Es ist: 04-12-2022, 03:26
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Hammer und Aboss (vor 1654 Jahren) VIII
Beitrag #1 |

Hammer und Aboss (vor 1654 Jahren) VIII
Hammer und Amboss
Teil I, Teil II, Teil III, Teil IV, Teil V, Teil VI, Teil VII, Teil VIII, Teil IX, Teil X


„Ist das alles, was Ihr aufbieten könnt?“
Aliyas Stimme vibrierte kaum merklich, während der Blick der jungen Kriegerin über den ebenen Vorplatz des Tores wanderte, durch das sie Sternenwacht vor gefühlten Ewigkeiten betreten hatte.
Nun stand es offen, aber der Strom der Zwergenkrieger war längst versiegt, hatte sich in kleine Teiche aufgespalten, die sich um Standarten mit einem der Clansymbole sammelten.
Sicher, unter normalen Umständen wäre es eine annehmbare Streitmacht gewesen, doch Aliya war losgeschickt worden, um Hilfe gegen einen schier übermächtig erscheinenden Feind zu suchen.
Die Zwerge waren zwar allesamt überdurchschnittlich gut ausgerüstet – Kettenpanzer, Helme mit Nasenschutz und sogar stählerne Rundschilde – aber ob das allein ihre mangelnde Größe und fehlende Erfahrung ausgleichen konnte?
Brombasch neben ihr trug dagegen ein stolzes Lächeln zuschau, während seine Augen den ihren folgten.
„Und wo sind die Lasttiere? Wollt ihr die Ausrüstung den ganzen Weg am Körper mit euch herumschleppen?“
Der Tunnelläufer hob eine seiner wuchernden Augenbrauen.
„Ein wahrer Clankrieger legt seine Rüstung niemals ab, so lange der Sieg nicht errungen ist. Nur so kann er eins werden mit dem Metall!“
Nun war es an Aliya verwirrt die Stirn zu runzeln. Sie entschied, auf Nachfragen zu verzichten und beschäftigte sich lieber weiter mit der so fremdartig anmutenden Heerschau unter den Bergen.
Sie hatte nicht auf eine komplett berittene Armee gehofft – nur den Calandhir sagte man Gestüte nach, die so groß waren – aber in Anbetracht der gebotenen Eile doch zumindest auf einige Trupps. Vielleicht Späheinheiten? Diese Rolle jedenfalls schienen Brombasch und die anderen Tunnelläufer zu übernehmen, die gemeinsam mit Aliya etwas abseits warteten – ohne eigenen Banner, aber verbunden über die dunkle, genietete Lederrüstung und die breiten über die Brust gelegten Waffengurte.
In diesem Augenblick ertönte der langgezogene, fast klagende Ton eines Kriegshorns. Der Bergkönig, gerüstet in einen überraschenderweise filigran anmutenden Plattenpanzer, der nur an den Gelenken noch Ketten offenbarte, reckte seine Doppelblattaxt in die Höhe und die um ihn gescharten Wächter der Feste wichen augenblicklich zurück.
Der Herrscher und Heerführer wandte sich mit einigen vom Stein widerhallenden Worten an seine Krieger, die Brombasch flüsternd zu übersetzen begann:
„Mögen die Ahnen vom Sternenhimmel auf uns herab lächeln und möge der Weltenschmied unseren Panzer hart und unsere Äxte scharf machen! Tod den Duredhel!“
Eine einstimmige Antwort ließ Staub von der unregelmäßigen Decke rieseln und hallte noch einige Atemzüge lang nach.
Dann setzte sich die laternenbewehrte Streitmacht in Bewegung, während in ihrem Rücken die Tore zu Sternenwacht krachend ins Schloss fielen.
Die Clankrieger und auch die Wächter um den Bergkönig formten sofort gleichmäßige Karrees, die Standarten an der Spitze, die Waffen auf die Schulter gestützt, die Schilde nach außen.
Die Tunnelläufer dagegen behielten ihre lockere Formation bei, einige lösten sich von der Gruppe und eilten behände voraus, zu beiden Seiten der gepflasterten Straße, die sich zwischen bizarr-zerklüfteten Felsformationen hindurch schlängelte und unter den Schritten der Zwerge wie vor Aufregung zitterte.
Nun begannen die Krieger zu singen. Nicht besonders laut, aber doch vielstimmig und rau tönte eine düstere, ja grimmige Melodie, die Aliya auch ohne Übersetzung eine Gänsehaut über den Rücken schickte.
Hier an diesem feuchten Ort, tief in in den Eingeweiden des Gebirges schien das Lied sich in Stein, in Dunkelheit, in Grabesstille selbst zu fügen.
Unwillkürlich begann Aliya das Marschlied ihrer eigenen Truppe zu summen, das sie dazu zwang, die Gedanken an ihre Kameraden … und an Thakis zurückzudrängen.
Hoffentlich kamen sie nicht zu spät.
