Es ist: 27-01-2020, 10:21
Es ist: 27-01-2020, 10:21 Hallo, Gast! (Registrieren)


Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Beitrag #1 |

Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Schönen guten Abend, werte Schreibende,

quasi als Gegenstück zu der Frage nach übermächtigen Charakteren würde mich interessieren, ob ihr auch schonmal einen Protagonisten mit einer körperlichen Behinderung oder sonstigen Einschränkungen hattet und wie ihr das in die Geschichte einfließen lasst.

Was genau meine ich damit? Nun, Dinge wie einen verstauchten Knöchel, ein kaputtes Knie, einen fehlenden Daumen oder nur ein Ohr. Also alles, was zwar in gewissem Maße einschränkt, oder bei bestimmten Aktivitäten, aber nicht vollständig.

Findet ihr es wichtig, dass eine solche Einschränkung - wenn sie vorhanden ist - auch Auswirkungen auf die Geschichte hat? Dass es bei einem Hinkebein also unbedingt relevant werden muss, dass er langsamer läuft als andere. Oder kann er auch ein Hinkebein sein, ohne dass es Auswirkungen auf sein Verhalten und die Handlung hat?

Ich frage unter anderem deshalb, weil ich eben in meinem Projekt einen Einäugigen habe, aus dessen Perspektive auch regelmäßig erzählt wird, dessen Behinderung ihn aber nicht einschränkt. Er hatte acht Jahre Zeit, sich an die fehlende dreidimensionale Sicht zu gewöhnen und für ihn ist es einfach ganz normal.
Gerade in Kämpfen, wo ein eingeschränktes Sichtfeld behindert, würde ich es störend finden, das aus seiner Sicht zu erwähnen, da er in einem solchen Moment nicht darüber nachdenkt, sondern sich auf den Kampf konzentriert.
Die bisher einzige Auswirkung ist, dass er von sich selbst behauptet, ein schlechter Schütze zu sein (ohne, dass es bisher den Lauf der Geschichte ändert. Auf 3 Meter Distanz trifft selbst ein schlechter Schütze). Würde ich also einen Zweiäugigen aus ihm machen, müsste ich nichts ändern bis auf die Formulierung "Er schloss sein Auge" (und alles in der Art).

Empfindet ihr das beim Lesen als "Betrug", weil das Verhalten der Person nicht beeinflusst wird? Bzw. weil sie selbst es nicht als Beeinflussung wahrnimmt und es dem Leser deshalb nicht so verkauft?
Ich hab manchmal das Gefühl, dass es so ankommen könnte, aber andererseits hab ich auch immer besonders kleine Personen, deren Größe keine Handlungsrelevanz hat, oder einen Linkshänder oder einen Lispler ( Icon_lol ), die den Handlungsverlauf ebenfalls nicht ändern und keinen großen Aufstand um ihre Andersartigkeit machen.

Fällt eine eingeschränkte, körperliche Behinderung für euch nun in die Kategorie "Charaktermerkmal" oder zählt sie doch eher als das berühmte Gewehr über dem Kamin, das - ist es erstmal eingeführt - auch eine Rolle in der Geschichte spielen muss?

Und falls ihr selbst schon solche Charaktere geschrieben habt: Warum habt ihr ihnen diese Einschränkung verpasst? Aus Handlungsgründen oder weil es sie individueller und runder gemacht hat? Fandet ihr es schwerer als bei anderen Charakteren, euch ihn sie hineinzuversetzen?

Liebe Grüße
Lanna

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

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Beitrag #2 |

RE: Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Hallo Lanna,

interessantes Thema!

Zunächst einmal zu deinem Einäugigen:
Was ich zum Beispiel interessant fände, wäre, wenn er dann in einer Stressaktion doch mal die Entfernung zu einer Person falsch einschätzt und die plötzlich direkt vor ihm steht. Aber allgemein fallen einem Behinderung oft auch nicht sofort und selbst dann nicht die ganze Zeit auf; mir ging's z. B. auch schon mal so, dass ich mich von einem Verkäufer habe beraten lassen und mir ist erst nach ein paar Minuten aufgefallen, dass ihm ein Unterarm fehlt. Gerade an ein fehlendes Auge gewöhnt man sich, denke ich, schnell. Es kommt dabei ja auch auf die Person an. Wenn dein Charakter sich schon an seine Situation gewöhnt hat, wird er wohl kaum die ganze Zeit reflektieren, dass er nur ein Auge hat und die Leute in seiner Nähe werden sich auch schnell daran gewöhnen.

