Es ist: 28-10-2020, 16:03
Es ist: 28-10-2020, 16:03 Hallo, Gast! (Registrieren)


Und wieder
Beitrag #1 |

Und wieder
Und wieder war ich sprachlos,
und wieder blieb ich stumm,
und wieder war mein Kopf leer,
und wieder fühlte ich mich dumm,

- als deine Vorwürfe kamen,
als deine Kritik mich traf,
als deine Stimme laut wurde,
als dein Ton mich fast umwarf.

Du hast
meine Argumente weggewischt,
meine Sicht ignoriert,
meine Gefühle als gespielt hingestellt,
meine Einwände nicht akzeptiert.

Und wieder zog ich den Kürzeren,
und wieder stand ich nur da,
und wieder fehlten mir die Worte,
und wieder war - für dich - alles klar.


.

A pencil and a dream
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Beitrag #2 |

RE: Und wieder
Hallo Quantensprung,

das Gedicht ist klar strukturiert. Jede Strophe beginnt mit einer Anapher, die dreimal wiederholt wird: Und wieder, als deine, meine, und wieder. Das "und wieder" rahmt das Gedicht quasi ein. So fängt es an, so hört es auf. Dazwischen stehen: als deine und meine.

Es lohnt sich, den formalen Aspekt voranzustellen. Denn aus der Form wird die ganze Dramatik des Inhalts schlagartig deutlich. Hier treffen zwei Partner aufeinander, die sich nicht mehr verstehen. Die Kritik, von der in der zweiten Strophe die Rede ist, richtet sich gegen das Wesen, die Natur, die Existenz des Partners. Sie wirkt nicht argumentativ, sondern vernichtend.

Dagegen sind die Antworten des kritisierten Partners eher mit moderaten Begriffen aus der Rhetorik bezeichnet: Argumente, Sichtweise, Gefühle und Einwände.

Wenn Gespräche so ablaufen, dann ist es schlimm. Für den Kritisierten, aber auch für den Kritisierenden, weil er durch das Verletzende seines Auftretens sich selbst das Grab der Einsamkeit schaufelt.

Der Text hat mich sehr berührt.

Es gibt nur eine Stelle, die ich vom sprachlichen Gefühl her etwas bemängle.

Zitat:als dein Ton wurde scharf.

Die Endstellung des Verbs wirkt etwas gewaltsam. Du versuchst, einen annähernden Reim zu finden für "traf". Dabei ist es auch nur eine Assonanz. Vielleicht sollte man lieber ganz auf den Reim verzichten.

Viele Grüße

Hans Werner


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Beitrag #3 |

RE: Und wieder
Hallo Hans Werner! Danke für deinen Kommentar. Viele Beziehungen sind sehr eingefahren, auch was das Streiten und den Umgang miteinander betrifft. Ich habe eine extreme Streitsituation geschildert.
Leider läuft es manchmal darauf hinaus, dass einer - auf Kosten der Beziehung - "gewinnt".
Zitat:Es gibt nur eine Stelle, die ich vom sprachlichen Gefühl her etwas bemängle. Zitat: als dein Ton wurde scharf. Die Endstellung des Verbs wirkt etwas gewaltsam. Du versuchst, einen annähernden Reim zu finden für "traf". Dabei ist es auch nur eine Assonanz. Vielleicht sollte man lieber ganz auf den Reim verzichten.
Irgendwie hast du recht, dass ich einen Reim gesucht habe, und ich hab keinen gefunden, mit dem ich zufrieden gewesen wäre - aber meine Lösung ist für mich mehr als nur eine Notlösung, ich finde, es passt. Ich spüre direkt den harten und scharfen Tonfall, der in solchen Situationen oft angeschlagen wird.

Liebe Grüße
Quantensprung


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Beitrag #4 |

RE: Und wieder
Sanyasala,

ein nachdenkliches Gedicht, ich glaube, das zu kommentieren bin ich gerade in der richtigen Stimmung. Da bin ich über dein Gedicht gestolpert, das mich spontan wegen der klaren Strukturierung angesprochen hat. Gerade in Verbindung mit dem, was der Titel als Erwartung weckt, war es etwas, was sofort stimmig wirkte. Da will ich das doch mal unter die Lupe nehmen Icon_smile

