Es ist: 10-04-2020, 06:08
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Almas (3/4)
Beitrag #1 |

Almas (3/4)
Almas
(Countdown: Addendum)

(3)

Im Cockpit der Buran saß der italienische Chief im linken Sitz und starrte fragend durch die vorderen Scheiben zu Henning, der über ihnen vor einem zehn Meter langen Band schwebte.
"Porca vacca!", brummte Breda. "Wenn da tote Kosmonauten drin sind, müssen wir die erst bergen, bevor wir es sprengen - sonst kriegen wir mit dem Kreml Ärger."
Bill, der rechts saß, fuhr sich mit der Hand nachdenklich über den Mund.
"Ich weiß nicht, was mir mehr Sorgen bereitet", meinte er. "Der Tote, von dem Moskau wissen müsste - oder die Tatsache, dass die sich nicht melden."
"Wahrscheinlich ist er wahnsinnig geworden." Der Italiener zwinkerte ihm von links zu. "Nicht gerade eine Schlagzeile für die Prawda."
"Ich wüsste zugern, was da ..." Er unterbrach sich und hielt sich das Mikro seines Kopftelefons an den Mund. "Henning? Siehst Du irgendwo eine Luke?"
'Nein', antwortete er. 'Aber ich suche mal nach der Klingel.'
Danach hörten die Beiden nur noch das Ein- und Ausatmen, während er mit seinen Handschuhen über die schwarze Oberfläche glitt und abermals den Sternenruß aus seinem Schlaf riss.
Breda drückte auf eine der mittleren Tasten über dem Steuerrad.
"Ansari - hier Buran", rief er, doch es kam keine Antwort und er drückte die Taste daneben. "Ansari?"
Bill grinste ihn an.
"Falschen Kanal erwischt?"
"Respektloser Bengel." Zwei Tasten weiter rechts. "An-sa-ri?"
Nichts.
"Bei all dem Weltuntergangsgekreische sind die bestimmt schon in die Rettungskapseln gestiegen." Breda schnaufte. "Und lassen uns hier versauern."
"Quatsch", meinte Bill. "Eher ist denen der Messias durch die Decke gerauscht."
Der Chefingenieur lachte.
"Nicht schlecht, Kleiner", sagte er und wischte sich eine heitere Träne aus den Augen. "Raumfahrt ist ein Thema, was nur durch Humor zu ertragen ist."
"Meine Reden."
Breda nickte, dann schaute er auf die Anzeigen vor ihm, die die Bewegung des Objekts darstellten.
"Wenn die Sinkgeschwindigkeit so bleibt, kriegt Moskau einen gegrillten Toten serviert."
'Buran?'
Bill drückte wieder das widerspenstige Mikro an seinen Mund.
"Ja?"
'Da sind noch mehr Scheiben', tönte Hennings Stimme in sein Ohr. 'Und wir sind jetzt bei zwei toten Kosmonauten.'
"Kannst Du den Namen erkennen?"
'Nein, er schwebt mit dem Gesicht nach un- ... Oh.'
Bill und Breda schauten sich fragend an.
"Was meinst Du mit Oh?"
'Da blinkte die ganze Zeit ein kleines Lämpchen. Zwar schwach, aber es war das einzige, was da drin aktiv war.'
"Was heißt war?", fragte Bill und schaute verwundert auf die Anzeigen vor ihm, die plötzlich sehr lebhaft wurden. "Nanu? Was ist denn jetzt los?"
Breda tippte Bill an die Schulter und zeigte durch die Scheiben nach draußen.
Nacheinander blitzten rote Positionslampen auf und die Kontur des Nicht-Satelliten schälte sich aus der Unsichtbarkeit.
'Jetzt sind ein paar Lämpchen mehr an', meldete Henning. 'Ich korrigiere: jetzt sind ALLE an!'
Sie starrten schweigend nach draußen, wo der kleine weiße Astronautenanzug nicht länger vor einem zehn Meter langen Band schwebte - sondern vor einen zylinderförmigen Etwas, für das Henning noch ein paar Rollen mehr brauchen würde.

