Es ist: 19-11-2019, 04:17
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Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Beitrag #1 |

Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Soo, hier ist er nun, der letzte Teil. An dieser Stelle möchte ich mich noch einmal herzlich bei AngelsDust bedanken, die bisher jeden Teil kommentiert hat. Ich hoffe, dir gefällt auch das Ende. Und allen anderen wünsche ich natürlich auch viel Spaß beim Lesen. Icon_smile
lg, Lia

~~~

Tag 5

Das Meer war ruhig. Beinahe könnte man sagen, es war müde. Am Strand war das Plätschern kleiner, träger Wellen zu hören und das sonst dunkle Wasser schillerte im Licht der gnadenlos niederbrennenden Mittagssonne. Bald schon fühlte ich mich schwach und ausgedörrt, als ich an meinem Strandabschnitt nach Mikhails Körper Ausschau hielt. Die Suche war zwecklos, denn der schwache Wellengang reichte nicht einmal aus, um den Seetang und die Muscheln anzuschwemmen, die zu meinen täglichen Begleitern geworden waren, geschweige denn einen ganzen Menschen. Ich weiß nicht, warum, aber das verschaffte mir mehr als alles Andere die Sicherheit, dass Mikhail tot war. Diese Ruhe vermochte es, mich stärker zu überzeugen als ein tosender Sturm, die Schreie der Möwen oder gar seine Leiche es je geschafft hätten.

Wir gaben das Suchen an diesem Tag früh auf. Ich war froh darüber, denn obwohl der Geruch nach Tod nicht mehr so penetrant war wie am Abend zuvor, war ich erschöpft. Die salzige Luft hatte meine Augen ausgetrocknet und meine Kehle brannte in dem Verlangen nach Wasser.

Am Nachmittag öffnete mein Bruder die Kiste. Er kündigte es nicht an, dennoch sprach sich die Nachricht über sein Vorhaben im ganzen Dorf herum. Noch bevor er den Schlüssel zur Hand genommen hatte, wusste jeder, dass das Geheimnis um Mikhails Schatzkiste nun bald gelüftet werden würde. Schließlich fand die gesamte Familie sich in unserem Wohnzimmer ein, einige streitend, andere beinahe ehrfürchtig. Mein Bruder drehte den Schlüssel im Schloss und Mikhail war fort. Wie er es schon die ganze Zeit gewesen war. Auch meine Tante wirkte so, als wäre sie weit weg. Ich fragte mich, ob sie jemals wieder zurückkehren würde, oder ob sie für den Rest ihres Lebens als lebendige Tote von einem Tag zum nächsten geistern würde. Nur als mein Bruder den hölzernen Deckel hochklappte und den Schatz ihres Sohnes offenbarte, blitzte kurz Leben in ihren Augen auf. Sie erinnerten mich an Mikhails Augen, bevor seine Liebe zerbrochen war - dasselbe Blau, dasselbe Leben.

Es war eine Muschel. Eine große, von einer dicken Schicht Perlmutt bedeckte Auster, um genau zu sein, die Mikhail vor langer Zeit am Strand gefunden und seiner großen Liebe geschenkt hatte.

„Anastasia“, flüsterte mein Bruder leise. Diese Muschel hatte damals Mikhail und seine Liebe verbunden und nun wurde sie herumgereicht und verband Familienmitglieder, die es zuvor kaum ausgehalten hatten, im selben Raum zu sein. Es sprach sich noch schneller herum als Mikhails Verschwinden oder dass mein Bruder seinen Tod nun inoffiziell offiziell machen wollte. Wer Schätze oder ein Testament erwartet hatte, war enttäuscht. Doch die meisten Leute tuschelten nur. Wo auch immer ich nach dem Öffnen der Kiste hinging, konnte ich sie den Namen Anastasia wispern hören. Mikhail wurde als liebeskrank bezeichnet, seine erloschene Liebe als grausam. Einige warfen sich gegenseitig traurige und wissende Blicke zu, ohne zu verraten, was sie dachten.

Wir beschlossen, die Kiste zu begraben. Wir hatten schließlich nichts Anderes. Keinen Körper, keinen Sarg, keinen Geistlichen, der den Toten segnen würde. Mein Onkel vergrub sie am Strand, dort, wo das Boot angeschwemmt worden war. Dann brannten wir Anastasia nieder. Sie hatte lange genug in der Sonne gelegen und war ausgetrocknet, sodass sie sich leicht anzünden ließ. Als das Feuer erloschen und von Anastasia nur noch ein Haufen Asche übrig war, erwachte meine Tante wieder zum Leben und brach in Tränen aus. Es war das erste Mal, dass sie um ihren verlorenen Sohn weinte. Kurz darauf half mein Onkel ihr auf und sie gingen durch den trockenen Sand nach Hause.