(05-03-2012, 22:01)Quantensprung schrieb: Und wieder war ich sprachlos,
und wieder blieb ich stumm,
und wieder war mein Kopf leer,
und wieder fühlte ich mich dumm,
...
Die erste Strophe bestätigt mich in meinem ersten Eindruck - klarer Ausdruck, gleichzeitig wird in den paar Zeilen, Wahrnehmungsproben sag ich mal, etwas umrissen, das mehr zu sein scheint. Ich denke, mit so einer Situation hatte annähernd jeder schon einmal zu tun, als direkt Betroffener, als szusagen Hilfegesuchter, als Kumpel, als Beobachter. Kurz: Der Einstieg spricht mich spontan an, weil es an etwas anknüpft, was ich mit den Worten gut umrissen finde. Das Stakkato der Anaphern deuten darauf hin, dass hier eine Beziehung in Mustern geführt wird, in die die Partner immer wieder verfallen - ohne dass sie damit glücklich sind, weil es vielleicht auch immer wieder zu solchen Situationen führt.
Was mich irritiert hat, waren die drei Punkte. Klar kann man ihren Einsatz nachvollziehen, aber sie verbinden die beiden Strophen eher ... nun ja, irgendwie finde ich den Einsatz etwas laienhaft, wenn ich das so sagen darf, weil es bei mir spontan die Assoziation eines Schultextes hervorruft, "Verbinde die Sätze, sodass sie Sinn ergeben" oder so. Das ist nicht bösartig gemeint, es ist einfach nur eine ehrliche Assoziation. Außerdem fallen sie aus dem Schema, weil es nicht noch einmal vorkommt, im Gegensatz zu zum Beispiel dem "Und wieder" - das sich nicht nur in der Strophe, sondern auch am Ende noch einmal wiederholt.
Zitat:als deine Vorwürfe kamen,
als deine Kritik mich traf,
als deine Stimme laut wurde,
als dein Ton wurde scharf.
Was mir spontan einfällt, wie du alternativ einen in meinen Augen gelungeneren Übergang schaffen könntest (und weil ich einfach nur so vom Gefühl her über das erste kleine "als" gestolpert bin):
"- als deine Vorwürfe kamen,
als deine Kritik [...]"

Und was für mich ganz aus dem Rahmen fällt, ist der letzte Vers, weil man darüber stolpert und weil ich die ansonsten vorherrschende Strukturierung, die dieses Stakkato, das schon wieder Streiten, die Resignation wunderbar ausdrückt. Fast mehr als die tendenziell alltagsgebräuchlichere Sprache, was ich an sich überhaupt nicht verurteile - hier passt es einfach. Der wechselnde Satzbau tut es nicht, finde ich. Spontaner Einfall. Durch die Vorgaben ist es schwer, einen passenden zu finden, weil es ein starkes Verb sein muss, das zum Inhalt und zum Reim passen muss. Mir fällt keiner ein - da könntest du darüber nachdenken, wie man die Vorgaben ändern könnte.

Zitat:Du hast
meine Argumente weggewischt,
meine Sichtweise ignoriert,
meine Gefühle als gespielt hingestellt,
meine Einwände nicht akzeptiert.
An sich: ergreifend. Ich kann die Gefühle, die dahinter stehen müssen, nachvollziehen und nachfühlen, das finde ich sehr gut.
Trotzdem erdreiste ich mich, ein paar Vorschläge zu machen, denn ich hätte da eine Idee, die den Effekt der stummen Verbitterung vielleicht noch verstärken würde:
"Meine Argumente? Weggewischt,
meine Sicht ignoriert,
meine Gefühle verneint,
meine Einwände nicht akzeptiert."
"Sichtweise" klingt so formal, finde ich, ein bisschen gestellt. Und bei dem Vers mit den Gefühlen finde ich ein kurzes, prägnantes Wort eindeutiger. So eine richtig verbitterte Zusammenfassung eines Lebensumstandes, unter dem man so leidet, dass man nicht weiß, ob man zusammenbrechen soll oder sich vielleicht schon dran gewöhnt hat - irgendwo zwischen innerer Leere und der Gewissheit, dass daraus nichts mehr werden kann.

Zitat:Und wieder zog ich den Kürzeren,
und wieder stand ich nur da,
und wieder fehlten mir die Worte,
und wieder war - für dich - alles klar.
Starkes Ende. Aber ... lass mich mal etwas probieren:
"Und wieder zog ich den Kürzeren,
und wieder stand ich nur da,
und wieder fehlten mir die Worte.
Und wieder war - für dich - alles klar."
Hm. Nein, nicht wirklich besser - deine Version gefällt mir definitiv gut genug.