Zitat:Dass es bei einem Hinkebein also unbedingt relevant werden muss, dass er langsamer läuft als andere.

Genau das habe ich bei meinem aktuellen Projekt: ein Bein meines Charas wurde bei einem fehlgeschlagenen Experiment dauerhaft verletzt, sodass er es nur leicht belasten kann. Er macht zudem keine Krankengymnastik und ist auch psychisch nicht ganz auf der Höhe, weshalb ich es bei ihm möglicherweise öfter erwähnen werde; Action-Szenen und ähnliches werden natürlich auch ziemlich verändert durch eine solche Behinderung.


Ich denke, oft gibt es dabei ja nicht nur physische Probleme, sondern auch soziale. Bei Tyrion aus "Ein Lied von Eis und Feuer" zum Beispiel bereitet die soziale Bedeutung seiner Kleinwüchsigkeit ihm weitaus mehr Probleme als die verringerte Kraft etc. Zudem ist seine Behinderung weitaus offensichtlicher und drängt sich mehr in den Vordergrund als ein Hinkebein (was womöglich im Stehen kaum auffällt) oder auch ein fehlendes Auge.

Um zu einem Abschluss zu kommen: ich denke, es kommt sowohl auf die Art der Behinderung als auch auf den Charakter der Person und der Personen in ihrem Umfeld an. Je nachdem wie sehr diese daran denken, sollte man dies auch mehr oder weniger in der Geschichte betonen.

Ich verfolge das Thema auf jeden Fall mit großer Spannung. Icon_smile

LG,
rex

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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Beitrag #3 |

RE: Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Jo Lanna,

mit deinen Fragen triffst du immer ins Schwarze Icon_wink.

Ich schreibe öfters mit gehandicapten Figuren, weil ich nicht gerade zimperlich mit ihnen umgehe. Icon_ugly Meine Hauptfigur schlechthin verknackst sich irgendwann ab Seite 20 den Knöchel und leidet noch bis gut Seite 200/300 unter der Verletzung. Das schlägt sich dann nicht nur in ihrer Mobilität, sondern in ihrem Innenleben nieder, dass mit einem gesunden Knöchel vieles leichter wäre.
Wie ich auf den Knöchel gekommen bin? War zu allererst etwas Biografisches. Würde man die Entwicklung der Figur aber im Gesamtroman betrachten (in späterer Folge muss sie sich mehr als einmal von lebensbedrohlichen Verletzungen erholen), kann man sagen, dass sie körperlich zu den schwächeren Charakteren gehört, an ihren Narben aber nicht zerbricht, sondern ihre Persönlichkeit durch die wiederholten Begegnungen mit dem Tod stärkt.
Da sie die Hauptperson ist, wirkt sich ihre körperliche Verfassung natürlich sehr auf die Handlung und Genauigkeit ist gefragt (war jetzt der linke oder der rechte Knöchel verstaucht? In welcher Hand ist die Krücke? etc.).
Auch eine schlimme Depression musste sie ertragen, was - oh Überraschung - die Wahrnehmung und damit auch den Charakter der Figur sehr beeinträchtigt hat. Schwer war es da, wieder aus der Depression rauszukommen, aber die Figur auch so weiter zu schreiben, dass sichtbar ist, dass sie eine schwere Zeit hinter sich hat.

Apropos, sichtbar. Ich liiiiiiebe Narben. Narben haben bei mir immer eine Vor- und Nachgeschichte, d.h. man erfährt, wie derjenige sie bekommen hat, aber ich messe ihnen auch einen symbolischen Wert bei, der für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht unbedeutend ist.

Ich habe auch einen Krieger, der eig sehr gefürchtet ist, nur durch eine Verletzung nicht mehr recht kampftauglich ist, womit auch seine soziale Position verändert ist. Genauso habe ich auch ein Mädchen, das sich im Kampf gegen ihr eigen Fleisch und Blut eine schwere Verletzung zugezogen hat, die ebenso immer wieder aufplatzt, wie ihr schlechtes Gewissen, einen Verwandten getötet zu haben, nicht verschwinden will. Du siehst, Verletzungen aller Art sind nicht nur Mittel zur Beschreibung für mich, sondern wirken sich auch direkt auf das Schicksal meiner Figuren aus - wie sie sich selbst sehen und wie sie von anderen wahrgenommen werden.