***

Orlova tippte nicht mehr auf die Tastatur, sondern durchbohrte sie beinahe mit ihren Fingern.
"Verdammtes Mistding!", knurrte sie, dann griff sie zu einem Kopftelephon, das an der Bordwand hing und hielt sich das Mikro vor den Mund.
"Naoki?", rief sie, doch es kam keine Antwort. "NAOKI!"
Nichts - und sie warf das nutzlose Gerät neben die Tastatur.
"Wenn wir die Station gebaut hätten", fauchte sie, "dann würde hier alles tadellos funktionieren."
Sie schaute zum Loch in der Decke und musste sich eingestehen, dass wenigstens die rötliche Notbeleuchtung noch ihren Dienst verrichtete.
Orlova schaute zur fremden Frau hinüber, die immer noch bewusstlos war. Dann stand sie auf, nahm sich wieder ihre Taschenlampe und ging zu einem der medizinischen Schränke auf der anderen Seite. An der linken Scheibe stand: 'Achtung! Nur durch medizinisches Personal zu öffnen!'
Dahinter waren kleine Fläschchen zu sehen, für die jeder Junkie unten auf der Erde Massenmorde begehen würde.
Gerade als sie den Schlüsselbund aus ihrer Hosentasche gezogen hatte um nach einem bestimmten Mittel zur Sedierung zu suchen, hörte sie ein Geräusch.
Ein leises Stöhnen.
Und sie ist noch nicht fixiert, dachte sie und zwang sich, so zu tun, als hätte sie nichts gehört. Verdammt.
Sie ließ vom Schrank ab, zog eine der Schubladen vom Apothekerschrank daneben auf und holte zwei Fixierbänder heraus. Während sie sich langsam umdrehte, wanderten die Bänder hinter ihren Rücken. Der Strahl der Taschenlampe drehte sich mit, wanderte über den grauen Boden, kroch an den arretierten Rollbeinen am Fußende des Bettes hoch - und verharrten auf einer leeren weißen Matratze.
Na warte, Kleine!
Das Licht der Taschenlampe wanderte weiter nach links zur Computerkonsole, an der sie gerade noch gestanden hatte und verharrte auf dem Stuhl.
Der stand doch gerade noch ... anders?
Weiter nach links, über die hinteren Betten, über die medizinischen Stahlschränke mit der Warnung an den Scheiben.
"Anna?", rief Orlova - und dann, mit einem dominanten Nachdruck in der Stimme: "Anna Krieger!"
Nichts.
Die Taschenlampe wanderte weiter nach links, über den Apothekerschrank, über die geschlossene Luke zum Gang hinaus.
"Keine Angst. Wir tun Ihnen nichts."
Weiter von der Luke, über den Boden zum Krankenb-
Im Bruchteil einer Sekunde tauchte eine Gestalt im Schein der Taschenlampe auf.
Direkt vor ihr. Schnelles panisches Atmen. Weit aufgerissene Augen. Links schimmerte Entsetzen hindurch - rechts Wahnsinn.
Und noch bevor die Stabsärztin reagieren konnte, raste eine Faust auf sie zu und explodierte in ihrem Gesicht.

***

Das sowjetische Etwas sah im ersten Augenblick aus wie ein Sternenbleistift, der im Begriff war, einen Weihnachtsgruß auf den Erdball schreiben zu wollen.
Erst bei genauerem Hinschauen fielen Henning Unterschiede auf.
Der Bug war spitz und mit einer Antenne versehen. Der Durchmesser der Hülle nahm stufenweise nach ein paar Metern zur Mitte hin zu, blieb zuerst gleichbleibend und wurde erst am Heck wieder breiter.
Dort, wo ein altes Sojus-Raumschiff angedockt war.
Kein Bleistift, dachte er. Eher wie eine umgedrehte Bierpulle, mit dem Flaschenkopf zur Erde gerichtet.
'Henning?'
Eine Flasche mit einem Bleistift im Arsch.
"Ja?"
'Verdammt, das Ding leuchtet ja wie der Weihnachtsbaum in der Messe!', rief Bill. 'Scheiße, was machen wir jetzt? Den Brocken kriegen wir weder zur Erde zurück, noch gesprengt.'
"Du stellst mir meine eigenen Fragen, Bill", antwortete Henning. "Ich hab keine Ahnung."
'Das gefällt mir nicht.'
"Stell Dich hinten an."
Die Stimme des Chefingenieurs drängte sich zwischen sie.
'Wir bleiben beim Plan', sagte er. 'Suche eine Luke, geh rein und hol die Beiden da raus.'
"Und wie sollen wir das Ding mit den Raketen in die Atmosphäre drücken?"
'Entweder wir aktivieren das Sojus-Raumschiff', meinte Breda. 'Oder wir schieben es mit der Buran zur Erde.'
Henning starrte durch die Scheibe, suchte den nun besser ausgeleuchteten Innenraum nach einer Luke auf der anderen Seite ab - doch er bemerkte nur Zahlenreihen auf einem der bis dato leblosen Monitore.
"Warte mal."
Zahlenreihen, die kontinuierlich weniger wurden.
"Hier stimmt was nicht ..."
'Henning?'
Die Zahlenreihe verschwand und machte Platz für eine neue Anzeige. Es sah aus wie ein Triebwerk.
"Was?"
Das Innere fing an zu zittern, die Leichen der beiden Kosmonauten verloren ihre bis dahin ruhige Bahn und begannen zu trudeln.
'Buran konnte das Ding gerade identifizieren.'
Die Scheibe vor seinem Helm begann zu beben.
"Ist das gut oder schlecht?"
'Almas', rief Breda. 'Das wars. Keine Registrierungsnummer. Keine Klassif- scheiße, was ...?'
Unter Hennings Füßen am Bug wurden plötzlich kleine Düsen gezündet.
'HAU AB DA VERD-!', schrie Bill, doch der Rest des Satzes ging im Rauschen verloren.
Kleine Düsen, die die Almas an Hennings Helm vorbei in kurzen Schüben wieder hinauf in Richtung Sterne drückten.

