herum, um das Pferd zu erschrecken und in der Tat – das wütende und verängstigte Tier warf sich herum und galoppierte davon. Kayla seufzte erleichtert auf. Sie drehte sich um.
Der Reiter lag zusammengekrümmt unter einem Baum und rührte sich nicht mehr. Kayla betete inständig, dass er noch lebte. Nicht nur um des Mannes Willen. Doch wenn man sie hier neben einem toten Adeligen finden würde, wäre das auch ihr sicherer Tod. Sie näherte sich vorsichtig der Gestalt.
„Alles in Ordnung?“
Keine Antwort. Dort, wo das Pferd sie an der Stirn getroffen hatte, pochte es unangenehm. Kayla versuchte klar zu denken und kniete sich neben den Mann.
„Alles in…“ Weiter kam sie nicht.
Der Mann schien sich außerordentlich schnell erholt zu haben, denn die Ohrfeige, die er ihr verpasste, schleuderte sie ein gutes Stück weg. Kaylas Sichtfeld verschwand und ihre rechte Gesichtshälfte brannte wie Feuer. Sie rieb sich die Wange und bemühte sich aufzustehen. Sie hatte sich gerade einigermaßen aufgerappelt, als ein Fuß sie zwischen die Rippen traf. Kayla sackte in sich zusammen und wurde gleich darauf an ihren Haaren wieder nach oben gerissen.
„Du holst mir sofort wieder mein Pferd zurück!“
Kayla kämpfte um ihre Selbstbeherrschung. Sie hätte sich wehren können. Als Frau ihres Standes, die praktisch Freiwild war, musste sie das. Aber sich zu wehren beschränkte sich lediglich auf Männer gleichen Standes. Wenn sie einen Adeligen schlagen würde, hätte sie ihr Leben verwirkt, ganz gleich ob Notwehr oder nicht.
„Das kann ich nicht“, stöhnte sie und versuchte sich aus seinem Griff zu winden. Er riss stärker an ihren Haaren.
„Weißt du, was ich mit dir mache, wenn ich nicht wieder aus diesem Wald rauskomme?“
Eine Hand legte sich auf ihren Oberschenkel und wanderte höher. Kaylas Herz pochte bis zum Hals. Sie wusste ganz genau, was er vorhatte und das beflügelte ihre Kraft. Ihr Ellenbogen traf ihn auf der Nase und ihr Knie genau zwischen den Beinen. Kayla hörte einen Schmerzensschrei und spürte gleichzeitig, wie sich der Griff in ihren Haaren lockerte. Sie stieß den Mann von sich weg und brachte einige Meter Sicherheitsabstand zwischen sich und ihn. Weglaufen kam für sie nicht in Frage. Sie war viel zu erschöpft und außerdem würde sich ein Rudel Wölfe nicht so leicht in Schach halten lassen. Angsterfüllt wartete sie darauf, dass der Adelige sich wieder aufrichtete.
Was hast du getan, dachte sie. Sich zu wehren war das Schlimmste, was sie hätte tun können. Sie kämpfte gegen den Drang an, sich zu entschuldigen. Bleib hier, befahl sie sich, du bist so oder so tot, da nützt eine Entschuldigung auch nichts.
Ein anderer Teil von ihr dachte jedoch, dass es diesem Mann mehr als recht geschah. Dieser Teil hielt nicht viel von Unterwürfigkeit und bereute die Schmerzen keinesfalls, die sie dem Mann zugefügt hatte.

