Es ist: 16-04-2021, 15:01
Es ist: 16-04-2021, 15:01 Hallo, Gast! (Registrieren)


Erlöser
Beitrag #1 |

Erlöser
Hallo liebes Völkchen...
Seit meiner Rückkehr habe ich noch nichts fremdes gelesen oder kommentiert, aber es juckt in meinen Fingern einen Schinken aus dem Januar hier zu hinterlegen.

Entstanden ist das ganze aus einer Diskussion mit einer Freundin, die in den USA war. In einer Schule der Staats-Hauptstadt fand ein Amoklauf statt.


Niemand hatte ihn erkannt
Einem Engel glich er
Wie er auf der Bühne stand
Sich völlig seiner Sache sicher.
Die Menge, die ihm zu Füßen lag
Und jedem seiner Sätze
Lauschte, war an diesem Tag
Gebannt an ihre Plätze
„Nun ist die Zeit gekommen,
auf die wir alle warten.
Das, was man uns genommen
Wird nun von neuem starten.
Wir wissen, was die Zukunft bringt,
wir wussten, was geschieht
und in euren Köpfen singt
ein Engel euch das Lied.“
„Herr, lass uns gehen von diesem Ort
Ist uns’re einz’ge Bitte“,
sprach mit starken, sich‘rem Wort
ein Mann aus ihrer Mitte.
„Dazu ist die Zeit nicht reif,
ihr müsst noch länger warten,
einzuziehen in die Schweif
des Komets von euren Taten,
der euch entrückt von dieser Welt
eine bess’re ist das Ziel,
die jedem Mann und Frau gefällt,
doch glaubt nicht, dies‘ ein Spiel!“
Er steht dort oben auf der Bühne
Geht hin und her und her und hin
Und predigt jedem Menschen Sühne
„Es hat alles seinen Sinn
Und alles einen Grund
Für euch und nun für mich,
die Wahrheit unser stärkster Fund
von nun an, ewiglich.“
Er breitet nun die Arme aus,
wie Flügel, als er sagt,
dass dieses große Bühnenhaus
ihm als Schauplatz nicht behagt.
Doch gibt es keine andere Wahl
„Alea iacta est!
Dieser Raum ist schlicht und Schal
Nicht würdig für dies Fest!“
Das Ziel, das er erstreben
Wollte, nach dem sein Leben schrie,
würd‘ er nun nach noch geben,
erreichen würd er‘s nie.
Die bess’re Welt stand ihm vor Augen
Die Wirkliche lag vor ihm still
Jede Hoffnung aufzusaugen,
die man ihr entgegnen will.
Die Menschen in den stillen Reihen
Waren von ihm selbst erwählt
Er selbst würd‘ ihre Leben weihen
Das hatt‘ er ihnen erzählt.
„Durch das, was ihr für mich getan,
durch Handlung, Wort und Tat
wuchs dieser gut durchdachte Plan
nicht ich streut‘ einst die Saat.
Wir tuen es im Namen derer,
die fühlen, so wie ich.
Ich bin der große geist’ge Lehrer
Und als dieser, sehet mich.“
Das Ende war zum Greifen nah
Es würde sehr bald kommen
Als jedes Kind der Reihen sah
Wie seine Augen glommen.
Vor Wut vor Hass, vor großem Schmerz,
den die Welt ihm gab,
richtet sich aufs eig’ne Herz
und drückte schweigend ab.


Entstanden ist das ganze während einer Bahnfahrt mit Zettel und Kugelschreiber, der einzige Ort, an dem ich kreativ werden kann, in letzter Zeit.

Aus jedem Volke dieser Welt
Wird dereinst einer ausgewählt
Zum Gehilfen des Retters für alle Zeit
Gesegnet mit Unsterblichkeit

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren
Beitrag #2 |

RE: Erlöser
Hey Rothyd von Sobey Wave

ich bin über dein Gedicht gestolpert und mich hat die Überschrift neugierig gemacht. Als ich begann es zu lesen hat es mich direkt gefesselt. Icon_cuinlove Außerdem fand ich es nicht angebracht, dass es noch keinen Kommentar bekommen hat. Daher werde ich mich nun an eine Bewertung machen, auch wenn es ja schon eine Weile her ist, dass du es hier reingestellt hast.