Ich finde es nicht sonderlich anstrengender zu meinen beeinträchtigten Figuren einen Draht zu bekommen, die Herausforderung ist lediglich, ihre Handicaps auch ernst zu nehmen und nicht sporadisch mal zu erwähnen, weil jetzt grad ein Absatz frei ist. Man muss so viel mehr bedenken, sei es jetzt mal nur die medizinische Versorgung, die physischen Einschränkungen oder die psychischen Folgen. Teilweise erleichtern solche Rollen auch die Identifizierung, weil man sich von Anfang an mehr Gedanken um ihre Glaubwürdigkeit machen muss, sodass man gezwungenermaßen viel näher an ihnen arbeitet als an solchen, die noch alle zehn Finger haben.^^

Wenn ich also von irgendeiner Beeinträchtigung einer Figur lese, komme ich mir ein bisschen vernachlässigt vor, wenn nicht näher drauf eingegangen wird. Denn dann fühlt das einfach wie ein xbeliebiges Detail an, wodurch der Autor Einzigartigkeit seiner Figur vorgaukeln wollte.

So, ich hoffe, es haben sich jetzt nicht allzu viele Fehler eingeschlichen, man versteht, was ich sagen wollte und ich kann beruhigt ins Bett. Cowsleep

Eine kleine Sniffu-Dröhnung

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Beitrag #4 |

RE: Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Hallo.

Hmm, ein spannendes Thema, dem muss ich mich anschließen. Und dann gleich etwas dazu loswerden.

Aus irgendeinem Grund komme ich nicht umhin, meinen Figuren bei Unfällen oder anderen Geschehnissen durchaus auch einmal Verletzungen und daraus resultierende körperliche Beeinträchtigungen aufzubrummen. Früher habe ich es geliebt, Charas mit verstauchten Knöcheln durch die Gegend zu schicken, da ich so eine Verletzung als nicht so schwerwiegend empfinde, dass ich dem Chara nichts mehr zumuten kann (sie waren nämlich immer genau dann verletzt, wenn es wirklich gefährlich wurde), aber sie trotzdem auf die eine oder andere Art beeinträchtigt waren.
Da häuften sich also Szenen, in denen ein Chara mit verstauchtem Knöchel, den er sich bei irgendeinem, rein zufällig passierten Reitunfall (oder wahlweise auch Fahrradunfall, Schulgängeauf-und abrennen-Unfall) zugezogen hat, vom Antagonisten verfolgt wird und leider nicht so schnell fliehen kann, wie er es gerne würde, sodass es unweigerlich zur finalen Konfrontation kommt. Irgendwann wird aber auch das langweilig, und im Endeffekt habe ich bloß entdeckt, dass Charas auch sterben können.

Inzwischen hat sich mein Verhältnis zu Charakteren mit körperlichen Einschränkungen geändert. Von Natur aus, also von Geburt an (wie in rex' Beispiel mit Tyrion - im Übrigen finde ich es genial, wie er damit umgeht), hat bei mir bis jetzt noch kein Charakter eine Einschränkung gehabt. Vielleicht sollte ich da mal etwas rumprobieren, klingt zumindest interessant.
Allerdings haben meine Charas die Angewohnheit, sich immer wieder und bisweilen auch lebensgefährlich zu verletzen. Allein in den Federn fällt immer mal wieder jemand irgendwo runter oder halten sich scheinbar in der Nähe eines Blitzeinschlages auf, und so etwas kann nicht spurlos an den Charakteren vorbeigehen.
Zwar spielen die erlittenen Verletzungen meist nur eine untergeordnete Rolle, da ich sie für die Geschichte bestenfalls mal eine halbe Seite lang brauche, wichtiger sind die Ereignisse, die zu ihnen geführt haben, die sie beeinflusst haben, und welche Folgen das direkt darauffolgende Geschehen hatte. Allerdings ergehe ich mich dann auch nicht in riesige Beschreibungen des Unfalls an sich und den Verletzungen. Ja, in der einen Szene liegt mal ein Prota im Krankenhaus und betrachtet Blumen und beschwert sich vielleicht mal über sein eingegipstes Bein, aber da er ja sowieso liegt und in der Handlung auch nicht aufstehen muss, geht es mehr um die psychischen Folgen des "Unfalls".
Später gibt es noch einmal eine Szene, bei der der lebensgefährliche Unfall der Mutter aber in der Sicht der Tochter geschildert wird, die aber nicht aktiv an den Einschränkungen teilhat und es deshalb nicht nachempfindet. Allerdings ist mir in den letzten Wochen klar geworden, dass die betreffende Prota doch irgendwelche Spätfolgen spüren dürfte, auch nach sieben Jahren, aber da bin ich mir noch nicht so ganz im Klaren darüber, in welchem Ausmaß. Sicher ist - ohne große Einschränkungen, also werde ich da auch nicht so viel Wert darauf legen.

Ähnlich wie Sniffu mag ich Narben, werfe damit aber auch nicht aus purer Freude am Narbenverteilen um mich. Ein Großteil der Federn-Charas ist zu Beginn der 2010-Handlung zumindest auf den ersten Blick unversehrt. Das ändert sich erst am Ende, aber das spielt dann keine Rolle mehr. Zumindest keine große, denn danach gibt es ja nur noch den einen 2025-Abschnitt, und der lässt nicht viel Raum für lange Narbenbetrachtungen, seien sie nun vorhanden oder nicht.

Insgesamt also kommen mir körperliche Beeinträchtigungen eines Charas nicht so wichtig vor, sofern sie nicht direkten Einfluss auf die Handlung und den Verlauf der Geschichte nehmen. Im letzteren Fall finde ich es in Ordnung, wenn man da näher darauf eingeht, ansonsten reicht es, wenn so etwas mal kurz erwähnt wird.

Viele Grüße,
Eselfine


We are all accidents
Waiting
Waiting to happen
Radiohead, "There There"

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Beitrag #5 |

RE: Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Hi ihr,

@rex
Ich befürchte, so am Rande werd ich es nicht einfließen lassen können. Mein Einäugiger lebt (nach aktuellem Stand der Hintergrundgeschichte) schon 8 Jahre mit dieser Behinderung, und kämpft eben auch fast so lange schon mit nur einem Auge. Meiner Meinung nach hat er sich voll daran gewöhnt, eben auch daran, dass er Fehlschätzungen direkt miteinberechnet, quasi.


Dass eine solche Einschränkung auch soziale und psychische Auswirkungen hat, habe ich beim Threaderstellen gar nicht beachtet, weil sowas für mich selbstverständlich ist. Also ich erstelle jetzt kein Persönlichkeitsprofil, in dem alle Ereignisse daraufhin überprüft werden, ob sie mit zwei Augen anders stattgefunden hätten als nur mit einem, aber dass es eine Entstehungsgeschichte zu dieser Verletzung gibt und dass dieses Ereignis Auswirkungen auf den Charakter und damit auf sein Leben hat, ist für mich gar keine Frage.

Sniffu schrieb:Wenn ich also von irgendeiner Beeinträchtigung einer Figur lese, komme ich mir ein bisschen vernachlässigt vor, wenn nicht näher drauf eingegangen wird. Denn dann fühlt das einfach wie ein xbeliebiges Detail an, wodurch der Autor Einzigartigkeit seiner Figur vorgaukeln wollte.
Genau das ist meine Befürchtung. Ich komme zwar später dazu, wie die Verletzung entstand und sie ist auch im Prinzip der Grund, warum diese Person überhaupt da ist wo sie ist und den Job hat, den sie nunmal hat, aber dafür hätte es nicht unbedingt das Auge sein müssen, das fehlt, es könnten auch zwei Finger der linken Hand sein, das Hörvermögen auf dem rechten Ohr oder ein gebrochener Kiefer.
Aber muss ich jetzt eine Szene in die Geschichte zwingen, in der entscheidend ist, dass ich einen Einäugigen habe? Noch dazu einen, der sich an seine Behinderung gewöhnt hat und sie selbst nicht so wahrnimmt? Ab wo fängt die Beliebigkeit an? Bei einer meiner Personen spielt sogar die Haarfarbe eine Rolle (was sich erst im Nachhinein ergab), aber trotzdem erwähne sich sie bei allen Charakteren. Einer hat chronische Kopfschmerzen, ohne dass es eine Rolle spielen wird, die andere kaut sich die Fingernägel ab, der nächste erzählt von einer Tablettensucht (vergangen), die keinerlei Auswirkungen auf das aktuelle Geschehen hat.
Für mich gehört sowas auch einfach zu den Charakteren, die ja nicht erst mit der Geschichte ihr Leben beginnen, sondern davor und (meistens) danach auch noch ein Leben haben. Und ich persönlich bin der Meinung, dass nicht alles, was einem im Leben widerfährt, tiefgreifende Auswirkungen hat oder Veränderungen hervorruft.

Natürlich könnte man jetzt sagen: Wenn die Behinderung (einäugig) keine Auswirkungen auf die Geschichte hat, lass sie doch einfach weg.
Könnte ich tun, würde mich kaum Umschreiben kosten. Aber der Typ hat eben diese Verletzung - warum soll ich sie ihm wegnehmen?

Etwas anderes ist es natürlich, wenn akute Verletzungen (verstauchter Knöchel) einfach missachtet werden, sowas mag ich gar nicht. Also der gleiche Typ hat inzwischen auch eine Schusswunde am Bein und die behindert ihn absolut.
So rege ich mich auch immer in Filmen darüber auf, wenn die Leute Blut brauchen und sich deshalb mal die Handfläche aufschlitzen. Das tut arschweh und es heilt nicht. Trotzdem behindert es nie jemanden.
Wenn sich jetzt aber einer das Bein an einem vorstehenden Metallstück ein bisschen aufreißt, muss es Handlungsrelevant sein? Muss also das Blut jemandem auffallen oder muss es gleich eine Blutvergiftung geben oder muss die Verletzung gleich eine Flucht verhindern? Kann sich ein Typ nicht auch einfach so verletzen und normal weiterleben (natürlich mit leichtem Humpeln)? Kann er nicht trotzdem Kämpfe gewinnen?

Ich selbst bin der Meinung, dass nicht alles innerhalb der Geschichte unmittelbar und direkt mit dem Geschehen zu tun haben muss. Ich liebe Charakterisierungen und Charakterdarstellung, und da fallen eben auch körperliche Besonderheiten drunter, die dazu dienen, einen Charakter zum Leben zu erwecken und möglicherweise nicht dazu, die Geschichte voranzutreiben.

Zitat:Man muss so viel mehr bedenken, sei es jetzt mal nur die medizinische Versorgung, die physischen Einschränkungen oder die psychischen Folgen. Teilweise erleichtern solche Rollen auch die Identifizierung, weil man sich von Anfang an mehr Gedanken um ihre Glaubwürdigkeit machen muss,
Damit arbeite ich ja (leider?) gar nicht. Also mit diesem Charakterprofil und mit theoretischen Gedanken über Auswirkungen auf die Psyche. Ich finde es zwar interessant, aber meine Charaktere würden sich nicht dran halten. Bei mir entsteht alles während des Schreibens, intuitiv, und vielleicht kommt es mir deshalb auch nur so vor, als würde alles, worüber ich länger nachdenke, konstruiert und unpassend wirken *lach*

Narben fallen für mich ganz klar in die Kategorie "Haarfarbe" *lach* verteile ich also auch aus pur optischen / stylischen Gründen, die meisten haben nicht einmal eine Entstehungsgeschichte. Oder der Charakter entwickelt sich und dann irgendwann fällt mir eine Geschichte zu der Narbe ein, die gleichzeitig auch erklären würde, warum der Typ ist, wie er ist. Also eher eine rückwärts ablaufende Entwicklung.

Liebe Grüße
Lanna

»Couldnʼt you crawl into a bush somewhere and die? That would be great, thanks.« (Alistair, Dragon Age)

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(Zack Finfrock)

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Beitrag #6 |

RE: Charaktere mit (körperlichen) Einschränkungen
Physisch eingeschränkte Charaktere habe ich bisher in meinen Geschichten nicht im Angebot, zumindest nicht so, wo die Figur nicht in der Lage wäre, den körperlichen "Fehler" vollständig zu kompensieren.
Frei nach dem Motto der WfbM, in der ich mal arbeiten durfte: Behindert ist man nicht, behindert wird man!

@Lanna
Was den Einäugigen betrifft, stimme ich dir zu, dass ein Mensch sich an solche Verletzungen gewöhnen kann und dann damit vollkommen tiefenentspannt durchs Leben geht. Habe ja selbst schon mit Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet und schon erlebt, wie wesentlich schlimmere Defizite als ein fehlendes Auge gut kompensiert wurden. Wenn du allerdings befüchtest, dass der Gewöhnungsfaktor der Figur so hoch ist, dass von der Behinderung an sich nichts mehr zu spüren ist, kannst du allerdings ohne viel Aufwand klarstellen, dass da eben doch ein Auge fehlt. Zum Beispiel dann, wenn der Clown aus dem Nachbarbüro es besonders witzig findet, sich dem Einäugigen von seiner blinden Seite her zu nähren und ihn unangenehm zu überraschen. Oder wenn die Figur einfach mal in jemanden reinrennt, weil er einfach übersehen wird.

Allerdings kommt es immer auch auf die Umgebung an, in der ein behinderter Charakter agiert. Ein rollstuhlfahrender IT-Spezialist könnte auf einem Raumschiff problemlos funktionieren und agieren - aber eine Abneigung gegen Landurlaub haben, weil er schon auf einer simplen Wiese nicht mehr zurecht kommt.
Hier wurden bisher nur körperliche Behinderungen thematisiert - klar, die Einschränkungen solcher Figuren sind auch wesentlich offensichtlicher. Dass der fette Junge von nebenan es nicht mal schafft, hundert Meter zu rennen, und deswegen sein Bus verpasst, ist offensichtlich.
Meiner Meinung nach müssen Figuren nicht gleich immer irgendwelche Kriegsverletzungen oder einen verstauchten Knöchel haben, um körperlich nicht leistungsfähig zu sein. Fettleibigkeit, Astma oder eine Anämie können das Gleiche ebenso bezwecken - sind allerdings für Behinderungen in der Unterhaltungsliteratur (vor allem Fantasy) nach meiner Beobachtung weit weniger geschätzt. Zynische Stimmen könnten deswegen auch sagen, dass Kiegsverletzungen bei Helden, im Gegensatz zu Krankheit, ja viel besser dem Leitbild einer Leistungsgesellschaft entsprechen.

Und dann stellt sich mir die Frage, was mit psychischen Behinderungen ist. In der Realiät sind sie gesellschaftlich wenig akzeptiert, denn man sieht sie nicht. Gebrochenes Bein? Klar, der kann keinen Maraton laufen. Aber der Schizophrene da drübern kann sich mal ruhig zusammenreißen und gefälligt die Stimmen ignorieren - kann ja so schwer nicht sein, einfach wegzuhören. Und der mit dem Turret soll gefälligt aufhören zu Grunzen und immer "Scheiße" zu rufen - das kann sich ja ein anständiger Mensch nicht mit anhören! (ja, natürlich würde das niemand so sagen, aber eine solche Einstellung ist nach meiner Erfahrung tatsächlich Realität). Dass auch solche Menschen, egal ob fiktiv oder nicht, auch massive Einschränkungen erleben, wird oft von Außenstehenden nicht wahrneommen.
In einer meiner Geschichten ist meine Hauptfigur ein seelisches Wrack - körperlich zwar leistungsfähig und auch beim Kämpfen nicht untalentiert, aber dennoch würde sich keiner der anderen Figuren von ihr den Rücken decken lassen, weil sie einfach unberechenbar ist. Und ihre durchaus behandlungsbedürftige Psyche ist auch der Hauptgrund, warum sie immer wieder im Umgang mit denen, die wirklich ihr bestes wollen, böse auf die Schnauze fliegt. Der große Vorteil dieser Figur ist im Übrigen, dass sie tatsächlich die Chance hat, ihre Behinderung zu überwinden und ich da beim Schreiben wirklich sehr viel Freude dran habe, diesen Weg mit ihr zu gehen.

"Ganz besonders Ihr, [...], werdet irgendwann erkennen, dass eine Welt, die mit dem Begriffsvermögen eines einzigen Menschen zu erfassen ist, keine Welt wäre, in der es sich lohnen würde zu leben."

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