*
Valerian krümmte sich vor Schmerzen. Das, womit er am wenigstens gerechnet hatte, war eingetreten. Der Bauerntrampel schlug zurück. Um sich keine Blöße zu geben, richtete er sich langsam auf. Er wusste nicht was mehr wehtat, seine Nase oder sein Unterleib, aber zumindest stand er. Sein Blick richtete sich auf das Mädchen.
„Du“, sagte er keuchend, „du wagst es nicht noch einmal, mich anzufassen, sonst…“
Er legte drohend seine Hand auf den Griff seines Schwertes, doch das schien Kayla nicht sonderlich zu kümmern. Vielmehr bemerkte Valerian, dass sie einen innerlichen Kampf mit sich selber ausfocht. Der Grund war Valerian klar; sie hatte sich gegen ihn erhoben und selbst, wenn sie ihn nicht erkannte, so war doch deutlich zu sehen, dass er höheren Standes war, als sie. Ihr Gesichtsausdruck wechselte zwischen Entschlossenheit, ihr eigenes Leben zu retten und Angst, weil sie das Gesetz übertreten hatte. Valerian wartete ab, welches Gefühl Oberhand gewinnen würde. Zufrieden betrachtete er die Platzwunde an der Stirn, welche Soltan ihr zugefügt hatte. Geschah ihr ganz recht.
Kayla rührte sich immer noch nicht, sondern stand nur da und sah ihn unentwegt an. Valerian zog sein Schwert.
„Wenn ich wollte, könnte ich dich jetzt auf der Stelle töten, das weißt du“, sagte er und ging auf sie zu.
„Ihr könntet nicht, selbst wenn Ihr wolltet“, entgegnete Kayla.
Die Aufmüpfigkeit hatte also Oberhand gewonnen. Wieder etwas, womit er nicht gerechnet hatte.
Valerian hielt mitten in der Bewegung inne. Er bebte vor Wut. So etwas musste er sich nicht bieten lassen. Es wurde Zeit, dass diese Göre lernte, was Respekt war.
Er machte mit seinem Schwert einen Ausfallschritt nach vorne, doch Kayla hatte offenbar damit gerechnet, denn sie sprang genau die gleiche Entfernung zurück. Valerian bemerkte, dass sie das Gesicht verzerrte, als sie mit dem rechten Fuß wieder auf dem Boden aufkam, doch sie blieb eisern stehen.
„Bevor Ihr mich tötet“, rief sie, „seht Euch erstmal um!“ Valerian runzelte die Stirn. Der älteste Trick der Welt. Glaubte sie allen Ernstes, er würde darauf herein fallen?
„Ich weiß sehr wohl, wie ein Wald aussieht, aber danke für den Hinweis.“
Kayla lächelte wissend und das gefiel ihm nicht.
„Ich habe Euch nicht darum gebeten, damit Ihr die Landschaft bewundert. Ich frage mich nur, wie ihr alleine wieder hier herausfinden wollt. So ganz ohne Pferd…“
Nun sah Valerian sich doch um. Sie hatte Recht. Er hatte keine Ahnung, wo er war und ohne Soltans Instinkt, würde es schwer finden, vor Einbruch der Dunkelheit wieder zum Palast zu finden. Valerian wurde von Minute zu Minute wütender. Es konnte nicht sein, dass dieses Mädchen ihn in der Hand hatte. Seit er ihr im Wald begegnet war, hatte sie ihm ihren Willen aufgezwungen und sich kein einziges Mal so verhalten, wie es angemessen war.
„Du führst mich sofort aus diesem verdammten Wald raus!“, befahl er, „wenn du mich vor Einbruch der Dunkelheit hier raus bringst, dann werde ich deinen Tod auch so kurz und schmerzlos wie möglich machen.“
Kayla lachte nur kurz auf. „Und wenn nicht? Tot werde ich Euch nicht viel nützen.“
Valerian knirschte wütend mit den Zähnen. Er hatte gut Lust, sie auf der Stelle umzubringen und dann selbst den Weg aus dem Wald zu suchen, doch das war ihm zu riskant.
„Unter welchen Umständen würdest du mich denn hier weg bringen?“; fragte er schließlich und versuchte dabei so diplomatisch wie möglich zu klingen.
„Ihr sagt mir, wo ich meine Familie finde“, war die Antwort. Valerian ließ resigniert sein Schwert sinken. Was war denn das für eine Forderung? Wäre er doch nur im Palast geblieben.
Die Sonne ging langsam unter und tauchte den Wald in ein geheimnisvolles rotes Licht. Valerian war schon früher nächtelang durch das Königreich gestreift, um seinem goldenen Käfig zu entgehen, doch das jetzt war etwas anderes. Der Winter war gerade erst vorbei und die Nächte waren kalt. Er musste aus dem Wald heraus. Und zwar bald. Wenn nicht schon der Kälte, dann doch der Wölfe wegen.
„Woher sollte ich wissen, wo deine Familie ist?“
Kayla deutete auf seinen Oberkörper.
„Dieses Wappen. Es gehört dem König. Er hat seinen Männern befohlen, mein Dorf zu überfallen und die Frauen und Kinder zu verschleppen. Da Ihr dieses Wappen tragt, vermute ich, dass ihr wisst, wohin sie gebracht wurden.“
Das Wappen. Valerian starrte auf den gestickten Falken auf seinem Umhang.
Das Zeichen für ein Leben bestimmt von Luxus und Annehmlichkeiten, aber auch von Verpflichtungen.
Und trotz des Zeichens des Königs schien Kayla keine Ahnung zu haben, wer er war. Das gab ihm Sicherheit. Vielleicht konnte ihre Unwissenheit ihm noch von Nutzen sein. In seinem Kopf ersponn er eine Geschichte, die glaubwürdig erschien. Das Mädchen schien misstrauisch zu sein, aber Valerian hatte noch nie Probleme gehabt, das Blaue vom Himmel herunter zu lügen.
„Mein Name ist Valerian. Ich bin ein Neffe des Königs und gerade zu Besuch bei meinem Onkel. Ich wurde über den Vorfall in deinem Dorf nicht in Kenntnis gesetzt, aber ich bin mir sicher, dass, wenn du mich zum Schloss bringst, sich meine Onkel sehr dankbar zeigen wird und dir den Aufenthaltsort deiner Familie preisgibt.“
Er wusste selbst nicht, warum er zu dieser Lüge griff, aber es schein ihm ein verlockender Gedanke, nicht der Thronfolger, sondern nur ein Neffe zu sein.

