Es ist: 21-10-2020, 05:42
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Psychologische Reife der Figuren
Beitrag #11 |

RE: Psychologische Reife der Figuren
Ist aber auch die Frage, Sternchen, ob du - wenn du Jahre später nochmal drüber lest - die Figuren für noch immer so überzeugend hältst wie damals, als du sie geschrieben hast. Der Horizont ist ja Gott sei Dank kein starres Gebilde, sondern ein ständig wachsendes Konstrukt von neuen Erfahrungen. Die nächste Frage wäre dann, ob ein "Anpassen" der Figuren an deine neuen Ansprüche sich eher konstruktiv oder destruktiv gegenüber dem Text im Ganzen auswirken würde - vl muss der Text von Grund auf umgekrempelt werden, um den neuen alten Figuren gerecht zu werden. Stellt sich dann die Frage, ob ein total neuer Text nicht besser als eine Generalüberholung wäre.

Ich male mir nur alle mögliche Szenarien aus Mrgreen

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #12 |

RE: Psychologische Reife der Figuren
Ist sicherlich jedem die eigene Entscheidung, aber ich würde nichts anpassen. Wenn ich die Geschichte neu verwerten will, würde ich sie "neu" schreiben. Ob ich Jahre später das gleiche schreibe wie heute. Vermutlich nicht, dass muss aber nicht unbedingt etwas mit "Reife" zu tun haben.

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"Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht."
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Viele kleine Sternschnuppen

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Beitrag #13 |

RE: Psychologische Reife der Figuren
Reife ist sowieso ein Schlagwort. Aber man kann ja davon ausgehen, dass ein paar Jahre mehr am Buckel der (mentalen) Entwicklung mehr bringen, als sie nehmen.^^ Es läuft wohl auf die Entscheidung raus: kann ich das jetzt besser sagen, was mir ursprünglich auf der Zunge gelegen ist oder hat sich mein Anliegen in den letzten Jahren so sehr verändert, dass eine ganz andere Geschichte dabei rauskommen würde?

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #14 |

RE: Psychologische Reife der Figuren
Meiner Meinung nach ist es möglich.
Egal in wen und egal in was, unabhännig vom Alter, Weltbild oder der geistigen Gesundheit - man kann sich in jeden von diesem Menschen hineinversetzen. In vielen Fällen bedeutet das aber unter Umständen sehr viel Recherchearbeit und damit meine ich nicht, in Fachbüchern über die Midlifecrises oder psychische Erkrankungen zu suchen, auch wenn das hilfreich ist.
Ich meine damit, bereit zu sein, mit solchen Menschen zusammenzuarbeiten, die man beschreiben will. Und ja, es geht. Bei Oma oder Uroma im Altenheim rennt garantiert auch der ein oder andere Demente umher - wenn sie es nicht schon selbst ist. Und wer schon einmal einen misstrauischen und dementen Menschen umgegangen ist, hat auch in etwa eine Vorstellung, wie eine paraniode Schizophrenie aussehen könnte.
Um etwas als Autor dieses Monster beschreiben zu können, muss ich nur zuvor wissen, wie es aussieht und vielleicht mal nachfragen, warum es denn unbegingt die Jungfrau fressen will.

Ein kleines Beispiel, aus meinem Arbeitsalltag:
Ich bin Mitte zwanzig und ich erlebe auf Arbeit hin und wieder den Fall, dass eine Neunzigjährige mir gegenüber nur den Kopfschüttelt und sagt: ist alles Scheiße. Meine Kinder sind tot, mein Mann ist tot und nun ist hier auch noch meine Freundin gestorben.
Sagen kann man auf diese Feststellung nichts, denn egal was man sagt, es ist garantiert das Falsche. Ich kann mit Worten einfach nicht angemessen rüberbringen, dass ich diese Frau in diesem Moment irgendwie verstehen kann, dass ich sehr wohl eine gewisse Idee davon habe, was sie durchmacht. Sicher fühle ich nicht das Gleiche wie sie - den Anspruch habe ich auch nicht und ich will es auch nicht. Wäre ja schlimm. Aber ich kann sie verstehen. Also halte ich die Klappe und nehme dafür lieber die Hand dieser Frau, um ihr zu zeigen, dass ich ihre Situation weder bewerten noch begreifen kann - ihr aber irgendwie faszinierender Weise ein gewisses Verständnis entgegenbringen kann.

Damit bin ich auch bei dem, was ich schreibe. Nur wer in einer solch grenzwertigen Situation war, kann wissen, wie es ist und der kann es vielleicht auch beschreiben. Alle anderen könnten aber durchblicken lassen, dass sie ahnen, wie unfassbar und schwierig solche Situationen sein können und dass sie es niemals ganz nachempfinden können. In den meisten Fällen reicht es auch aus.
Und da immer eine emotionale Wertung vorliegt und da jeder Mensch anders ist, können selbst Menschen, die das Gleiche wie der Protagonist durchgemacht haben, nicht immer sagen, der Autor hat doch keine Ahnung.
Besonders deutlich wird das in guten Biografien, die nicht die Leute selbst, sondern deren nächste Angehörigen oder enge Freunde geschrieben haben - weswegen sie ja mitunter nicht weniger packend oder emotional geschrieben sind.

Zurück zur geistigen Reife von Figuren.
Ich habe in etwa das gleiche Problem wie Sniffu: Eine Geschichte, die ich in Teenagerjahren geschrieben habe, die mir jetzt beim Lesen allerdings die Fußnägel zum Hochrollen bringt. Allerdings nicht, weil ich meine Figuren auf einmal unglaubwürdig finde - selbst die Älteren nicht, sondern weil mein verdammiges Teenager-Ich da ein zweites Twilight daraus gemacht hat ohne zum damiliegen Zeitpunkt Twilight überhaupt zu kennen! Jetzt steht irgendwann die große Überarbeitung an, vor der es mich graust.
Wenn ich das Material allerdings neuschreiben würde, wären mit Sicherheit auch meine Figuren andere. Wobei ich allerdings vermute, nicht etwa, weil ich eine andere geworden bin, sondern weil meine Figuren am Ende der Geschichte andere geworden sind und wenn ich nun über sie schreiben soll, dann als die, die sie jetzt sind, und nicht als die, die sie am Anfang der Geschichte mal waren (verstehe das einer der will, aber so isses irgendwie Icon_irre ).

Wer Probleme mit verschiedenen Figuren hat, kann sich einfach mal mit den Menschen zu beschäftigen, über die man schreiben möchte.
Psychische Erkrankungen sind in meinen Augen kein unlösbarer Härtefall für alle Autoren, sondern für wie so vieles andere auch ein Stigmata in der Gesellschaft, weswegen die meisten Menschen keine Ahnung davon haben.
Unter diesen Umständen kann man auch nicht drüber schreiben, denn man weiß ja nichts.

"Ganz besonders Ihr, [...], werdet irgendwann erkennen, dass eine Welt, die mit dem Begriffsvermögen eines einzigen Menschen zu erfassen ist, keine Welt wäre, in der es sich lohnen würde zu leben."

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