***

Schwer atmend. Und die rechte Hand tat ihr weh.
Ungläubig schaute sie auf die robuste Frau, die bewusstlos am Boden lag. Die Faust hatte ihr Gesicht getroffen, dann war sie nach hinten gekippt und im Fallen mit dem Kopf an die Kante des Apothekerschranks geknallt - bevor sie unsanft auf dem Boden aufschlug.
Sie schüttelte die schmerzende Hand, atmete schwer ein und aus, schien zu überlegen. Unsicherheit, die sich erst legte, als sie sich an die rechte Schläfe fasste.
Ihre Augen weiteten sich, die Finger fühlten nochmals, dann nahm sie die Taschenlampe und suchte den Boden ab. Doch was immer sie auch suchte, in ihrem Gesicht konnte man herauslesen, dass es nicht da war.
Sie wandte sich zur leblosen Frau um. Die Frau mit der Uniform. Der Uniform und dem roten Stern der Sowjetunion.
Starrer Blick, so als ob sie versuchte, ihr Gegenüber damit zu erdolchen. Dann beugte sie sich über die Frau. Ihre Finger griffen erst zaghaft, dann eindringlicher in die Hosentaschen, durchsuchten schließlich auch die Brusttasche unter dem Namensschild Orlova. Doch als die Finger wieder zum Vorschein kamen, blieb das Gesicht enttäuscht.
Für eine stille Ewigkeit wusste sie nicht, ob sie weinen oder schreien sollte - dann unterbrach ein Knacken ihre Unentschlossenheit.
'Orlova?', drang eine Stimme durch den Raum. 'Ich habe hier oben etwas gefunden. Könnte zu dem Abdruck an der Schläfe passen.'
Sie stand auf, wie elektrisiert, suchte nach der Stimme und fand sie schließlich in einem Kopftelefon, das neben ihrer Kennkarte auf der Tastatur einer Konsole lag.
'Orlova?'
Ihr Blick wanderte fragend zur Decke, wo sie ein nach unten ausgefranstes Loch entdeckte. Mit einer gähnenden Leere dahinter. Hinter ihren Augen arbeitete es. Dann fasste sie einen Entschluss, setzte sich das Kopftelefon auf, nahm ihre Kennkarte und trat vorsichtig über die Frau am Boden.
Vor der Luke atmete sie noch einmal tief ein, dann öffnete sie sie und trat auf den bogenförmigen Gang hinaus, der ebenfalls in dunkles Rot getaucht war.
Bedächtige Schritte auf dem Boden. Immer, wenn ihre Nikes auf dem gummiartigen Bodenbelag quietschten, verharrte sie erst und lauschte, bevor sie den Weg weiterging.
Nach einigen Metern links eine offene breite Luke. Sie spähte vorsichtig um die Ecke und entdeckte einen großen Raum mit im Kreis stehenden Tischen. In der Mitte ein Tannenbaum, festlich geschmückt. Darunter einige mit Weihnachtspapier eingepackte Geschenke.
Was auch immer durch ihren Kopf ging, es entlockte ihr eine Träne, bevor sie sich abwandte und dem Gang weiter folgte.

