Es ist: 26-02-2020, 11:47
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Joey's Reise
Beitrag #1 |

Joey's Reise
London, September 1587
Dunkel war es an diesem Morgen. Dunkel und ungemütlich. Der Himmel war wolkenverhangen und es regnete. Der kleine Joey ging heute sehr früh aus dem Haus in der Lydfort Lane um dem großen Spektakel beizuwohnen, welches alle zwei Monate am Hafen stattfand. Seine Trippen hinterließen tiefe Abdrücke in der ungepflasterten Straße. Hin und wieder trat er mit den Hacken gegen Häuserwände oder gegen Treppen um die schweren Fladen aus Lehm, Morast und Dreck zu entfernen die immer wieder an den Unterseiten hängen blieben. Die graue Tunika die er trug hing Joey nur noch als großer Fetzen an seinem ausgemergelten Leib und schützte nicht im Geringsten vor dem kalten Regen. Joey war einer der vielen Straßenjungen und bei jedem Wetter unterwegs. Es machte ihm nichts mehr aus. Anders als in der Lydfort Lane, in der er wohnte wurden die Häuser zunehmend besser und waren aus Stein gebaut. Sein Geburtshaus war eine einfache Holzhütte und dem Zusammenbruch nahe. Der Regen hatte den Boden aufgeweicht und viele große Lachen entstehen lassen. Einige waren mehr als Knöchel tief. Joey war allein unterwegs in die Stadt und blickte wehmütig auf die wenigen gemeinsamen Stunden zurück, die er mit seinem Vater verbringen durfte. Seine tief brummende Stimme, unzählige und liebevolle Umarmungen und den Duft der weiten Welt, der Graham umgab wenn er in seiner Uniform zur die Tür herein kam. All das vermisste Joey so schrecklich. Tränen flossen über seine weiche Haut und nahmen den Schmutz mit der sich auf seinem Gesicht gelegt hatte. Er verfluchte die Spanier die das Schiff versenkten auf dem Graham Steuermann war. Ja, er hasste dieses Volk abgrundtief und weiß Gott, Joey hätte alles gegeben für die Rache die er ausüben würde. Der Tot seines Vaters durfte nicht ungesühnt bleiben. Joey ballte die Fäuste und fühlte den Hass in seinem Körper wie niemals zuvor. In seinem unbändigen Zorn hämmerte er gegen eine Hauswand. Augenblicke später rief eine verschlafene Stimme: „Herein“.
Gerade wurde es hell und Joey konnte nun etwas mehr erkennen als nur die schwarzen Silhouetten der mächtigen Herrenhäuser, die bedrohlicher wirkten als sie tatsächlich waren. Zu dieser frühen Stunde war kaum jemand auf der Straße. Nur ein paar Köter rannten durch die Gassen auf der Suche nach fressbaren Resten menschlicher Hinterlassenschaft. Langsam näherte er sich dem Palace of Placentia, dem Wohn- und Amtssitz der Queen. Joey hatte immer ein paar kleine Steine dabei die er vor die Füße der königlichen Leibgarde warf. Es war ihnen verboten sich ohne Befehl zu bewegen. Ja noch nicht einmal husten durften die Rotröcke, wie sie unter dem einfachen Volk genannt wurden. Es bereitete ihm eine helle Freude die Soldaten zu piesacken, denn irgendwann verlor jeder die Geduld.
Joey vernahm ein bekanntes Geräusch das sich hinter ihm schnell näherte. Er trat zu Seite um dem Fuhrwerk Platzt zu machen und wandte sich um. Es war ein Händler, der es offenbar sehr eilig hatte zum Hafen zu kommen. Gerade als er an Joey vorbei schoss rief der fein gekleidete Kaufmann: „Aus dem Weg, elendiges Lumpenpack.“ Nur um Haaresbreite pfiffen die Metall beschlagenen Räder an dem Jungen vorbei. Joey fackelte nicht lange und schleuderte einen größeren Stein hinterher und verfluchte den Geschäftsmann zur Hölle. Die Hufe schallten grell und wurden durch die verwinkelten Gassen noch verstärkt. Die Stadttore waren schon geöffnet und immer zahlreicher wurden die Wagen der Händler, Bauern und Handwerker die an Joey eiligst vorbei zogen. Zum Hafen hatte Joey vielleicht noch eineinhalb Meilen zu gehen und konnte schon den Schein der Fackeln sehen, die den Kai erhellten. Die ersten Schankstuben öffneten ihre Räumlichkeiten und hofften auf gute Kundschaft. London war eine frei zugängliche Stadt. Draußen vor den Stadttoren waren schon in der Nacht lange Schlangen entstanden. Dicht an dicht standen unzählige Wagen und versanken fast in dem lehmigen Morast. Hier und dort bildeten sich Gruppen zusammen um sich