Es ist: 26-02-2020, 10:11
Es ist: 26-02-2020, 10:11 Hallo, Gast! (Registrieren)


Ohne Titel
Beitrag #1 |

Ohne Titel
So, kleine Kurzgeschichte. Ist mir heute eingefallen und ich dachte, es wäre eine gute Schreibübung und jetzt wüsste ich gerne, was ihr davon haltet. Aber vorsicht, ist nicht jedermanns Sache, und ich will keinem auf die Füße treten, okay? Gut, so viel zum Thema, hier kommt mein Geschreibsel:

Das Mädchen lag eingerollt unter der weißen Bettdecke. Neben ihm summte und rumpelte das Gerät, das seine Lungen mit Sauerstoff versorgte, leise. Es hatte die Augen geschlossen, doch es schlief nicht. Es dachte an seine Großeltern. Genauer gesagt an deren Beerdigung. Es dachte daran, wie es im Rollstuhl vor den Särgen gestanden hatte und sie nicht mehr sehen wollte, aber niemand kam um sie wegzuschieben und sie es selbst versuchte, aber nicht schaffte. Es dachte daran, dass die Leute in ihrer schwarzen Kleidung selbst ausgesehen hatten wie Leichen und wie sie heuchlerisch geweint und geschluchzt hatten. Es dachte daran, wie seine Großeltern jetzt zwei Meter unter der Erde lagen und langsam verrotteten, bis nichts mehr vor ihnen übrig war als die bleichen Knochen und jemand, der sie ausgrub, sie nicht mehr von den anderen Menschen, die dort auf dem Friedhof lagen, unterscheiden konnte. Und es dachte daran, dass es selbst bald dort liegen und von Würmern zerfressen würde. Genau wie seine Großeltern. Genau wie all die anderen auf dem Friedhof. Genau wie jedes tote Wesen auf der ganzen Welt. Im Tod, dachte es, sind wir alle gleich. Nur das Leben macht uns einzigartig. Und es fand es fürchterlich ungerecht, dass gerade es selbst davon so wenig haben sollte.
Da schälte sich neben ihm eine Gestalt aus der Dunkelheit.
„Du“, sagte das Mädchen. „Ich habe mich gefragt, wann du kommst.“
„Es tut mir leid“, sagte der Tod. „Ich habe viel zu tun. Verspätungen passieren. Aber jetzt bin ich hier.“ Er reichte ihm die Hand. Das Mädchen griff nicht danach.
„Ich wünschte, du hättest dir mehr Zeit gelassen.“
„Den Meisten, die sind wie du, kann es nicht schnell genug gehen. Du hast Schmerzen. Jede Bewegung ist eine Qual. Du bist auf Hilfe angewiesen, Tag und Nacht. Ich befreie dich davon.“
„Ich will nicht“, sagte das Mädchen und verschränkte die Arme.
„Nein?“, fragte der Tod überrascht.
„Nein.“
„Warum nicht?“
„Weil ich leben will.“ Der Tod breitete die Arme aus. Seine Geste umfasste alles, das sterile Krankenzimmer, das Gerät, das das Mädchen am Leben erhielt, all die Schmerzen, all das Leid, dass es ertragen hatte, alles.
„Dieses Leben?“, fragte er.
„Ja, dieses Leben.“
„Erklär mir das“, forderte der Tod und setzte sich auf die Bettkante.
„Du bist der Tod“, sagte das Mädchen. „Wie kann ich dir erklären, warum ich leben will?“
„Versuch es.“ Das Mädchen seufzte.
„Es ist mein Leben“, sagte es. „Das Eine, was ich ganz allein besitze. Das, was mich zu mir selbst macht. Ich habe es gelebt, aber immer nur in deinem Schatten. Du standest hinter mir, wo ich auch war, und ich habe deine Kälte schon im Nacken gespürt und deine Hand an meinem Herz. Und du machst mich wie alle Anderen. Ich hatte nie die Möglichkeit, ich zu sein. Darum will ich weiterleben. Wenn ich jetzt sterbe, wird man von mir nur sagen „Sie hat die Krankheit tapfer ertragen“ oder „Sie war immer ein fröhliches Kind, hat sich nie beklagt, auch im Angesicht des Todes nicht“. Aber das sagen sie über alle. Ich will mehr. Ich will einmal nur ich sein. Denn wenn du neben mir stehst, schauen alle nur auf dich und sehen mich nicht an. Aber ich will, dass sie mich ansehen und mich kennen und wenn ich sterbe etwas über mich sagen und nicht über dich.“
„Du bist seltsam“, sagte der Tod. „Diese Ansicht habe ich noch nie gehört. Doch ich glaube, ich verstehe, was du meinst.“
„Da bin ich aber froh.“
„Sarkasmus in meiner Gegenwart kenne ich allerdings zu Genüge.“
