Es ist: 14-11-2019, 22:05
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Landschaft 10
Beitrag #1 |

Landschaft 10
Es sind Sandsturmblicke
ans Gebirg gehetzt,
wo’s in Höhlen glüht
und die Nacht verfrüht
einbricht, um sich
sicher zu sein;

verwaist sind Gehöfte,
schroff ins Tal gesetzt,
und mit Moos beheizt,
Wege herbstgebeizt,
und Licht ist sich
genug allein;

es gilt Gleichmut heute,
der Anstand verletzt,
wo ein Sandsturm glotzt
und mit Allmacht protzt –

solche Nacht bricht
niemals aus.


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Beitrag #2 |

RE: Landschaft 10
Sanyasala,

*nachdenklich gegen die lippen tipp* Wer muss denn heute meine Kommentierlaune ... *auf neue beiträge klick* ... ah, ein Freiwilliger!


(15-09-2013, 16:49)poLet schrieb: Es sind Sandsturmblicke
ans Gebirg gehetzt,
wo’s in Höhlen glüht
und die Nacht verfrüht
einbricht, um sich
sicher zu sein;
Hat eine Epik, die rasch in die Tiefe stürzt, nicht direkt wie beim Zoom, er wie bei einer Kamerafahrt (oder einem Kamerafall?). Spontane Assoziation waren die Höhlen mit den Höhlenmalereien in der afrikanischen Wüste, vielleicht am Ende ein bisschen gemischt mit der Versammlung in der Höhle von Zion in "Matrix: Evolutions", wo sich all diese Menschen versammelt haben, um eine Stimme zu hören. Wenn man es laut liest - und wenige Texte, die ich zuletzt las, verführten so sehr dazu wie diese Strophe - hat es Harmonie, Rhythmus, Lebendigkeit. Etwas von angespannter Bewegung, dem Beginn eines Laufens, begleitet von einer erscheinenden Naturgewalt, vor der man in dem Moment keine Furcht verspürt, weil sie einen bis ins Mark trifft und belebt.
Mag an mir liegen, aber ich finde da müsste man echt Musik zu hören wie bei den Beginnen der legendären Intros von Motorstorm (Englische Sprachausgabe ist nicht so geil wie die deutsche, aber es geht mir ja nur um die Musik, so ungefähr bis Minute 1:05). Na gut, ich gebe zu, es passt nicht ganz, aber es hat mich genug an dieses Gefühl erinnert (den Controller in den angespannten Händen, direkt vorm Fernseher sitzend, die Boxen und vor allem den Bass bis zum Anschlag aufgedreht, die Nachbarn vergessen), um die Bemerkung nicht wieder zu löschen.
Und, was soll ich sagen? "Die Epik führt zum Reim, der die Zunge belebt, führt zu diesem beeindruckenden Bild der Nacht, zu der Wirkung einer Strophe, die man ganz zitieren muss, um ihren Effekt zu beschreiben.

Zitat:verwaist sind Gehöfte,
schroff ins Tal gesetzt,
und mit Moos beheizt,
Wege herbstgebeizt,
und Licht ist sich
genug allein;
Das Licht wird gesättigter im Grau. Eine ganz eigene Abwesenheit, die hier Lebendigkeit erlangt, von beinahe koboldhaftem Naturgeistcharakter. Ein Hauch von ... nicht böse. Aber rauh, in Naturbeschreibung wie im Geist zwischen den Zeilen. Erfrischend als Leseeindruck.
... vielleicht sehe ich etwas in dem Gedicht, was gar nicht da ist. Aber ich mag, wie die Worte zusammenspielen.
"herbstgebeizt" ist hier ein Highlight, das Bild zieht sich hier ein bisschen wie nacheinander aufgebaut durch die Szenerie, die skizziert wird, als würde man in einer dieser animierten Zeichnungen stehen und zusehen, wie die Einzelheiten entstehen. Und dazu ein etwas unwirkliches Licht, das niemandem dienen mag ... Schön.

Zitat:es gilt Gleichmut heute,
der Anstand verletzt,
wo ein Sandsturm glotzt
und mit Allmacht protzt –
Es spitzt sich im wahrsten Sinne des Wortes zu, wird eindringlicher, nimmt etwas von den beiden großen Eindrücken auf und verbindet sich zu einem Ende, in das der Leser unweigerlich gesogen wird. Als würde er vorher friedlich in den Bildern wandeln und plötzlich doch erkannt, in seiner sicher geglaubten Menschlichkeit angesprochen und sähe sich mit einem Mal gefangen in Wahrheitsworten und der eigenen Unsicherheit, wo Lyrik endet und das Leben beginnt.
Ich habe kurz überlegt, ob "verletzt" als Wort vielleicht neben den anderen Worten zu, nun ja, plakativ ist, und etwas wie "zusetzt" besser wäre, aber das würde allem die Dynamik und Strenge nehmen. Es gehört so, wie es steht. Mit dem perfekt gesetzten Bindestrich, der als einziges auffälliges Satzzeichen mit und gegen Inhalt stürmt. Ein bisschen hochmütig wirkend.