die Zeit mit Verhandlungen oder Spielen zu vertreiben. Händler und Bauern wollten ihre Ware an den Mann bringen. Fahrende und Spielmannsleut das gemeine Volk unterhalten. Sie alle kamen um die glückliche Heimkehr der Majestic zu feiern. John der Spielmann hatte auf einem brachliegenden Feld ein Feuer entzündet und rief inbrünstig: „Ich möchte ein Loblied auf London und unsere geschätzte Königin vortragen“. Doch kaum hatte er angefangen mit seinem schrägen Gesang wurde er auch schon unterbrochen „Hey, John“, rief einer aus der Menge. „Ihr solltet mal Eurer Stimme etwas Öl gönnen, habt Ihr bitter nötig“. Höhnisches Gelächter schallte durch den Morgen. „Was habt Ihr denn, Händler. Mein Gesang ist so rein wie das Wasser das aus den Bergen entspringt“, und deutete auf das kleine Bächlein das einige Meter neben ihnen floss. „Wenn Ihr dieses Dreckwasser meint, habt Ihr Recht. Euer krächzender Gesang stinkt genauso. Das kommt direkt aus der Stadt“. John der zum ersten Mal in London war senkte seinen Kopf verlegen zu Boden und konnte keine Antwort geben.
Dunkle Gestalten zogen ihr Bahnen zwischen den einzelnen Wagen, in der Hoffnung etwas Wertvolles mitgehen lassen zu können. Wenn das Handelsschiff ihrer Majestät aus der neuen Welt heimkehrte, zog es nicht nur Händler in die Stadt. Die vier Haupttore wurden schon am Abend zuvor als Sicherheitsmaßnahme, geschlossen. Die Majestic hatte Gold, Tabak und Gewürze aus der neuen Welt an Bord. Um die wertvolle Fracht zu schützen, entschied man sich zu scharfen Sicherheitsmaßnahmen. Ein immer wiederkehrendes Problem für die königliche Garde. Überall an den Hauswänden und Tafeln wurden Verbrecher über die jeweiligen Strafen der Delikte aufgeklärt. Doch half diese Maßnahme wenig.
Die Überfälle auf die gehobene Bevölkerung stieg drastisch an, war es doch ein einträgliches Geschäft bei vergleichsweise geringem Risiko erwischt zu werden. Es war eine schwere Zeit in der das Volk für den Krieg gegen Spanien bluten musste. Die Steuern waren in den letzten Jahren explodiert und immer höher wurden die Forderungen. Insgeheim wünschte sich das gemeine Volk einen Robin of Loxley, der den Herrschaften einen Denkzettel verpasste. Die Kriegskasse verschlang enorme Summen, die das Volk aufbringen musste. Das Handelsschiff der Queen „The Majestic“ hatte im Hafen angelegt. Der Stolz der britischen Marine war wieder aus der neuen Welt zurückgekehrt. Der beißende Gestank der Ehgräben, die sich durch London zogen, hatte sich schon längst verflogen. Die Luft säuberte sich. Regenwasser stürzte von den Dächern Londons und übersäte die Pflasterstraßen mit großen Pfützen. So manche Straße wurde jedoch auch zu einem kleinen Strom der die Fäkalien und sonstigen Müll mitriss und an den Stiefeln einiger Passanten hängen blieb.
Einmal im Jahr, in mehreren Winternächten, wurden die Müllberge in den Straßen abtransportiert und Fünfundzwanzig Meilen östlich in die Nordsee gekippt. Für diese widrige Arbeit zog man meist das unfreie Volk heran. Ihr kärglicher Lohn war eine Unterkunft in den wenigen Spitälern der Stadt. So wunderte es niemanden, dass sich die Vogelfreien um diese Arbeit prügelten, ja sogar Morde waren nicht ausgeschlossen. Nur die wenigsten Häuser waren mit Latrinen ausgestattet. Es herrschte hektische Treiben in der Stadt. Verkaufsbuden wurden aufgestellt, die aus einfachen Holzpfählen gefertigt waren, sie wurden mit Stricken zusammengebunden und mit imprägniertem Körperstoff überspannt. Den Händlern, Bauern und Handwerkern wiesen die Beamten ihre Buden zu. Wer sich keine dieser Schrangen leisten konnte behalf sich mit Bauchläden. Für die ansässigen Schmieden, Schreiner und Bootsbauer, die direkt am Hafen ihre Häuser hatten, war es ein lohnendes Geschäft, brauchten sie doch nur ihre Werkstätten zu öffnen. Die breite Hafenpromenade füllte sich rasch. Die Stände wurden in zwei Reihen im Abstand von zehn Metern zu den Häusern sowie zum Kai aufgebaut. Die Einhaltung der Maße wurde regelmäßig von Beamten kontrolliert und konnte bei einem Verstoß einen Platzverweis nach sich ziehen. Allerlei Volk war vertreten. Es war Volksfeststimmung in