*
Er log. Das stand fest. Noch nicht einmal der Sohn des Königs könnte den Herrscher dazu bringen, einer einfachen Bäuerin einen Gefallen zu tun. Doch was sollte sie tun? Ein Neffe war zumindest ein Hoffnungsschimmer. Und auch Kayla musste sich eingestehen, dass sie log. Wenn Valerian ihr den Weg zu ihrer Familie zeigen könnte, würde sie ihn aus dem Wald herausbringen. Das war ihr Angebot. Doch sie wusste selbst nicht, wo sie war. Dieser Teil des Waldes war ihr völlig unbekannt, ein Baum sah aus wie der andere. Doch wenn sie das zugeben würde, wäre das ihr Ende.
Sie sah Valerian prüfend an. Sie misstraute ihm und seiner plötzlichen Bereitwilligkeit ihr zu helfen. Dennoch, vielleicht konnte sie den Aufenthaltsort ihrer Familie aus ihm herausbekommen, noch bevor er merkte, dass sie völlig orientierungslos war.
„Also gut“, sagte sie, „Ich führe Euch zum Schloss und Ihr mich dafür zu meiner Familie.“
Sie versuchte möglichst entschlossen zu klingen, aber das fiel ihr alles anders als leicht. Am liebsten wäre sie jetzt in Tränen ausgebrochen.
Es fiel ihr immer schwerer die Bilder aus dem Dorf zu verdrängen und ihr wurde nach und nach klar, dass sie Faramond nie wieder sehen würde. Nie wieder. Doch diese Schwäche durfte sie jetzt nicht zeigen. Sie fühlte mit dem Daumen am Ringfinger ihrer linken Hand, wo sich ihr Verlobungsring befand, dann schlug sie willkürlich irgendeine Richtung ein und marschierte voraus, um Valerian in dem Gedanken zu lassen, sie wüsste, wo sie war. Doch lange konnte sie diese Fassade nicht aufrechterhalten.
„Waren wir hier nicht schon mal?“, hörte sie Valerian fragen. Sie sah sich um. Bäume, nichts als Bäume. Und schwarze Schatten, die sie umfingen. Die Sonne war fast untergegangen und in der Dunkelheit des Waldes glaubte Kayla hinter jedem Busch, hinter jedem Stein und Baum ein Geräusch zu hören. Das Knurren der Wölfe, die sie verfolgt hatten?
Das Knacken eines Astes hinter ihr ließ sie herumfahren.
Valerian war näher gekommen. Er sah wütend aus. Mehr als wütend. Kayla wich ein paar Schritte zurück. Sie wusste nicht, vor was sie mehr Angst hatte; vor Valerian oder vor der Tatsache, alleine in einem ihr unbekanntem Wald voll von hungrigen Wölfen zu sein. Valerian kam wieder ein paar Schritte näher.
„Weißt du, was ich glaube? Ich glaube, du hast gar keine Ahnung, wo…“
Kayla bedeutete ihm mit einer Geste still zu sein. Ein Geräusch drang an ihr Ohr. Sehr leise, aber doch deutlich genug, um die Quelle des Geräusches in der Nähe auszumachen. Sie folgte ihrem Gehör quer durch das Gehölz und schließlich sah sie, wonach sie gesucht hatte. Ein flacher, aber dennoch breiter Fluss, der sich seinen schlängelnden Weg durch das Unterholz suchte.
Kayla stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Wenn sie diesem Fluss folgte, würde sie in die Nähe ihres Dorfes kommen und von da aus würde sie auch den Weg zum Schloss finden.
Sie folgten dem Fluss so gut es ging, was nicht immer einfach war, da ihnen immer öfter große Sträucher den Weg versperrten.
Zu Kaylas Unbehagen wurde der Fluss auch immer breiter und tiefer, anstatt, wie sie erwartet hatte, irgendwann in einer kleinen Quelle zu enden. Doch sie traute sich nicht umzukehren. Sie musste sich Valerians, ohnehin schon bröckelndes, Vertrauen bewahren, solange es ging.
„Warum zögerst du?“, fragte Valerian drohend. Kayla bemühte sich schneller zu gehen, doch das war ein großer Fehler. Als sie einen Fuß nach vorne setzte, gab die feuchte Erde unter ihr plötzlich nach und sie verlor das Gleichgewicht. Während sie fiel, drehte sie sich herum und griff nach dem einzigen, was in der Nähe war: Valerians Umhang. Dieser wäre sicherlich gerissen, hätte Valerian nicht ebenfalls plötzlich das Gleichgewicht verloren. Kayla riss ihn mit sich.