Nach und nach gingen auch die anderen Anwesenden, die dieser Bestattung beigewohnt hatten, bis nur noch mein Bruder und ich übrig blieben. Es war dunkel und windig geworden. Ohne die hitzespendenden Flammen fror ich erbärmlich, doch mein Bruder und ich bewegten uns dennoch nicht von der Stelle. Wir starrten bis spät in die Nacht in die Ferne, wo der fast volle Mond von Mikhails Grab reflektiert wurde. Trotz des stärker gewordenen Wellengangs wirkte es friedlich. Der salzige Geruch war verschwunden, oder vielleicht hatte ich mich auch nur daran gewöhnt und nahm ihn deshalb nicht mehr wahr. Mir war es einerlei. Ich blieb so lange im Sand sitzen, bis ich meinen Körper vor Kälte kaum noch spürte und der nasse Friedhof mir vorkam wie mein Zuhause und die Asche zu meinen Füßen zu einem Teil von mir wurde. Dann erst erhob ich mich und mein Bruder und ich gingen nach Hause. In der Ferne gaben einige Möwen unverständliche, tierische Schreie von sich. Keine Todesankündigungen. Keine Namen. Vor allem nicht Anastasia.

Der Tag, an dem Mikhail starb, war ein toter Tag. Die Nacht, in der er von uns ging, lebte.

Nachwort

Liebe Leser,

erst einmal vielen Dank, dass ihr diese Geschichte bis zum Schluss mitverfolgt habt. Normalerweise habe ich nicht das Bedürfnis, ein längeres Nachwort zu verfassen, diesmal jedoch habe ich das Gefühl, dass es nötig sein könnte.

Einige mögen von der Geschichte etwas verwirrt sein. Mir ist es natürlich am liebsten, wenn Leser sich ihre eigenen Gedanken machen und ihre eigene Interpretation haben (auf die ich übrigens sehr neugierig bin), aber ich habe mir bei der Handlung so einige Dinge gedacht, die ich nur angedeutet habe, zum Teil wirklich sehr subtil. Wer darauf neugierig ist, kann mir gerne schreiben, hier verrate ich es erst einmal nicht. Für mich sind meine Gedanken auch nicht die „richtige“ oder „wahre“ Interpretation, sondern eine von vielen (sofern das Werk wirklich Spielraum für Interpretationen lässt, aber das ist zumindest mein Eindruck), die ich aber gerne mit denen teile, die an ihr interessiert sind.

Außerdem wollte ich ein paar Worte zur Entstehungsgeschichte von Dead Man’s Chest sagenDie Geschichte ist aus mehreren realen Fällen zusammengesetzt, von denen mir meine Mutter und meine Großmutter erzählt haben. Zum einen ist mein Großvater, ein Seefahrer, auf dem Meer verschwunden. Außerdem hat es diese Suche nach einem Ertrunkenen auch gegeben. Es war ein Bekannter meiner Mutter, nach dessen Körper sie und ihre Freunde tagelang den Strand abgesucht haben. Anders als Mikhail ist er jedoch im kalten Wasser schwimmen gegangen und nicht mit dem Boot hinausgefahren und außerdem wurde seine Leiche, soweit ich weiß, auch gefunden. Die Geschichte mit dem toten Kind ist auch so ähnlich passiert. Es wurde jedoch gezielt nach dem Kind gesucht, und zwar im tiefen Wasser. Erst Stunden später wurde es dann im kniehohen Wasser zwischen den Steinen gefunden. Außerdem hat es noch zahlreiche weitere ähnliche Todesfälle gegeben, die ich aber nicht alle aufzählen kann. Diese drei sind es, die am meisten zu der Geschichte beigetragen hatten. Übrigens handelt es sich um das Schwarze Meer und die Fälle sind alle in Bulgarien passiert. Allerdings habe ich bei Dead Man’s Chest das Setting absichtlich offen gelassen, weil es keine Rolle spielt. Außerdem ist die Geschichte trotz ‚realer‘ inspirationen keine reale Begebenheit und ich habe zu dem Text keine engere emotionale Bindung als zu meinen anderen Werken auch. Deshalb kann ich auch hier mit Kritik umgehen und würde sie mir sogar wünschen, wenn es etwas zu bemängeln gibt.

Eine weitere Inspiration war übrigens Gabriel García Márquez‘ Roman „Chronik eines angekündigten Todes“. Wer ihn kennt, wird ihn vielleicht (hoffentlich) in Dead Man’s Chest wiedererkennen, auch wenn die Handlung eigentlich komplett anders ist. Qualitativ komme ich mit meinen Texten natürlich nicht an Márquez heran (noch nicht!), aber ich einige Elemente aus Dead Man’s Chest trotzdem als kleine Hommage an ihn an. Dies sind zumindest meine Gedanken dahinter. Wer das anders sieht, der darf das gerne, es ist keine falsche Meinung. Ich fand die „Chronik“ immerhin auch sehr kafkaesk, und da gab es auch nur eine einzige Person, die diese Meinung geteilt hat. Icon_wink

Ansonsten habe ich hier auch nicht viel zu sagen. Ich hoffe, die Geschichte hat euch gefallen und wünsche euch noch einen schönen Tag, einen schönen Abend oder eine gute Nacht, je nachdem, wann ihr das hier gelesen habt. Icon_smile

liebe Grüße,

Lia

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Beitrag #2 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Hallo Lia Icon_smile,

ist natürlich Ehrensache, dass ich nun auch den letzten Teil kommentieren möchte.
Und auch, wenn es nicht gerade einfallsreich ist, kann ich wieder einmal nur "Chapeau" sagen Pro!

Nach den ersten vier Teilen habe ich mit einem "starken" Ende gerechnet und wurde nicht enttäuscht. Vor allem sprachlich finde ich diesen letzten Teil sehr gelungen. Die letzten beiden Sätze der Geschichte sind so formuliert, dass zumindest ich noch sehr lange darüber nachdenken werde. Und mehr kann sich eine Autorin nicht wünschen, oder Icon_wink?
Auch die Schilderung der Reaktionen der Leute auf das Öffnen der Kiste an sich und dann auch auf den Inhalt gefällt mir sehr gut. Es geht eben nicht nur darum, den Tod Mikhails hinzunehmen, sondern auch bereits darum, mit der Trauer irgendwie weiter leben zu können. Somit ist das Öffnen der Kiste zwar fast schon der Endpunkt deiner Geschichte, aber für die Personen beginnt damit ein neues Leben. Eines mit der Gewissheit, es ohne Mikhails leben zu müssen.

Zwei minimale Dinge sind mir aufgefallen:

Im ersten Abschnitt hast du einen längeren Satz, der dann mit "geschweige denn einen ganzen Menschen." endet. Das stimmt von der Grammatik her, aber auch wenn ich es mehrmals lese, denke ich immer, dass es sich komisch anhört? Vielleicht lieber zwei Sätze daraus machen? Aber es ist nur ein persönliches Gefühl - gut möglich, dass andere Leser damit keine Probleme haben.
Und ganz am Ende denke ich, dass die Möwen unverständliche Schreie von sich gaben, und das "tierisch" vielleicht unnötig, weil ohnehin klar ist.

ABER: Das sind absolut keine wichtigen Punkte. Ich sage Danke, dass ich diese Geschichte von dir lesen durfte, die mir ein paar Freitag Abende verschönert hat. Ich hoffe, du bleibst weiterhin fleißig dabei und wirst mal wieder eine ähnliche Story hier reinstellen.

Ganz große Klasse! Pro

Du fragst, warum mein Leben Schreiben ist
Ob es mich unterhält?
Die Mühe lohnt?
Vor allem aber, macht es sich bezahlt?
Was wäre sonst der Grund??
Ich schreib allein
Weil eine Stimme in mir ist,
Die will nicht schweigen?" (Sylvia Plath)

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Beitrag #3 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Hi AngelsDust und entschuldige, dass ich erst so spät antworte. Ich hab seit gestern Ferien, die zwei Wochen davor waren vollgepackt mit Klausuren und Deadlines. Da hab ich irgendwie nicht en Kopf frei bekommen.
Aber es ist natürlich auch Ehrensache, dass ich auch auf deinen letzten Kommentar hier antworte.

Erstmal nochmal vielen, vielen Dank, dass du so fleißig kommentiert hast. Ich freue mich natürlich über das Lob, aber auch über die kleinen Hinweise, wie man die Geschichte noch verbessern kann. Wenn ich Zeit hab (vielleicht sogar schon morgen) nehm ich mir mal auch den letzten Teil vor. Den Satz, den du da angemerkt hast, fand ich selber nicht so gelungen, aber mir ist beim Schreiben nichts Besseres eingefallen, weshalb ich ihn einfach so gelassen hab. Aber vielleicht krieg ich ne Idee, wenn ich mal ausschlafen kann. ^^

Also ich freue mich wie gesagt riesig, dass dir die Geschichte so gut gefallen hat. Ganz ähnliche Geschichten habe ich bisher nicht. Aber vielleicht ein paar, die stilistisch ähnlich sind. Und mal sehen, vielleicht krieg ich irgendwann sogar wieder ne Idee für eine Meeresgeschichte. ^^

lg, Lia

Long live Rock n Roll. Icon_cool

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Beitrag #4 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Hallo Lia!

Schade, der letzte Tag

~~~

Tag 5

Zitat:Das Meer war ruhig. Beinahe könnte man sagen, es war müde.
Zitat:Wieder wunderschön ihre Hinausprojizierung der Gefühle.
Am Strand war das Plätschern kleiner, träger Wellen zu hören und das sonst dunkle Wasser schillerte im Licht der gnadenlos niederbrennenden Mittagssonne. Bald schon fühlte ich mich schwach und ausgedörrt, als ich an meinem Strandabschnitt nach Mikhails Körper Ausschau hielt.

Rückkehr zum Anfang, wo die Sonne brannte, aber dieses mal dörrt sie sie aus, nicht das Meer.
Zitat:Die Suche war zwecklos, denn der schwache Wellengang reichte nicht einmal aus, um den Seetang und die Muscheln anzuschwemmen, die zu meinen täglichen Begleitern geworden waren, geschweige denn einen ganzen Menschen.
Wieder Logik und dieses Mal ergibt sie sich ihr.
Zitat:Ich weiß nicht, warum, aber das verschaffte mir mehr als alles Andere die Sicherheit, dass Mikhail tot war. Diese Ruhe vermochte es, mich stärker zu überzeugen als ein tosender Sturm, die Schreie der Möwen oder gar seine Leiche es je geschafft hätten.
Wie eindringlich, dass das stärker für sie wirkt als seine Leiche, zumindest fühlt sie das so. Ja, er ist vollkommen fort.

Zitat:Wir gaben das Suchen an diesem Tag früh auf. Ich war froh darüber, denn obwohl der Geruch nach Tod nicht mehr so penetrant war wie am Abend zuvor, war ich erschöpft. Die salzige Luft hatte meine Augen ausgetrocknet und meine Kehle brannte in dem Verlangen nach Wasser.
Die salzig Luft, statt salziger Tränen
und sie hat verlangen nach Wasser, nach Leben.

Zitat:Am Nachmittag öffnete mein Bruder die Kiste. Er kündigte es nicht an, dennoch sprach sich die Nachricht über sein Vorhaben im ganzen Dorf herum. Noch bevor er den Schlüssel zur Hand genommen hatte, wusste jeder, dass das Geheimnis um Mikhails Schatzkiste nun bald gelüftet werden würde.

Wieder die Inteligenz und das Wissen des wir, dass Ereignisse scheinbar ohne Worte weiterträgt. Das Dorf im selben Trauerrhythmus
Zitat:Schließlich fand die gesamte Familie sich in unserem Wohnzimmer ein, einige streitend, andere beinahe ehrfürchtig. Für mich war Mikhail in dem Moment fort, in dem mein Bruder den Schlüssel im Schloss drehte. Vorher hatte ich gewusst, dass er tot war, aber er hatte noch immer in der Welt verweilt. Nun war er endgültig fort.
Das Gefühl hatte ich oben nicht. Das ist oben schon so endgültig. Also oben vielleicht noch ein Gedanke an ihn, so dass dieses tot aber da fühlbar wird
Zitat: Meine Tante wirkte ebenfalls, als wäre sie schon weit weg.

ebenfalls ist ein furchtbar hässliches Wort um die beiden zu verbinden, würde versuchen etwas schöneres zu finden
Zitat:Ich fragte mich, ob sie jemals wieder zurückkehren würde, oder ob sie für den Rest ihres Lebens als lebendige Tote von einem Tag zum nächsten geistern würde. Nur als mein Bruder den hölzernen Deckel hochklappte und den Schatz ihres Sohnes offenbarte, blitzte kurz Leben in ihren Augen auf.
Sind ihre Augen, denen ihres Sohnes ähnlich? Oder dem Meer? Würde für mich die Verbindung stärker machen

Zitat:Es war eine Muschel. Eine große, von einer dicken Schicht Perlmutt bedeckte Auster, um genau zu sein, die Mikhail vor langer Zeit am Strand gefunden und seiner großen Liebe geschenkt hatte.
Die sie ihm wiedergegeben hat ...

Zitat:„Anastasia“, flüsterte mein Bruder leise. Diese Muschel hatte damals Mikhail und seine Liebe verbunden und nun wurde sie herumgereicht und verband Familienmitglieder, die es zuvor kaum ausgehalten hatten, im selben Raum zu sein.

Schön, Mikhails Schutz, wie er sie im Leben beschützt hat
Zitat:Es sprach sich noch schneller herum als Mikhails Verschwinden oder dass mein Bruder seinen Tod nun inoffiziell offiziell machen wollte. Wer Schätze oder ein Testament erwartet hatte, war enttäuscht. Doch die meisten Leute tuschelten nur. Wo auch immer ich nach dem Öffnen der Kiste hinging, konnte ich sie den Namen Anastasia wispern hören. Mikhail wurde als liebeskrank bezeichnet, seine erloschene Liebe als grausam. Einige warfen sich gegenseitig traurige und wissende Blicke zu, ohne zu verraten, was sie dachten.
Sehr schön dargestellt, wie eine Geschichte heimlich zum Wissen einer Gemeinschaft wird

Zitat:Wir beschlossen, die Kiste zu begraben. Es gab schließlich nichts Anderes, was wir hätten begraben können.
Sehr berührend.
Zitat: Keinen Körper, keinen Sarg, keinen Geistlichen, der den Toten segnen würde.
Sie haben keinen Geistlichen zum Begraben? Mrgreen
Bisschen umstellen, wegen der Komik
Zitat:Mein Onkel vergrub sie am Strand, dort, wo das Boot angeschwemmt wurde.
worden war
Zitat:Dann brannten wie (wir)Anastasia nieder. Das Boot hatte lange genug am Strand gelegen und war in der Sonne getrocknet, sodass das Holz sich leicht anzünden ließ.
wenn du das Holz weglässt, ist es doppeldeutiger. Anastasia, auch die Liebe ist lange getrocknet und kann nun als leeres Boot ohne Mikhail verbrennen
Zitat:Als das Feuer erloschen und von Anastasia nur noch ein Haufen Asche übrig war, erwachte meine Tante endlich wieder zum Leben und brach in Tränen aus.
Die Last die ihren Sohn tötete ist verbrannt
ich würde überlegen das endlich zu streichen, das klingt als hätte sie darauf gewartet, aber ich denke sie ist dazu zu erschöpft ...
Zitat:Es war das erste Mal, dass sie um ihren verlorenen Sohn weinte. Kurz darauf führte mein Onkel sie nach Hause, um in Ruhe um Mikhail zu trauern.
Den Satz würde ich auch weniger erklärend gestalten. um in Ruhe klingt furchtbar. Sie könnte das Meer entlang nach Hause gehen, über die Muscheln hinweg. Sie könnte eine Aufheben vielleicht.

Zitat:Nach und nach gingen auch die anderen Anwesenden, die dieser merkwürdigen Bestattung beigewohnt hatten, bis nur noch mein Bruder und ich übrig blieben.

versuch mal ohne merkwürdig

Zitat:Es war dunkel und windig geworden. Ohne die hitzespendenden Flammen fror ich erbärmlich, wagte es aber doch nicht, mich von der Stelle zu bewegen. Wir starrten bis spät in die Nacht in die Ferne, wo der fast volle Mond von Mikhails Grab reflektiert wurde. Trotz des stärker gewordenen Wellengangs wirkte es friedlich.
Wieso wagt sie es nicht? Das wagen hast du in der Anfangszeit, hier hat sie sich doch verabschiedet, ich würde sie einfach ohne Begründung stehen lassen
Zitat:Der salzige Geruch war verschwunden, oder vielleicht hatte ich mich auch nur daran gewöhnt und nahm ihn deshalb nicht mehr wahr.

Wie hier, die Veränderung, sie nimmt den Salzgesuch nicht mehr wahr, versteckt sich nicht mehr dahinter
Zitat:Mir war es einerlei.
Finde ich auch zu feststellend, einerlei klingt auch eher ärgerlich, was sie ja nicht ist, oder? Ich würde ihn weglassen
Zitat:Ich blieb so lange im Sand sitzen, bis ich meinen Körper vor Kälte kaum noch spürte und der nasse Friedhof mir vorkam (,)wie mein Zuhause und die Asche zu meinen Füßen zu einem Teil von mir wurde.
Das ist stark!!!
das so lange stört das im Jetzt sein für mich, versuch mal ohne
Und die Asche ist das eine, aber nur Anastasia, ein Gedanke an die Kiste würde für mich den Kreis vollenden.
Zitat:Dann erst brachte mein Bruder mich dazu, ebenfalls aufzustehen und nach Hause zu gehen. In der Ferne gaben einige Möwen unverständliche Schreie von sich. Keine Todesankündigungen. Keine Namen. Vor allem nicht Anastasia.
Dass die Möven nun nicht mehr Namen schreien ist sehr schön!
Da Anastasia verbrannt ist, würde ich sie jetzt auch nicht mehr erwähnen.
Und es wäre vielleicht noch stärker, wenn ihr Bruder nicht mehr da wäre und sie allein die Kraft findet aufzustehen, durch einen Gedanken an Mikhail.

Denn dieser schöne Schlussatz:

Zitat:Der Tag, an dem Mikhail starb, war ein toter Tag. Die Nacht, in der er von uns ging, lebte.
hat noch keinen ... Grund für mich. Die Lebendige Nacht hast du noch nicht lebendig gemacht. Ein lebender Krebs könnte über ihre Füße laufen und sie zum aufstehen bewegen, also die toten Motive aus den anderen Tagen verlebendigen und so Mikhails Frieden und Anwesenheit fühlbar machen, nur die Möven finde ich da zu schwach.

Sehr, sehr eindringlich traurige und schöne Geschichte! Ich bin gern in ihr versunken, sie hat mich sehr berührt! Danke fürs lesen lassen!


Zitat:Nachwort

Liebe Leser,
Hallo Lia

Zitat:erst einmal vielen Dank, dass ihr diese Geschichte bis zum Schluss mitverfolgt habt. Normalerweise habe ich nicht das Bedürfnis, ein längeres Nachwort zu verfassen, diesmal jedoch habe ich das Gefühl, dass es nötig sein könnte.
Tut mir nochmal sehr leid, dass ich deine Geschichte so achtlos in meinem Hinterkopf vergessen habe, wegen der Assoziation zu einem Film und weil sonstige nicht meine Kategorie ist ...

Zitat:Einige mögen von der Geschichte etwas verwirrt sein. Mir ist es natürlich am liebsten, wenn Leser sich ihre eigenen Gedanken machen und ihre eigene Interpretation haben (auf die ich übrigens sehr neugierig bin), aber ich habe mir bei der Handlung so einige Dinge gedacht, die ich nur angedeutet habe, zum Teil wirklich sehr subtil. Wer darauf neugierig ist, kann mir gerne schreiben, hier verrate ich es erst einmal nicht. Für mich sind meine Gedanken auch nicht die „richtige“ oder „wahre“ Interpretation, sondern eine von vielen (sofern das Werk wirklich Spielraum für Interpretationen lässt, aber das ist zumindest mein Eindruck), die ich aber gerne mit denen teile, die an ihr interessiert sind.
Ich liebe es darüber zu reden, was der Autor sich gedacht hat, dass ist für mich der Sinn und Zweck Geschichten mit anderen Autoren zu teilen, sonst bräuchte mein keine Kommentare. Also gerne per PN weitersprechen!

Zitat:Außerdem wollte ich ein paar Worte zur Entstehungsgeschichte von Dead Man’s Chest sagenDie Geschichte ist aus mehreren realen Fällen zusammengesetzt, von denen mir meine Mutter und meine Großmutter erzählt haben. Zum einen ist mein Großvater, ein Seefahrer, auf dem Meer verschwunden. Außerdem hat es diese Suche nach einem Ertrunkenen auch gegeben. Es war ein Bekannter meiner Mutter, nach dessen Körper sie und ihre Freunde tagelang den Strand abgesucht haben. Anders als Mikhail ist er jedoch im kalten Wasser schwimmen gegangen und nicht mit dem Boot hinausgefahren und außerdem wurde seine Leiche, soweit ich weiß, auch gefunden. Die Geschichte mit dem toten Kind ist auch so ähnlich passiert. Es wurde jedoch gezielt nach dem Kind gesucht, und zwar im tiefen Wasser. Erst Stunden später wurde es dann im kniehohen Wasser zwischen den Steinen gefunden. Außerdem hat es noch zahlreiche weitere ähnliche Todesfälle gegeben, die ich aber nicht alle aufzählen kann. Diese drei sind es, die am meisten zu der Geschichte beigetragen hatten.
Jede Familie am Meer hat wohl eine traurige Kiste voller solcher Erlebnisse. Mein Großvater ist auch zur See gefahren.
Nochmal ganz großes Kompliment wie einfühlsam du diese Geschichten verwebt hast zu einer sehr berührenden Geschichte ohne Pathos.
Übrigens handelt es sich um das Schwarze Meer und die Fälle sind alle in Bulgarien passiert.
Zitat:Allerdings habe ich bei Dead Man’s Chest das Setting absichtlich offen gelassen, weil es keine Rolle spielt. Außerdem ist die Geschichte trotz ‚realer‘ inspirationen keine reale Begebenheit und ich habe zu dem Text keine engere emotionale Bindung als zu meinen anderen Werken auch. Deshalb kann ich auch hier mit Kritik umgehen und würde sie mir sogar wünschen, wenn es etwas zu bemängeln gibt.
Nun, da kann ich wohl einfach nicht anders, ich hoffe, es war in deinem Sinne.

Zitat:Eine weitere Inspiration war übrigens Gabriel García Márquez‘ Roman „Chronik eines angekündigten Todes“. Wer ihn kennt, wird ihn vielleicht (hoffentlich) in Dead Man’s Chest wiedererkennen, auch wenn die Handlung eigentlich komplett anders ist. Qualitativ komme ich mit meinen Texten natürlich nicht an Márquez heran (noch nicht!),
Finde ich gut, dass du dir solche Ziele setzt! Chronik eines angekündigten Todes habe ich aber nicht gelesen. Ich kann Marquez nicht lange lesen, es ist alles so grausam. Liebe und andere Dämonen hat mich geschafft! Aber ich liebe seine Sprache auch!

Zitat:aber ich einige Elemente aus Dead Man’s Chest trotzdem als kleine Hommage an ihn an. Dies sind zumindest meine Gedanken dahinter. Wer das anders sieht, der darf das gerne, es ist keine falsche Meinung. Ich fand die „Chronik“ immerhin auch sehr kafkaesk, und da gab es auch nur eine einzige Person, die diese Meinung geteilt hat. Icon_wink
Mrgreen

[quote]Ansonsten habe ich hier auch nicht viel zu sagen. Ich hoffe, die Geschichte hat euch gefallen und wünsche euch noch einen schönen Tag, einen schönen Abend oder eine gute Nacht, je nachdem, wann ihr das hier gelesen habt. Icon_smile[/quote
Hatte ich Icon_smile

Und liebe Grüße!
von der Pfote

Gewinne und wünsch' dir ein Taschenbuch! Mrgreen

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Beitrag #5 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Liebe Lia,

ich habe alle Teile deiner Geschichte in einem Rutsch durchgelesen und werde dir jetzt auch einfach mal einen Kommentar dalassen Icon_wink (obwohl man eigentlich nicht mehr sagen kann, bei den ausführlichen Kommentaren der lieben Pfote Icon_smile )

Also, mir gefällt deine Story richtig gut, sie lässt sich flüssig lesen und baut die Spannung sehr gut auf.
Deine Prot ist sehr sympatisch und besonders gut gefällt mir bei ihr, dass der Leser/-in sehr viel Spielraum bekam, um sich seinen Teil dazu zu denken. Icon_wink

Ihre Gefühle kommen gut rüber, auch dadurch, dass du gekonnt mit der Sprache spielst und schöne Wortbilder und Vergleiche einbaust! Icon_smileIcon_smile

Die Geschichte ließt sich, wie schon gesagt, in einem Rutsch durch, auch dadurch, dass man unbedingt wissen will wie es um Mikhail steht.

Wie du bereits merkst lass ich nur Lob da!!! Mrgreen
Toll geschrieben, ich freu mich auf mehr!

Lg Fleur


Sie mag rosenbekränzt
Mit dem Lilienstengel
Blumentäler betreten,
Sommervögeln gebieten
Und leichtnährenden Tau
Mit Bienenlippen
Von Blüten saugen
, --- von Goethe

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Beitrag #6 |

RE: Dead Man's Chest - Tag 5 und Nachwort
Hey Lia,

ich bin gespannt, wie sich die Fragen lösen. Was ist in der Kiste? Wie ist Mikhail gestorben (denn daran, dass er tot ist, gibt es wohl kaum Zweifel)? Natürlich könnte es auch sein, dass du darauf verzichtest, eine Erklärung bereitzustellen, auf dass der Leser in einem ähnlichen Zustand der Schwebe verharrt wie die Personen der Geschichte ... in jedem Fall bin ich neugierig.

Zitat:Das Meer war ruhig. Beinahe könnte man sagen, es war müde.

Auch hier eine schöne Parallele zwischen dem Meer und der Situation der Familie. Pro

Zitat:Mikhail wurde als liebeskrank bezeichnet, seine erloschene Liebe als grausam.

Ich vermute, er hat sich tatsächlich umgebracht. Bislang hatte ich so meine Zweifel, aber die Muschel und das alles ... Selbstmord scheint mir irgendwie realistisch zu sein.

Zitat:Wir beschlossen, die Kiste zu begraben. Es gab schließlich nichts Anderes, was wir hätten begraben können.

Wiederholung von "begraben". Ich würde den letzten Halbsatz im zweiten Satz streichen.

Zitat:Keinen Körper, keinen Sarg, keinen Geistlichen, der den Toten segnen würde.

Für mich bezieht sich dieser Satz immer noch auf den vorhergehenden und damit auf das Begraben. So wie's jetzt da steht, klingt es ein wenig so, als fehlte ihnen der Geistliche, den sie begraben wollen. Icon_wink

Zitat:Mein Onkel vergrub sie am Strand, dort, wo das Boot angeschwemmt wurde.

Das Boot ist bereits zuvor angeschwemmt worden und gehört daher ins Plusquamperfekt.

Zitat:Dann brannten wie Anastasia nieder.

"wir"

Zitat:Als das Feuer erloschen und von Anastasia nur noch ein Haufen Asche übrig war, erwachte meine Tante endlich wieder zum Leben und brach in Tränen aus.

Jetzt, wo die Unsicherheit und der Zustand in der Schwebe vergangen ist, kann das Leben - auch in Trauer - erst wirklich weitergehen ... Ich finde, hier wird die Szenerie irgendwo versöhnlich; friedlich.

Zitat:Der Tag, an dem Mikhail starb, war ein toter Tag. Die Nacht, in der er von uns ging, lebte.

Ein sehr schöner Schlussatz, der nochmal einen Blick zurück auf die Geschichte wirft. Pro

Mich hat die Geschichte teilweise an ein verschwundenes Kind erinnert, deren Eltern in einem ähnlichen Zustand der Schwebe verharren. Gerade diese Unsicherheit kann schlimmer sein als die Gewissheit, dass der schlimmste Fall eingetreten ist - wie in der Geschichte. Die Familie kehrt erst wieder ins Leben zurück, indem sie Mikhails Leiche als klares Zeichen seines Todes durch symbolkräftige Handlungen ersetzt und sich auf diese Weise von seinem Tod ... "überzeugt". Wie gesagt, ich denke, er hat tatsächlich Selbstmord begangen, da er nach allem, was man in der Geschichte über ihn hört, ein ziemlich sensibler Mensch war und Anastasia sehr geliebt hat.
Dabei hast du mich sehr gut mitgerissen, den Zustand der Unsicherheit immer weiter aufgebaut, bis du ihn schließlich in einer versöhnlichen Art und Weise aufgelöst hast. Dabei finde ich die Symbolik der Truhe gelungen und den Titel dahingehend treffend.
Ich will gar nicht mehr dazu sagen. Hat mir sehr gut gefallen! Ich hoffe, du konntest mit meinen Anmerkungen etwas anfangen.

Liebe Grüße und gern gelesen,
rex

"Für den Freund der Aufhellung behalten Wort und Begriff des >Volkes< selbst immer etwas Archaisch-Apprehensives und er weiß, dass man die Menge nur als >Volk> anzureden braucht, wenn man sie zum Rückständig-Bösen verleiten will. Was ist vor unseren Augen, oder auch nicht just vor unseren Augen nicht alles geschehen, was im Namen Gottes, oder der Menschheit, oder des Rechtes nicht wohl hätte geschehen können!"
Thomas Mann, Doctor Faustus (1947)

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