Zunächst kann ich zum ersten Eindruck sagen, dass es natürlich schon ein gewaltiger "Schinken" ist, den du hier vorlegst. Ich finde das Thema sehr interessant und extrem gut von dir umgesetzt. Vor allem mag ich den Ansatz, dass du es so darstellst, als wäre der Amokläufer auf einer Bühne. Dies ist mal eine andere Darstellung der Situation als sonst.
Durch den gut durchlaufenden Kreuzreim und der Tatsache, dass es nur eine Strophe ist, bringt es noch mehr den Anschein, als wäre es ein insziniertes Theaterstück. Read

Zitat:Niemand hatte ihn erkannt
Einem Engel glich er
Wie er auf der Bühne stand
Sich völlig seiner Sache sicher.
Toller Einstieg. Diese vier Verse haben mich dazu verleitet es ganz zu lesen. Gerade dieser Vergleich mit einem Engel und der Einführung der "Bühne" finde ich sehr gut.

Zitat:„Herr, lass uns gehen von diesem Ort
Ist uns’re einz’ge Bitte“,
Sehr schön, wie du es schaffst hier auf das eigentliche Thema dich zu beziehen. Wenn man den Hintergrund kennt, gibt diese Aussage einem ein beklemmendes Gefühl, das ein wenig durch die Perspektive gemildert wird.

Zitat:Geht hin und her und her und hin
Sehr schön. Ich mag es, wie du hier mit den Worten spielst.

Zitat:Und predigt jedem Menschen Sühne
Wieder die Worte, die ich hier hervorheben möchte. Sühne wird kaum noch benutzt, ein weiteres Beispiel für Wörter, die auch dazu führen, dass man das Gefühl von einem alten, gerimten Theaterstück bekommt. Andere Beispiele für toll engesetzte Wörter sind reif, Tatan, ewiglich, stärkster Fund, Bühnenhaus, erstreben, weihen und noch viel mehr.

Zitat:Er breitet nun die Arme aus,
wie Flügel, als er sagt,
Wieder der Hinweis auf das Bild des Engels, das du hier gekonnt verwendest. Generell finde ich die sprachlichen Bilder toll eingesetzt und sehr schön ausgewählt. *-*

Zitat:„Alea iacta est!
-Der würfel ist gefallen. Wunderbar und gekonnt in dieses Gedicht eingebracht. Wenn man solche Zitate verwendet, hat man häufig einen sehr gezwungenen Eindruck, da es sprachlich nicht ganz dazu passt. Dass ist hier nicht der Fall, dadurch, dass du es schaffst, die Sprache relativ altmodisch zu halten.

Zitat:Die bess’re Welt stand ihm vor Augen
Die Wirkliche lag vor ihm still
Toll hier der Vergleich der Wirklichkeit mit der Vorstellung. Ich mag den Gegensatz, den du hier verwendest.

Zitat:Durch das, was ihr für mich getan,
durch Handlung, Wort und Tat
wuchs dieser gut durchdachte Plan
nicht ich streut‘ einst die Saat.
Dieses Zitat will ich als Beispiel verwenden, um zu loben, wie du die Entstehung der Situation teilweise mit einfließen lässt. Ich will nicht sagen, dass es für Amokläufe Entschuldigungen gibt, aber es werden hier die Motivationen des Tätrs dargestellt.

Zitat:Vor Wut vor Hass, vor großem Schmerz,
den die Welt ihm gab,
richtet sich aufs eig’ne Herz
und drückte schweigend ab.

dramatischer Schluss, den man fast vorrausahnen konnte. Toll finde ich hier den Gegensatz der beschriebenen Gefühle des Attentäters zum nüchtern wirkenden Schluss.

Zitat:Entstanden ist das ganze während einer Bahnfahrt mit Zettel und Kugelschreiber
Kenne ich irgendworher. Dies ist auch der Ort, an dem ich am liebsten und am besten schreibe und inspiratioenn kriege.

Alles in allem kann ich nur sagen top! Ich finde es irre, wie du es sprachlich geschafft hast diese Bilder zu erzeugen und es geschaft hast, dieses Thema, eigentlich ja schon relativ häufig bearbeitet, auf eine neue Art und Weise rüberzubringen.
Ganz großes Lob Pro und ich hoffe, dass man sich bald mal wieder über den Weg liest. Read

LG Daray

"Is all that we see or seem
But a dream within a dream?" Edgar Allan Poe

Alle Beiträge dieses Benutzers finden
Diese Nachricht in einer Antwort zitieren


Gehe zu:


Benutzer, die gerade dieses Thema anschauen: 1 Gast/Gäste

Deutsche Übersetzung: MyBB.de, Powered by MyBB, © 2002-2021 MyBB Group.

Design © 2007 YOOtheme