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Beitrag #2 |

RE: (K)Ein Tag wie jeder andere (2)
Hallo Glory!

Zitat:Sie blieb kein einziges Mal stehen um zu sehen, wie nah ihre Verfolger schon waren, denn das wäre höchstwahrscheinlich ihr Tod gewesen.
Hmm ich denke, sie könnte es schon hören, wie nah die Wolfe waren. Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass sie je eine Chance hätte gegen Wolfe im Wettlauf zu sein, denn die Tiere sind um einiges schneller als ein Mädchen! Hier schwächelt es an Logik, wie ich finde. Naja am Ende holen sdie Wolfe sie ja doch ein

Zitat:jetzt erwartete sie auch noch, dass er sie rettete. Sie sah ihn flehentlich an und griff nach seinem Arm.
Wer sagt es denn. Habe ich doch gewusst.

Hmm ich frage mich, ob die Wölfe sich so einfach von dem edlen Prinzen und seinem Pferd abschrecken liessen... Irgendwie erscheint mir die ganze Szene unwirklich. Die Wölfe lassen denen ja genug Zeit, um sich noch zu unterhalten, bevor sie angreifen.

Zitat:Doch lange konnte sie diese Fassade nicht aufrechterhalten.
Lol! So hochmütig und sie selbst weiss es nicht besser! Herrlich!

Die Geschichte ist trotzdem sehr gut zu lesen. Du schreibst sehr unterhaltend und spannend. Deine Geschichte ist ein echtes Abenteuer. Es liest sich sehr leicht - genau etwas, was ich nach der Arbeit brauche ;D Insofern freue ich mich auf den nächsten Teil ...

LG Sonde


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Beitrag #3 |

RE: (K)Ein Tag wie jeder andere (2)
Freut mich, dass dir meine Geschichte, trotz der logischen Schwächen, gefällt. Natürlich wären die Wölfe schneller (aber du musst bedenken, dass sie von dem langen Winter noch geschwächt sind), allerdings: wo bliebe der Spaß am Geschichten lesen und schreiben, wenn Kayla schon nach ein paar Seiten gefressen wird?
Schön, dass du eine Beschäftigung für den Feierabend hattest und danke, dass du dir die Mühe gemacht hast, die Geschichte zu lesen

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