Die Straße verlief abschüssig, aber bevor die menschliche Kriegerin sich wundern konnte, bogen die Tunnelläufer in einen Gang ein, der etwa so breit war wie eine Häuserfassade – nicht zu vergleichen mit dem Tal unterm Tal, das sie jetzt verließen.
Finstere, teils schmale, teils auch fußbreite Spalten im rauen Untergrund zwangen Aliya dazu, sich mehr auf ihre Schritte zu konzentrieren.
Um sie herum saugten Mineralien in den Wänden des Tunnels den bläulichen Schimmer auf, den die Zwergenlaternen aussandten, und verteilten ihn aderngleich voraus wie zurück. Ab und zu glaubte die Hauptfrau huschende Schatten am Rande ihres Gesichtsfeldes wahrzunehmen, kaum merkliche Bewegungen in den Ritzen der Felsen und ein bleiernes Gewicht legte sich in ihre Magengrube.
Diese Welt war so fremdartig.
Mittlerweile war es kälter geworden, Aliyas Atem kondensierte nun vor ihr, bevor er taumelnd zur Decke stieg und dort verharrte, als wolle er einen wolkenverhangenen Abendhimmel nachstellen.
Doch statt dem Grollen eines fernen Gewitters hallten nur die verzerrten Echos der tausendfachen Schritte und unverständlich gemurmelten Worte durch den sich nach und nach verbreitenden Gang. Gestaucht und verstärkt, wie in einem gigantischen Mörser vermischt mit dem kaum hörbaren Mahlen des Gesteins, das Aliya an einen unendlich langsamen Herzschlag erinnerte.
Mit einem Mal presste die geschlossene Decke Aliya die Luft aus den Lungen – ihr war, als würde das ganze Gewicht der Berge auf ihren Schultern lasten. Kurz geriet sie aus dem Tritt, suchte mit den Händen instinktiv nach Halt – und fand ihn an Brombaschs Schulter.
Der Tunnelläufer hob fragend seine Saphiraugen. Und mit seinen überbreiten Schultern, dem so seltsam stabilen Barthaaren, den angedeuteten Knochenwülsten unter der Stirn erschien er der Hauptfrau so fremdartig wie noch nie.
Fast wäre sie zurück getaumelt, doch dann war der Moment gegangen.
„Alles in Ordnung mit dir? Hier – hat schon mal geholfen.“
Der Zwerg drückte Aliya die Feldflasche in die Hand, die sie vor so langer Zeit aus den Ausläufern der Ohnmacht befreit hatte und sie nahm dankend an, ließ scharfe Flüssigkeit wärmend ihre Kehle hinab rinnen.
Es folgte ein kräftiges Schulterklopfen.
„Wie lange werden wir noch brauchen?“, brachte die Kriegerin schließlich hervor.
„Kommt darauf an, ob wir den direkten Weg nehmen können.“
Brombaschs Brauen senkten sich und verdüsterten seinen Gesichtsausdruck., während er sich wieder dem Weg zu wandte.
Aliya entging nicht, dass seine Hände unwillkürlich zu den kleinen Äxten in seinem Brustgurt gewandert waren.
Nachdenklich glitten ihre Finger über ihre Wange. Versuchten die Dunkelelben – die Duredhel – etwa auch in diese Welt einzudringen? Lauerten sie auch im Labyrinth unter der Erde? Irgendwie tat sie sich schwer damit, sich die Elben in den beengten Verhältnissen vorzustellen, die hier unten herrschten. Wobei die Stadt Sternenwacht sie ja schon eines besseren belehrt hatte, was beengte Verhältnisse anging.
Wie als Antwort wichen die Seitenwände des Tunnels mit einem Mal zurück, während der Boden in einem Bogen anstieg und sich wie eine Brücke über einen Abgrund spannte.
Nicht die in der Mitte nur noch wenige Hand betragende Dicke, die das anscheinend natürliche Konstrukt filigran machte, ließ Aliya mit geweiteten Augen innehalten.
Tief unter ihren Füßen konnte sie das Rauschen von Wasser hören, sehen konnte sie das grüne Licht, das herauf drang.
Ihr war, als würde sie auf eine glühende Waldlandschaft hinabblicken, Stämme die zottelige Flechten ausspannten, pulsierende Moosflecken, die den Fels noch bis einige Meter in die Höhe bedeckten, überdimensionale Pilze, deren Leuchtkraft schleichend die Farbe änderte – und waren da nicht sich bewegende Schatten?
Bevor Aliya das Panorama in seiner Gänze erfassen konnte, hatte Brombasch sie schon weitergezogen. Hinter ihr erbebte die Brücke unter den Stiefeln des Bergkönigs und seiner Leibwache.
Wieder tauchten sie ein in den Schlund des Berges – auf dieser Seite in einem bleichen kalkigen Weiß und geschmückt mit langen Tropfsteinen.

Irgendwann – wie viel Zeit genau vergangen war, konnte die Kriegerin längst nicht mehr einschätzen, es fehlten einfach die ihr vertrauten Anzeichen – hielt der Trupp abrupt. Einige der Tunnelläufer, die dem Heer vorausgeeilt waren, schälten sich direkt vor Aliya aus den Schatten und berichteten Brombasch gestikulierend. Der nickte nur mit gerunzelter Stirn und herab gezogenen Mundwinkeln, bevor er umkehrte und die wenigen Meter zum Karree des Bergkönigs überwand.
Einerseits weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, andererseits – und hauptsächlich – weil die Neugier in ihrem Geist zündelte, folgte Aliya dem Tunnelläufer.
In einem Schutzkreis aus Wächtern der Feste fand sie Bergkönig Trombil, Brombasch und den Runenschmied beratschlagend vor.
Keiner der Zwerge beachtete sie wirklich, aber Brombasch wechselte sofort in die Sprache der Menschen.
„Wie viele sind es?“
Das Gesicht des Bergkönigs zeigte keine Regung, nur eine seiner Hände strich in einem unaufhörlichen Rhythmus über seine vielzähligen geflochtenen Bartzöpfe.
„Hundrû berichtet von mehreren Trupps der Grünhäute und einer Einheit der Nachtmaarreiterei.“
Aliya erfasste sofort, wer gemeint war – Grünhäute war ein sehr treffender Begriff, auch wenn die Hautfarbe der Orks, die sie bisher gesehen hatte, im Einzelnen doch stark variierte. Hatten die Kundschafter also schon einen Blick an die Oberfläche geworfen? Oder …
„Wohin führt der Tunnel, dem sie folgen?“
Der Zwergenherrscher warf einen nachdenklichen Blick nach vorn und die Hauptfrau fragte sich unwillkürlich, wie weit er im Dunkeln eigentlich sehen konnte.
„Eigentlich nicht besonders weit, er läuft in ein Gangsystem aus, das schließlich in das Bett des Frühlingswassers am Grünspansee mündet.“
Brombasch untermalte seine Worte mit einer ausladenden Geste in die ungefähre Richtung.
„Also fort von der Schlacht am Pass ...“, murmelte Trombil und tippte mit der Faust seinen Mund. Aliya runzelte die Stirn. Grünspansee war ebenfalls eine sehr treffende Umschreibung, sie erinnerte sich an das seltsam trübe, wie eingefärbt wirkende Wasser … dann sog sie scharf den Atem ein.
„Das bedeutet, sie stehen in General Thakis Rücken?“
Die drei Zwerge richteten ihre Augen ernst auf sie und Brombasch nickte langsam. Aliya fühlte ihren Herzschlag an Fahrt aufnehmen. Sie wusste, was es bedeutete, wenn einer Streitmacht in den Rücken gefallen wurde. Thakis nutzte diese Taktik immer wenn möglich, sie selbst hatte schon Einheiten angeführt, die den Gegner heimlich umgingen.
„Zerschmettert, zwischen Hammer und Amboss.“ Die Worte des Runenschmieds durchtrennten die Stille wie fallende Steine – und Stille folgte ihnen nach.
Bis schließlich der Bergkönig den Kopf schüttelte, begleitet von einem zarten Klirren, als die auf den Rücken geschnallte Doppelblattaxt seine Rüstung streifte.
„Wenn wir sie hier angreifen, reiben wir sie sicherlich auf – aber unsere Ankunft am Pass wird sich deutlich verzögern.“ Augen aus lebendigem Obsidian richteten sich zur Decke, die hier zu einem langgezogenen Spiralmuster geformt war.
„Die Schlacht dort könnte dann schon entschieden sein – brauchen die Menschen uns am Pass überhaupt? Wenn die Dunkelelben sich aufgespalten haben, vielleicht reicht dann ihre Kraft für sich aus?“
Die junge Kriegerin verfinsterte ihr Gesicht. Das war alles ganz und gar nicht gut … auf keinen Fall wollte sie in den Eingeweiden des Gebirges eine sinnlose Schlacht schlagen, während ihre Kameraden am Pass ohne Hilfe ausgelöscht wurden – und sei es nur möglicherweise.
„Andererseits würden wir immerhin Warnung bringen, das allein nimmt dem Angriff einen Teil seiner Durchschlagskraft.“, bemerkte Brombasch, gleichzeitig kniete der Tunnelläufer nieder und fing an, mit dem Stiel einer seiner Äxte, einen Lageplan in den Boden zu ritzen. Aliya musterte den Bergkönig, hinter dessen Stirn es sichtlich arbeitete. Dann dachte sie an Grenzkonflikte zurück, die sie unter Thakis bereits bestritten hatte – wie hätten sie da reagiert?
„Wäre es nicht am besten, mit dem Hauptteil der Armee weiter marschieren, aber bewegliche Truppen zurück zu lassen ...?“ Sie hatte den Vorschlag zögerlich ausgesprochen, schließlich war sie überhaupt nicht Teil dieses Kriegsrats, doch der Runenschmied griff ihren Gedanken auf:
„Die Tunnelläufer sind bestens dafür geeignet. Sie kennen das Terrain und können die Duredhel und ihre Orksklaven lange genug ausbremsen, oder noch besser ...“
„... das Aquädukt.“
Trombil schabte mit dem Stiefelabsatz einen breiten Streifen über den provisorischen Plan, dann wandte er sich mit einem kurzen Befehl an einen der näher stehenden Wächter, der sofort los eilte und in Richtung der wartenden Clankrieger verschwand.
„Du sprachst vom Bett des Frühlingswassers. Den Tunnel den sie nutzen, ist das Ablassbecken des Westaquädukts.“
Verwirrt blickte die menschliche Kriegerin von einem zum anderen. Sie hatte keine Vorstellung davon, was mit diesem Aquädukt gemeint sein könnte – sie verband mit dem Wort schmale Wasserkanäle, die an einigen Orten trockenes Land fruchtbar machten. Aber bevor jemand etwas sagen konnte, kehrte der Wächter zurück, an seiner Seite einen Clankrieger, der gerade seinen Helm vom Kopf nahm.
Blondschimmernde dichte Haare kamen zu Vorschein, die das runde, bartlose Gesicht umrahmten – sie machten den Krieger zur Kriegerin.