der Marktschreier, Gaukler und Bettler nicht fehlten. Ein bunter Haufen. Irgendwo in diesem Gedränge war auch der kleine Joey, der sich nach ein paar Penny fragend durch die Menge trieben ließ. Der Regen peitschte ihm in sein schmales Gesicht. Joey war ein unscheinbarer Junge und fiel in seiner grauen und schmutzigen Tunika niemanden auf. Er versuchte seine Mutter, Mary-Anne, eine Näherin ein wenig zu unterstützen. An diesem Tag schien Joey kein großes Glück zu haben. Er erntete nur Missgunst und vielleicht ab und an mal ein müdes Lächeln, aber keinen einzigen Penny. Langsam verging ihm die Hoffnung und ließ seine Gedanken schweifen, bis er an die stark bewachte Majestic kam und an einem der Poller stehen blieb. Seine kleinen, braunen Augen wanderten über das Schiff. Vom reich verzierten Heck des Fünfmasters in dem die Kapitänskajüte war, über die schier endlosen mit Pech versiegelten Planken. Joeys Blick klebte an der Majestic und ließ sich von den Verzierungen blenden. Das Gold das an den Fensterläden und der Reling verarbeitet wurde, blitzte im Licht der Fackeln. Joey sah den Hauptmast hinauf und musste seinen Kopf weit in den Nacken legen um dessen Spitze sehen zu können. Ihm kam es vor, als würde der Aussichtskorb die Wolken berühren. Die Segel waren eingeholt und an der Rahe fest verzurrt. Vom Bug bis zum Heck und wieder zurück sah er sich die Galeone genau an. Wie gern wäre Joey an Bord gegangen und Seemann geworden, doch war er mit seinen neun Jahren noch zu klein. Die Majestic war das erste Schiff das in der Modernisierungsphase unter dem Oberbefehlshaber der Marine gebaut wurde. Charles Earl of Ham war die Großadmiralität erst im vergangenem Winter übertragen worden. Ham war bekannt als erfahrener Organisator und Politiker und wollte mit der Modernisierung nun endgültig die spanische Armada vernichtend schlagen. Zudem wäre die Herrschaft auf den Weltmeeren gesichert. Mit der regelmäßigen Fracht aus Amerika kam frisches Geld ins Land und brachte der maroden Wirtschaft den nötigen Aufschwung. Der Krieg gegen Spanien hatte Unsummen verschlungen, doch lag ein Sieg noch in weiter Ferne.
Joey sah zu wie die Fracht der Majestic gelöscht wurde. Schwere Kisten, gefüllt mit Gold, Tabak und Gewürzen aus der neuen Welt wurden von Bord geschleppt und auf große Karren gehievt. Die bewaffneten Soldaten bahnten sich einen Weg durch die Menge um das wertvolle Gut zu schützen und immer wieder kamen ihre Gewehrkolben gegen den Mob zum Einsatz.
Joey sah dem Spektakel fasziniert zu und dachte an seinen Vater. Der stolze Steuermann eines Begleitschiffes fiel letztes Jahr in einem Seegefecht. Wenn sein Vater nach Hause kam, lauschte Joey gespannt den Abenteuern von denen er berichtete. Graham wusste, dass die Geschichten seinen Sohn fesselten, besonders die von den Piratenüberfällen und den bunt bemalten Indianern in Amerika. Mister Ashton war ein guter Erzähler. In Gedanken versunken setzte sich Joey auf eine schmale Treppe die zu den oberen Gassen führte. An der hohen Steinmauer klebten noch immer die Plakate über die Hinrichtung von John Darlow. Jahrelang hatte er die Bevölkerung mit seinen schrecklichen Morden in Angst und Schrecken versetzt und zwei Jahre zuvor konnten ihn Soldaten endlich stellen. Für seine Taten baumelte er schließlich am Galgen. Plötzlich wurde Joey von hinten unsanft angestoßen: „Hey Joey“, erschrocken fuhr er zusammen, „träumst du wieder?“ Joey musste erst mal tief Luft holen ehe er Worte fand. Es war sein Freund Tim. „Ähm, nein. Ich dachte an meinen Dad.“ Joeys Stimme zitterte. „Da vorn ist eine Nonne, die hat mir einen Penny gegeben.“ Tim zeigte in die Menschenmenge. „Ich hab heute noch gar nichts bekommen Tim und es ist schon nach Mittag. Zeig mir die Alte.“ Recht schnell war die Ordensschwester gefunden und Joey ging geradewegs auf sie zu. „Haben Sie vielleicht ein wenig Kleingeld?“ Joey hatte die Erfahrung gemacht das die Leute großzügiger etwas geben, wenn er sie direkt anspricht als am Stadtrand nur auf der Straße zu sitzen und zu warten bis irgendjemand mal was gab. Die Nonne gab unverständliche Laute von sich. Mit einem boshaften Blick griff sie in ihre lange Kutte, beugte sich zu Joey runter und zischte „Der Teufel soll Dich holen, elendes Pack“, und warf ihm einen halben Penny vor die Füße. Besser als nichts dachte sich Joey. „Einen halben Penny. Immerhin etwas.