Es ist: 27-01-2020, 10:46
Es ist: 27-01-2020, 10:46 Hallo, Gast! (Registrieren)


Übermächtige Charaktere
Beitrag #1 |

Übermächtige Charaktere
Es gibt Leser, die stört so etwas nicht und es gibt Leser, die finden sie absolut grauenvoll. Richtige Freunde haben sie allerdings nur sehr wenige und irgendwie kenne ich von denen keine persönlich.

Besonders in der Fantasy wird ihr Dasein kritisiert - vermutlich weil sie da am ehesten auffallen.

Wann ist eine Figur aber überhaupt erst übermächtig? Wenn sie mit einem Schlag dutzende oder hunderte Feinde niedermäht? Wenn sie allen anderen vom Interlekt haushoch überlegen ist? Oder wenn sie einfach nur keine wirklichen Schwächen hat?
Mich interessiert eure Meinung dazu und dann natürlich die Frage: wie geht ihr als Autoren mit solchen Figuren um?
Und warum sind sie tendenziell so unbeliebt?


Ich persönlich habe ein wesentlich größeres Problem mit sogennanten "Alleskönnern" als mit Charaktären, die mal eben einen Kontinent aus dem Meer holen (das drastische Beispiel ist absicht). Jemand, der sehr mächtig ist, okay - das ist Alltag. Aber jemand, der keine Schwächen hat, wirkt unrealistisch und schlimmstenfalls langweilig, weil am Ausgang seiner Kabbeleien nie auch nur der geringste Zweifel besteht.
Moment mal Alltag?
- Ja, Alltag!
Es fällt in für uns in alltäglichen Situationen nur selten auf. Letztendlich ist es egal, ob ein Magier mit Feuer und Blitz im Alleingang eine ganze Armee zerlegt oder ob irgendein Präsident rein theoretsich mit nur einem Kopfduck ganze Länder entvölkern könnte, ohne auch nur vom Sessel aufstehen zu müssen.
Das Ganze funktioniert übrigens auch im kleinerem Maßstab. Ob es nun ein Dämon oder ein Monstertruck ist, der durch die Fußgängerzone walzt - für die Opfer ist der Unterschied nur graduell wichtig. Und wer schonmal gesehen hat, wie Wasserwerfer gegen Menschenmassen eingesetzt werden, sollte doch eigentlich im Falle einer Geschichte, wo ein Magier Wasserwerfer spielt, nicht über mangelnden Realismus klagen dürfen. Wenn sich dann mal Unfallbilder anschaut, bekommt man ein gutes Gespür wie übermächtig so ein vollbeladener LKW auf einer Autobahn sein kann. Mein Gott - die Dinger fahren jeden Tag zu Dutzenden an mir vorbei!

Ob grausamer Fluch oder eine im Labor entwickelte Killergrippe - wo ist da der Unterschied zwischen Hexenmeister und zwielichtigen Biologieprofessor? Ist der Geheimdienstargent mit seinem irrwitzigen, technsichen Equipment und der Lizenz zum Töten wirklich so viel anders als der Assassine, der mithilfe mysteriöser Fähigkeiten überkopf und unsichtbar die Wände hochkraucht? Was ist besser: ein verzauberter Bogen, der jede Rüstung durchschlägt oder ein Scharfschützengewehr? Magisches Schwert oder Kettensäge? Ein guter Informatiker oder die mystische Fähigkeit jeden "sehen" zu können auf den man sich konzentriert?
Und wenn ich ehrlich bin: ohne übermächtige Charaktäre ist es irgendwie auch blöd. Was wäre der Herr der Ringe ohne Sauron und Gandalf? Harry Potter ohne Dumbledore und Voldemort? Dan Brown ohne seine perfekten Killer? Marvel und DC ohne ohne ihre Superhelden? Das zarte Schnewittchen ohne die böse Schwiegermutter mit ihrem Spionage-Spiegel und tödlichen Alltagsgegenständen? ...und Dieter Bohlen macht ständig irgendwelche Leute rund und kassiert Millionen dafür - wenn das mal keine Superkraft ist! Hey, Jesus konnte übers Wasser gehen und Tote wiederbeleben! Hat sich bei ihm schonmal jemand beschwert, dass er übermächtig ist?
Die Liste lässt sich nach gutdünken endlos weiterführen.