Zitat:solche Nacht bricht
niemals aus.
Die Spitze, aber ganz unten. Ein Dunkel, der Mittelpuntk des Strudels. Dein Gedicht weist in seiner Form nach unten, in seinem Inhalt aus der Tiefe zum Leser hin. Meine ich. Ich wüsste momentan nicht mehr zu diesem Ende zu sagen, denn es beeindruckt. Ich muss mir erst darüber klar werden, wie ich es interpretatorisch sehen würde, aber so oder so wirkt es. Wirkt es gut.

Ich habe dieses Gedicht mehr genossen als die letzten Landschaften. Es ist sehr eindringlich, doch von der Art her nicht auf den Leser zustürmend, den metaphorischen Sinn als Keule erhoben. Vielmehr steht es da, dem Leser nur halb zugewandt, und schaut ihn hochmütig aus den Augenwinkeln musternd an. Steht für sich selbst, stolz.
Gefällt mir gut Icon_smile

Lieben Gruß,
Trin

"Unmöglich? Du selbst bist doch die Fürstin des Unmöglichen. Du hast mir das Leben geschenkt und es dann zur Hölle gemacht. Zwei Väter hast Du mir gegeben, und beide mir entrissen. Unter Schmerzen mich geboren und zu Schmerzen mich verdammt. Nun spreche ich zu Dir aus dem Grabe, zu dem Du mir die Welt geschaffen hast: Ich bin Deine Tochter - und Dein Tod."
- aus Bastard -

(Avatar: 'Batbastard', © by Trin o'Chaos)

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Beitrag #3 |

RE: Landschaft 10
Heja liebe Trin o'C,
ich darf mir also
Zitat:heute meine Kommentierlaune
antun? Mrgreen
Klar, freiwilligst!
Schön von Dir!
...
Zitat:Und, was soll ich sagen? "Die Epik führt zum Reim, der die Zunge belebt, führt zu diesem beeindruckenden Bild der Nacht, zu der Wirkung einer Strophe, die man ganz zitieren muss, um ihren Effekt zu beschreiben.
Icon_jump
Toll, dass Du es so liest! Ich würde ja auch sagen, diese strophe hat einen flow, ein 'fließen', eine fort- oder hinbewegung, die durch den paarreim dem leser ein tempo anbietet, das mitreißen kann, wenn die strophe gelingt.
Nun hat man freilich (mindestens) 2 möglichkeiten: versuchen, die bewegung zu wiederholen, oder konkret eine andere entgegenzusetzen.
Die bildlichkeit beizubehalten kommt als herausforderung noch dazu.
Zitat:Das Licht wird gesättigter im Grau. Eine ganz eigene Abwesenheit, die hier Lebendigkeit erlangt, von beinahe koboldhaftem Naturgeistcharakter. Ein Hauch von ... nicht böse. Aber rauh, in Naturbeschreibung wie im Geist zwischen den Zeilen. Erfrischend als Leseeindruck.
... vielleicht sehe ich etwas in dem Gedicht, was gar nicht da ist. Aber ich mag, wie die Worte zusammenspielen.
"herbstgebeizt" ist hier ein Highlight, das Bild zieht sich hier ein bisschen wie nacheinander aufgebaut durch die Szenerie, die skizziert wird, als würde man in einer dieser animierten Zeichnungen stehen und zusehen, wie die Einzelheiten entstehen. Und dazu ein etwas unwirkliches Licht, das niemandem dienen mag ... Schön.
Wenn ich Dich von der tonart her verstehe, hast Du rhythmisch scheinbar nichts zu bekritteln. Ansonsten: schön gesehen!
Zitat:Als würde er vorher friedlich in den Bildern wandeln und plötzlich doch erkannt, in seiner sicher geglaubten Menschlichkeit angesprochen und sähe sich mit einem Mal gefangen in Wahrheitsworten und der eigenen Unsicherheit, wo Lyrik endet und das Leben beginnt.
Sind sie nicht eh miteinander verwoben, LYRIK und LEBEN?
Zitat:Mit dem perfekt gesetzten Bindestrich, der als einziges auffälliges Satzzeichen mit und gegen Inhalt stürmt. Ein bisschen hochmütig wirkend.
"Hochmütig"? Sehr interessante sichtweise!
Zitat:Ich habe dieses Gedicht mehr genossen als die letzten Landschaften. Es ist sehr eindringlich, doch von der Art her nicht auf den Leser zustürmend, den metaphorischen Sinn als Keule erhoben. Vielmehr steht es da, dem Leser nur halb zugewandt, und schaut ihn hochmütig aus den Augenwinkeln musternd an. Steht für sich selbst, stolz.
Soso, ein 'eingebildetes gedicht'? Tja, ich kann nichts mehr tun, das gedicht lebt für sich selbst.

Herzlichen dank für Deine aufmerksamkeit und Deine phantasie,
die Du meinem gedicht entgegengebracht hast!
Freut mich, wenn meine 'sachen' Dir gefallen.
Lieben gruß,
poLet


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