Es ist: 23-02-2020, 09:15
Es ist: 23-02-2020, 09:15 Hallo, Gast! (Registrieren)


Der Zirkus (eine düstere Kurzgeschichte)
Beitrag #1 |

Der Zirkus (eine düstere Kurzgeschichte)
DER ZIRKUS

Fahles Licht dringt durch die Schlitze in der Kuppel des Zeltes. In seinen Strahlen tanzt der aufgewirbelte feine Staub. Den Himmel der riesenhaften Zirkusmanege kann man in der Höhe kaum erkennen. Es riecht nach Sägespäne und nach Tier.
Die Sitzreihen aus altem Holz steigen steil in die Dunkelheit auf. Die Jahre haben Ihre Geschichten in die Oberflächen der Sitze und die Bande der Manege geschliffen, gekratzt und geschabt. Die Zeit hat sich als glänzende Patina aus poliertem Schmutz und Fett über die Innenwelt des Zeltes gelegt.
Riesige Pferde stehen, schweißnass dampfend, am Außenrand der Manege im Kreis. Aufgereiht, wie auf einem Karussell. Dumpf klackernd kauen sie auf ihren Trensen, Schaum trieft aus ihren Mäulern. Ein ungeduldiges, gedämpftes Klopfen der Hufe in die Holzspäne, bebende Flanken, Schnauben, ein vernehmliches Schütteln. Aus den Nüstern stößt weißer Nebel in die kalte Luft. Riesige Pferde.
Der Junge, der nur etwa so groß ist, wie die Beine der Pferde hoch sind, schaut durch den schweren Vorhang am Eingang der Manege in das Zirkuszelt. Ein langer, dürrer Mann in einem staubigen bodenlangen Mantel und einem hohen, schwarzen verschlissenen Zylinder steht in der Mitte der Manege. In der linken Hand hält er lange Longierleinen, die sternförmig zu den Pferden führen und nun
schlaff auf dem Boden liegen. In der Rechten hält er eine dornige lange Peitsche, an der frisches Blut warm und dunkelrot schimmert. Diese legt er auf den Boden.
„Schön, dass du da bist. Komm herein.“ Als er sich dem Jungen zuwendet, kann dieser sein maskenhaftes, eingefallenes Gesicht sehen. Völlig ausdruckslos, mit toten Augen, bewegt er sich unnatürlich langsam. Die Stimme ist tonlos, scheint jede Resonanz im Raum zu schlucken. Wie hypnotisiert setzt sich auch der Junge in Bewegung. In ihm tobt fürchterliche Angst. Er glaubt, sich gleich übergeben zu müssen, aber er kann und darf nicht anders, und so zieht es ihn Schritt für Schritt in die Mitte der Manege.
Als er vor dem hageren Mann steht, scheint dieser, verlängert durch den hohen Zylinder, noch größer zu sein. Er riecht säuerlich, blickt mit seinen leeren Augen zu dem Jungen hinab. Und in einer langsamen, aber stetig bestimmten Bewegung übergibt er ihm die dreckstarren Longierleinen und die Peitsche. Der Junge versucht, in seinem Gesicht irgendetwas zu lesen, aber da ist nichts. Der Mann atmet mit einem tiefen Seufzer aus. Dann geht er ohne ein Wort. Mit einem dumpfen Geräusch schließt sich der schwere Vorhang hinter ihm. Nun ist der Junge alleine.
Langsam setzten sich die Pferde in Bewegung. Die Peitsche ließ der Junge fallen, obwohl er sie gerne behalten hätte. Er hatte Angst, dass sich die riesigen Tiere auf ihn zu bewegen könnten. Wie sollte er sie dann bloß von sich fernhalten? Er brauchte beide Hände und seine