Nennt mich oberflächlich, aber ich will nicht wissen, wie der einfache Fischer jeden Tag seinen Fang einbringt. Der Kerl soll gefälligst raus aus seinem Kaff und (da ich Fantasy mag) als genialer Wetterverhexer über die Weltmeere segeln!
Die Geschichte eines verhätschelten Prinzen oder eines berliner Schrebergärtners wird erst interessant, wenn beide auf irgendeine Weise zum Helden werden und zum Helden wird mann nur, wenn... ja wann eigentlich? Meistens dann, wenn man an irgendeiner Stelle vom Taugenichts zum Supertalent wird.
Aber alle anderen könnten das ja auch! Diese Leute sind schließlich nichts Besonderes. Na und? Das zeigt nur wie hoch vor allem in unserer eigenen Realität das Potential ist, als totaler Idiot so richtig Unheil anzurichten - richten wir unsere Blicke mal allein auf den Straßenverkehr...

Die eigentlich Frage lautet für mich daher viel mehr: Was stellen wir unseren übermächtigen Charaktären ihnen entgegen?
Irgendetwas muss es da geben, ansonsten sind sie fehl am Platze, fangen an zu nerven und werden langweilig (in meinen Augen größtes und ziemlich bekanntes Negativbeispiel ist Twilights Bella als sie zum Vampir wird. In ein paar Tagen vom motorischem Krüppel zur glitzernden Ballerina, die mit ihrem Schild alle rettet. Das ist in meinen Augen eine Beleidigung an jeden anständigen Helden, der für seine Superkräfte richtig hart schuften musste, um dann letztendlich doch nicht unbezwingbar zu sein).

In der Auswahl der Gegner für unsere Übermächtigen ist die Literatur glücklicherweise nicht wählerisch. Es gibt alles: ebenso übermächtigen Gegnern, Selbstzweifel, Schwächen (bodenlose Dummheit, soziale Unkompetenz), das große Talent immer zu spät zu kommen, und und und. In meinen Geschichten kommen sie auch vor - diese Figuren, die rein theoretisch die Welt aus den Angeln heben können. Sie tun es nur nicht. Manchmal, weil die Macht einen Preis fordert oder es jemanden gibt, der ebenfalls die Fähigkeit hat, sie daran zu hindern; manchmal, weil sie schlicht keinen Grund haben, das zu tun. Aber sie könnten es...

Ich persönlich mag diese sogenannten ein-Mann-Armeen ebenso wie den Penner unter der Brücke, solange mir der Charakter an sich gefällt. Und wenn der Ausgleich da ist - warum auch nicht?

"Ganz besonders Ihr, [...], werdet irgendwann erkennen, dass eine Welt, die mit dem Begriffsvermögen eines einzigen Menschen zu erfassen ist, keine Welt wäre, in der es sich lohnen würde zu leben."

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Beitrag #2 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Jo Chewi

Übermächtige Figuren, so wie du sie nennst, sind für mich solche, die sich über die herkömmlichen Regeln erheben, an die sich der Rest zu halten hat. Dh nicht, dass sie sich nicht auch an Regeln zu halten hätten, doch diese sind so abstrakt, dass sie auf den ersten Blick nicht zu erkennen sind. Ich arbeite eig ziemlich gerne mit solchen interessanten Charakteren, in meinem Großprojekt habe ich einen Engel, eine Herrscherin, einen königlichen Berater, eine unsterbliche Existenz und eine Femme Fatale, vor der auch niemand sicher ist. In der Geschichte, die von mir online ist, kommt ein Schutzengel vor, der das Prädikat "übermächtig" ebenso verdient hat. Wenn ich noch eine Weile darüber nachdenken würde, fielen mir sicher noch ein paar andere meiner Figuren ein, auf die ähnliches zutreffen würde.