“ Sagte Joey leicht enttäuscht zu Tim. „Ich werde morgen nach Harlow gehen ins Kloster. Du kannst gern mitkommen Joey.“ - „Ok, vielleicht sind die da spendabler. London ist zu überlaufen.“ Die Jungs gingen zurück zur Majestic. „Ich möcht so gern zur See fahren, wie mein Dad“, hängt Joey seinen Gedanken wieder nach. „Träum weiter, nur den wenigsten ist es gegönnt auf den Meeren herumzusegeln.“ - „Eines Tages werde ich ein Seemann sein, das sage ich dir Tim.“ - „Und ich sage dir das du völlig bekloppt bist. Das schaffst du nie.“ Und winkte nur müde ab. Joey und Tim standen wieder vor dem Vollschiff. „Wäre es nicht toll an Bord zu sein, Tim?“ Genervt von Joeys ewigen Gequatsche über seinen Traum wurde Tim lauter. „Weißt du was Joey, lass mich in ruhe mit dem Blödsinn. Träume sind ja gut, aber das wirkliche Leben sieht anders aus. Schau dich um.“ Langsam brach die Dämmerung herein und die Menschen gingen nach Hause oder verzockten ihr Geld in obskure Hafenkneipen. „Vielleicht hast du recht Tim. Ich werde Heim gehen und hole dich morgen früh ab.“ - „Ok Joey, bis morgen.“
Joey trat den langen Heimweg in die Lydfort Lane am Stadtrand an. Heftiger, kalter Wind fegte durch die Straßen und hüllte Joey in ein Gänsekostüm. Im Zentrum waren die Häuser pompös und aus Stein gemauert und glänzten mit schmucken Verzierungen. In der Lydfort Lane waren es dagegen nur noch vergammelte Holzbaracken, die dem Einsturz nahe waren. Im Grocery Store bei Mister Tinkley wärmte er sich am großen Holzofen auf, der gleich neben der quietschenden Eingangstür aufgestellt war. „Na Joey, du zitterst ja wie ein Schwein kurz vor der Schlachtung“, das einzige was von Joey zu hören war, war das Klappern seiner Zähne. Dann kaufte er noch etwas Brot und Käse das er freudig seiner Mutter brachte die er so liebte. Nach dem Abendbrot gingen beide bald zu Bett. „Gute Nacht Joey, Gott beschütze dich.“ - „Gute Nacht, Ma.“
Joey kuschelte sich in die Decke ein die ihm sein Vater aus der neuen Welt einmal mitgebracht hatte. Sie war flauschig weich und aus einem Stoff gewebt den Joey nicht kannte und es war seine liebste Decke. Bunt wie der Regenbogen der manchmal am Horizont erscheint und die Fantasie der Weltumsegler anregt. Die Indianer mussten freundliche Menschen sein, wenn sie solch schöne Decken herstellen, da war sich Joey gewiss.
Da war sie wieder. Diese schreckliche Erinnerung jenes Abends als der Vizeadmiral in der Tür stand. Diese Bilder schlichen sich unwillkürlich in Joeys Kopf. Es war ihm als wäre es erst gestern gewesen. Der Abend hatte Joeys Leben und das seiner Mutter komplett durcheinander gebracht. Jetzt sah er wieder den Vizeadmiral in der Tür stehen. Vier Soldaten begleiteten ihn, doch ließ er sie draußen warten. Der Uniformierte überbrachte die traurige Nachricht das Graham Ashton in Erfüllung seiner Pflicht aus dem Leben schied. Unfähig zu einem Wort brach Mary-Anne in Tränen aus. Joey sah sich selbst am Tisch sitzen, wie er aufsprang und vor den Füßen des elegant gekleideten Offiziers kniete und schrie: „Sagt das es nicht wahr, bitte, so sagt es doch endlich.“ Er zerrte an den Hosenbeinen und klebte an dem unerwünschten Besucher.
Genauso unvermittelt wie die Bilder in Joeys Kopf gestiegen waren, verschwanden sie auch wieder und er ertappte sich dabei wie er leise in die kuschelige Decke weinte. Joey hasste es. Er wollte immer stark sein und sich nie die Blöße geben. Doch die Trauer über den Verlust des geliebten Familienvaters war ungleich stärker und überrannte den Jungen.
In der Nacht wachte Joey auf. Er hatte von der
Majestic geträumt. Ein schöner Traum. Ein Wunschtraum?
„Ich will, nein ich muss auf dieses Schiff.“ sagte Joey zu sich. Er zog sich an, packte einen kleinen Sack und schlich sich aus dem Zimmer in dem er noch bis eben mit seiner Mutter gewohnt hatte. Die Tür war nicht verschlossen und Joey trat auf die Straße. -