„Oh. Tut mir leid.“
„Keine Ursache.“ Eine Zeit lang saß der Tod schweigend dort, neben dem Mädchen, und dachte nach. Er hatte seine Sense über die Knie gelegt und die Knochenhände darüber gefaltet. „Du hast gesagt, ich mach dich wie alle anderen. Wie meinst du das?“, fragte er schließlich.
„Wenn wir tot sind“, sagte das Mädchen. „Haben wir kein Leben mehr. Und nur im Leben tun wir Dinge, die uns einzigartig machen. Wenn wir kein Leben mehr haben sind wir das nicht mehr. Dann sind wir alle gleich.“
„Aber du ohne dein Leben bist nicht du“, sagte der Tod. „Dich nehme ich mit. Und bei mir bleibst du du, also du selbst.“
„Aber für die anderen nicht. Für sie bin ich dann nur noch die Erinnerungen, die sie an mich haben.“
„Vielleicht ist das so. Aber auch diese Leute, die Erinnerungen an dich haben, fallen mir in die Hände. So wie alles was lebt. Ich tilge sie und damit alles, was dir deine Einzigartigkeit nimmt.“
„Das möchte ich aber nicht. Ich will nicht, dass du meine Eltern bekommst, meine Geschwister oder meine Freunde. Sie sollen leben.“
„Früher oder später kommen sie alle freiwillig zu mir“, sagte der Tod freundlich. „Manche rufen laut, andere flehen mich im Stillen an, sie zu holen. Zur rechten Zeit nehme ich sie alle fort.“
„Woher nimmst du das Recht, zu sagen, dass es die richtige Zeit ist? Manche nimmst du mitten aus dem Leben.“
„Weil ich ich bin. Ich bin der Tod. Du triffst mich immer mitten im Leben, das ist so meine Art. Tote besuche ich nicht.“
„Nur weil du der Tod bist, heißt das nicht, dass du immer Recht hast. Besonders dein Timing ist manchmal wirklich unpassend.“
„Ich gebe es zu“, sagte der Tod. „Manchmal komme ich etwas zu spät oder zu früh, aber Terminverschiebungen passieren. Es wird so viel gestorben, dass ich Mühe habe, überhaupt alle zu besuchen. Und dann noch die ganzen Lebewesen, die hier und da umgebracht werden, und gar nicht auf meinem Plan standen. Ich mache diesen Job schon sehr lange, genauer gesagt seit einer Ewigkeit, und ich hatte noch keinen Tag Urlaub. Es ist anstrengend, ja, aber ich habe Erfahrung und man kann mich nicht ersetzen, darum habe ich keine Wahl.“
„Könnte Gott nicht…“
„Gott? Du redest von Gott?“
„Warum sollte ich das nicht?“, fragte das Mädchen vorsichtig.
„Es gibt keinen Gott, ausgenommen vielleicht von mir“, sagte der Tod. „Denn nur ich bin ewig. Seit dem Anbeginn der Zeit bin ich hier und ich werde auch erst mit dem Ende der Zeit verschwinden. Ich bin der Tod, mein Kind, es gibt nichts, was mächtiger ist als ich und es gibt nichts, was mich überdauert. Es gab welche, die meinten, sie könnten mich besiegen. Ich habe sie bekommen. Und es gab auch welche, die sich für Götter hielten. Auch sie habe ich bekommen. Ich warte am Ende von jedem Weg, aber ich bin auch der Anfang des Weges. Ohne mich entsteht nichts, weil ohne mich nichts vergeht, und erst was vergeht kann entstehen und was entsteht muss vergehen. Wenn du einen Gott suchst, so bin ich das, was dem am nächsten kommt. Du kannst kein Leben ohne mich führen, denn ich sitze in deinem Herzen, sobald du geboren wirst, doch bei manchen trete ich stärker zutage, bei manchen schwächer. Das ist meine Natur.
Du wünscht dir ein Leben ohne mich. Doch ein Leben ohne mich gibt es nicht.“ Der Tod stand auf und streckte dem Mädchen wieder die Hand hin.
„Komm jetzt“, sagte er streng. Das Mädchen hatte sich erschreckt aufgerichtet, jetzt streckte es kleinlaut seine Hand nach der des Todes aus, doch bevor es sie berührte, sah es den Tod an.
„Danke… schätze ich“, sagte es und brachte ein schiefes Lächeln zustande.
„Wofür?“, fragte der Tod mürrisch.
„Für mein Leben.“ Der Tod konnte sich etwas, was bei einem Schädel wohl ein Lächeln war, nicht verkneifen, doch niemand sah es dank der tief ins Gesicht gezogenen Kapuze. Er ergriff die Hand des Mädchens und sie gingen fort.