Die Krux an der Sache ist allerdings: Die Glaubwürdigkeit. Zu sagen, der ist so toll und kann das und das und außerdem ist er perfekt, macht den Charakter ziemlich langweilig. Die Kehrseite seiner Überlegenheit sollte nicht unter den Tisch fallen, denn eine solche Unantastbarkeit hat womöglich ihren Preis gekostet bzw. kann andere Schwachstellen eröffnen. Du hast Sauron erwähnt - dessen Achilles Ferse war der Ring in den falschen bzw. richtigen Händen. Bei solchen Figuren halte ich es für sehr wichtig deutlich zu machen: XY ist unbesiegbar, solange ... Eines der ältesten deutschsprachigen Beispiele: der unverwundbare Siegfried aus dem Nibelungenlied, der nur an einer Stelle verletzt werden konnte.

Dann sprichst du heldenhafte Bildungsromane an, in denen sich der Protagonist zu einem Helden mausert ... Ich merke gerade, du hast keine wirkliche Frage gestellt, sondern vielmehr dein Plädoyer für das Kräfteverhältnis zwischen kleinem Helden und großer Bedrohung gehalten. Icon_lol Also mir persönlich ist diese klischeehafte Rollenverteilung von (scheinbar) übermächtigem Feind und "Held", der mit seinem Aufgaben wächst, etwas zuwider. Natürlich, es ist ein Erfolgsrezept, das funktioniert, stellt man es richtig an, aber es ist - besonders in denen von dir angesprochenen Bsp HdR und HP und den damit entstandenen Hypes - so durchgekaut worden, das ich ihm nichts mehr abgewinnen kann. Besonders langweilig finde ich, wenn man die eine (böse) Seite so übertrieben mächtig darstellt und die andere (gute) als scheinbar unterlegene, die eig gar keine Chance haben dürfte. Diese Aufteilung verführt schnell zu einem Schwarzweißdenken.

Wobei ich ein großer Fan von (psychologischer) Entwicklung der Figuren bin und mich immer freue, wenn das Mauerblümchen sich zu einer Powerfrau entwickelt - aber nur, wenn der Autor es auch schafft, die ganz persönliche Geschichte dieses Werdegangs zu erzählen und sich nicht schlichter Stereotype bedient. Ich stelle meinen Figuren keine übermächtigen Gegner gegenüber, sondern lieber Seite an Seite bzw. lasse meine "Götter" auch eine Entwicklung durchlaufen, die ihre Übermacht in ein neues Licht rückt.

Zu deinem Twilight-Bsp (seufz, ich kann es mir einfach nicht nehmen lassen, mich nicht zu diesem wundervollen Thema zu äußern): Du darfst Bella nicht als typische Heldin sehen, denn im Grunde ist ihr Herzchen Edward als dieser konzipiert. Ihr dagegen ist die rein passive Rolle zugeteilt - sie wird angeschmachtet, um sie wird gestritten, sie wird "gebissen" etc. Das ist ihr Leidensweg, der sie schlussendlich zu dem macht, was sie ist. Ob man das wirklich mit dem Begriff "Held" gleichsetzen kann? Ihre Rolle beschränkt sich allein darauf, zu zeigen, wie toll ihr Angebeteter doch ist und das einzige, was sie zur Handlung beiträgt, ist, diesen in Gefahr bzw. in Sicherheit zu bringen. Für mich ist das eher der Part einer Statistin als der einer Heldin.
Auch hinkt dieses Bsp in Sachen "übermächtige Gegner" - wer soll das bitteschön sein? Diese Volturi-Dingsbums-Familie? Die drohen nur immer an, tun aber nichts. Die sind genau wie Bella ein Antibeispiel für einen ernstzunehmenden Widersacher. Ich gebe dir vollkommen Recht - mit großartigem Heldentum hat Twilight nichts zu tun, allerdings war das sicher auch nicht die Motivation hinter diesem Juwel von Literaturklassiker: es geht der Autorin, deren literarischen Qualitäten mehr als fraglich sind, allein darum, ein möglichst klischeehaftes Geschlechterverhältnis zu präsentieren, auf das die jungen Dinger wie Fliegen auf Honig gehen. Alles rundherum ist nur nichtssagendes Beiwerk, um dem Ganzen Fülle zu verleihen, mehr auch nicht. Darum würde ich in diesem Zusammenhang Bella und ihre Sippe nicht mal noch in den Mund nehmen. (Dennoch habe ich es getan, weil ich mich einfach ab und an auslassen muss zu diesem gelungenen Tölpelstreich)