ganze Kraft, um all die Leinen zu halten. Die Welt drehte sich um ihn, die Hufe schlugen dumpf in den weichen Boden, Staub wirbelte auf. Es war kalt, doch er schwitzte vor Anstrengung. Hände und Arme schmerzten. Die Pferde schnaubten. Mal versuchte ein Tier auszubrechen, mal wurde die Leine plötzlich locker, was der Junge als noch schlimmer empfand.
Über die Jahre gewöhnte er sich daran, die Welt zusammenzuhalten. Das Kreisen verursachte keinen Schwindel mehr, auf den Händen hatten sich dicke Schwielen gebildet, und der Junge war sehr kräftig geworden.
Er hielt sie alle.
Die großen Pferde ängstigten ihn nicht mehr – sie hatten selber Furcht. Geblieben war die Angst, dass die Tiere sich in Gefahr bringen, wenn sie zu ihm kämen. Er konnte sich nicht um ein einzelnes Tier kümmern, er musste sie doch alle im Blick behalten. Wenn die Leinen locker würden, konnten die Pferde sich verheddern. Wenn die Ersten dann in Panik losrannten, würde er sie nicht mehr stoppen können, sie waren Fluchttiere. Die Anderen würden ihnen folgen, die Welt risse auseinander. Wenn sie mit den Leinen durch den Wald rannten, der das Zelt umgab, würden sie sich umbringen. Sie würden sich aufhängen, sich den Hals brechen, in der Tiefe des Waldes, in Bäumen verheddert, verdursten und verhungern.
Davor hatte der Junge Angst.
Trotz aller Anstrengung wäre er gescheitert, könnte sie nicht retten, und alles wäre umsonst gewesen. Was bliebe, wären Schuld und sinnlose Leere.
Seine Welt würde implodieren.
Irgendwann jedoch kam der Tag, an dem es passierte: Der Junge verlor die Kontrolle über die Leinen und damit über die Pferde, die in panischen Schrecken davonstürzten. Die Welt schien sich aufzulösen. Sein rasendes Herz galoppierte stolpernd wie die Tiere selbst, und seine Hände bluteten, während er verzweifelt an den Leinen zerrte. Die Pferde sprangen polternd über die Manegenbrüstung oder rasten wiehernd durch den Ausgang. Mit ihren Hufen und Beinen donnerten sie über und gegen das Holz. Allein das Geräusch tat dem Jungen schon weh.
Als sich das schlimmste Chaos gelegt hatte und die Tiere verschwunden waren, wurde es plötzlich ruhig.
Ein einziges Pferd lag noch in der ersten Sitzreihe zwischen den zersplitterten Stühlen. Es war über die Manegenbegrenzung gesprungen und hatte sich die Beine gebrochen. Es atmete schwer. Der Junge blieb bis zum Ende bei ihm sitzen, streichelte seinen Kopf und redete besänftigend auf das Tier ein. So konnte es ruhig werden und sterben.
Wie ein Mantel legte sich schließlich der Staub über die Szenerie. Von draußen drang das Zwitschern der Vögel in die Stille. Die hörte er zum ersten Mal. Aus der Tiefe fraß sich die Schuld in sein Seele, aber
hier konnte er nichts mehr tun. Unendliche Müdigkeit, eingebettet in ein Gefühl euphorischer Leichtigkeit, bemächtigte sich des Jungen.
Er verließ die Manege.
Zu seiner Überraschung fand er hinter dem Vorhang eine ganz andere und angenehme Welt vor. Als hätten sie auf ihn gewartet, standen dort ein dampfendes Essen und eine Karaffe frisches kaltes klares Wasser. Es gab einen bequemen Sessel, eine geräumige Couch, einen dicken, flauschigen Teppich, einen Kamin und ein großes, weiches, warmes Bett. Es roch zu gut: nach frischem Bettzeug, Kamin und der köstlichen Speise.