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Beitrag #2 |

RE: Joey's Reise
Hi Franky,

Ist der Textausschnitt, den du uns hier präsentierst, das Anfangskapitel eines Romans? Weil eine abgeschlossene Geschichte ist es ja nicht.
Ich hab zwar mit historischen Romanen nicht viel am Hut, habe mir den Ausschnitt aber trotzdem durchgelesen und werde dir meine Gedanken dazu darlegen.

Vorerst: Kritik ist nie als persönlicher Angriff zu sehen.
Ich werde dir lediglich meine ehrliche Meinung zu dem Text sagen und falls die nicht positiv sein sollte, sehe es als Ansporn, dich zu verbessern oder ignorier sie, wenn du denkst, ich liege falsch.

Also zuerst einmal bezüglich Rechtschreibung:

Zitat:Joey's Reise

den Apostroph bei s-Genitiv gibt es im Deutschen eigentlich nicht.
Müsste also Joeys Reise heissen.

Zitat:Hin und wieder trat er mit den Hacken gegen Häuserwände oder gegen Treppen, um die schweren Fladen aus Lehm, Morast und Dreck zu entfernen, die immer wieder an den Unterseiten hängen blieben.

Zitat:Die graue Tunika, die er trug, hing Joey nur noch als großer Fetzen an seinem ausgemergelten Leib und schützte nicht im Geringsten vor dem kalten Regen.

Zitat:Anders als in der Lydfort Lane, in der er wohnte, wurden die Häuser zunehmend besser und waren aus Stein gebaut.

Zitat:Einige waren mehr als Knöchel tief.

knöcheltief

Zitat:Seine tief brummende Stimme, unzählige und liebevolle Umarmungen und den Duft der weiten Welt, der Graham umgab, wenn er in seiner Uniform zur die Tür herein kam.

zur Tür.
das 'und' zwischen unzählige und liebevolle würde ich weglassen.

Zitat:Tränen flossen über seine weiche Haut und nahmen den Schmutz mit, der sich auf seinem Gesicht gelegt hatte.

Zitat:Er verfluchte die Spanier, die das Schiff versenkten, auf dem Graham Steuermann war. Ja, er hasste dieses Volk abgrundtief und weiß Gott, Joey hätte alles gegeben für die Rache, die er ausüben würde.

Da du deine Geschichte im epischen Präteritum schreibst, darfst du Gegebenheiten, die in der Vergangenheit passiert sind, nicht im Präteritum schreiben.
Es müsste also heissen: Er verfluchte die Spanier, die das Schiff versenkt hatten, auf dem Graham Steuermann gewesen war.

Zitat:Der Tot seines Vaters durfte nicht ungesühnt bleiben.

der Tod

Zitat:Joey hatte immer ein paar kleine Steine dabei, die er vor die Füße der königlichen Leibgarde warf.

Zitat:Joey vernahm ein bekanntes Geräusch, das sich hinter ihm schnell näherte.

Zitat:Gerade als er an Joey vorbei schoss, rief der fein gekleidete Kaufmann:...

Zitat:Die Stadttore waren schon geöffnet und immer zahlreicher wurden die Wagen der Händler, Bauern und Handwerker, die an Joey eiligst vorbei zogen.

Zitat:Doch kaum hatte er angefangen mit seinem schrägen Gesang, wurde er auch schon unterbrochen

Zitat:Mein Gesang ist so rein wie das Wasser, das aus den Bergen entspringt“, und deutete auf das kleine Bächlein, das einige Meter neben ihnen floss.

Zitat:John, der zum ersten Mal in London war, senkte seinen Kopf verlegen zu Boden und konnte keine Antwort geben.

Zitat:Dunkle Gestalten zogen ihr Bahnen zwischen den einzelnen Wagen

ihre

Zitat:Die vier Haupttore wurden schon am Abend zuvor als Sicherheitsmaßnahme, geschlossen.

Das Komma nach 'Sicherheitsmassnahme' braucht es nicht.

Kommafehler werde ich ab jetzt nicht mehr erwähnen, da es doch ziemlich viele sind.
Achte vor allem bei Relativpronomen auf das Komma, da du es dort häufig vergisst.

Zitat:Die Überfälle auf die gehobene Bevölkerung stieg drastisch an

stiegen

Zitat:So manche Straße wurde jedoch auch zu einem kleinen Strom der die Fäkalien und sonstigen Müll mitriss und an den Stiefeln einiger Passanten hängen blieb.

hier stimmt was nicht. Wenn du es so schreibst, bedeutet es, dass der Strom an den Stiefeln der Passanten hängen blieb.
Du meinst aber bestimmt die Fäkalien und den Müll.

Du könntest es z.B. so schreiben: So manche Strasse wurde jedoch auch zu einem kleinen Strom, der die Fäkalien und sonstigen Müll mitriss und an die Stiefel einiger Passanten schwemmte.

Oder: So manche Strasse wurde jedoch auch zu einem kleinen Strom, der die Fäkalien und sonstigen Müll mitriss, welche dann an den Stiefeln einiger Passanten hängen blieben.

Zitat:Einmal im Jahr, in mehreren Winternächten, wurden die Müllberge in den Straßen abtransportiert und Fünfundzwanzig Meilen östlich in die Nordsee gekippt.

wird klein geschrieben

Zitat:Verkaufsbuden wurden aufgestellt, die aus einfachen Holzpfählen gefertigt waren, sie wurden mit Stricken zusammengebunden und mit imprägniertem Körperstoff überspannt.

nach 'gefertigt waren' braucht es einen Punkt.

Zitat:Langsam verging ihm die Hoffnung und ließ seine Gedanken schweifen,...

da fehlt ein 'er' nach dem und

Zitat:Joey sah dem Spektakel fasziniert zu und dachte an seinen Vater. Der stolze Steuermann eines Begleitschiffes fiel letztes Jahr in einem Seegefecht. Wenn sein Vater nach Hause kam, lauschte Joey gespannt den Abenteuern von denen er berichtete. Graham wusste, dass die Geschichten seinen Sohn fesselten, besonders die von den Piratenüberfällen und den bunt bemalten Indianern in Amerika. Mister Ashton war ein guter Erzähler.

hier hast du wieder ein Zeitproblem.
Die Sachen, an die sich Joey erinnert, gehören ins Plusquamperfekt.
Zudem ist die Stelle ein bisschen verwirrend, da du den Vater zuerst als 'den stolzen Steuermann' dann als 'Graham' und zu guter Letzt als 'Mr Ashton' benennst.