LG

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #3 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Hallo Chewi,
übermächtige Charaktere sind nur so lange übermächtig, wie sie aus der Welt herausstechen und keine der Regeln unterworfen sind, also immer wieder aufstehen, obwohl schon zehn mal angeschossen, alleine gegen 50 Gegner bestehen (siehe Die Hard) etc. Also wie Sniffu sagte, es geht um Relationen und Gesetzmäßigkeiten der Welt.

Ergo:

Zitat:Es fällt in für uns in alltäglichen Situationen nur selten auf. Letztendlich ist es egal, ob ein Magier mit Feuer und Blitz im Alleingang eine ganze Armee zerlegt oder ob irgendein Präsident rein theoretsich mit nur einem Kopfduck ganze Länder entvölkern könnte, ohne auch nur vom Sessel aufstehen zu müssen.
-- Weder das eine noch das andere sollte möglich sein und ist auch nicht vergleichbar. Ein Magier verbraucht Energie, sollte daher natürliche Grenzen haben, Mr. President hat Atomraketen etc - also Machinen. Es fehlt der Energieverbrauch - der natürliche "Vorteil" von Waffen. (Abgesehen davon, dass es da noch einen Senat uns so gibt. *hust*)

Zitat: Und wer schonmal gesehen hat, wie Wasserwerfer gegen Menschenmassen eingesetzt werden, sollte doch eigentlich im Falle einer Geschichte, wo ein Magier Wasserwerfer spielt, nicht über mangelnden Realismus klagen dürfen.
-- Ein Wasserwerfer ist keinen Limitierungen außer der Versorgung mit Wasser unterworfen, solange die Energieversorgung steht. Der Mensch per se ist allerdings ein biologisches System, dass Energie aus Nahrung gewinnen muss. Könnte man einen Magier an Strom anschließen und es wäre genug Wasser vorhanden, würde sich auch niemand wundern.

Was ich sagen will: Du kanst nicht Äpfel mit Eiern vergleichen. Jede Welt hat ihre eigenen Gesetze und Regeln, jedes System, ob Biologisch oder Teschnisch, seine Anforderugen und Grenzen. Natürlich kann man magische Bögen mit einem Scharfschützengewehr verlgeichen, aber erst die Welt drum herum definiert, ob diese Waffe nun "übermächtig" ist.

Übermächtig bedeutet auch erdrückend, überlegen, überwältigend, zu groß/stark; (gehoben) urgewaltig; (bildungssprachlich) präpotent

Und da muss man als Autor eben aufpassen.

Was viele und auch mich zum Beispiel an Assassins Creed stört, ist das Ungleichgewicht im Kampfsystem und die Fähigkeit einfach mal so unterzutauchen, obwohl man einen deutlich sichtbaren Kapuzenmantel trägt. Niemand beschwert scih hingegen gegen die Kletterkünste oder Waffen.

Zu deine Beispielen: Sind Sauron, Gandalf und Co. übermächtig? Sauron hat nichts, außer einer Armee - kann man gegen vorgehen. Gandalf lässt nicht wirklich viel Magie sehen, udn so mächtig wird er nicht sein, sonst bräuchte er nicht die anderen, um die "Bösen" in ihre Grenzen zu weisen.

Gleiches gilt für HP und Dan Brown - schließlich finden sie ihren Meister.

Über Superhelden und Märchen brauchen wir gar nicht zu sprechen, denn die verlangen gar keinen "Realismus" - stehen also per se über gewissen Gesetzen. Genre ist hier also wichtig zum Unterscheiden. Und wie Sniffu schon sagte, hat ja auch jeder seine Schwächen. Es kommt also für Autoren darauf an, was sie schreiben wollen, einen realistischen Krimi oder eine Popcorn-Action-Krimi a la Stirb langsam, den man dann aber auch nicht ernst nehmen kann.

LG
Addi

PS: Ich wusste, irgendwas war komisch.
Es heißt Charaktere. Icon_wink

"I wish a car would just come and fucking hit me!"
"Want me to hail a cab?"
"No, I'm talking bus!"  (The four faced liar)

Da baumelt die kleine Doktorspinne in ihrem Seidenreich und träumt von ihren Silberfäden.
[Bild: riverdance.gif]

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Beitrag #4 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Ich sehe, irgendwie haben wir doch so ziemlich eine Meinung, auch wenn das aus meinem "Plädoyer" nicht so ganz hervorgegangen ist.
Der Schwerpunkt dabei ist letzentlich diese Übermächtigen irgendwie logisch und nachvollziehbar auszugleichen: mit anderen Worten, jede Macht muss ihren Preis haben und keine Macht darf so groß sein, dass sie nicht auch gebrochen werden könnte. Wie das funktioniert und als Gesamtkonzept arbeitet, ist meines Erachtens ziemlich egal, solange es plausibel und schlüssig ist.

Der Präsident hat einen Senat, den er überzeugen muss, der Magier... keine Ahnung! Aber es muss da sein!
An meinen eigenen Geschichten sitze ich im Übrigen teilweise sehr lange daran, eine solche Figur unter einen Mechanismus zu stellen, der sie auf 99 von 100 Seiten eben auf dem Boden der Tatsachen hält und der sie auf Seite 101 bitter für den Ausbruch roher Macht bezahlen lässt.

Übermächtig habe ich diese Charaktäre genannt, weil sie sich aus dem Duchschnittsvolk abheben, wie ein Baum auf einem Acker.
Deswegen die Frage: wer oder was ist übermächtig?
Ein ernstes Problem habe ich nur mit Figuren, die alles können, alles wissen, alles schaffen und da ist es mir ebenso egal, ob das eine einfache Kammerzofe oder eine Göttin ist. Ich mag sie nicht, denn sie sind ungalubwürdig.

Meine Beispiele sollten auch mehr dazu dienen, die Sache an sich dazustellen, anstatt zu behaupten, solche Figuren sind unrealistisch und deswegen fehl am Platz. Große Kräfte und die Mächtigen sind auch bei uns alltag. In einer Fantasygeschichte sehen sie halt nur anderes aus.
Der Päsident muss einen Senat überzeugen und der Magier einen Dämon ihm zu dienen.

Zitat:Der Mensch per se ist allerdings ein biologisches System, dass Energie aus Nahrung gewinnen muss. Könnte man einen Magier an Strom anschließen und es wäre genug Wasser vorhanden, würde sich auch niemand wundern.

In der Wüste wäre eine solche Szene schon etwas abseitig, aber wenn ein See nebenan ist und Magie als Energiequelle dienen kann, warum nicht? Wenn die Regeln der Welt so etwas erlauben und plausibel schildern können, ist es in meinen Augen legitim. Es muss halt ein Ausgleich vorhanden sein, ein Preis zu zahlen sein. Ob Stromrechnung, Wasserechnung oder die eigene Seele, die sich durch den Gebrauch dieser Magie aufzehrt, ist in meinen Augen dabei ziemlich egal. Es sollte halt einfach nur ein Mechanismus geben, der dafür sorgt, dass solche Leistungen nicht alle zehn Seiten auftauchen. Ob diese fiktive Welt auf physikalischer Technologie, Biotechnologie oder magischer Technologie beruht, spielt aus der Distanz nur eine untergeordnete Rolle.

Zu Stirb langsam und allen Artverwandten:
Rein beruflich weiß ich genug über Anatomie und Physiologie, um auch bei zurechnungsfähigen Autoren immer wieder darüber zu staunen, was deren an sich normale Menschen so alles wegstecken können...

zu Assassin's Creed:
Ja, der Punkt ist mir auch aufgefallen und ich spotte auch sehr gerne darüber. Aber wenn es im Spiel denn möglich wäre: würde ich das meistens doch ziemlich coole Assassinenoutfit gegen Hemd und Wollhose tauschen? Nicht wirklich.

Zu Twilight:
Ich habe sie alle gelesen und zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich sie verschlungen habe. Bis auf den vierten Teil, weil mir Bellas Wandel einfach nur zu obskur war. Sniffu, ist stimme dir zu bei allem, was du über Bellas "Heldenrolle" gesagt hast. Aber in der zweiten Hälfte des vierten Teils wird sie zur wirklichen Heldin, das passive Mauerblümchen verwandelt sich von jetzt auf sofort in die, die alle rettet und das auf eine Art und Weise, die ich der Autorin wirklich übelnehme. (Ja, die Volturi sind ein Witz, weswegen ich sie auch nie als übermächtig bezeichnen würde) Und genau darauf zielt auch meine Twilight-Bemerkung ab.

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Beitrag #5 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Übermächtig ist für mich genau das, was das Wort sagt: Der Charakter steht ÜBER jeder anderen Macht. Er hat also keinen Gegenspieler, der ihm das Wasser reichen kann. Er ist keinen Einschränkungen unterworfen wie der Rest der Welt und für ihn gelten eigene Regeln.

Solche Charaktere sind immer langweilig, weil sie keinen Konflikt haben. Wie auch? Ihre Macht ist so groß, dass sich jeder Konflikt in Luft auflöst, bevor er überhaupt entstehen kann. Übermacht bedeutet: Ich stehe über allem, nichts kann mir etwas anhaben.

Ein extrem starker Charakter könnte von einem schlauen Gegenspieler bei einer politischen Debatte niedergemacht werden. Er mag dem Gegenspieler körperlich überlegen sein (und in diesem Aspekt übermächtig), aber das politische System zwingt ihn in die Knie.

Ein Superheld mag toller, besser und schneller als der Normalbürger sein, ist im Vergleich zum Normalbürger also übermächtig (er steht ohne Nachteile über der Macht eines Normalbürgers), aber sein Gegenspieler ist ihm normalerweise ebenbürtig. Er besitzt eine Macht, die es mit der des Superhelden aufnehmen kann oder aber ein Mittel, dem Superhelden seine Macht zu nehmen, so dass Superheld und Gegenspieler auf einer Stufe stehen. Im Vergleich zu Normalbürgern mögen sie noch immer beide übermächtig sein, aber im Vergleich miteinander besteht diese Übermacht nicht mehr.

Übermacht ist für mich also etwas, dem NICHTS und NIEMAND ebenbürtig sein kann.

Das kann man auch auf Teilaspekte runterbrechen. Der oben erwähnte starke Charakter ist so stark, dass ihn nicht einmal zwanzig Männer bezwingen können. In diesem Gebiet ist er JEDEM ohne Einschränkung überlegen und somit in diesem Gebiet übermächtig.
Wenn die Geschichte sich nie von diesem Punkt wegbewegt - der Konflikt sich also immer nur auf den Aspekt der physischen Stärke konzentriert - wird es langweilig. Der Leser weiß, dass sowieso niemand ihn besiegen kann, warum also sollte man mitbangen und mitfiebern?
Diese Teil-Übermacht lässt sich aber leicht brechen, indem der Konflikt auf einer anderen Ebenen gestartet wird, auf der die Übermacht des Helden keine Rolle mehr spielt. Zum Beispiel bei politischen Intrigen oder beim Lösen eines kniffligen Rätsels oder dem Zusammenführen zweiter verfeindeter Länder, um das große Böse zu besiegen, das in einer anderen Dimension haust und deshalb für den Helden unerreichbar ist und sich dem Radius seiner Übermacht entzieht.

Ein übermächtiger Charakter ist einer, den nichts und niemand stoppen oder behindern kann.
Und soweit ich das Konzept des Spannungsbogens verstanden habe, entsteht Spannung gerade dadurch, dass jederzeit die Möglichkeit besteht, der Held könne scheitern oder versagen.

Sobald ein Charakter eine Schwäche hat, die ihn angreifbar macht, die es anderen erlaubt, mehr Macht (über ihn) zu gewinnen, als er selbst hat, oder sobald er einen angemessenen Preis für seine Übermacht zahlen muss, ist er nicht mehr übermächtig. Es muss jemanden oder etwas geben, der den Helden in ernsthafte Gefahr bringen kann, der einen Konflikt verursacht, gegen den der Held nur bestehen kann, wenn er Opfer bringt und einen Preis bezahlt. Wenn er etwas investieren muss, um sein Ziel zu erreichen.

Sobald die Regeln der Welt im Spiel sind, ist ein Charakter für mich schon nicht mehr übermächtig. Egal was er tut. Wenn er sich an die Regeln der Welt halten muss, heißt das, dass JEDER (oder zumindest auch andere) das tun könnten, was er tut.

Ein Magier, der Wasser in der Wüste beschwört, obwohl niemand sonst das kann und die Regeln der Magie es eigentlich gar nicht zu lassen, ist ein unglaubwürdiger Übercharakter.
Ein Magier, der Wasser in der Wüste beschwört und deshalb als Held gefeiert wird, obwohl alle anderen (Magier) es auch können müssten (weil die Regeln der Magie es nicht verbieten), ist ein normaler Charakter mit einem Haufen von unglaubwürdig dämlichen Nebencharakteren, die nur dumm sind, damit er gut dasteht.
Das sind für mich zwei ganz unterschiedliche "Vergehen".

Manchmal bauen Autoren Übercharaktere ein, die nicht negativ auffallen, weil sie sich aus der Handlung heraushalten. Aus welchen Gründen auch immer (eigener Antrieb, auferlegter Kodex, moralische Entscheidung), sie sind mehr Betrachter als Handlungsträger, sie setzen ihre Übermacht also nicht ein.
Wäre Gandalf tatsächlich übermächtig, hätte er den Ring genommen, wäre auf seinen Adlern zum Mount Doom geflogen und hätte den Klunker eingeschmolzen. Aber Gandalf ist nicht übermächtig. Er wäre der Macht des Ringes verfallen. Der Ring ist Gandalfs ebenbürtiger Gegenspieler.
Wenn im Herrn der Ringe einer übermächtig ist, dann der Ring. Und selbst der unterliegt lange Zeit im Duell gegen Frodo, den nun niemand direkt als übermächtigen Helden einordnen würde.
Die Übermacht spielt sich hier immer nur in kleinen Bereichen ab. Jeder Charakter hat seine Stärken (in denen er dann vielleicht die meisten anderen übertrifft), aber jeder Charakter hat auch seine Schwächen, die seine Feinde ausnutzen können.

Fazit: Für mich dürfen Charaktere in gewissen Bereichen übermächtig sein oder auch in Relation zur breiten Masse, aber sie dürfen niemals absolut übermächtig sein. Also jedem und allem in allen Belangen überlegen.
Entweder müssen ihren Stärken ebenso ausgeprägte Schwächen gegenüberstehen, oder ein ebenso mächtiger Gegenspieler, oder sie unterliegen eine (freiwilligen oder erzwungenen) Einschränkung, oder der Einsatz der Macht muss mit angemessenen Kosten verbunden sein.

Über Charaktere, die alles können, ohne je auf (ernsthaften) Widerstand zu stoßen, will ich persönlich nichts lesen.

Liebe Grüße
Lanna

Edit:
Ich schließe mich Addi an: Bitte ändere jemand "Charaktäre" im Threadtitel zu "Charaktere". Das beißt mich jedesmal, wenn ich ins Café geh Icon_ugly

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

»You can be anything you want on the internet.
What's funny is how many people choose to be stupid.«
(Zack Finfrock)

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Beitrag #6 |

RE: Übermächtige Charaktäre
(Darf ich hier aus dem Nähkästchen plaudern?)

Übermächtige Charaktere - gibt es bei mir nicht. Es gibt Darsteller, die besondere Fähigkeiten haben, ja. Aber ich lege da Wert drauf, dass gerade diese 'Typen' auch ihre ganz normalen Seiten haben. Sie sind/sollen menschlich sein - und im Gegensatz zu einigen vorherschenden Meinungen, ist 'menschlich' hier nicht negativ, sondern objektiv gemeint.

LGD.


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Beitrag #7 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Anscheinend fasse ich unter den Begriff übermächtige Charaktäre ein bisschen mehr zusammen als alle anderen, aber genau dafür habe ich da dieses Thema aufgemacht. Schön, dass ihr so fleißig eure Meinung kundtut Icon_smile

@ Dread
Auch wenn ich etwas überlegen muss, wie ich deinen Post gedanklich hier zum Thema passend einsortieren kann, die Idee, die du beschreibst, hört sich etwas wirr an Icon_ugly
Das ist jetzt keine negative Kritik, sondern eher eine Anmerkung. Ist ja nicht so, dass ich solche Konstruktionen mit Figuren aus den unterschiedlichsten Filmen und Geschichten nicht schon selbst entwickelt habe. Bisher waren sie mir nur immer zu obskur, um sie tatsächlich auch aufzuschreiben. Gibt es eine Leseprobe von dieser Konstellation? Da wäre ich echt neugierig drauf.

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Beitrag #8 |

RE: Übermächtige Charaktäre
Guten Morgen.

Chewi, das Thema war 'übermächtige Charaktere'. Ich verwende - wie ich beispielhaft versucht habe darzustellen - davon keine, allerdings haben einige Darsteller besondere Fähigkeiten, wo manch ein Leser vielleicht sagen würde, dass dies 'übermächtig' wäre. Daher die ausführliche Ausformulierung des Gedankens.

Eine Person, die so mächtig ist, dass sie scheinbar unbezwingbar ist (was heißt 'scheinbar', in dem Sinne eigentlich gar nicht), ist, wie Lanna schon anmerkte, uninteressant. (Wobei subjektiv natürlich die Abgrenzung zwischen 'der-kann-aber-eine-ganze-Menge' und 'Hammer, ist-der-stark!' fließend ist.

@Bruce Willis:
Wenn man sich den vierten und fünften Teil einmal wegdenkt - über die wir streiten können - tritt BW hier eigentlich nie (!) gegen mehrere Gegner zusammen an. Und es wird auch niemals angedeutet, dass er ein Alleskönner ist.
Die Stärke, zumindest in den Teilen 1 bis 3, ist eher, dass ein normaler Mensch (Polizist) sich immer zur falschen Zeit am falschen Ort befindet. Und aus dieser Lage versucht er das Beste zu machen. Dabei kriegt er eine Menge ab, wird ramponiert, ist angeschlagen, verletzt (Teil 1 die Füße als sichtbares Zeichen bspw.). Dass er trotzdem am Ende gewinnt, ist für mich eher ein Hinweis auf die innere Stärke des Charakters McLane.
(Wobei er natürlich extrem motiviert ist. Zumindest in den Teilen 1 und 2 ist es seine Frau/Familie. In Teil 3 ist er kurz vor der Scheidung, befindet sich noch ein bisschen näher am Abgrund und schafft es trotzdem, seinen Job zu machen/die Welt zu retten.)
Somit steht die Figur des McLane im starken Widerspruch zu bspw. der Figur aus R.E.D. Einem ehemaligen CIA-Agenten-Alleskönner. Wenn es nicht so schweinegeiles Popcornkino gewesen wäre, garniert mit John Malkovich und Morgan Freeman, dann hätte ich gesagt, dass die Figur (die BW dort spielt) sehr stark überzeichnet war. Obwohl sie auf der anderen Seite sehr menschlich war, trotz der scheinbaren Übermenschlichkeit. (Im Haus keine Bücher. Er zerreißt die Rentenbescheide um mit der Sachbearbeiterin zu flirten. Im Ruhestand vergeht er förmlich.)

Wie man auch sieht, schafft es ein tatsächlich übermenschlicher Charakter noch nicht mal ins Kino. Icon_wink

LGD.


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