Während er sich niederließ und seine erste warme Mahlzeit aß, fragte er sich, was es mit seinem alten Leben auf sich gehabt hatte. Es war doch merkwürdig, aber er hatte es nie infrage gestellt. Er kannte nichts Anderes.
In der Ecke lag ein mächtiger Tiger, der fortan über ihn wachte. Der Junge wunderte sich nicht über ihn. Tief in seinem Innern wusste er, dass der Tiger nur zu seinem Schutz da war. Er hatte riesige Zähne und fürchterliche Krallen, die er einzog, als der Junge sich an ihn schmiegte.
Zerschlagen, völlig erschöpft, aber satt, kroch er unter die Decke seines Bettes und schlief und schlief. Für Tage wachte der Tiger entspannt und wachsam zugleich, so wie das nur ein Raubtier kann, an seinem Fußende über ihn. Tief und traumlos schlief der Junge.
Als er wieder erwachte, begann er, seine neue Welt zu erforschen, und fand Gefallen an ihr. Von nun an wollte er alleine sein und sich von Pferden fernhalten. Hier war er ganz bei sich, und wenn ab und an Besuch kam, empfing er ihn in der Manege. Weiter ließ er niemanden vor. Er selbst war stark genug, brauchte niemanden und wollte auch nicht gebraucht werden.
Die Leinen hatte er verbittert verbrannt und die Asche in einen Eimer neben das Gerippe des toten Pferdes gestellt. Beides mahnte ihn, in Zukunft die Finger von Leinen und Pferden zu lassen.
Nachts träumte er manchmal davon, dass die toten Pferde erwachten, mit ihren gebrochenen Gliedern und klaffenden Wunden anklagend auf ihn zukrochen, mit weit aufgerissenen Augen und von Schmerz gezeichnet, während er wie festgewachsen in der Mitte der Manege stand und sich nicht rühren konnte. Der bleiche Mann mit dem Zylinder schaute durch den Schlitz des Vorhangs und schüttelte missbilligend den Kopf. Die blutigen Tiere krochen von allen Seiten auf ihn zu und begruben ihn unter ihren zerschundenen Körpern, bis er zu ersticken glaubte
Dann wachte schweißgebadet auf und schnappte nach Luft. „Nie wieder“, schwor er sich. „Nie wieder.“ Der Tiger bemerkte die Angst des Jungen immer. Dann legte er sich zu ihm und umrahmte den Jungen wie in einer sicheren Koje an seinem Bauch. Beruhigt durch die Wärme und das tiefe schnurrende Brummen seines mächtigen Beschützers, konnte der Junge dort in einen friedlichen Schlaf fallen.
Die Zukunft, in der die Welt hinter dem Zirkusvorhang zu eng werden würde, lag noch in weiter Ferne. Die Zeit, in der er merken würde, dass die Leinen noch da waren und ihn innerlich banden, war noch nicht gekommen. Eine Krähe auf dem Zirkusdach krähte heiser und entschwand mit ihrem Schatten im Wald, der in der späten Dämmerung schon fast schwarz war.
Für den Moment war es so, wie es war, einfach gut. Nichts weiter.
(Aus: Boris Lamour: "Das Atmen der Schatten". 11 skurrile und düstere Kurzgeschichten. 2013. 3,99 EUR, bei Amazon, Thalia, buch.de, Neobooks.com, bol.de, Xinxii.de). Ich freue mich sehr über Feedback und Rezensionen!