Zitat:Joey hatte die Erfahrung gemacht das die Leute großzügiger etwas geben

dass

Zitat:Joey hatte die Erfahrung gemacht das die Leute großzügiger etwas geben, wenn er sie direkt anspricht als am Stadtrand nur auf der Straße zu sitzen und zu warten bis irgendjemand mal was gab.

hier wechselst du plötzlich ins Präsens und dann wechselst du am Schluss wieder zurück ins Präteritum.

Zitat:„Träum weiter, nur den wenigsten ist es gegönnt auf den Meeren herumzusegeln.“

den Wenigsten
Zudem stellt sich mir hier die Frage, ob ein kleines Kind wirklich so sprechen würde. Ich glaube eher nicht.


Zitat:Und ich sage dir das du völlig bekloppt bist.

dass

Zitat:Langsam brach die Dämmerung herein und die Menschen gingen nach Hause oder verzockten ihr Geld in obskure Hafenkneipen.

obskuren

Zitat:„Na Joey, du zitterst ja wie ein Schwein kurz vor der Schlachtung“, das einzige was von Joey zu hören war, war das Klappern seiner Zähne.

das Einzige
Zudem musst du nach 'Schlachtung' einen neuen Satz beginnen.

Zitat:Dann kaufte er noch etwas Brot und Käse das er freudig seiner Mutter brachte die er so liebte.

das ist hier falsch würde ich sagen. Liest sich komisch.
ich hätte "..., was er freudig seiner Mutter brachte" geschrieben.

Zitat:Der Uniformierte überbrachte die traurige Nachricht das Graham Ashton in Erfüllung seiner Pflicht aus dem Leben schied.

dass

Zitat:„Sagt das es nicht wahr, bitte, so sagt es doch endlich.“

dass
und zudem fehlt noch ein 'ist' nach wahr.

_____________

Soviel mal zur Rechtschreibung.
Bezüglich Interpunktion ist es auf jeden Fall verbesserungsfähig.

Nun mal zum Schreibstil und zum Plot

Man merkt, dass du dich für Geschichte interessierst und dein Wortschatz ist auch ziemlich vielfältig. Das hat mir gefallen.
Der Schreibstil an sich ist auch nicht schlecht, aber die vielen Kommafehler erschweren das Lesen doch ziemlich.
Manchmal finde ich, könnten die Sätze ein bisschen länger sein, als dass du gleich einen Punkt setzt und wieder einen neuen Satz beginnst.

Was mein Problem bei der Geschichte war, ist die Strukturierung des Plots und die Erzählsituation, in der du die Geschichte erzählst.
Weil der Stoff an sich ist vielversprechend. Ein Junge im London des 16. Jahrhunderts, der seinen Vater verloren hat und deshalb ein Hass auf die Spanier empfindet. Da lässt sich was draus machen und das Hintergrundwissen über die damalige Zeit scheinst du zweifelsohne zu haben. Von daher sind die Voraussetzungen schonmal gut.

Aber dein Text gleicht dann mehr einer Aufzählung, als einer wirklichen Geschichte.
Als Leser liest man den Text ziemlich teilnahmslos.

Du beginnst mit einem personalen Erzähler, der aus der Sicht von Joey berichtet. Das ist gut. Aber dann schweifst du plötzlich ab und entfernst dich von Joey. Du erzählst dem Leser von der Stadt, den Kneipen und den Händlern, die in der Nacht vor der Stadt gewartet hatten und dann plötzlich wechselst du wieder in die personale Erzählsituation, die jetzt plötzlich aus der Innenansicht von John dem Spielmann erzählt.
Als Leser frage ich mich, was hat dieser John mit der Geschichte zu tun? Kommt der später noch einmal vor? Weil wenn nicht, dann gibt es keinen Grund, aus der Innenansicht dieser willkürlichen Figur zu erzählen.

Lass Joey diese Sachen erleben. Lass ihn beobachten, wie der Spielmann ein Loblied über die Königin vorträgt und dann rüde von einem Passanten unterbrochen wird, woraus sich ein Wortgefecht entwickelt.
Lass Joey in Kontakt mit einer dieser dunklen Gestalten kommen, die zwischen den einzelnen Wagen umherzogen. Lass ihn das erleben, erzähle nicht einfach nur neutral darüber, das reisst einen Leser nicht mit.