Sulfi, Tochter der Surda, schüttelte energisch den Kopf.
„Es ist möglich, das wohl … aber viel zu gefährlich! Wir würden Sternenwacht einen Großteil der Wasserversorgung abschneiden und wer kann schon sagen, welchen Effekt das Ganze auf den Kanal hätte? Wir sollten es nicht tun, nicht ohne Not.“
Der Bergkönig hatte die Bedenken der Wasserwerkerin ruhig verfolgt, das Gesicht gesenkt, die Hand am Kinn. Jetzt sah er auf und begegnete ihrem Blick.
„Nun ist allerdings Not am Mann, Meisterin Sulfi. Ich denke, es ist die beste Wahl, die wir treffen können. Wir werden in einem Bogen weiter marschieren, aber du wirst von Brombasch und einem Teil der Tunnelläufer zum Knotenpunkt gebracht. Später stoßt ihr dann wieder zur Hauptstreitmacht. Sternenwacht ist so oder so entblößt, wir müssen deshalb in diesem Krieg siegen.“
Die blonde Zwergin seufzte leise, gleichzeitig strich sie sich mit einer Hand über die von der Diskussion geröteten Wangen.
„Aber sagt, nicht, ich hätte euch nicht gewarnt!“
Brombasch beschloss seine Übersetzungen mit einem kaum hörbaren Glucksen.
„... und ich brauche die Menschin! Ich habe keine Ausrüstung dabei und ihre Körpergröße wird mir zu Passe kommen.“
Während nun sie es war, die offene Münder und geweitete Blicke erntete, nickte Sulfi der perplexen Aliya zu.
„Aber ...“, hob Brombasch an und der Bergkönig führte den Satz zu Ende: „... es ist zu gefährlich. Wir dürfen keinem Außenstehenden den Zugang zur Schwachstelle unserer Wasserversorgung weisen – das wäre fahrlässig! Selbst, wenn –“, er wandte sich an die Hauptfrau.
„– an deinen guten Absichten natürlich nicht geringste Zweifel besteht. Es ist einfach ein unnötiges Sicherheitsrisiko, das wir auf keinen Fall eingehen werden.“
„Sie ist ein Mensch, sie hat in unserem Reich sowieso keine Orientierung – verbindet ihr doch einfach die Augen.“
Ein Schmunzeln breitete sich auf dem von tiefen Falten wie Gräben durchzogenen Gesicht des Runenschmieds aus, nachdem er gesprochen hatte.
Sulfi hob die Schultern.
„Wenn ihr mir keine Leiter besorgen könnt, kommt sie mit.“
Bevor Aliya den Mund öffnen und selbst etwas sagen konnte – dieses Geschachere um ihre Person erfüllte sie doch ein wenig mit Befremden – hatte Trombil bereits die Augen verdreht und dann genickt.
„Aber Eile ist geboten. Und ihr zieht euch sofort von dort zurück, sobald die Arbeiten abgeschlossen ist und stoßt auf der zweiten Ebene wieder zu uns.“
Brombasch verneigte sich und führte Sulfi und Aliya zurück zu seinen Tunnelläufern. Die menschliche Kriegerin schüttelte fassungslos den Kopf. Natürlich war sie bereit alles zu tun, um einen Vorteil gegen die Duredhel zu erlangen – aber sie hätte schon erwartet, dass sie zumindest um Hilfe gebeten wird. Stattdessen begann die Wasserwerkerin ihr bereits erste Anweisungen zu geben – so schien es Aliya zumindest, denn Brombasch war damit beschäftigt einige der Kundschafter auszuwählen und zu instruieren, ohne das die Zwergin Rücksicht auf die Unverständnis der jungen Frau nahm.
Anscheinend hatte Sulfi auch nicht die geringste Kontaktscheu, vor dem fremdartigen Menschen. Sie ergriff sofort ihren Arm und zog sie mit sich.
Mittlerweile hatte sich Brombasch wieder zu ihnen gesellt, verzog halb entschuldigend und halb belustigt die Mundwinkel, bevor er Aliya ein ledernes Band um die Augen legte.
Dunkelheit umfing sie, die aber nicht die unaufhörlich sprudelnde Stimme Sulfis ausblendete, bis schließlich ein scharfes Wort von Brombasch ertönte und sie verstummte.
Aliya hat wenig Probleme, sich Sulfis eingeschnappte Miene vorzustellen und grinste leise.