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

RE: Der Zirkus (eine düstere Kurzgeschichte)
Hallo,

ich nehme an, dass die Geschichte aus Metaphern besteht. Die Longen stehen ungefähr für das aufgezwungene Arbeitsleben, zu dem es scheinbar keine Alternative gibt. Die Pferde sind dann wohl allgemein alles, was man verlieren kann, wenn man sich nicht an die Regeln der Gesellschaft hält.

Heute Nacht war mir die Geschichte insgesamt jedoch zu verklausuliert und verdichtet, um den umfassenden Sinn darin zu erkennen. Irgendwas mit Gesellschaftskritik und dass manche nur durch den endgültigen Zusammenbruch den Sprung in ein gutes Leben schaffen. Vielleicht geht es um Arbeitnehmer, die erst in der Burn-out-Klinik erkennen, was Work-Life-Balance ist oder dass man im Bauwagen viel glücklicher leben kann.

Was mir absolut sauer aufstößt ist jedoch, dass du erst ganz am Ende vermerkst, dass du gar keine Verbesserungsvorschläge möchtest. Weil die Geschichte nämlich längst gedruckt ist. Sowas solltest du ganz oben angeben, damit man sich gar keine Mühe erst gibt mit dem Sammeln von Stichpunkten.

In dieser Form drängt sich schon ziemlich auf, dass der Beitrag bloß ein Versuch sein könnte, Reklame für dein Buch zu machen. Im Prinzip hab ich gar nichts dagegen - aber mach es doch bitte etwas offensichtlicher und im richtigen Forum, wie andere Leute auch. Nicht hintenrum durch Vortäuschen eines zu kommentierenden "Frisch-Textes". Du bist ja nicht der Erste, der sein Buch anpreist. Aber leider der erste, der mir mit dieser Masche auffällt.

Gute Nacht
coco


Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #3 |

RE: Der Zirkus (eine düstere Kurzgeschichte)
Hallo,

zunächst freut es mich, dass Du die Geschichte gelesen hast. Ich kannte das Forum noch nicht, als ich die Geschichten eingestellt habe und mir wurde bei anderen Geschichte vorgeworfen, ich wolle mir das Lektorat sparen, weil ich selber wenig rezensiert habe. Daraufhin habe ich den Zusatz unter die Geschichte geschrieben, an dem Du Dich jetzt stößt. Im Ernst: ich stelle die Geschichten ein, weil ich mich freue, wenn sie gelesen werden und sich jemand mit ihnen beschäftigt und sie ihn vielleicht berühren, unterhalten oder was auch immer. Für Menschen die gerne Geschichten lesen. So wie es da steht: „Ich freue mich über Feedback und Rezensionen“. Nicht mehr und nicht weniger. Ich leide ja nicht unter der Wahnvorstellung, so die Verkäufe eines Kurzgeschichtenbandes hochtreiben zu können. Das wäre etwas albern. Ich denke ich habe einfach beim Einstellen offenbar nicht genug aufgepasst und der Text gehört so in der Form nicht in dieses Forum.
Zum Inhalt: Nein, um das Thema Beruf und Gesellschaft geht es überhaupt nicht. Ich würde nie an eine Geschichte herangehen, indem ich mir ein Thema überlegen um das dann so überladen in Metaphern zu packen. In der Geschichte geht es um einen inneren seelischen Konflikt, um innere Gebundenheit und aufgeladene Verpflichtung, um Macht, Ohnmacht und Überforderung und deren Auflösung – und einen Weg zurück zu sich. Man kann die Geschichte am ehesten "verstehen", wenn man sich ihre Element als innere Anteile vorstellt. Eine 100% "richtige" objektive Deutung gibt es sowieso nicht, sie ergibt sich für mich in der Bedeutung, die beim Leser ensteht. Die Geschichte ist in jedem Falle sehr verdichtet, in der Form wie Träume und unbewusste Prozesse sich auch der Verdichtung, Metaphern, Verschiebung, Symbolen und Analogien bedienen. Mein Bruder malt, da ist es letztlich nicht anders. Ich schreibe zunächst und habe vielleicht ein Bild oder ein Gefühl aus Ausgangspunkt. Dann ergibt sich die Geschichte beim Schreiben und manches erschließt sich auch mir selbst erst in der Nachbetrachtung. Deshalb sind die Geschichten oft eher kurz. Ich nutze außerdem immer eher viele Bilder. Das kann man sehr mögen oder auch gar nicht. Menschen die ein passendes Lebensthema haben, berührt die Geschichte meist, manchmal auch ohne auf den ersten Blick genau zu wissen wie und warum.
Viele Grüße, Boris


Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #4 |

RE: Der Zirkus (eine düstere Kurzgeschichte)
Hallo Boris,

willkommen zurück! Mit einer fehlerhaften, unredigierten Geschichte wärst du hier richtig gewesen. Wir korrigieren und verbessern uns gegenseitig, gerade weil die Texte noch unvollkommen sind. Wenn du dir das Lektorat sparen willst, dann immer her damit!
Icon_smile

Schönen Sonntag
coco


Webseite des Benutzers besuchen Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2020 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme