Es ist: 23-02-2020, 08:04
Es ist: 23-02-2020, 08:04 Hallo, Gast! (Registrieren)


Aufstehen
Beitrag #1 |

Aufstehen
Ich bin erst seit heute im Forum und stelle mal einen Text von 2005 ein. Ich wünsche mir konstruktive, begründete Kritik.
Ich bin nicht auf Lobhudelei aus - ich will lernen und mich weiter entwickeln.

Ich gehe und gehe und gehe - ich komme nirgendwo an.
Ich falle hundertmal und stehe immer wieder auf.
Wie Phoenix aus der Asche tauche ich auf aus dem kristallklaren Schmerz.

Die Welt erscheint verändert - verändert hab ich mich.
Die Splitter in meinem Herzen knirschen bei jedem Schritt.
Danke für Euer Interesse - Thalia


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Beitrag #2 |

RE: Aufstehen
Hallo Thalia.

Okay, dann wollen wir mal. Zuallererst fällt auf, dass dieses Werk noch mit sehr langen Sätzen ausgestattet ist. In der Lyrik liegt das Hauptaugenmerk eher auf dem Verkürzen, oder anders ausgedrückt: Verdichtung (=Dichter).

Um eine Metapher zu verwenden könnte man auch die den jeweiligen Geschlechtern zugedachten Charakterisierungen hinzuziehen (und diese damit persiflieren). Die Prosa (also die Geschichten) wären beispielsweise eher von Frauen geschrieben (da ausschweifend und episch erzählt), die Lyrik dagegen von Männern, da kürzer und vor allem weniger Worte verwendet werden.

Dies als Einstieg. Hier müsste man eher mehr wie ein Mann schreiben, also kürzer. Allerdings ist dies nur die halbe Wahrheit, denn für die eigentliche Verdichtung ist dies nur der erste Schritt. Der zweite wäre die einzelnen Worte so bedeutungsschwanger umzubauen (oder zu gestalten), dass diese (eventuell nicht nur mehrdeutig, sondern auch) beinahe für sich selbst (also auch alleine) stehen könn(t)en.

Bei all dem hilft auch die Struktur. Losgelöst von den Bindungen, an die sich die Prosa halten muss, kann man hier mitunter bunt (und nach eigenwilligem Kalkül) die Zeilen in Strophen verwandeln - so, wie sie beispielsweise betont werden sollen.

Wenn man mit dem letzten Schritt anfängt, könnte das eventuell so aussehen:

Zitat:Ich gehe und gehe und gehe -
ich komme nirgendwo an.
Ich falle hundertmal
und stehe immer wieder auf.
Wie Phoenix aus der Asche
tauche ich auf aus dem kristallklaren Schmerz.

Die Welt erscheint verändert -
verändert hab ich mich.
Die Splitter in meinem Herzen
knirschen bei jedem Schritt.

Hier wurden die Sätze nur getrennt, und zwar so, wie sie stimmig (bspw. vom Gehör, dem Klang her) stehen sollten. (Oder könnten.) Im eigentlichen ersten Schritt müsste man sich jetzt überlegen, welche Worte nicht zwingend verwendet werden müssen. Zum Beispiel die Ichs. Der, Die, Das. Oder die Und's. Das würde dann eventuell so aussehen:

Zitat:Ich gehe, gehe, gehe -
und komme nirgendwo an.
Falle hundertmal
und stehe wieder auf.
Wie Phoenix aus der Asche:
tauche auf
aus kristall'nem Schmerz.

Welt erscheint verändert -
verändert wurde ich.
Splitter in meinem Herzen
knirschen bei jedem Schritt.

Anmerkung: hier wurde bereits das Kristallklar verdichtet zu 'kristall'nem', wobei aufgrund der Rhythmus/Melodie das 'e' wegrationalisiert wurde.

Zur Melodie: Da wäre ein Bruch zwischen Zeile 5 und 6. Die ersten fangen mehr oder weniger impliziert mit Ich an, bei den letzten Zeilen wandert das Ich in die Mitte oder nach hinten. Auch wäre das 'auf' durch die doppelte Nennung unschön. Hier würde sich anbieten, die Monotonie des Lebens (Gehen, fallen, aufstehen) ebenso monoton darzustellen. Beispielsweise so:

Zitat:Ich gehe, gehe, gehe -
meilenweit -
doch komme nirgendwo an.
Ich falle, falle, falle -
immerzu -
und stehe wieder auf.

Ich tauche, tauche, tauche -
Wie Phoenix aus der Asche -
auf aus kristall'nem Schmerz.

Welt erscheint verändert -
verändert wurde ich.

Splitter in meinem Herzen
knirschen bei jedem Schritt.

Um es auf die Spitze zu treiben müsste man sich jetzt fragen, ob die Wiederholungen von gehen/fallen/tauchen tatsächlich das Werk unterstützen, oder doch eher der Melodie im Wege stehen. Im letzten Fall wäre eine erneute Wegrationaliserung vielleicht von Nöten:

Zitat:Ich gehe
meilenweit -
doch komme nirgendwo an.

Ich falle
immerzu -
und stehe wieder auf.

Ich tauche,
wie Phoenix aus der Asche,
auf aus kristall'nem Schmerz.

Welt erscheint verändert -
verändert wurde ich.

Splitter in meinem Herzen
knirschen bei jedem Schritt.
Wobei hier der Augenmerk auch auf der dritten Strophe liegt. Anstelle eines einzelnen Wortes eine Metapher, dessen Länge allerdings gut in diese (die ersten drei Strophen umfassende) Trilogie gut hineinpasst.

Allerdings ist der Abstand von Strophe 3 zu 4 und 5 noch zu nah. 4 und 5 wären hier eine Konklusion, ein Ergebnis. Da bräuchte man wie in der Prosa einen Absatz, der hier allerdings schon da ist. Meine Empfehlung für eine 'Atempause' beim Lesen wäre ein klassisches -> (...). Also so:

Zitat:Ich gehe
meilenweit -
doch komme nirgendwo an.

Ich falle
immerzu -
und stehe wieder auf.

Ich tauche,
wie Phoenix aus der Asche,
auf aus kristall'nem Schmerz.

(...)

Welt erscheint verändert -
verändert wurde ich.

Splitter in meinem Herzen
knirschen bei jedem Schritt.
Wobei man abschließend noch diskutieren könnte, ob man Strophe 4 nicht noch mehr angleichen könnte und zumindest die erste Zeile davon als Frage umbauen könnte.
Zitat:->Welt wurd' verändert?
Verändert wurde ich.

Das zu den textlichen Anmerkungen. Ich hoffe, ich konnte ein wenig Begeisterung fürs Verdichten vermitteln. Icon_wink Man liest sich.

LGD.


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Beitrag #3 |

RE: Aufstehen
Wow - fällt mir gerade kein anderes Wort ein.

Danke, dass Du soviel investiert hast. Ich muss es noch einige Male lesen. In Deiner Besprechung/Kritik ist so vieles angesprochen - das will in kleinen Portionen verinnerlicht werden.

Bin mehr als angetan von Deinen Vorschlägen und ich bin sicher, dass ich jetzt schon auf dem Weg des Lernens bin.

Gruß - Thalia, die immer noch lernen kann


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