Schreiben offenbart das Göttliche in uns.

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Beitrag #2 |

RE: Ohne Titel
Hey Anonyma.
Mich hat deine kurze Geschichte iwie sehr berührt!
Sie ging mir direkt ins Herz!
Sehr traurig und zwischendurch mit einer süß-bitteren Note...

Sehr schön. Mehr gibt's von meiner Seite aus nicht zu sagen.
Ich würde gern noch mehr von dir lesen!

Ich hoffe man liest sich nochmal über den weg.
Bis dahin
Lg Fleur


Sie mag rosenbekränzt
Mit dem Lilienstengel
Blumentäler betreten,
Sommervögeln gebieten
Und leichtnährenden Tau
Mit Bienenlippen
Von Blüten saugen
, --- von Goethe

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Beitrag #3 |

RE: Ohne Titel
vielen dank. Lob hört man immer gern :-)

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Beitrag #4 |

RE: Ohne Titel
Hey Anonyma,

eine gute Kurzgeschichte, schöne Idee, hat mir gefallen. Ein philosophischer Dialog, der einen über die Thematik nachdenken lässt. Das Gespräch wirkt lebendig und dem Gesagten stimme ich größtenteils überein. Eine Aussage hätte ich gerne noch mal erklärt^^:
Zitat:Ohne mich entsteht nichts, weil ohne mich nichts vergeht, und erst was vergeht kann entstehen und was entsteht muss vergehen.
Wieso sollte nichts entstehen können, wenn es nicht vergeht? Zwar muss alles, was ein Ende hat auch einen Anfang haben, aber umgekehrt muss es mMn nicht so sein. Also wenn der Tod dass schon einfach so als Aussage in den Raum stellt, fände ich ne Begründung angebracht Write

Der Schreibstil liest sich eigentlich ganz gut; flüssig und angenehm. Stellenweise waren die Sätze etwas zu lang bzw verkettet für meinen Geschmack.
Bsp:
Zitat:Es dachte daran, wie seine Großeltern jetzt zwei Meter unter der Erde lagen und langsam verrotteten, bis nichts mehr vor ihnen übrig war als die bleichen Knochen und jemand, der sie ausgrub, sie nicht mehr von den anderen Menschen, die dort auf dem Friedhof lagen, unterscheiden konnte.

Zum Schluss zwei Fragen noch:
Wie bist du auf das Thema gekommen?
Was hatte das Mädchen eigentlich für eine Krankheit?

Lg.


Zitat:Haben wir kein Leben mehr. Und nur im Leben tun wir Dinge, dich uns einzigartig machen
Tippfehler
Zitat:Für sie bin ich dann nur noch die Erinnerungen die sie an mich haben.“
Komma
Zitat:und bracht ein schiefes Lächeln zustande.
Tippfehler


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Beitrag #5 |

RE: Ohne Titel
Danke für die Korrektur!
Korrektur 1: Tja, das ist eben das Problem hierbei... Es ist sehr subjektiv. Das ist meine Meinung dazu.
Korrektur 2: Danke, ja es hört sich wirklich etwas seltsam an. Ich überleg mir noch was Besseres.

Das Thema drängt sich irgendwie auf, wenn um einen herum alles wegstirbt und man dann auch noch die absolut seltsame Angewohnheit hat, im Dunkeln joggen zu gehen und regelmäßig am Friedhof halt zu machen Icon_irre
Das Mädchen hat Krebs, genauer gesagt Lymphkrebs mit Metastasen in der Lunge. Dadurch füllt sich diese mit Wasser und ist in ihrer Funkrion extrem eingeschränkt, deshalb das Beatmungsgerät. Aber die genaue Krankheit habe ich extra nicht beschrieben, es soll möglichst alle Leute umfassen, die sterben.

So viel zu dem Thema :-)
VG
Anonyma

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Beitrag #6 |

RE: Ohne Titel
Hallo!

Ich bin neu hier und lese erst jetzt deine Geschichte. Und dann habe ich in deinem Profil gesehen, dass du schon seit April nicht mehr hier warst. Das finde ich sehr schade.

Deine Geschichte ist wunderschön. Sie hat mich berührt wie selten etwas. Der Dialog ist absolut genial beschrieben, und die Idee dahinter ist es auch.

Es mag kleine sprachliche Dinge geben, die man etwas anders schreiben könnte. Aber bei deiner Arzt, zu schreiben, spielt das keine Rolle.

Dreimal CHAPEAU! Icon_smile

Aber es ist sehr schade, dass du hier anscheinend nicht mehr auftauchst.

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund??
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist,
Die will nicht schweigen?" (Sylvia Plath)

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