Währenddessen hatte eine warme Hand mit festem Griff ihren linken Arm umfasst und zog die Hauptfrau nun mit sich.
Ihr gelang es tatsächlich nicht, irgendein Muster in den Schritten zu erkennen, die sie nun geführt wurde, auch wenn sie es instinktiv versuchte.
Nur die Beschaffenheit des Bodens formte nun ihre Welt – rauer Fels, rieselnder Sand, Scherben wie aus Ton, Stein der an Stufen erinnerte. Bald ging es aufwärts.
Aliya entschied, sich lieber auf ihre Schritte zu konzentrieren, als sich Gedanken über Dinge zu machen, die sie nicht ändern konnte. Aber in ihrer Dunkelheit fiel ihr das bei weitem nicht leicht. Immer wieder drängten sich ihre Geschehnisse aus den letzten Tagen auf. Bilder der Architektur der Zwergenstadt, der erste Anblick eines Zwerges … auch die Verfolgungsjagd – und die vielen Abende mit Thakis, die ihr einen leichten Stich des Schuldbewusstseins versetzten, der aber fast unterging.
Irgendwann stellte sie fest, dass sich ein anderes Geräusch zu den hallenden Schritten des Trupps gesellt hatte – ein entferntes Grollen zunächst, ein kaum fühlbares Vibrieren des Bodens, das Aliya vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte, wenn ihre anderen Sinne nicht versuchen würden, ihre Sicht zu ersetzen. Vor ihr schabte Stein mahlend über Stein, während sie Stimmen flüstern hörte, dann schwoll das Grollen an, wurde zum dröhnenden Rauschen. Jemand legte ihre Hände auf eine kühle, feuchte Leitersprosse und sie zog sich in die Höhe, immer weiter, bis ihre eine andere Hand über eine Kante half. Diese Hand nahm ihr nun endlich die Binde von den Augen – und wurde zu Brombasch, der ihr auf die Schulter klopfte. Das Zittern des Bodens unter ihren Füßen war hier definitiv nicht eingebildet und das Grollen hatte seinen Höhepunkt erreicht, schien Aliya einen kühlen Luftzug ins Gesicht zu wehen.
In ihrem Rücken spürte sie die Kälte des Metalls eines Geländers, vor ihr strömte eine Art Fluss.
Das Wasser eilte eingepfercht zwischen steinernen Wänden dahin – breit genug für Kähne, so empfand die junge Kriegerin zumindest und fast erwartete sie, Treidelpfade zu sehen. Stattdessen entdeckte sie den Abgrund, der von der Wand zu ihrer Rechten zur anderen reichte, direkt hinter der Balustrade bis ins Schwarze hinabfiel.
Verwirrt schloss Aliya die Augen, nur um sie wieder zu öffnen. Wenn sie sich nicht täuschte, schwang sich der Fluss auf einem Brückenbogen über einen bodenlosen Schacht – es erschien ihr allerdings unpassend, Wasser über eine Brücke laufen zu lassen.
Bevor sie sich weitere Gedanken dazu machen konnte, spürte sie einen sanften aber schnell bestimmt werdenden Druck in ihrem Rücken.
„Auf geht’s. Wir haben ein wenig Arbeit vor uns.“
Sulfis Stimme vermischte sich mit Brombasch, während hinter ihm weitere zwei Tunnelläufer die letzten Sprossen erklommen.
„Weißt du – Wasser ist sehr wichtig für unser Volk.“, erklärte die Wasserwerkerin, während sie Aliya zu einem schmalen Abgang führte.
„Wir brauchen es in den Schmieden, in den Brauereien, in unseren Gärten – und natürlich für die vielen Schaufelradmaschinen.“
Die Hauptfrau nickte langsam, ihre Hand glitt gleichzeitig über die feinen Reliefs, die die Außenwand des Kanals bedeckten. Angedeutete Gesichter, mit angedeuteten Bärten, die gelegentlich aus dem Geflecht hervortraten.
Wasser war auch für ihr Volk wichtig, hauptsächlich um es zu trinken.
„Wie schon mein Urgroßvater väterlicherseits immer sagte: alles Leben ist eine Mischung aus Feuer und Wasser – nur das Verhältnis unterscheidet sich.“
Sulfi schob Aliya weiter voran, ohne wirklich aufzublicken. Die hoffte, dass am Ende des Stegs, der schräg abwärts führte, nicht einfach ein abruptes Ende wartete.