Du musst den Text auch besser strukturieren. Hier mal ein Beispiel:

Zitat:Einmal im Jahr, in mehreren Winternächten, wurden die Müllberge in den Straßen abtransportiert und Fünfundzwanzig Meilen östlich in die Nordsee gekippt. Für diese widrige Arbeit zog man meist das unfreie Volk heran. Ihr kärglicher Lohn war eine Unterkunft in den wenigen Spitälern der Stadt. So wunderte es niemanden, dass sich die Vogelfreien um diese Arbeit prügelten, ja sogar Morde waren nicht ausgeschlossen. Nur die wenigsten Häuser waren mit Latrinen ausgestattet. Es herrschte hektische Treiben in der Stadt. Verkaufsbuden wurden aufgestellt, die aus einfachen Holzpfählen gefertigt waren, sie wurden mit Stricken zusammengebunden und mit imprägniertem Körperstoff überspannt.

Zuerst erzählst du davon, wie einmal im Jahr die Müllbergen von den Vogelfreien gesäubert wurden und dann plötzlich, noch auf der selben Linie, gehst du wieder zurück in die Gegenwart und machst weiter mit: "Es herrschte hektisches Treiben in der Stadt."
Mach hier wenigstens einen Absatz, sonst weiss der Leser nicht mehr wo vorne und hinten ist.
Absätze machst du ohnehin praktisch keine, was das Lesen zusätzlich erschwert.

Wie du siehst, hatte ich so meine Probleme mit der Strukturierung des Plots.

Auch geht meiner Meinung nach alles etwas schnell.
Du erwähnst die Mutter von Joey gerade zwei oder drei mal in einem kurzen Satz.
So führst du sie z.B. ein:
Zitat:Er versuchte seine Mutter, Mary-Anne, eine Näherin ein wenig zu unterstützen.
Danach erwähnst du sie noch ein paar mal in Bezug auf ihren toten Ehemann und das wars dann schon. Danach verlässt Joey sie ja schon.
Ein Junge, der seine Mutter verlässt, um seinen toten Vater zu rächen, doch den Leser kümmert es kaum. Wie auch, er kennt die Mutter ja gar nicht.
Lass dir mehr Zeit! Bring dem Leser die Figuren näher, dann freundet er sich vielleicht auch mit ihnen an und empfindet was für sie.

Was mir sonst noch aufgefallen ist:

Zitat:Joey ging heute sehr früh aus dem Haus in der Lydfort Lane um dem großen Spektakel beizuwohnen, welches alle zwei Monate am Hafen stattfand.

Du schreibst hier von einem alle zwei Monate stattfindenden Ereignis, doch was für ein Ereignis das ist, erklärst du dem Leser im Verlauf der Geschichte nicht wirklich?
Weil die Ankunft der Majestic kann es ja nicht sein, da die sicherlich mehr als zwei Monate braucht, um nach Amerika und zurück zu segeln.

Zitat:Die Hufe schallten grell und wurden durch die verwinkelten Gassen noch verstärkt.

hier schreibst du, dass die Hufe grell schallen, was darauf schliessen lässt, dass der Boden aus Stein besteht.
Doch gleich danach heisst es:

Zitat:Dicht an dicht standen unzählige Wagen und versanken fast in dem lehmigen Morast.

So. Das wars fürs Erste.
Mal kurz zusammengefasst:

- Versuch deine Interpunktion zu verbessern.
- Strukturiere dein Text besser. (vor allem mehr Absätze!)
- bring dem Leser die Figuren näher, lass ihn teilhaben an deren Leben
- achte auf die Zeitformen
- schlag ein etwas langsameres Tempo an


Ich hoffe, ich konnte dir bei dem eint oder anderen Punkt weiterhelfen.
Falls du mit einigen Punkten meiner Kritik nicht einverstanden bist, ist das ok. Nimm dir einfach raus, was dir hilft.

Ich hoffe, man liest sich mal wieder.

Elia





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Beitrag #3 |

RE: Joey's Reise
Hallo Elia,

vielen Dank für Deine konstruktive Kritik, welche ich wohl auch dringend brauche.


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