***

Die Düsen erstarben nach einigen Minuten, dann verlangsamte der schwarze Rumpf der Almas wieder vor seinem Helm.
'Henning? Alles in Ordnung?'
Er schwitzte in seinem Anzug und hätte sich zugerne den Schweiß von der Stirn gewischt, als seinen Blick vom Rumpf abwandte und Richtung Heck schaute.
"Ja, alles in Ordnung", antwortete er. "Damit dürfte die Frage geklärt sein, warum das Ding noch nie abgestürzt ist."
'Si - es hat einen automatischen Bordcomputer, der selbständig die Höhe misst und bei Bedarf die Düsen aktiviert.'
'Die Frage bleibt', meinte Bill. 'Warum ein derart fortgeschrittener Rechner?'
Henning hangelte sich am Rumpf entlang zum nächsten Fenster. Ein ungutes Gefühl beschlich ihn, als er wieder ins Innere hineinschaute.
'Warum die strahlungsarme Außenhülle?'
Die Monitore waren nach dem Korrekturmanöver immer noch aktiv, und zusätzlich zur Zahlenreihe konnte er auf einem anderen Bildschirme Kontinente erkennen. Nordamerika und Europa, übersät mit roten Punkten.
'Warum das Ganze?'
Der Rumpf und die Scheibe vor ihm fingen wieder an zu vibrieren, doch diesmal war es anders. Keine zündenden Düsen am Bug. Stattdessen schaute Henning zum dicken Bauch des Hecks.
Eine Flasche ..., dachte er. Aber drin ist kein Bier.
'Das ist doch egal', meinte Breda gerade. 'Das Ding ist immer noch auf Kollisionskurs.'
Kleine Wölkchen aus Ruß erhoben sich von der Außenhaut, dann tauchten lautlos meterlange Behälter rundherum aus dem Heck auf, die aussahen wie Särge für die Überreste von Riesen.
"Leute, wir haben noch ein Problem", rief Henning, als sich die vorderen Klappen öffneten und dahinter silberne Spitzen zum Vorschein kamen. "So wie es aussieht, ist das Ding mit Raketen bestückt. Und ich verwette meine Abfindung, dass es Uranraketen sind."
Die beiden Männer in der Buran schwiegen.
"Dazu kommt, dass ein neuer Countdown gestartet wurde." Er schloss für einen Moment die Augen und holte tief Luft. "Soweit ich das sehen kann, wird es Europa und Nordamerika treffen."
'Scheiße.'
"Die Zahlenreihe sieht genauso aus, wie gerade - und da waren es fünf Minuten."
Fünf Minuten.
Nur die Messung einer Zeit, die entweder schnell oder langsam vorbeigehen konnte.
Fünf. Minuten.
Durch die Köpfe der drei Männer rasten Vorstellungen einer an Heiligabend durch einen Uranschlag verwüstete Welt.
Kinder beim Geschenkeauspacken vorm Weihnachtsbaum, kurz bevor die Tannen Feuer fangen und die Wände wie Pappmarché davonfliegen würden. Überraschte Gesichter - im besten Fall sofort zu Asche zerfallen, im schlimmsten dagegen verstrahlt. Verkrüppelt.
Marschierend durch einen postapokalyptische Winterwelt.
Ein Moment der ewigen Stille.
Dann überschlugen sich die Stimmen von Breda und Bill.
'Porca puttana! '
'Scheiße.'
'Maledetto!'
'Wenn das Ding automatisch den Kurs hält, ...'
Eine Sommerwiese, dachte Henning plötzlich.
'... können wir es auch nicht auf eine andere Umlaufbahn ziehen.'
Als kleiner Junge.
'Und in eine andere Richtung ... '
Strahlend, mit einem Gemini-Raumschiff in den Händen.
'... manövrieren ...'
"Ich sprenge", sagte er schließlich und in seiner Stimme lag eine Ruhe, die er selbst nicht kannte.
'... geht auch n-. Moment, was hast Du gesagt?'
"Ich. Sprenge."
'Bist Du irre?'
"Ich stopfe alle Sprengladungen in einen Schacht, der Rest wird eine Kettenreaktion."
'Deine Raketen sind nicht schnell genug - Du kommst nicht in fünf Minuten aus dem Wirkungsbereich heraus.'
"Aber ihr."
'Du hast den Verstand verloren.'
"Nein", sagte Henning und griff zum zweiten Mal an diesem Tag nach dem erlösenden Koffer. "Bis jetzt nur meinen Job."

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