Ich habe ja schon am Text sehr viel angemerkt, ich glaube, man muss da nicht viel hinzufügen, außer: Sehr gerne gelesen, alles worüber ich dann gestolpert bin, habe ich dir nun mitgeteilt Icon_smile
Ich hoffe, es hilft dir.

Liebe Grüße von
Trinity

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

(Avatar: 'Batbastard', © by Trin o'Chaos)

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Beitrag #5 |

RE: Und wieder
Hy Trinity!

Ich freue mich sehr über deinen Kommentar und hab ihn mehrmals gelesen.

Zitat:Was mich irritiert hat, waren die drei Punkte. Klar kann man ihren Einsatz nachvollziehen, aber sie verbinden die beiden Strophen eher ...


Ja, mit diesen drei Punkten war ich auch nicht ganz zufrieden, aber ich hatte das Gefühl, dass hier etwas hingehört und naja, da ist mir nichts Besseres eingefallen. Dein Vorschlag mit dem Bindestrich gefällt mir, werde ich übernehmen Icon_slash

Zitat:Und was für mich ganz aus dem Rahmen fällt, ist der letzte Vers, weil man darüber stolpert und weil ich die ansonsten vorherrschende Strukturierung, die dieses Stakkato, das schon wieder Streiten, die Resignation wunderbar ausdrückt. Fast mehr als die tendenziell alltagsgebräuchlichere Sprache, was ich an sich überhaupt nicht verurteile - hier passt es einfach. Der wechselnde Satzbau tut es nicht, finde ich

Ich habe lange darüber nachgedacht, und da ist mir vielleicht etwas eingefallen, was besser passen könnte.

- als deine Vorwürfe kamen,
als deine Kritik mich traf,
als deine Stimme laut wurde,
als dein Ton mich fast umwarf.

Zitat:Meine Argumente? Weggewischt,
meine Sicht ignoriert,
meine Gefühle verneint,
meine Einwände nicht akzeptiert."

"Sichtweise" klingt so formal, finde ich, ein bisschen gestellt. Und bei dem Vers mit den Gefühlen finde ich ein kurzes, prägnantes Wort eindeutiger...

Dein Vorschlag gefällt mir, weil die Verse kürzer und dadurch heftiger wirken, aber ich finde meine Verse auch passend, nur die "Sichtweise" werde ich kürzen Icon_smile


Nochmals danke für deine Anregungen Icon_smile

Liebe Grüße
Quantensprung

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Beitrag #6 |

RE: Und wieder
Sanyasala,

dann gebe ich dir mal eine kurze Rückmeldung Icon_smile

(09-03-2012, 08:35)Quantensprung schrieb: Ich freue mich sehr über deinen Kommentar und hab ihn mehrmals gelesen.
Ich hoffe, dass du ihn nicht mehrmals lesen musstest, weil er so verwirrend geschrieben war *blinzel*
Zitat:Ja, mit diesen drei Punkten war ich auch nicht ganz zufrieden, aber ich hatte das Gefühl, dass hier etwas hingehört und naja, da ist mir nichts Besseres eingefallen. Dein Vorschlag mit dem Bindestrich gefällt mir, werde ich übernehmen Icon_slash
Schön, dass ich helfen konnte.

Zitat: Ich habe lange darüber nachgedacht, und da ist mir vielleicht etwas eingefallen, was besser passen könnte.

- als deine Vorwürfe kamen,
als deine Kritik mich traf,
als deine Stimme laut wurde,
als dein Ton mich fast umwarf.
Das ist auf jeden Fall eine Verbesserung! Ich würde mir spontan nur überlegen, das "fast" einfach wegzulassen, aber das ist nur so eine Kleinigkeit ... Wenn du es so stehen lässt, genau so, gefällt es mir aber auch Icon_smile

Zitat:Dein Vorschlag gefällt mir, weil die Verse kürzer und dadurch heftiger wirken, aber ich finde meine Verse auch passend, nur die "Sichtweise" werde ich kürzen Icon_smile
Natürlich, ganz wie es dir gefällt - war ja auch nur ein spontaner Einfall.

So, wie es mit den neuen Änderungen ist, gefällt es mir gut - schön Icon_smile

Zitat:Nochmals danke für deine Anregungen Icon_smile
Nochmals: Es freut mich, helfen zu können!

Alles Liebe,
Trinity

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

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