„Genauso ist es mit Bier – glaube ich – mein Clan hat eher wenig mit den Geheimnissen des Brauens zu tun, obwohl mein Vetter mütterlicherseits ja in den Fassbauch-Clan eingeheiratet hat ...“
In Brombaschs Stimme schwang ein kaum zu überhörender Hauch unterdrückten Lachens mit.
„Na ja, unsere Ahnen mussten jedenfalls einen Abfluss freihalten, damit das Schmelzwasser des Frühlings nicht Sternenwacht überflutet, außerdem könnte es sein, dass der Kanal irgendwann gewartet werden muss … wobei das bisher noch nicht vorgekommen ist; Zwergenarbeit ist eben Wertarbeit! Ah, hier ist die erste.“
An einer Stelle, die für Aliya wirkte, wie jede andere auch, hatte die kleine Gruppe angehalten, es waren noch einige Schritte zu gehen, bis zur Felswand, an der der Steg endete.
Sulfi warf ihr lockiges Haar mit einer energischen Kopfbewegung über eine Schulter, während sie an einem langen Werkzeug drehte, das etwa die Form eines 'N's hatte.
„Da oben, im Mund eines der Steinahnen. Das runde Loch da.“
Die Zwergin nickte der menschlichen Kriegerin zu, während die das überraschend leichte Werkzeug in ihren Händen wog.
Dann streckte sich Aliya und schob die Spitze in besagte Lücke. Ein Klicken ertönte. Fragend sah die Hauptfrau zurück, balancierte dabei auf den Zähenspitzen.
„Wichtig ist natürlich die richtige Reihenfolge! Die ganze Mechanik würde sich zerreiben, wenn man es falsch 'rum macht … was denn? Auch so, kurbeln musst du!“ Mit viel Einsatz und beiden Armen veranschaulichte Sulfi die Bewegung.
Die Hauptfrau hob eine Augenbraue, entschied dann aber, diesen so unpassend skurrilen Anblick einfach zu ignorieren. Also kurbelte sie. Die Muskelstränge in ihren Armen wurden dick, der Widerstand war nicht ohne und ohne festen Stand fiel es ihr nicht leicht ihn zu überwinden.
„Weiter, weiter, weiter.“
Es klickte wieder.
Täuschte Aliya sich, oder hatte das Vibrieren unter ihren Füßen gerade zugenommen? Unwillkürlich warf sie einen Blick abwärts, während Sulfi sie wieder höher scheuchte. Die Prozedur wiederholte sich noch einmal auf dieser Seite, dann mussten sie auf die gegenüberliegende.
Mittlerweile rann Aliya Schweiß die Stirn hinab, ihre Blicke in den Abgrund wurden häufiger. Nachdem sie einen schmalen Steinbogen über dem Ausgangsdurchlass genutzt hatten, setzte die Hauptfrau die Kurbel wieder weiter unten an. Als das Klicken ertönte, sackte die gesamte Konstruktion einige Handbreit durch – das ungute Gefühl des Fallens schien Aliyas Herz in den Hals zu drücken. Dass auch Brombasch einen raschen Seitenblick zu Sulfi warf, trug nicht unbedingt zur Beruhigung der jungen Kriegerin bei.
„Noch eine.“, bestimmte die Wasserwerkerin dagegen fest.
„Ähm … und dann sollten wir uns beeilen.“
Aliya sandte ein stilles Gebet zu den Göttern, während sie das Werkzeug in die letzte Öffnung schob. Dann zögerte sie noch einmal und schloss die Augen. Sulfi schien ebenfalls angespannt zu sein, jedenfalls war sie still. Also noch einmal eine Umdrehung und noch eine und noch eine … und „Klick“.
Arme wie Schraubzwingen packten sie an der Hand, während eine ganz andere Schraubzwinge sich um ihre Lungen legte.
Die stolze Wasserbrücke von Sternenwacht stöhnte müde auf und geriet an einer Seite ins Rutschen. Wasser begann sich einen Weg über das leitende Gefängnis hinweg zu bahnen, rann an den Seitenmauern herab und stürzte sich, die neu gewonnene Freiheit mit einem übermütigen Rauschen genießend, kopfüber in den Abgrund.
Irgendwo rasselten Ketten, als der umklappende Steinbogen an Geschwindigkeit zu nahm – aus zögerlichem Strom wurde reißender Wasserfall.
Dann begann der Fels zu beben.

Die meisten Menschen haben überdurchschnittlich viele Arme und Beine ...

Wanderer zwischen den Welten und der
Weltenknoten

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Beitrag #2 |

RE: Hammer und Aboss (vor 1654 Jahren) VIII
Hallo Weltenwanderer,

Ich fiebere fleißig bei deiner Geschichte mit. Du schreibst unglaublich schön und auffallend ist da mal der ein oder andere Satz, der vielleicht unbedeutent wirkt, aber dem ganzen die Schönheit verleiht.

Zitat:Sie hatte nicht auf eine komplett berittene Armee gehofft – nur den Calandhir sagte man Gestüte nach, die so groß waren – 
Kann man die besuchen?  Mrgreen 

Zitat:Unwillkürlich begann Aliya das Marschlied ihrer eigenen Truppe zu summen, das sie dazu zwang, die Gedanken an ihre Kameraden … und an Thakis zurückzudrängen. 
Entweder: das sie dazu zwang, die Gedanken an ihre Kameraden … und an Thakis, zurückzudrängen oder das sie dazu zwang, die Gedanken an ihre Kameraden - und an Thakis- zurückzudrängen. Obwohl mir die zweite Version besser gefällt, wenn ich es recht bedenke. Dann ist das kleine Luder also scharf auf den Vorgesetzten?  Icon_smile


Zitat:Versuchten die Dunkelelben – die Duredhel – etwa auch in diese Welt einzudringen?
Sind aber keine Orks oder doch?  Icon_confused


Zitat: das Aliya vielleicht gar nicht wahrgenommen hätte, wenn ihre anderen Sinne nicht versuchen würden, ihre Sicht zu ersetzen. 

du rutschst im zweiten Teil ins Präsens


Zitat:Auch so, kurbeln musst du!“
Sulfi scheint ja auch nix zu kennen  Icon_lol ob sie mit Aliya noch aneinander gerät? 


Zitat:Die Muskelstränge in ihren Armen wurden dick, der Widerstand war nicht ohne und ohne festen Stand fiel es ihr nicht leicht ihn zu überwinden.
die Verdopplung von ohne gefällt mir nicht. Vielleicht: Das Gewinde leistete einiges an Widerstand und ohne festen Stand

Die haben Sternenwacht geflutet? Die Schweine 

Das Ende ist echt gruselig. Ich meine, die Zwerge machen es sich einfach Wasserhahn auf und den Feind ersäufen.  Mrgreen

Werde heute auf jeden Fall noch weiter lesen

Bis dahin liebe Grüße Persephone

Den Stil verbessern, das heißt den Gedanken verbessern

(Friedrich Nitzsche)



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